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Der Neuanfang

 Ayla Ötztürk, 17 Jahre

Hallo, ich heiße Bahira, bin 19 Jahre alt und erzähle euch meine Geschichte, die nicht immer ganz normal verlief. Denn als ich 14 Jahre alt war, wanderten wir aus der Türkei, meinem eigentlichen Heimatland, nach Deutschland aus. In Deutschland angekommen, wohnten wir in einer kleinen Stadt im Osten von Deutschland namens Neustadt. 2009 holte mein Vater, der schon ungefähr ein Jahr dort gelebt hatte, uns, also meine Mutter, meinen Bruder und mich, nach.

Wir sprachen kaum ein Wort Deutsch. Klar hatten wir uns ein wenig vorbereitet und konnten deshalb wenigstens die wichtigsten Wörter wie „Hallo“ und „Tschüss“, so wie „Bitte“ und „Danke“, doch mehr konnten wir wirklich nicht. Und so kam es, dass wir uns zum größten Teil auf Englisch verständigen mussten.

Erstmal angekommen, wohnten wir in einer kleinen Wohnung mit nur drei Zimmern, von der man eine Aussicht auf einen wunderschönen See, der an einem kleinem Waldstück lag, hatte. Eigentlich ganz hübsch, nur ein wenig eng vielleicht, so dass ich mir mein Zimmer mit meinem zwei Jahre älteren Bruder Burak teilen musste. Ich habe Burak wirklich lieb, nur dass ich mich häufig mit ihm streite, da er manchmal ganz schön nervig sein kann, um es nett auszudrücken. Das Zimmer war recht klein, denn zwischen meinem und dem Bett meines Bruders war nur knapp ein Meter Platz, gerade breit genug zum Durchgehen, und der Schrank, naja der Schrank war demzufolge auch nicht groß, was für ein Mädchen natürlich nicht gerade eine traumhafte Situation ist.

Dafür hatten wir jedoch an unserem Zimmer einen großen Balkon, von dem wir einen Ausblick auf den See und das Waldstück genießen konnten. Ich konnte mich auf den Balkon flüchten, wenn ich mich mit Burak gestritten hatte oder er einfach nur mies gelaunt war. Wenn ich ganz genau hinhörte, dann konnte ich sogar das Rascheln der Blätter im Unterholz, wenn sich dort Tiere bewegten, vernehmen und dem Gezwitscher der Vögel lauschen. Ich konnte dann sogar vergessen, dass ich nicht mehr in der Türkei war und dass ich mich vor diesem fremden Land fürchtete und mich hier nicht wohl fühlte. Aber im Großen und Ganzen konnte ich mich eigentlich nicht über unsere Situation beschweren, nur dass es eben ziemlich ungewohnt und anders war als in der Türkei.

Das einzige Problem, das ich jetzt noch hatte, war, dass am nächsten Tag mein erster Schultag an einer völlig fremden Schule, in einem völlig fremden Land, stattfinden sollte. Ich hatte Angst davor, wie meine neuen Mitschüler reagieren würden und ob sie mich so akzeptieren würden, wie ich eben war. Daher war ich aus gutem Grund nervös und ängstlich, was meine Schüchternheit in jedem Fall noch verschlimmern würde. Am Abend konnte ich nicht einschlafen und fing an zu grübeln. „Wie wird die neue Schule wohl sein? Werde ich mich dort wohlfühlen? Werde ich mich mit meinem Englisch verständigen können?“ „Werde ich eigentlich ganz anders als die andern sein?“ Bisher hatte ich noch keine Person getroffen, die ebenfalls muslimischen Glaubens war, und wenn sie es war, dann war es nicht offensichtlich, denn keine in dieser kleinen Stadt trug ein Kopftuch oder war auf andere Weise verhüllt. Das alles fragte ich mich und beobachtete währenddessen die Schattenspiele, die sich mit dem Standort des Mondes veränderten. Irgendwann musste ich dann doch in einen leichten und unruhigen Schlaf verfallen sein, da ich, als ich morgens die Augen aufschlug, ganz verwundert war, dass Burak nicht mehr in seinem Bett lag und es schon halb sieben war, was für mich bedeutete, dass ich mich für die Schule fertig machen musste. Geduscht hatte ich am Abend zuvor, also nur kämmen, Zähne putzen, anziehen und mein Kopftuch zurechtmachen, das ersparte mir ein wenig Zeit, so dass ich hoffte, doch noch Zeit für das Frühstück zu haben. Also stand ich auf und machte mich auf den Weg zum Badezimmer, wo ich prompt fast mit Burak zusammenstoßen wäre. Mit einem Grinsen im Gesicht bemerkte er: „Ach, auch schon aufgestanden? Das wurde aber auch mal Zeit, ich wollte dich grade wecken kommen.“

Worauf ich nur leicht genervt antwortete und mich direkt ins Badezimmer bewegte.

