shadow

Der Flyer

von Camila Koch, 11 Jahre

Ich lag mit Stina und Lotte auf unseren Liegen im Garten, wir hatten unsere Bikinis an und ließen uns die Sonne auf die Bäuche scheinen. Zwischendurch schauten wir auf das Trampolin, wo Lottes Zwillingsbruder Leon, mein kleiner Bruder Julian und Nick, in den wir alle unsterblich verliebt waren, Saltos schlugen. Nick war der Sohn der Christiansens, die noch eine Tochter hatten.

Wir guckten in den Himmel, der so blau war, als hätte Gott die ganze blaue Farbe auf Erden im Himmel ausgeschüttet. Die Sonne war gelb wie eine Butterblume, und es wehte ein kleines Lüftchen. Es roch nach Grillkohle und Bratwürstchen, nach der Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 30, mit der wir uns eingecremt hatten und den nassen Badehosen der Jungs. Ja, es war perfekt, und am meisten freuten wir uns darauf, mit Nick und Leon zum Hamburg Dungeon zu fahren. Ohne Eltern, versteht sich.

Nach einem ausgiebigen Abendessen zogen wir Mädels uns an und legten extra noch Schminke nach. Wir fuhren mit der Bahn zu den Landungsbrücken und gingen zu Fuß an belebten Kneipen und der großen, grünen, sacht im Wasser schaukelnden Rickmer Rickmers vorbei. Lotte blieb stehen und lehnte sich an das Geländer. Sie schaute auf den Hafen. Ihre sonst grünen Augen schimmerten ein wenig blau. Es war schön, wie ihre blonden Haare vom stärker gewordenen Wind verwuschelt wurden. So stand sie da, bis ich mich neben sie stellte, sie in den Arm nahm und mit mir mitzog. Nicks nussbraunes Haar war schon fast um eine Ecke verschwunden, bis Stina ihm nachrief, dass er warten solle. Seine Mario-Gomez-Frisur, die, wie wir fanden, Nick besser stand als Gomez, tauchte auf. Neben ihm die blonde Skaterfrisur von Leon. Wir rannten los, um endlich beim Dungeon anzukommen. Und auf einmal waren wir in der Speicherstadt …

Die Häuser ragten in den Himmel. An den Wänden klebte das warme Licht der Sonne, die gerade unterging, die alten Gebäude rochen nach Gewürzen und Teppichen. Leons Handy klingelte, die Mutter der beiden Zwillinge rief ihn an und er blieb zurück. Doch kurz danach hörten wir seine Stimme über die Straße brüllen: „Hey Leute, kommt mal her!“ Natürlich rannten wir zurück, denn wenn Leon brüllte, war irgendetwas los. Leon hielt einen Flyer in der Hand. Er war weiß und sah nicht so aus, als läge er schon lange dort. Leon faltete faltete ihn auseinander …

Es waren mindesten 20 Fotos von dunkelhäutigen Menschen. Oben drauf stand: „Brauchen Sie einen Sklaven, der Ihnen den Haushalt macht? Wir haben den perfekten für Sie!“

Mir wurde so schlecht wie vor einer Mathearbeit. Da handelte jemand mit Sklaven! Unter den Leuten waren auch Kinder mit abrasierten Haaren. Ihre nackten Oberkörper wirkten so dünn, als hätten sie zwei Jahre lang gehungert. Neben den einzelnen Personen standen Texte mit den Namen, Alter, Preisen und Informationen über den Lebenslauf. Leon faltete den Flyer zu. Wir waren zu traurig, um noch ins Dungeon zu gehen und verließen schweigend die Speicherstadt. Zuhause kamen wir immer noch schweigend an. Ich wollte gerade mit Stina und Lotte in meinem Zimmer verschwinden, als die Jungs uns etwas hinterher riefen. „Wartet, wir wollen euch etwas sagen!“ Ich blieb stehen, Lotte und Stina auch.

Nick kam zu uns gestiefelt und sagte: „Lasst das heute ma‘ nicht verraten. Weil die Erwachsenen würden uns sicher ausfragen und  uns sicher auch nicht mehr forschen lassen. Die Polizei würden sie auch verständigen, und die würden uns nicht ernst nehmen.“

Ich zögerte. Natürlich war es spannend, etwas mitten in den Ferien zu erleben, aber wir fuhren in zwei Wochen weg. „Ja“, sagte ich. Ich war mir nicht sicher, ob es das richtige war, aber ich hatte schon irgendwie das Gefühl.

