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Der letzte Hüter

Merlin Holler, 15 Jahre

 [Anmerkung: Diese Geschichte ist der Anfang eines Projektes, das außerhalb der Fantastischen Teens entstand. Der vorliegende Text wurde während des Workshops „Retter in (un)bekannten Welten“ neu geschrieben.
Merlin arbeitet an seinem Projekt weiter und wird dabei durch die Blankenburg’sche Hamburg-Stiftung mit einem Einzelcoaching unterstützt.]

Atas hetzte um eine Häuserecke und verschwand in der Dunkelheit der Gasse. Die Wachen liefen keuchend vorüber und waren bald verschwunden. Vorsichtig lugte Atas hinaus, und stellte fest, dass die Luft rein war. Er seufzte erleichtert und trat einen Schritt auf die Straße. Erstmals schweiften seine Gedanken wieder ab zu dem Gegenstand in seiner Tasche, und unwillkürlich griff er danach. Es war eine golden funkelnde Kette, besetzt mit edlen grünen Schmucksteinen, die Atas im fahlen Mondlicht in den Händen wandte und drehte und von allen Seiten betrachtete. Sie würde ihm sicher genug Gold einbringen, als dass er sich die nächsten drei Wochen sicher ernähren konnte.
Atas war ein dünner Fünfzehnjähriger mit schwarzem Haar, das ihm wild ins blasse Gesicht fiel. Aus ihren dunklen Höhlen leuchteten seine himmelblauen Augen dafür umso heller und eindringlicher. Atas mochte sein Gesicht, auch wenn er niemand war, der vorrangig und besonders großen Wert auf sein Aussehen legte. Dafür hatte er viel zu viele andere Sorgen, über die er sich tagtäglich den Kopf zerbrechen musste. Denn Atas lebte allein. Seine Eltern waren seit so langer Zeit tot, dass ihr Bild ihm vor Augen verblasste. Er wusste nicht einmal mehr genau, wann sie gestorben waren, und aus welchem Grund. Und dennoch sehnte er sich nach ihnen, dringlicher, als er sich je etwas gewünscht hatte. Die langen Abende, die er einsam in seinem Haus in einer der vielen verwinkelten Straßen der großen Provinzstadt Holdbruch verbrachte, dachte er viel darüber nach, woher er gekommen war, und wer er wäre, wenn alles anders gekommen wäre. Und doch war er es inzwischen gewohnt, morgens mit knurrendem Magen und staubtrockener Kehle aufzustehen, sich trotz vor Müdigkeit brennender Augen auf die Beine und anschließend nach draußen zu quälen und seinem zugegebenermaßen nicht gerade manierlichen Tagewerk nachzugehen. Denn um überleben zu können, stahl er das Nötigste, so wie an diesem Abend die Kette. Nicht, dass er das gerne tat, im Gegenteil. Man sollte meinen, jemand wie Atas, dessen Lebensgrundlage auf Diebstahl basierte, hätte sich irgendwann daran gewöhnt. Aber so nicht Atas. Nein, er hasste es, so zu leben. Eingesperrt zu sein als armer, verdummter Junge, nicht mehr von der Welt sehen zu können als die Mauern der immer gleichen einen Stadt von innen anzustarren. Von außerhalb nichts mitzubekommen. Nur dann etwas über das zu erfahren was draußen im Lande vorging, wenn er mal in einer Taverne saß und aufmerksam den betrunkenen Reisenden zuhörte, die Geschichten über Berserker lallten, die wieder einmal irgendwo ein Dorf überfallen hatten. Oder den König, einen elenden Taugenichts, so sagten sie, der nichts dagegen unternahm sondern sein Augenmerk lieber auf den Krieg in den Grenzlanden richtete.
Oft träumte Atas davon, dass er Holdbruch einmal verlassen würde – vielleicht eine Lehre anfangen, in einer Mühle oder bei einem Zimmermeister, ein bisschen umherreisen, verschiedene Orte und Leute und am allerliebsten einmal das Meer sehen. Oder auch nur überhaupt irgendeine Landschaft – es war Jahre her, dass Atas es aus Holdbruch geschafft hatte, und das war auch so ziemlich das einzige Mal gewesen. Eigentlich hatte er nur den Auftrag gehabt, nach draußen in den nahen Wald zu gehen und einem Mann, der dort allein und abgeschieden in einer kleinen Hütte wohnte, Vorräte zu bringen. Atas war damals zehn oder elf gewesen, aber er erinnerte sich heute noch sehr gut daran. Er wusste noch genau, dass er damals gedacht hatte, dass dieser Mann im Wald ihm selber gar nicht so unähnlich war. Wobei der in seinem Leben sicher schon so einiges hinter sich hatte. Damals hatte Atas sich geschworen, endlich aufzubrechen, vor allem als er die Düfte des Grases, der vielen Bäume und des Mooses und die unzähligen surrenden Insekten wahrgenommen hatte. Aber kaum war er wieder auf das Straßenpflaster innerhalb Holdbruchs getreten, war dieser Traum versickert wie das stinkende Abwasser in die Kanäle unterhalb der Stadt. Er war nach Hause zurückgegangen, hatte dasselbe kleine armselige Feuer entfacht wie jeden Abend, hatte wie immer einige Stunden gedankenversunken so dagesessen und war anschließend, ebenfalls wie jeden Abend wieder, ins Bett gegangen. Und am nächsten Morgen war er aufgestanden, nach draußen gegangen und hatte etwas gesucht, womit er etwas Gold würde eintreiben können – wie jeden Tag.
Aber obwohl Atas sein Leben lang von nichts als Diebstahl gelebt hatte; irgendjemanden verletzt hatte er noch nie. Und das würde er auch nicht tun, das stand fest. Er wollte niemandem etwas antun, erst recht nicht wenn er es doch war, der demjenigen Unrecht tat, indem er ihn bestahl. Auch für die Kette in seiner Hand hatte er niemanden verletzt. Die edel gekleidete Frau hatte einfach nicht hingesehen sondern sich lieber mit dem Händler unterhalten, dem sie das Schmuckstück kurz zuvor abgekauft hatte. Es hatte einfach so dagelegen, Atas hatte nicht mehr tun müssen als die Hand auszustrecken und wegzulaufen. Ob jemand ihn bei dem Diebstahl gesehen hatte, wusste er nicht genau. Zumindest hatte er diesmal keine empörten Rufe und Schreie gehört wie sonst oft. Trotzdem; jetzt jagten die Wachen den Dieb, und bestimmt hatten sie ihn im Verdacht.

