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Der korrigierte Fehler

von Nico Thomas

Kapitel 1 – Der Fehler

Es war zwei Jahre her und noch immer saß ich allein in meiner Wohnung und vegetierte vor mich hin. Zum hundertsten Mal schaute ich voller Trauer auf das Foto meiner Frau und erinnerte mich zurück an die Zeit, als wir noch zusammen in diesem Zimmer gesessen hatten.

Mein Herz schmerzte, als ich wieder an den Tag dachte, an dem sich alles änderte.

Das Zimmer war so leer ohne Lucy, es war kalt und es befanden sich keine Gefühle mehr darin, seit sie weg war.

Es war still, ganz still. Mein Umfeld schien wie tot zu sein.

Der Regen, der die ganze Zeit gegen das Fenster prasselte, verschlimmerte meine Depressionen. Als es passierte, hatte es auch geregnet. Zwei Jahre zuvor war meine Frau Lucy gestorben.

Ich gab mir selbst die Schuld an ihrem Tod.

Lucy war wunderschön, sie hatte lange blonde Haare und Augen so blau wie der Ozean.

Sie war eher klein und niedlich und passte perfekt zu mir, da ich ebenfalls nicht so groß geraten bin.

Sie war meine Traumfrau, und wir waren sieben lange und schöne Jahre zusammen.

Doch das änderte sich an jenem Abend, als Lucy und ich von einem Musical nach Hause gehen wollten.

Wir gingen eine dunkle Gasse entlang, da es eine Abkürzung nach Hause war.

Diesen Weg hätten wir nicht einschlagen sollen, denn als wir fast am Ende der Gasse waren, kamen plötzlich drei große und breite Gestalten auf uns zu. Sie fragten, ob wir uns verlaufen hätten. Ich antwortete, dass wir gut alleine klar kämen und wollte schnell an ihnen vorbei gehen, als einer der kräftigen Männer meine Frau am Arm packte und meinte: „Süße, du bleibst schön hier.“

Ich blieb sofort stehen und wollte Lucy helfen, ich hatte keine Chance gegen die drei großen muskelbepackten Kerle und entschloss mich, meine Pistole zu ziehen, die ich immer dabei hatte.

Ich bin im Schützenverein und ein erstklassiger Schütze, deswegen hatte ich auch keine Angst, sie zu verwenden, da ich den Tätern nur Angst einjagen oder sie im Ernstfall nur verletzen wollte.

Zu meiner Verblüffung gingen alle drei Kerle auf mich los.

Dem ersten schoss ich ins Bein und dem zweiten in den Arm, doch der dritte packte meinen Arm und versuchte mir die Pistole zu entreißen.

Er kam dabei auf den Abzug und ein lauter Knall durchfuhr meinen Körper.

Ich war nicht verletzt, doch ich hörte Lucy schreien. Der Täter und ich drehten uns zu meiner Frau um.

Sie lag auf dem Boden, und das Blut strömte aus ihrer Brust.

Die zwei Typen, die ich angeschossen hatte, humpelten schnell weg, und der dritte lief ihnen hinterher.

Ich rief sofort den Krankenwagen, doch als er ankam, war meine Frau bereits tot.

Seitdem hasse ich alle Pistolen und habe meine eigenen alle entsorgt.

Ich gebe mir noch immer die Schuld, und könnte ich die Zeit zu diesem Tag zurück drehen, würde ich alles anders machen.

 

Kapitel 2 – Maria

Wie jeden Sonntag ging ich auf den Friedhof, um Lucy zu besuchen und ihr einen Strauß Tulpen zu bringen. Es waren ihre Lieblingsblumen.

Ich stand vor ihrem Grab und entschuldigte mich bei ihr wie jedes Mal.

In meiner Brust brannte es, das Atmen fiel mir schwer und meine Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt.

Ich erzählte ihr, wie meine Woche verlaufen war.

Ich hatte mal wieder nichts getan, sondern nur zuhause in meinem Lieblingssessel gesessen und auf ihre Fotos gestarrt. Mein Besuch war zu Ende und ich wollte gehen. Da erblickte ich ein Stückchen von mir entfernt eine Frau, die sich über einen Grabstein beugte.

Ein Schreck durchfuhr meinen Körper. Die Frau sah Lucy verblüffend ähnlich.

Ich merkte kaum, dass ich mich auf die Frau zubewegte. Erst ein ängstlicher Schrei riss mich aus meinen Gedanken.

“Sie haben mich aber erschreckt. Was wollen Sie von mir?“, fragte sie.

