shadow

Der falsche Weg

von Yannick Reimers, 21 Jahre

Ich hing zusammen mit meiner leblosen Frau am Stacheldraht, umgeben von eiskalten, an uns vorbeischießenden Wassermassen. Ich hatte Angst um mein Leben, und ich fühlte mich gleichzeitig befreit.

Es begann mit einem kleinen Gewitter, das erst von Westen herüberzog und dann Richtung Osten gegen die Deiche drückte.
Die Straßen und Häuser waren unter dem alles umgebenden Nebel kaum noch sichtbar, und die schwere, feuchte Luft drückte auf ganz Wilhelmsburg.
Die Laternen flimmerten hinter den weißen Schwaden, und manchmal waren langsam fahrende Autos zu hören.
Meine Tochter Julia war gerade dabei, meiner Frau Katja ihr Abschlussballkleid zu zeigen.
Sie sprang darin auf und ab, und mit einem breiten Lächeln ließ sie ihre weißen Zähne strahlen.
Ich stand gerade im Badezimmer beim Rasieren und hatte einen guten Blick auf die Szene.

Morgen hatte Julia ihre Abschlussfeier.
Sie in dem Kleid zu sehen brachte mich zum Schmunzeln.
Mein Blick fiel in den Spiegel auf meine im Vergleich zu Julia gelben Zähne.
Ich hatte Käsezähne, so kam es mir jedenfalls vor.
Mit dem jetzt zum Sturm aufbrausenden Unwetter starb meine Hoffnung, dass Julia morgen mit der Sonne um die Wette strahlen könnte. Aber nach Lage der Dinge hätte ich mich sowieso fehl am Platze gefühlt. Oder sollte ich nicht doch noch einmal …?
Ich ging zu Katja, um ihr einen Kuss zu geben, aber sie drehte sich mit den Worten »Putz dir die Zähne« weg und beschäftigte sich wieder mit Julia.
Seit längerem versuchte ich, ihr wieder zu gefallen, doch diese Käsezähne standen mir im Weg.

Während Katja und Julia über die Lippenstiftwahl diskutierten, ging ich in den Keller.
Bewaffnet mit einer Kerze stieg ich die ersten zwei Stufen hinunter, da merkte ich, wie sich meine Socken mit Wasser vollsogen.
Der Keller war überschwemmt, und mein erster Gedanke war, die Zahnpasta kann warten.
Als ich dann aus dem Fenster schaute, sah ich, oder besser gesagt sah ich nichts mehr vom Grundstück draußen, außer dem unter der Strömung wie Tuschwasser erscheinenden Vermischungen aus Gras und Sand und dem auf der Wasseroberfläche treibenden Kompostmüll.

Meine Hände verkrampften sich kurz am Türknauf.
Leicht ausatmend formten meine Lippen leise das Wort »Flut«. Ausatmen und Sprechen gleichzeitig vermied ich sonst grundsätzlich.
Doch nun rannte ich ins Wohnzimmer zu Katja und Julia und rief: »Flut!«
Erst sahen sie mich verstört an, dann wanderten ihre größer werdenden Augen zum Fenster rüber.
Sie entdeckten draußen den nun von der Strömung vollkommen zerfledderten Komposthaufen.
Nun fingen auch ihre Socken an, sich mit Wasser voll zu saugen.
Meine Frau rief: »Schnell!«
Mit diesem Ruf war es, als wussten wir, was zu tun ist.
Katja rannte ins Schlafzimmer, um Decken, und in die Küche, um Lebensmittel auf den Dachboden zu tragen.
Ich beschäftigte mich damit, den scheinbar aus Beton zu bestehenden Fernseher heraufzuhieven.
Julia rannte in ihr Zimmer, um ihre Lieblingsposter zu retten.