Er hatte inzwischen einen Ruf, nach all den Jahren. Die Wachen hatten ihn schon fot verfolgt. Trotzdem war es ihm bislang jedes Mal gelungen, ihnen zu entkommen. Er wusste, wie er es anstellen musste, dass sie ihn nicht fassten. Ob es nun eine Verkleidung war, oder er sich während des Stehlens einfach nicht sehen ließ. Zwar wussten die Wachen irgendwoher immer, wenn er in einen Diebstahl verwickelt war; aber im Kerker gesessen hatte Atas noch nie.
Atas seufzte leise und ließ die Kette zurück in die Tasche seines ausgefransten schwarzen Stoffmantels gleiten. Am besten wäre es wohl, wenn er jetzt nach Hause ginge und sich schlafen legte. Kein Händler war um diese Zeit noch auf den Beinen, erst recht kein Fleischer oder Bäcker. Er würde wohl oder übel bis morgen früh warten müssen, um seine Kette gegen Gold und anschließend etwas zu essen eintauschen zu können.
Also schlich er auf die Straße zurück und machte sich auf den Weg heimwärts. Während er so durch das größte Viertel der Holdbrucher Unterstadt lief, begann es leicht zu schneien. In einem feinen, pudrigen Reigen tänzelten die weißen Flocken sanft auf die gepflasterte Straße nieder und sammelten sich auch in seinem Haar. Es war bitterkalt. Im Lande Albonas waren die Sommer oftmals kurz und mild, die Winter dafür umso länger und kälter; und das, obwohl es zentral bis westlich auf dem großen Kontinent Pangêa lag. Soweit Atas wusste, lebten nur noch wenige Völker in Albonas, nicht wie früher. Die Geschichtenerzähler sagten, vor vielen Jahrzehnten, im vorigen Zeitalter, wäre Albonas besiedelt gewesen von einer Vielzahl an Völkern. Damals wäre noch Frieden gewesen. Aber heute war alles anders. Das Erfindervolk, die Yikes, hatten sich in den Norden von Albonas zurückgezogen, und, und das war noch viel schlimmer, das Volk der Elfen wurde vom Imperium gejagt. Niemand wusste so recht, weshalb. Hin und wieder hingen Plakate aus, oder Stadtschreier verkündeten, dass ein Kopfgeld auf einen Elfen ausgesetzt war, der sich irgendwo in den Gassen der Unterstadt versteckte. Einmal, vor ein paar Jahren, hatte ein seltsam grauhäutiger Mann mit krummer Nase und kleinen zusammengekniffenen Augen auf dem Marktplatz gestanden und dreitausend Goldstücke für denjenigen geboten, der ein Elfenlager an der nahen Küste „säuberte“. Atas hatte sich damals angewidert abgewendet und war, so schnell er konnte, nach Hause gegangen.
Er selbst war nie einem Elfen begegnet. Er hatte nur Erzählungen über sie gehört. Viele sprachen über sie, als wären sie Missgeburten, nannten sie Bastarde, Schweinehunde, Dreckselfen, manchmal auch elende Spitzohren. Sie wären gut darin, Leute um ihr Gold zu bringen. Sie raubten dem König die nötige Aufmerksamkeit, die er seinem Volk entgegenbringen müsste; deshalb sei die Lage in Albonas so erbärmlich. Atas wusste nicht, was er davon halten sollte.
Aber dann gab es auch die, die sie als engelsgleich bezeichneten. Anmutig, hochgewachsen, leichtfüßig und behände, klug und raffiniert im Kampf. Sie hätten so reine Herzen wie keine Kreatur in ganz Pangêa, und ihr Gespür für Gerechtigkeit sei überwältigend. Und das war es, was auch Atas glaubte. Zwar zweifelte er an den Geschichten, die Elfen wären das erste aller Völker gewesen, genauso wie an der Erzählung, sie wären Gottheiten in irdischer Gestalt. Das waren bestimmt nur Hirngespinste und Wunschträume von Saufbolden, die noch daran glaubten, dass die Elfen auch ein Recht darauf hatten, gut zu leben und genauso behandelt zu werden wie jeder sonst in Albonas.
Dann gab es da noch die Minotauren. Sie fand Atas besonders interessant, aber auch von ihnen hatte er noch nie einen gesehen. Sie sollten halbe Riesen sein, und breit gebaut; halb Mensch, halb Stier, so sagte man. Ihnen wüchsen Hörner aus dem Kopf, und Nüstern sollten sie haben. Auch sagte man ihnen nach, dass sie Tagediebe waren, mit besonderer Vorliebe viel Zeit in der Taverne verbrachten und tranken. Dafür, hieß es aber auch, seien sie besonders gute und kräftige Kämpfer. Atas konnte sich kaum vorstellen, wie ein Minotaurus aussehen sollte. Er wünschte, er würde einmal in seinem Leben einem begegnen, denn trotz ihres etwas erschreckenden Erscheinungsbildes sollten sie gutmütig, warmherzig und vor allem gastfreundlich sein. Den Erzählungen der Reisenden nach lebten sie in kleinen bis mittelgroßen Gemeinschaften überall in Albonas, hielten sich aber von den großen Städten fern. Wenn er also wirklich einem begegnen wollte, müsste er weit fort von Holdbruch. Aber so wie es derzeit für ihn aussah, würde das noch einige Jahre dauern …
Die Menschen in Albonas waren das am meisten vertretene Volk, seit Zoran und das Imperium sie zum „stärksten Volk“ ernannt hatten. Und so behandelten sie es auch. Jeder Fürst war ein Mensch. Jeder, der im Dienste des Königs stand. Auch seine Armee, so hatte Atas gehört, bestand nur aus Menschen – den kräftigsten und geschicktesten aller Krieger. Das war etwas, worüber er viel und häufig nachdachte. Er selbst empfand es als ungerecht, den Menschen einen derartigen Vorrang zuzusprechen. Jedes Volk sollte die gleichen Berechtigungen haben und genauso leben dürfen wie jedes andere. Niemand sollte vernachlässigt oder sogar gejagt und getötet werden, nur weil er anders geboren wurde. Im Grunde ihres Herzens waren doch alle Wesen gleich. Wieso mussten da Unterschiede gemacht werden?
Atas erwachte ein wenig aus seinen Gedanken, als er in die Straße trat, in der sein Haus stand. Der Schneefall hatte sich allmählich verstärkt, und ein kräftiger Wind blies. Atas fröstelte und zog den Mantel fester um seinen schmalen Körper. Es war wirklich kalt. Seine Nase lief, und der Wind peitschte ihm Schnee und kleine Eiskristalle ins Gesicht, bis seine Augen zu tränen begannen. Er erreichte sein Haus und seufzte erleichtert auf. Es war ein Fachwerkhaus wie jedes andere in dieser Straße, wie jedes andere in der ganzen Unterstadt. Für ihn war es gerade groß genug, aber auch nicht zu groß. Früher, als er noch mit seinen Eltern hier gelebt hatte, war es ihnen eigentlich immer ein wenig zu klein gewesen. Aber für ihn alleine eignete es sich sehr gut. Es hatte zwei Stockwerke mit je nur einem Zimmer. Glücklicherweise besaß es auch einen Kamin; denn das war nicht selbstverständlich. Die Leute, die in der Unterstadt lebten, waren arm. Viele von ihnen hatten keine Arbeit, dafür aber Kinder, die sie ernähren mussten. Im Winter kam es fast täglich vor, dass der grauhaarige dunkelhäutige Bestatter mit seinem Wagen durch die Straßen zog, wieder einen Toten unter der weißen Decke. Armut und Hunger paarten sich mit Kälte und Krankheiten, die sich in der Unterstadt immer sehr schnell verbreiteten. Und da es nur einen Arzt gab, und er oft selbst erkrankt war, war es kein Wunder, dass die Leute wegstarben wie die Fliegen. Einmal, vor vielen Jahren, war die gesamte Unterstadt abgesperrt worden, weil sich eine Seuche über das Trinkwasser verbreitet hatte. Atas war einer der wenigen gewesen, der gesund geblieben war, und wenn er heute so darüber nachdachte, kam es ihm vor wie ein unfassbares Glück. Damals waren so viele Menschen gestorben, dass die halbe Unterstadt regelrecht verlassen war. Der Fürst hatte sich nicht um sie alle gekümmert, ihnen auch keine Hilfe gesandt. Er wollte diejenigen schützen, die es auch wert waren. Sollten die Leute aus der Unterstadt doch zusehen, wie es ihnen erging. Tags darauf waren alle Tore in den Mittelbezirk und nach draußen abgeriegelt worden. Niemand konnte hinaus oder hinein, sie waren eingesperrt gewesen, natürlich ohne Nahrung. Fast zwei Wochen hatte es gedauert, bis der Hauptmann der Wache erneut auf dem Marktplatz gestanden und verkündet hatte, das Trinkwasser sei wieder sauber. Atas wusste nicht, woran die Leute eher gestorben waren; an der Seuche oder dem elenden Durst. Denn niemand hatte ihnen etwas zu trinken gebracht. Ihnen war nichts anderes übrig geblieben, als das verseuchte Wasser zu trinken, wenn sie nicht verdursten wollten. Atas hatte es damals nicht geschert, und er hatte trotzdem von dem Wasser getrunken – obwohl er in den Häusern nebenan und gegenüber hörte und sogar sah, wie die Leute ganz rot im Gesicht wurden, schrien wie bei der schlimmsten Folter, und wie sie sich aus dem Fenster erbrochen, den ganzen Tag lang. Es war eine der schlimmsten Zeiten in seinem Leben gewesen, obwohl er selbst währenddessen kerngesund gewesen war.
Aber so ging es immer zu in den ärmsten Vierteln in Holdbruch. Niemand scherte sich darum, wie es ihnen erging, am allerwenigsten der Fürst. Der saß im Palast, erhöhte die Steuern und verurteilte jeden Straftäter zum Tode. Hin und wieder machte er auch einen Ausritt in die Natur rings um die Stadt, dann und wann auch ließ er in der ganzen Stadt – sogar in Atas‘ Viertel – bekanntgeben, dass er wieder mal eine neue Frau geheiratet hatte. Atas mochte den Fürsten nicht. Er kannte ihn nicht persönlich, vielleicht urteilte er vorschnell. Aber das, was er über ihn hörte, machte ihn nur noch unsympathischer. Aber was war schon anderes zu erwarten, immerhin war er ein Adliger. Jeder Adlige war unangenehm, verhielt sich, als sei er der einzige Mensch in ganz Albonas. Und so war auch der Fürst; zumal der eben ein Fürst war. Er musste nur mit den Fingern schnippen, und zweihundert Männer in stählerner Rüstung standen stramm, die Lanzen nach steif und geradewegs nach oben gerichtet. Die Macht, die er besaß, konnte sich ein kleiner armer Waisenjunge wie Atas doch gar nicht vorstellen. Das wäre es, was der Fürst ihm sicher sagen würde, wenn er ihm gegenüber stünde. Vielleicht war es doch besser, er würde ihm nie begegnen. Der Fürst tat, was ihm gefiel, scheuchte sein Personal und die Wachen herum wie er gerade Lust hatte, ließ Leute sterben wie die Tiere und lehnte sich derweil zurück um Gänsefleisch und Kalbsleber zu verspeisen, während Atas sein eigenes, wenn auch viel kleineres Leben führte.
Atas seufzte und schüttelte den Kopf, als wollte er damit auch all diese Gedanken verscheuchen. Auf seinen Händen zeichneten sich inzwischen rötlich kleine pulsierende Äderchen ab, und in seinen Wimpern klebten gefrorene Tropfen. Er spürte seine Finger kaum noch, und er konnte seine Kiefer nicht mehr bewegen. Eilig sprang er die Stufen zu seiner Haustür hinauf und kramte seinen Schlüssel heraus. Es war ein kleiner, rostiger Schlüssel aus billigem Eisen. Der Zimmermann, der das Schloss der Eingangstür gefertigt hatte, musste genauso wenig Gold gehabt haben wie er selbst. Atas schob den Schlüssel ins Schlüsselloch und drehte ihn unter großer Anstrengung zweimal um. Nach einigen kreischenden Geräuschen klickte das Schloss leise und die Tür schwang weinend auf. Schnell schlüpfte Atas nach drinnen und zog die Tür hinter sich zu.
Es war nicht viel wärmer als draußen, dafür aber windgeschützt. Atas durchfuhr ein Schauder bei dem Gedanken, dass die meisten Leute bei dieser Kälte schlafen mussten.
Der Raum war nicht besonders groß, aber Atas genügte er. Er brauchte nicht viel Platz, und außerdem kostete ihn das Haus Steuern. Immer, wenn der alte Schuldeneintreiber Glen vor der Tür stand und ihn mit seinem einen Holzauge anstarrte, trat er sein letztes Gold an ihn ab. Und die Steuern wurden immer höher. Atas graute bereits vor dem Tag, an dem er seine Schulden nicht würde bezahlen können. Immer wieder hörte er Geschichten darüber, wie Leute, die zu wenig Gold hatten um ihre Steuern zu bezahlen, einfach verschwanden. Man erzählte sich, sie würden in den Kerker geworfen und dort elendig verhungern und verdursten. Das war wirklich das letzte, was Atas wollte. Wenn er schon sterben würde, dann ganz sicher nicht in den Katakomben des Fürstenpalastes.
Atas stieß eine dampfende Atemwolke aus, die langsam in der Dunkelheit des Raumes verschwand, und ging hinüber zum Kamin an der rechten Wand. Mit klappernden Zähnen und vor Kälte bläulichen Lippen legte er einige Scheite hinein und griff nach den Feuersteinen auf dem schäbigen Regalbrett über dem Kamin. Natürlich rauchten die Steine erst beim vierten Versuch, und einige zierliche Funken sprangen auf das Holz über. Aber dann ging es recht schnell. Schon nach wenigen Herzschlägen züngelten die Flammen im Kamin, fluteten sein Gesicht mit Wärme und den Raum mit gemütlichem, gelbgoldenen Licht, ließen Schatten über die holzverkleideten Wände tänzeln. Atas schloss die Augen und genoss den Moment. Er spürte, wie sein ganzer Körper allmählich aus der Starre aufwachte, in die ihn die Kälte versetzt hatte. Gleichzeitig wurde er aber träge und schläfrig. Zufrieden stand er auf und zog sich den Mantel aus, legte ihn über einen der Stühle und holte ein Fell, das an einem Haken in der Wand neben der Tür hing. Damit setzte er sich vor das prasselnde Feuer und zog wieder die Kette hervor. Schätzend betrachtete er sie. Fünfzig Goldstücke sollte sie ihm mindestens einbringen, wenn nicht sogar mehr. Er dachte daran, dass er morgen früh bei Qwid im Laden stehen und sich einige Streifen Räucherfleisch und mehrere Pakete rohen Fleisches einpacken lassen würde. Hungern würde er die nächsten Wochen nicht. Dafür hatte er jetzt ein anderes Problem, wenn die Wachen herausbekamen, das er die Kette gestohlen hatte. Aber damit würde er sicher auch irgendwie fertig werden. Atas gähnte ausgiebig und beschloss, hier vor dem Feuer zu schlafen. Oben war es viel kälter und er würde sich unter der Decke sicher die Zehen abfrieren. Also lief er nur schnell hinauf um sich seine dünne Wolldecke zu holen, bevor er sich wieder vor dem Kamin niederließ. Ab morgen wäre seine Existenz zumindest für einige Zeit wieder etwas gesicherter. Über diesen zufriedenstellenden Gedanken sank er in einen wohligen Halbschlaf, bevor er allmählich ganz in der Welt der Träume versank.

