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Der schwarze Fluss

von Chiara Kämpfe, 18

Kapitel 1

Die Luft vibriert von den harten Beats der Musik. Lichter blitzen wild herum und die Hitze erschwert einem das Atmen. Das stört niemanden, denn die wild tanzende Menge ist längst in einer elektrischen Ekstase gefangen. Der coolste Club der Stadt, das Heißeste, was es zurzeit gibt, angesagt; wer nicht hier ist, ist unbedeutend.

Und oben auf der Galerie im VIP-Bereich steht Logan. Ganz ruhig schaut er auf die Menge hinab und trinkt sein Bier. Er ist es, der heute Abend regiert. Er weiß, er könnte die Masse zu allem bringen, denn sie wollen ihm gefallen. Er kann alles haben. Er kann alle haben.

Es ist bereits drei Uhr morgens und die Party ist auf ihrem Höhepunkt. Gestern war Logans 19. Geburtstag und zu diesem freudigen Ereignis hat er den VIP-Bereich im „Starlight“ gemietet. Mit 40 seiner engsten Freunde lässt er den Champagner fließen.

Gelangweilt und betrunken dreht er sich um. Er sieht Regina Newman, eine Freundin aus dem Internat auf ihn zu torkeln. Betrunken grinst sie ihn mit einem Martini in der Hand an. Ihre zierliche Figur wird von einem engen roten Kleid eingehüllt. Schwarze Lackpumps machen sie ein Stück größer, so dass sie Logan fast in die Augen sehen kann.

„Die Party ist der Wahnsinn! Ich hab schon viel zu viel getrunken!“ Sie lehnt sich an seine Schulter.

„Warum stehst du hier alleine? An seinem eigenen Geburtstag sollte man aber nicht Trübsal blasen.“ Lasziv dreht sie sich zu ihm um und schaut Logan aufreizend in die Augen.

„Wie darf ich dich ablenken?“, fragt sie und streichelt seinen Arm. Alles ist eindeutig.

„Du bist wenigstens etwas aufrichtig“, entgegnet er ihr trocken und legt seine Hand an ihren Hals.

„Was?“, fragt Regina.

„Keine Fragen mehr.“ Logan blickt ihr für einen kurzen Moment intensiv in die Augen und schon fängt sie an, sich leidenschaftlich an seine Lippen zu hängen. Den Rest der Nacht gehört sie ihm.

Am nächsten Morgen sitzt Logan in einer schwarzen Limousine und die warme, feuchte Luft fließt durch das heruntergedrehte Fenster des Chauffeurs. Sein Vater sitzt neben ihm auf der Rückbank und telefoniert während er in Unterlagen blättert. Die beiden sind seit einer Stunde unterwegs und haben noch kaum ein Wort gewechselt. Dabei wünscht sich Logan einen Vater, der da ist, mit ihm redet und sich für ihn interessiert. Aber diese Hoffnung hat er schon lange aufgegeben.

Logan wendet seinen Blick ab und schaut in die aufgehende Sonne. Er weiß, er könnte die gesamte Situation ändern, doch er weiß auch, dass er es nicht tun wird. Plötzlich steigt eine Erinnerung in seinem Gedächtnis auf. Er wundert sich ein wenig darüber. Seit langer Zeit hat Logan nicht mehr an seinen 10. Geburtstag zurück gedacht.

An dem Morgen  hat er das erste Mal sein Talent erkannt.

Die Familie, Mutter, Vater und Sohn saßen am Frühstückstisch und Logan wollte gerade die Kerzen ausblasen. Der kleine Logan war schon ganz aufgeregt und freute sich auf die leckere Torte. Noch mehr freute er sich, dass sein Papa da war und mit ihm feiern wollte.

Da klingelte das Telefon und der Vater hob ab.

Voller Vorfreude und doch ganz ruhig saß Logan auf seinem Stuhl um den Papa nicht zu stören oder zu verärgern und hörte dem Telefonat zu.

„Ja, ich verstehe. Und ist das Ihr letztes Angebot?… Ich mache mich sofort auf den Weg!… Ja, bis gleich.“

Der Papa legte auf und beugte sich zur Mama herüber, um ihr kurz etwas ins Ohr zu flüstern. Dann kam er zu Logan, legte ihm kurz seine Hand auf den Kopf und sagt etwas wie: „Herzlichen Glückwunsch“, „Ich muss leider gehen“ und „Wenn du groß bist, wirst du das verstehen“. Doch Logan verstand damals schon. Der Papa musste zur Arbeit, weil die Arbeit das Wichtigste ist. Das, was der kleine Logan nicht verstand ist, warum sein Papa nicht so war, wie die Väter von seinen Mitschülern. Ein Papa, der zum eigenen Fußballspiel kommt oder mit einem Ball im Park spielt. Warum ist Logan ihm nicht genauso wichtig? Die Arbeit kommt immer zuerst, egal was passiert.

Logan sprang auf und lief dem Papa zur Haustür hinterher. Er wollte gerade hinaustreten.

Schnaufend und mit wütendem Unverständnis versperrte Logan ihm die Tür.

Plötzlich merkte Logan, wie es in ihm immer wärmer wurde. Seine Haare auf den Armen und Rücken stellten sich auf. Die Hitze lastete schwer auf seiner Brust und wurde immer stärker, bis es nicht mehr zu ertragen war. Sie wollte hinaus und schließlich war es, als bündelte sich seine ganze Energie in einem einzigen Gedanken. Klare Worte bildeten sich, und er schoss sie seinem Vater entgegen. Wie Blitze, die in den Kopf seines Vaters vorstießen, während er sprach.

„Stopp! Du bleibst jetzt hier!“

Und sein Vater gehorchte. Sein starker, mächtiger Vater hörte auf ihn. Logan spürte es deutlich, nur auf ihn!

„Junge, deine Augen sind ja ganz grau!“

„N… Nein. Nein! Sind sie nicht!“

„Du hast Recht. Sie sehen aus wie immer.“

Logan wusste damals noch nicht genau, was passiert war. Diese besondere Situation, wie lange würde sie andauern? Er wollte den Moment ausnutzen um die Wahrheit zu erfahren.

„Sag mir ganz ehrlich, warum du mich heute alleine lässt!“

„Weil meine Arbeit wichtiger ist.“

„Aber warum ist sie das denn?“

Regungslos und mit einer monotonen Stimme ohne jegliche Emotion sprach sein Vater zu ihm: „Weil ich nie ein Leben wie dieses hier wollte. Aber deine Mutter musste ja schwanger werden und ich sie heiraten. Deine Geburt hat mich für immer gefesselt. Jetzt sitze ich hier fest und kann nur zusehen, wie die großen Männer um die Welt jetten, Frauen treffen und die Wirtschaft bestimmen.“

Eine Stimme hinter Logan ertönte.

„Ich wusste es! Endlich sprichst du es aus! Tut mir leid, dass ich dein Leben so ruiniert habe, aber ich hatte mir das auch anders vorgestellt.“ Eine kurze Pause und Mama fügte hinzu: „Ich will die Scheidung. Morgen bin ich weg.“

„Gut.“

Die Mutter ging ins Haus, der Vater zur Arbeit und der kleine Logan blieb alleine im Flur stehen mit einem einzigem Gedanken: Ich hab alles kaputt gemacht!

Er hörte die Mama weinen und ging zu ihr. Sie saß im Wohnzimmer auf dem großen Sofa und hatte ein Glas mit brauner Flüssigkeit in der Hand.

„Was bedeutet eine Scheidung Mama?“ Logan ahnte es, wollte es aber noch nicht so richtig wahr haben.

„Das bedeutet, dass sich zwischen deiner Mama und deinem Papa etwas verändert hat. Wir werden in Zukunft nicht mehr in einem Haus wohnen. Ich will alleine neu anfangen. Ganz alleine… Weißt du Logan, ich bin schon lange nicht mehr glücklich, und ich hoffe, dass sich das jetzt ändern wird.“

„Wenn du nicht glücklich bist, sei doch jetzt einfach glücklich. Sei glücklich, bitte! Sei wenigstens heute glücklich!“ Den letzten Satz sprach Logan mit so viel Gefühl wie möglich.

„Ja, du hast Recht Schatz, ich bin heute glücklich. Es ist dein Geburtstag“

Doch dieser Zustand hielt nur einen Tag an. Es war der wundervollste, den Logan mit seiner Mutter je verbracht hatte. Auch wenn er nur eine Lüge war.

 

Am nächsten Tag zog seine Mutter aus und verließ Logan.

Er fand früh morgens einen Brief auf seinem Schreibtisch in dem die Mama ihm erklärte, dass sie jetzt alleine sein möchte um noch einmal ganz neu anfangen zu können. Sie hätte so lange auf ihr eigenes Leben verzichtet und möchte jetzt frei sein. Der letzte Satz war: Logan mein Schatz, ich hab dich lieb. Bis bald.

Doch Logan sollte seine Mutter für ganze zwei Jahre nicht wiedersehen.

Und selbst danach hatte sie nur selten Zeit für ihn.

Seine Mutter war gegangen und sein Vater fortan kaum zuhause. Logan war alleine mit den Bediensteten, als wäre er nur einer von ihnen. Doch hatte er jetzt etwas an sich entdeckt, was ihn überlegen machte.

Er besaß die Fähigkeit, anderen Menschen seinen Willen aufzuzwingen, zumindest für eine kurze Zeit.

Geschmeidig wie eine Katze fährt die Limousine die kopfsteingepflasterte Einfahrt des Internates hinauf. Ein gelbes Taxi parkt direkt vor der großen Marmortreppe, die in das prächtige Gebäude führt. Ein Mädchen mit blonden Haaren steigt aus und der Fahrer hilft ihr beim Ausladen ihres Gepäcks.

Kapitel 2

Aeryn betritt die große Eingangshalle. Alles wirkt sehr majestätisch und jedes noch so kleine Detail scheint genau durchdacht. Die Decke befindet sich in mindestens sieben Meter Höhe und weiße Marmorsäulen rahmen auf der anderen Seite eine große Skulptur ein. Es befindet sich sogar ein kleines Wasserbecken vor ihr. Links ist ein riesiges Treppenportal, das leicht gebogen auf der Galerie des ersten Stockes endet. Ein Anblick, als sei die Treppe mit der Wand und dem Fußboden verschmolzen.

Rechts führt ein großer Torbogen zu einem riesigen Speisesaal.

Rasch schleppen Aeryn und der Taxifahrer ihr Gepäck, zwei riesige Koffer und einen kleineren, die Treppe hinauf und stellen alles neben eine elegante Sitzbank. Aeryn kommt sich mit ihren 1,75m sonst nie so klein vor wie jetzt in diesem imposanten Raum. Sie bemerkt nicht einmal, wie der Taxifahrer verschwindet.

In einem Schreiben des Direktors wurde ihr mitgeteilt, sie solle bitte schon morgens um neun anreisen, für eine erste Einweisung.

Das Büro, zu dem sie sich begeben soll, trägt die Nummer 437. Doch wo sie diese Nummer findet, wurde nirgendwo erwähnt.

Da taucht eine ältere hochgewachsene Frau mit Lesebrille auf der Nasenspitze auf. Sie sieht aus wie eine Sekretärin, die den 50er Jahren entsprungen ist, trägt einen knielangen karierten Stiftrock, mit dazugehörigen, Blazer, und hat die Haare zu einem strengen Dutt gebunden.

Mit einem höflichen Lächeln begrüßt sie Aeryn.

„Du musst Aeryn Padell sein. Mein Name ist Mrs. Emma Thomsen. Ich bin die Sekretärin des Direktors.“

Aeryn nickt ihr zu. Ihre angebotene Hand übersieht sie absichtlich.

„Ja, die bin ich. Freut mich, Sie kennen zu lernen.“

„Gleichfalls, folgen Sie mir bitte zum Büro des Rektors“

„Ehm, kann ich meine Sachen irgendwo abstellen, wo sie niemanden stören?“

„Das wird für Sie erledigt. Nun kommen Sie, wir haben einen straffen Zeitplan zu erfüllen.“

Und schon dreht sich Mrs. Thomsen um und verschwindet hinter der Treppe, wo sich ein weiterer Torbogen befindet. Rasch folgt Aeryn ihr.

Sie durchqueren einen langen Gang, der rechts komplett verglast ist. Dahinter breitet sich ein Garten aus. Am Ende des Ganges bleiben sie kurz vor einer Eichentür stehen.

Mrs. Thomsen öffnet die Tür und die beiden betreten ein geräumiges und ansonsten nicht weiter außergewöhnliches Büro.

„Bitte warten Sie kurz, während ich Sie ankündige.“ Und mit diesen Worten verschwindet sie hinter einem Gemälde, das sie geöffnet hat wie eine Tür. Interessiert tritt Aeryn näher heran.

Das Bild scheint auf den ersten Blick nur eine wilde Ansammlung von Formen zu sein. Schwarze und weiße Flächen werden immer wieder durch willkürlich platzierte Farbtupfer durchbrochen. Aeryn tritt noch näher. Da sie sieht einen schwarzen Kreis, der einem Wolfskopf ähnelt. Er hat das Maul aufgerissen und direkt vor seinen Reißzähnen ist eine weiße Rose.

Das erinnert sie an einen lang vergangenen Traum.