„Entschuldigen Sie bitte. Ich habe Sie für jemand anderes gehalten“, antwortete ich und dann sagte ich etwas leiser und eher zu mir selbst: „Aber das ist unmöglich.“

Erst dann nahm ich Details wahr, die sie von Lucy unterschied. Ihre Haare waren einen Tick dunkler und sie war auch ein paar Zentimeter größer.

Ich drehte ihr den Rücken zu und war im Begriff zu gehen, als ich ihre Stimme hinter mir hörte.

“Ohhh, das kann ja mal passieren“, sagte sie und kam auf mich zu. „Wenn Sie nichts dagegen haben, begleite ich Sie bis zum Ausgang des Friedhofes. Ich heiße übrigens Maria.“

„Ich heiße Rick“, antwortete ich mit einem leichten Lächeln.

 

Der Weg vom Grab zum Ausgang des Friedhofes kam mir unendlich lang vor, wie ein einziger schöner Moment. Wir kamen ins Gespräch. Sie hieß Maria, war 27 Jahre alt und hatte vor etwas längerer Zeit ihren Freund verloren. Doch im Gegensatz zu mir hatte sie seinen Tod schon gut verkraftet und konnte offen darüber reden.

Sie sagte, sie wohne bei mir ganz in der Nähe, und ich wunderte mich, dass mir so eine Schönheit noch nie aufgefallen war. Ich hatte schon lange nicht mehr mit einer Frau ein so angenehmes und langes Gespräch geführt. Doch nun hatten wir den Weg auch schon hinter uns gebracht.

Ich hätte mich gerne noch länger mit ihr unterhalten und wollte sie auch echt gerne wieder sehen.

Sie gab mir ihre Telefonnummer. Aber als ich sie einsteckte, dachte ich, dass ich sie bestimmt nicht anrufen würde. Ich war noch nicht bereit für sowas.

 

Noch vor dem Weckerklingeln schreckte ich aus einem Traum auf. Er hatte zunächst ziemlich schön begonnen. In meinem Traum sah ich Maria. Sie rief mich zu sich. Ich rannte auf sie zu und wollte sie in die Arme schließen, doch als ich kurz vor ihr war, war sie verschwunden, und ich vernahm die Stimme von Lucy, die meinen Namen rief. In einem enttäuschten Tonfall wiederholte sie immer wieder den Satz: „Du hast mich vergessen.“

Ich schrie zurück: „Ich habe dich nicht vergessen, ich denke jeden Tag an dich“.

Doch sie antwortete nur: „Du hast mich vergessen“.

Sie wiederholte das ein Dutzend mal, bis sie leiser und leiser wurde und letztendlich ganz verschwand. Das war der Zeitpunkt, an dem ich aufwachte.

Ich hielt es nicht nur für einen Traum, sondern für eine Art Nachricht von Lucy, dass ich die Finger von Maria lassen sollte.

Mich plagte ein schlechtes Gewissen. Tatsächlich hatte ich überlegt, Maria doch anzurufen, aber nach diesem Traum fühlte ich dazu keine Kraft mehr.

Vielleicht liebe ich sie ja auch gar nicht und fühle mich nur so zu ihr hingezogen, weil sie meine erste weibliche Begegnung seit zwei Jahren ist, dachte ich.

Ich rief sie nicht an. Stattdessen verbrachte ich auch diesen Tag wieder damit, an Lucy zu denken. Schließlich hatte ich ihr versprochen, dass ich sie bis in den Tod lieben würde und wir im Himmel wieder vereint in alle Ewigkeiten leben würden.

 

Kapitel 3 – Das Wiedersehen

Nach dem Frühstück ging ich nach draußen, um spazieren zu gehen.

Es war wunderbares Wetter, die Sonne schien und der Himmel war klar und blau.

Eine Joggerin rempelte mich an, ich entschuldigte mich sofort. Sie blieb stehen. Ich schaute in ihre blauen Augen und erkannte sie.

“Hey Rick, so schnell trifft man sich wieder. Wie geht es dir?”, fragte Maria mit einem Lächeln im Gesicht. Ich war noch sehr überrumpelt und brachte nicht mehr als ein gestottertes “Hey“ heraus.

Sie lächelte wieder und fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, mit ihr frühstücken zu gehen, sie hätte noch nichts gegessen.

Obwohl ich schon gefrühstückt hatte und beim besten Willen keinen Bissen mehr herunter bekommen würde, sagte ich zu.

Nun lächelten wir beide, und ich dachte, das muss Schicksal sein.

