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Der Schutzengel

von Özge Öngöcmen

1

Als ich den ersten Schritt nach draußen machte, merkte ich, dass der Winter gekommen war. Es war sehr kalt, und in der Luft lag ein so himmlischer Duft, dass ich ganz tief einatmete. Es war noch früh am Morgen und alle versuchten hastig zur Arbeit zu gelangen. Ich überlegte, ob ich für eine Station auf den Bus warten sollte, doch dann entschied ich mich, zu Fuß zu gehen. Ich mochte den langen Weg am Hundepark in der Nähe des Ostfriedhofes. Ich genoss es, wie der Wind durch meine Haare wehte und es zerzauste. Ich war so beschäftigt damit, meinen warmen Atem im kalten Wetter zu betrachten, dass ich über einen Ast stolperte. Zum Glück konnte ich mein Gleichgewicht halten und fiel nicht hin. Da bemerkte ich einen Mann. Er stand etwa zwanzig Meter hinter mir. Er war zirka 1,80 m groß und hatte breite Schultern. Sein langer Mantel, der bis unter seine Knie ging, sah neu aus. Der Hut war bis zu seinem Gesicht heruntergezogen und erlaubte keinen Blick in seine Augen. Sein Spazierstock, auf den er sich stützte, ließ ihn alt aussehen. Doch ich beschäftigte mich nicht länger mit ihm und war bald wieder so sehr in meine Gedanken vertieft, dass ich an der Kreuzung fast  überfahren wurde. Eine Hand packte mich und zog mich nach hinten. Noch im Schock atmete ich tief ein und aus. Als ich mich umdrehte, sah ich den alten Mann, der mich anlächelte. Mir war etwas schwindelig, und ich blinzelte ein paar Mal. Als ich meine Augen aufriss, war der Mann nicht mehr da. Aber ich wusste, dass er die ganze Zeit hinter mir gewesen war, der Mann mit dem langen Mantel, der Mann der mein Schutzengel sein sollte.

Nach dem Frühstück hatte ich erst mal vor, unter die Dusche zu springen. Das Wasser tropfte aus dem Schlauch direkt auf meinen Kopf und die einzelnen Tropfen umfassten meinen gesamten Körper. Es war so schön warm, dass ich noch lange Zeit einfach unter der Dusche stand, bis ich merkte, dass meine Haut ganz rot wurde. Meinen Körper in ein Handtuch gewickelt, stieg ich aus der Dusche, wobei ich noch ein kleineres Handtuch suchte, um meine nassen braunen Haare einzuwickeln. Um mich im Spiegel zu betrachten, musste ich das Glas des Spiegels abwischen, weil es beschlagen war. Dann lächelte ich. Mich selber im Spiegel zu betrachten, erinnerte mich an meine Schwester, die ich in der Türkei zurücklassen musste, um hier in Hamburg studieren zu können. Nicht nur sie, sondern meine ganze Familie, meine geliebten Eltern und meinen jüngeren Bruder. Es hatte mir so wehgetan, als er mich am Flughafen ganz fest umarmte und nicht mehr loslassen wollte. Und als mein Flug aufgerufen wurde, sah ich, wie sie alle dort standen und reglos darauf warteten, dass ich ins Flugzeug stieg. Das ist jetzt schon fast fünf Jahre her.

Ich sah, wie eine Träne über die Wange des Mädchens im Spiegel lief. Dann realisierte ich, dass ich das Mädchen war.

„Man muss Opfer bringen, wenn man was im Leben erreichen möchte“, sagte ich und wischte mir die Träne weg.  Ich schob mir meine Zahnbüste in den Mund, um meine Zähne zu putzen. Das Mädchen im Spiegel beachtete ich nicht mehr.  Zurück in meinem kleinen Zimmer zog ich mir schnell eine Jeans und einen Pullover an und föhnte meine Haare. Ich nahm mir meine Tasche und meinen Tee, den ich zuvor vorbereitet hatte und machte mich auf den Weg zur Uni. In der Pause sah ich meine beste Freundin, die in der Bibliothek auf mich wartete. Ich gab ihr ein Küsschen auf die Wange und gesellte mich zu ihr. Dann nahm ich mir meinen Tee und nippte daran. „Nancy, du weißt nicht was mir heute Morgen passiert ist“, sagte ich und nippte an meinem Tee. „ Ich wollte gerade Brötchen kaufen gehen als…“