„Gute Nacht, mein Schatz und schlaf gut! Morgen feiern wir deinen 10. Geburtstag, da musst du ausgeruht sein“

Sacht streichelte Aeryns Mum ihr über den Kopf und gab ihr einen kleinen Gutenachtkuss auf die Stirn. Sie löschte das Licht und sämtliche Puppen und Spielzeuge verschwanden in der Dunkelheit. Nur ein fluoreszierendes Mobile war noch deutlich zu erspähen.

Aeryn und ihre Familie waren schon seit 2 Monaten in Vancouver, Kanada und hatten sich eingelebt. Alles war vertraut und heimisch geworden, sodass die Augen der kleinen Aeryn nach langen 15 Minuten zufielen.

Ihr Traum war bunt, voll Sonne und viele Blumen verströmten einen herrlichen Duft. Aeryn hatte einen Blumenkranz für ihre Mama geflochten und wollte ihn ihr gerade bringen, als sie einen kleinen Wald auf der riesigen Blumenwiese entdeckte. Die Neugierde packte sie und schnell wie der Wind hatte sie die ersten Bäume passiert. Das warme Licht der Sonne schien ihr zunächst noch den Weg zu weisen, doch bald schon wurde der Wald dichter und dunkler. Auf einmal war es Nacht und Aeryn wusste gar nicht mehr, wo sie war. Langsam stiegen ihr die Tränen in die Augen. Verzweifelt blickte sie sich um. Da sah sie plötzlich auf einem kleinen Hügel eine Blume mit weißen Blättern. Sie wurde vom Mond so hell angestrahlt, dass sie ihre ganze Umgebung beleuchtete. Aeryn lief in ihren Lichtkreis und roch an ihr. Es war ein wundervoller Duft. Den wollte sie haben. Sie schloss ihre kleinen Hände um den Stiel der Blume und zog an ihr. Ein brennender Schmerz durchzuckte ihre Hände. Blut lief an ihnen herab. Doch sie konnte sie auch nicht lösen, weil jede weitere Bewegung schmerzte.

Die Tränen liefen nur so, da setzte ein großes Tier eine Pfote in Aeryns Blickfeld.

„Hast du nie gelernt die Finger von fremden Eigentum zu lassen?“, knurrte es.

„Ich wusste doch nicht, dass sie jemandem gehört! Ich, ich wollte sie gar nicht raus reißen, nur einmal anfassen!“

Ein riesenhafter Wolf, pechschwarz und mit Fangzähnen  im offenen Maul umkreiste sie. Er knurrte mit tiefer Stimme:  „Nur mal anfassen? Ich werde dafür sorgen, dass du nie wieder etwas anfasst. Nie wieder sollst du etwas berühren!“ Und er sprang in einem hohen Bogen auf sie zu.

Schweißgebadet wachte Aeryn auf. Ihre Wangen und das Kopfkissen waren feucht. Schnell lief sie zu ihren Eltern ins Schlafzimmer und berichtete ihnen von ihrem Albtraum: „Mama, gibt es solche Wölfe wirklich?“

„Aber nein, mein Schatz, solche Wölfe gibt es nur in Märchen, wie dem vom Rotkäppchen.“

„Ganz ehrlich? So etwas gibt es nicht?“ Ein warmer Schauer erfüllte Aeryns ganzen Körper, und sie fühlte, wie sich ihr Geist ganz auf ihre Mutter konzentrierte.

„So etwas gibt es nicht! Genau.“

Im schwachen Licht der Nachttischlampe sah sie, wie ein goldener Glanz in den Haaren ihrer Mutter zu tanzen schien. Dieser Schimmer wurde immer deutlicher und schien den gesamten Raum auszufüllen. Er umgab alles und drang in jede Ecke und Spalte vor, übermächtig. Schnell schon wurde es so hell, dass Aeryn nichts anderes mehr sehen konnte. Doch es war auch so schön. Die goldene Wand kam direkt auf sie zu, und sie hatte keine andere Möglichkeit, als sich von ihr überschwemmen zu lassen. Angst hatte sie keine. Und das Gold zog sich zusammen und verschwand in Aeryns gesamten Körper. Aeryn merkte, wie sich etwas in ihr geöffnet hatte. Und es hat sich nie wieder geschlossen. Ein Gefühl von absoluter Aufrichtigkeit breitete sich in ihr aus. Und Aeryn glaubte ihrer Mutter, glaubte ihr aus vollem Herzen.

Mit der ganzen Überzeugung einer Zehnjährigen erwiderte Aeryn: „Ich glaube dir!“

„Komm Schatz, lass deine Mutter schlafen. Schwangere brauchen Ruhe. Ich bring dich ins Bett zurück.“

Auf den Armen ihres Vater wurde Aeryn zurück getragen, und er verabschiedete sich mit den Worten: „Und falls doch mal ein Monster auftaucht, mach dir keine Sorgen. Dein Papa hat vor nichts Angst!“

Doch ein schlammiges Grün umwaberte ihn bei diesen letzten Worten.

Denn diese waren gelogen, und Aeryn sah es.

In dieser Nacht tat sie kein Auge mehr zu. Sie dachte an den Traum, und daran, dass sie solche Schmerzen gehabt hatte, nur weil sie etwas angefasst hatte. Seit dieser Nacht vermied sie jede körperliche Berührung. Im Laufe der Jahre vergaß sie diesen Traum, doch in ihrem Unterbewusstsein hat sich die Angst eingegraben. Und noch etwas ist anders seit ihrem Geburtstag. Sie sieht den wahren Kern eines jeden Menschen.

Die Tür wurde aufgestoßen. Aeryn muss schnell zurückweichen und stolpert beinahe.

Mrs. Thomsen raunt ihr zu: „Es wird nicht herum gestottert, es werden keine Fragen gestellt und Sie sprechen nur, wenn Sie aufgefordert werden. Sie warten, bis Ihnen die Hand gereicht wird und setzen sich erst nach Aufforderung.“ Dann bedeutet sie Aeryn einzutreten.

Kapitel 3

„Vater, ich denke wirklich…“, Logan stockt. Sein Vater schaut erwartungsvoll auf: „Ja?“

…wir sollten doch eine Familie sein. Können wir das nicht?…, doch Logan kann es ihm nicht sagen.

„Ehm, es war wiedermal nett bei dir in den Sommerferien. Und danke, dass du meine Geburtstagsfeier finanziert hast. Ein nettes Geschenk von dir.“

Nur schwer kann Logan seine Stimme ruhig und neutral halten. Er hat einen Kloß im Hals.

Und wieder einmal kneif ich!

„Deine Mutter wollte ja keinen Cent von ihrem Scheidungsgewinn opfern“, erwidert sein Vater. Nach einer kurzen Pause fügt er noch hinzu. „Es ist ja schließlich meine Pflicht, dass mein Sohn in der Gesellschaft angesehen wird.“

Weil ich sonst ein schlechtes Licht auf dich werfen und deine Geschäfte gefährden würde, denkt Logan, ist jedoch still.

„Also, mach es gut mein Sohn und sei fleißig!“

„Wir sind noch gar nicht vor dem Eingang…“

„Tja, nun denn… Ich muss jetzt dringend telefonieren, deshalb verabschiede ich mich schon jetzt. Also mach es gut.“ Und schon ist das Mobiltelefon am Ohr des Vaters und er sagt etwas in einer asiatischen Sprache.

Wütend, traurig und enttäuscht öffnet Logan die Autotür und steigt aus.

„Sir, wo wollen Sie hin? Ihr Gepäck!“ ruft der Chauffeur ihm nach.

„Bringen sie es einfach auf mein Zimmer. Danke Nigel.“

Und schon ist Logen in der Eingangshalle verschwunden. Er sieht noch, wie das  Mädchen von eben versucht zu Mrs. Thomsen aufzuschließen, bevor die in dem Gang verschwindet, der zu Mr. Medinan führt.

Logan wird sich später bei ihm zurückmelden.

Jetzt jedoch läuft er an dem großen Torbogen auf der rechten Seite vorbei, durch eine kleine Tür. Sie führt nach draußen, in einen offenen Gang, wie in einem Kloster. Auf halber Höhe geht ein Weg ab, der über einige hundert Meter bis zu einem See führt.

Logan ist der See mit seiner alten, großen Trauerweide sehr vertraut. Seit der fünften Klasse ist der umgestürzte Baumstumpf unter den hängenden Ästen

der Treffpunkt mit seinen Freunden. Der Beste von ihnen wartet schon auf ihn. Ein großer muskulöser Mann sitzt am Ufer.

„Talon, hey . Wie geht’s?“
„Läuft. Bei dir L?“

Logan setzt sich neben ihn.

„Mein Vater hat mich hergefahren.“

„Alles klar…“

Schweigend sitzen die beiden Jungen noch für eine Weile da und schauen auf den See, jeder die eignen Gedanken verfolgend.

Talon McMillen ist Logans einziger Vertrauter. Er spricht nie viel, doch wenn, dann hat er auch was zu sagen. Er spielt Schlagzeug und hat eine Zwillingsschwester Taluhla. Die beiden ähneln sich weder äußerlich, noch vom Charakter. Trotzdem, wenn sie zusammen sind, haben sie etwas Unzertrennliches an sich, selbst wenn sie dabei  an entgegengesetzten Enden eines Raumes stehen können. Es ist als würden sie sich ohne Worte verstehen, noch mehr, als würden sie physisch voneinander abhängen.

Langsam verdunkelt sich der Himmel und Logan grübelt über sein Leben nach. Die Erinnerung an seinen zehnten Geburtstag hat ihn noch nicht wieder ganz losgelassen.

„Wie bist du eigentlich hierhergekommen?“, fragt er Talon.

Logan und Talon sind beide Teilnehmer des Begabtenkurses von Mr. Medinan. Zu ihm gehören nur Schüler mit übersinnlichen Fähigkeiten und keiner von den „normalen“ Mitschülern sollte davon wissen.

„Oh, nun ja. In meiner Familie sind seit Generationen alle McMillens hier hergekommen. Für uns gibt es ja auch nicht besonders viel Auswahl. Die erste in meiner Familie mit „Begabung“ war Susann McMillen. Tochter eines Aristokraten aus dem 18. Jahrhundert. Und ja…viel gibt es eigentlich nicht zu erzählen.“

Mit einem ironischen Auflachen wirft Logan ein: „Ihr seid so was wie die Königsfamilie hier. Von euren Eltern hängen sogar Portraits im 2. Stock.“

„Na jetzt tu mal nicht so, als wärst du hier ein beliebiger Fisch im Teich. Mister Love-Me-All!“

„Ich versuche nur die Menschen glücklich zu machen“, setzt Logan mit einem Grinsen zur Verteidigung an.

„Und wie?“

„Indem sie mich toll finden und glücklich sind, wenn sie mich sehen!“

„Deine Logik möchte ich haben!“

Beide lachen los.

„Nein aber mal ganz ehrlich L. Warum fragst du?“

„Nur aus Neugierde. Neues Schuljahr und so. Da denkt man mal an den Anfang zurück.“

„Verstehe… Wie war denn dein Anfang?“

„Ich wurde damals sozusagen eingezogen.“

„Wie das denn?“

„Kurz nach meinem 10. Geburtstag fing alles an. Wie damals bei dir.

Ich habe langsam gemerkt, dass ich die Menschen mit dem, was ich wollte und dachte beeinflussen kann.“

Logans Blick ist auf den See fixiert, doch er sieht ihn gar nicht.

„Wie funktioniert das eigentlich bei dir?“, fragt Talon mit seiner ruhigen, tiefen Stimme.

„Wie soll ich es beschreiben…? Wenn ich einen Gedanken impliziere, dann muss ich erst einmal die natürliche Abwehr durchbrechen. Und in dieser Sekunde ist der Mensch ganz kurz sehr verwundbar. Zumindest glaube ich das. Und dann forme ich meinen Gedanken und quetsche ihn in den Kopf meines Gegenübers, wie ein Puzzleteil, das nicht so ganz passt. Jedoch blitzschnell und mit viel Kraft.“

„Klingt nach einem ziemlich intensiven Eingriff.“

„Ich habe auch eine Weile gebraucht, bis ich das richtig konnte. Aber bald hatte ich den Bogen raus. Und was soll ich sagen… Ich war nie eine besondere Leuchte in der Schule und auch nicht besonders beliebt. Also habe ich meine Kräfte dazu verwendet, immer mehr Freunde zu finden. Ich bin fast keinen Tag mehr ohne Spielgefährten nachhause gekommen, ob die das ursprünglich wollten oder nicht.“

„Hey, Moment mal. Du hast wohl schon damals wenig von Moral gehalten?“

„Naja, ich hab ja niemanden verletzt oder so. Und ich hatte endlich die Chance mein Leben zu ändern!“

„Und das ist niemandem aufgefallen?“

„Der Einzige, dem die Veränderung auffiel, war unser Koch. Er musste immer mehr Mittagessen machen.“

Logan tritt einen kleinen Stein vor seinen Füßen in den See.

„Und dann?“

Auch Talon sieht auf den See und hört sich Logans Geschichte an.

„Dann blieb es nicht mehr bei Spielgefährten. Auch Erwachsene und Lehrer habe ich beeinflusst. Sie haben mir immer nur die Fragen gestellt, die ich beantworten konnte und bei Klausuren haben meine Klassenkameraden ihre Blätter so platziert, dass ich abschreiben konnte. Der Lehrer hat ja eh nie in meine Richtung geschaut.