Atas erwachte früh am nächsten Morgen. Vom Liegen auf dem Boden taten ihm die Glieder weh,. Er streckte sich einmal genüsslich, dann erhob er sich gähnend und warf halbherzig einen prüfenden Blick auf die verkohlten Holzscheite im Kamin. An seinem Wassereimer, der immer unter seinem Tisch stand, wusch er sich einmal das Gesicht und schüttelte sich, als das kalte Nass sein Gesicht berührte. Dann griff er nach seinem Mantel und verstaute die Kette darin. Als erstes würde er jetzt zu einem Händler gehen, um die Kette zu verkaufen. Also trat er nach draußen, schloss die Tür hinter sich ab und stieg die Stufen auf die Straße hinab.
Es war ein sonniger, wolkenloser Tag – sehr ungewöhnlich für den Winter in Albonas. Er musste regelrecht blinzeln, weil ihn das Licht nahezu blendete. Der Schnee knirschte frisch unter seinen dünnen Stiefeln und glitzerte hell im strahlenden Sonnenschein. Atas ging gut gelaunt die Straße hinab und erschrak, als er den gleichmäßigen, harten Schritt einer Wachpatrouille am anderen Ende der Straße hörte. Im letzten Moment sprang er erschrocken zwischen zwei Häuser und versteckte sich in den Schatten, bis die Wachen vorübergegangen waren. Sein Herz pochte ihm bis zum Hals.

Das war unvorsichtig
, dachte er mahnend, zu unvorsichtig. Er würde noch erwischt werden, wenn er nicht aufpasste. Mit flach gehendem Atem trat er wieder auf die Straße und begegnete prompt dem alten Bestatter.
„Hau bloß ab von hier, Junge“, knurrte der Mann und nickte mit dem Kopf auf seinen Wagen, auf dem wieder einmal etwas unter dem weißen Tuch lag.
„Verfluchte Drecksstadt. Den Fürsten soll die nächste Seuche einfach mitreißen, verdammich.“ Er schüttelte den Kopf und ging brummelnd und murmelnd von dannen. Atas sah ihm noch einen Moment nach, dann bog er an der Kreuzung in die nächste Straße ein. Der Bestatter war jemand, der Holdbruch mehr verachtete als Atas selbst. Mit ihm diskutierte man darüber auch besser nicht. Er hatte eine unheimliche Ausstrahlung mit seinem schiefen Blick und seinen schwarzen Zähnen. Niemand würde es wagen, ihn auch nur anzusprechen. Dafür erschrak man umso mehr, wenn er es war, der einen ansprach.
Nach einiger Zeit erreichte Atas den Marktplatz. Hier herrschte bereits reges Treiben; die Händler werkelten geschäftig an ihren Ständen, und überall standen kleine Grüppchen plappernder Frauen oder dicke ältere Männer, die mit fachlichem Blick die Ware begutachteten. Atas warf sich ins Getümmel und hielt die Augen nach einem Schmuckhändler offen. In jeder Sekunde achtete er darauf, dass ihm keine Wachen über den Weg liefen – wobei die den Marktplatz der Unterstadt auch eher mieden. Dennoch – so etwas wie eben durfte ihm nicht nochmal passieren.
Es dauerte nicht lange, da bemerkte er einen Schmuckhändler, was aber auch nicht schwer war, weil der seine Ware lauthals halb Holdbruch präsentierte: „Kommt und kauft, den einzig guten Schmuck in ganz Albonas! Sehr teu… sehr exklusiv! Ganz außergewöhnlich, ja ja!“

Zielstrebig schritt Atas auf ihn zu und nickte grüßend.
„Ooh – hallo, junger Freund! Was darf’s denn sein, hm?“, fragte der junge Händler überschwänglich und breitete einige Silberringe vor sich aus.
„Ich möchte …“, begann Atas.
„Deiner Liebe ein nettes Geschenk machen, wie? Na, hast du denn auch genügend Gold in deinen Taschen?“
„Eigentlich möchte ich …“
„Ehrlich gesagt siehst du aus, als hättest du nicht allzu viel Geld.“
„Ich will doch gar nichts kaufen“, protestierte Atas, froh darüber, endlich einen Satz herausgebracht zu haben, ohne dabei von dem aufgeweckten Händler unterbrochen worden zu sein.
„Ach so?“, antwortete der junge Mann und strich sich übers Kinn. „So so“, machte er. „Aha. Mhm.“ Er schien angestrengt nachzudenken. „Na schön, Kleiner. Was willst du mir denn andrehen, hm? Hör zu, für selbst gebastelten Krimskrams habe ich zu viel um die Ohren.“ Atas zog wortlos die Kette aus der Tasche und legte sie auf den Stand. Das Grinsen des Händlers verschwand so schnell, wie seine Augen sich weiteten.
„W-woher hast du die?“, fragte er, offenkundig überrascht.
„Gehörte meiner Mutter“, log Atas eilig. „Ich möchte sie Euch verkaufen. Wieviel würdet Ihr mir dafür geben?“
„Also, dieses gute Stück ist sehr teuer, sehr exklusiv, ja ja …“
„Wieviel?“, wiederholte Atas. Der Händler überlegte.
„Fünfhu… zweihundert.“ Atas verzog das Gesicht. Was für ein Betrüger. Aber er willigte dennoch ein. Zweihundert waren immer noch viermal so viel, wie er sich erhofft hatte, und außerdem wollte er kein Aufsehen erwecken.
„In Ordnung“, sagte er mit erlahmender Stimme. Der Händler griff schnell nach der Kette, als würde er Sorge davor haben, Atas könnte es sich noch einmal anders überlegen.
„Sehr erfreut, Geschäfte mit dir zu machen“, sagte er und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Atas wartete geduldig, während er zwei kleine Beutel hervorzog, die metallen klimperten.
„Bitte sehr“, sagte der Händler und reichte ihm das Gold mit einer aufgesetzt ehrlichen Miene.
„Danke.“ Atas nahm die Beutel entgegen und verstaute sie in seiner Manteltasche, dort, wo er vorher die Kette aufbewahrt hatte.
„Einen sehr angenehmen Tag noch“, rief ihm der Mann nach, und Atas meinte, ihn leise lachen zu hören über die Dummheit dieses ahnungslosen Jungen.
Aber ihm sollte es recht sein, solange er das Gold bei sich trug. Mit zweihundert Goldstücken würde er vielleicht sogar noch seinen Mantel flicken lassen können. Mit diesem aufheiternden Gedanken im Hinterkopf schlug er den Weg zu Qwid, dem Fleischer, ein. Der wohnte nur zwei Straßen weiter. Atas entfernte sich vom regen Treiben des Marktplatzes und trat in eine ruhigere Straße. Es war seltsam; kaum betrat er das Pflaster, war ihm, als würde er beobachtet. Er warf verstörte Blicke in alle Richtungen, entdeckte aber niemanden. Er lachte leise. Sicher machte er sich nur etwas vor. Er schüttelte den Kopf, machte sich nichts weiter daraus und bog in die Straße ein, in der Qwid wohnte.
Als er dann vor der Tür des Fleischers stand, begegnete ihm wieder der Bestatter.
„Ich hab’s gesagt, eines Tages werden wir alle Opfer einer gewaltigen Katastrophe …“, hörte er ihn brummen, und dann schnappte er noch einen weiteren Fetzen auf: „… verdammter Fürst, erhöht schon wieder die Steuern …“
Atas sank das Herz in die Hose. Trotz des vielen Gelds, das er gerade gemacht hatte, würde er die Steuern immer noch nicht bezahlen können, wenn der Fürst sie schon wieder erhöht hatte. Missmutig stieß er die Tür auf und trat ein.
„Ah, Atas, mein Junge!“, rief der Fleischer gleich, als Atas hereinkam. Er stand hinter dem Tresen und putzte das riesige Hackebeil in seiner Hand an seiner blutverschmierten Schürze.
Qwid war ein dicker Mann mit roten Backen, einem strahlenden Lächeln und einem dicken dunklen Bart. Er war eine von Natur aus fröhliche Persönlichkeit, und die wohl friedfertigste, der Atas je begegnet war. Qwid würde keiner Fliege etwas zuleide tun. Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass die beiden so gut miteinander auskamen.
„Was kann ich für dich tun, hm?“
„Ich hätte gern … vier Pfund rohes Fleisch. Oh, und etwas Räucherfleisch, wenn du davon etwas da hast.“
„Aber sicher“, rief Qwid und verschwand im Nebenraum. Von dort aus hörte man ihn rumoren, an Kisten herumfummeln und laut fluchen. Nachdem das Rascheln von Papier verklungen war, erschien er wieder hinter dem Tresen und legte zwei große Pakete vor sich ab.
„Bitteschön“, sagte er. „Das macht vierundzwanzig Goldstücke.“
„Hast du die Preise gesenkt?“, fragte Atas erstaunt, während er ihm das Gold reichte.
„Jetzt, wo der Fürst die Steuern wieder erhöht hat … sonst gehen mir doch alle Kunden verloren, meine Herrn!“ Er hustete einmal rasselnd. „Die Leute müssen das Fleisch ja auch bezahlen können, nich?“ Atas nickte langsam, bevor er entgegnete:
„Aber kommst du so selber zurecht?“
„Ach“, meinte Qwid mit einer abwinkenden Handbewegung, „ich komm schon über die Runden. Mach dir lieber Gedanken über dich selbst. Kannst du diese Unsummen überhaupt bezahlen?“ Atas schwieg und sah zu Boden.
„Ach herrje“, sagte Qwid traurig. „Atas, ich würd dir all mein Gold geben, das ich nicht selbst bräuchte, wenn ich denn welches hätte.“
„Schon in Ordnung. Ich werd’s schon irgendwie schaffen.“
„Ich wünsch dir jedenfalls alles Gute, mein Junge.“ Er beugte sich vor und klopfte Atas auf die Schulter.
„So. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss zurück an die Arbeit.“ Mit diesen Worten verschwand er wieder im Nebenzimmer und ließ Atas zurück. Der packte die beiden Fleischpakete und trat nach draußen.
Er bog gerade in seine Straße ein, da sah er ein vertrautes Gesicht auf sich zukommen. Es war eine kleine runde Frau mit dunkel gelocktem Haar und Lachfältchen um die Augen.
„Atas, mein Lieber!“, rief sie und drückte ihn an sich. „Wie schön, dass wir uns endlich wieder einmal begegnen. Wie geht es dir? Kommst du zurecht?“
Das war Mielda. Sie führte die Taverne am Ende der Straße, in der auch Qwid wohnte und Atas kannte sie, solange er denken konnte. Früher, als er noch viel jünger war, hatte sie sich um ihn gekümmert und oft nach ihm gesehen. In den letzten Jahren waren sie einander allerdings immer weniger über den Weg gelaufen. Mielda bot ihm trotzdem jedes Mal ihre Unterstützung an.
„Ach Atas“, sagte Mielda und drückte ihn gleich noch einmal. „Ich freue mich ja so! Und nun erzähl. Wie geht es dir?“
„Ich komme zurecht“, antwortete Atas leise.
„Bist du dir sicher? Oh, du weißt ja. Wenn du Hilfe brauchst, komm einfach zu mir!“ Einen Moment lang standen sie einfach so da und schwiegen.
„Weißt du was? Du kommst jetzt mit mir mit. In der Taverne kriegst du einen schönen großen Becher Ziegenmilch und erzählst mir mal etwas genauer, wie es dir im Augenblick ergeht. In Ordnung?“
„Also, eigentlich wollte ich…“, wandte er ein.
„Ach, papperlapapp. Nichts, was du nicht auch später noch erledigen könntest. Komm mit!“ Sie packte ihn am Handgelenk und zog ihn hinter sich her.
„Eigentlich mache ich ja immer erst am Nachmittag auf. Ich will nicht, dass die ganzen Taugenichtse schon am Vormittag bei mir hocken und sich über ihr Leben ausjammern, wo sie doch die Zeit nutzen und etwas aus sich machen könnten! Aber bei dir mache ich gerne eine Ausnahme. Wir kennen uns ja!“ Sie lachte. „Und außerdem hast du ja keine Arbeit. Ach, da fällt mir ein, hast du denn genügend Gold?“
„Es reicht gerade so“, log Atas. Mielda plapperte fröhlich weiter.