„Oh mein Gott, was ist denn dort los? Ein Krankenwagen! Und wieso haben sich alle versammelt? Guck mal aus dem Fenster!“, unterbrach mich Nancy und lief zur Treppe. Tatsächlich, unten war eine Menschenmenge um einen Krankenwagen versammelt. Jetzt wurde ich auch neugierig und ging Nancy hinterher. Unten angekommen hörte man die anderen Studenten sagen, dass der alte Mann, der gerade in den Wagen transportiert wurde, wahrscheinlich einen Herzinfarkt hatte. Ich quetschte mich durch, um zu gucken, wie der alte Mann aussah, als ich unten auf dem Boden seinen langen Mantel sah. Mir wurde schlecht, und alles um mich fing an sich zu drehen. Es war der lange Mantel von dem Mann, der mich heute Morgen gerettet hatte. Ich lief zu dem Sanitäter, der grade die Tür des Wagens zumachte und schrie: „ Ich muss ihn sehen, hören Sie? Ich muss diesen Mann ansehen!“ Als ich gegen die Tür des Krankenwagens hämmerte, zog mich Nancy nach hinten und sah mich fassungslos an.

„Alles in Ordnung bei dir, du siehst so blass aus?“, sagte sie und half mir, mich am Straßenrand hinzusetzen. Dann sahen wir zu, wie der Krankenwagen wegfuhr.

Ich ließ mich für den Rest des Tages entschuldigen und verkroch mich zuhause unter meiner Decke und wollte am liebsten nichts denken, geschweige denn sehen. Ich wollte einfach nur alleine sein. Nancy kam mir in die Gedanken. Meine arme Freundin. Wie sie sich dort am Straßenrand um mich kümmerte und mich fragte, ob alles in Ordnung sei, und wie dreist ich sie zur Seite geschubst hatte und zum Bus lief, um so schnell wie möglich nach Hause zu gelangen. Plötzlich schämte ich mich.

Nach langer Überlegung schrieb ich ihr eine SMS, dass mein Verhalten mir leid tat, und dass ich im Moment selber nicht wüsste, was mit mir ist. Nach einiger Zeit, kurz nach dem ich eingeschlafen war, piepte mein Handy. Ich schubste die Decke weg und hoffte, dass es Nancy war.

Tatsächlich, Nancy, meine Beste, hatte zurück geschrieben. „Kein Problem Süße, jeder hat mal schlechte Tage. PS: Hast du mal aufs Datum geguckt? Heute ist der Todestag meiner Mutter. Ich will da nicht alleine hingehen.“

Seit ihre Mutter gestorben war, und sie keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater hatte, lebte sie bei ihrer Oma. Ich wollte mein Verhalten von heute Morgen wieder gut machen und sprang aus dem Bett. Nach ungefähr einer halben Stunde stand ich vor der Wohnung von Nancy und wartete, dass sie runterkam. Als sie da war, fragte sie mich: „ Bist du sicher, dass du mit auf den Friedhof kommen möchtest?“

Lächelnd antwortete ich: „Aber klar, du denkst doch wohl nicht, dass ich dich bei dieser schweren Sache allein lasse, oder?“

Wir machten uns auf den Weg und stiegen ins Auto ein. Im Auto fragte Nancy mich, wieso ich heute so krass reagiert hätte. Ich meinte nur, es wäre eine lange Geschichte und versuchte, jegliches Gespräch darüber zu vermeiden. Den Rest der Fahrt schwieg ich.

