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Der fremde Vater

von Soleicha Majeed

„Cassie, komm runter, das Frühstück ist fertig.“

Ich öffne langsam meine Augen, setze mich hin und sehe mir die Bilder von meiner Mutter und mir auf der Wand an. Eine wichtige Person fehlt auf den Bildern, mein Papa. Ich kenne ihn nicht, denn er ist schon vor meiner Geburt an einem Herzinfarkt gestorben.

„Ja, Mama, bin sofort da.“

Ich ziehe mich schnell an, mache das Bett, gehe ins Bad, putze meine Zähne und schaue mich im Spiegel an. Meine dunkelblonden lange Harre gehen mir bis zu meinen Ellenbogen. Ich habe kleine grüne Augen und bin das größte Mädchen in der Klasse. Was mich stört, ist meine Sattelnase.

Ich gehe runter in die Küche.

„Guten Morgen, Mama“

„Guten Morgen, Cassie, schön geschlafen Spätzchen?“

Es ist schon 7:40 und die Schule beginnt um 8 Uhr. Ich gebe meiner Mutter schnell ein Küsschen auf die Wange, schnappe mir mein Brötchen, stecke es in den Mund und renne zur Haustür.

„Ja Mama, tschüss, ich liebe dich!“, rufe ich  im Laufen.

„Cassie! Du musst ab morgen früher aufstehen, um alles in Ruhe zu machen. Pass auf der Straße auf “, ruft sie mir hinterher.

Das sagt sie, seit ich in die 5. Klasse gehe und nun gehe ich schon in die 11.te  und bin 17 Jahre alt.

Ich laufe zügig, damit ich nicht zu spät komme.

Weit entfernt sehe ich Samantha.

„Samantha! Warte auf mich“, schreie ich. Samantha ist meine beste Freundin, sie ist für  jeden Spaß zu haben.

Samantha bleibt stehen, fängt an, laut zu lachen und kriegt sich kaum wieder ein.

„Was ist? Warum lachst du?“ Ich bin irritiert.

„Cassie, du hast wirklich vergessen dein Oberteil zu wechseln, oder?“  Sie kichert dabei.

Ich gucke kurz auf mein Oberteil und merke erst jetzt, dass ich anstatt nach einem normalen Pullover nach einem neuen Schlafoberteil gegriffen habe. Ich muss lachen.

„Cassie, das ist mal wieder typisch, aber zieh einfach meine Strickjacke drüber.“

Auf dem Schulhof angekommen kommt uns Samanthas Ex-Freund entgegen.

„Bekomme ich kein Hallo?“, fragt Milad in einem provozierenden Ton und rempelt mich dabei an.

Wir gehen weiter, ohne ihn zu beachten.

„Ah, also wollt ihr mich ignorieren? Was für eine schlaue Idee, die kann aber sicher nicht von Samantha kommen.“

Samantha hat ihren Blick gesenkt. Dieser Spruch hat anscheinend gesessen. Es reicht mir jetzt.

„Was willst du, Milad? Willst du sie wieder oder warum kommst du jeden Tag mit solchen Sprüchen? Nur weil du der „beliebteste Junge“ aus der Schule bist, heißt es noch lange nicht, dass du so mit ihr umgehen kannst!“

Jeder starrt auf uns. Milad kommt auf mich zu. Ich stelle ihm ein Bein und er verliert das Gleichgewicht. „ Das bekommst du noch zurück, du Süße mit deiner Sattelnase“, zischt er.

Ich strecke ihm die Zunge, und Samantha und ich gehen in die Klasse.

„Danke, Cassie“

„Nicht der Rede wert, aber komm jetzt, wir sind schon zu spät!“

Schon bald öffne ich die Tür zum Klassenraum.

„Entschuldigung, dass wir zu spät sind Herr Rosen, wir mussten noch etwas klären.“

Herr Rosen kommt auf uns zu und sagt: „Samantha, du kannst dich setzen. Cassie, du kannst uns ja erklären, wer die „SS“ war, und was du über die Reichskristall-Nacht noch weißt.“

„Wenn Sie wissen, dass ich die Antwort nicht weiß, weshalb fragen Sie mich dann?“

„Cassie, geh auf deinen Platz!“

Ich gehe an meinen Platz ganz nach hinten und höre die Bemerkung von Lara:

„Warum passt sie nicht einmal in Gesellschaft auf?“

Hinten ist es immer noch am schönsten. Dort bemerkt der Lehrer nicht sofort, dass man miteinander redet. In allen Fächern bin ich sehr gut, außer in Gesellschaft, und das ist nicht meine Schuld, sondern die meines Hasslehrers Herrn Rosen. Vor einem Jahr in der Sekundarstufe, gab mir Herr Rosen in meiner Abschlussprüfung die Note 4, obwohl der zweite Prüfer mir eine 2 geben wollte. Ich passe jetzt auf im Unterricht.

„So Kinder, was bedeutet die Abkürzung SLU?“

„Super langweiliger Unterricht!“, rufe ich rein. Die Klasse fängt an zu lachen.

„Cassie, nach dem Unterricht kommst du bitte zu mir. Die Abkürzungsbedeutung für SLU ist Sociedad Limitada Unipersonal.“ Ab da höre ich nicht mehr zu. Nach dem Unterricht gehe ich zu Herrn Rosen.

„Cassie, was ist mit dir los. Andauernd bekomme ich negative Kommentare, die den Unterricht massiv stören.“

„Weshalb fragen Sie mich jedes Mal in Gesellschaft? Sie wissen doch, ich habe keine Antwort drauf. Das machen Sie doch mit Absicht. Sie mögen mich nicht!“

„Cassie.“

„Nichts Cassie, das ist die Wahrheit, und das wissen wir beide genau.“

Ich könnte platzen vor Wut, wieso tut er immer so, als ob er von nichts wüsste.

Herr Rosen hat mir eindeutig nichts mehr zu sagen. Ich nehme meine Sachen und gehe aus der Klasse zur Pause. In der Pause sitze ich mit Samantha auf einer Bank in der Pausenhalle und wir reden über alles Mögliche.

„Cassie? Hast du nach der Schule Zeit, ich muss mir unbedingt eine Lederjacke kaufen.“

„Tut mir leid Samantha, aber meine Oma kommt uns heute besuchen.“

„Kein Problem, dann morgen!“

„Geht klar.“

Die Schulstunden vergehen  Erst zwei qualvolle Stunden Gesellschaft, dann zwei Stunden Physik und zu guter Letzt zwei Stunden Deutsch, was relativ einfach ist.

„So, bis morgen habt ihr alle Seite 28 bearbeitet. Bis morgen!“ Frau Janfe kann ich ganz gut leiden, sie ist eine geduldige Person, was man bei mir nicht behaupten kann.

Auf dem Weg nachhause höre ich Musik und denke darüber nach, wie es wäre, wenn ich einen Vater an meiner Seite hätte. Ich fühle manchmal so eine innere Leere. Dann beobachte ich die Menschen, die ich sehe. Manchmal sieht man Menschen, wo man denkt: “Die sind nicht aus dieser Welt.“

Vor mir geht eine alte Dame, die lila Strähnchen hat, was ich persönlich ziemlich ungewöhnlich finde, für eine Frau um die sechzig, aber was sagt man doch gleich, man ist so alt wie man sich fühlt.

Oh, Oma ist schon da, ihr Auto steht hier. Ich muss sie überraschen. Zum Glück habe ich ihre Lieblingspralinen eingekauft. Ich gehe in unseren Hintereingang, damit Oma nicht weiß, dass ich schon da bin. Ich stehe jetzt im Wohnzimmer und höre Stimmen aus der Küche, ich schleiche mich dahin und will Mama und Oma erschrecken.