Der Tunichtgut von einem Fürsten hat die Steuern schon wieder erhöht, du hast es sicher schon gehört …“ Sie verdrehte die Augen. „Holdbruch ist wirklich der schlimmste Ort, an dem Leute ohne Aussichten leben können“, sagte sie entschieden und entschuldigte sich rasch, als Atas das Gesicht verzog.
„Aber du hast doch Aussichten, nicht wahr?“, sagte sie dann. „Sieh dich an! Du hast nicht schon die Hälfte deines Lebens hinter dir, in der du nicht mehr erreicht hast, als dich zu betrinken! Du bist jung und frisch, kräftig und robust …“ Sie klopfte ihm ermunternd auf die Schulter. „Du gehst deinen Weg“, sagte sie dann, etwas ernster, „da bin ich mir ganz sicher.“ Sie wandte sich um. „So, da sind wir ja auch schon! Na, immer hereinspaziert, mein Lieber!“ Sie öffnete die Tür zur Taverne und verschwand im Inneren. Atas seufzte, stellte sich darauf ein, erst gegen Abend wieder hier raus zu sein und folgte ihr langsam.
Kaum waren sie eingetreten, wirbelte Mielda auch schon durch den Raum und zündete die Kerzen an den Stützpfeilern und den Wandhalterungen an.
„Oh, was mache ich denn da“, murmelte sie währenddessen zu sich und schlug sich gegen die Stirn. „Es ist doch hell genug. Dann sind die Kerzen nachher ganz abgebrannt. Kostet mich nur alles noch mehr… Na, sei’s drum. Atas, mein Lieber, komm doch hier herüber, hm?“ Sie watschelte hinter den Tresen und zog einen hölzernen Krug hervor.
„Ach, du hast es sicher noch nicht gehört“, seufzte sie. „Es wurde wieder ein Dorf überfallen und gebrandschatzt. Vermutlich Berserker – wie immer. Und der König unternimmt nichts – auch wie immer.“ Sie starrte aus dem Fenster und goss den Krug bis zum Rand mit Ziegenmilch voll. „Unser König Zoran ist wirklich der schlechteste König, den ein Land haben kann. Früher, da war alles besser, weißt du? Als jedes Fürstentum seine eigene Regierung hatte. Und damals, da gab es noch Frieden. Den König interessiert doch nur der Krieg.“ Atas setzte sich auf einen der hölzernen Hocker vor dem Tresen und Mielda stellte ihm den Krug mit Ziegenmilch vor die Nase, an dem er vorsichtig nippte.
„Etwas zu essen? Du hast sicher Hunger.“ Atas dankte ihr innerlich. Sein Magen schmerzte schon richtig. „Hier, bittesehr.“ Sie reichte ihm einen riesigen Laib Brot.
„Danke“, sagte er leise und machte sich gierig darüber her.
Atas stopfte sich den letzten Rest Brot in den Mund und zuckte verlegen die Achseln.
„Schon gut“, sagte sie mild. „Wir wissen beide, dass du es nicht leicht hast.“
Nicht schon wieder, dachte Atas. So schlecht geht es mir auch nicht.
„So“, rief sie und klatschte fröhlich in die Hände. „Und nun erzähl doch mal.“
„Eigentlich gibt es nicht viel zu erzählen“, entgegnete Atas mit gedämpfter Stimme und nahm einen Schluck von der Ziegenmilch.
„Ach, Unsinn. Woher hast du denn dein Gold? Oder hast du mich angelogen und du bist in einer totalen Notlage?“ Sie sah ihn scharf an.
„Nein, nein“, sagte er eilig. „Ich habe wirklich Gold.“
„Erledigst wohl Aufträge, hm? Für einen Boten hier, für einen Zimmermann da, oder wie? Na, solange du dich nicht in den Gegenden herumtreibst, wo die Bordells sind …“ Atas sah sie groß an.
„Ich bitte dich. Das war doch nur ein Scherz.“ Sie lächelte und kniff ihm in die Wange. „Ach ja, du bist so tapfer, weißt du? Deine Eltern wären sehr stolz auf dich gewesen, glaube ich.“ Atas schluckte und ein kalter Schauder durchfuhr ihn, als sie seine Eltern erwähnte.
„Oh, ich … wie unvorsichtig von mir. Schon wieder. Tut mir sehr leid, Atas.“ Er hörte kaum zu. Er kämpfte mit diesem Gefühl, das er immer hatte, wenn er an seine Eltern dachte. Dieser stechende Wunsch, sie bei sich zu haben. Dass sie noch lebten. Sie beisammen wären. Atas sah zu Boden.
„Ich wollte dich nicht … ach, Atas.“ Sie sah ihn traurig an. „Es tut mir leid, hm?“ Sie legte ihre Hand auf seine und Wärme durchfloss seinen Arm. Ihm war trotzdem ganz kalt. Gedankenverloren starrte er aus dem Fenster, durch dessen verschmutzte Scheibe gedämpft Sonnenlicht hereinfiel.
Plötzlich riss ihn ein Klopfen aus seinen Gedanken, und er und Mielda blickten auf. Sie sah ihn fragend an, zuckte mit den Schultern und ging dann an die Tür.
„Tut uns leid, Euch zu stören. Aber wir haben einige Fragen an Euch.“ Atas erschrak fast zu Tode. Die Wachen! Für einen Moment saß er da wie versteinert. Er beobachtete wie in Zeitlupe, wie Mielda genervt den Kopf schüttelte und reagierte erst im letzten Moment. Er unterdrückte einen Aufschrei, sprang auf und sah sich wild nach einer Möglichkeit sich zu verstecken um. Mielda bemerkte ihn nicht einmal. Sie öffnete gerade die Tür, da sprang er
instinktiv hinter den Tresen und presste sich gegen das Holz. Im nächsten Moment hörte er schon, wie die Tür aufschwang und einige Männer eintraten. Vorsichtig lugte er hinter dem Tresen hervor und musterte die Wachsoldaten. Fünf große Männer waren es, und alle trugen sie stählerne Rüstungen. Auf einer von ihnen prangte ein goldener Drache auf der Brust. Er trat jetzt vor und sah sich kurz um, bevor er sagte: „Gestern Mittag hat es einen Diebstahl gegeben. Vermutlich steckt ein Junge dahinter. Dunkles Haar, schwarzer Mantel, von dünner Statur… Ihr habt ihn nicht zufällig gesehen?“
Mielda stemmte die Hände in die Hüften.
„Wie kommt Ihr auf die Idee, dass er hier ist? Glaubt Ihr denn wirklich, ich verstecke ihn hier?“
„Ich bitte Euch, wir tun das nicht, weil wir Euch schaden wollen. Wir
müssen das tun.“ Mielda grunzte etwas Unverständliches, und der Wachsoldat ließ seinen Blick im Raum umherschweifen.
„Erstmal muss
jeder wie ein Verdächtiger behandelt werden. Tut uns sehr leid.“ Mielda schnaubte.
„Wieso seid Ihr Euch eigentlich so sicher, dass der Junge wirklich für den Diebstahl verantwortlich ist? Habt Ihr irgendwelche Beweise?“
„Der Junge hat in den letzten Jahren immer neue Einträge im Strafregister des Fürstentums bekommen.Eigentlich könnte man sagen, wann immer hier in der Unterstadt ein Diebstahl geschieht, steckt er bestimmt dahinter.
„Ich meinte
echte Beweise“, entgegnete Mielda barsch.
„Das sind echte
Beweise.“
„Unsinn – das sind unbegründete Anschuldigungen!“ Mielda verschränkte die Arme vor der Brust .
Wir entscheiden, was wir als Beweise für eine Straftat verwerten.“
„Das ist ja lächerlich! Vielleicht ist der Junge unschuldig, und Ihr werft ihn für Jahre in den Kerker“, rief Mielda empört.
„Nehmt Euch lieber etwas zurück“, sagte der Wachsoldat mit mahnender Stimme. „Ansonsten könnte man glatt meinen, Ihr würdet ihn verteidigen. Wäre das so gut für Euch? Dann ginge man nämlich recht in der Annahme, dass Ihr ihn vielleicht wirklich versteckt … wer weiß, womöglich sogar doch hier irgendwo?“

