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Der fremde Prinz

von Soraya Tokhmpash

Ich sitze im Flugzeug nach Russland, meine „Heimat“. Ich habe meinen Opa schon so lange vermisst und freue mich darauf, ihn endlich wiederzusehen.
Mein Opa hat schneeweiße Haare und genauso weiße Augenbrauen. Er liebt seine Enkel über alles, er hat nur noch uns, seine Töchter und seine Frau. Sein Name ist

Alexey. Ich bewundere ihn, er ist schon wirklich alt und leider auch sehr krank, aber er zeigt das nicht und noch immer hat er eine große Statur und ist sehr kräftig.

Opa hat eine kleine Wohnung in Russland. Sein Balkon ist sein spezielles Reich. Er bewahrt dort alles auf, seine Auszeichnungen, Fotos von seiner Frau, von uns Enkeln, elektronische Sachen und vieles mehr!

Er trinkt viel, aber er hat trotz seiner 80 Jahre keine Leberprobleme. Das Coole an ihm ist, dass er seinen Alkohol selbst brennt, und auch seine eigene Marmelade und Seife herstellt.
Er verdient kein Geld mehr, er ist Rentner, trotzdem bereitet er uns mit kleinen Geschenken immer wieder eine Freude, aber das tut er eigentlich schon mit seiner Anwesenheit.

Als ich ihn zum letzten Mal gesehen habe, war ich zwölf. Nach Deutschland bin ich mit meinen Eltern schon vorher gegangen. Sie haben nicht so viel Geld und können sich nicht jedes Jahr eine Reise nach Russland leisten. Das ist auch der Grund, warum mein Bruder und ich alleine fahren, nachdem wir uns so lange gewünscht haben, unseren Opa endlich wiederzusehen.

Inzwischen sind wir beide siebzehn, doch ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie mein Opa mich und meinen Zwillingsbruder, David, durch die schönsten Straßen Russlands getragen hat, wie er mit uns Frösche am See fing und wie er uns im Sommer getröstet hat, wenn unser Eis geschmolzen ist.

Am Flughafen angekommen bin ich ganz aufgeregt vor Freude, meinen Opa bald wiederzusehen, allerdings spüre ich die Blicke der Russen. Sie sehen mich an, als ob sie sagen wollten: Da ist die Fremde, die vor 10 Jahren ihre Wurzeln verraten hat, die ihre Heimat verließ, die nicht zu ihrem Land steht.

Mein Bruder und ich fahren von Moskau mit einem Bus ins Dorf, auch hier begegnen wir misstrauischen Blicken. Dennoch erweise ich diesen Menschen Respekt und versuchen mein Lächeln im Gesicht zu halten. Und das alles wegen meinem Großvater, denn in seinem Dorf kennt jeder jeden.

Endlich sind wir in seiner Wohnung angekommen und ich springe meinem Opa sofort in die Arme.

Mein Zwillingsbruder David drückt ihn ganz fest und dann fragt er ihn gleich, ob er etwas zu essen hat. Typisch!

Meine Patentante ist noch nicht da, sie kommt ganz bestimmt später nach.

Ich habe auch ziemlich Hunger, doch erst einmal berichte ich meinem Opa zwei Stunden lang von den letzten Monaten in Deutschland. Dann esse auch ich eine Kleinigkeit und bald darauf gehe ich zu meiner besten Freundin in Russland, Maria. Ich will sie und ihre Eltern überraschen. Was sie wohl denken, wenn sie sehen, wie groß ich geworden bin? Das werde ich gleich herausfinden, da ist auch schon die Haustür, von Maria. Die Tür geht auf. „Ehm, ja?“, antwortet sie völlig verwundert.

„Ich bin‘s, Sonja“, sage ich.

„Erinnerst du dich nicht an mich?“

„Doch, doch, ehm joa, komm doch rein“, sagt sie.