Ich bin in einem halben Jahr von einem Außenseiter mit mittelmäßigen Noten zu dem schlausten und beliebtesten Kopf der Schule geworden.“

„Sehr unauffällig natürlich! Und das hat niemanden gewundert?“, fragt Talon.

„Nein, alle haben sich für mich und meinen Erfolg gefreut. Ich hab ja jeden Zweifel einfach beseitigen können. Bis ich eines Nachmittags zu Hause ankam und Mrs. Thomsen bei uns saß.“

„Wie hat die denn von dir erfahren?“

„Es gibt wohl ein digitales Auswertungsprogramm auf einem Schulserver, das irgendwelche sozioökonomischen Anomalien aufdeckt. So bin ich aufgeflogen. Regina glaub ich im Übrigen auch.“

Es ist still geworden zwischen den beiden, als Reginas Name fiel.

Logan lehnt sich ein Stück zurück und holt tief Luft. Mit der Hand fährt er durch seine längeren braunen Haare.

„Die Ferien waren echt scheiße Mann! Aber Danke, dass du zu meinem Geburtstag gekommen bist T-Bone.“

„Klar Mann! Dein Alter hat aber auch ganz schön was springen lassen. Und die Gäste waren auch nett. Also, die meisten jedenfalls…“

Nach einer kurzen Pause sagt Talon nur ein weiteres Wort: „Regina?“ und Logan weiß, was er meint.

„Ich weiß. Ich war einfach deprimiert und wollte mich ablenken. Und bei ihr ist es so leicht. Sie findet mich auch ohne mein Nachhelfen gut.“

„Aber ehrlich, du siehst sie in der Schule jeden Tag. Und jeder weiß, dass sie mehr will als nur unverbindlichen Sex. Du..“

„Ist ja gut“, unterbricht Logan Talons Vorwürfe.

„Hilf‘ einfach nicht mehr nach, ok? Dann wird sie sich schon entlieben.“

Beide müssen schmunzeln.

„Denk‘ gefälligst mal an mich! Sie ist die beste Freundin meiner Schwester und hat die halben Ferien bei uns verbracht. Sie hat mich ständig ausgehorcht nach dir. Ihre Fragen haben auch überhaupt nicht genervt.“

Mit einem freundschaftlichen Schubser stößt Talon Logan an.

„Ja, ich hör auf sie zu beeinflussen. Aber sie mag mich auch so, da brauch ich nicht viel zu machen. Aber ich höre auf, versprochen!“ murmelt Logan und hört selbst, wie halbherzig das klingt.

„Das hast du letztes Jahr auch schon gesagt“, gibt Talon skeptisch zurück.

Logan sieht, dass  Talon versucht ein Lächeln zu unterdrücken und weiß, dass er ihm nicht böse ist.

Logan bemerkt schließlich: „Sieh dir die dunklen Wolken an. Lass uns lieber rein gehen und unsere Sachen auspacken.“

In der Eingangshalle angekommen sieht Logan noch das Mädchen von vorhin die Treppe mit ihren Koffern hinaufgehen.

Dass muss wohl eine Neue sein. Von hinten schon mal nicht schlecht.

 

Ein lauter spitzer Freudenschrei und ein darauf folgender dumpfer Knall ziehen Logans Aufmerksamkeit auf den Eingang. Kayla ist angekommen. Die kleine Brasilianerin hüpft ihnen entgegen. Ihre Koffer hat sie geräuschvoll auf den Boden platziert.

Kapitel 4

Aeryn zieht ihren letzten Koffer vor die ihr zugewiesene Tür. Vorsichtig klopft sie an, drückt die Klinke, doch es ist zu.

Sie kramt den Schlüssel, den Mrs. Thomsen ihr gegeben hat, aus ihrer Hosentasche hervor. Das Zimmer ist groß und hat eine barocke Atmosphäre. Es ist in zwei gleiche Hälften aufgeteilt. Auf dem Fußboden liegt ein hellblauer Teppich mit zartrosa verschnörkelten Blumen. Die Gardinen vor den zwei großen Fenstern haben dasselbe Muster. Ein bisschen erinnert Aeryn dieses Zimmer an den Film Marie Antoinette. Sie überlegt, welche Seite für sie ist und beschließt ihre Koffer zunächst in die Mitte zu stellen. Der Direktor Mr. Medinan hat sie gebeten in einer halben Stunde in sein Turmzimmer zu kommen. Er nannte es seinen Hobbyraum.  Was das wohl für ein Hobby ist? Neben den gemütlich aussehenden Betten stehen Nachttische in dem gleichen hellen Holz wie die Betten und mit einer Vase voller Blumen darauf. Vor den Fenstern stehen zwei Schreibtische, an der Wand gegenüber zwei große Schränke. Eine zweite Tür führt ins Bad. Es ist nicht weiter außergewöhnlich, in Weiß gehalten mit einer Dusche, einer Toilette, einem Waschbecken und einem rechteckigem Spiegel darüber. Rasch überprüft Aeryn ihr Aussehen. Wer weiß schon, wie lange man in diesen Gemäuern unterwegs ist. Ihre blonden lockigen Haare fallen ihr in leichten Wellen über die Schultern. Ihre Augen haben ihre normale blaugrüne Farbe. Ein Stück ihres lockeren weißen Tops ist aus dem Hosenbund ihrer eng sitzenden blauen Jeans gerutscht und wird noch schnell zurückgestopft, bevor sie sich auf den Weg macht. Sie schließt die Tür hinter sich wieder ab und biegt nach links. Sie geht an einigen Türen entlang zur Treppe, die hinunter in die Halle führt. Vom Geländer aus sieht sie zwei Jungen, die sich mit einem kleinen Latino-Mädchen mit langen braunen Locken  unterhalten. Mrs. Thomsen kommt zu ihnen und begrüßt alle, bevor sie mit. einem der beiden Jungen allein redet. Er hat braunes Haar und eine beige Chinohose.

Ein Style, der Aeryn gefällt.

Aeryn folgt der Wegbeschreibung von Mrs. Thomsen, an die sie sich zum Glück gut erinnern kann. Sie kommt durch mehrere Gänge und an vielen Gemälden von majestätisch aussehenden Männern und Frauen vorbei. Schließlich ist sie an der Tür zum Turm angelangt. Sie hat keinen normalen Türgriff sondern einen Stahlring, an dem sie ziehen muss. Mit großer Mühe schafft es Aeryn, die Tür zu öffnen und geht dann eine schmale Wendeltreppe hinauf. Oben angekommen steht sie vor einer großen Tür aus einem dunklen Holz, statt Lampen beleuchten Kerzen den kleinen Vorraum. Aeryn klopft zögernd an und Mr. Medinan ruft sie hinein.

„Ah, überpünktlich! Kommen Sie, setzten Sie sich hier auf das Sofa.“

Sie betritt einen runden Raum. In der Mitte steht ein niedriger Couchtisch mit einem Teegedeck darauf und hinter dem Tisch ist ein Sofa, wie man es sonst nur bei Psychologen findet. Davor sitzt der Direktor Mr. Medinan in einem bequem aussehenden Ohrensessel.  Sein Jackett hat er über die Armlehne gelegt und die Ärmel seines Hemdes hochgekrempelt. Die Wände von diesem eigenartigen Hobbyzimmer sind mit Regalen vollgestellt, in denen über Bücher, kleinen Dosen und kompliziert aussehende Apparaturen alles Mögliche zu finden ist.

Aeryn durchquert den Raum mit nur wenigen Schritten und setzt sich Medinan gegenüber. Sie ist erstaunt, wie bequem es hier ist. Viele kleine und größere Kissen liegen überall im Raum herum.

„Mr. Medinan, darf ich Sie fragen, was das für ein Hobby ist, das Sie hier ausführen?“

Er lächelt und auf einmal wirkt der Mann mit dem markanten Kinn, der hohen Stirn und den dunkelbraunen Augen nicht mehr so angespannt.

Er nimmt die Teekanne und gießt in die beiden Tassen eine Flüssigkeit, die nach Vanille und Johannisbeere duftet. Dann antwortet er: „Um ihre Frage zu beantworten, ich führe hier ab und an kleinere Experimente durch. Sie habe ich auch zu einem Experiment eingeladen.“

„So?“

Was denn für ein Experiment? Ein eigenartiger Direktor. Hoffentlich verlangt er von mir keine Turnübungen oder so…

Medinan steht auf und geht zu einem Regal voller loser Zettel und vieler Ordner. Mit dem Rücken zu Aeryn spricht er weiter.

„Dieses Experiment habe ich schon mit fünf anderen Schülern dieser Schule durchgeführt und wenn Sie genauso erfolgreich sind, dann werden Sie die anderen auch bald kennen lernen. “

Der Direktor kratzt sich kurz am Kopf. Sein braunes Haar ist voll und lang. Eigentlich wirkt er noch etwas zu jung, um schon Direktor zu sein.

Aeryn nimmt einen Schluck und der Tee wärmt ihren Hals.

„Ah, hier ist er ja“, murmelt Medinan und kommt zurück. Er hält einen dicken Ordner in der Hand und einen Kugelschreiber in der anderen.

„Und wie wird dieses Experiment aussehen? Was muss ich da machen?“

„Trinken Sie zunächst noch etwas und entspannen Sie sich. Dann können wir gleich anfangen.“

Aeryn leert in wenigen Zügen ihre Tasse und stellt sie zurück auf den Tisch.

Mr. Medinan beobachtet sie aufmerksam.

„Wir werden gleich feststellen, ob Sie…. sagen wir intelligent genug sind, um in den Begabtenkurs zu kommen.“

Aeryn hört seine letzten Worte kaum. Eine große innere Ruhe ergreift Besitz von ihr. Sie legt ihren Kopf auf eines der vielen Kissen.

 

Es ist dunkel, nichts rührt sich. Kein Wind, kein Laut stört die Dunkelheit. Langsam, ganz vorsichtig, wagt sich ein kleiner Lichtpunkt vor. Er wird heller und heller, fängt an sich auszubreiten. Neue Lichtpunkte erscheinen und verwandeln sich in Sterne.

Ich liege in einem Boot und treibe ruhig durch das mit Sternen gesprenkelte schwarze Wasser.

Plötzlich ein Geräusch. Leise und vorsichtig wispert es durch den Schatten über den Fluss in mein Ohr. Ich kann es nicht genau deuten oder erkennen. Ein Schluchzen? Oder habe ich es mir nur eingebildet? Da war es schon wieder! Dieses Mal bin ich mir sicher. Ich habe es mir nicht eingebildet!

Ich setze mich auf und versuche etwas zu erkennen. Angestrengt lausche ich auf ein weiteres Zeichen. Und tatsächlich, da ist es wieder. Rechts von mir war eindeutig etwas zu hören. Meine Augen suchen alles ab und finden einen tiefschwarzen Bereich. Mein Boot schwingt um und steuert mich langsam in diese Richtung. Je näher ich komme, desto deutlicher kann ich eine Insel erkennen. Eine kleine Sandbank mit einem riesigen Baum. Die Sterne hinter ihm funkeln so durch die Baumkrone, dass es aussieht, als gehörten Sterne und Baum zusammen. Die unteren Äste fließen herab und tauchen ins Wasser. Langsam öffnen sich die Zweige und ich kann das Verborgene sehen.

Ein kleines Mädchen mit blondem leicht gewelltem Haar und einem weißen Leinenkleid steht am Ufer der Insel und weint. Sie schaut zu Boden auf das Wasser, die Tränen schlagen kreisförmige Wellen auf der glatten Wasseroberfläche.

Die Kleine umgibt ein heller Schein.

Sanft gleite ich durch das grüne Tor der Zweige.

Der helle Schein des Mädchens nimmt mich in seinen Bann, ich will ihr helfen, sie trösten. Doch da höre ich noch ein anderes Geräusch. Ganz leise und doch bedrohlich. Ein tiefes Knurren. Kurz bevor ich mit meinem Boot das Ufer erreiche, schaut das Mädchen auf. Ihre Augen sind nicht, wie erwartet, gerötet vom Weinen, sondern blicken mich neugierig an. Ein Lächeln umspielt ihre vollen Lippen.

Wieder das Knurren und jetzt erkenne ich, wie etwas Großes hinter dem Stamm hervorschleicht. Das Fell ist schwarz wie die Nacht, nur die Augen glühen in einem gewaltigen Schädel. Ein riesenhafter Wolf.

Angst zieht meinen Magen zusammen und das Atmen fällt mir schwer. Denn der Wolf sieht mich direkt an, während er das Mädchen umkreist, als würde er sie beschützen wollen, als wäre sie eine zarte Blume…

Plötzlich verändert sich alles. Das Licht nimmt einen roten Feuerschein an.

Die Augen des Mädchens werden schwarz und blutunterlaufen, ihr sanftes Lächeln verzerrt sich zu einer Fratze. Ein stürmischer Wind kommt auf und zerzaust ihre goldenen Locken. Es macht mir Angst und doch fasziniert es mich.