Atas hörte, wie er durch den Raum schritt und presste sich so eng es irgendwie ging an den Tresen. Kalter Angstschweiß stand ihm auf der Stirn. Beugte sich der Mann gerade über ihn, mit einem höhnischen Grinsen im Gesicht und den Worten ‚Hab ich dich‘ auf den Lippen? Beklommen sah er nach oben. Beinahe erwartete er schon, dass der Mann dort tatsächlich stand, und zuckte verschreckt zusammen. Aber da war nichts. Über sich sah er nur die Decke. Leise atmete er auf.
„Droht Ihr mir etwa?“, hörte er Mielda gerade sagen. Ihre Stimme klang schneidend scharf. „Das wäre keine gute Idee – sich mit der beliebtesten Taverneninhaberin der ganzen Stadt anzulegen … stellt Euch doch vor, keine lustigen Abende vor dem Feuer mehr, kein Met und auch kein Schnaps mehr, es sei denn, Ihr kauft ihn Euch für teures Gold…“
„Ruhe, Ruhe sage ich! Das reicht jetzt! Ihr steckt doch mit diesem elenden Taugenichts unter einer Decke!“ Atas würgte den Kloß in seinem Hals herunter und sah wieder hinter dem Tresen hervor. Mielda plusterte sich auf und wuchs zu voller Größe heran. Mit einem Mal war es, als füllte sie den ganzen Raum aus.
„In Ordnung“, dröhnte sie, „das hier ist mein Grund und Boden, und solange gilt hier auch
mein Wort! Und ich sage Euch, verschwindet besser, so schnell Ihr könnt! Ich habe nichts damit zu tun! Und dem Jungen eine solche Schuld in die Schuhe schieben zu wollen ist einfach nur – einfach nur …“ Für diese Ungeheuerlichkeit fielen ihr keine Worte mehr ein. „Verschwindet!“ Die Wachsoldaten waren zurückgewichen.
„Also schön, alte Hexe. Diesmal drücken wir noch ein Auge zu. Aber das nächste Mal … habt ihr verstanden?“ Er wollte gerade die Tür hinter sich zuziehen, da wandte er sich ihr noch einmal zu. „Ach ja, noch etwas. Leute, die dabei erwischt werden, wie sie einem Straftäter helfen, machen sich dabei selber strafbar. Wartet nur ab. Eines Tages kriegen wir Euch schon noch dran!“ Mit diesen Worten zog er geräuschvoll die Tür hinter sich zu und war verschwunden. Putz rieselte von der Decke und vermischte sich mit dem Staub, der im hereinfallenden Sonnenlicht zu sehen war.
Atas pochte das Herz bis zum Hals. Er wartete noch eine ganze Weile, bevor er sich zittrig auf die steifen Beine erhob und Mielda ansah. Jetzt wirkte sie gar nicht mehr so groß und widerstandsfähig wie eben noch. Mit einem Mal war sie in sich zusammengeschrumpft.
„Ach herrje“, sagte sie. „Pass auf, eines Tages schließen die mir doch meine Taverne. Verdammte Wachen!“ Sie blickte auf und sah Atas.
„Atas“, sagte sie leise, „bitte sag mir nicht, dass du es wirklich warst, der diesen Diebstahl begangen hat.“ Er sah betreten auf seine Füße. In seinen Ohren rauschte das Blut.
„Ach, Atas!“, rief Mielda und setzte sich auf einen der Hocker vor dem Tresen. „Und mir erzählst du, du kämest zurecht! Ich habe dir doch gesagt, du sollst zu mir kommen, wenn du etwas brauchst. Zur Not hätte ich dir sogar deine Steuern bezahlt – wie auch immer ich das angestellt hätte… Aber du stiehlst lieber!“
„Es tut mir leid“, sagte Atas kleinlaut.
„Außerdem – weißt du, in was für Schwierigkeiten ich jetzt bin? Die denken doch, dass ich was weiß!“ Sie seufzte, und in Atas breitete sich das drängende Gefühl aus, gehen zu müssen. „Die finden dich ganz sicher, und dann stecken sie dich in den Kerker! Du hast ja gesagt, mit denen kann man einfach nicht reden…“ Atas tänzelte ungeduldig auf der Stelle, bis er es nicht mehr aushielt.
„I-ich muss weg“, sagte er und stürmte zur Tür hinaus.
„Atas, warte!“, hörte er Mielda erschrocken hinter sich herrufen, aber er ignorierte es. Er rannte einfach, bog bald in irgendwelche ihm unbekannten Straßen ein, und rannte, so lange, bis seine Beine ihn nicht mehr trugen. In einer engen Gasse sank er erschöpft und völlig außer Atem zu Boden und lehnte sich mit dem Rücken an eine Hauswand. Bestimmt würde auch der Schuldeneintreiber von dem Diebstahl in Kenntnis gesetzt, und wenn er dann vor seiner Tür stand, dann entweder gleich mit einer Schar Wachen im Schlepptau, oder er würde sie rufen, wenn er Atas als den Dieb erkannte.
Was habe ich bloß getan, dachte er verzweifelt und bereute innigst, dass er die Kette gestohlen hatte. Müde hob er den Kopf und sah sich um. Schatten hatten sich in die Gasse gesenkt und gaben ihm das Gefühl, sicher zu sein. Oder zumindest sicherer als auf offener Straße.
Er keuchte, hörte seinem Atem zu, der leise in der gepressten Luft verschwand. Es überkam ihn unvorbereitet, so plötzlich, dass er sich unwillkürlich schützend die Hände über den Kopf hielt. Da war es wieder. Dieses seltsame Gefühl, als würde jemand ihn beobachten. Er warf den Kopf herum. Jeder Muskel in seinem ganzen Körper war gespannt, bereit, ihn weiter fort und ihn Sicherheit zu tragen, wenn sich eine Gefahr in der Nähe befand. Langsam erhob er sich, seine vor Angst ganz kalten Glieder knackten.
„H-hallo?“, flüsterte er und machte einen Schritt zum Ausgang der Gasse hin. „Ist da jemand?“ Das Gefühl wurde immer stärker, immer eindringlicher. Aber da war einfach nichts. Atas hörte nur das laute Pochen seines Herzens. Ansonsten war die Gasse bis auf ihn verlassen. Atas rang sich ein leises Lachen ab, gezwungenermaßen. Er sah schon Gespenster, obwohl da gar keins war. Mit schmerzenden Beinen wandte er sich zum Gehen und erstarrte. Ihm gefror das Blut in den Adern.
Dort, Atas hätte nicht bemerkt dass er dort schon gestanden hätte als er hierher gekommen war, stand eine Gestalt. Sie war nicht sonderlich groß, nun, auch nicht sonderlich klein, eben durchschnittlich groß. Atas erkannte, dass es ein Mann war, und dieser Mann sah furchtbar aus; er trug zerfetzte Kleidung und keine Schuhe. Seine nackten Füße waren haarig und schmutzig, in seinem ungepflegten Bart hingen kleine Zweige, Drecksklumpen und etwas, das aussah wie sehr dünne Grashalme. Seine Augen waren blutunterlaufen und braune Tränen rannen ihm in regelmäßigen Abständen die eingefallenen Wangen hinab. Er streckte einen knochigen Arm nach Atas aus und stieß ein röchelndes Husten aus.
„Du bist einer von ihnen, nicht wahr?“, krächzte er und machte einen Schritt auf Atas zu, der seinerseits ungewollt einen Schritt zurücktrat. „Du willst es auch, ich sehe es an deinen Augen, diese Gier“, hörte er den Mann sagen. Die Ader auf seiner Stirn pulsierte wild.
„Wie lange bist du mir schon auf der Spur, he?“ Er kam weiter auf Atas zu. „Nun spuck’s schon aus, elender Imperialer!“ Atas durchfuhr ein Schreck.
„I-imperialer? Ich bin kein Imperialer!“, rief er, aber es war zwecklos. Der Mann schien ihn gar nicht gehört zu haben.
„Zwei Wochen, drei? Wer in dieser elenden Stadt steckt noch alles mit euch unter einer Decke? SAG ES MIR!“ Sein Schrei verhallte zwischen den Hauswänden der Gasse.
„I-ihr müsst mich verwechseln“, stammelte Atas und stellte fest, dass sich die Häuser hinter ihm zu einer Sackgasse schlossen.
„Ich werde das nicht zulassen! Ihr werdet ihn mir nicht nehmen, sag das all deinen imperialen Freunden!“ Plötzlich schien seine Stimmung sich zu ändern, denn er zog die Brauen zusammen und die Unterlippe hoch. „Ich habe mir das nicht augesucht“, klagte er. „Diese Aufgabe habe ich nicht gewählt, sondern sie mich. Ich kann nichts dafür, ich kann nichts dafür…“ Er wimmerte leise weiter. Atas stellte für sich heraus, dass dieser Mann eindeutig nicht richtig im Kopf sein konnte. Er redete wirr. Was er da von sich gab, machte einfach keinen Sinn.
„I-ich will Euch nichts tun“, sagte Atas vorsichtig.
„Das ist eine Lüge!“, rief der Mann aufbrausend. „Eine elende, hundsgemeine Lüge! Ihr wollt mir alle etwas antun, das weiß ich! Euch ist doch egal, wer ich bin! Es geht nur um meinen Tod!“ Atas verstand die Welt nicht mehr.
„Bitte, so hört mir doch zu…“, begann er hilflos.
„Ihr werdet ihn nicht kriegen! Vorher sterbt ihr alle, ihr Hundesöhne!“ Mit einem gellenden zornigen Brüllen sprang er auf Atas zu, der vor Schreck wie angewurzelt stehen blieb. Er konnte sich nicht rühren, sein Körper gehorchte ihm nicht mehr.
„Hört auf“, rief Atas verzweifelt. „Bitte, hört auf!“ Der Mann hörte nicht auf. Er hieb mit den Fäusten nach ihm, erwischte Atas einmal an der Schläfe. Der Junge taumelte zurück. Ein tauber Schmerz ging durch seinen Schädel.
„Ich will Euch doch nichts tun, warum glaubt Ihr mir nicht?“, rief Atas benommen.
„Stirb!“, kreischte der Mann und stürzte sich wieder auf ihn. Mit einem tierischen Jaulen versetzte er Atas einen kräftigen Tritt in den Bauch. Der kämpfte mit seinem Mageninhalt.
„Wieso tut Ihr das?“, fragte er, aber seine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern, zittrig wie Espenlaub.
„Hör auf zu reden, deine Worte schmerzen, sie schmerzen!“, brüllte der Mann und presste sich die Hände gegen den Kopf. Atas erkannte die Gelegenheit, er hechtete vorwärts, an dem Mann vorbei, jetzt müsste er nur noch rennen, bis – sein Gegner hatte sich wieder gefangen, in dem Moment, als Atas sich genau neben ihm befand. Er hatte ihn gepackt und zu Boden geworfen. Vom Aufprall durchzuckte ein brennender Schmerz seinen Rücken. Über ihm wurde es dunkel. Der Mann hockte sich auf seine Brust, Atas sah im schwachen Licht plötzlich etwas in seiner rechten Hand funkeln – ein Messer.
„Nein, bitte -“, schrie Atas, stellte sich schon darauf ein, dass gleich ein furchtbarer Schmerz in seiner Brust sitzen würde, er würde Eisen auf seinen Lippen schmecken und warmes Blut würde seinen Körper hinablaufen. Der Mann hob den Arm, aber er verharrte einen Augenblick, als er ihn hoch in der Luft hielt. Atas überlegte nicht eine Sekunde, schlug ihm mit aller Wucht gegen die Schulter. Sein rechter Arm war unter dem Rest seines Körpers eingeklemmt, und der Mann presste ihn mit seinem Gewicht so sehr zu Boden, dass er sich nicht befreien konnte.
Für einen Augenblick schien der Mann die Konzentration verloren zu haben, aber dann wollte er wieder zustechen.
„Nein!“, schrie Atas wieder, und plötzlich, mit einer ungeheuren Kraft, zog er seinen Arm unter seinem Körper hervor, und dann sah er ihn unkontrolliert durch die Luft wirbeln. Für einen kurzen Moment traf er den herabsausenden Arm des Mannes mit seinem. Erst, als der mit einem Ächzen die Augen aufriss, mit schmerzverzerrtem Gesicht von Atas abließ und nach hinten zurücktaumelte, begriff er, was geschehen war.
Er sah das Messer in der Brust des Mannes stecken, nur knapp neben dessen Herzen. Auf seinem zerlumpten Wams gewann ein dunkler roter Fleck immer mehr an Größe, der Atem wurde schwächer, flacher.
„I-ich… du hast…“, begann der Mann, aber er hatte nicht mehr genug Kraft. Ein letztes Mal sah er ungläubig an sich herab, betrachtete das viele Blut, bevor seine Augäpfel sich nach innen kehrten, sein Körper von jetzt auf gleich alle Spannung verlor und wie ein Sack schlaff zu Boden fiel.
Atas sah den toten Körper an. Zuerst fühlte er nichts. Er hörte nichts. Vor seinen Augen tanzten Sterne. Da war nur ein Gedanke, der klar und deutlich in seinem Kopf widerhallte: „Ich habe jemanden umgebracht.“