Das Badezimmer war wie alle anderen Räume klein und eng. Direkt gegenüber an der Wand stand eine niedrige kleine Badewanne, daneben auf der rechten Seite befand sich eine ebenfalls niedrig gehaltene Toilette und gegenüber gab es noch das Waschbecken. Im Gegensatz zu den anderen Dingen im Raum schien es nicht dazuzugehören, da es auf normale Körpergröße zugeschnitten war, dazu war es auch noch in einem Beigeton gehalten, der Rest des Badezimmers war weiß. Das einzige, was ich in diesem Badezimmer mochte, war der Spiegel, der über dem Waschbecken hing, denn der stammte aus der Türkei. Wir hatten ihn mitgebracht. Er war an den Rändern mit einem feinen kleinen Blumenmuster verziert und am oberen Rand stand „güzel“, was soviel wie wunderschön bedeutet, daher war der Spiegel mein allerliebster Gegenstand in der ganzen Wohnung und so stellte ich mich vor den Spiegel, wie jeden Morgen. Ich sah ein mittelgroßes Mädchen mit langen, dunkelbraunen Haaren, die mir bis zur Hüfte reichten und jetzt leicht zerzaust waren. Dann waren da noch meine dunkelbraunen Augen, die leicht skeptisch in den Spiegel schauten, der Mund mit den vollen Lippen, die Nase, die ich nicht wirklich leiden mochte, weil sie ein bisschen hakenförmig aussah und mein schmales Gesicht mit den leicht hervortretenden Wangenknochen. So betrachtete ich mich und dachte nach, was ich an mir ändern würde, wenn ich könnte. Ich kam zu dem Schluss, dass ich so aussehe wie ich aussehe, weil Allah es so gewollt hat und dass es dumm wäre, sich seinem Willen entgegenzusetzen. Ich widmete mich dem Zähneputzen und Haarekämmen. Nachdem ich das erledigt hatte, musste ich mich schleunigst anziehen und mein Kopftuch zurechtmachen, wenn ich nicht zu spät kommen wollte, also eilte ich schnell wieder im mein Zimmer. Ich suchte mir meinen weißen Lieblingsrock heraus, der bis zum Boden reichte und zog dazu meine schwarze Bluse an. Dazu nahm ich dann noch das zartrosa Kopftuch, das ich so gerne trug. Danach lief ich ins Wohnzimmer, um vielleicht noch schnell eine Kleinigkeit zu essen. Der Esstisch befand sich im Wohnzimmer, da in der Küche nicht genug Platz war. Das Wohnzimmer war der zweitgrößte Raum der Wohnung, etwas kleiner als das Schlafzimmer meiner Eltern, aber größer als das Zimmer von Burak und mir. Ich fand, es war eigentlich schön eingerichtet, mit einer schwarzen Couch von der Tür aus gesehen an der linken Wand und dazu unser Esstisch aus massivem Holz gegenüber der Tür. Darüber hing ein Familienbild von uns, das aber schon ein paar Jahre alt war. Ich war auf dem Bild vielleicht vier Jahre jünger, denn zu der Zeit hatte ich gerade angefangen ein Kopftuch zu tragen und das sah unordentlicher aus als jetzt. Rechts neben der Tür stand eine Fernsehkommode mit einem Flachbildfernseher, darauf auf zwei kleinen Platzdeckchen zwei Duftkerzen, die nach Kirsche rochen. Also setzte ich mich auf den Stuhl, nahm mir ein wenig von dem Brot, das dort lag und belegte es mit ein paar Scheiben Tomate. Ich aß schnell und schnappte mir meine am Abend schon vorbereitete Schultasche.

So stand ich gerade zum Losgehen bereit, als mein Vater rief: „Bahira lass uns los, sonst kommst du an deinem ersten Schultag noch zu spät und das willst du doch wirklich nicht!“

Also lief ich nach unten, wo mein Vater schon wartete, um Burak und mir den Weg zur Schule zu zeigen, da ich bis zu diesem Augenblick noch keine Ahnung hatte, wo sie sich befand.