Anscheinend ist die Familie nicht sehr erfreut, mich zu sehen. Ihre Eltern begrüßen mich so, als ob ich eine Bettlerin wäre, die von Tür zu Tür geht.

Sie erkennen mich nicht wieder. Sehe ich so anders aus? Bin ich jetzt eine Fremde?

Enttäuscht verlasse ich das Haus und will wieder zurück zu meinem Großvater, als ich plötzlich eine Männerstimme hektisch meinen Namen rufen höre.

„Sonja, Sonja, warte doch, Sonja „, höre ich es hinter mir. Ich drehe mich um und kann es kaum glauben!

Das ist ehm.. ach ja Daniel heißt er. Ich hatte ihn fast vergessen. Dass er sich noch an mich erinnert! Dass er mich überhaupt wiedererkennt und sogar noch meinen Namen weiß nach so vielen Jahren.

Jetzt steht er vor mir. „Was machst du denn hier?“, fragt er mich völlig verwundert. „Und wie geht es dir? Wie ist dein neues Leben in Deutschland? Hast du mich vermisst?“

Fragen über Fragen.

„Ich habe dich vermisst“, ist das einzige, was mir über die Lippen kommt.

Er sieht mich an, mit einem Schimmer in seinen Augen, den ich nie zuvor bei einem Jungen, nein, noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen habe.

Ich war einmal in Daniel verliebt, und ob man es glaubt oder nicht, ich war damals erst zehn Jahre alt. Immer wenn ich ihn sah, hatte ich Herzklopfen und konnte überhaupt nicht mehr aufhören zu grinsen. Und jetzt, nachdem ich ihn sieben Jahre nicht gesehen habe, geht es mir schon wieder ganz genauso. Was macht dieser Junge mit mir? Dabei glaube ich doch eigentlich gar nicht an Liebe auf den ersten Blick.

In Deutschland hatte ich nie Glück in der Liebe, nie! Entweder waren die Jungs verrückt nach meiner besten Freundin und sahen mich nur als kleine Schwester oder sie kamen mit meiner Art nicht klar.

Einmal hatte ich sogar einen Freund, doch dann kam das Schlimmste: Er verließ mich für eine Magersüchtige!

Das alles ist Vergangenheit, wird Daniel vielleicht meine Zukunft? Aber wäre es denn realistisch an eine Zukunft zu glauben? Ich wohne in meinem geliebten Deutschland und er, er lebt hier im wunderschönen Russland, was auch noch wunderschöne hunderte Kilometer weit weg ist.

Moment! Ich sehe diesen Jungen zehn Minuten und hab schon unsere Hochzeit geplant. Typisch, ich!! Vor lauter Gedanken vergesse ich, dass er immer noch vor mir steht. Ich sage ihm, dass ich los muss, und frage, ob er in den Ferien hier bleibt, mit der Hoffnung auf ein nein, sehr egoistisch von mir. Seine Antwort überrascht mich. Ich hatte mit „ja“ oder „nein“ gerechnet, stattdessen sagt er, dass er die Ferien mit mir verbringen will. Höre ich etwa doch die Hochzeitsglocken läuten?

Er fragt mich, ob meine Adresse immer noch dieselbe sei.

„Natürlich!“, antworte ich.

Wir verabschieden uns erst einmal und ich gehe, mit einem Grinsen und einem wundervollen Gefühl in meinem Bauch.