Atas stand da und rang nach Luft. Seine Kehle brannte und fühlte sich an wie zugeschnürt. Jeder Atemzug tat ihm im Hals weh. Und er stand da und zitterte.
„I-ich habe … jemanden umgebracht“, hauchte er das, was er eben nur gedacht hatte. Benebelt senkte er den Kopf und betrachtete seine Hand. Es dauerte eine ganze Weile, bis er das Blut daran erkannte. Es war schon getrocknet. Atas wusste nicht, was er jetzt tun sollte. Wenn er so auf die Straße ging, blut- und dreckverschmiert, würde bestimmt jemand die Wachen rufen. Und dann war er dran. Mord. Das bedeutete den Tod für ihn. Der Fürst würde sich köstlich amüsieren dabei, zu entscheiden, ob er ihn lieber hängen oder enthaupten lassen würde. Atas würgte den Kloß im Hals hinunter und rieb sich die brennenden Augen. Alles schmerzte, fühlte sich taub an. Und alles war irgendwie falsch.
Atas stand da. Hundert Herzschläge lang, fünfhundert. Bis er ruhig atmen konnte, die Tränen aus seinen Augen verschwunden war. Dann übergab er sich in den Schnee, wischte sich mit dem Ärmel seines Mantels über den Mund und wusch sich mit frischem Schnee Gesicht und Hände.
„Was soll ich jetzt tun“, wisperte er tonlos. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf, aber alle waren sie zu verschwommen und durchsichtig, als dass er sie hätte erfassen können. Also sprach er lieber aus, was er ansonsten gedacht hätte. So konnte er sich wenigstens ein bisschen ordnen. Denn das war so ziemlich das einzige, was er spürte: totales Chaos.
Jetzt, nachdem er sich übergeben hatte, ging es ihm ein wenig besser. Er lehnte an der Hauswand und starrte den toten Körper des Mannes an. Ringsum färbte Blut den reinen weißen Schnee tiefrot. Unwillkürlich lief Atas eine Träne über die Wange und er wischte sie eilig mit dem Handrücken fort. Und wieder sah er den Leichnam an. Er hatte das getan. Er. Es kam ihm vor wie ein schräger Traum, wie unwirklich das doch war.
Da erweckte etwas seine Aufmerksamkeit. Es blitzte kurz auf, als er den Kopf wandte. Es musste dem Mann beim Sturz aus der Tasche seines zerschlissenen Mantels gefallen sein, denn es lag in einiger Entfernung neben ihm im Schnee. Für einen Moment packte Atas so sehr die Neugier, dass er sogar vergaß, was er eben getan hatte. Vollkommen unbekümmert griff er nach dem kleinen Gegenstand und öffnete die Hand. Darin lag, gemeinsam mit einigem Schnee, etwas sehr Merkwürdiges. Atas hätte dieses Ding hier ganz sicher am allerwenigsten erwartet.
Es sah aus wie ein zersplitterter Kristall. Er maß ungefähr so viel wie Atas‘ Zeigefinger und war nicht viel dicker als drei seiner Finger. Er war so makellos, so ohne jeden Kratzer. Die Oberfläche war ganz glatt, als er vorsichtig darüber strich. Als er sein Fundstück berührte, geschah noch etwas anderes – ebenfalls sehr Seltsames. Für einen kurzen Augenblick fühlte es sich an, als hätte er seine Fingerspitze in die Flamme einer Kerze gehalten. Er zuckte zurück, aber da war kein Schmerz. Stattdessen verklang leise ein sehr heller Ton in seinem Ohr, und ihm war, als sah er ein helles Licht in der Ferne vergehen. Verwirrt sah er wieder den Kristall an, und irgendwie gab es ihm ein Gefühl der Geborgenheit. Mit einem Mal empfand er es nicht einmal mehr als schrecklich, dass er eben einen Menschen getötet hatte. Aber als er den kleinen Schmuckstein in seine Manteltasche gleiten ließ, entschieden, ihn mit sich zu nehmen, kehrten die Schuldgefühle mit einer solchen Wucht zurück, dass sie ihm für einen kurzen Moment sogar regelrecht den Atem nahmen.
Er taumelte auf die offene Straße und blickte zurück. Er musste den Leichnam dort liegen lassen… wohin sollte er ihn denn auch bringen? Wenn er ihn verstecken wollte, müsste er ihn aus der Gasse befördern, und dann würde man ihn sehen. Also konnte er nur hoffen, dass die Wachen die Leiche erst so spät wie möglich entdeckten.
Völlig orientierungslos lief er durch die Straßen Holdbruchs, bis er irgendwann wieder vor seiner eigenen Haustür stand. Irritiert sah er sich um. Ihm war zumindest niemand gefolgt. Dann war der Tote mit Glück bislang auch niemandem aufgefallen. Er öffnete die Tür und ging nach drinnen. Dort setzte er sich an den Tisch, stützte den Kopf in die Hände und schloss die Augen. Er scheute davor zurück, Licht zu machen. Die Vorstellung, man könnte ihn zuhause sehen, behagte ihm überhaupt nicht; niemand sollte wissen, wo er sich gerade befand. Er stand auf, ging ans Fenster. Sah durch die schmutzige Scheibe auf die verschneite Straße, beobachtete, wie das letzte Licht des Tages allmählich verschwand. Ging wieder zurück zum Tisch und setzte sich hin. Fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Legte den Kopf in den Nacken und starrte die Decke an. Ihm war wieder übel. Aber er war fest entschlossen, sich nicht noch einmal zu übergeben.
Sein Kopf schmerzte, es war ein stechender Schmerz. Ihm war heiß und kalt zugleich, er fühlte sich ganz fiebrig. Atas überlegte, ob er sich nicht jetzt schon schlafen legen sollte, entschied dann aber, es sein zu lassen. Er würde sich ohnehin noch stundenlang in den Kissen hin und her wälzen und über alles nachdenken, was geschehen war. Da konnte er doch genauso gut hier sitzen bleiben. Er stand nochmal auf, streckte seinen schmerzenden Rücken. Vielleicht ginge es ihm besser, wenn … Die Versuchung, den Kristall herauszuholen, war enorm. Eigentlich versuchte er nicht einmal, ihr zu widerstehen. Also zog er ihn aus der Manteltasche und sah ihn an.
Jetzt bemerkte er etwas, das ihm vorhin noch nicht aufgefallen war. Feine weiße Äderchen zogen sich durch den Kristall und schienen zu pulsieren.
Lebte dieses Ding? Atas sah genauer hin – tatsächlich, kaum merklich zwar, aber da war Bewegung in dem Kristall.
„Was bist du?“, wisperte er. Dass so etwas Ähnliches wie eine Reaktion kam, erschreckte ihn fast zu Tode. Er meinte, Stimmengeflüster in seinem Kopf zu hören. Oder bildete er sich das nur ein? Nein – ganz sicher nicht. Da war etwas. Zumindest eben noch. Jetzt hatte es wieder aufgehört, war genauso schnell verschwunden, wie es eingesetzt hatte. Atas strich über die Oberfläche des Kristalls und legte ihn schließlich auf den Tisch. Vielleicht sollte er doch ein Feuer machen. Das Fiebergefühl verschwand nicht einmal dann, wenn er den Kristall in seiner Hand hielt, genauso wenig die Übelkeit. Außerdem – vielleicht war letztere ja nichts anderes als ein bohrender Hunger in seinem Magen, nachdem er sich vorhin schon einmal übergeben hatte. Er würde gleich etwas zu essen machen, wenn das Feuer erst einmal brannte. Da fiel ihm etwas auf.
„Verdammt“, sagte er leise. Er hatte die Fleischpakete bei Mielda vergessen. Und ansonsten hatte er nichts mehr im Haus, was er hätte essen können.
Atas blieb fast das Herz stehen. Hatte es gerade … geklopft? Es war so zaghaft gewesen, dass er sich nicht einmal sicher war. Aber dann hörte er es wieder, diesmal um einiges lauter. Atas konnte sich vor Schreck kaum bewegen, es war wie vorhin, als …
Wieder, diesmal so laut, dass es ein Wunder war, dass die Tür in ihren Angeln hängen blieb. Und jetzt reagierte Atas. Mit einem Satz war er beim Tisch, ließ den Kristall zurück in seine Manteltasche gleiten. Egal, wer ihn sprechen wollte – er durfte den Kristall nicht sehen. Dann hastete er zur Tür und presste sein Ohr gegen das Holz. Was, wenn das die Wachen waren … ?
„Ja?“, fragte er leise. Keine Antwort. Atas atmete tief durch, sein Herz klopfte ihm zum dritten Mal an diesem Tag bis zum Hals. Nach wenigen Sekunden der Überwindung öffnete er die Tür und schaute nach draußen.
Keine Wachen. Auch nicht Mielda, die er sonst erwartet hätte. Vor ihm stand ein Mann mit ernstem Blick aus großen, dunklen Augen.
„Du weißt ja gar nicht, was du getan hast.“ Das war alles, was er sagte. Atas wusste nicht, wie er reagieren sollte. Einerseits hatte er das beklemmende Gefühl, dass der Mann ganz genau über den Mord Bescheid wusste. Andererseits fragte er sich – wie denn? Ihn hatte ganz sicher niemand beobachtet.
„I-ich …“, stotterte Atas und wollte dem Mann die Tür vor der Nase zuschlagen, aber der schob seinen Fuß vor den Türrahmen.
„Tu das lieber nicht“, sagte der Mann und strich sich durch den kurzen Bart. „Wenn du dir nicht die Sympathie des einzigen Menschen in diesem Land verspielen willst, dem du jetzt überhaupt noch trauen kannst.“ Atas blinzelte verwirrt. Wovon sprach der Mann da? Atas schaute ihn genauer an. Irgendwie ließ ihn das Gefühl nicht los, dass er ihn kannte. Er schätzte ihn auf Ende vierzig, vielleicht Anfang fünfzig. Er war nicht besonders groß, er überragte Atas nur um ein kleines Stück. Und er hatte außergewöhnlich geformte Wangenknochen.

Ich verstehe nicht“, sagte Atas.
„Natürlich nicht“, zischte der Mann und Funken sprühten aus seinen Augen. „Sonst wäre das vorhin ja auch nicht passiert.“ Atas erstarrte. Also wusste er wirklich davon.
„W-was meint Ihr … ?“, fragte er vorsichtig – noch war die Hoffnung nicht endgültig gestorben, dass der Mann ihn mit jemandem verwechselte.
„Tu nicht so dumm!“, fauchte sein Gegenüber und schüttelte den Kopf. „Du weißt genau, wovon ich spreche.“ Atas schluckte schwer.