„Mein Kind, wann willst du Cassie denn die Wahrheit sagen?“

Ich bleibe sofort stehen. Was meint meine Oma damit? Ah, ich glaube, ich weiß es, Mama hat mir verboten auf ein Konzert von Chris Brown zu gehen, aber ich habe die Tickets schon in der Schublade entdeckt.

„Mama, du musst mich verstehen. Ich will es ihr nicht sagen. Nicht jetzt.“

„Da kann ich dich auch verstehen, mein Kind“

„Mama, ich werde es Cassie nie erzählen!“

„Willst du ihr das ganze Leben lang weiß machen das ihr Vater tot ist?“

Was meint sie? Hab ich das grade richtig gehört? Lebt mein Papa etwa?

In meinen Kopf sind zu viele Fragen, ich bin verwirrt.

„Ja, Mama, das hast du richtig erfasst. Sie denkt, ihr Vater ist seit ihrer Geburt tot, und dabei belassen wir es auch!“

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich dachte, meine Mutter und ich erzählen uns nur Wahrheiten. So hat sie mich aufgezogen, immer ehrlich zu sein, auch wenn es hart ist, und jetzt das?

„Cassie wird es nie erfahren, sprich bitte nicht mehr darüber Mama.“

Warum hab ich so etwas verdient? Meine eigene Mutter belügt mich seit 16 Jahren.

Ich muss mich beherrschen, mir wird übel, und zugleich spüre ich eine große Wut in mir, so wütend wie ich jetzt bin, war ich noch nie. Meine Mama lügt mich an, und hat es auch für immer vor.

Ich gehe langsam und bedacht in die Küche rein. Oma und Mama gucken mich erstaunt an.

„Spätzchen, seit wann bist du denn hier? Wir haben dich gar nicht kommen hören. Wie war dein Tag?“

Wie hält es meine Mutter aus, so zu tun, als ob nichts wäre?

Ich bin stumm und starre auf meine Mutter. Oma kommt auf mich zu und umarmt mich, ich drücke sie leicht zurück, so etwas kann ich jetzt nicht gebrauchen.

„ Spätzchen, was ist denn los? Hattest du einen schlechten Tag?“

„ Hm, Mama, was soll denn los sein? Sag DU es mir!“

Ich zittere.

„ Cassie, ich verstehe dich nicht, was soll denn los sein? Oma ist da und du benimmst du so eigenartig.“

„Ach, ich benehme mich eigenartig? Ich! Nein Mama, du bist diejenige, die sich seit 16 Jahren mir gegenüber eigenartig verhält! Du und niemand anderes!“ Ich gehe zum Küchentisch, und knalle meinen Rucksack drauf. „ Wie lange wolltest du diese Nummer abziehen, hä? Papa ist vor deiner Geburt an einem Herzinfarkt gestorben.  Du hast doch selbst mal gesagt: „ Alles kommt einmal raus, jedes Geheimnis, und du willst eine richtige Mutter sein?“

Meine Mutter hat ihren Blick zu Boden gesenkt, und meine Oma ist überrascht von meiner Reaktion.

„Cassie, du musst mich verstehen…“, sagt meine Mutter in einem ernsthaften Ton.

„Boah, Mama! Denkst du wirklich, ich muss oder will dich verstehen? Weißt du was, wenn du so mit mir umgehst, dann kann ich das schon lange! Ich schnappe mir meinen Rucksack, gehe in Richtung Haustür und schreie: „ Hasta la vista.“

Meine Mutter rennt aus der Küche und raus zu mir und ruft hinterher: „Cassie! Cassie du bleibst hier, komm wieder!“

Ich drehe mich nicht mal um, um ihr nochmal in die Augen zu sehen.

Ich bin sauer, enttäuscht und weiß nicht mehr weiter. Ich nehme mein Handy und rufe Samantha an: „Samantha?“

„Ja, Cassie, was ist, warum bist du so nervös?“

Samantha merkt alles bei mir, und ich bei ihr, ein Herz und eine Seele sind wir.

„Meine Mama, sie hat mich angelogen… Ist eine lange Geschichte, ich bin jetzt von zuhause weg, kann ich erst mal zu dir und bei dir bleiben?“

„Cassie, das ist keine Frage. Natürlich, komm schnell her und erzähle mir alles.“

„Ja danke, mache ich, bis gleich.“

Der Wind bläst und ein Schauer jagt mir über den Rücken bis runter zur Wirbelsäule. Meine Hände schwitzen, meine langen Haare stehen mir im Weg, eine Strähne bleibt an meinem Gesicht hängen, dort wo gerade eine Träne fließt.

Ich gehe um die Ecke und schon steht Samantha mit breit geöffneten Armen da.

Ich falle in ihre Arme „Warum? Samantha hast du eine Ahnung warum?“

„Cassie, ich weiß nicht mal genau, was vorgefallen ist, komm rein und erzähle mir alles in Ruhe.“

Wir gehen schnell in Samanthas Zimmer. Ihr Zimmer ist voll mit Möbeln und Postern von One Direction, Justin Bieber und Austin Mahone, ihre Wand ist lila und rosa. Auch wenn das nicht mein Stil ist, fühle ich mich bei ihr wohl. „Cassie? Erzähl, was ist passiert?“

Ich erzähle Samantha alles und spiele mit meinen Haaren, sie hört sehr aufmerksam zu und unterbricht mich nicht, sie ist genauso schockiert: „Nein Cassie, das kann ich aber nicht glauben! Deine Mama, ich dachte sie ist die ehrlichste Person, die ich kenne… Aber Cassie, Hand aufs Herz, deine Mama macht so etwas doch nicht ohne Grund, dass weißt du doch genauso wie ich, willst es aber nicht wahr haben, weil der Schock zu tief sitzt.“

„Samantha, du willst jetzt doch nicht meine Mutter in Schutz nehmen?!“

„Nein Cassie, aber du fragst dich ja genauso wie ich, warum? Warum hat sie es dir 16 Jahre verheimlicht. Warum hatte sie es vor, weiter zu verheimlichen?“

„ Samantha, weißt du, ich dachte immer, es gibt Familien, die perfekt sein können. Ich dachte, wir wären immer ehrlich zueinander, aber dann kommt so ein Schlag ins Gesicht! Weißt du, wie man sich fühlt? Enttäuscht, traurig, sauer…. Meine eigene Mama! Oma hat ja noch zu ihr gesagt, sag es ihr, aber weißt du was sie meinte? Sie meinte eiskalt: Nein!“

„Cassie, wir können noch Stunden lang darüber diskutieren, es führt zu nichts. Ich bin erstmal für dich da!“

Samantha hat so ein großes Herz, sie ist immer so hilfsbereit.

„Danke, Danke für alles. Was wäre ich bloß ohne dich?“

„Nichts?“, antwortet Samantha mit einem kleinen, frechen Grinsen.

Ich fange an zu lachen, und sie lacht mit mir, genau deswegen mag ich Samantha so sehr, egal wie schlimm die Situation ist, sie kann mir immer ein Lachen in mein Gesicht zaubern.

Es klopft an der Tür. Wer ist das Samantha? Wenn es meine Mutter ist, mach nicht auf!“

„Cassie, relax, das sind meine Eltern. Sie waren einkaufen.“

Ich stehe vor Samanthas Zimmer und warte, bis die Eltern vorbei gehen, damit ich ihnen Hallo sagen kann. Samantha scheint viel zu erzählen zu haben, sie reden immer noch vor der Tür. Jetzt kommen sie.