Zuhause angekommen sehe ich meine Patentante, Ilira, in der Tür stehen. Sie strahlt wie immer. Auch sie habe ich sehr vermisst, Tante Ilira hat wie immer eine der besten Torten Russlands mitgebracht, meine Lieblingstorte, Schokolade mit Erdbeer-Sahne-Stückchen, hmm. Auch ihr berichte ich circa zwei Stunden lang, was in den letzten Monaten passiert ist, und dann kann ich es nicht länger zurück halten.
„Ach ja Opi, und du glaubst nicht, wen ich gerade getroffen habe!“
„Meinst du Maria?“
„Ne, ne, den Daniel.“
Er nimmt einen kräftigen Schluck Schnaps.
„Aha, und wer soll das sein?“
„Mein alter Schulfreund!“
„Ilira, hörst du das ? Jetzt wird meine Kleine auch noch erwachsen und hat einen Freund!“
„Quatsch Opi, ich hab den zufällig getroffen. Ist doch nett, dass er mich wieder erkennt.“
„Hmm, Hauptsache du bist glücklich. Falls es was Neues zu berichten gibt über deinen „Freund“, bin ich ja hier.“
„Danke Opa.“
Meine Augen fallen so langsam zu, ich muss ins Bett!

„Ilira, Opa ich leg mich schlafen, ich bin müde, gute Nacht.“

„Gute Nacht Sonja, gute Nacht mein Schatz“, antworten sie.

 

Am nächsten Morgen gehe ich zu unserem Lieblingsbäcker, Sani. Ich bestelle drei Apfeltaschen, mein Zwilling David ist verrückt nach den Dingern, vier Laugenstangen und eine Violetta. Was das ist? Wunderschöne violette Gebäckstücke, mit einer derart süßen Füllung, dass ich mir jedes Mal wie Winnie-Pooh vorkomme, wenn ich sie esse.

„Tschüss Sani, bis morgen“, sage ich.

„Bis morgen Sonnenschein“, antwortet er. Auf dem Weg nach Hause höre ich jemanden mein liebstes Kinderlied pfeifen, gerade, als ich mich umdrehen will, steht ER plötzlich vor mir und lächelt mich an.

„Wo kommst du denn her? Verfolgst du mich etwa?“, frage ich mit einem so breiten Grinsen, wie die Grinsekatze von Alice im Wunderland.

„Wer weiß?!“, antwortet er und fängt an zu lachen. Ich muss los, David hat schon sechsmal angerufen und mir eine SMS geschickt, in der er schreibt, dass er sich Sorgen macht. Um seine Apfeltaschen! Wir verabschieden uns mit einer gefühlten einstündigen Umarmung. Daniel will nicht, dass ich gehe, und ich will nicht, dass er geht. Es ist gerade ein zu schöner Moment. Bevor er mich gehen lässt, schreibt er sich meine Nummer auf. Ich drehe mich um und mein Handy klingelt, ich will David schon anschreien, aber bevor ich irgendetwas sagen kann, sagt ER: „Ich wollte sicher gehen, dass ich die richtige Nummer bekommen habe, Prinzessin.“

Ich kichere wie eine Verrückte und sage: „Ich würde dir nie eine falsche geben, mein Prinz.“

Ich glaube, dass ich ein neues Handy brauche, denn meins quillt langsam über. SMS über SMS: Prinzessin bist du wach? Prinzessin, ich vermisse dich! Prinzessin, du bist mir ans Herz gewachsen. Ich möchte dich wieder sehen, Prinzessin.

Er schreibt zu oft, das nervt mich ein wenig, und das geht mir eigentlich viel zu schnell zwischen uns! Jetzt hat er mich nach einem Date gefragt. Da hätte ich schon ganz schön Lust drauf. Aber das Date soll schon morgen sein!

Oh mein Gott! Was ziehe ich an? Wie trage ich meine Haare? Wie verhalte ich mich?

Es ist so weit, gleich treffen wir uns. Ich finde, ich sehe gut aus! Meine karamell-blonden, langen Locken, die geschminkten braunen Augen und mein Outfit, alles passt. Ich stehe vor dem Spiegel und sage: Ja, ich sehe gut aus!

Aber bis zu unserem Treffen sind es noch zwei Stunden!

Ich glaube, ich gehe zu Ilira, sie hat bestimmt Torte. Ich habe zu meinem Opa gesagt, dass ich weg gehe.