B-bitte, ich verstehe einfach nicht…“

Der Mann seufzte laut. „Alles zu seiner Zeit.“ Der Ärger war aus seiner Stimme gewichen. „Aber hier kannst du nicht bleiben, soviel ist sicher.“
„W-was? Wieso …“
„Glaub mir einfach!“, unterbrach ihn der Mann barsch.
„Aber wo soll ich denn hin? Mehr als das habe ich nicht…“
„Glaubst du, ich hätte kein Zuhause?“, schnappte der Mann. Atas überlegte schnell. Was, wenn dieser Mann in Wahrheit im Dienst des Fürsten stand und ihn in den Kerker brachte? Es wäre mehr als dumm, einem Fremden in einer Situation wie seiner leichtfertig zu vertrauen.
„Du hast keine andere Wahl, fürchte ich“, zischte der Mann, als hätte er seine Gedanken gelesen. „Wenn du möchtest, dass die Wachen dich festnehmen … morgen hängst du, das sag ich dir. Aber bitte, es ist deine Entscheidung…“
„Nein“, entgegnete Atas schnell. „I-ich komme mit.“
„Kluger Junge“, meinte der Mann nickend und trat auf die Straße. „Komm jetzt. Sie werden bald hier sein.“
„Wie könnt Ihr euch so sicher sein, das…“
„Keine dummen Nachfragen jetzt, das erfährst du alles früh genug!“, wurde er unwirsch unterbrochen. Atas schluckte. Der Mann schien durch irgendetwas gehetzt. Immer wieder blickte er sich prüfend nach links und rechts um.
„Was stehst du denn immer noch so dämlich da herum?“, keifte er.
„I-ich…“
„Komm schon!“

Atas fragte sich, ob er irgendetwas mitnehmen sollte. Aber was denn auch? Also sah er noch einmal zurück in die dunkle Wohnstube, trat nach draußen und schloss die Tür hinter sich ab.
„Endlich“, hörte er den Mann sagen.
„Wo liegt Euer Haus denn?“
„Außerhalb der Stadt“, antwortete der Mann und lief so schnell die Straße hinunter, dass Atas Mühe hatte, ihm zu folgen. „Am Waldrand.“ Atas blieb stehen und jetzt dämmerte ihm; es war der Mann, dem er damals die Vorräte gebracht hatte.
„Hat seine Vorteile“, sagte der jetzt, „so allein zu leben. Keine Wachen, keine lästigen Fragen – und keine Steuern. Das einzige, wofür ich bezahlen muss, ist mein Leibeswohl.“ Atas hetzte dem Mann nach, der jetzt um die nächste Straßenecke bog. Inzwischen konnten sie schon die Stadtmauer sehen. Es war ein hoher, steinerner Wall, der sich einmal um ganz Holdbruch zog. Zur Mauer hin waren die Häuser zunehmend niedrig gebaut, sodass man sie schon aus einiger Entfernung erkennen konnte.
„Wenn wir gleich bei den Wachen vorbeikommen, lässt du mich reden, verstanden?“ Atas war immer noch viel zu verwirrt darüber, woher der Mann von dem Toten wusste, als dass er hätte widersprechen können. Also nickte er nur stumm.
„Sehr gut.“ Sie traten auf die breite Hauptstraße, die sie geradewegs auf das Stadttor zuführte. Je näher sie dem Ausgang aus der Stadt kamen, desto unruhiger wurde Atas. Immer mehr bedrängte ihn das Gefühl, dass viel mehr Leute wussten, was geschehen war, als er zunächst gedacht hatte – angefangen bei dem Unbekannten.
„Gut, wir sind gleich da. Verhalte dich ruhig, und wie gesagt, lass mich einfach machen.“ Am Tor standen bestimmt sieben oder acht Wachen, die mit Lanzen und Schwertern klapperten, als sie sich näherten.
„Halt!“, schrie einer der Männer. „Was wollt Ihr?“
„Wir wollen die Stadt verlassen“, antwortete der Unbekannte, den die Wachen bereits misstrauisch beäugten.
„So, so“, sagte der Wachposten argwöhnisch.
„Zu dieser Stunde sind die Tore noch nicht geschlossen. Ihr müsst uns passieren lassen.“
„Ihr braucht eine Genehmigung.“
„Nicht, um die Stadt zu verlassen.“
„Das entscheiden
wir.“ Das hatte Atas schon einmal an diesem Tag gehört. In ihm krampfte sich alles zusammen. Was, wenn die Wachen sie nicht gehen lassen würden? Oder noch schlimmer – wenn einer von ihnen wusste, dass Atas der Dieb oder sogar der Mörder war, und ihn auch noch erkannte?
„Ich wohne außerhalb der Stadt. Das ist Genehmigung genug. Ihr könnt mir nicht verbieten, nachhause zu gehen.“ Das sahen die Wachen offenbar ein, denn bis auf ein leises Grummeln gaben sie nichts mehr von sich. Sie wollten gerade das Tor öffnen, da hielt einer von ihnen sie zurück.
„Und der da?“, fragte er und tippte Atas unsanft gegen die Brust.
„Mein Neffe.“ Der Wachsoldat legte die Stirn in Falten und schien angestrengt darüber nachzudenken.
„Also schön. Ihr dürft passieren.“ Er trat einen Schritt zur Seite, und ein anderer stemmte das Tor nach außen auf. Atas stockte der Atem, als sich vor ihm die Landschaften außerhalb Holdbruchs offenbarten. Selbst zur Dämmerung raubte ihr Anblick ihm die Fassung. Seit so vielen Jahren schon hatte er das hügelige Grasland – jetzt belegt von einer dichten Schneedecke – nicht mehr gesehen, den dunklen Streifen in nicht allzu weiter Ferne, der nahe Wald. Und noch weiter dahinter sah er, selbst bei dem spärlichen Licht, verschwommen die Konturen eines schroffen Berges, die sich vor dem dunkelnden Himmel abzeichneten. Der Unbekannte trat auf die Straße außerhalb der Mauern und Atas folgte ihm langsam.
„Ach ja, seid besser vorsichtig da draußen. Angeblich treiben sich Berserker in der Gegend herum“, hörte Atas den Wachsoldaten noch sagen. Dann quietschte altes Metall, und das Tor wurde hinter ihnen geschlossen. Der Mann atmete auf.
„Das ist gerade noch einmal gut gegangen“, sagte er, Erleichterung schwang seiner Stimme bei.
„Erzählt Ihr mir jetzt, was hier eigentlich vor sich geht?“, fragte Atas beklommen.
Der Mann seufzte. Seine Schritte verklangen gedämpft in der kalten Luft.
„Wer seid Ihr überhaupt?“
„Ich glaube weniger, dass mein Name für dich von irgendeiner Bedeutung ist, aber ich bin Hector.“ Atas nickte. „Und du, Junge? Was ist dein Name?“
„Atas.“
„So, so. Wie das Sternzeichen des Ätherhundes, nicht wahr? Ein guter Name.“ Atas nickte stumm. Er wusste nicht, ob er sich darüber freuen sollte. Aus Hectors Mund klang es nicht wie ein Kompliment, eher, als würde ihn der Name nachdenklich stimmen.
„Deine Eltern müssen viel über das Aetherium wissen, wenn sie dich nach einem solchen Sternzeichen benennen.“ Atas schwieg.

Was ist? Habe ich dich jetzt verschreckt?“

Atas ließ sich lange Zeit, bevor er antwortete.„Meine Eltern sind tot.“

Hector blieb stehen und sah ihn ehrlich betroffen an.
„Das tut mir Leid“, sagte er. „Das bedeutet, du lebst allein. Hast du die Kette deswegen gestohlen?“
„W-was?“, stammelte Atas entsetzt. Woher wusste Hector davon?
„Du musst doch von irgendetwas leben. Erzähl mir nicht, du kämest eigentlich gut zurecht und hättest die Kette nur zum Spaß gestohlen.“
„N-nein“, antwortete Atas knapp, obwohl ihm so viele Fragen auf den Lippen lagen. „Wer seid Ihr?“, platzte er erneut heraus.
„Jemand, der dir helfen kann. Deine Lage ist ernst. Ernster vermutlich, als du es dir vorstellen kannst.“

Erste Baumreihen wuchsen um sie herum in den dunklen Himmel empor und verdichteten sich mit jedem ihrer Schritte immer weiter zu einem Wald.
„W-was meint Ihr damit?“, stammelte Atas, und Hector antwortete wieder mit einem Seufzen. „Das erzähle ich dir gleich, immer mit der Ruhe.“ Er sah sich beunruhigt um, ließ seinen Blick über die verschneiten Baumkronen schweifen und sah schließlich wieder Atas an. „Noch besteht die Gefahr, dass jemand uns hört.“
„Hier?“, fragte Atas erstaunt.
„Unterschätze deine Situation nicht!“, fauchte Hector. „Ich kann es dir nur noch einmal sagen, was du getan hast, wird schwerwiegende Folgen haben!“

Atas verkniff es sich, Hector zu sagen, dass er seine Situation ja nicht einmal kannte, sie daher also auch überhaupt nicht einschätzen konnte.
Sie überquerten schweigend eine Lichtung. Bis auf das Knirschen des Schnees unter ihren Stiefeln war nichts zu hören. Atas fühlte sich immer unwohler. Nachdem sie sich durch ein Gebüsch gekämpft hatten und über eine kleine Erhöhung geklettert waren, sahen sie vor sich, in einer Senke im verschneiten Waldboden, eine hölzerne Hütte. Hector nickte.
„Da sind wir“, sagte er und schritt die Senke hinab zum Eingang. „Komm schon“, rief er Atas ungeduldig zu, der sich noch kein bisschen weiterbewegt hatte. Erst jetzt lief er Hector langsam hinterher, der schon in der Hütte verschwand. Atas folgte ihm und schloss die Tür hinter sich.
Der Raum war ungefähr doppelt so groß wie seine eigene Wohnstube, aber viel mehr Platz war hier auch nicht. Die Wände waren vollgestopft mit Regalen, die vor lauter alten Büchern regelrecht auseinanderzufallen drohten. Irgendwo dazwischen machte Atas ein kleines Fenster aus, durch das kaum Licht fiel.
Hector setzte sich an den Tisch in der Mitte des Raumes und bedeutete Atas, es ihm nachzutun. Etwas zögerlich setzte er sich also auf einen der morschen Holzstühle und sah Hector erwartungsvoll an.
„Also gut“, sagte er und zündete eine Kerze an. Die Flamme erhellte den finsteren Raum nur spärlich, gerade eben genug, dass Atas Hectors Gesicht sehen konnte. Schatten untermalten die hohen Wangenknochen und zeichneten tiefe Furchen auf Stirn und Kinn.
„Bevor ich anfange“, begann Hector und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, „musst du wissen, dass dein gesamtes weiteres Leben sich von jetzt an grundsätzlich ändern wird.“ Atas schluckte.
„Du wirst nie wieder der sein, der du bis heute warst.“