Wir gingen zum „Schweinske“ um die Ecke. Ich sprach mit ihr über ihre Arbeit und erfuhr, dass sie Grundschullehrerin war und gerade Ferien und viel Zeit hatte.

Ich hatte wirklich sehr viel Spaß mit ihr, aber ich konnte nicht darüber reden, wen ich auf dem Friedhof besucht hatte. Doch ich habe sehr viel über sie erfahren und auch, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben.

Sie mag Hunde genau wie ich, sie singt gerne unter der Dusche ebenso wie ich, geht gerne schwimmen und vieles mehr. Doch wenn ich es recht bedachte, hatte ich all diese Sachen nicht mehr getan, seit Lucy gestorben war.

Vielleicht muss ich mein Leben langsam wieder in den Griff bekommen und aufhören in der Vergangenheit zu leben, dachte ich.

Wir verabschiedeten uns, ich gab ihr nun auch meine Handynummer und ging guter Laune nach Hause.

Den Rest des Tages verbrachte ich in meiner Wohnung mit aufgedrehter Musik, und ich sang die ganze Zeit, während ich an Maria dachte.

Ich wollte dieses Gefühl jeden Tag aufs Neue haben. Doch das war nur möglich, wenn ich mich öfters mit Maria treffen würde. Aber damit würde ich Lucy verraten, sie hintergehen.

Sie ist wegen mir gestorben, eine neue Frau, das ist doch wie Fremdgehen, dachte ich.

Es war ziemlich spät geworden und ich ging mit meinen Gedanken an Maria und Lucy schlafen und wusste noch immer nicht, für wen ich mich entscheiden sollte.

 

Ziemlich verschlafen wachte ich von einem nervigen Piepen auf. Ich stand auf und begab mich auf die Suche nach dem Klingeln. Es kam aus meiner Hosentasche und erst jetzt merkte ich, dass es mein Handy war, das so nervig klingelte. Ich konnte mich an den Klingelton gar nicht mehr erinnern, da mich schon seit Jahren niemand mehr angerufen hatte.

Der Anrufer rief unter einer mir unbekannten Nummer an. Ich ging ran und fragte, wer da ist. Eine Stimme erklang und nannte mir ihren Namen.

Es war Maria, und ich war auf einmal gar nicht mehr verschlafen und genervt, sondern sehr fröhlich und aufgeregt. Ich fragte sie, warum sie anrief, und sie meinte, sie hätte an mich gedacht und wollte nur mal meine Stimme hören.

Als sie das sagte, sprang mein Herz höher.

Ich fragte sie, ob sie mich nicht auch sehen wollte, anstatt nur meine Stimme zu hören, und sie antwortete, dass sie mich liebend gern sehen wollte. Wir verabredeten uns, gemeinsam ins Kino zu gehen.

 

Vor dem Kino begrüßten wir uns herzlich und umarmten uns. Wir überlegten, welchen Film wir gucken wollten und entschieden uns für „Fluch der Karibik 4“. Eigentlich dachte ich, dass Maria einen kitschigen Liebesfilm gucken wollte, worauf ich aber gar keine Lust gehabt hätte und war deswegen umso überraschter, dass sie sich für „Fluch der Karibik“ entschieden hatte.

Ich bezahlte die Karten, das Popcorn und die Getränke, da ich Eindruck schinden wollte.

Wir saßen ziemlich mittig und konnten gut die Leinwand sehen. Am Anfang des Filmes saßen wir noch normal und mit einer kleinen Distanz zwischen uns. Doch je länger der Film lief, desto mehr rutschten wir zueinander, bis Maria letztendlich in meinen Armen lag und sich an mich schmiegte. Mir wurde auf einmal ganz warm und es war so ein schönes Gefühl, wieder Liebe zu spüren. Ich kraulte und massierte ihren Kopf, und als ich dachte, dass der Abend nicht mehr schöner werden konnte, drehte Maria sich um und gab mir einen Kuss auf die Wange. Mir wurde noch wärmer und ich wusste nicht, was ich tun sollte und tat einfach gar nichts.

Ich hätte sie vielleicht zurückküssen sollen, aber das wäre noch zu früh gewesen. Als der Film zu Ende war und wir aufhören mussten zu kuscheln, gingen wir aus dem Kino raus und in eine Bar, die ganz in der Nähe lag.

 

Kapitel 4 – Die Überraschung

Am darauffolgenden Tag räumte ich meine Wohnung auf und stellte die Sachen von Lucy in den Keller. Wie sollte es denn aussehen, wenn Maria zu mir käme und überall Bilder von einer anderen Frau hingen?