Flammen brechen aus den Armen und Händen des Mädchens und gleichzeitig entzündet sich das Fell des Wolfes, doch keinen von den beiden scheint das Feuer zu verletzen. Auch der Baum fängt Feuer, doch er verbrennt nicht, sondern scheint sich mit den Flammen zu vereinen. Das Feuer greift auf das Wasser über und schlängelt sich immer näher an mein Boot heran. Hilflos starre ich das groteske Mädchen an. Ich spüre ich die Hitze auf meiner Haut und Schweiß auf meiner Stirn. Das Mädchen öffnet den Mund und in einem verzerrt schrillen Ton spricht sie: „Vertrau mir!“.

Dann wird es dunkel.

 

Kapitel 5

Schweißgebadet versucht Aeryn ihre Augen zu öffnen. Schwach, benommen und leicht verwirrt schaut sie sich um.

„Ganz ruhig. Nicht aufsetzen. So ist es gut. Schön langsam“, hört sie eine ihr bekannte und beruhigende Stimme.

„Das war beeindruckend! Wirklich! Ich hätte nicht gedacht, dass du so stark bist.“

„Was ist passiert?“, fragt Aeryn mit zittriger Stimme. Langsam erinnert

sie sich. Wo war sie nochmal? Ach ja, im Turmzimmer eines Internats, das alles andere als normal ist, wie ihr jetzt eindeutig klar wird. Und warum ist sie hier? Weil ihr Vater meint, sie solle ihre letzten Schuljahre bis zum Abitur an einem Ort bleiben und nicht mit ihm und ihren kleinen Geschwistern das Leben einer Botschafterfamilie mit ihren vielen Umzügen weiterführen.

Ein stechender Kopfschmerz reißt Aeryn in die Realität zurück. Warum hatte die diesen seltsamen Traum, sollte sie nicht eigentlich bei einem Experiment mitmachen? Sie fühlt sich noch immer schwach.

„Mr. Medinan, was ist passiert?“, wiederholt sie ihre Frage.

„Ich habe Sie hypnotisiert, um festzustellen, wie tief die Magie in Ihnen verankert ist.“

Aeryn versteht gar nichts mehr.

„Ich dachte, Sie wollten testen, ob ich intelligent genug bin, um in den Kurs der Begabten oder so zu kommen?“

Schweigen füllt den Raum in der Erwartung, dass Mr. Medinan weiterspricht, doch dem ist nicht so. Sie hustet verlegen.

„Ich habe mich sicher verhört, aber sagten Sie gerade etwas von… Magie?“

„Ganz richtig. Ich sagte Magie.“ Ihm kommt dieses unvertraute Wort mit einer Selbstverständlichkeit über die Lippen, dass Aeryn nichts darauf zu erwidern weiß. Und das ist ganz und gar nicht ihre Art.

„Keine Angst. Ich kann mir vorstellen, wie unglaublich das klingt. Aber fragen Sie sich einmal selbst. Ist es möglich, dass manche Menschen mehr von der Welt verstehen als andere?“

Mit einem voll Vorfreude glitzernden Blick durchbohrt er Aeryn. Sie ist nun vollends verwirrt. Wieso sagt er das? Aeryn weiß eigentlich, was er meint, doch kann sie sich nicht erklären, wie er von

ihrem kleinen Tick, wie sie es nennt, wissen kann. Seit sie klein ist, kann sie mehr sehen als andere. Oder besser, mehr wahrnehmen. Wenn sie sich konzentriert und eine bestimmte Person fixiert, verschwimmt alles  und sie sieht Farben. Jeder Person ist eine ganz eigene bestimmte Farbe zugeordnet, und Aeryn kann sie lesen. Man könnte das ganze wohl auch als ausgeprägte weibliche Intuition bezeichnen. Doch sie weiß, dass es mehr als das ist, sie kann quasi die Essenz eines Menschen erkennen, das „Wahre Ich“.

„Scheint so, als wüssten Sie, wovon ich rede“, bemerkt Mr. Medinan.

„Hm, ja. Ich denke schon. Aber woher wissen Sie davon?“

„Ich beobachte meine Schüler aufmerksam“, sagt er nur. „Sie sollten wissen, Sie sind an dieser Schule nicht die Einzige mit besonderen Fähigkeiten. Genauer gesagt, sind wir jetzt 7.“

„Wir?“, fragt Aeryn skeptisch.

„Ja, ich bin ebenfalls etwas anders, könnte man sagen. Das, was ich eben mit Ihnen gemacht habe, habe ich bei einem Ureinwohner-Stamm in Malaysia gelernt. Es ist ein Weg, um in das Unterbewusstsein einzudringen und damit in das Innere eines Menschen zu blicken.“ Er zwinkert und lässt Aeryn einen Augenblick, um alles in sich aufzunehmen.  Dann fährt er fort.

„Ehrlich gesagt, musste ich etwas tricksen. Ich habe Ihnen doch den Tee angeboten. Nun muss ich gestehen, dass da nicht nur der leckere Johannisbeermix drin war. Ich habe ein Extrakt von einer Pflanze aus Asien hinzugefügt, die den Körper völlig erschlaffen lässt. Sie werden sich wohl noch ein paar Stunden schwach fühlen.

Unter der Hypnose konnte ich Ihrem Geist befehlen, sich komplett  auf Ihre Begabung zu konzentrieren, und er hat Sie fortgetragen.

Meine Liebe, Sie müssen mir nicht erzählen, was Sie gesehen haben, aber

nehmen Sie diese Erfahrung bitte durchaus ernst. Sie..“, er gerät ins Stocken und sucht nach den richtigen Worten. „… haben gebrannt!“

Entsetzt schaut Aeryn an sich hinunter, kann aber keine Verletzungen erkennen. Ihre Jeans weisen nicht einmal eine Spur von Ruß auf. Doch als sie auf das Sofa schaut, erkennt sie einen schwarzen Abdruck auf dem Leder, der ihren Körper haargenau nachzeichnet. Wie konnte das geschehen?

„Und was haben Sie jetzt für eine Erkenntnis gewonnen?“, fragt sie fassungslos.

„Jeder von unserer kleinen Gruppe wurde diesem Test unterzogen und niemand hat so stark reagiert wie Sie. Niemand hat sichtbar reagiert. Ich möchte nur, dass Sie wissen, dass Sie nicht alleine sind. Das sollte fürs Erste reichen. Sie sind sicherlich erschöpft und brauchen etwas Ruhe. Warten Sie, ich helfe Ihnen auf. Und draußen wartet schon jemand, der sie zurück bringt.“

Er erhebt sich, um Aeryn den Arm zu reichen, doch sie ergreift statt seiner Hand die Lehne des Sofas.

„Es geht schon. Ich finde alleine den Weg hinaus.“

„Logan, kommen Sie bitte rein und bringen Sie Aeryn auf ihr Zimmer“, ruft Mr. Medinan.

Die Tür öffnet sich und da sieht sie ihn. Der Junge von der Eingangshalle, mit perfekt gelegten braunem Haaren, einem muskulösem Körper und eisblauen Augen. Er trägt ein weißes Hemd und einen dunkelblauen Cardigan. Die beige Chino passt perfekt. Aeryn muss sich eingestehen, dass er wahnsinnig gut aussieht.

„Sicher doch“, antwortet der unverschämt attraktive Junge und bietet Aeryn charmant lächelnd seinen Arm an.

„Geht schon“, erwidert diese nur und schlägt sein Angebot aus. „Ich finde den Weg auch alleine. Mach Sie sich keine Umstände Mr. Medinan.“

„Ach, Logan macht das doch gerne. Er gehört übrigens auch zu unserer kleinen Gruppe. Und nun ab mit Ihnen.“

Als die beiden die Wendeltreppe runter gehen, knicken Aeryns Beine ein. Sie spürt noch, wie sich ihr Oberkörper nach vorne verlagert und hebt bereits die Arme, um ihren Sturz abzufangen. Doch da spürt sie, wie sich ein Arm um ihre Taille legt und sie zurück zum Treppenanfang zieht. Für einen Augenblick stehen Aeryn und Logan dicht aneinander geschmiegt da.

„Lass mich sofort los!“, faucht sie ihn giftig an. Mit einem verdutzten Gesichtsausdruck fragt Logan: „Was hast du denn für ein Problem? Ich hab dich gerade vor einem Sturz bewahrt und du machst mich dumm an!“ Er lässt sie los, dreht ihr den Rücken zu und geht beleidigt voraus.

Das war mal eine Ansage, denkt sich Aeryn. Sie konzentriert sich und fixiert ihren Blick auf den Rücken des Schönlings. Ihre Augen werden grau und sie versucht seine Aura zu lesen. Doch nichts passiert. Es ist, als würde sie ins Leere laufen, dicker Nebel vor ihrem inneren Auge macht es ihr unmöglich Logans wahren Kern zu sehen. Er dreht sich um, mit einem wütenden Blick und zu Fäusten geballten Händen und funkelt sie wütend an.

„Hör gefälligst auf damit!“

Was zum…? Wie konnte er…?

Noch bevor sie den Gedanken zu Ende denken kann, spürt sie wie ein Druck auf sie ausgeübt wird. Kein körperlicher, sondern ein geistiger. Als würde eine Kinderhand an ihrem Geist kratzen und versuchen ihn aufzubrechen. Instinktiv spürt sie, dass dieser Druck von Logan ausgeht, seine Augen sind jetzt ebenfalls grau. Sie konzentriert sich, und es gelingt ihr, ihn abzuwehren. „Scheiße, Patt-Situation!“, knurrt Logan.

„Komm jetzt endlich!“

Misstrauisch und mit einer Hand am Geländer folgt sie ihm. Er macht keinerlei Anstalten, ihr noch einmal zu helfen.

Gut so!, denkt Aeryn sich. Der Freak soll mich bloß in Ruhe lassen. Ein Typ ohne Aura! Pah!

Nur schwer kann Aeryn sich beherrschen, ihn nach seiner Begabung zu fragen, aber sie will ihm nicht die Genugtuung gönnen. Es herrscht eisiges Schweigen zwischen den beiden.

Sie betreten den Flur, in dem Aeryns Zimmer liegt und Logan verabschiedet sich knapp mit den Worten: „Jetzt schaffst du den Rest ja wohl.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, macht er kehrt und ist mit schnellen Schritten um eine Ecke verschwunden.

„Das nächste Mal benutzt du am besten ein Raketentriebwerk!“, murmelt sie und öffnet ihre Zimmertür.

Das Erste, was ihr auffällt, ist, dass ihre Sachen jetzt neben dem linken Bett stehen. Auf dem rechten Bett liegen Berge von Klamotten und davor auf dem Boden Koffer, die noch nicht ganz ausgepackt sind. Im Badezimmer hört Aeryn, wie eine Mädchenstimme über Haare meckert.

„Einfach nicht zu bändigen diese Mähne!“

„Ähm, hallo?“, fragt Aeryn, während sie an die Tür zum Bad klopft.

Die Tür fliegt auf, ein kleines Mädchen mit langen braunen, lockigen Haaren und gebräunter Haut steht vor ihr. „Hey, ich bin Kayla, deine Mitbewohnerin.  Du bist also Aeryn? Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich deine Koffer darüber gestellt habe, aber diese Seite des Zimmers hatte ich auch schon letztes Jahr, und der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, plappert die Kleine während sie zu ihrem Bett geht.

„Kein Problem. Nett dich kennen zu lernen“, erwidert Aeryn in einer kurzen Atempause von Kayla.

„Oh gut! Ich hatte schon  befürchtet damit in ein mega großes Fettnäpfchen zu treten, und das wäre nun wirklich kein guter Start für eine Mitbewohnerschaft, richtig? Und tut mir leid, dass es hier so aussieht, eigentlich bin ich ordentlicher. Aber weißt du, ich bin vorhin angekommen und hab direkt in der Eingangshalle Freunde getroffen und den einen davon mag ich doch sehr… Also ich glaube es zumindest, und als der andere weg war,… Ach lange Rede, kurzer Sinn: Ich hab morgen ein Date! Und hab natürlich nichts anzuziehen!“ Verzweifelt lässt sich Kayla rücklings auf ihren Klamottenhaufen fallen.

Aeryn muss grinsen, weil Kaylas kurze Beine jetzt in der Luft hängen. „ Seit Jahrhunderten stehen Frauen vor diesem Problem und den meisten ist eine Lösung gelungen, da bin ich sicher, dass du das auch hinbekommst! Und sonst gehst du halt nackt, da hat er bestimmt auch nichts gegen!“, fügt Aeryn mit einem Zwinkern hinzu. Kayla setzt sich mit einem Grinsen auf.

„So wird man natürlich auch zum Hingucker!“ Beide fangen an zu lachen.

„Wo wollt ihr denn hingehen?“

„Einfach nur ‘nen Kaffee trinken. Aber ich bin trotzdem nervös.“

„Ich glaube, du machst dir zu viele Gedanken. Zieh an, worin du dich wohl fühlst! Das ist das Wichtigste!“

„Aber ich will ihm ja auch unbedingt zeigen, dass das schon eine besondere Situation ist. Und in Schlabber-Jogginghose gelingt mir das vermutlich nicht.“

„Da könntest du Recht haben“, antwortet Aeryn grinsend.

„Gibt es nichts andres, worin du dich wohl fühlst?“

„Ja, warte, ich zeig‘s dir!“ Kayla springt auf und durchsucht ihren Haufen.