Atas runzelte die Stirn und dachte nach. Ganz offenbar ging es hier doch um mehr als er bislang angenommen hatte. Mit einem Mal war er ganz angespannt. Vielleicht hatte Hector Recht mit dem, was er sagte, und er verstand gar nicht, was um ihn herum geschah. Umso begieriger war er jetzt, alles zu erfahren.
„In Ordnung“, sagte er entschieden.
„Gut.“ Hector lehnte sich zurück. „Dann hör zu. Ich werde dir jetzt ein wenig über Albonas‘ Geschichte erzählen.“ Er holte tief Luft und begann.
„Vor langer Zeit gab es ein magisches Relikt in der Mitte unseres Landes, den Großen Kristall. Er hielt unsere Welt, das Aetherium und das Schattenreich im stetigen Gleichgewicht. So herrschten Frieden, Ordnung und Gerechtigkeit.
Aber eines Tages kamen die Dunkelelfen in diese Welt. Sie besaßen rein schwarze Herzen, empfanden nichts als den Wunsch nach Zerstörung und Macht. So marschierten sie in Albonas ein und begannen einen Krieg.
Die drei Völker, die Menschen, die Minotauren und die Elfen, schlossen ein Bündnis, um den Angriff der Dunkelelfen abwehren zu können. So bewegten sich alle auf die Schlachtfelder an den Grenzen des damals regierungslosen Albonas.
Zur gleichen Zeit, im Untergrund, formierten sich die Mitglieder der Jüngsten Religion. Sie waren der Ansicht, diese Welt sei grundsätzlich ebenso brutal wie das Schattenreich. In Wahrheit stand dahinter aber auch nicht mehr als Machtgier. So verfolgten sie das Ziel, einen Pakt mit dem Gott des Schattenreiches, Hasanctir, zu schließen. Doch fehlte ihnen die nötige Stärke. Ein Prophet sagte ihnen, eines Tages würde ein Streiter für sie und ihre Interessen in den Kampf ziehen, er würde mächtiger sein als alle von ihnen gemeinsam, und Hasanctir näher, als sie es je sein könnten.
Und sie fanden diesen Streiter – in einem Jungen. Es war ein ganz gewöhnlicher Menschenjunge, der in einer Adelsfamilie unter normalen Umständen aufwuchs. Zumindest bis zu einem bestimmten Tag. Denn da geschah etwas so Unglaubliches… Der Junge tötete seine Eltern. Alle an seinem Hof.“
„Was?“, rief Atas entsetzt. „W-wieso? Und wie?“
„Es waren übersinnliche Kräfte, die er plötzlich freisetzte. Warum, weiß niemand. Vielleicht, weil er einfach böse war. Und niemand hätte je gedacht, dass er, ein so unauffälliger Junge, derart empfänglich für schwarze Magie war. Nachdem er seine Eltern getötet und aus seiner Residenz geflohen war, tauchte er unter – und fand eine Unterkunft bei der Jüngsten Religion. Dort lernte er lange Jahre, mit seinen Kräften umzugehen, bis er der wohl mächtigste schwarze Zauberer in ganz Pangêa war. Kurzerhand ernannte ihn die Jüngste Religion zu dem Streiter, den sie so unbedingt brauchten; und damit begann sein Feldzug.
Alle Krieger befanden sich an den Grenzen im Einsatz. So war es kein Problem für ihn, das Land einzunehmen. Auf seiner Seite stand die Überraschung; niemand rechnete damit, dass jemand Albonas von innen heraus überfallen, einnehmen und besetzen würde. Und das war es, was er tat. Innerhalb von wenigen Wochen beherrschte er das ganze Land – ausnahmslos. Die wenigen, die lebend aus dem Krieg mit den Dunkelelfen zurückkamen, erkannten ihre Heimat nicht wieder. Es war ein schrecklicher Ort geworden, besudelt von Blut und Grauen. Der Streiter veranlasste Ermordungen der Fürstenpaare in allen Fürstentümern, und ersetzte sie durch hochrangige Mitglieder der Jüngsten Religion. So wurden die großen Städte von ihm kontrolliert, gleichsam patrouillierten überall seine Soldaten. Denn fast jeder freie Krieger, der sich nach dem Krieg noch ergab, wechselte auf seine Seite; aus Angst, oder weil sie es für richtig hielten, was er tat. Er baute ganze Heere auf, und so schüchterte er das Volk weiter ein. Niemand traute sich mehr, sich ihm entgegenzusetzen. So setzte er sich gewaltsam auf den Thron und wurde der erste König von Albonas. Und das ist gleichermaßen unser König – Zoran.“

Atas schnappte nach Luft. „Der König Zoran, der jetzt das Land regiert?“, entfuhr es ihm.
Hector nickte. „Aber das war noch nicht das Ende seines Feldzugs. Denn das erste, was er als neuer König tat, war, den Krieg mit den Dunkelelfen wiederaufzunehmen. Natürlich gewann er ihn. Es grenzt bis heute an ein Wunder, wie Zoran nach dem vorherigen Krieg so schnell eine so große Armee um sich herum aufbauen konnte. Natürlich hatte er im Untergrund bereits gewaltige Zahlen an Kriegern um sich geschart, aber dennoch … seine Heere waren stärker und fast doppelt so zahlenreich wie die des Drei-Völker-Bündnisses. Nun, jedenfalls, er gewann mit Leichtigkeit gegen die Dunkelelfen. Im Folgenden zwang er ihnen als Kriegsverlierer eine Verbündung auf, und so wuchsen seine Untergebenen weiter.
Eines Tages aber formierten sich die Elfen neu, gemeinsam mit dem damals noch sehr präsenten Volk der Nymphen.“
„Nymphen?“, unterbrach Atas Hector.
„Sie waren einst ein sehr großes Volk, das den Elfen gar nicht unähnlich war. Sie waren groß, hübsch, schlank und blond. Das Besondere an ihnen war, dass sie bereits im frühen Kindesalter, also mit nur sechs oder sieben Jahren, geschlechtsreif wurden und dasselbe unter Liebe verstanden wie ein erwachsener Mensch. Denn normalerweise ist Liebe für Kinder noch etwas anderes; einfach, weil sie noch nicht so weit entwickelt sind.“ Atas nickte.
„Die Nymphen und die Elfen weigerten sich, unter Zorans Herrschaft zu leben. Als Antwort erklärte er ihnen den Krieg. Selbstverständlich waren die Elfen und die Nymphen Zorans Imperium weit unterlegen. Nicht einmal die Dunkelelfen, deren Land noch größer war als Albonas, hatten etwas gegen Zoran ausrichten können. Es war kein großes Kunststück, dass Zoran das Volk der Nymphen völlig auslöschte und die Elfen überwiegend vertrieb.

Und die Elfen, die überlebt haben, auf die macht er heute noch Jagd“, sagte Atas.

Ja, sie verstecken sich im Geheimen Lager vor seinen Truppen. Inzwischen sind es schon wieder viel mehr Elfen, als er vermutlich annimmt.“
„Aber warum jagt er sie noch, wenn der Krieg längst vorbei ist?“, fragte Atas.
„Weil sie seine Macht gefährden könnten. Für ihn gilt: Einmal Feind – immer Feind.“

Atas schluckte.

Außerdem findet er Gefallen daran, anderen zu schaden“, fügte Hector leise hinzu.
„Das ist schrecklich“, murmelte Atas ganz erstarrt. Hector antwortete nicht, sondern fuhr fort. „In den folgenden Jahren gab es wirklich niemanden mehr, der sich ihm und seiner Herrschaft in den Weg stellte. Die Jüngste Religion war kurz davor, ihr Ziel zu erreichen. Bald schon hätte der Letzte Tag stattgefunden, an dem Hasanctir auf die Erde gekommen wäre und unsere Welt und sein Schattenreich verschmolzen hätte. Aber das funktionierte nicht, denn Zorans schier grenzenlose magische Macht wurde noch durch etwas gesperrt – die Magie des Großen Kristalls. Doch die Dunkelheit seines Herzens überwog. Er zog los, um das alte Relikt anzugreifen und seine Macht zu bannen. Er zerstörte es mit seinen magischen Kräften. Der Große Kristall zersplitterte in sechzehn Teile, sechzehn einzelne Splitter, in ganz Albonas verstreut.“

Atas erschrak und dachte an den Gegenstand in seiner Manteltasche. Könnte es sein, dass …
„Der große Triumph Zorans und der Jüngsten Religion war nahe, aber noch nicht endgültig. Unter großem Zorn musste Zoran feststellen, dass ihm immer noch eine Hürde entgegenstand. Der große Kristall wurde zwar zerstört, doch seine Macht ist zwischenweltlich. Sie konnte nicht einfach ‚verschwinden‘. Stattdessen geschah etwas anderes. Die Kraft des großen Kristalls setzte sich in einem Menschen fest … dem sogenannten Hüter. Dieser Hüter hatte die Aufgabe, alle sechzehn Splitter zu suchen und sie schlussendlich zum Großen Kristall wiederzuvereinigen. Denn nur so konnte Zorans Macht und damit die Gefahr der Weltenverschmelzung gebannt werden.“

Wusste Zoran davon?“, fragte Atas mit belegter Stimme.
„Ja und es gefiel ihm natürlich überhaupt nicht. Um seiner letzten Bedrohung und gleichzeitig letzten Hürde vor dem finalen Triumph entgegenzuwirken, setzte er alles daran, den Hüter zu finden und zu töten – was ihm letztendlich auch gelang. Was er allerdings nicht wusste, war: Wenn ein Hüter getötet wird, so geht die Macht des Kristalls auf denjenigen überging, der für seinen Tod verantwortlich ist. Und so kam es, dass der nächste Hüter ‚geboren‘ war – und der war auch noch aus Zorans eigenen Reihen. Wieder ließ er denjenigen finden und töten, aber sein Missgeschick nahm kein Ende. Immer wieder floh der jeweils neue Hüter – meist früher ein Imperialer, der nun selber von Zoran gejagt wurde – und dabei versuchte er gleichzeitig, seiner Aufgabe gerecht zu werden. Nun, so kamen und gingen Hüter. Erst kürzlich wieder wurde einer entdeckt, und der hielt sich lange Zeit versteckt, bis er in Holdbruch auftauchte.“

Atas fuhr ein Schock durch alle Glieder. Er begann zu verstehen. Mit einem Mal fühlte sich in ihm alles ganz kalt und taub an. Derjenige, der den Hüter tötete … wurde der nächste Hüter … der zuletzt bekannte Hüter hatte sich in Holdbruch aufgehalten… Ihm kam wieder der Mann in den Sinn, den er getötet hatte. Getötet. Was hatte er gesagt? „Ihr Imperialen wollt alle dasselbe, meinen Tod.“

Atas erschauderte. Es ergab plötzlich alles einen Sinn. Und dann das seltsame Ding, das bei seinem Tod aus der Tasche des Mannes gefallen war… es sah aus wie ein Stück Kristall… Atas holte tief Luft. Seine Brust fühlte sich an wie von schweren eisernen Ketten zusammengehalten.

Dieser Hüter wurde getötet“, hörte er Hector sagen. „Vor kurzem erst.“

Der nächste Schock glitt durch Atas‘ erstarrten Körper. Seine Schläfen pochten vor lauter Aufregung. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr, ganz sicher…
„Das heißt, es gibt einen neuen Hüter?“, fragte Atas mit erlahmender Stimme.
„Ja“, sagte Hector. „Ja, es gibt einen neuen Hüter.“
Atas nahm all seinen Mut zusammen und überwand sich endlich, die eine Frage zu stellen, die laut und deutlich und immer drängender in seinem Kopf widerhallte: „Und wer ist das?“
Hector schaute ihn jetzt direkt an, ganz unverwandt blickte er ihm unmittelbar in die Augen. Wie in Zeitlupe sah Atas, wie Hector die Lippen bewegte und er hörte dazu die Worte, in deren Erwartung er schon die ganze Zeit bei sich stumme Tode gestorben war:
„Der neue Hüter … bist du.“