Stina und Lotte wollten bei mir übernachten. Wenn es so gewesen wäre wie so oft, eigentlich fast immer, hätten wir uns einen Film angeguckt, aber wir bauten in meinem Zimmer zwei Nachtlager auf, legten uns in unsere Betten und fingen an, uns zu unterhalten.

„Mann, das war vielleicht ein Schock!“, fuhr Stina in die Stille.

„Ja, ich habe mich derbe erschrocken, als Leon so gebrüllt hat!“, sagte Lotte aufgeregt. „Das macht der sonst nie!“

„Mhm, und ich fand es seltsam, als Nick wollte, dass wir die ganze Geschichte nicht erzählen sollen“, sagte ich nachdenklich.

„Sollen wir es nicht doch lieber der Polizei sagen, damit sie sich kümmern?“

„Hundert Pro nicht!“ Lotte war außer sich. Ihr Onkel saß wegen Betrug im Knast, und der Name Schwarz hatte sowieso keinen besonders guten Ruf. Außerdem hatte ihr Cousin eine Vorstrafe, da wollte sie nicht auch mit der Polizei zu tun haben.

„Stimmt“, sagte ich zerknirscht, „an deinen Onkel hatte ich nicht gedacht.“

Stina meldete sich wieder: „Was machen wir dann, und wer hat überhaupt den Flyer?“  „Den Flyer hat Leon mitgenommen, aber vielleicht können wir morgen früh zusammen mit den Jungs das Teil überprüfen, oder?“ Lotte klang, als wäre sie sich nicht ganz sicher, ich war es auch nicht mehr wirklich. Natürlich habe ich immer die 3 Fragezeichen gehört und wollte den Fall (konnte man ja ruhig so nennen) selbst lösen. Andererseits, was, wenn die Leute Serienmörder waren, die auf Kinder spezialisiert waren?

„Und wenn wir Aaron aus der Nachbarschaft fragen? Er ist 19 und kann uns sicher helfen“, fragte ich.

“ Nee, der ist doch im Urlaub, und außerdem würde unsere Stina immer rot werden wenn sie ihn sieht.“ Lotte gab einen kleinen Lacher von sich.

„Ha, ha!“, Stina klang genervt, und ich hätte schwören können, dass sie mit den Augen rollte, „sehr witzig, Lotte! Ich steh‘, wie ihr doch auch, auf Nick!“ Sie musste lachen, doch mir war immer noch nicht zum Lachen zumute.

Ich schlief ein, aber sehr unruhig, weil ich schlecht träumte: In meinem Traum lief ich durch ein Labyrinth aus Pappe, und ich hatte das Gefühl, ich könnte die Pappe zerschlagen. Aber als ich es versuchte, war sie so fest, dass ich mir die Hand verletzte.  Überall sah ich die Gesichter der Menschen von dem Flyer. Sie riefen meinen Namen. Sie waren in goldenen Rahmen, und als ich an die Gesichter trat, fingen sie an zu weinen oder nach Hilfe zu schreien. Es war einfach schrecklich. Als ich selbst anfing, um Hilfe zu schreien, hallte ein Echo zurück. Das war unmöglich, denn Pappe gibt kein Echo zurück.

„Emmi, dein Handy klingelt! Dein Handy!“ Ich sah Lotte über meinem Kopf und hörte mein iPhone klingeln und nahm ab. „Hey, hier ist Emiliy!“, sagte ich verschlafen in das Telefon. Eine mir sehr bekannte Stimme erwiderte: „Na, hier ist Nick. Kommt ihr ‚rüber? Leon hat doch bei mir übernachtet und wir wollten den Flyer überprüfen. Also, kommt ihr?“

„Ja, … in 5 Minuten.“

„Jo, wir warten auf euch“, gab er durch.

Während Lotte und Stina Zähne putzten und sich anzogen, dachte ich über den Traum nach und kam zu dem Entschluss, dass es ein böser Traum war, und ich ich ihn vergessen sollte, was eine doofe Entscheidung war.