Aeryn nutzt die Gelegenheit, dass Kayla abgelenkt ist, und wirft einen Blick auf ihre Aura. Ganz klar und deutlich erkennt sie, dass Kayla ein helles gelbes Leuchten umgibt. Aeryn spürt die damit verbundene Lebensfreude und Harmonie. Doch ein kleiner Schatten scheint immer wieder um sie herum zu huschen. Aeryn sieht genauer hin und erkennt einen großen, grimmig dreinblickenden Man vor einer schäbigen Hütte. Er wendet sich ab und geht ins Nirgendwo. Der Schatten verschwindet und das Leuchten gewinnt wieder die Oberhand. Aeryn konnte genau spüren, wer der Mann war.

Kayla kommt aus ärmlichen Verhältnissen und wurde als Kind von ihrem Vater verlassen. Und doch ist sie eine Frohnatur. Bewundernswert!

„Ist etwas mit deinen Augen Aeryn? Sind sie eigentlich blau oder grau?“

„Äh, blau! Manchmal spielt das Licht einem Streiche.“ Sie wendet den Kopf schnell wieder ihrem Koffer zu.

Ich darf nicht vergessen, dass sich meine Augenfarbe ändert, wenn ich meine Kraft benutze! Das vergesse ich aber auch immer wieder!

„Das ist mein Lieblingspulli!“ Kayla hält einen viel zu großen, verwaschenen, orangenen Kapuzenpullover hoch. „Leider nicht gerade sehr attraktiv…Alles ok bei dir, du schaust so komisch?“

„Hm, ja, alles klar. Ich fürchte, du hast Recht. Der Pulli geht gar nicht. Außerdem ist es noch viel zu warm für so etwas Dickes. Wie wäre es mit einem Sommerkleid und dann steckt du deine Haare romantisch hoch, oder so?“

„Hm, ich hab nur zwei Kleider, und die sind beide nicht so besonders. Ich such die mal.“

Aeryn hievt ihren Koffer auf ihr Bett und öffnet ihn. Ganz oben auf liegt ein Foto von ihrer Familie in Noppenfolie verpackt.  Sie packt es aus und stellt es auf ihren Nachttisch.

„Ist das ein Foto von deiner Familie?“, fragt Kayla und kommt zu Aeryn herüber.

„Ja, das war einer dieser seltenen Momente, wo wir mal alle zusammen waren. Das Fotografieren hat ungefähr zehn Minuten gedauert.“

Aeryn seufzt einmal und fährt dann fort: „Sie haben mir zum Abschied noch ein kleines Fotoalbum gebastelt. Das müsste hier auch irgendwo sein. Moment mal.“ Aeryn öffnet den Außenreißverschluss ihres Koffers und gibt Kayla ein kleines Album. Die klappt es sofort auf.

„Oh wie süß, deine Geschwister?“

„Ja, sie ist 10 und er 12. Da sind wir gerade in China auf einem Markt… Und auf diesem Bild ist meine Mutter mit meinem kleinsten Bruder in Kapstadt. Er ist jetzt gerade 4 geworden. Und hier bin ich mit meinen drei Kleinen beim Toben im Garten der deutschen Botschaft in Washington D.C.. Und das ist ein Portrait von meinem Vater. Das einzige Bild, auf dem wir alle zusammen sind, ist das, was jetzt hier steht.“

„Ihr seid ganz schön viel rumgekommen! Was machen denn deine Eltern beruflich?“

„Mein Vater ist Botschafter und meine Mutter war früher seine Sekretärin und ist heute zusätzlich seine Frau.“ Aeryn muss bei dieser Liebesgeschichte immer grinsen. Die Geschichte von ihren Eltern ist in jeder schlechten Soap zu finden. „Oh, wie romantisch. Liebe am Arbeitsplatz!“ Kayla durchstöbert weiter das Album und nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „ Ich seh‘ kaum Fotos von deinen Eltern, die irgendwie spontan entstanden sind.“

„Ja, sie arbeiten viel. Ist halt ein Fulltime-Job Diplomat zu sein. Hab‘ mich dran gewöhnt. Jetzt bin ich ja erst mal hier.“

„Dann bist du wohl wegen den vielen Umzügen in ein Internat gekommen?“

„100 Punkte für Kayla! Jepp.“

„Achtung! Filmzitat: Ihr Verlust ist unser Gewinn!“, antwortet Kayla mit einem aufrichtigem Grinsen.

Sie legt das Album zurück auf Aeryns Bett und hält dafür Stoffhaufen hoch. „Hier sind die beiden Kleider. Sind schon etwas älter…“

Kayla zeigt Aeryn ein knielanges hellblaues Kleid mit Puffärmeln und weißer Spitze am Kragen, was ein bisschen wie ein Lätzchen aussieht. Das andere ist bunt, aber die Farben sind schon ziemlich blass.

„Kayla, ich hab eine Idee.“

Aeryn kramt in ihrem Koffer herum, bis sie eine weiße Tunika findet.

„Probier‘ die hier mal an mit einem Gürtel in der Taille, wenn du magst. Die dürfte für dich die Länge von einem Kleid haben.“

„Der Stoff fühlt sich ganz leicht an. Die war doch bestimmt teuer oder?“

Aeryn zuckt nur mit den Achseln und Kayla verschwindet im Bad.

„Und, wie gefällt es dir bisher hier? Hast du schon unseren Direktor kennen gelernt?“, ruft Kayla durch die geschlossene Tür.

„Ja klar. Er hat mich heute Morgen begrüßt und dann hatten wir noch ein Gespräch in seinem Arbeitszimmer im Turm.“

Kayla steckt ihren Kopf durch die Tür.

Vorsichtig fragt sie: „Und? In dieses Zimmer kommt nicht jeder!“

Aeryn riskiert erneut einen kurzen Blick auf Kaylas Aura. Was würde passieren, wenn sie ihr die Wahrheit erzählt? Schließlich ist Aeryn so anders als alle anderen Mädchen, die sie kennt. Doch Kaylas Innere leuchtet so freundlich wie die Sonne, so dass sie sich überwindet. Ein tiefer Atemzug..

„Hast du schon mal was von den Begabten hier an der Schule gehört?“

Kayla nickt wissend und ihr rechter Mundwinkel beginnt sich leicht zu heben.

„Scheint so, als würde ich jetzt dazu gehören.“

Kayla stößt einen spitzen Schrei aus und springt auf Aeryn zu.

„Nein, nicht! Wir wollen dein neues Kleid doch nicht zerknicken!“, hält Aeryn   sie hastig auf

Statt Aeryn zu umarmen, fängt Kayla an zu klatschen und hüpft freudig auf und ab.

„Gestatten, Kayla Sunzej, 16 Jahre alt, Tochter einer Schneiderin, Stipendiatin eines Eliteinternats, Mitglied der Hochbegabten und mit der Begabung der Zustandsveränderung gesegnet.“ Sie macht einen Knicks und ihre Augen funkeln fröhlich.

„Was für eine Begabung hast du?“, fragt Aeryn. Sie ist über Kaylas Reaktion so ehrleichtert.

„Ich kann den Zustand von Dingen und mir selber verändern. Durch Mauern gehen und so. Oder eine Suppe härten.“

„Alles klar. Wieso auch nicht?!“, sagt Aeryn lachend. Kayla demonstriert ihr, wie sie durch die geschlossene Tür ins winzige Badezimmer geht und mit einem Glas voll Wasser wieder erscheint. Sie dreht es um und plötzlich ist das Wasser zu Eis erstarrt.

„Und was kannst du?“

„So was Cooles wie du kann ich leider nicht, ist ja wirklich der Wahnsinn! Ich kann nur immer direkt sehen, wie ein Mensch charakterlich ist, oder besser, was sein Inneres ausmacht.“

Kayla ruft begeistert aus: „Eine Auraleserin! Wie cool ist das denn?!“ Aeryn gefällt der Begriff.

Eine Auraleserin. Auf einmal hat ihre Begabung eine Bezeichnung und wirkt real auf sie.

Wie aus dem Nichts erinnert sie sich plötzlich an die Berührung von Logan. Sie fährt sich mit der Hand an der Taille entlang. Es ist keine angenehme Erinnerung. Noch deutlich spürt sie den Druck und ihre Haut pulsiert heiß.

Wann hat mich eigentlich das letzte Mal jemand berührt?

Schnell dreht sich Aeryn zum Schrank und hängt ein paar Kleider hinein. Sie versucht einen beiläufigen Ton anzuschlagen: „Dieser Logan, der gehört auch zu den Begabten oder?“

Kayla, die jetzt ebenfalls ihre Klamotten in den Schrank räumt, wird hellhörig.

„Du hast ihn schon kennen gelernt? Kein schlechter Start! Er gehört auch zu uns, ja. Sieht er nicht wahnsinnig gut aus? Diese braunen Augen, da muss ich sofort an Mouse o Chocolat denken. Er ist auch wirklich klug und unheimlich beliebt. Sogar bei den Lehrern!“

Noch einmal fährt Aeryn sich an ihrer Taille entlang. So ganz genau weiß sie nicht, was sie von diesem Logan halten soll, ist sich aber ziemlich sicher, dass sie seine Berührung furchtbar findet. Ausgerechnet dieser arrogante Schnösel hat nun eine Spur auf ihr hinterlassen!

Sie beschließt, ihm möglichst aus dem Weg zu gehen, doch davon geht ihre Neugier auch nicht weg. Sie würde schon gern wissen, was für eine Begabung er besitzt. Vielleicht weiß Kayla ja was Genaues. Wie sie eben ins Schwärmen gekommen ist. Aber Moment mal, meinte sie braune oder blaue Augen? Bestimmt hat sie sich nur versprochen und meinte eigentlich blaue. Eisblaue…

Kapitel 6

Am nächsten Morgen sitzen Aeryn und Kayla nebeneinander im Literaturkurs und warten auf den Lehrer. Es ist Aeryns erster Tag und sie kennt die Namen ihrer Mitschüler in den verschiedenen Kursen noch nicht. Außerdem haben die beiden viel zu bereden und bemerken kaum, wie die kleine Mrs. Bernstyn den Raum betritt. Auf einmal wird es jedoch lauter und viele Mädchen fangen an, übers gesamte Gesicht zu strahlen. Auch einigen Jungen merkt Aeryn eine Veränderung an.

Sie sitzt mit dem Rücken zur Tür und erfährt gerade in diesem Moment eher ungewollt den aktuellen Beziehungsstand aller Anwesenden von Kayla. Die entstandene Aufregung lässt jedoch eine völlig neue Atmosphäre entstehen. Plötzlich springt Kayla auf und rennt auf den Neuankömmling zu.

Aeryn hört gerade das hübsche Mädchen vor ihr zu ihrer Sitznachbarin sagen: „Augen, so tiefblau, wie das Meer!“

Sie dreht sich um und sieht Logan.

Dass er sehr beliebt ist, hat Kayla ja schon erzählt, aber so beliebt?!Ich war ja schon in vielen Schulklassen, aber so eine Reaktion hab ich noch nie erlebt , denkt Aeryn und probiert etwas aus. Sie schließt kurz die Augen und konzentriert sich. Als sie sie wieder öffnet ist die Welt zu einem Farbenmeer verschwommen. Nur Logan sieht sie unverändert. Er blickt sie direkt an. Da bemerkt sie, wie sich ein feines Netz durch den Raum zieht. Dünne, feine Risse sind auf den Auren ihrer Mitschüler zu sehen. Auf manchen mehr, auf anderen weniger. Logan bewegt sich jetzt auf sie zu und sie sieht, wie diese Risse zu leuchten beginnen, wenn er an ihnen vorbei geht.

Schnell schließt Aeryn ihre Augen und versucht sich nichts anmerken zu lassen.

„Logan van Johnsen, wie schön, Sie dieses Jahr wieder in meinem Kurs begrüßen zu dürfen“, fiepst die kleine, grauhaarige Lehrerin ihm entgegen.

Obwohl er zu spät kam, wird er mit einer Herzlichkeit von der Klasse und Mrs. Bernstyn begrüßt, die man schon als unangemessen bezeichnen könnte.

„Oh, ich bitte vielmals um Verzeihung für meine Verspätung.“, säuselt er Mrs. Bernstyn entgegen. Die strahlt jedoch nur und bittet ihn Platz zu nehmen.

Es sind noch einige Stühle frei, doch er steuert genau den Platz direkt neben Aeryn an. Aeryn kocht innerlich. Was macht er mit den unschuldigen Menschen? Diese Risse sind nicht natürlich.

„Jetzt, da wir vollständig sind, wollen wir beginnen! Zuerst habe ich ein paar übliche Ankündigungen für Sie…“

Elegant lässt Logan sich neben Aeryn nieder. Die versucht, ihn zu ignorieren und schaut zu Mrs. Bernstyn nach vorne. Doch bald schon kann Aeryn es nicht mehr zurück halten.

„Du warst das, richtig?“, faucht sie ihm leise entgegen.

„Was war ich?“, gibt er betont lässig zurück.

„Du hast die ganze Klasse, sogar die Lehrerin irgendwie manipuliert! Ich hab keine Ahnung, wie du das machst, aber es hat Spuren hinterlassen! Das kannst du doch nicht einfach machen!“

„… und begrüßen wir ganz herzlich unsere neue Mitschülerin Aeryn Padell.“

Aeryn hört ihren Namen und schreckt auf. Sofort hat sie ein herzliches, wenn auch einstudiertes Lächeln auf den Lippen und begrüßt ihre neuen Mitschüler höflich.