„Viel Spaß meine Schöne“, sagte er. Nach einer Stunde bei Ilira mache ich mich auf den Weg zu unserem Treffen.

Nicht aufgeregt sein, denke ich. Ich krieg das schon hin!

Da steht ER, oh nein, da fängt mein blödes Grinsen wieder an.

Ich gehe auf ihn zu und begrüße ihn mit einem Küsschen links und einem rechts. Smalltalk liegt ihm nicht so, seine Schüchternheit finde ich sehr süß, so wirkt er sonst gar nicht, der kleine Aufreißer.

Wir gehen spazieren und reden über alles, ich komme mir gerade vor, wie JD von Scrubs mit seinen Tagträumen. Ob ich auch so doof nach oben gucke? IHN werde ich auf jeden Fall nicht fragen. Es ist so kalt heute. Komisch, ich meine, wir haben Sommer. Naja, das macht nichts, denn er umarmt mich die ganze Zeit, streicht mir durchs Haar, über mein Gesicht, und es fühlt sich so an, als ob ich eine Tonne Steine in meinen Bauch habe.

Liebe? Oder habe ich was Falsches gegessen? Nach einigen Stunden bringt er mich zum Bus. Da, ist der Bus auch schon zu sehen, plötzlich dreht Daniel sein Cappy, lächelt mich an, guckt mir in die Augen, bückt sich, guckt meine Lippen an und gibt mir den schönsten ersten Kuss, den ich je bekommen habe. Ja, ich bin verliebt. Ich schwebe auf Wolke 7.

Später am Abend klingelt mein Handy schon wieder, es ist nur eine SMS und darin steht, dass er gedacht hätte, dass ich, seine Prinzessin, noch wach sein würde. Ich bin todmüde, ich antworte einfach morgen.

Die nächsten Tage sind wundervoll. Wir treffen uns, lachen viel, telefonieren bis um 4 Uhr in der Frühe. Ich habe mich verliebt! Und ER?

SMS-Ton? Schon wieder? Mal gucken, was er jetzt wieder geschrieben hat. Oh, mein Gott. 3 Worte, 12 Buchstaben, eine Bedeutung: ICH LIEBE DICH! Wow, und morgen haben wir wieder ein Date. Ich freue mich. Er macht mir Komplimente, muntert mich auf, bringt mich zum Lachen, hach er ist toll.

 

Dieses Mal begrüßt er mich mit einem langen Kuss! Egal, wie naiv das klingen mag, Daniel ist anders als meine Ex-Freunde! Er behandelt mich so, wie ich es verdiene! Ich habe mein Herz geöffnet und ihm geschenkt, und bei ihm ist es sicher. Er wird darauf aufpassen, ich weiß es.

Daniel hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Seine Eltern sind weggefahren und er hat das Haus ganz für sich allein. Gerade bekomme ich eine SMS von ihm.

„Wird bestimmt toll, mein Schatz!“

Er und ich im selben Raum ? Das kann nur toll werden. Ich muss nur noch meine Nägel machen, dann bin ich fertig. Rot oder pink?
Pink bedeutet: „Hi, ich bin ne süße Kleine, die gern Händchen hält“ und Rot: „Hi, ich finde dich einfach geil!“

Ja, ich bin für Rot! Ich muss gleich los, wir treffen uns beim Spielplatz, an meinem Lieblingsort in Russland.

„Opi, ich gehe los“, sage ich.

„Viel Spaß mein Kind, pass auf dich auf, ich liebe dich“, antwortet er mit seiner niedlichen, besorgten Art. Ob ich nun 17 oder 32 bin, ich werde meinen Opa immer ganz kitschig begrüßen und verabschieden, er hat doch nur noch uns. Heute lächelt die Sonne mich irgendwie an, jeder aus meiner Nachbarschaft ist gut drauf, es wird ein schöner Tag, das fühle ich. Ahaaa, da steht er auch schon auf der Treppe. Er küsst mich und nimmt meine Hand. Wir gehen ein ganzes Stück bis zu ihm. Zwanzig Minuten bestimmt. Da sind wir nun, in seinem wunderschönen kleinen Häuschen.