„Hallo Cassie, schön dich wiederzusehen, ich hab gehört, zuhause läuft es nicht ganz? Na dann wollen wir doch hoffen, dass sich das schnell wieder legt. Bleib gerne, so lange du willst.“

„Hey Frau Kurt, danke, aber ich will meine Mama nicht mehr sehen! Sie ist widerlich.“

Der Vater von Samantha schaut mich entsetzt an: „Cassie so etwas dulde ich nicht in meinem Haus, sprich doch bitte ordentlich über deine Mutter.“

Samantha zieht mich in ihr Zimmer und sagt: „Cassie du weißt, dass mein Papa nicht tolerieren kann, wenn man so über die Mama spricht. Er legt sehr viel Wert drauf. Versuch dich in seiner Gegenwart zu beherrschen, sonst kommt er wieder mit seinen Belehrungen. Nimm es mir nicht übel“

„Ach, schon okay.“

Den ganzen Abend rede ich Samantha voll über meine Gefühle, bis sie einschläft. Ich bin wach und gucke in die Dunkelheit. Ich denke nach, wir Menschen teilen uns alle die Sonne, den Mond, aber warum teilen wir nicht alle die Liebe zu einem Gott?

Ich hab schon so viele Fragen in meinen Kopf, weshalb diese Frage jetzt auch noch in meinen Kopf rumfliegt weiß ich selber nicht, bestimmt, weil mein Opa sehr gläubig ist. Meine Augen schließen sich langsam, und ich schlafe ein.

„Cassie! Cassie! Cassie steh auf!“

Meine Augen sind weit aufgerissen, und ich bin voll geschwitzt. Ich hatte einen sehr unruhigen Traum.

„Cassie? Ist alles okay? Du hast geschrien und dich im Schlaf geschlagen.“

Mein Atem ist schnell und ich antworte stöhnend: „Ja, ich hatte einen Albtraum, der war so realistisch. Ich weiß nicht… Ich bin nur ein wenig verwirrt“

Samantha starrt mich immer noch erschrocken an „Cassie, ist wirklich alles gut? Was hast du geträumt?“

Ich stehe sofort auf, zieh über meine Schlafhose meine Jeans an, schnappe mir rasch meine Jacke und renne zur Haustür. „Cassie drehst du jetzt völlig durch? Wo willst du hin! Es ist 6 Uhr morgens!“, schreit Samantha hinterher und verfolgt mich bis zur Haustür, schnappt meinen Arm und stellt mich zur Rede. „Samantha jetzt nicht! Ich erkläre es dir später!“

„Was willst du mir erklären? Du hast dich eben im Schlaf geschlagen und rennst jetzt raus? Was gibt es da zu erklären?“

Ich lächele sie kurz an, damit sie sich keine Sorgen macht.

„Dein Lächeln ist falsch Cassie! Du kannst mir nichts vormachen.“

Ich drehe mich um, mein Blick ist zur Straße gerichtet und ich renne, so schnell ich kann. Die Ampel ist rot, das fehlt mir noch. Nach links und rechts gucken und rasch über die Straße laufen.

„Cassie!“

Ich gucke schnell nach rechts und sehe Milad mit seinem Motorrad genau auf mich zu rasen, ich kann mich nicht bewegen, ist das nun mein Ende?

Er macht eine harte Bremsung nach links und fällt hin. Mein Herz bleibt stehen, und ich erstarre.

„Milad!“ Er liegt auf dem Boden.

„Bist du völlig übergeschnappt? Ich glaube, dir geht es echt nicht mehr gut! Beinahe hätte ich dich angefahren.“  Seine Stimme ist laut, und er schaut mir tief in die Augen mit voller Wut.

„Das war nicht meine Absicht, also reg dich mal ab!“, schreie ich zurück.

„Ach Cassie, geh weg.“

Ich sehe an seinem Kopf eine Platzwunde und verstumme.

„Milad, Milad! Es tut mir leid, dass wollte ich nicht.“

„Cassie, ich muss dir etwas sagen, ok?“

Ich bin gespannt, ah nein! Ich muss weiter.

„Milad, nichts ist ok. Ich muss weiter.“

Milad guckt mich entsetzt an.

„Ja, dann geh….“

Während ich laufe, denke ich darüber nach, was Milad von mir wollte oder mir sagen wollte.

Ich bin da.

Ich gehe langsam weiter, mein Herz rast mit jedem Schritt, schneller und schneller.

„Cassie? Cassie! Spätzchen, ich bin so froh, dass du wieder da bist!“

Tränen füllen die Augen meiner Mutter und fließen langsam ihre Wangen hinunter.

Ich streiche ihre Tränen weg und nehme sie in die Arme.

Sie weint so wie das Brodeln im Topf mit heißem Wasser.

Ich lege meine Hände auf die Schultern meiner Mutter und erkenne erst jetzt, dass ihre Haare ihr bis zum Becken reichen. Sie hat goldig blonde Haare, ihre Augenfarbe ist einzigartig, sowie sie selbst, blaubraune Augen, sie sieht aus wie ein Schutzengel. Mein persönlicher Schutzengel.

„Spätzchen, es tut mir leid. Warum bist du so verschwitzt und außer Atem?“

Der Wind bläst und unsere Haustür öffnet sich weit.

„Mama, ich hatte einen sehr realistischen Traum, es war schrecklich. Du wurdest entführt, von Gangstern geschlagen…“ Mein Traum ist wieder vor meinen Augen, ich mache eine kurze Pause.

„Ich musste mir einfach im Klaren sein, dass alles mit dir in Ordnung ist.“

Zwischen meiner Mutter und mir ist die Sache noch ein wenig angespannt.

Meine Mama tritt einen Schritt zurück, geht ins Haus rein.

Ist sie noch sauer auf mich, dass ich weggerannt bin?

„Spätzchen? Wartest du nun auf die Gangster? Nun komm schon rein.

Das war nur ein Traum, Spatz, mach dir kein Kopf darüber.“

Meine Mama hat ein Grinsen auf ihrem Gesicht, während sie spricht.

Ich bleibe an der Türschwelle stehen, unsere Türschwelle ist grün gestrichen, „Mama, sagst du mir jetzt, weshalb du mir verheimlichst hast, dass ich einen Vater habe, der noch lebt?“

Keine Antwort.

„Mama?“

Immer noch keine Antwort. Ich gehe in die Küche und sehe, wie meine Mama am Tisch sitzt und konzentriert nachdenkt. In ihrer rechten Hand hat sie einen Kugelschreiber und zeichnet auf die linke Hand. Das tut sie immer, wenn sie etwas aus dem Weg gehen will.

„Nein! Sage ich nicht und werde ich auch nicht. Komm bitte auch nicht mit wenn und aber. Ich hab nicht die Kraft jetzt noch zu diskutieren.“

Typisch, sie geht allem aus dem Weg, wenn sie merkt, dass es nicht so läuft, wie sie will.

„Naja, dann nicht! Ich gehe hoch in meinen Zimmer.“

Sie bleibt still, was erstaunlich ist, denn sonst ruft sie mich immer zurück.

In meinem Zimmer angekommen, lege ich mich in  mein Bett und schlafe ein.

Ich springe sofort auf, als das Telefon klingelt.

„Hallo?“

„Cassie! Ich bin es, Samantha. Ich habe dich die ganze Zeit versucht auf dem Handy zu erreichen, bis ich gemerkt habe, dass du es hier vergessen hast. Wie geht es dir? Was ist denn passiert?

Deine Mama hat heute Morgen schon angerufen und mit meiner Mama telefoniert, deshalb weiß ich, dass du wieder Zuhause bist. Ich weiß es ist ziemlich früh, aber wir müssen ja sowieso zur  Schule.“

Ich blicke auf die Uhr an meiner Wand, es ist früh am Morgen.

„Samanth, du spinnst. Ich erkläre dir alles in der Schule und sei um 7:45 Uhr an der Bushaltestellenecke.“

Ich fange an zu lachen und sie lacht mit am anderen Ende des Telefonats.

„Cassie?“ flüstert Samantha.

„Ja?“

„Schlaf noch etwas, ich kenne dich. Zu wenig Schlaf und du wirst verrückter als du sonst bist.“

Meine Augen werden wieder schwer und ich schlafe ein.