Die Aufmerksamkeit weicht wieder von ihr ab und Logan beugt sich zu Aeryn. Mit einem überheblichen Tonfall sagt er: „Was weißt du schon, was ich mache? Bist noch nicht mal 24 Stunden hier und glaubst schon, du wüsstest alles? Dass eins klar ist, ich lass‘ mir von niemanden etwas vorschreiben!“

„Logan, wären Sie so gütig, Ihre Unterhaltung mit Aeryn einzustellen. In den Pausen werden Sie noch genug Gelegenheit haben, sich einander vorzustellen.“

Ein Mädchen mit zierlicher Figur, sehr heller Haut und dunkelbraunen Haaren wirft Aeryn einen misstrauischen Blick zu.

„Es war doch gar nichts“, Logan dreht sich zu Mrs. Bernstyn um und Aeryn bemerkt, wie seine Augen grau werden.

Auch Aeryn benutzt ihre Kräfte und sieht gerade noch, wie ein Blitz aus Ihrer Richtung die Aura der Lehrerin trifft.

„Sie haben ja Recht, wollen wir mal nicht so kleinlich sein.“

Entsetzt sieht Aeryn Logan an.

„Was ist?“, fragt dieser genervt.

„Ich kann es nicht fassen! Das kannst du einfach nicht machen!“, entgeistert wendet Aeryn sich ab.

„Kommen wir zur letzten Ankündigung. Die Schüler aus dem Hochbegabten-Programm sollen sich bitte in ca. zehn Minuten im Büro des Direktors einfinden. Sie dürfen den Unterricht jetzt verlassen.“

Aeryn sieht Kayla an und diese packt ihre Sachen schon zusammen. Auch das Mädchen mit dem bösen Blick steht auf.

Logan hat nicht einmal seine Sachen aus der Tasche geholt und verlässt als erster den Raum. Das andere Mädchen folgt ihm dicht.

Logan ist kaum aus der Tür heraus, als er Reginas Stimme hinter sich hört.

„Hey L. Wir haben uns bestimmt eine Ewigkeit nicht mehr gesehen!“

„Hallo Regina.“

Hastig schließt sie zu ihm auf.

„Was war denn das gerade für eine Aktion mit der Neuen? Wieso hast du dich nicht zu mir gesetzt?“

Jetzt geht das schon wieder los!

„Oh Regi, bitte, ich hab jetzt echt keinen Nerv auf ein Fragespiel, okay?!“

„‘Tschuldigung“, gibt Regina kleinlaut zurück. Schweigend geht sie neben ihm her. Logan bemerkt ihr Unbehagen und fragt mit einem Seufzer: „Wie waren deine Ferien? Ich hab gehört, du warst bei den McMillens.“

Den ganzen Weg vom Klassenzimmer im ersten Stock an der Galerie bis zu Mr. Medinans Büro hält Logan den Smalltalk mit Regina aufrecht. Er ist heilfroh, als er Talon mit seiner Schwester bereits vor der Tür warten sieht.

„Hi T-Bone, Talluhla, bist ja wiedermal eine Augenweide. Dieses Halbjahr trägst du also Wasserstoffblond?“, begrüßt Logan die beiden.

„Lass dich drücken, du Charmeur.“

Aeryn und Kayla stoßen zu ihnen, während Mrs. Thomsen die Tür öffnet.

„Alle pünktlich, sehr schön. Kommen Sie herein. Sie werden erwartet.“

Sie gehen durch die Bild-Tür in das Büro von Mr. Medinan, der sie bereits erwartet. Auch in diesem Zimmer ist die eine Wand zum Garten hin komplett verglast und die Sonne erhellt den ganzen Raum. Außer einem Schreibtisch an der Seite wird der Raum von einem Konferenztisch mit 12 Stühlen ausgefüllt. Mr. Medinan sitzt bereits am oberen Ende des Tisches und sieht den Hochbegabten entgegen. Er hat die gesamte Tischseite eingenommen und verschiedenfarbige dicke Mappen liegen vor ihm verteilt, sowie ein Notizblock und Stifte.

„Bitte setzen sie sich zu mir“ fordert er sie freundlich auf.

Talon begibt sich an die hintere Ecke und Logan folgt ihm. Regina ist natürlich sofort an Logans Seite, auch wenn sie jetzt mit Tallulah redet, die sich ihrem Bruder gegenüber setzt.

Logan verdreht innerlich schon wieder die Augen und wendet sich rasch Mr. Medinan zu, der in seinen Unterlagen blättert. Kayla wählt den Platz neben Talon und wirft ihm ihr strahlendstes Lächeln zu.

Der grinst fröhlich zurück.

Aeryn würdigt Logan keines Blickes und nimmt rasch neben Kayla Platz.

„Gut, gut. Also, wie sie sicher alle schon bemerkt haben, haben wir dieses Jahr eine neue Teilnehmerin“, Mr. Medinan deutet auf Aeryn und diese hebt kurz die Hand.

„Ich habe mir so einige Gedanken zu unserem kleinen Schulprojekt gemacht und bin gespannt, wie sich unser Kurs entwickeln wird“, fast schon heiter fährt er fort: „ Wir sind inzwischen eine ungewöhnlich große Anzahl an Hochbegabten an einem Ort und deshalb denke ich, dass es eines unser obersten Ziele werden muss, zu einer Einheit zu werden. Ihr habt alle außergewöhnliche Fähigkeiten und damit eine große Verantwortung für euer Handeln. Mit einem starken Zusammenhalt könnt ihr euch gegenseitig helfen, diese schwierige Situation zu meistern.“ Der Direktor legt eine kurze Pause ein, um allen einen intensiven Blick zuwerfen zu können.

Zögernd fragt Talluhla schließlich: „Und was meinen Sie jetzt genau damit?“

Mr. Medinan erklärt: „Es ist eine Tatsache, dass eine Gemeinschaft stärker ist als lauter Einzelkämpfer. Das bedeutet besonders, wenn wir in unserer Entwicklung nicht alleine gelassen werden, können wir Facetten unserer Begabung entdecken, die sonst nicht zum Vorschein getreten wären. Deshalb werden wir uns dieses Jahr, auch, da wir uns erweitert haben, auf unsere innere Konnektivität konzentrieren.“

„Im Klartext“, bemerkt Talon mit seiner ruhigen Stimme, „Heißt das, wir lernen uns gegenseitig besser kennen?“

„So könnte man es auch formulieren.“, pflichtet Mr. Medinan im bei.

„Und während ihr die anderen kennenlernt, werdet ihr vieles über euch selbst erfahren.“

Logan stöhnt leise auf. Na klasse! Dann nehmen wir uns alle mal an die Hände und springen fröhlich im Kreis! Oh Gott, das kann was werden! Wie sollen andere mir bitte helfen? Überhaupt helfen wobei? Ich kann alles, was ich können muss! Ich brauche niemanden.

Bisher hat er sich nie wirklich für andere interessiert. Er geht davon aus, dass seine Kräfte nicht darauf ausgelegt sind. Wozu muss er andere verstehen? Sie sind die Gefäße, in die er seinen Willen pflanzt.

„Der erste Schritt wird sein, dass ihr euch hier noch einmal vorstellt. Wer ihr seid, und was ihr genau könnt. Das wird Ms. Padell sicher helfen, vieles zu verstehen und euch besser kennen zu lernen. Würden Sie dann vielleicht auch gleich beginnen Aeryn?“

Er setzt sich, zieht den Notizblock heran und macht sich zum Mitschreiben bereit.

„Oh, okay. Also ich…“ Sie schaut verlegen weg und beißt sich auf die Unterlippe.

Was ziert die sich denn so?

„Keine falsche Bescheidenheit. Fangen Sie doch einfach mit den üblichen Standard-Sätzen an.“

Aeryn nickt ihm zu und beginnt.

„Also, mein Name ist Aeryn Padell. Ich bin 18 Jahre alt und die älteste von vier Geschwistern. Mein Vater ist Botschafter und ich bin daher viel umgezogen. Jetzt mache ich meine letzten Schuljahre hier, um sicher zum Abitur zu kommen.“ Sie wirft Mr. Medinan einen fragenden Blick zu, und dieser ermutigt sie weiter zu reden.

„Und meine Besonderheit ist, dass ich ein… wie hast du es ausgedrückt?“ Sie sieht zu Kayla und holt einmal tief Luft, um dann schneller weiter zu reden. „Ich bin eine Auraleserin. Wenn ich mich konzentriere, kann ich erkennen, wie ein Mensch ist. Doch mehr noch als seine Persönlichkeit sehe ich, was ihn im Leben geprägt hat und weiß sofort, ob ich jemanden vertrauen kann.“ Schnell setzt sie sich und wirft Kayla einen unsicheren Blick zu. Mr. Medinan hat viel mitgeschrieben, obwohl keine dieser Informationen für ihn wirklich neu sein dürfte.

„Ms. Sunjez, würden Sie bitte fortfahren.“

„Natürlich gerne“, erwidert Kayla und steht auf. Doch Logan beachtet sie kaum und grübelt über das nach, was Aeryn eben gesagt hat. Ihre Begabung musste der Grund dafür sein, warum sie ihn in der Klasse sofort durchschaut hatte. Der größte Unterschied zwischen ihnen ist also, dass er den Menschen etwas aufzwingen kann, sie jemanden dafür im wahren Kern erfassen. Äußerst interessant! Sozusagen zwei Gegensätze in einem Team.

Eine Hand schnippt vor seinem Gesicht und erschrocken dreht er sich um zu Regina, die ihn so rüde aus seinen Gedanken gerissen hat. Ihm ist gar nicht aufgefallen, dass er Aeryn die ganze Zeit beobachtet hat.

„Du bist dran!“, faucht Regina ihn an.

Irgendwie hat Logan Kaylas und Talons Vorstellung nicht mitbekommen.

„Hm, ja? Achso, also“, er räuspert sich kurz.

„Mein Name ist Logan van Johnsen, ich bin 18 und ein Manipulator. Ich zwinge anderen meinen Willen auf“, gibt er knapp zur Kenntnis. Alle schauen ihn überrascht an.

„Was ist?“, flüstert Logan Talon zu.

„Nichts, nur, das war knapp und präzise. Wir anderen haben mehr gesagt.“, flüstert der zurück.

Logan zuckt mit den Schultern und hört Regina zu.

Sie beginnt mit ihrer hohen Stimme

„Mein Name ist Regina Newman, wie die Newmans von der Juwelierskette. Mein Urgroßvater hat sie gegründet und inzwischen sind wir weltweit expandiert. Ich bin 17 und beherrsche die Gabe der Telekinese.“ Und um ihre Worte zu unterstreichen, hebt sie ihren rechten Arm über den Tisch. Der hebt sich langsam vom Fußboden und für einen Augenblick schwebt er etwa 20 Zentimeter über der Erde bevor sie ihn wieder abstellt.

Zufrieden setzt sie sich hin.

Gerne hätte Logan gewusst, wie Aeryn auf diese kleine Demonstration reagiert hatte, aber er zwingt sich, nicht in ihre Richtung zu sehen.

Als nächstes ist Talluhla dran, sie setzt sich etwas gerader hin und beginnt.

„Mein Name ist Tallulah McMillen. Wie bereits erwähnt bin ich die Zwillingsschwester von Talon und damit ebenfalls 17 Jahre alt. Hinzuzufügen wäre noch, dass unsere Familie schon sehr lange zu den Hochbegabten gehört, und wir einer langen Blutlinie entstammen.“ Sie sagt dies mit dem Ton eines Geschichtslehrers und nicht arrogant oder überheblich. Sie wendet sich an Aeryn. „Wenn du also Fragen haben solltest, kannst du gerne zu mir kommen. Ich kenne mich etwas mit der Geschichte dieser Schule und der Hochbegabten im Allgemeinen aus.“ Logan sieht, wie Regina Tallulah ans Bein tritt und dann versucht, ihr versteckt einen finsteren Blick zu zuwerfen. Tallulah ignoriert Regina jedoch.

„Mein Bruder sieht also die Gegenwart, egal wo auf der Welt, wenn er einmal da gewesen ist. Manchmal reichen allerdingt sogar schon Fotos von den Orten, die mit der Gegenwart übereinstimmen.

Und ich kann die Vergangenheit sehen, jedoch nur, wenn ich einen bestimmten Bezugspunkt habe, eine Person oder einen Gegenstand. Und wenn wir zusammen sind und uns konzentrieren, sehen wir die Zukunft, die Zukunft von Personen und Orten.“

Damit ist die Vorstellungsrunde beendet und die Aufmerksamkeit ist wieder bei Mr. Medinan.

Dieser sieht zufrieden aus.

„Jetzt wissen Sie alle nochmal genau Bescheid. Ich hoffe es ist Ihnen klar, dass ich auch dieses Jahr keinerlei Albernheiten ihrerseits dulde und vorbildliches Benehmen erwarte. Sie alle sind etwas Besonderes und haben so viel Macht zur Verfügung. Sie müssen lernen, ihre Fähigkeiten mit Bedacht einzusetzen. Am besten nur im Training und sonst nur in Notsituationen.“ Er wirft Logan einen strengen Blick zu. „Ich kann sie nur schwer in dieser Hinsicht kontrollieren und muss ihnen vertrauen können. Unser Training beginnt morgen nach dem Unterricht. Sie dürfen jetzt zurück in ihre Klassen.“  Mit diesen Worten klappt er seinen Block zu und beginnt seine Notizen zusammen zu suchen.