Ich ziehe meine Strickjacke aus, mir ist viel zu warm und schließlich soll ich mich ja wie zu Hause fühlen.

Er hat Pizza gemacht, und das ist gut, denn ich habe großen Hunger, ich konnte den ganzen Tag nichts essen vor Aufregung, aber ich fühle mich wohl, von der ersten Sekunde an.

Beim Essen beobachte ich ihn, er isst so süß!
Wie er die Pizza kaut, fasziniert mich und wie er danach die Cola trinkt, wow!
Alles klar, Sonja du drehst langsam durch, komm runter, er ist dein Freund und kein Gott.
Jetzt rede ich schon mit mir selbst, und mir ist so warm!
Er guckt mich an, während ich völlig verschwitzt meine Pizza in mich hinein stopfe.
„Wieso guckst du mich so an?“, frage ich ihn.
„Weil du wunderschön bist, mein Schatz“, antwortet er. Und dann sagt er: „Wollen wir in mein Zimmer gehen und einen Film gucken?“

Okay Sonja „Film gucken“ ist ein Synonym für rummachen!
Aber ich, ich bin doch völlig unerfahren. Bei ihm weiß ich es nicht, weil er schon zwanzig ist. Er steht auf und geht vor.
„Schatz, kommst du?“

Ich muss erst mal schlucken! Ich habe einen Riesenkloß im Hals.

„Ich komme Daniel“, antworte ich verunsichert.
Die Treppenstufen rauf zu seinem Zimmer kommen mir wie mehrere Kilometer vor.

Sonja, was sagst du? Wie sprichst du ihn darauf an? Mit einem eher lässigen Ton, als ob du sein Kollege wärst oder als schüchternes Kleinkind, das wissen möchte, ob er noch unbefleckt sei?

Fragst du ihn einfach, ob er schon Sex hatte? Sonja, wir sind gleich oben, beeil dich! Ich spreche schon mit mir selbst.

Oh mein Gott wir sind oben, er schließt auf.

„Setz dich auf die Couch, Herzblatt“, sagt er und grinst mich verdächtig an.
Ich sitze ganz schüchtern da, und er kommt auf mich zu und küsst mich ganz sinnlich. Was wollte ich ihn nochmal fragen? Hmm, egal.
Seine Lippen sind so weich, er riecht traumhaft, und seine Nähe zu spüren, fühlt sich gut an.
Mir ist schon wieder so warm, und das liegt dieses Mal nicht an meinem Outfit.

Er streicht mir übers Gesicht, von den Augenlidern, über meine Wangen bis hin zu den Lippen.

Seine Hand bleibt nur kurze Zeit in meinem Gesicht. Ich spüre sie an meinem Bein, er fängt wieder an mich zu küssen. Ich weiß nicht wieso, aber ich liege plötzlich, und er hat sich über mich gebeugt. Seine Lippen sind so fest an meine gepresst, wie nie zuvor.

Da zieht er plötzlich die Schublade seines Nachtschränkchens auf und holt etwas heraus, um es mir zu zeigen. Er lächelt ein bisschen unsicher.

Nein! Meine Befürchtungen werden wahr. Es ist ein Kondom.

Er will mit mir schlafen. Dafür bin ich noch nicht bereit!

Es wäre mein erstes Mal. Jetzt weiß ich auch wieder, was ich ihn fragen wollte. Ein Kuss ist eben die angenehmste Art und Weise, eine Frau zum Schweigen zu bringen.

„Stopp, Schatz“, es ist mir plötzlich rausgerutscht.
„Was ist denn los?“, fragt er mich ganz verwundert.