 

Da die Stadt nicht groß war, war der Weg leicht zu merken. Wir liefen durch die Altstadt, die den Mittelpunkt der Stadt bildete und kamen am anderen Ende der Stadt an der Schule an. Sie war nicht sehr groß, sie schien freundlich und ruhig zu sein. Ein gutes Zeichen, ich würde mich dort hoffentlich wohl fühlen. Ich verabschiedete mich mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange von meinem Vater und suchte mit Burak das Büro auf, in dem wir schon von der Schulleiterin in Empfang genommen worden waren. Sie schien nett zu sein, lächelte uns an und fragte uns wie wir uns fühlten und ob wir bis jetzt einen guten Eindruck erhalten hätten, woraufhin Burak, wie es nun mal seine Art war, äußerst umfangreich und ausgiebig antwortete, so dass ich nichts mehr sagen musste, sondern einfach nur nett lächeln konnte. Die Schulleiterin wollte uns in unsere Klassen begleiten und uns vorstellen, damit die Kommunikation nicht so schwer sein würde.

Immer die nette, etwas rundliche Frau vor den Augen, folgten wir ihr durch die Flure. Ich versuchte, mir den Weg einigermaßen einzuprägen, doch das Einzige, an dem ich mich orientieren konnte, waren die Raumnummern, denn eigentlich sahen alle Gänge gleich aus. Als erstes kamen wir an Buraks Klasse an und ich sollte auf dem Flur warten, bis die Schulleiterin, Frau Müller, in der Klasse mit meinem Bruder fertig war. Ich versuchte zu lauschen, um zu hören, was da drin geschah, damit ich für meine eigene Vorstellung vorgewarnt war, doch es drang kein Laut an meine Ohren, nicht einmal ein leises Flüstern. Die Türen mussten die Geräusche also gut abschirmen. Es dauerte ca. fünf Minuten, dann war sie auch schon wieder draußen. Nun war ich alleine mit ihr, wir gingen schweigend noch zwei Gänge weiter und kamen dann vor meiner neuen Klasse an. Als wir die Tür öffneten, schlug uns erst einmal ein riesen Lärm entgegen, von dem ich kein Wort verstand. Als wir dann aber in der Klasse standen, wurde es auf einen Schlag mucksmäuschenstill und ich spürte, wie sich alle Blicke auf mich richteten. Ich fühlte mich sofort unwohl, doch ein Blick störte mich besonders, denn in der hintersten Reihe starrte mich ein Junge mit blondem, ja fast weißem Haar mit boshaftem Grinsen im Gesicht an und flüsterte kurz darauf seinem Nachbarn etwas, was genauso böse klang, ins Ohr. Danach starrte er mich wieder an und warf mir jetzt auch noch verächtliche Blicke zu, so dass ich mich fragte, was eigentlich sein Problem sei, denn er wirkte auf mich äußerlich nicht gerade ansprechend, da er recht rundlich, wenn nicht sogar fett war, dazu dann noch diese kleine Schweinenase und das ganze Gesicht bedeckt mit Sommersprossen. Ich dachte mir also meinen Teil und war im ersten Moment so in meine Gedanken vertieft, dass ich die Frage nach meinem Namen ganz überhörte, weshalb ich dann von Frau Müller leicht angestoßen wurde. Ich antwortete leise: „Ich heiße Bahira.“ Ich sagte es auf Türkisch, weil ich ganz vergessen hatte, dass ich auf Englisch reden musste, also wiederholte ich das Ganze noch einmal auf Englisch und zwar etwas lauter als zuvor, da ich diesem boshaften Jungen aus irgendeinem Grund einfach beweisen wollte, dass ich mich nicht einschüchtern lassen würde. So verabschiedete sich dann Frau Müller und ließ mich mit der Schar meiner neuen Mitschüler, der Lehrerin und den neuen Eindrücken alleine.

Die Aufmerksamkeit richtete sich nun von ganz alleine auf mich, so dass ich keine Möglichkeit mehr hatte, aus der Situation zu flüchten. Plötzlich sprach mich die Lehrerin an und ich war gezwungen zu antworten, sie fragte: „Okay, Bahira, dann erzähl uns doch noch was von dir, wie alt bist du denn und was sind deine Hobbys?“

Worauf ich mit einem lang gezogenen „Ähhhhhmmmm…“ antwortete, weil ich nicht sofort wusste, was ich sagen sollte. Dann nahm ich all meinen Mut zusammen.