Das Wasser stieg uns in unserem Haus innerhalb weniger Minuten bis an die Knie.
Als wir das Nötigste auf den Dachboden verfrachtet hatten, fing das Warten an.
Warten auf Hilfe, die vielleicht niemals kommen würde.
Des Nachts war es sehr kalt, und die Decken reichten gerade, um uns vor dem Erfrieren zu schützen.
Katja hatte mehrere Kerzen angezündet, die sie in einer Holzkommode auf dem Dachboden fand.
So wurde die stockfinstere – weil stromlose – Nacht etwas heller.
Während Julia durch die Dachbodenzimmer streifte, für die normalerweise »Betreten verboten« galt, legte ich mich zu Katja auf eine der Matratzen, die wir noch auf dem Dachboden hatten.
Von dem Flutschock erschöpft, gab ich meiner schlummernden Frau einen Gutenachtkuss.
Sie drehte sich mit den verschlafenen Worten, »Schatz, du bist eklig«, weg. Dabei nahm sie auch den größten Teil der Decke mit.
So verging eine Nacht und ein Tag, an dem sich Katja und Julia damit beschäftigten Muskelprotze auf Julias Postern zu begaffen.
Keine Hilfe in Sicht.
Mein Magen fing an zu grummeln.

Von den Lebensmitteln konnten wir nichts verwenden, da sich herausstellte, das Katja statt der Konserven ihre Haarfärbemitteldosen mitgenommen hatte.
Und diese Poster, diese schrecklich nutzlosen Poster von Julia, die ohne Sinn herumlagen.
Mein Magen grummelte ein weiteres Mal und verstärkte mein dringendes Bedürfnis, den Toilettengang zu verrichten so sehr, dass sich Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten.
Dann kam die Frage nach Toilettenpapier auf, und mein Blick fiel auf die vor der Fensterbank liegenden Poster.
Nachdem das letzte Poster im Wasser gelandet war und mein Magengrummeln nun nur noch vom sich ausbreitenden Hungergefühl verstärkt wurde, hörte ich Paddelgeräusche.
Es waren Rettungsleute von der Bundeswehr. Sie saßen in einem Schlauchboot.
Wie am Spieß schrie ich zu ihnen: »Hier her! Hier her!«, mein hysterisches Kreischen hörend paddelten sie auf unser Haus zu.

Vom lauten Gebrüll aufgeschreckt kamen Katja und Julia angelaufen.
Ihre Frage, was denn hier los sei, erübrigte sich, als sie das Rettungsboot entdeckten.
Wir beantworteten den Rettungsmännern ihre Fragen, ob jemand verletzt sei und wie viele wir seien und bekamen sofortige Anweisung, ins Boot zu steigen.
Nachdem wir in das schaukelnde Boot eingestiegen waren und ich den Fragen von Julia – weswegen ihre Poster zerknüllt in der Flut herumschwammen – schulterzuckend ausgewichen war, bekam ich mit, wie die Rettungsmänner Gert und Stefan die Route planten.
Sie wollten Richtung Deich ans andere Ufer fahren, so lautete ihre Anweisung.
Ich stellte mich sofort quer, da ich wusste, welch gefährliche Umzäunungen dort im Wasser lauerten.
Die Fahrt war im vollen Gange, und mein ständiges Bitten um eine neue Routenplanung war vergebens.
Katja und Julia waren keine große Hilfe, da sie eh nichts von dem, was ich sagte, wirklich ernst nahmen.
Gert und Stefan fuhren stur geradeaus. Ich machte Anstalten, handgreiflich zu werden, aber nach der Drohung, mir Handschellen anzulegen war ich still. Wer kann denn schon mit Handschellen schwimmen?
Als wir an besagter Stelle ankamen, versuchte ich mit einem Griff nach dem Paddel noch zu wenden. »Wir müssen anders fahren!«, doch da schnitt sich schon der unsichtbare Stacheldraht in das Boot und wir kenterten.
Gert und Stefan wurden genauso wie Julia sofort von der Strömung weggezogen.
Nur Katja und ich blieben dank des uns gut festhaltenden Stacheldrahtes an Ort und Stelle.
Sie hatte das Pech gehabt, beim Kentern mit dem Hals in die schneidenden Stahlschnüre zu kommen, und war, wie ich hoffte, sofort tot.
Ich war mit den Hüften in den Draht geraten, so einen kneifenden Gürtel trug ich im Leben bisher noch nicht.

Drei Stunden beschäftigte ich mich mit dem Gedanken, Katja und höchstwahrscheinlich auch Julia verloren zu haben.
Dann sichtete mich ein Rettungshubschrauber.
Das flappende Rotorengeräusch war angenehm, es lenkte mich von der Kälte und dem Stacheldraht etwas ab.
Das Letzte, an das ich mich noch erinnere, ist, aus dem Stacheldraht befreit und mit einem Seil in den Hubschrauber gezogen worden zu sein.