„Ich weiß nicht, ob ich das möchte.“

Er guckt mich an, und das einzige, was er sagt, ist: „Ich würde dich zu nichts zwingen, niemals, ich liebe dich viel zu sehr, und ich brauche das nicht!“

Nun traue ich mich zu fragen: „Hattest du schon dein erstes Mal, Daniel?“
„Ja.“
„Mit deiner Ex-Freundin?“
„Ich hatte nie Sex mit meinen Freundinnen, auch wenn es nicht viele waren.“
„Hmm, verstehe.“
Eine unangenehme Stille bricht an.
Nach circa fünf Minuten frage ich ihn: „Mit wem dann?“
„Du Schatz.. ich.. ich muss dir was sagen, versprich mir, dass du nicht sauer bist.“
Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.
„Schieß los“, ist das einzige, das aus mir rauskommt.
„Ich hatte Sex mit fremden Mädchen, und das immer, wenn ich betrunken war, nicht nur ich, die Mädchen auch. Es waren viele, um ehrlich zu sein, zu viele. Aber es war nicht von Bedeutung. Immer wenn ich auf Partys mit meinen Jungs war, waren auch viele Mädchen dort. Und dann ist es einfach passiert, das war nicht ICH, das war der Alkohol!“
„Aber du warst es, der diesen Alkohol getrunken hat, es lag in deiner Hand, Daniel.“

„Es tut mir Leid und so etwas werde ich sowieso nie wieder machen, weil ich dich liebe, weil ich mit dir glücklich bin, weil WIR zusammen sind.“
„Ich weiß, ich liebe dich. Und es ist gut, dass wir keine Geheimnisse voreinander haben.“

„Ja, das sehe ich auch so. Ich will dir auch noch was sagen, ich schreibe wieder mit meiner Ex, mit Vika, aber wir sind nicht mehr aneinander interessiert“, sagt er.

„Aber sie weiß schon, dass du in einer glücklichen Beziehung bist?“
„Ehm joa.. denk schon“, antwortet er.
Ich sage nichts.
„Es hat echt nichts zu bedeuten, Sonja.“
„Hmm..“
Er küsst mich auf die Stirn, ich tue so, als ob nichts wäre, aber meine Gedanken drehen sich nur noch um eins.

Er hat schon mit Mädchen geschlafen. Das ist nicht schlimm, aber schlimm ist, dass diese Mädchen nicht bei vollem Bewusstsein waren, und am nächsten Morgen in ihrem Zimmer aufwachten, ohne jede Erinnerung, nach einer Nacht mit einem fremden Jungen, völlig allein gelassen und ausgenutzt. Das ist widerlich!

Stopp, Sonja, sage ich mir. Das war alles vor unserer gemeinsamen Zeit. Was erwarte ich? Er ist schon zwanzig und hat seine Vergangenheit. Und er hat versprochen, dass es damit vorbei ist. Ich sollte nicht immer so pessimistisch sein.

Aber warum hat er mir plötzlich von seiner Ex-Freundin erzählt?

Heute Abend möchte ich allein gelassen werden.

„Gute Nacht Daniel und viel Spaß beim Film gucken.“
„Gute Nacht, mein Schatz“, sagt er bedrückt.

Völlig verwirrt gehe ich nach Hause. Dort renne ich sofort ins Zimmer und schließe leise die Tür, damit mein Opa nicht wach wird.

Aber.. aber warum, breche ich denn in Tränen aus?
Liegt es daran, dass er sich wieder mit Vika schreibt?
Ich hasse dieses Mädchen!!
Sie macht alles kaputt!

Oder sagt er ihr gar nicht, dass er mit mir zusammen ist?

Braucht er das für sein Ego, dass er sich mit anderen Mädchen schreibt?

Ich weiß nichts mehr!

Es klopft an meiner Tür.
„Moment, ich ziehe mich um.“
Ich wische meine Tränen schnell weg, aber bevor ich ein Taschentuch in die Hand nehmen kann, kommt Opa rein.
„Habt ihr euch gestritten?“

Ich breche in Tränen aus.