Am Ohlsdorfer Friedhof angekommen atmete ich noch mal tief durch, bevor ich Nancy folgte. Am Grab ihrer Mutter wollte Nancy, dass ich die ganzen Blumen hielt, damit sie mit der Gießkanne Wasser holen konnte. Alleingelassen kniete ich mich neben das Grab, legte die Blumen auf den Boden, faltete meine Hände und betete. Nancys Mutter war an Brustkrebs gestorben. Ich hatte sie sehr gemocht, weil sie wie eine zweite Mutter für mich gewesen war. Ich erinnerte mich an die Zeit, als ich Liebeskummer hatte. Die Mutter stand mit viel Eiscreme und verschiedenen Filmen vor meiner Tür und wollte mir beistehen. Es war schon so lange her, dass ich mich nur noch mit Mühe an ihr Gesicht erinnerte. Ich habe immer noch das Gefühl, dass Nancy nur so tut, als sei alles in Ordnung.

„Hilfst du mir, das Grab etwas zu säubern?“, fragte Nancy und riss mich damit aus meinen Gedanken.

„Ja, na klar“, antwortete ich und nahm ihr die Kanne ab. Nachdem wir mit dem Säubern des Grabes fertig waren, stand ich auf und klopfte mir meine Jeans ab. Als ich mich zu Nancy umdrehen wollte, bemerke ich das Grab neben Nancys Mutter. Ich fiel hin und musste plötzlich weinen.

„Aber nein, wieso weinst du denn? Meine Mutter ist jetzt im Himmel, sie ist an einem besseren Ort“, versuchte mich Nancy zu trösten.

Ich guckte sie an und stammelte nur: „Da, d-da-das Foto an dem Grab, das ist dieser Mann, er ist es… Nancy, ich glaube, ich werde langsam verrückt, egal wo ich hingucke, ich sehe diesen Mann, er hat mich heute Morgen gerettet. Sonst würde ich vielleicht bald neben deiner Mutter liegen“, sagte ich.

„Okay, ich glaube wirklich, das war genug für heute“, meinte Nancy. „Los, ab mit dir ins Auto!“

Auf der Fahrt nach Hause merkte ich, dass meine Hände zitterten. Ich schloss meine Augen und versuchte mich in Nancy hineinzuversetzen. Die Arme. Erst verlor sie ihre Mutter, und jetzt musste sie wohl denken, dass sie auch bald mich verlieren würde, weil ich bestimmt in die Psychiatrie gehen musste. Aber was dachte ich da? Ich war doch hier die Arme?! Immerhin war ich diejenige, die Wahnvorstellungen hatte. An meiner Wohnung angekommen, küsste ich Nancy auf die Wange und stieg ganz schnell aus. Ich stürmte die Treppen hoch und sofort in die Wohnung, riss mir Jeans und Pullover vom Leib und legte mich ins Bett. Ich schlief sofort ein.

 

2

Das Wochenende stand vor der Tür, und ich hatte noch gar nichts geplant. Seit ich Nancy alles bis auf den Punkt erzählt hatte, klebte sie förmlich an mir. Aber ich fand das gut. Daran merkte ich, dass sie eine echte Freundin war. Sie kümmerte sich halt um mich und wollte wenigstens dabei sein, falls mir etwas geschehen sollte, und versuchen es zu verhindern. Wenigstens konnte ich mich auf sie verlassen. Mein Handy vibrierte auf meinem Nachttisch. Ich streckte langsam meine Hand unter der Bettdecke raus und tastete danach. Endlich fand ich es und hielt es an mein Ohr.

„Morgen Darling, hab ich dich aufgeweckt?“, gähnte Nancy mir per Telefon zu. „Hmhm“, antwortete ich, ohne den Mund richtig aufzumachen.

„Wollen wir heute etwas unternehmen? Etwas, was wir lange nicht mehr gemacht haben! Ein Mädchentag wie früher, weißt du noch?“

„Was willst du denn machen?“, fragte ich und kroch langsam aus dem Bett.

„Na, wie in den alten Zeiten. Zuckerwatte essen bis uns schlecht wird. Was hältst du davon? Wollen wir auf den Dom?“

Ich lächelte und guckte auf die Uhr. Mensch hatte ich lange geschlafen. Es war schon 16 Uhr, und ich war noch im Pyjama.

„Ich hole dich um 18 Uhr ab!“, beendete ich das Gespräch. Ich warf einen Blick in den Spiegel und wusste, dass dieser Abend mein und Nancys Abend werden würde. Ich versprach mir, den Tag nicht zu vermiesen, indem ich wieder über die Dinge nachgrübelte, die mich in den letzten zwei Wochen ständig beschäftigten.