„Ich bin 14 Jahre alt und ich mag es zu backen.“

Daraufhin kamen aber noch mehr Fragen wie „Wo kommst du her?“, „Was war das für eine Sprache, die du vorhin gesprochen hast?“, „Wieso trägst du ein Kopftuch?“

Alle diese Fragen zeigten mir: ich war anders als die anderen, das war eigentlich schon in dem aller- ersten Moment klar gewesen, als der Junge mit dem weiß-blonden Haar mich boshaft anstarrte. Klar war auch, warum meine neue Lehrerin Frau Köhler die Schüler dazu aufgefordert hatte, mir alle Fragen zu stellen, die ihnen einfielen. Also antwortete ich brav auf alle diese Fragen so gut ich konnte, hatte dabei aber das Gefühl, als veränderte sich das Klima in der Klasse nicht zum Guten, sondern zum Schlechten. Ich fühlte noch mehr boshafte Blicke auf mir lasten. Doch der eine Blick des Jungen, von dem alle anderen ausgingen, machte mir am meisten zu schaffen. Er hatte angefangen ununterbrochen mit seinem Nachbarn zu tuscheln. Ich hatte das Gefühl, dass er jetzt schon irgendetwas Gemeines über mich verbreitete, obwohl er mich ja noch gar nicht wirklich kannte. Glücklicherweise beendete Frau Köhler nach kurzer Zeit den Aufruhr, bevor es aus dem Ruder laufen konnte und wies mir einen Sitzplatz zu, der in der ersten Reihe lag und an dem schon ein schönes Mädchen mit rötlichen Haaren saß. Sie schien mich kaum zu beachten, als ich mich zu ihr setzte. Ihre Gesichtszüge waren fein, ihre Figur zart, fast zerbrechlich, doch im Gegensatz zu ihren rötlichen Haaren hatte sie stahlgraue Augen mit einem Ausdruck von Gleichgültigkeit.

Sie würdigte mich keines Blickes.

So verging die Stunde. Wir spielten Spiele, damit ich die Klasse besser kennenlernte. Ich hörte eine Menge fremd klingender Namen, doch nur einen konnte ich mir merken. Den des boshaften Jungen: Jonas.

Als die Schule endete, war ich erschöpft. Ich hatte mich so konzentrieren müssen, nicht in mein Türkisch zu verfallen. Zu Hause schmiss ich meine Tasche auf mein Bett. Meine Mutter hatte schon mit dem Essen auf mich gewartet und ich war froh, endlich wieder Türkisch sprechen zu können. Meine Mutter fragte mich nach meinem Tag und ich erzählte ihr, dass alles gut gewesen sei und sie sich keine Sorgen machen müsse, da ich schon zu recht kommen würde. Ich erzählte ihr nichts von dem Jungen, der mich boshaft angesehen hatte, denn sonst würde sie sich nur wieder unnötig um mich sorgen. Ich wollte nicht, dass sie sich Sorgen machte und ich wollte ihr und allen anderen beweisen, dass ich kein hilfloses kleines Mädchen war, sondern dass ich ganz gut allein klar kommen würde, auch wenn es ein für mich fremdes Land war und ich die Sitten und Gebräuche der neuen Kultur nicht kannte. So nahm ich nach dem Mittagessen mein Lieblingsbuch aus dem Regal und legte mich ins Bett. Ich las, bis ich die Zeit vergaß und als ich auf die Uhr schaute, war es schon wieder Zeit fürs Abendessen. Danach ging ich völlig erschöpft von dem Tag und ohne ein letztes Wort zu einem meiner Familienmitglieder zu Bett und hatte eine traumlose Nacht.

 

Beim Frühstück fragte mich meine Mutter „Du bist so still Bahira, ist wirklich alles in Ordnung oder ist gestern in der Schule etwas passiert?“

