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Der Geschenkkönig

Autor: © 2012 Yannick Reimers
www.yannickreimers.de


Der Wunsch vom Osterhasen

Das ist der Osterhase.
Der Osterhase hat einen Wunsch.
Er möchte beim großen Wettbewerb der Geschenke gewinnen.
Er möchte nicht den 3. oder den 2. Preis gewinnen.
Er möchte den 1. Platz, die goldene Zuckerstange, gewinnen und damit zum König der Geschenke ernannt werden.

Doch bisher hat jedes Mal der Weihnachtsmann den zuckersüßen Preis abgeräumt.
„Dieses Mal soll es anders laufen“, sagt sich der Osterhase und gibt sich die größte Mühe beim Bemalen seiner Ostereier.
Die Jury des Wettbewerbs der Geschenke benotet streng.
Die Farbe der Geschenke.
Die Form der Geschenke.
Den Geruch der Geschenke und, was am aller wichtigsten ist, die Beliebtheit der Geschenke bei den Kindern.

Also malt der Osterhase die Ostereier in den knalligsten Farben an.
Sonnenuntergangorange, rosenrot, himmelblau, zitronengelb, giftgrün und alle anderen Farben, die der Farbkasten noch zu bieten hat.

Er hat sogar Parfüm gekauft, um die Ostereier besonders gut riechen zu lassen und er findet, dass die ovale Form sowieso schon sehr schön ist.
Er fühlt sich gut vorbereitet.
Also, auf geht´s zum Wettbewerb der Geschenke!

Der Wettbewerb geht los!

Der Wettbewerb findet jedes Mal bei einem der Teilnehmer statt.
Einmal war er in der Geschenkfabrik vom Weihnachtsmann am Nordpol.
Ein anderes Mal bei den saftigen Osterwiesen vom Osterhasen.
Dann im Tannenwald beim Haus vom Nikolaus und dieses Mal bei der Zahnfee im Kissenland.

Als der Osterhase mit der Zahnseidenseilbahn angekommen ist und den Zahnpastafluss überquert hat, sieht er die Geschenkstände der anderen Teilnehmer.
Der Weihnachtsmann hat auf einem riesigen Kissen – wohlgemerkt aus Kissenland, das ausschließlich aus Kissen besteht – eine Pyramide aus golden glänzenden Geschenken gebaut.
Der Nikolaus hat ein Lebkuchenhaus mit Apfelsinen und Walnüssen errichtet und die Zahnfee hat ein großes Mobile aus funkelnden Münzen aufgehängt.
Der Osterhase holt sich ein paar der umher liegenden Zähne, um sie als Tisch für die Ostereier zu benutzen.
Er stellt sie auf die Zähne und versprüht Parfum.
Als der Weihnachtsmann beim Osterhasen vorbeikommt, rümpft er die Nase: „Hui, was ist das denn für ein Geruch?“
Der Osterhase entgegnet ganz stolz: „‘Frohe Ostern‘, heißt der Duft.“
„Riecht eher nach ‚toter Hase‘“, flüstert der Weihnachtsmann vor sich hin und geht wieder zu seinem Geschenkestand.

Die Jury

Das letzte Ei wird an seinen Platz gerückt, jetzt kommt die Jury!
Die Jury besteht aus 2 Geschenkexperten.
Dem Christkind und der Konsumgöttin.
Die zwei gehen von Stand zu Stand, um zu bewerten.
Das Lebkuchenhaus vom Nikolaus finden sie lecker, aber zu wackelig gebaut.
Das Mobile von der Zahnfee finden sie schön, aber es funkelt zu sehr.
Die Ostereier vom Osterhasen finden sie toll bemalt, aber sie stinken ihnen zu sehr.
Am besten gefällt ihnen die glänzende Pyramide vom Weihnachtsmann.
„Das ist doch wirklich ein Kunstwerk!“, meinen sie und entscheiden sich für den Weihnachtsmann, der mal wieder den 1. Platz gewinnt.
Der Nikolaus bekommt den 2. Platz, die Zahnfee den 3. und der Osterhase geht leer aus.