Logan ist nicht nach Gesprächen zumute, er verlässt als erstes den Raum, um einen Vorsprung zu gewinnen. Er muss nachdenken.

Dass Medinan wirklich nur die Freundschaft der Hochbegabten am Herzen liegt, kann er nicht glauben. Außerdem war es doch offensichtlich, wie sie alle zueinander stehen. Alleine, wie sie sich alle am Tisch zusammengesetzt haben.

Ihre Beziehungen untereinander sind doch schon völlig festgefahren. Kayla und Regina sind unzertrennlich. Ebenso wie Talon und Tallulah. Die Zwillinge sind schon fast gruselig, wenn sie sich beide plötzlich gleichzeitig und synchron bewegen.

Und dann war da Aeryn… Sie und Kayla mögen sich wohl, aber ansonsten. Logan kann sie nicht durchschauen und das findet er nicht gut, so machtlos da zustehen. Aeryn, die undurchschaubare Neue.  Logan gefällt das nicht, er ist es nicht mehr gewohnt, dass es jemanden gibt, den er nicht kontrollieren kann. Und dann ausgerechnet diese Aeryn. Eigentlich ist sie ja sehr schön, aber sie nervt ihn mit ihren naiven Moralvorstellungen und der arroganten und rechtschaffenen Art. Wie sie ihn angefaucht hat in der Klasse! Logan weiß gar nicht, wann er das letzte Mal so behandelt wurde. Nochmal lässt er sich so was nicht gefallen.

Aeryn Padell… das wird noch interessant werden mit uns. Mal sehen, wer gewinnt.

Kapitel 6

„Oh Mann, ich bin so nervös!“

Kayla zupft die ganze Zeit an ihrer Bluse herum und zwirbelt ihre Haare auf. Der Unterricht ist vorbei und Aeryn und Kayla sind an einem sommerlichen Nachmittag auf dem Weg zu einem Café, das dicht bei der Schule liegt.

„Ach, musst du doch gar nicht sein! Du hast mir doch erzählt, dass ihr euch auch vorher manchmal alleine getroffen habt, zum Lernen oder so. Das ist jetzt Lernen nur mit Kaffee“, versucht Aeryn Kayla zu beruhigen.

„Außerdem“, merkt sie an, „ siehst du einfach toll aus. Deine Haare schimmern richtig bronzefarben in der Sonne!“

Sie setzt nach. „Und wenn es gut läuft, was es im Übrigen wird, dann darfst du gerne meine Bluse behalten. Sie steht dir viel besser als mir!“

Da muss Kayla dann doch verlegen grinsen. „Dank‘ dir nochmal Aeryn! Du bist erst seit zwei Tagen hier und schon musstest du die volle Ladung Kayla ertragen.“

„Ach, ich helfe doch gern. Einem süßen Ding wie dir kann man ja eh nichts abschlagen.“

Da fängt Kayla wieder an zu strahlen und hüpft fast den Weg entlang.

„Klein und knuffig siegt halt immer. Oh mein Gott, wir sind da!“

Abrupt bleibt Kayla stehen.

„Hier um die Ecke ist es. Was soll ich nur tun? Wenn er noch nicht da ist, soll ich mich dann einfach hinsetzen oder soll ich vor der Tür warten? Und wenn er da ist…“, sprudeln die Fragen nur so aus der kleinen Temperamentsbombe heraus.

„Aeryn, ich kann das nicht allein! Bitte komm mit rein! Bitte!“

Zwei große, braune Rehaugen schauen Aeryn direkt an. Ihre Hände hat Kayla zum Gebet gefaltet und ist etwas in die Knie gegangen, um aber auch wirklich völlig hilflos zu wirken.

„Aber überleg dir doch mal, wie das rüber kommen würde. Als ob du eine Gouvernante brauchst oder so.“

„Wir können ja sagen, dass wir uns zufällig auf dem Weg hierher getroffen haben!“

„Wir wohnen im gleichen Zimmer! Das wäre ein ganz schön großer Zufall. Wie soll das denn abgelaufen sein?“

„Ist das jetzt so wichtig? Bitte Aeryn! Wenn du da bist, haben wir bestimmt Gesprächsthemen, weil du ja noch ungefähr gar nichts weißt von uns allen.“

Oh Mann, denkt Aeryn. Diesen Blick hatten auch meine kleinen Geschwister immer drauf und da konnte ich schon nie wiederstehen. Sie atmet einmal tief ein und nickt schließlich.

Kayla hüpft hoch und will Aeryn freudig umarmen, doch die wehrt schnell ab.

„Aargg, lass das lieber. Zuerst müssen wir mal sehen, ob ich wirklich eine Hilfe bin. Und wenn es so aussieht, als ob ihr alleine klar kommt, dann werde ich mich höflich verabschieden!“

„Alles klar. Deal! Hast echt was gut bei mir!“

Jetzt ist es an Kayla, tief Luft zu holen. Sie dreht sich um, geht um die Ecke und sieht Talon bereits durch die Fensterscheibe. Aeryn folgt ihr nicht ganz so enthusiastisch. Das Café ist gemütlich eingerichtet. Überall stehen vereinzelt Grüppchen mit bequemen aussehenden Sofas und Sesseln. Jedes Stück ist einzigartig und trotzdem scheint alles irgendwie zusammen zu passen. Man merkt sofort, dass dieser Laden zu keiner Kette gehört. Das große Schaufenster spendet viel Licht, trotzdem hängen überall kleine elektrische Kronleuchter. Viel Platz hat man nicht. Der Tresen steht an der hinteren Wand und rechts davon ist noch eine Nische, in die sich ein Pärchen zurückgezogen hat. Talon hat einen Tisch direkt an Fenster und Wand ergattert. Er sitzt auf einem Sofa für zwei und ihm gegenüber sind zwei Sessel frei. Er trägt ein anderes T-Shirt als bei dem Treffen vorhin und Aeryn muss feststellen, dass er eigentlich gar nicht schlecht aussieht. Seine muskulösen Oberarme werden durch das braun und den leichten V-Ausschnitt seines Shirts betont. Kayla hat einen guten Geschmack.

Die beiden umarmen sich etwas zögerlich zur Begrüßung, nur für einen kurzen Augenblick.

Dann bemerkt er Aeryn und hebt fragend eine Augenbraue. Kayla antwortet schnell auf die unausgesprochene Frage.

„Wir haben uns zufällig auf dem Weg hierher getroffen und da Aeryn noch nicht weiß, wo man hier in der Gegend genießbaren Kaffee bekommt, wollte ich ihr Madame Moinseurs Café zeigen.“

„Klar, warum nicht. Setz dich doch.“, sagt Talon. Er wirkt ganz entspannt.

Aeryn bemerkt, dass neben Talon noch eine Jacke liegt, die ihm nicht zu gehören scheint. Kayla hat sich schon in den Sessel gegenüber von Talon gesetzt und Aeryn setzt sich neben sie.

„Da hattest du aber Glück Kayla getroffen zu haben! Das ist wirklich der einzig gute Laden hier in dieser Gegend“, sagt Talon.

„Ja, genau das gleiche hat Kayla auch gesagt.“

So richtig weiß keiner, was man sagen soll und eine kurze Pause tritt ein.

„Also, ähm… Was wollt ihr trinken?“, fragt Talon, um das Schweigen zu brechen.

„Ich nehme einen Mokkachino bitte“, antwortet Kayla hastig.

„Für mich einen Karamell-Macchiato“, Aeryn beobachtet Talon, wie er aufsteht und zur Theke geht. Da sieht sie, wer aus der Tür zu den Toiletten tritt und sie trifft fast der Schlag. Auch Logan bemerkt sie sofort. Er geht direkt zu Talon an die Theke und beginnt mit gesenkter Stimme aber eindringlich auf ihn einzureden.

Jetzt ist das Rätsel um die Jacke geklärt.

„Das gehört aber nicht zum Deal!“ Aeryn dreht sich hastig zu Kayla.

„Was denn? Oh, Mist. Da hatte Talon wohl die gleiche Idee wie ich.“

„Wenn er hier ist, bin ich ganz bestimmt keine große Hilfe! Ich kann den Kerl nicht ausstehen! Ich gehe jetzt besser.“

„Nein bitte, sonst steht es doch auch zwei gegen mich. Dann kann das ja nichts werden.“ Wieder dieser Rehblick.

„Kayla, ich“, doch da müssen die beiden ihr Gespräch unterbrechen, weil die Jungs mit den Kaffees zurückkommen.

Leise flüstert Kayla Aeryn noch ein: „Bitte!“ entgegen.

„Hier eure Getränke“, Talon stellt die Becher  vor den beiden auf den Tisch.

Kayla schenkt ihm ihr schönstes Lächeln.

„Danke, Talon. Hey, was hast du denn da für ein Armband? Ist das von einem Festival?“

„Ja genau! Anfang der Ferien war ich auf’m Hurricane. Kennst du das?“

„Ich liebe Festivals!“, ruft Kayla begeistert. „In Brasilien haben wir auch welche. Nicht so groß, wie hier in Deutschland, aber trotzdem. Die Atmosphäre ist immer so toll. Bisher war ich leider noch nie auf den eigentlichen Festivalgeländen, sondern immer nur daneben bei den Campern. Aber das war schon toll.“

„Das ist es ja auch, was mir daran an meisten gefällt“ Talon berichtet Kayla fast aufgeregt von seinen Erlebnissen und Aeryn hat kurz Zeit um einen kleinen Blick auf Talons Wesen zu werfen. Nur ganz schnell.

Sie konzentriert sich und erhascht seine dunkelgrüne Aura. So grün, wie das Moos auf einem feuchten Waldboden. Ein besonnener und kluger Geist.

Ein „pfft“ holt sie zurück. Logan sieht sie arrogant an und murmelt etwas wie „Heuchlerin“.

Kayla zuliebe geht sie jedoch nicht drauf ein.

Er muss gesehen haben, wie meine Augen sich grau färbten. Genau wie bei ihm…

Das Gespräch läuft gut und ab und an geben Aeryn und Logan auch einmal einen Kommentar ab oder antworten, wenn sie direkt etwas gefragt werden. Doch die meiste Zeit versucht Aeryn Logan zu ignorieren, und auch er legt es nicht gerade auf ein Gespräch an, also hängt Aeryn die meiste Zeit ihren eigenen Gedanken nach. Sie sollte vielleicht mal zuhause anrufen, um ihrer Familie zu berichten, dass alles in Ordnung ist.

Auf einmal stehen Kayla und Talon auf.

„Was ist denn jetzt los?“, fragt Aeryn.

„Da hat wohl jemand geträumt.“ Kayla erklärt kurz, dass Talon ihr draußen ein Plakat zeigen will, von einer Band, die sie beide mögen und die wohl demnächst hier auftritt. Außerdem wird es inzwischen schon wieder Zeit zurück zugehen, damit sie das Abendbrot in der Schule nicht verpassen. Heute sollen die Zusatz-AG für dieses Halbjahr vorgestellt werden und Talon will sich wieder für Boxen eintragen.

Die Kellnerin kommt auch schon hinter dem Tresen hervor und bringt ihnen die Rechnung.

„Geht nur schon vor. Ich mach das“, sagt Logan zu Talon.

Damit hat Aeryn jetzt nicht gerechnet. Völlig verdutzt bleibt sie sitzen und trinkt dann noch rasch den Rest ihrer Tasse aus. Hier sammelt sich das Karamell immer so herrlich an.

„Das macht 14,58 bitte.“ Die Kellnerin ist schätzungsweise Mitte Zwanzig und hat einen gelangweilten Gesichtsausdruck.

Logan sieht sie direkt an und Aeryn bemerkt, wie seine Augen grau werden.

„Wir haben schon gezahlt“, sagt er freundlich zur Bedienung.

„Ach so“, sagt diese schlicht und nimmt die Tassen vom Tisch.

„Du hast sie doch nicht mehr alle!“ Aeryn platzt geradezu vor Wut.

„Du kannst sie doch nicht einfach um ihr Geld betrügen!“

Die Kellnerin murmelt nur ein „Ich komm‘ dann gleich nochma‘. “ und geht ohne Tassen wieder zurück.

„Von dir lass ich mir bestimmt nicht sagen, was ich kann und was nicht!“ Logans Adern am Hals spannen sich an.

„Hast du überhaupt irgendwelche Moralvorstellungen?“ giftet Aeryn ihn an.

„Klar doch, aber was sollte es dich angehen? Ich kann machen, was ich will und das tue ich auch! Oder willst du mich aufhalten? Wie das denn bitte?“

Das glaub ich jetzt einfach nicht! Jemand muss ihn doch mal in die Schranken weisen!

Aeryn sieht zu der Bedienung von eben und konzentriert sich. Sie sieht in der hellrosa Aura einen kleinen Riss. Klein, aber tief. Logan muss sie schon öfter manipuliert haben.

Ich erkenne die wahre Aura eines Menschen, dann muss es mir doch gelingen, diese Risse, die nicht zu den Menschen gehören, wieder zu schließen.