Deswegen räumte ich auf und mir fiel es um einiges leichter, als ich gedacht hatte. Ich konnte fast ohne Probleme Lucys Sachen wegräumen. Nachdem ich aufgeräumt hatte, rief auch schon Maria an und fragte, wie es mir heute ging. Sie sprach mich schon mit Schatz an, was mich glücklich machte.

Ich konnte es noch gar nicht richtig glauben, dass mein Leben wieder einen Sinn und eine Aufgabe hatte und zwar Maria glücklich zu machen.

Wir redeten nochmals über den gestrigen Abend, und sie fragte mich, wann wir uns denn das nächste Mal wiedersehen wollten. Ich antwortete ihr, dass wir uns gerne noch an diesem Tag wiedersehen könnten. Sie willigte ein und fragte mich, ob sie zu mir kommen könnte.

Ich antwortete natürlich mit ja und war froh, dass ich gerade erst die Wohnung aufgeräumt hatte.

Ich bereitete ein Mittagessen vor, Nudeln mit Tomatensoße, das war so ziemlich das Einzige, was ich alleine hinbekam, abgesehen von Tiefkühlpizza.

Bald klingelte es und Maria stand vor der Tür.

Ich begrüßte sie mit einem Kuss auf die Wange, brachte sie zum Esstisch und servierte die Nudeln.

Sie freute sich, da sie ziemlichen Hunger hatte.

Nach dem Essen zeigte ich ihr meine Wohnung und alles, was man darüber wissen sollte.

Nachdem ich ihr meine Wohnung gezeigt hatte, legten wir uns bei mir ins Bett und guckten Fernsehen. Wir kuschelten und küssten uns dabei und es fühlte sich sehr gut an.

Ich wollte nicht mehr ohne sie leben und alles für sie tun, sie war perfekt für mich.

Wir verbrachten den ganzen Tag im Bett und liebten uns. Mir kam es vor, als wären wir miteinander verschmolzen.

Ich fragte sie, ob sie nicht bei mir übernachten wollte, doch sie konnte nicht, da sie am nächsten Morgen früh raus musste. Sie meinte, nachmittags hätte sie eine Überraschung für mich. Also fuhr ich sie nach Hause, verabschiedete mich, und wir sagten uns, wie sehr wir uns liebten.

Ich kehrte zurück und legte mich direkt schlafen, damit es schneller morgen würde.

Als ich aufwachte, freute ich mich schon auf meine Überraschung. Es war schon 12 Uhr, da ich ziemlich lange geschlafen hatte.

Ich duschte, machte mir meine Haare und sprühte mich sogar mit Parfüm ein, das ich sonst nie benutzte.

Es klingelte an der Tür, und ich war so glücklich, dass ich Maria nun wiedersah. Ich öffnete die Tür und schloss sie in meine Arme.

Sie nahm meine Hand, zog mich nach draußen und sagte mir voller Euphorie: „Komm mit, Schatz!“

Ich hatte kaum Zeit, die Tür abzuschließen und folgte Maria bis zur Straße.

Dort stiegen wir in ihr Auto, und sie fuhr Richtung Innenstadt.

Ich fragte sie, wo sie hinwollte, doch sie antwortete nur, das könne sie nicht sagen, da

es eine Überraschung sei.

Ich sah, dass wir auf die Musicalhalle bei der „Neuen Flora“ zufuhren, und ich hoffte, dass das nicht die Überraschung sein würde, da es mich zu sehr an Lucy erinnerte.

Da sagte Maria zu mir: „Hey, siehst du das da vorne? Die große Halle da? Dort läuft gleich das Musical “Tarzan” und ich habe uns Karten dafür besorgt.”

Ich wollte sie nicht enttäuschen, doch eigentlich wollte ich da nicht rein. Ich sah Lucy wieder vor mir, und wie sie tot auf der Straße lag.

„Schatz, freust du dich gar nicht?“, fragte Maria.

„Doch, doch Schatz, ich bin gerade nur so überwältigt“, antwortete ich ihr.

Ich weiß, dass es gelogen war, doch ich wollte ihr nicht ihre Überraschung kaputt machen, sie wäre bestimmt sehr enttäuscht gewesen.

Also gingen wir in das Musical hinein und es war auch echt gut, nur ich war mit meinen Gedanken bei Lucys Tod und konnte mich kaum konzentrieren.

Ich kuschelte mich an Maria, um mich von Lucy abzulenken, doch das klappte nicht wirklich.