 

Nach acht Zuckerwatten war auch Nancy endlich so übel wie mir. Doch meine hübsche Freundin war schon immer etwas crazy im Kopf und schleppte mich danach auf eine Maschine, die sich pausenlos nur drehte. Nach ungefähr einer halben Ewigkeit und noch fünf Zuckerwatten mehr standen wir vor einem Schild, auf dem mit Druckbuchstaben stand: „Lass Tante Holle einen Blick in deine Zukunft werfen.“

Ich glaubte nicht an so etwas und wollte weiter gehen, doch Nancy hielt mich fest. „Hör zu, es klingt vielleicht albern, aber ich möchte mal wissen, ob sie Kontakt mit Toten aufnehmen kann oder so was“, sagte Nancy etwas beschämt.

„Spinn nicht rum Nancy, an so was darfst du gar nicht glauben“, meinte ich und änderte meine Meinung, als ich sah, wie Nancy eine Kette ganz fest hielt, die ihre Mutter ihr geschenkt hatte, als sie acht Jahre alt war.

„Okay Süße, wir gehen da rein, aber ich sag dir schon jetzt, wenn sie mit irgendwelchen Zaubertränken ankommt, gehen wir sofort, okay?“

Sie stimmte mir zu, und wir gingen rein.

„Ah, da seid ihr ja! Nancy und die Bahar. Ich habe schon auf euch gewartet. Setzt euch hin und trinkt den Kaffee, den ich für euch vorbereitet habe. Ich werde euren Kaffeesatz lesen und auch die Innenfläche eurer Hand. Nancy, ich weiß, dass du deine Mutter sehr vermisst. Sie war echt eine gute Frau. Sie hat dir alles gegeben, was sie besaß und wollte immer nur das Gute für dich. Sie wollte nicht, dass du für jemanden arbeitest sondern, dass die anderen für dich arbeiten. Jaja, ihre strenge Erziehung, ich sehe es an deinen Augen, du hast sehr darunter gelitten. Sie kämmte dir jeden Abend die Haare vor dem Schlafengehen. Sie war streng gläubig, deswegen zwang sie dich, jeden Sonntag mit in die Kirche zu gehen.“

Ich sah, wie sich eine Träne in den Augen meiner Freundin versteckte.

„Was sind Sie? Eine Hellseherin? Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass wir Ihnen das abkaufen, oder?“, kam es aus mir heraus, obwohl bis jetzt alles wahr war, was sie gesagt hatte.

„Ja Bahar, ich bin eine Hellseherin und kann in die Zukunft und in die Vergangenheit blicken. Diese Gabe habe ich von meiner Mutter geerbt. Sie war eine böse Frau, aber das ist hier nicht das Thema. Wie schon gesagt Nancy, deine Mutter war eine Frau, die nur um dein Glück gekämpft hat. Aber es gab etwas, das sie fertig machte. Diese Sache fraß sie innerlich auf. Sie wollte dich nicht belügen, aber sie musste. Sie konnte dich nicht mit deinem Vater teilen, weil sie wusste, was für ein Mensch dein Vater ist.“

„Ach Quatsch. Sehen Sie, daran merken wir, dass alles erstunken und erlogen ist“, widersprach ich. „Nancy hat keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater, weil er der Meinung ist, dass die Mutter wegen Nancy gestorben ist. Außerdem hat er klar und deutlich gesagt, dass er Nancy nie wieder sehen will. Davor lebten sie alle gemeinsam in einem Haus. Sie hat erst keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater, nachdem ihre Mutter von uns gegangen ist“, schrie ich, als ich Nancy neben mir seufzen sah.

„Wer hat behauptet, dass er der leibliche Vater von Nancy ist? Nancy mein Kind, hör zu…deine Mutter musste wegen deinem Opa deinen leiblichen Vater heiraten. Sie waren der Ansicht, dass er ein sehr guter Mann war. Doch er misshandelte deine Mutter. Immer und immer wieder. Sie hielt die Unterdrückung nicht länger aus und schwor sich, dass, wenn sie eine Tochter bekommen würde, sie ihre Tochter ganz anders erziehen würde. Dann wurde sie schwanger mit dir. Eines Tages lernte sie dann einen Mann kennen, der ihre Not sah und ihr sofort half. Sie verliebten sich ineinander und flohen. Dieser Mann wurde dein Stiefvater.“ „Und wie behandelte er meine Mutter?“, fragte Nancy.