„Cassie! Aufstehen, ich glaube du hast vergessen, deinen Wecker zu stellen.“

Oh nein, nicht schon wieder, aber das war ja klar, so verplant wie ich, ist kein Mensch.

Ich stehe vor meinem Kleiderschrank und dieses Mal achte ich genau darauf, wonach ich greife.

Eine schwarze Leggins und ein langes Top, darüber meine Lederjacke und alles sitzt perfekt, schnell meine roten Chucks dazu und fertig.

„Guten Morgen, Mama.“ Eigentlich gebe ich meiner Mama immer nach dem Aufstehen ein Küsschen.

Heute lasse ich es zum ersten Mal aus, denn jetzt kann ich es noch nicht tun.

Vielleicht nach der Schule, wenn sich meine Laune verbessert hat.

„Guten Morgen Spätzchen? Was ich sagen wollte ist, dass ich diese ganze Woche von 12 Uhr bis 22 Uhr arbeiten muss. Das heißt, das Mittagessen musst du dir nach der Schule selber machen, aber du bist ja schon alt genug.“

„Geht klar, ich muss dann auch mal los, sonst komm ich wieder zu spät. Tschüss.“

Hab dich lieb, hab ich noch geflüstert, so, dass sie es nicht hört.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle fällt mir auf, dass wir in den letzten beiden Stunden Gesellschaft haben.  Horror.

Ich sehe, wie Samantha von hinten mit großen Schritten angerast kommt.

„Hey na, wie geht’s dir?“

 

Auf dem Weg zur Schule erkläre ich ihr alles von meinem Traum bis dahin, was heute Morgen passiert ist. An der Schule angelangt sehen wir Herrn Rosens Auto und rennen, damit wir pünktlich ankommen.

Ich mache mich auf Gesellschaft gefasst und setze mich hinten hin.

„Guten Morgen liebe Schülerinnen und Schüler.“

Ich hab mich überhaupt nicht auf den Unterricht konzentriert, bis Herr Rosen vor mir steht.

„Cassie, du komm doch mal nach vorne, ich muss mit dir reden.“

Was will dieser Idiot jetzt schon wieder von mir? Was mir immer wieder auffällt und worüber ich jedes Mal aufs Neue darüber lachen muss: Herr Rosen hat vorne keine Haare, nur an den Seiten, aber dieses Mal reiße ich mich zusammen, damit er nichts mitbekommt.

„Nun ja, Cassie, ich hab mir gedacht, dass du einen  Lernpaten bekommen solltest, damit du dir deinen Notendurchschnitt nicht wegen Gesellschaft versaust. Er ist der beste Schüler in Gesellschaft, und er kann dir wirklich weiter helfen.“

„Hm, ok, aber wer ist dieser Schüler denn?“

Herr Rosen grinst breit und sagt: „Ob du es glaubst oder nicht, aber es ist Milad!“

„Was Milad? Ausgerechnet er soll mir helfen? „Cassie, bitte nehme die Sache ernst, er kann dir helfen. Milad wartet im Nebenzimmer auf dich.“

„Dankeschön, Herr Rosen.“

Ich  gucke  ihn genervt an und gehe aus der Klasse.

„Cassie? Was wollte Herr Rosen schon wieder von dir?“

An der Klassentür angelangt bleibe ich eine Weile aus Angst vor dem Treffen mit Milad vor der Tür stehen. Ich drücke langsam die silberne Türklinke runter und sehe Milad vorne rechts sitzen.

„Hallo.“ Mehr kommt nicht von mir.

„Hey Cassie, komm setzt dich zu mir.“

Wie spricht denn Milad auf einmal? Sonst hat er doch immer diese „Gangstersprache“ drauf, aber vielleicht nimmt er das jetzt ernst. Ich setzte mich neben Milad, schaue ihm in seine dunkelbraunen Augen, die, wenn die Sonne scheint, hellbraun strahlen. Seine Haare sind wieder ein bisschen kürzer als das letzte Mal, als ich ihn sah. Seine Eltern sind aus Afghanistan, aber er ist in Bingöl in der Türkei geboren. Vorne rechts an seinen Haaren hat er immer eine kleine Welle. Milads ist groß und schlank. Er hat sehr schöne große Augen, in die man sich verfängt. Man sieht eine andere Person, als er in Wirklichkeit ist.

Was mir immer wieder auch auffällt, ist, dass er einen sehr guten Style hat.

„Milad? Ich weiß, die Situation ist für uns beide nicht grade die schönste und unangenehm, aber wir müssen es, so komisch es auch klingt, hinbekommen, miteinander auszukommen.“

Milad schaut mich fragend an.

„Warum bist du so nervös Cassie? Ist alles ok mit dir?“

Nervös, wie kommt er bloß darauf?

„Cassie, schau mal auf deine Hände!“

Meine Hände sind pitschnass. „Kommen wir mal zum grundlegenden Thema“, sagt Milad. „Ich möchte dich auch nicht weiter aufhalten, sag mal, wann und wo hast du immer Zeit?“

„Äh, also ich hab jetzt die ganze Woche Zeit, und du?“

„Ist gut, dann lernen wir also diese ganze Woche über Gesellschaft, damit du die nächste Arbeit sehr gut schreibst.“

Ich kann es immer noch kaum fassen, warum ist Milad auf einmal so anders?

„Ja, geht klar, wir gehen nach der Schule direkt immer zu mir und lernen, wäre das Ok für dich?“

„Geht klar, dann fangen wir heute damit an, oder?“

„Ja, aber warum hilfst du mir jetzt auf einmal und bist so nett?“

„Das spielt keine Rolle“ antwortet er knapp.

Wir stehen auf und machen uns auf den Weg zu mir nachhause.

Milad geht ganz eigenartig, er tritt nicht zuerst mit den Fersen auf, sondern mit den Zehen.

Wir reden den ganzen Weg über nicht. Vor meiner Haustür angelangt, zieht Milad seine Schuhe aus.

„Du kannst deine Schuhe anlassen.“

Doch er zieht sie nicht wieder an.

„Sind deine Eltern nicht zuhause? Ich möchte ihnen gerne Hallo sagen.“

„Nein…“ Mein Blick geht zum Boden, und ich lasse meine Schulter hängen.

„Stimmt was nicht?“, fragt mich Milad.

„Ja! Es stimmt vieles nicht, aber das ist nicht dein Problem. Hast du Hunger?“

Er fängt an zu lachen und zeigt auf seinen Bauch, der so laute Geräusche macht, dass man seinen Hunger nicht überhören kann.

Er setzt sich an unseren Esstisch und schaut sich genau um.

Ich mache Nudeln mit Tomatensahnesoße und es gibt Schokoladenpudding als Nachtisch.

„Danke fürs Essen“, sagt Milad. „Es war echt lecker. Ich habe lange nicht mehr so etwas Leckeres gegessen, seitdem meine Mama tot ist.“

Ich bleib in meiner Bewegung stehen. Er hat seine Mutter verloren?

„Tut mir leid für dich.“

„Ach, schon Ok. Ist ja nicht deine Schuld, das war Schicksal und man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Ich würde alles anders machen. Einfach alles, Mütter sind die wertvollsten Menschen, die es gibt.“

Diese Worte haben mich echt ins Herz getroffen, wie Recht er doch hat.

„Milad? Kommst du mit hoch, ich muss mein Gesellschaftsbuch suchen. Ich hab es nämlich nie aufgeschlagen.“

Milad folgt mir, bleibt aber vor meiner Zimmertür stehen.

„Komm ruhig rein und hilf mir!“

„Ich finde es hier einfach nicht!“

Ich hab mein ganzes Zimmer durchwühlt, aber es ist einfach nicht da.