Da schüttete ich ihr mein Herz aus und erzählte ihr alles, von Jonas, von Frau Müller, von Frau Köhler und von Melanie, meiner rothaarigen Sitznachbarin und von allen meinen Befürchtungen. Ich erzählte ihr sogar von den boshaften Blicken, die mir meine Mitschüler zugeworfen hatten, ich wollte ihr das alles eigentlich gar nicht erzählen, doch wenn ich es noch länger für mich behalten hätte, wäre ich wohl von meinem Selbstzweifeln aufgefressen worden. Meine Mutter hörte mir einfach nur zu und nachdem ich geendet hatte, nahm sie mich in den Arm, um mich zu trösten und hauchte mir dann ein Kuss auf die Wange. Sie sagte mir, dass aller Anfang schwer sei und ich mir die boshaften Blicke bestimmt nur eingebildet hatte, weil ich so nervös war. Das liebte ich an meiner Mutter, sie hatte immer ein gutes Wort und half mir mich zu beruhigen, wenn ich mich mal nicht wohl fühlte. Sie verabschiedete sich von mir und ich ging runter zu meinem Bruder, der schon draußen auf mich wartete und nichts von meinem Gefühlsausbruch mitbekommen hatte. Er hatte anscheinend schon ein paar Freunde gefunden, denn als wir an der Schule ankamen, begrüßten ihn ein paar Jungs in seinem Alter. Zu meiner Verwunderung begrüßte ihn auch ein Mädchen mit hellbraunen Haaren und blauen Augen, die neben ihm recht schüchtern wirkte. Ich machte mir darüber erstmal keine Gedanken und ging in meine Klasse, wo es gleich richtig losging mit Unterricht. Für mich musste alles übersetzt werden, doch ich lernte auch ein paar Wörter Deutsch.

Doch dann kam der Kunstunterricht im Kunstraum und damit die schlimmste Stunde meines Lebens. Die Lehrerin hatte uns kurz alleingelassen. Jonas flüsterte seinem Freund etwas ins Ohr und zeigte dann auf die Farbtöpfe und die Pinsel. Kurz darauf kamen sie auch schon mit Farbe und Pinsel auf mich zugelaufen und bespritzten mich mit allen möglichen Farben, am Ende warfen sie sogar noch Töpfe nach mir. Als die Lehrerin den Raum betrat, sah sie mich an und dann die beiden Jungen und dann wieder mich, doch sie war so perplex, dass sie einfach kein Wort herausbrachte. Nach einer Weile kam sie dann aber doch zur Besinnung und schickte die Schüler nach draußen, wo sie fünf Minuten bleiben sollten um danach wieder reinzukommen. Für mich aber gab es keine Rettung mehr. Mein rosa Kopftuch war ruiniert, meine Hose und mein Oberteil ebenfalls. Ich frage mich heute immer noch, wieso die beiden nicht bestraft wurden, damals kam ich einfach zu dem Schluss, dass das an der Schule wohl immer so ablief.

In den nächsten Tagen erging es mir nicht besser, immer wieder wurde ich geärgert und immer wieder passierten mir Dinge, die ich meiner Mutter schwer erklären konnte. Ich versuchte, irgendwelche Vorwände zu finden um mein Aussehen zu rechtfertigen. Das eine Mal war ich triefend nass, da ich mit Wasser übergossen worden war, das andere Mal waren es Kaugummis, die mir ans Kopftuch geklebt worden waren und wieder ein anderes Mal hatten die Jungen mich mit Mehl überschüttet. Keiner kam mir zur Hilfe, alle lachten mich immer nur aus, beleidigten mich und bewarfen mich mit Papier und Stiften. Ich fühlte mich hundeelend und die Schule machte mir immer mehr zu schaffen. Ich sträubte mich von Tag zu Tag mehr, hinzugehen. Meinem Bruder hingegen erging es blendend, er hatte Freunde und sogar mittlerweile eine Freundin namens Laura, das Mädchen, das ich mit ihm am zweiten Schultag gesehen hatte. Ich interessierte ihn nicht mehr und wenn er spät nachhause kam, lag ich meist schon im Bett. Der Schlaf war das einzige, was mir geblieben war, in den ich mich aus der grausamen Wirklichkeit flüchten konnte. Doch auch das gelang mir nicht immer, da mich die Missetaten meiner Mitschüler bis in die Träume hinein verfolgten und dann wachte ich schwer atmend auf und konnte erst nach langer Zeit wieder einschlafen. Meiner Mutter fiel natürlich auf, dass es mir nicht gut ging, doch sie ließ mich in Ruhe, da sie akzeptierte, dass ich ihr nichts sagen wollte. Doch eines Tages, nachdem Jonas und sein Freund mir besonders schlimm zugesetzt hatten, hielt ich es nicht mehr aus, brach in Tränen aus und erzählte meiner Mutter die ganze Geschichte. Meine Mutter war entsetzt.