„Er war das genaue Gegenteil deines echten Vaters. Er behandelte deine Mutter wie eine Prinzessin. Doch nach dir bekam deine Mutter keine Kinder mehr. Der Schaden, den dein leiblicher Vater ihr zugefügt hatte, hatte Konsequenzen. So sehr dein Stiefvater versuchte, dich zu lieben, es ging nicht“, sagte die Hellseherin mit einem traurigen Ton. „Dein leiblicher Vater lebt immer noch, allerdings kann ich dir nicht sagen wo“, fügte sie noch hinzu.

„Ach, Sie spinnen doch“, sagte ich und wollte Nancy auffordern zu gehen, als Nancy meinte: „Nein! Bahar ich muss kurz alleine sein. Ich warte im Auto auf dich, ich muss das alles kurz nochmal durchgehen.“

Sie stand auf und verließ das Zelt. Ich schaute ihr hinterher, als die Hellseherin meinte: „ Nun Bahar, kommen wir zu dir.“

Ich schluckte, weil mir die ganze Zeit die Frage durch den Kopf ging: Was ist, wenn das alles stimmte mit Nancys Eltern?

Frau Holle fing an zu sprechen: „Bahar, Bahar, Bahar…dein Name bedeutet Frühling und auch Jugend. Aber es heißt auch, ein neuer Zeitabschnitt. Dieser neue Zeitabschnitt Bahar beginnt mit dir. Doch die alte Zeit versucht dich einzuholen. Du musst aufpassen, es werden dir immer mehr Steine in den Weg gelegt. Du hast Angst. Es ist so, als ob die alte mutige Bahar weg ist und eine neue, schüchterne Bahar gekommen ist, nicht wahr?“, fragte sie mich.

Mit zitternder Stimme fing ich an zu erzählen: „Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. Ich sehe in letzter Zeit einen Mann, egal, wohin ich gehe, sehe ich Anzeichen von ihm. Ich weiß nicht, wer er ist, aber er ist so plötzlich in meinem Leben aufgetaucht, dass ich es gar nicht wahr haben möchte. Was will er von mir? Wieso verschwindet er nicht aus meinem Leben?“

Frau Holle räusperte sich und sagte: „Nun Bahar, mein liebes Kind. Es tut mir leid. Dabei kann ich dir nicht weiter behilflich sein. Die Antwort auf diese Frage kannst du nur selbst finden. Dafür musst du in deiner Vergangenheit graben.“

Ich fragte mich, was sie wohl damit meinen könnte, als das Zelt aufging und neue Kundschaft eintrat. Ich stand auf und wollte grade gehen, als Frau Holle mir hinterher rief: „ Lass dir das Essen morgen Nachmittag schmecken, Kleines.“

Ich lächelte ihr zu und ging raus.

Als ich am Auto angekommen war, fragte ich Nancy, was sie nun vorhatte. Sie antwortete fest entschlossen: „Ich werde meinen leiblichen Vater aufsuchen. Ich muss wissen, was dieser Mann meiner Mutter früher angetan hat, und vor allem möchte ich wissen, warum er all die Jahre nicht nach mir gesucht hat.“

Ich schluckte, guckte geradeaus und sagte nichts mehr. Ich hatte dieses Feuer in Nancys Augen noch nie gesehen. Es bereitete mir Schmerz und gleichzeitig auch Angst.

 

3

Ich hatte mir ganz fest vorgenommen, allein auf den Friedhof zu gehen, und mir noch einmal das Grab des Mannes in Ruhe anzusehen. Ich wollte wissen, wann er geboren und wann gestorben war, damit ich etwas über ihn recherchieren konnte.