„Vielleicht ist es unter deinem Bett?“

Milad bückt sich und schaut unter meinem Bett nach.

„Und hast du was gefunden? Ich wette nicht!“ Ich setze mich auf den Boden.

„Nein, nichts.“ Milad setzt sich still neben mich und betrachtet meine Wand mit den Bildern.

„Es sind ja nur Bilder von deiner Mama und dir an deiner Wand.“

„Mensch Milad! Ich verzweifle grade und du schaust nur blöd meine Wand an.“

Er fängt an zu lachen und sagt: „Hey, warte, wieso beschimpfst du mich andauernd?“

Milad scheint sehr gut drauf zu sein im Gegensatz zu mir.

„Tut mir leid, aber so bin ich halt.“ Ich strecke meine Zunge raus und fange an, ein wenig zu kichern.

„STOPP!“

Ich springe sofort auf, renne durch die Tür, renn schnell nach unten zur Schublade, öffne sie und hole einen Schlüssel raus.

„Cassie?“  ruft Milan die Treppe runter. „Ist alles ok?“

„Ja, nur mir fällt auf, das wir neulich aufgeräumt haben und ich meine Sachen, die ich nicht wirklich brauche, in einen Karton gelegt habe. Wahrscheinlich ist mein Gesellschaftsbuch dort drinnen.“

„Du bist schon eigenartig“ sagt Milad und schaut mich mit einem Grinsen an.

„Komm einfach bitte mit mir hoch.“

Ich gehe schnell an ihm vorbei und weiter die Treppen hoch und stehe vor der Tür zu unserem Dachboden.

„Milad? Kommst du nun mit?“

„Warum? Hast du etwa Angst, Cassie?“

Als ob ich Angst hätte, ich werde es ihm zeigen. Ich mach die Tür mit dem Schlüssel langsam auf und gehe die Treppe hoch. Ich öffne die nächste Tür und stehe im Dunkeln.

„Mensch, wo ist das Licht?“, flüstere ich.

„Hier!“ Und Milad hat das Licht angemacht.

„Bist also doch mit nach oben gekommen?“ Ich freue mich ein wenig, aber ich lasse es mir nicht anmerken.

„Ja klar, ich will ja nicht, dass du hier erstarrst vor Angst“

„Na dann, such einfach einen Karton.“

Milad geht nach hinten in die Ecke und sucht. Ich bleibe vorne und schaue hier, ob ich meinen Karton finde.

„Cassie? Du sagst ich soll einen Karton suchen, aber hier stehen ja mehr als hundert Stück!“

ruft er von hinten.

Ich muss lachen.

Ich höre Milads Gelächter von hinten und muss noch mehr lachen und kann mich kaum wieder einkriegen.

„Cassie ist dein Papa ein FC Bayern München Fan?“

Ich zucke zusammen. Er hat das Wort „dein Papa“ gesagt, so was höre ich sonst nie.

Ich gehe schnell zu Milad, hocke mich neben ihn hin und schaue mir die Fan-Artikel an.

Der Karton ist randvoll von Fan-Artikeln; Tassen, Feuerzeug, Mütze, Schal, Würfel, Sticker und ein Briefumschlag. Wem gehören diese Sachen denn?

„Cassie, kriege ich heute noch eine Antwort?“

„Nein und ja“, antworte ich knapp und schaue mir denn Briefumschlag genauer an.

Weiß und blau ist der Umschlag wie die Farbe von FC Bayern München.

„Also im Ernst, Cassie dich zu entschlüsseln ist echt schwer. Du bist ja geheimnisvoller, als ich dachte.“

Ich höre Milad nur halb zu und öffne den Umschlag. Ich muss wissen, was da drin ist.

Fotos!

„Lass mich mal schauen Cassie!“ Milad scheint sehr neugierig zu sein.

Er reißt mir die Fotos aus den Händen, obwohl ich nicht mal genau gesehen habe, was drauf ist.

„Mensch Milad! Lass mich auch gucken.“

„Wer ist dieser dicke Mann in der Kneipe?“

Ich schaue mir das Foto genauer an, man erkennt einen etwas dickeren Mann mit braunen Haaren, der in einer Kneipe sitzt. Anscheinend in einer „Fan-Kneipe“, denn überall sind Fan-Artikel.

Der Mann sitzt vorne an der Bar, sein Hocker ist schwarz und alt. Die Kneipe sieht alt, aber gemütlich  aus. Der Mann lächelt in die Kamera. Er scheint glücklich zu sein. Ob er groß ist, kann man schlecht auf dem Foto sehen, denn er sitzt ja.

„Ist das dein Papa Cassie?“

„Ich weiß es nicht. Ist das nicht schlimm, ich weiß wirklich nicht, wie mein Vater aussieht.“

„Du weißt es nicht? Cassie, geht’s dir gut? Ich glaube, du spinnst.“ Milad fängt an zu lachen.

„Milad, denk doch nicht immer gleich, dass ich spinne oder so! Du kannst Menschen nicht einfach so beurteilen, wenn du nicht weißt, was in der Vergangenheit geschehen ist.“

„Tut mir leid, aber man denkt, du kennst deinen Vater nicht, weißt du, was ich meine?“

„Milad, das ist ja der Punkt, ich kenne ihn nicht. Ich dachte, er ist tot. Meine Mama hat mich die ganzen Jahre angelogen. Du fragst dich jetzt genau wie ich: Warum? Darauf hab ich auch keine Antwort. Puh, jetzt ist endlich alles raus!“

Ich erzähle Milad alles, während wir das Foto immer noch betrachten.

„Aber Cassie, dann kann dieser Mann ja dein Vater sein!“

„Kann sein, aber auch nicht. Warum sollte meine Mama es hier einfach hinstellen.“

Zum Gesellschaft lernen kommen wir heute nicht mehr. Ich begleite Milad bis zur Bushaltestelle und bin nun wieder auf dem Weg nachhause. Milad meint, ich soll meiner Mutter das Foto zeigen und sie fragen, wer das ist.

Zuhause angekommen merke ich, dass meine Mama schon da ist. Sie ist im Bad.

Ich schnappe mir das Foto und gehe hinein.

„Hallo Spätzchen, na wie war dein Tag? Hast du gegessen?“

„Hey, ja, alles gut bei dir?“

„Auch Spätzchen, bisschen anstrengend.“

Unser Badezimmer ist groß und in einem blauen und lila Ton gestrichen.

Meine Mutter steht vor dem Spiegel, der größer ist als alle anderen Spiegel bei uns hier im Haus.

Ich beobachte meine Mutter vom Spiegel aus.

„Spatz, warum starrst du mich so an?“

„Ach nur so, aber eigentlich wollte ich dich was fragen. Wer ist das?“

Ich lege das Foto auf das Waschbecken und beobachte sie jetzt genau im Spiegel.

Sie schaut sich das Bild an, schließt kurz ihre Augen und sagt:

„Spätzchen, als erstes: Wo hast du eigentlich das Bild her? Das ist ein alter Schulkamerad, er heißt Olaf. Er war ein sehr großer FC Bayern München Fan. Was dachtest du denn?“

Meine Mutter sagt die Wahrheit, denn wie sollte sie es schaffen, so gefasst zu sein, wenn das mein Vater wäre?

„Ich dachte, ach du weißt schon was… Das Bild hab ich vom Dachboden, ich habe mein Gesellschaftsbuch gesucht, und dann bin ich zufällig auf die Kiste gestoßen“

Nun schaut meine Mutter kurz traurig, merkt aber, dass ich sie beobachte und lächelt.

„Spätzchen, es ist schon spät, möchtest du nicht langsam ins Bettchen gehen? “Möchtest du mich etwa loswerden?“

Wir fangen an zu lachen, und ich bereite meiner Mama und mir einen heißen Kakao zu, bevor ich schlafen gehe.