Wütend über seine Niederlage schnaubt der Osterhase die Jury an: „Ich verlange eine Umplatzierung!
Immerhin beschenke ich alle Lebewesen, ob Menschenkind, Feen, Geister, Zombies oder Vampire!
Alle Kinder bekommen von mir Ostereier und ihnen gefällt das!“
Darüber hat die Jury noch nie nachgedacht und sie beschließen folgendes: „Na schön.
Weihnachtsmann, in diesen Punkt hat der Osterhase Recht.
Du bekommst den Preis erst, wenn du alle Wesen glücklich beschenkt hast.
Falls du es nicht schaffen solltest, müssen wir dir den Geschenkauslieferschein wegnehmen.
Dann würde der Osterhase deinen Job zu Weihnachten übernehmen.“
Der Weihnachtsmann schaut in die Runde.
Die anderen grinsen ihn hinterhältig an und denken bei sich „Ha, endlich verliert der auch mal. Das schafft er nie.“
„Ich habe seit Jahrhunderten Erfahrung im Beschenken.
Da wird es ein Kinderspiel sein, die anderen Wesen auch mit dem Richtigen zu beschenken!“, pustet der Weihnachtsmann selbstsicher heraus.
Er bekommt eine Liste mit den zu beschenkenden Wesen und die Preisverleihung wird verschoben.

Das Problem mit den anderen Wesen

Auf der Liste der Jury steht, er solle Feenkinder, Meerjungfrauenkinder, Geisterkinder, Zombiekinder und Vampirkinder beschenken.
Also steigt er auf seinen Schlitten und fährt als erstes zum Wald der Feen.
Dort setzt er sich auf einen Baumstumpf und nimmt die Feen auf seinen Schoß.
„Was wünscht du dir denn zu Weihnachten, liebe Fee?“
Das Feenkind antwortet: „Lieber Weihnachtsmann, am liebsten hätte ich Feenstaub, um zu fliegen. Mein eigener ist nämlich immer so schnell alle.“
Der Weihnachtsmann lächelt. „Wenn du lieb und artig bist, dann bekommst du deinen Feenstaub.“
Als nächstes fährt er zum Meer der Meerjungfrauen.
Dort setzt er sich ans Ufer und nimmt sich ein süßes Meerjungfrauenkind auf den Schoß.
„Was wünschst du dir zu Weihnachten, kleine Meerjungfrau?“
„Eine funkelnde Perlenkette, wie meine Mama eine hat.“
„Wenn du lieb und artig bist, dann bekommst du deine Perlenkette.“
Nun macht sich der Weihnachtsmann auf dem Weg zur Unterwelt.
Beim Eingang zur Unterwelt wird er vom Pförtner angehalten.
„Stopp, hier dürfen nur magische Wesen rein. Ihre Rentiere müssen draußen bleiben.“
Also geht es nun zu Fuß weiter.
Die Unterwelt ist ziemlich groß und es dauert nicht lange, bis sich der Weihnachtsmann verlaufen hat.
Nach einer Ewigkeit findet er endlich das Geisterschloss.
Er setzt sich auf die Schlossmauer und versucht ein Geisterkind auf seinen Schoß zu setzen.
Das Geisterkind rutscht immer wieder durch ihn hindurch und lacht.
„Also, jetzt halt doch mal still. Liebes Geisterkind, was wünschst du dir zu Weihnachten?“
„Ich wünsche mir rasselnde Ketten, um Menschen erschrecken zu können.“
„Oh, Okay… Also, wenn du lieb und artig bist, dann bekommst du deine rasselnde Kette.“
Der Weihnachtsmann macht sich auf den Weg und irrt zum Unterweltfriedhof.
Dort öffnet er einen Sarg und setzt sich ein Vampirkind auf den Schoß.
„Was wünschst du dir zu Weihnachten, kleiner Vampir?“
„Ich wünsche mir Kinderblut. Das soll besonders gut schmecken.“
Der Weihnachtsmann muss schlucken.
„Ohje, na,… ähem… wenn du lieb und artig bist, bekommst du vielleicht dein Kinderblut.
Ich muss jetzt zu den Zombies.“
Da fällt ihm ein, dass er sich ja bereits auf dem Friedhof befindet.
„Wo sind eigentlich die Zombies, kleiner Vampir?“
„Musst du ausgraben.“
Der Weihnachtsmann gräbt vorsichtig ein Loch vor einem Familiengrabstein und erschrickt.
„Hoho, hallo… niedliches Zombiekind. Was wünschst du dir denn zu Weihnachten?“
„Ich wünsche mir ein kleines Kind, um es zu essen!“
„Ach du liebes bisschen…, ja, … niedliches Zombiekind…, wenn du lieb und artig bist…, dann… dann bekommst du wahrscheinlich dein Kind zum Fressen.“
Der Weihnachtsmann kann natürlich niemals Kinder zum Fressen verschenken oder Kinderblut und die rasselnde Kette sind auch nicht unbedingt Dinge, die er gerne verschenkt. Jedenfalls nicht, wenn die Kette zum Erschrecken benutzt wird.
Aber ein Kind zum Fressen und dann auch noch Kinderblut?
„Eigentlich müssten die auf meine schwarze Liste kommen…“
Aber der Weihnachtsmann möchte auch nicht seinen Geschenkauslieferschein verlieren.
„Ich könnte es mir einfach nicht vorstellen, arbeitslos zu werden!“ denkt er.