Ich fuhr mit der Bahn zum Friedhof. Und obwohl ich mir vorher einen Kaffee gekauft hatte, schlief ich während der Fahrt ein. Nach einer halben Ewigkeit riss ich meine Augen auf und guckte auf den kleinen Monitor, der anzeigte, welches die nächste Station war. Erleichtert lehnte ich mich nach hinten, weil ich doch nicht weitergefahren war, als ich es wollte. Ich war allein im Wagon. Ein Schauer lief mir über den Rücken.  

An der Haltestelle Ohlsdorf angekommen blieb ich an einem Laden stehen. Ich überlegte, ob ich für das Grab Blumen besorgen sollte, doch dann entschied ich mich für eine Kerze und nahm sie auch mit.  Der Bus, der zu den verschiedenen Kapellen fuhr, kam erst in einer halben Stunde, so dass ich beschloss zu Fuß zu gehen. Am Eingang nahm ich mir eine Karte des Friedhofes mit und machte mich auf den Weg. Am Grab angekommen wollte ich erst mal die Kerze anzünden, setzte mich und suchte mein Feuerzeug in der Tasche. Als ich die Kerze angezündet hatte, stellte ich sie neben den Grabstein. Dann nahm ich mein Handy heraus und fotografierte ihn, um die Daten festzuhalten. Ich überprüfte nochmal, ob das Foto gut war und packte mein Handy wieder in die Tasche. Aus lauter Verzweiflung fing ich an, mit dem Bild auf dem Grabstein zu reden. „Was willst du von mir? Wieso sehe ich dich immer?“ Nach einer halben Ewigkeit stand ich auf und ging nach Hause.

Zuhause angekommen nahm ich erst mal ein Bad und kochte mir etwas Leckeres. Ich wollte mir mal wieder etwas gönnen und bereitete ein Essen für mindestens zehn Leute zu. Es war das erste Mal seit langem, dass ich so viel gegessen hatte. Das Telefon lag neben mir auf dem Tisch, und ich überlegte, ob ich meine Mutter anrufen sollte. Vielleicht würde sie wissen, was die Hellseherin mir sagen wollte. Ich wählte die Nummer und als ich die Stimme meiner Mutter hörte, blieb mir das Essen im Hals stecken. Tränen überströmten mein Gesicht.

„Mutter?“, sagte ich mit zitternder Stimme. Als meine Mutter hörte, dass ich es war, fing sie auch an zu weinen. Wir hatten uns fast fünf Jahre nicht gesehen. Nachdem wir erst mal über das Wesentliche geredet hatten, fing ich an, ihr die Ereignisse der letzten Wochen zu schildern. Sie fand es äußerst interessant und wollte, dass ich ihr den seltsamen alten Mann beschreibe. Nach der Beschreibung entstand eine ungewöhnlich peinliche Pause. Schließlich fragte sie mich, ob ich nicht für das nächste Wochenende in die Türkei kommen wollte, um sie dort zu besuchen. Sie meinte, dass sie mir so besser behilflich sein könne. Ich willigte ein.

Die Woche ging so langsam um, dass ich selbst in der Uni pausenlos auf die Uhr schaute.

Endlich war der Tag meiner Abreise da und am Abend würde ich schon bei meiner Familie sein.

„Du bist ja richtig hippelig“, flüsterte Nancy mir zu. „Ich bring dich heute Nachmittag zum Flughafen.“

Ich bedankte mich mit einem Lächeln. „Hey, wenn du wieder da bist, werde ich meinen leiblichen Vater gefunden haben. Das verspreche ich dir“, fügte Nancy noch hinzu.

„Du weißt, dass ich dich da nicht alleine hinschicken möchte, Nancy. Ich meine, du weißt nicht, was für einer das ist“, zweifelte ich.

„Ja, ich weiß Bahar, aber du hast mit deinen Problemen zu kämpfen, und ich möchte dir die Reise nicht verderben“, sagte Nancy und streichelte dabei über mein Gesicht.

Der Flug war ganz angenehm, und als ich raus aus dem Flughafen trat, kamen meine Geschwister mir entgegengerannt. Es gab ein großes Wiedersehen. Mein Vater und meine Geschwister hatten mich abgeholt. Meine Mutter war nicht dabei. So, wie ich sie kannte, war sie jetzt wahrscheinlich am Zubereiten von türkischen Spezialitäten, die ich genüsslich verspeisen durfte.