 

Ich machte mich dann auch fertig und ging mit den beiden Mädels zwei Häuser weiter. Nick öffnete uns und blinzelte, als die Butterblumensonne ihn blendete. Lotte beachtete dies nicht und stapfte mit einem „Morgen!“ an ihm vorbei zu ihrem Bruder. Leon stand mit seinem Handy in der Hand im Korridor, natürlich war mal wieder seine Mutter dran. Leon wurde ständig von ihr angerufen. Er fragte seine Schwester, wie es ihr ging, und das gab er seiner Mutter durch. Nick wünschte uns „nen guten Morgen“, wie er sagte, und bat uns hereinzukommen.

Wir hatten gerade die Schuhe ausgezogen, als Leon schon drängte: „Hey, kommt, lasst ma‘ anfangen!“ Wir gingen zusammen hoch, ich setzte mich auf die Fensterbank und schaute zu den Bachmanns hinüber, die statt eines Kindes einen Hund besaßen. Eigentlich hätten sie gerne Kinder gehabt, und dass sie keine hatten, bedauerten sie sehr.

Leon holte den Flyer aus seiner Hosentasche, und ich wandte mich ab.  Ich konnte es nicht sehen, wer besaß denn Menschen, wie man ein Haus besitzt? Nick wurde lauter, als er rief: „Hey seht mal, das is #ne Handynummer!“

Lotte las vor: „0175-1898765“. Ich weiß nicht mehr, wer auf die Idee gekommen war nicht anzurufen, aber ein Fehler war es nicht, weil wir bestimmt weggedrückt würden.

„Es steht keine Adresse dabei“, bemerkte Stina. „Stimmt, aber vielleicht gibt es im Telefonbuch eine Adresse.“ Nick holte das Telefonbuch aus dem Arbeitszimmer seines  Vaters und klappte es auf. Eine lange Zeit verging, bei J fanden wir die Nummer. Andrew Johnson, Kannengießerort 35.

„Bingo!“ Stina war aufgesprungen und rief: „Kommt, wir fahren los, ich weiß, wo das ist, von den Pfefferkörnern.“ Nick und Leon fingen wahnsinnig an zu lachen und Stina schaute irritiert von einem zum anderen: „Was hab‘  ich denn jetzt schon wieder gemacht?“

„… Du guckst noch Pfefferkörner? Ha, ha, ha!“ Nick lag auf dem Boden und kringelte sich vor Lachen. Stina wurde so rot wie eine Kirschtomate mit Liebesapfelüberzug. „Nein…, also meine kleine Schwester guckt die immer und traut sich nicht, die allein zu gucken.“

“ Ja , is klar, ne!“, Nick wischte sich eine Lachträne aus dem Auge. „Kommt ihr jetzt, oder wollt ihr hier Wurzeln schlagen?“

Angestrengt verdrehte ich die Augen und wollte gerade hinuntergehen, als Lotte vorschlug: „Wollen wir nicht sagen, dass wir von der Schülerzeitung sind und das Thema nehmen: Wie ist es in der Speicherstadt zu leben?“

„Nein, Mädel, es sind Sommerferien.“  Nick schaute genervt, als er das sagte.

„Dann sagen wir, dass es ein Ferienprojekt ist?“, versuchte ich, einen Vorschlag zu machen.

„Das ist gut!“, Nick sprach jetzt wie ein Nachrichtensprecher. „Wir kommen von „Hallo Hamburg“ und wollen gerne eine echte Speicherstadt-Wohnung sehen.“

„Aber zu fünft sind wir zu viele“, sagte Lotte. Nick wurde langsam ungeduldig, und deshalb entschieden wir, dass Lotte, Nick und ich gehen sollen. „Wir halten hier die Stellung!“ rief Stina uns dann noch hinterher.

Wir brachen auf und stiegen in die S-Bahn. Nach ca. einer Viertelstunde kamen wir beim Kannengießerort 35 an.

„Johnson, da ist es“, Lotte drückte lange auf den Klingelknopf und musste dafür das mitgebrachte Klemmbrett in die andere Hand nehmen.

„Hallo, wir sind von „Hallo Hamburg“ und möchten gerne eine echte Speicherstadt-Wohnung sehen. Wäre dies möglich?“, ratterte Nick den Text herunter.