Wettbewerb verloren?

Der Weihnachtsmann irrt wieder aus der Unterwelt.
Er fährt zu seiner Frau nach Hause und berichtet ihr von den gruseligen Geschenkwünschen.
Er fällt ihr in die Arme und seufzt: „Was soll ich bloß machen? Blut kann ich nicht verschenken. Kinder zum Fressen kann ich nicht verschenken. Also werde ich wohl arbeitslos…“
Frau Weihnachtsmann streichelt ihm über den Kopf:
„Mach dir keine Sorgen, Zuckerbärtchen, wir schaffen das schon.“

Am nächsten Tag treffen sich wieder alle Teilnehmer des Wettbewerbs der Geschenke im Land der Zahnfee.
Selbst Frau Weihnachtsmann ist mitgekommen, um ihren Mann zu unterstützen.
Die Jury hat von den beschenkten Feenkindern, Meerjungfrauenkindern, Geisterkindern, Zombiekindern und Vampirkinder einen Brief bekommen.
Darin steht, ob sie zufrieden sind oder nicht.
Der Osterhase ist schon ganz aufgeregt.
Er hat sich sogar schon einen Osterschlitten gekauft, mit dem er die Ostereier zu Weihnachten verteilen will.
Ein ganz schön teures Gerät.
Er ist sich sicher, dass der Weihnachtsmann verliert.

Unerwartete Hilfe

Die Jury erhebt die Stimme: „Die Auswertung hat folgendes ergeben:
Die Feenkinder fliegen glücklich durch die Wälder.
Die Meerjungfrauenkinder freuen sich über ihre funkelnden Ketten.
Die Geisterkinder sind stolz, bald ihr erstes Rasselkonzert zu geben.
Die Vampirkinder… freuen sich über ihr gesundes Getränk und die Zombiekinder haben ihren Hunger gestillt.
Lieber Weihnachtsmann, wir gratulieren dir zum 1. Preis und übergeben dir die goldene Zuckerstange!“

Der Weihnachtsmann ist erstaunt.
„Ich habe den Unterweltkindern doch nichts, gar nichts gegeben?!“ wundert sich der Weihnachtsmann.
Da kommt Frau Weihnachtsmann zu ihm. „Na, Zuckerbärtchen, habe ich uns doch noch gerettet.“
„Wie hast du das geschafft?“ fragt er seine Frau.
„Den Geisterkindern habe ich Musikunterricht gegeben, die Vampirkinder haben Tomatensaft bekommen und die Zombies mit Zucker gefüllte Puppen.“

Der Weihnachtsmann lächelt und gibt seiner Frau einen Kuss.

Der Osterhase ist fassungslos.
Er hat das falsche Parfum und den Osterschlitten vergeblich gekauft. Er hat verloren.