Als wir aus dem Auto ausstiegen, holten meine Geschwister mein Gepäck aus dem Kofferraum, und ich lief auf das große, weiße Haus zu und wollte diejenige sein, die klingelte. Meine Mutter öffnete die Tür, und ich sah dieses Funkeln in ihren Augen. Dieses Funkeln, was ich all die Jahre so sehr vermisst hatte. Dieses Funkeln, das Sehnsucht wiederspiegelte.

Tatsächlich kam die Zeit, wo ich und meine Mutter ungestört reden konnten. Wir gingen noch mal die einzelnen Ereignisse durch und überlegten, wer dieser Mann sein könnte. Ich zeigte sein Foto, das ich von seinem Grabstein gemacht hatte. Sie runzelte die Stirn und sah das Foto sehr besorgt an.

„Bahar meine Liebe…“, begann sie zu sprechen. „Du kannst das Foto gar nicht in Hamburg geschossen haben!“, meinte sie und guckte das Foto an, als ob sie es durchbohrte.

„Warum?“, fragte ich zurück.

Jetzt schaute sie mich an und sagte mir etwas, das mein Blut gefrieren ließ. „Du kannst das Foto nicht in Hamburg geschossen haben, weil das dein Urgroßvater ist, der vor achtzig Jahren hier vergraben wurde.“

Ich stand schockiert auf und merkte nicht einmal, dass ich den Stuhl hinter mir auf den Boden geworfen hatte. „Mama, das kann aber nicht sein! Ich bin doch nicht verrückt! Ich habe es fotografiert. Woher sonst soll ich bitteschön das Foto haben?“, schrie ich sie an.

Meine Mutter beruhigte mich und meinte, ich solle mit ihr auf den Dachboden kommen, wo sich die ganzen Familienalben befanden. Wir stiegen die Treppe hoch, und obwohl meine Mutter versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, spürte ich, dass sie sich Sorgen um mich machte. Diesen Gesichtsausdruck hatte sie immer gehabt, wenn ich früher krank im Bett lag. Sie zündete eine Gaslampe an, die älter sein musste, als ich es war. Es wunderte mich, dass wir so was noch besaßen. Sie schloss die Tür auf und befahl mir, dass ich alle weinroten Alben raussuchen sollte. Ich tat, was sie sagte und nach einer halben Stunde saßen wir mit vier dicken weinroten Alben auf dem kalten Fußboden, bei sehr schwachem Licht, und versuchten Fotos meines Urgroßvaters zu finden.

„Da, das ist ein Foto von ihm, als er so alt war wie du jetzt“, sagte meinte Mutter mit fester Überzeugung. Das Foto war eine Schwarz-Weiß-Aufnahme, wobei man sehen konnte, dass es schon viel durchgemacht hatte. Die linke Ecke des Bildes war verschwommen, sodass ich die Frau, die neben ihm stand, nicht identifizieren konnte.

„Die Frau daneben war deine Urgroßmutter“, antwortete meine Mutter, als ob sie meine Gedanken lesen konnte. „Weißt du, ich war dabei, als er gestorben ist“, begann sie zu erzählen. „ Er spielte mit meinem kleinen Bruder, der ja dein Onkel ist, und mit mir Verstecken. Wir  beide versteckten uns damals hinter dem großen Lindenbaum auf dem Berg in der Nähe des Flusses. Diesen Baum hatte er für deine Urgroßmutter gepflanzt, als er 14 Jahre alt war. Er brachte uns immer dahin, um dort zu spielen. Als er uns hinter dem Baum entdeckte, kniete er sich hin und nahm uns beide in den Arm. Er vergrub seine Nase in meinen Haaren und sagte, wie sehr er sich wünschte, dass ich Bahar hieß. Er liebte diesen Namen einfach. Dann ging alles viel zu schnell. Ich hörte ein lautes Geräusch, vor dem ich heute immer noch Angst habe. Ich wusste nicht, woher der Schuss kam, doch ich nahm sofort die Hand meines Bruders, und wir liefen nach Hause, um Hilfe zu holen. Es war zu spät. Als wir ankamen, lag mein Großvater tot auf dem Gras. Anscheinend war er nicht der einzige, der deine Großmutter verehrt hatte.