„Ja, hallo“, sagte der Mann, der uns entgegentrat. Er war groß, seine Beine steckten in einer weißen  Hose und seine Füße in Lederstiefeln mit Cowboy-Look. Er trug ein pinkfarbenes Hemd und sein Gesicht war braungebrannt. „Dann kommt mal rein!“

Der Mann machte einen netten Eindruck, und als wir in die Wohnung traten, sahen wir ein sehr gemütliches Wohnzimmer.

„Entschuldigung, dürfte ich bitte auf Ihre Toilette?“ Lotte klang sehr überzeugend. Das dachte auch Herr Johnson und führte sie zur Toilette. Natürlich hatten wir abgemacht, dass sie im Arbeitszimmer nach Beweisen suchen sollte, was sie, wie wir danach erfuhren,  auch tat, und leider mit Erfolg. Lotte kam eine ganze Zeit nicht wieder, und wir hatten unser „Interview“ schon abgefragt. Herr Johnson wurde misstrauisch und stand vom Wohnzimmertisch auf.  Er schloss uns tatsächlich im Wohnzimmer ein, so dass wir Lotte nicht warnen konnten.

Er klopfte an die Tür des Badezimmers und dann hörten wir Geschrei und die Wohnungstür zuschlagen. Dann wurde es still. Es war eine so drückende Stille, wie ich sie nicht kannte. Auf einmal hörten wir die Stimme von Herrn Johnson: „Ja, ich hab‘ die zwei anderen … Nein, Joe, …. Ja, ich komm und bring die Gören in das Teppichlager D…“

Unglücklicherweise hatte ich bei unserem schnellen Aufbruch mein iPhone vergessen, aber ich fand einen Zettel und schrieb  darauf: „Hilfe, sind gefangen, Teppichlager D.“ Nick nahm ihn und warf ihn aus dem Fenster, hübsch zusammengerollt.

Herr Johnson öffnete lautlos die Tür und sagte:“So, ihr müsst jetzt mitkommen  eure tolle Freundin hat einen ziemlich wichtigen Ordner mitgenommen. Da kann ich euch jetzt nicht auch noch gehen lassen.“

„Das hat sie gut gemacht!“ Nick verschränkte die Arme vor der Brust und stellte sich vor mich.

„Und wehe, Sie fassen meine Freundin an!“

„Oh, krieg ich es dann mit dir zu tun?“

Der Mann hielt sich im gespielten Schrecken eine Hand vor den Mund. „Ja, tun Sie!“ Nick machte einen Schritt auf den hochgewachsenen Mann zu.

„Nick, lass es!“, flüsterte ich ihm zu.

„So, ihr Rabauken, ihr kommt jetzt mit!“, knurrte Herr Johnson. Er führte uns durch enge Gassen an dem Platz vorbei, wo Nick den Zettel hingeworfen hatte. Er war weg. Ich fasste nach Nicks Hand, und er zuckte nicht zusammen, sondern zog mich enger an sich, so dass ich sein Parfüm riechen konnte. In diesem Augenblick fand ich, es roch wie die Sicherheit persönlich.

Als wir im Treppenhaus vom Teppichlager D zwei Treppen hochgegangen waren, standen wir in einem leeren, schmutzigen Raum. Herr Johnson holte aus einer Truhe, die versteckt war, Decken, Kissen und für jeden eine Isomatte heraus. Ich fröstelte. Trotz der warmen, langsam untergehenden Sonne war der Raum unheimlich kalt. Ich zog die Decke um mich, sie war viel zu dünn. „Herzlich Willkommen im 5-Sterne-Hotel Andrew!“, lachte Herr Johnson gehässig. „So, ich gehe jetzt. Morgen früh sehen wir, was wir mit euch machen.“ Er verließ den Raum. Ich schaute aus einem Fenster, zu hoch,

um abzuhauen. Aber wie sollten wir hier heraus kommen? Der Kanal war viel zu schmal für Schiffe, so dass niemand vorbei fahren und uns hören konnte. Ich rollte die Isomatte aus und setzte mich.