„Bahira, wieso hast du denn nichts gesagt, ich habe dich doch immer wieder gefragt, was passiert ist und ob alles okay bei dir ist!“

„Aber Mama, was hätte das denn gebracht, sie hätten mich doch weiter geärgert“, gab ich ihr zur Antwort. Meine Mutter erzählte an diesem Abend alles meinem Vater und wie ich es schon erwartet hatte, regte er sich so sehr auf, dass unsere Nachbarn klopften und darum baten, dass wir leise sein sollten.

Am nächsten Tag begleitete mich mein Vater zur Schule. Er ging schnurstracks mit mir ins Schulbüro und verlangte mit Frau Müller zu sprechen, die dann auch unverzüglich aus ihrem Büro kam und uns fragte, was denn passiert sei. Mein Vater berichtete ihr von den Geschehnisse der letzten Wochen und fragte sie. wie denn so etwas passieren konnte, ohne dass sie auch nur irgend etwas dagegen täte. Frau Müller war wie erstarrt und verhaspelte sich, während sie zugab, nicht einmal etwas davon gewusst zu haben und entschuldigte sich sofort. Sie versprach nicht nur mit den beiden Jungen und den Lehrern zu reden, sondern kam gleich mit in die Klasse. Alle waren verwundert, dass Frau Müller und mein Vater mich begleiteten. Jonas und sein Freund versteckten sich hinter einigen anderen Schülern, weil sie ahnten, dass wir ihretwegen dort waren. Frau Müller hatte sie aber schon gesehen und ging mit strengem Gesichtsausdruck und entschlossenen Schritten auf sie zu. Die Jungen waren da bereits so eingeschüchtert, dass sie sie gleich mit zum Büro nehmen konnte. An der Tür kam ihr Frau Köhler entgegen, die auch gleich etwas zu hören bekam, weil sie die Jungen so mild bestraft hatte. Sie sollte nach dem Unterricht gleich zur Schulleitung kommen. Alle in der Klasse waren verwirrt und starrten den Jungen nach, die hinausgeführt wurden, als mein Vater vor die Klasse trat und zu sprechen anfing und das in fließendem Deutsch „Hallo Kinder, ich bitte euch jetzt euch bei Bahira zu entschuldigen und sie nett in die Klasse aufzunehmen und dazu frage ich euch noch. Wieso wart ihr so gemein zu ihr?“ Das war im ersten Moment zu viel für die Klasse und alle schwiegen, bis, was ich nie gedacht hätte, Melanie das Wort ergriff: „Ich glaube, die meisten wollten gar nicht so gemein sein, nur wir hatten alle Angst, dass Jonas uns auch angreift, wenn wir Bahira helfen und das wollte keiner, deshalb waren alle so gemein. Ich habe Bahira gar nicht beachtet, sie einfach ignoriert, weil ich nicht gemein zu ihr sein wollte.“ Was Melanie gerade gesagt hatte, überraschte mich vollkommen, denn ich hätte nie gedacht, dass sie mich auf irgendeine Art mögen würde. Im nächsten Moment stimmten alle Melanies Erklärung zu und ich war froh und voller Hoffnung, dass alles besser werden würde. Mein Vater verabschiedete sich und ließ mich alleine in der Klasse zurück. Und tatsächlich, am Ende des Schultages, als ich nachhause lief, war ich überglücklich. Alle waren das erste Mal nett zu mir gewesen und mit Melanie verstand ich mich richtig gut, was ich nie gedacht hätte. Ich erzählte alles meiner Mutter und auch sie freute sich, das es mir so gut ergangen war. Ein paar Tage später erfuhren wir dann auch noch, dass ich nie wieder durch Jonas terrorisiert werden könnte, da er und sein Freund von der Schule geflogen waren. Die beiden hatten zu viel Mist gebaut und waren bei sämtlichen Gesprächen total uneinsichtig gewesen. Sei mussten sogar umziehen, da ihr Weg zur neuen Schule sonst zu lang gewesen wäre.

Mittlerweile bin ich eigentlich ganz glücklich hier in Deutschland, auch wenn mein Start am Anfang etwas schwierig war und ich mich durchkämpfen musste. Aber eine gute Sache hatte es dennoch, denn wenn ich nicht nach Deutschland gezogen wäre, dann hätte ich niemals meine beste Freundin Melanie kennengelernt, die seit den Geschehnissen nicht mehr von meiner Seite weicht.