 

Am nächsten Nachmittag bin ich mal zur Abwechslung bei Milad.

Er wohnt nur 15 Minuten zu Fuß von mir entfernt. Er wartet auf mich bei der Bushaltestelle, dort angekommen sehe ich Samantha.

„Cassie? Was machst du denn hier?“

„Ich ähm, also ich gehe lernen.“ Ich lüge Samantha ja nicht an. Ich habe ihr von Milad und mir nichts erzählt, weil es ihr Ex-Freund ist, und sie sich gegenseitig hassen, was bei mir eigentlich auch der Fall war.

„Bäh, Milad kommt auf uns zu!“

Ich drehe mich schnell um, damit ich Milad einen Hinweis geben kann.

Zu spät.

„Hey Cassie, tut mir leid, dass ich zu spät bin“

Nun stehe ich genau zwischen Samantha und Milad und weiß nicht, was ich sagen soll.

„Ach Cassie, du hast mir überhaupt nicht erzählt, dass Milad dein Nachhilfelehrer ist…“

Samantha hat diesen einen Blick drauf, der heißt, sie ist enttäuscht und sauer.

„Ähm…“ Es kommt einfach nichts aus mir heraus.

„Cassie? Kommst du jetzt zu mir oder möchtest du hier Wurzeln schlagen? Naja, ich geh jetzt“, sagt Milad.

Ich folge ihm einfach und lasse Samantha wortlos stehen.

Wir stehen vor einem Hochhaus. Es sieht ein wenig heruntergekommen aus und ist sehr alt.

Mir kommt es hier beängstigend vor, ich trete ein Schritt zurück, Milad hat das anscheinend bemerkt.

„Fühlst du dich so unwohl hier? Cassie tut mir leid, dass ich dir nicht viel bieten kann. Kommst du nun mit rein? Oder glaubst du etwa, ein Gangster kommt gleich aus der Ecke und tötet dich? “

Milad ist sauer auf mich, er hat nur durch meinen Gesichtsausdruck bemerkt, was ich von dem Ort hier halte.

„Milad, es sollte nicht so rüberkommen. Tut mir leid.“

Er ignoriert mich und geht rein, ich komm ihm schnell hinterher.

„Was meinte deine Mama zum Bild?“, fragt mich Milad, als wir im Fahrstuhl sind. In der  9. Etage wohnt er.

„Ach, da gibt’s nichts zu sagen, das ist ein alter Klassenkamerad…“

In seiner Wohnung angekommen erscheint alles ganz schön und sehr modern.

Es sieht alles so gepflegt und sauber aus. Hier fühle ich mich ja fast wohler als zuhause.

„Nicht erwartet?“, fragt mich Milad und lächelt.

Er schaut mich auf einmal fragend an: „Cassie, gib mir mal nochmal das Bild“

Er starrt das Bild eine ganze Weile an, springt dann auf und sagt:

„Cassie, das kann nur dein Vater sein, schau mal, er hat die gleiche Nase wie du!“

Milad fängt an zu lachen, anscheinend findet er es lustig, dass wir dieselben Nasen haben. „Cassie, deine Mutter lügt von vorn bis hinten, das kann nur dein Vater sein.

Du hast seine Nase, wieso ist mir das nicht gleich aufgefallen?“

Hat Milad vielleicht Recht? Ist dieser Mann auf dem Bild wirklich mein Vater?

Lange überlegen bringt mich jetzt auch nicht weiter.

„Milad, weißt du, wo die Kneipe auf dem Bild ist?“

Milad guckt irritiert und hat jetzt vermutlich gecheckt, was ich will:

„Ja, das müsste nicht ganz so weit weg von hier sein, aber ich weiß es nicht genau.“

Heute spielt Bayern gegen Dortmund im Championsfinale. Wenn er immer dahin geht, ist er heute garantiert da, sagt Milad.

Und weg ist er.

Ich stehe langsam auf und mein Herz pocht, ich hab ein mulmiges Gefühl, ob mein Leben sich heute ändern wird.

 

Wir gehen raus aus der Wohnung, Milad hat ein Motorrad und einen Helm bei sich.

„ Na, bin ich nicht cool?“

„Ja, ja du bist der Coolste… Gehört wohl deinem Vater oder? Übrigens, dein Handy hat geklingelt, du hast wohl eine SMS bekommen.

Das Motorrad gefällt mir optisch sehr gut. Ich gebe Milad mein Handy, damit ich es weiter betrachten kann. „Hier lies doch mal meine SMS.“

„Cassie, mein Motorrad gefällt dir, stimmt´s? Bonneville, der wohl berühmteste Name in der Motorradwelt. Eine Legende 17-Zoll-Leichtmetallfelgen für noch präziseres Handling.

Sie geht ans Herz, nicht ans Geld.“

„Milad, so genau wollte ich es eigentlich nicht wissen, du machst ja voll die Werbung nun lies die SMS vor.“

„Die SMS wird dir nicht gefallen…“ Sagt Milad und liest es laut vor:

„Hey Cassie, ich hätte nie von dir gedacht, dass du mit Milad so eng befreundet wirst, er ist dir ja wichtiger als ich… Na dann geh mal zu ihm.

Will jetzt im Moment nichts mehr mit dir zutun  haben. Samantha“

Das ist wie ein Schlag ins Gesicht. Hat sie da eben mit mir den Kontakt abgebrochen?

Ich stehe still neben dem Motorrad.

„Milad, kommst du noch oder willst du dort bleiben und die Ganzheit auf mein Handy starren?“

Milad gibt mir seinen Helm ohne einen Mucks zusagen, anscheinend hat er Schuldgefühle weil Samantha wegen ihm mit mir den Kontakt abgebrochen hat.

Ist hart, aber fair. Ich kann sie verstehen, aber sie muss sich erst einmal beruhigen.

„Milad, wo ist dein Helm?“

„Cassie, deine Sicherheit ist mir wichtiger als meine. Nun sag nichts dazu, setz dir jetzt den Helm auf und ab geht’s!“

Milad steigt auf sein Motorrad und ich setze mich hinten hin und umklammere seinen Bauch.

Was mir wieder auffällt ist, dass er Bauchmuskeln hat. Die spüre ich total gut, da ich mich so fest umklammert habe.

Wir kommen immer näher an das Ziel.

Auf dem ganzen Weg reden Milad und ich über alles Mögliche und vergessen, dass wir uns eigentlich nicht leiden können.

„Wir sind da!“, sagen wir beide gleichzeitig.

Die Kneipe sieht von außen alt und abgeschrotet aus, die muss Jahrzehnte alt sein.

Wir steigen ab und stehen vor der Tür.

Mein Blick geht sofort auf den Türrahmen „Das ist erstaunlich…“

Ich fasse den Rahmen an und fange an zu lächeln.

„Kannst du deinen Satz auch zu Ende bringen, Cassie?“

„Ja kann ich, muss ich aber nicht!“ Ich strecke ihm die Zunge raus.

„Naja, ich sage es dir, weil du ja sonst rumheulst den ganzen Tag.

Der Rahmen ist grün wie bei uns.“

Milad hat anscheinend nicht verstanden, weshalb ich erstaunt bin.

„Cassie, geh doch rein, oder willst du eine Extraeinladung?“

„Ja, die will ich!“

Milad stupst mich zur Seite und geht zuerst rein, wie immer folge ich ihm schnell.

„Langsam wird es zur Routine, dass ich dir jedes Mal folge.“ Wir beide fangen an zu kichern.

Jetzt gehe ich vor Milad. Die Kneipe ist nicht all zu groß, aber sie ist randvoll. Überall sitzen Männer, egal wo du hinschaust. Kein Stuhl ist frei, einige stehen sogar.

Es ist sehr laut und viel Gebrüll. An der Bar ist eine etwas ältere Dame, die sehr glücklich zu sein scheint mit ihrem Job.