,,Opa, ich bin völlig verzweifelt er.. er… er hat Kontakt mit seiner Ex-Freundin, und er hatte Sex mit vielen Mädchen, ich weiß nicht, was ich …“

Er unterbricht mich.

„Stopp, stopp, stopp!“

„Rede mit ihm, sag IHM, was dich bedrückt! Und wenn er sich nicht ändert, ist er nicht der Richtige für dich!“

Ich höre ihm zu, sage aber nichts.

„Geh jetzt schlafen mein Kind, du bist müde und brauchst Ruhe, ich liebe dich, schlaf schön.“

„Nacht …“

 

Am nächsten Morgen schreibe ich eine SMS!

„Daniel, wir müssen heute reden, sei um 16 Uhr auf dem Spielplatz, Sonja“

Prompt kommt seine Antwort zurück.

„Geht nicht, ich treffe mich heute mit Vika.“

Darauf war ich nicht gefasst.

„Ist das dein Ernst, Daniel? Wenn das die Wahrheit ist, dann kannst du mich jedenfalls vergessen.“

„Wir sind sowieso nicht mehr zusammen. Ich dachte, du empfindest genauso.“

„Nein, Daniel, ich empfinde nicht genauso, denk noch einmal darüber nach, ich gebe dir noch eine Chance, melde dich spätestens morgen.“

Einige Stunden vergehen, und ich bin mit meinen Kräften völlig am Ende. Ich versuche ihn seit mehr als zwei Stunden anzurufen, aber er geht nicht an sein Handy. Das tut weh.

Endlich geht er ans Telefon. „Was willst du?“, sagt er.

„Daniel, was ist los mit dir? Wieso meldest du dich nicht, was habe ich dir getan?“

„Nerv mich nicht, du Kleinkind!“

Anscheinend bin ich jetzt ein Kleinkind, weil ich keinen Sex mit ihm hatte.

„Daniel merkst du eigentlich, was du mir antust? Gerade war ich noch dein Schatz und deine Prinzessin!“

„Das ist schon eine Ewigkeit her“, sagt er mit einem lächerlichen Tonfall.

„Aber ich verstehe das nicht. Das geht mir gerade alles zu schnell.“

„Sonja, du bist mir zu anstrengend, du rufst mich zu oft an und schreibst mir zu oft, möchtest mich jeden Tag sehen, und ich habe keine Zeit mehr für dich und außerdem gehst du doch sowieso wieder nach Deutschland!“

„Alles klar, Daniel, aber vergiss bitte nicht, das war allein DEINE Entscheidung, nicht meine!“

Ich lege auf und breche in Tränen aus.

Ich wünsche mir so sehr, dass er wieder der sein könnte, in den ich mich verliebt habe!

Ich mache mir tausend Gedanken, was ich falsch gemacht habe. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich fühle mich so leer.

Ich muss ihn vergessen. Egal wie sehr ich ihn vermisse oder mich etwas an ihn erinnert, ein Lied, ein Ort, ein Geruch oder eine Erinnerung.. Ich schaffe das!

Ein paar Stunden später denke ich: Jede Erfahrung macht mich stärker. Er war nicht mein erster Freund und wird nicht mein letzter sein. Aber er hat sich zu einem Fremden entwickelt. C’est la vie.

Ich habe dazu nur noch eins zu sagen:

„If you ever start to miss me, remember it were you, who let me go.“

Da steht plötzlich mein Opa in der Tür. In der Hand hält er eine Flasche. Eine von den Flaschen, die auf seinem Balkon stehen.

„Heute darfst du einen Schluck Schnaps trinken, mein Kind. Nur heute. Aber nicht, weil du traurig bist sondern, weil du darauf trinkst, wie schön eure Zeit war!“

 

Ich liebe meinen Opa!