 

Nick legte seine Matte neben mein und setzte sich neben mich. „Du, Emmi, habe ich dir schon mal gesagt, dass du die netteste von euch dreien bist?“ Nick wurde so rot wie Stina vorher bei den Pfefferkörnern, aber ich sah bestimmt auch nicht viel besser aus: „Nein, aber hab ich dir schon gesagt…“ Ich wusste nicht, wie ich den Satz formulieren sollte. Doch Nick kam mir glücklicherweise zuvor. Erst spürte ich, wie er mein Kinn vorsichtig anhob, dann wie seine weichen Lippen meine trafen. Lotte, Stina und ich hatten uns hundert Mal ausgemalt, wie Nick küsste. Einmal, bei einem Spiel, hatte ich es sogar schon einmal erlebt, aber aus Liebe war es tausend Mal schöner.

Auf einmal hörten wir die Tür klappen, und Herr Johnson kam mit zwei ungefähr 8-jährigen Kindern mit dunkler Haut in den Raum: „So, kann einer von euch Französisch?“

Geistesgegenwärtig schüttelten wir beide den Kopf, obwohl Nick ein bisschen Französisch sprach. „Na, dann ist  ja gut, dann könnt ihr euch nicht unterhalten und keinen Blödsinn aushecken!“

Die beiden Kinder bekamen auch Decken, Kissen und Isomatte. Dann verschwand Herr Johnson wieder. Es waren ein Junge und ein Mädchen. Der Junge hatte khakifarbene Shorts und das Mädchen ein pinkfarbenes Kleid an. Sie waren ganz niedlich.“Wie heißt ihr?“, fragte Benni auf Französisch.

„Tries und Asanja“, antwortete der kleine Junge schüchtern, „und ihr?“

„Emily und Nick.“ Nick reichte ihnen die Hand, ich auch. Ihre Hände fühlten sich dünn und zerbrechlich an.

„Wie kommt ihr denn hierher?“, fragte Nick. „Wir kommen aus einem Kinderheim in Westafrika, aus dem Tschad, dort wurden wir von Herrn Johnson adoptiert. Dort meinte er, dass es uns gut gehen würde, aber hier haben wir erfahren, dass er uns als Sklaven verkaufen möchte. Unsere richtigen Eltern haben uns verstoßen, weil wir Zwillinge sind. Bei uns gelten Zwillinge als eine Strafe Gottes, und man möchte nichts mit ihnen zu tun haben.“

Die kleine Asanja fing an zu weinen, und als Nick alles übersetzt hatte, musste ich auch fast weinen. Die beiden legten ihre Matten nebeneinander und die Decken und Kissen obendrauf. Ich sah in einer Nische einen Tisch mit Gläsern und Wasser und goss mir etwas ein. Auf einmal hatte ich die rettende Idee. Wir spielten Bergsteiger. Asanja kicherte, als wir die Decken aneinander knoteten, während Tries und Nick die Kissen aus den Bezügen zerrten und sie auch noch unten an den Decken befestigten. Dann ließen wir die entstandene Kette aus dem Fenster fallen. Ich hatte ein wenig Erfahrung mit Klettern, und so hielten die drei die Kette fest, und ich kletterte daran hinunter. Ich versuchte, auf den Ponton zu kommen, den wir entdeckt hatten. Ich schaffte es!

Aber zu früh gefreut, rundum Wasser. Keine Möglichkeit, um zu fliehen. Ich ließ mich wieder hochziehen, und da fiel es mir wieder ein: Der Zettel! Der war nicht mehr an der Stelle gewesen, wo Nick ihn hingeworfen hatte. Aber trotzdem hatte ihn wohl niemand gefunden, denn sonst wäre ja schon jemand hier und würde uns helfen.

Wenn Herr Johnson abends noch einmal käme, könnten wir ihn überwältigen und fliehen.

Ich erzählte den Plan, und Nick übersetzte. So grübelten wir über den Plan und dachten uns aus, wer von wo aus angreifen sollte, und kamen zu folgendem Entschluss. Tries sollte Andrew das Essen ins Gesicht schmettern, während wir Mädchen die Hände und Füßen mit Bettlaken fesseln wollten und Nick ihm den Schlüssel aus der Hand oder Tasche ziehen sollte. Plötzlich drehte sich ein Schlüssel im Schloss herum. Wir handelten sofort und standen innerhalb einer Sekunde an unseren Positionen. Doch da wurde eine kleine Luke in der Tür geöffnet, und Herr Johnson hielt uns schob einen Pizzakarton entgegen.