 

Kapitel 5 – Der korrigierte Fehler

Maria war begeistert von dem Musical, und als wir hinausgingen, sprang sie nur so hin und her und sagte mir, wie toll sie es fand. Ich gab mir Mühe, so viel Freude wie möglich zu zeigen, doch eigentlich war ich traurig und mit meinen Gedanken bei Lucy. Da wir während der Vorstellung Sekt getrunken hatten, fragte mich Maria, ob wir zu Fuß nach Hause gehen wollten, doch ich war dagegen und wollte sie dazu überreden mit dem Bus oder mit dem Taxi zu fahren.

Sie antwortete, dass es so schönes Wetter sei und sie unbedingt draußen sein möchte.

Ich probierte noch einmal sie zu überreden, doch es hatte keinen Sinn, in dieser Angelegenheit war sie echt stur. Dann sagte ich mir, was soll schon passieren, gehen wir eben zu Fuß.

Die frische Luft wehte zumindest meine schlechten Gedanken weg. Wir gingen den gleichen Weg, den ich mit Lucy gegangen war, und ein kalter Schauer fuhr über meinen Rücken. Ich fragte Maria, ob sie noch oft an ihren toten Freund dachte.

Sie antwortete mir, dass sie ihn vollkommen vergessen habe, da sie ja jetzt mich hat und sie glücklich weiterleben will und das geht schlecht, wenn sie immerzu an ihren toten Freund denkt.

Ich nickte nur und innerlich fragte ich mich, warum ich nicht so leicht vergessen konnte.

In diesem Moment kamen wir an der Gasse vorbei, wo alles geschehen war, und ich wollte so schnell wie möglich dran vorbei gehen.

Doch Maria zog mich in die Gasse und sagte, hier lang ginge es doch viel schneller.

Ich erklärte ihr, dass ich nicht durch die Gasse gehen wollte, da ich sie für zu gefährlich hielt.

Sie lachte, ging weiter und nannte mich Angsthase.

Widerwillig folgte ich ihr, da ich sie nicht alleine gehen lassen wollte.

Nach einer Weile nahm sie mich an der Hand und sagte: “Ist doch gar nicht so schlimm, siehst du.”

Genau in dem Moment tauchten aus der Seitengasse drei muskulöse Gestalten auf, die uns bedrohlich den Weg versperrten.

In meinem Inneren verspürte ich den Drang, Maria zu packen und zurück zum Anfang der Gasse zu laufen. Doch das Drama von damals schien sich zu wiederholen. Schneller, als ich es realisieren konnte, waren die Typen vor uns, der eine packte Maria am Arm und sagte: “Du bleibst schön bei uns.”

Ich handelte instinktiv und wollte nach meiner Waffe greifen, doch da war nichts mehr, da ich ja alle Waffen entsorgt hatte.

Ich musste ohne Waffe klarkommen. Ich packte den Arm des Angreifers, der Maria festhielt und drehte ihn so um, dass der Mann vor Schmerz aufschrie und Maria loslassen musste.

Der Andere jedoch packte mich von hinten und warf mich gegen eine Hauswand.

Ich schrie zu Maria: „Laaauuuf!“, doch sie tat es nicht.

Sie stand wie angewurzelt da und rührte sich nicht.

Ich wollte erneut schreien, als ein heftiger Schlag in die Niere mir die Luft nahm.

Aus Reflex schlug ich einfach zurück und traf meinen Gegner auf die Nase, jedoch attackierten mich die beiden anderen, und ich sah kein Entkommen.

Maria musste zusehen, wie ich auf dem Boden lag und zusammen geschlagen wurde.

Ich rief ihr die ganze Zeit zu, dass sie weglaufen solle.

Sie lief aber nicht.

So langsam wurde mir schwarz vor Augen, und ich weiß nicht, ob ich es Einbildung oder Wirklichkeit war, ich sah Maria in letzter Minute doch noch wegrennen.

 

Als ich wieder aufwachte, befand ich mich auf einem Friedhof.

Es war genau der Friedhof, auf dem ich Maria kennengelernt hatte. Auch jetzt war sie da.

Sie stand gebeugt über einem Grab und pflanzte gerade Blumen ein.

Ich dachte erst, dass es das Grab ihres Ex-Freundes wäre, doch das befand sich genau neben dem Grab, über das sie sich beugte.

Ich ging näher ran und las die Schrift auf dem Grabstein: „Hier ruht ein unscheinbarer Held, der das Leben seiner Freundin rettete.“

Darunter stand ein Name: „Rick Schäfer“.

Das war der Moment, in dem ich begriff, dass ich tot war.