Das Spiel hat schon angefangen und die Stimmung hier ist nicht so schön, da es scheint, als ob Borussia Dortmund gewinnt, aber es steht noch alles offen.

„Cassie!, Cassie!“

„Milad, schrei mir doch nicht so ins Ohr! Was ist?“

„Ich hab dich die ganze Zeit gerufen, du hast aber nicht reagiert, ist ganz schön laut hier, findest du nicht? Lass uns Ausschau halten. Ich gucke hier vorne, und du gehst weiter hinten gucken.“

Toll, wie soll ich jetzt hier durch, die stehen so nah aneinander, dass es kaum möglich ist dazwischen zugehen. Was soll´s, wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Ich sehe Männer in allen Größen, einige sind ziemlich klein und dick und haben Schnurrbärte und wirken sehr ungepflegt, dagegen gibt es einige, die ziemlich groß und sehr gepflegt aussehen.

In der Kneipe ist ein Mischmasch von allen Typen und Geschmäckern. Hier kann man für jeden etwas finden.

„Hey Kleine! Geh aus dem Weg, ich will mir das Spiel ansehen und deinen Kopf nicht dazwischen haben!“

„Na, mein Kopf ist wohl schöner anzusehen als das Spiel! Nur weil Bayern gerade etwas schlechter spielt, brauchen Sie ihre Laune nicht an mir abzulassen!“

Auf eine weitere Diskussion habe ich keine Lust und gehe weiter. Der Mann schaut mir mit offenen Mund hinterher, denn wahrscheinlich dachte er, ich habe Angst vor ihm, was aber nicht der Fall ist.

Hier hinten ist keiner, der so aussieht wie auf dem Foto, ich hoffe Milad hatte mehr Glück.

„Milad? Und warst du erfolgreich? Bei mir war leider nichts, außer dass mich einer blöd angemacht hat…“

„Wer? Was hat er gesagt? Hat er dich gekränkt? Ist alles ok bei dir, Cassie?“

„Ja, alles ist gut.“

„Ich war leider auch erfolglos “

„Schade, lagen wir wohl falsch, dass er hier sein könnte. Lass uns gehen. “Meine Laune ist  so schlecht, wie die des Mannes von eben.„ Nein warte, lass uns nochmal an die Bar gehen, vielleicht sitzt er da.“

Milad versucht, mir Hoffnung zu machen, was er gut hinbekommt.

Ich gehe schnell an die Bar, um zu gucken, wer da sitzt.

Am Ende der Bar sitzt ein Mann, der hat aber schon etwas graue Haare, das kann er also auch nicht sein.

Milad fängt an zu lachen und sagt: „Das Bild ist wahrscheinlich schon über 17 Jahre alt, da kann es sein, dass man graue Haare bekommt.“

Milad geht weiter und schaut mich mit seinen großen Augen an, man könnte fast denken, dass sie ihm gleich rausfallen.

Er zeigt mit dem Finger auf den Mann und macht irgendwelche Handbewegungen, die ich nicht verstehe.

Nun zeigt er auf meine Nase und deutet meine Sattelnase an und zeigt auf den Mann mit den grauen Haaren.

Meint er damit, dass er es ist? Dass dieser Mann vielleicht mein Vater ist?

Milad rennt zu mir hin und schubst mich.

„Geh schon hin! Jetzt oder nie, vielleicht findest du nie wieder so eine Gelegenheit! Ich warte hinten an der Tür.“

Und weg ist Milad wieder. Nun stehe ich alleine hier mit dem Bild in der Hand.

Soll ich es wagen oder nicht? Ich bin sonst immer so offen und gehe auf die Leute zu, aber dieses Mal habe ich ein mulmiges Gefühl.

Ich gehe langsam weiter und weiter, mit jedem Schritt rast mein Herz schneller und nun stehe ich genau hinter diesem Mann. Ich ticke ihn an. Keine Reaktion. Ich ticke ihn nun mit ein wenig mehr Kraft an.

Sein Hocker dreht sich und nun blicke ich in seine Augen und er in meine.

Meine Hände schwitzen mehr denn je, und ich habe das Gefühl, dass mein Herz gleich rausspringt.

Er schaut genervt, weil er das Spiel weiter sehen möchte.

„Was willst du?“  Toller Anfang die Begrüßung.

„Guten Abend, mein Name ist Cassie.“

Mehr kriege ich nicht raus, Mist!

„Hallo, ich bin Marko und nun? Kann ich das Spiel in Ruhe weiter gucken?“

„Ja, Nein, also ich muss mit Ihnen reden, es ist wichtig…“

„Na dann schieß schnell los Kleine“

Warum zum Teufel nennt mich jeder Kleine, dabei bin ich größer, als die meisten hier in der Kneipe.

„Ich bin Cassie, Cassie Auer, ich bin 17 Jahre alt, und ich bin wahrscheinlich deine Tochter… Hallo Papa?“

Markus scheint sehr verwirrt zu sein.

„Also keine Ahnung, was du willst, aber ich habe keine Frau, geschweige eine Tochter.

Ich finde das überhaupt nicht lustig, was denkst du dir dabei? Ich will das Spiel sehen.

Tut mir leid, aber ihr Kinder heutzutage werdet ja immer schlimmer Wieso bist du so spät abends noch weg und dann auch noch in einer Kneipe, als Mädchen. Also geh lieber nachhause und nerve da weiter. Schön Tag noch.“

Ich bin geschockt, was war das denn eben? Was soll ich machen, er glaubt mir nicht! Ah, das Bild.

Ich gebe ihm das Bild von ihm.

„Das war in der weißblauen Kiste von dir mit allen Fan-Artikeln, die hat Mama aufgehoben.

Sie hat mir gesagt du wärst tot, und dann hab ich durch Zufall erfahren, dass du lebst und nun stehe ich vor dir.“

Markus hat das Bild in der Hand und blickt zu mir und schaut wieder auf das Bild und dann wieder zu mir.

Er zeigt auf seine Nase und dann auf meine und hat anscheinend unsere große Gemeinsamkeit bemerkt.

„Cassie, Cassie Auer. Deine Mutter hieß, bevor sie mich geheiratet hat, Lina Auer. Deine Mutter… Ich habe keine Lust über deine Mutter zu sprechen, sie ist nichts für mich.

Mit ihr hab ich abgeschlossen, und das vor genau 17 Jahren. Sie war schwanger von mir und hat mir also nichts erzählt, aber das ist auch besser so. Nichts gegen dich. Was ich noch fragen will,

hat sie einen Nigger als Mann?“

Was soll das denn?

„Das heißt Dunkelhäutiger und nicht Nigger! “ Was ist mit dem denn los?

„Aha, also hat sie dir nicht die Geschichte erzählt. So, so, Respekt!“

Geschichte? Was ist denn vorgefallen?

Nun sitzen wir nebeneinander und schweigen. Er zeigt gar kein Interesse…

„Ja! Ja! FC Bayern, Deutscher Meister,

ja, so heißt er, mein Verein,

ja, so war es und so ist es und so wird es immer sein!“

singen alle plötzlich, weil Bayern ein Tor geschossen hat. Nun scheint Markos Laune sehr gut zu sein. „Cassie, ja? Nun erzähl mal ein wenig von dir. Natürlich müssen wir uns mal treffen, um in Ruhe zu sprechen.“

„Ja gerne, also ich möchte dir jemanden vorstellen. Er ist mir sehr wichtig, wichtiger als ich zuerst dachte. Er hat mir geholfen, dich zu finden!“

„Wo ist er denn, und wie heißt er?“

Ich spring vom Hocker und gehe an die Tür und ziehe Milad mit mir an meiner Hand.

„Ich stell dir jetzt meinen Papa vor!“

Mein Lächeln ist echt, so echt wie lange nicht mehr.