Ich gab mir jahrelang die Schuld für seinen Tod. Ich warf mir immer wieder vor, dass er meinetwegen tot war, weil ich mit ihm an diesem Tag zum Lindenbaum wollte, um dort mit ihm zu spielen. Es war sehr schwer für mich, ohne ihn klar zu kommen. Und es dauerte sehr lange, bis ich die Kraft hatte, auf eigenen Füßen zu stehen. Wir begruben ihn unter dem Lindenbaum.“

Lächelnd umarmte ich meine Mutter und sagte: „ Deswegen hast du mich Bahar genannt, aus Liebe zu ihm!“

Sie lächelte zurück, was so viel wie ein Ja sein sollte. Nach langem Schweigen fragte ich meine Mutter: „Also hat er im Grunde nur versucht, mich zu beschützen?“

Meine Mutter drückte mir das Foto in die Hand und sagte: „Ja, und vor allem glaube ich, solltest du wissen, wer er war und wieso wir dich Bahar genannt haben.“

Ich drückte das Foto gegen meine Brust und sagte: „Er hatte mich so lieb, dass er mich gerettet  hat, Mama.“

Ich küsste das Foto, nahm es mit nach unten und ging schlafen. Das Foto tat ich unter mein Kopfkissen. Bevor ich einschlief, holte ich meine Kamera raus, um die beiden Fotos miteinander zu vergleichen. Doch das Bild, das ich vom Grabstein gemacht hatte, war nicht mehr auf der Kamera drauf.

 

4

„Ja, Papa, wir können heute etwas zusammen unternehmen“, sagte Nancy, als ich ihr Tee brachte. Ich wollte ihr Telefongespräch nicht stören und setzte mich neben sie auf den Stuhl. Nachdem sie aufgelegt hatte, sagte sie: „Ich müsste eigentlich sauer auf meine Mutter sein, dass sie meinen Vater vor mir verleugnet hat, aber ich kann es nicht. Er ist so ein lieber Mensch. Als ich an seiner Tür geklingelt habe, hättest du sehen sollen, wie er mich umarmt hat. Er meinte, er hat mich an meinen kugelrunden Augen erkannt. Er versucht jetzt, das nachzuholen, was er mit mir viele Jahre lang nicht machen konnte. Er meinte, dass er wusste, wo ich wohnte, aber sich nicht traute, mir über den Weg zu laufen. Stattdessen blieb er stundenlang vor meinem Fenster stehen oder vor dem Eingang der Uni. Aber immer unerkannt. Ich weiß, dass du denkst, dass ich ihm zu schnell verziehen habe. Aber weißt du Bahar, er ist der einzige, den ich noch habe. Und er bereut schon seit vielen Jahren, was er mit meiner Mutter gemacht hat. Es war alles aus Eifersucht. Er hat mir geschworen, dass er niemals wieder jemandem etwas Böses tun würde.“

„Und das glaubst du ihm?“, fragte ich.

„Ich muss ihm einfach vertrauen können, und wie schon gesagt, er ist so lieb zu mir. Und wie war das Wiedersehen mit deinen Eltern? Weißt du jetzt, wer der fremde Mann ist?“

Ich lächelte und zeigte auf das eingerahmte  Foto von meinem Urgroßvater, das auf dem Küchentisch neben uns stand. „Der fremde Mann war mein Urgroßvater, der mich beschützen wollte. Er ist tot. Er wurde vor vielen Jahren erschossen. Aus Eifersucht.“

Ich nahm das Foto und strich mit meinem Zeigefinger darüber.

„Wow, das ist echt heftig, was wir in der letzten Zeit alles erlebt haben“, sagte Nancy. „Aber du kannst dich jetzt endlich in Ruhe auf dein Studium konzentrieren und in Ruhe schlafen.“

Ich nippte an meinem Tee und starrte aus dem Fenster nach draußen. Dann musste ich lächeln und sagte: „Ja, das kann ich, Süße, das kann ich.“