Nick war hinter der Tür versteckt gewesen und kam nun wieder verdattert hervor, als er die kleine Luke sah. Tries nahm überglücklich den Karton entgegen, stellte ihn ab, während Herr Johnson die Luke wieder schloss, und machte sich über die labberige Pizza her. Er erzählte uns später, dass sie vor zwei Wochen das letzte Mal etwas Richtiges gegessen hätten, und das war noch im Heim. Ich aß nichts, und auch Nick biss nur lustlos von seinem Stück Pizza ab. Dafür aßen die Kleinen umso mehr. Als sie die Pizza aufgegessen hatten, grübelten wir wieder darüber nach, wie wir hier herauskommen sollten.

„Und wenn wir ihm Prügel androhen?“ Nick stellte sich in Boxerposition, aber ich winkte ab. „Nein, er ist viel stärker als wir. Wie willst du das denn machen? Aber wir könnten doch nochmal versuchen, um Hilfe zu rufen.“

„Emmy, warum glaubst du, hat Herr Johnson uns hier eingesperrt?“

Ich wollte etwas erwidern, aber Nick fuhr fort: „Natürlich weil er wollte, dass uns niemand hört, wenn wir hier um Hilfe rufen.“ Nick klang vorwurfsvoll, und ich sah zu Boden. Er hatte ja Recht. Die Zwillinge hatten sich schon hingelegt und schliefen fest. Nick und ich legten uns auch auf unsere Matten und schliefen sofort ein. Aber ich fing wieder an zu träumen. Ich lief und lief, immer weiter. Eigentlich konnte ich nicht mehr, lief aber gegen meinen Willen weiter. Der Himmel war schwarz, ich lief auf sandigem Boden, mehr sah ich nicht. Auf einmal sah ich eine Tür. Ich rannte immer dagegen, als hätte ich ein Brett vor dem Kopf. Da fiel es mir ein. Eine Tür macht man normalerweise auf. Ich öffnete die Tür, musste würgen und übergab mich. Ich wachte auf. Zum Glück hatte ich mich nicht in Wirklichkeit übergeben. Dann fiel es mir schlagartig ein: Asanja könnte sich krank stellen, und dann musste Herr Johnson auf jeden Fall die Tür öffnen. Ich erklärte den anderen den Plan, und wir spritzten Asanja mit Wasser nass, damit sie aussah, als würde sie schwitzen. Dann hämmerten wir gegen die Tür. Herr Johnson musste irgendwo in der Nähe übernachtet haben, denn er kam kurz darauf fluchend an die Tür, öffnete die Klappe und brüllte: „Was?!“ Wir zeigten einfach auf Asanja, die ihre Rolle großartig spielte und sich auf der Isomatte wälzte und stöhnte. Herr Johnson stieß die Klappe zu und öffnete die Tür. Er war in Boxershorts und T-Shirt und sagte zu uns: „Es ist vier Uhr! Wie kommt ihr dazu mich zu wecken?!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er zu Asanja. Verschlafen, wie er war, hatte er doch tatsächlich vergessen, die Tür zu schließen. Wir schlichen hinaus, und Asanja sprang im nächsten Augenblick auf und rannte an ihm vorbei. Herr Johnson war so überrascht, dass er erst einmal wie festgewurzelt stehen blieb. Das alles hatte nur wenige Sekunden gedauert, und wir schlugen die Türe von außen zu und schlossen ab. Dann rannten wir auf die Straße. Wir rannten zur S-Bahn-Haltestelle und sprangen unter den glasigen Blicken der Betrunkenen in die nächste Bahn, die zum Glück die richtige war. Zuhause holte ich den Schlüssel unter der Fußmatte hervor und schloss die Tür auf. Ich gab Nick den Hausschlüssel, den seine Eltern für Notfälle bei uns deponiert hatten. Dann ging Nick zu sich nach Hause, und ich schlich mit den Kindern in mein Zimmer. Dort machte ich den beiden ein Lager auf dem Fußboden zurecht. Sie legten sich hin und waren nach all der Aufregung sofort eingeschlafen. Ich legte mich auch hin und schlief kurz danach zum Glück ohne Traum ein.

 

Am nächsten Morgen rief ich Lotte an und fragte, wie es ihr ging. Sie meinte, es ging ihr gut und ob ich nicht zu ihr kommen möchte. Ich sagte, dass ich aber noch jemanden mitbringen müsste. Sie war neugierig und wer es denn ist.