Vielleicht ist doch alles anders und mein Papa war eben nur schlecht gelaunt, weil Bayern schlecht gespielt hat.

Von einem auf den anderen Moment ist mein Lächeln wieder weg.

Mein Papa schaut nicht glücklich, als ich Milad an der Hand halte.

„Milad, das ist mein Papa Markus. Markus, das ist mein bester Freund Milad.“

Mein Papa zeigt auf die Tür und deutet an, dass es hier zu laut ist und wir rausgehen sollen, um zu reden.

Ich bin glücklich darüber, dass er das Spiel hinter sich lässt, um mit uns zu reden.

Wir stehen nun draußen, es ist windig und Milad hat seine Jacke auf meine Schulter gelegt.

„Guten Abend, ich bin Milad.“ Milad reicht seine Hand, aber mein Papa zeigt keine Reaktion.

„Aus welchem Land bist du? Bist du Moslem? Beherrschst du die deutsche Sprache überhaupt ganz?“

„Papa? Was sind das für Fragen?“

„Halt die Klappe, du redest mir zu viel! Dieser Typ ist ein Ausländer, er ist dreckig und verschmutzt! Deine Hand kannst du wieder einstecken und wieder in dein Land zurück.

Sehe ich dich noch einmal mit Cassie breche ich dir die Knochen oder besser, ich vernichte dich und deine ganze Sippe! Du bist ein schlechter Umgang für sie.“

Milad steht erstarrt da, so wie ich ihn kenne, rastet er jetzt aus, oder? Hilfe!

„Tut mir leid, aber ich glaube, dass Sie derjenige sind, der ein schlechter Umgang in Cassies Gegenwart ist. Sie können mich gerne bleidigen, aber davon haben Sie nichts!“

„Hau bloß ab, du Bastard! Geh in dein Land zurück. Es liegt wohl auch bei dir so Cassie, dass du immer Ausländer anschleppst. Verschwindet, oder er wird verkloppt, und da verschone ich ihn nicht.“

Er fängt an,  ganz hässlich zu lachen, als ob er verhext wäre.

Wer steht da vor mir? Mein Papa? Das kann nicht sein! Niemals… Mir ist schwindelig, es ist mir alles zu viel hier, ich sehe alles verschwommen und höre die Stimme von Milad wie ein Echo und weiß nicht, was er sagt.

Dann wird mir klar, dass wir nicht mehr vor der Kneipe sind.

Ich komme langsam wieder zu mir: „Milad, ist alles ok bei dir? Es tut mir so leid, ich wusste nicht, dass es so enden wird.“

Er lächelt und sagt: „Cassie, die Frage muss lauten, ist alles bei dir ok? Mir geht’s Gott sein Dank gut.“

Ich hebe meine Hand hoch und strecke meinen Daumen nach oben, um ihm mitzuteilen, dass es mir gut geht.

„Es ist spät. Ich habe dich zu mir gebracht und Samantha angerufen und ihr alles erklärt. Sie hat deine Mama angerufen und gesagt, dass du bei ihr bist. Sie ist nicht mehr sauer auf dich…

Versuch in Ruhe zu schlafen, meine zwei jüngeren Brüder sind sehr laut am Morgen, aber lass dich nicht stören. Wir…“

Und meine Augen schließen sich.

Am nächsten Morgen stehe ich langsam auf, um Milad nicht zu wecken. Er hatte eine genauso schlimme Nacht wie ich hinter mir. Ich lege ihm mein Handy auf den Tisch und schreibe bei den Notizen, dass ich nachhause gehe und er mir später mein Handy bringen soll.

Zuhause endlich angekommen, schaut mich meine Mutter skeptisch an und sagt:

„Guten Morgen, ich soll dir wohl glauben, dass du bei Samantha warst, nun sag schon, bei wem warst du genau? Ich hab so das Gefühl gehabt, dass du nicht bei ihr gepennt hast.“

Meine Mutter scheint sehr gut gelaunt zu sein und die Lage kann jetzt auch nicht mehr schlimmer sein, also erkläre ich ihr alles von vorne bis heute Morgen. Sie hört sehr aufmerksam zu und lässt mich ausreden. Sie spricht kein einziges Mal dazwischen, sie macht mich nicht an oder schreit nicht mal.

„Cassie Spatz, aus einem guten Grund hab ich dir doch alles verboten. Dachtest du, ich verbiete es dir, weil ich sonst weniger im Mittelpunkt stehe als dann dein Vater? Nein, Spatz.

Dein Vater ist ein böser Mensch. Hach, Spatz, Hauptsache du bist gesund und mach dir keine Sorgen, ich bin dir nicht böse.“

Meine Mama wirkt sehr entspannt, aber auch traurig, weil es ihr leid tut.

„Mama eins noch… Er hat von einem Vorfall vor 17 Jahren erzählt, was ist passiert?“

Sie überlegt, steht auf, geht ins Wohnzimmer, ich folge ihr und sie zeigt mir ein Bild, das im Fotoalbum ist. Auf dem Bild sieht man meine Mama in jungen Jahren und einen Dunkelhäutigen.

Sie sind auf einem Sportfest und beide scheinen glücklich zu sein.

„Wer ist das?“, frage ich verwirrt.

„Tilman. Er war mein bester Freund in der Schulzeit. Ich hatte ihn an diesem Tag wieder gesehen, nach vielen Jahren, und ihn zum Essen eingeladen.

Markus war bei der Arbeit und kam dann halt erschöpft nach Hause. Wir haben extra gewartet, um gemeinsam zu essen. Tilman wollte gerade aufstehen und sich vorstellen und ihn begrüßen. Als er ihm seine Hand rüberreichte, nahm Markus die Hand und hat sie umgeknickt und das so stark, dass er später ins Krankenhaus musste. Markus  ist ausgerastet und meinte, dass er so etwas nicht dulden kann. Er hat Tilman beleidigt, und Spatz, an dem Tag wusste ich, dass ich schwanger war, und ich wollte es am Esstisch sagen, aber ich behielt es für mich.  Obwohl Tilman vor Schmerz stöhnte, beleidigte Markus ihn weiter und wurde wieder handgreiflich. Er brüllte und meinte nebenbei, dass er freitags nie arbeiten musste, sondern, dass er ein Nazi sei und Leute verprügelte und demonstrierte. Schlimme Sachen tat er all die Jahre und ich habe es nie bemerkt. Er schwor mir, dass, wenn er mich nochmal mit einem Ausländer sieht, mich und ihn töten würde. Das war sein wahres Gesicht. An dem Abend hab ich die Polizei angerufen, am nächsten Tag hab ich die Scheidung eingereicht, und ab da wollte ich nie wieder etwas mit ihm zu tun haben Aber am schlimmsten war für mich der Gedanke, dass du ihn eines Tages kennenlernen könntest. Ich wollte dir diese Enttäuschung ersparen und nun konnte ich es doch nicht verhindern.“

„Das Paradies liegt unter den Füßen der Mütter.“ Das ist das einzige, was ich sagen kann.

Meine Mama hat mir alles verheimlicht, damit es mir gut geht.

Ich dachte, sie tat es, weil sie dabei nur an sich dachte und Angst hatte, dass ich sie vernachlässige, wenn ich meinen Vater gefunden habe.

Nein, deswegen tat sie es nicht. Sie tat es, weil sie mich liebt, weil ich ihre Tochter bin. Ich blicke zu meiner Mama und sage:

„Ich danke dir für alles. Es tut mir Leid… Mama ich hab dich ganz dolle lieb“

Sie fängt an zu lachen und umarmt mich und sagt: „Kein Problem Spatz, alles wird wieder wie früher werden. Sogar besser! Das Verspreche ich dir, denn nach der Erschwernis kommt die Erleichterung.“