„Das erklär ich dir später“, sagte ich.

Als ich ankam, waren die anderen drei auch schon da. Ich erzählte kurz, wer Asanja und Tries waren und so kamen wir sofort zu dem Ordner, den Lotte mitgenommen hatte.

Lotte hatte diesen schon durchforstet und den Namen des Bosses sowie weitere Infos ausfindig gemacht.

„Heute kommt eine Lieferung von Menschen mit dunkler Haut aus Tschad!“, rief Stina, „Im Hafen, da fahren wir hin!“

„Okay!“ Ich stand auf. „Kommt ihr?“

„Äh,  nehmen wir Tries und Assanja  mit?“, fragte Lotte „Die sind zu klein!“

„Stimmt, kommt ihr mal mit!“ Nick  nahm die beiden und setzte sie vor einen Maltisch mit Blättern, Stiften und einem Teller Kekse.

Wir fuhren zum Hafen, aber es gab ein Problem. Wie kamen wir bloß  hinein? Lotte hatte die rettende Idee: „Da kommt ein Hafenarbeiter.“

„Hä?“, fragten wir gleichzeitig, doch sie war schon losgegangen. Wir hörten, wie sie sagte: „Guten Tag, nach den Ferien mache ich ein Projekt über den Hafen, und da dachte ich, wenn ich schon hier bin, kann ich auch Infos sammeln…“ Lotte war durch, sie war im Hafen. Wir machten es ihr nach und waren kurz darauf mitten drin im Hafen.

 

Es roch nach Benzin und Wasser, die Container, die aufeinander gestapelt wurden, waren riesig, bedrohlich und faszinierend zugleich. Wir gingen fast unter in dem Getöse und dem Lärm. Ich klammerte mich an Nick und fing mir einen neidischen

Blick von Lotte ein.  Es war wirklich gruselig, denn keine Menschenseele war zu sehen.

Leon rief: „Kommt wir klopfen an die Container, vielleicht hören wir die Menschen.“ Bong, bong Nein ich hörte nichts.

Nach ungefähr einer Viertelstunde hörte ich ein “Help“ aus einem großen Container. Ich rief die anderen, und sie kamen von der einen Seite, von der anderen kam ein Mann, der so ähnlich aussah wie Herr Johnson.

„Stopp“ rief der Mann.

„Wer sind Sie denn?“, fragte Leon.

„Joe Fog!…“

Da hatte er sich wohl versprochen. „Äh ich meine Andrew…!“

„Sie heißen Joe und sind der Boss hab ich Recht?“ Leon stellte Joe zur Rede.

Stina versteckte sich hinter einem Container und rief die Polizei an. Ich wollte den Container öffnen, indem die Leute drinnen waren, aber eine Plombe machte das erst mal unmöglich. Ich suchte nach etwas, das die Plombe zerstören könnte und fand eine sicher 2 Kilo schwere Zange. Ich quetschte die Plombe auf und öffnete mit viel Kraft das Tor. Zum Glück war Joe so abgelenkt, dass er dies nicht merkte.

Es roch beißend, und viele dunkle Augenpaare blinzelten in die Sonne, ein paar Menschen lagen in Zeitungspapier eingehüllt auf dem Boden. Ich führte die Menschen mit Handzeichen hinter den Container und merkte, dass es die Menschen vom Flyer waren!

Nick war weg… „Da ist er ja doch!“, dachte ich erleichtert, als er mit einigen Männern in Arbeitskleidung angerannt kam. Blitzschnell bildeten sie einen Kreis um Joe und ließen ihn nicht mehr durch.

Doch plötzlich zog er eine Pistole aus seinem Gürtel und wollte gerade…

Tatü, Tata! Endlich, die Polizei!

„Halt, keine Bewegung!“, rief der Polizist, der aus dem Auto stieg. Herr Johnson und Joe und all ihre Hintermänner wurden verhaftet.

Und, ach ja, Tries und Assanja wurden von den überglücklichen Bachmanns adoptiert, die nun endlich ihre ersehnten Kinder bekamen.

Jetzt sitze ich in unserem Urlaubs-Flieger nach Japan, mein Vater sitzt neben mir und liest die Zeitung, in der wir fünf auf der Titelseite stehen.