Aeryn konzentriert sich. Sie merkt, dass sich ihre Welt jetzt völlig auf die Frau fixiert und kann ihre Aura geradezu spüren. Ein warmes leichtes Prickeln durchfährt ihren Körper. Sie sieht die Aura der Frau immer heller werden bis sie einen bestimmten Punkt erreicht. Plötzlich ein Ruck und die Aura scheint den ganzen Raum zu füllen, bevor sie sich in Sekundenschnelle wieder auf ihre normale Größe zusammenzieht. Der Riss ist verschwunden.

Die Kellnerin hat von allem anscheinend kaum etwas mitbekommen. Leicht verwirrt kneift sie ihre Augen kurz zusammen und schüttelt ihren Kopf.

Aeryn grinst Logan triumphierend an.

„Was? Warum grinst du so?“

Da liegt auch schon die Rechnung vor seiner Nase.

„Das sind 14 Euro und 58 Cent dann bitte.“

Völlig entgeistert holt Logan sein Portemonnaie raus.

Aeryn steht auf und verlässt das Café.

Draußen sieht sie Talon und Kayla auf der anderen Straßenseite vor einer Plakatwand stehen.

Aeryn beschließt, die beiden nicht zu stören und geht direkt zurück zur Schule. Sie hat auf einmal entsetzliche Kopfschmerzen.

Kapitel 7

Die Schüler des Hochbegabten-Kurses stehen im Kreis und in Sportsachen vor dem dichten Wald, der zum Schulgelände gehört. Ein kleiner Bach fließt in Richtung des Sees an ihnen vorbei.

Mr Medinan erklärt ihnen gerade die heutige Aufgabe.

„Ich werde Sie gleich in zwei Teams einteilen und jedes Team erhält eine Flagge von mir.“ Er hält zwei Fahnen hoch. Die eine ist dunkelblau, die andere dunkelgrün. Es sind eher Fähnchen mit einem Holzstab als Halterung.

„Sie kennen doch sicher den kleinen Bach, der den gesamten Wald in der Mitte durchläuft? Damit hat dieser Wald praktisch zwei Hälften. Jedes Team begibt sich auf eine Seite und bekommt 30 Minuten Zeit, um seine Fahne zu verstecken. Hier ist ihre Kreativität gefordert und ihr jeweiliges Talent.“

„Das bedeutet“, unterbricht Kayla ihn, „wir sollen unsere Begabung einsetzen? So voll und ganz, ohne Einschränkungen, um die Fahne zu verstecken?“ Ihre Augen funkeln schelmisch.

„Nicht nur beim Verstecken. Nach den 30 Minuten ziehen sie alle los um die Fahne des gegnerischen Teams zu finden. Welches Team als erstes bei mir eintrifft hat gewonnen.“

Er schaut jeden der Reihe nach an, um zu prüfen, ob sie verstanden haben.

„Ziel dieser Übung ist es, dass Sie ein Gefühl für ihre eigenen Stärken und Schwächen bekommen, und dass Sie die Stärken ihrer Gruppenmitglieder vorteilhaft einsetzen. Gibt es noch Fragen?“

„Ja, gibt es noch irgendwelche Regeln?“, fragt Talon.

Mr. Medinan grinst: „Es sollte niemand verletzt werden. Aber ansonsten ist ihrer Kreativität keine Grenze gesetzt. Es ist Ihnen übrigens auch überlassen, ob sie ihre eigene Fahne mit irgendwelchen Sicherungen ausstatten.“

Talon nickt und Aeryn sieht, wie bei einigen bereits die Gedanken rattern.

„Die Teams werden wie folgt gebildet“

Aeryn drückt sich selber die Daumen und ihr einziger Gedanke ist, bitte, bitte nicht mit Logan, nicht mit IHM!

„Team Blau besteht aus den McMillens und Ms. Sunjez. Team Grün dann logischerweise aus Regina Newman, Logan van Johnsen und Aeryn Padell.“

Mist! Aeryn kann sich einen Laut der Enttäuschung nicht verkneifen. Gleichzeitig mit Logan stöhnt sie auf.

Erstaunt und mit hochgezogenen Augenbrauen schaut Mr. Medinan zwischen Aeryn und Logan hin und her.

„Gibt es ein Problem?“, fragt er vorsichtig.

Sogar Regina steht mit verschränkten Armen da und blickt düster drein.

„Nein, alles in Ordnung Sir!“, erwidert Logan rasch und nimmt die Fahne entgegen.

„Es ist nur… wie soll ich sagen…“

„Es ist schon etwas deprimierend gegen die Zukunft antreten zu müssen“, unterbricht Aeryn ihn schnell.

Logan soll gefälligst den Mund halten und ihre privaten Probleme privat sein lassen. Aeryn hat keine Lust, vor dem Direktor als schwierig und eingebildet zu wirken.

„Welche Seite vom Wald gehört uns?“, fragt sie schnell, um weiteres Nachfragen zu vermeiden.

„Team Grün bekommt die westliche Hälfte“, doch rasch fügt er noch hinzu, als er Kaylas irritierten Ausdruck bemerkt, „also von hier aus gesehen links. Team blau ist entsprechend auf der anderen Seite. Das Verlassen des Schulgeländes ist natürlich nicht gestattet. Bereit? Gut. Wenn ich von drei bis null runter gezählt habe, laufen Sie los. Hören Sie einen Schuss, wissen Sie, dass die halbe Stunde vorbei ist und Sie suchen dürfen. Ein weiter Schuss ertönt, wenn ein Team gewonnen hat.“

Alle Schüler stellen sich in ihren Teams neben Mr. Medinan auf.

„Drei, Zwei…“

Genau wie die anderen geht Aeryn etwas in die Hocke.

„…eins, LOS!“

Beide Teams laufen los in die verschiedenen Hälften des Waldes. Aeryn ist hier noch nie gewesen, also bleibt ihr nichts anderes übrig als Logan zu folgen, der eine bestimmte Stelle anzusteuern scheint. Zunächst schlagen sie sich durch ein Dickicht, bis sie einen kleinen Weg erreicht haben. Diesem folgen sie für etwa dreihundert Meter, bis Logan den Weg verlässt und sich querfeldein durchschlängelt. Aeryn versucht bestmöglich die vielen kleinen Kratzer an Armen und Beinen zu ignorieren.

Regina ist kleiner als die beiden und bleibt zunächst etwas hinter ihnen.

Logan rennt immer weiter, bis er schließlich eine kleine Lichtung erreicht hat…Wobei Lichtung eigentlich nicht ganz passt. Aeryn muss sich hinter ihm durch ein dichtes Gestrüpp schlagen. In einem Radius von circa drei Metern steht kein Baum, doch dafür bietet ein Baumstumpf Platz zum Sitzen. Dieses kleine Fleckchen ist von außen kaum zu sehen. Die Sonne prallt noch immer erbarmungslos vom Himmel herab, aber wenigstens ist es im Wald etwas kühler.

Sie müssten jetzt etwa in der Mitte von ihrer Hälfte des Waldes angekommen sein.

Logan lehnt sich keuchend an einen Baumstamm, während Aeryn sich an dem Baumstumpf abstützt. Beide warten schweigend und erschöpft auf Regina, die aber nur kurz nach ihnen eintrifft. Auch sie schnappt nach Luft und beugt sich kurz zur Erholung vornüber.

„So, und jetzt?“, fragt sie schließlich, nachdem sie wieder zu Atem gekommen ist.

„Jetzt verstecken wir die Fahne“, sagt Logan und hält sie den beiden Mädchen entgegen.
„Und wie sollen wir das anstellen? Sie wissen doch genau, was wir machen“, entgegnet Aeryn.

Alle drei überlegen angestrengt, aber so recht will ihnen keine Lösung einfallen.

„Wie funktionieren ihre Kräfte denn genau?“, fragt Aeryn. „Talullah hat doch etwas von Anhaltspunkten oder so geredet.“

„Ja, das stimmt. Sie brauchen einen Bezugspunkt zu dem Ereignis oder dem Ort, den sie sich ansehen wollen.“

„Ihr seid beide gut mit ihnen befreundet, oder?“

„Ja und was geht dich das an?“, faucht Regina sie funkelnd an.

Aeryn hebt beschwichtigend die Arme.

„Hey, ganz ruhig. Ich schätze mal, dass sie, um eure Zukunft oder was auch immer zu sehen, dann gar nicht so etwas Besonderes brauchen, oder? Sie kennen euch zu gut.“

„Na das will ich doch hoffen. Talullah ist schließlich meine beste Freundin! Worauf willst du denn jetzt raus?“

„Eure Zukunft können sie sehen. Aber mich kennen sie kaum. Das müssten wir doch ausnutzen können!“

Logan hebt auf einmal den Kopf und schaut Aeryn überrascht an.

„Klar, das könnte funktionieren!“

Er hält Aeryn die Fahne zögerlich entgegen.

„Hä, was ist denn jetzt schon wieder? Was habt ihr vor?“, fragt Regina und richtet sich verwirrt auf.

Allerdings wird sie von den beiden ignoriert.

„Beeil dich, wir haben kaum noch Zeit! Stell gefälligst keinen Blödsinn an und überleg dir das Versteck gut!“, warnt Logan Aeryn und gibt ihr die Fahne.

„Meine Güte. Komm‘ mal klar! Es gibt halt Dinge, die du nicht kontrollieren kannst.“ Aeryn weiß, dass das ein Seitenhieb war, der nicht unbedingt nötig gewesen wäre, aber sie konnte nicht wiederstehen.

Sie wendet sich ab und geht schnell um einen kleinen Hügel herum, damit sie für die beiden nicht mehr zu sehen ist. Sie hört noch, wie Regina Logan fragt: „Bist du übergeschnappt? Wieso lässt du die jetzt alleine losziehen?“

Krampfhaft sucht Aeryn ein Versteck, aber so recht will ihr nichts Passendes einfallen. Sie atmet einmal tief ein, bleibt stehen und sieht sich die Fahne noch einmal in Ruhe an. Das Grün sieht fast so aus wie das der Blätter an den Bäumen. Sie sieht nach oben, um die Farben zu vergleichen, aber muss die Augen gegen die Sonne so zusammenkneifen, dass sie fast nichts sieht und auch ihre Hände zusätzlich zur Abdunkelung benutzen muss. Da fällt es ihr ein. Was man nicht sieht, kann man auch nicht finden.

Rasch schätzt sie ab, wo die Sonne wohl in etwa einer viertel Stunde stehen wird, weil sie vermutet, dass es so lange mindestens noch dauern wird, bis die gegnerische Mannschaft in ihrer Nähe ist. Sie holt kräftig aus und schleudert die zusammengerollte Fahne so hoch es geht in die Baumkrone. Plötzlich ertönt ein lauter Knall und Aeryn zuckt kurz zusammen. Das war das Signal zur Fahnensuche.

„Aeryn, was machst du? Warum brauchst du so lange?“, hört sie Logan rufen.

Wie seltsam ihren Namen aus seinem Mund zu hören. Klingt irgendwie fremd.

Schnell schaut sie nach oben und sieht, dass sie gut getroffen hat. Die Fahne liegt in einer Astgabelung dicht am Baumstamm weit oben. Sie hätte sie nicht gesehen, wenn sie nicht gewusst hätte, wo sie suchen soll. Der Griff der Flagge fällt überhaupt nicht auf.

„Ich bin fertig“, ruft sie zurück und beeilt sich zu den anderen zu kommen.

„Na komm‘ schon. Wir müssen los!“, treibt Logan Aeryn mit etwas zu viel Vergnügen an und läuft direkt an ihr vorbei.

„Jetzt folgt mir schon. Ich weiß, wo wir lang müssen!“

Regina ist dicht hinter ihm.

Aeryn fragt: „Sollte nicht vielleicht einer von uns hierbleiben und aufpassen oder so?“

Regina dreht sich zu ihr um und erwidert arrogant: „ Und wer von uns sollte das sein? Logan kennt sich im Wald gut aus. Meine Fähigkeiten werden uns wahrscheinlich die Fahne der Gegner beschaffen und was würdest du machen, wenn das andere Team hier auftaucht? Wahrscheinlich würdest du durch deine Anwesenheit mehr verraten, als wenn du nicht da wärst!“

Darauf kann Aeryn nichts sagen, also beschließt sie einfach stumm hinter den beiden her zu traben. Sie überlegt kurz, ob sie die Aura von Regina prüfen sollte, hat aber eigentlich keine Lust sich etwas vermutlich recht Unschönes anzusehen.

Den Bach, der den Wald teilt, haben sie schnell erreicht.

„Wo sollen wir anfangen zu suchen?“, fragt Aeryn die anderen, um sie daran zu erinnern, dass sie auch noch da ist.

„Haben eure tollen Freunde vielleicht Lieblingsplätze hier oder so?“

Logan und Regina schauen sich fragend an.

Regina meint schließlich: „Ich habe Talon vorauslaufen sehen.“

„Naja, so der Waldspaziergänger ist er nicht wirklich.“ Logan grübelt.

Na das sind tolle Aussichten, denkt Aeryn und sieht sich schon im Dunkeln planlos durch den Wald stapfen.

„Dann gehen wir halt erst einmal auf gut Glück los und du kannst ja weiter überlegen“, beschließt Aeryn und folgt einem kleinen Trampelpfad in den Wald hinein.

Zu ihrer Überraschung folgt ihr Team ohne Widerspruch.

„Wie kommt es eigentlich, dass du den Wald so gut kennst?“, fragt Aeryn Logan nach einer Weile.

Dieser schaut auf den Waldboden, ohne ihn wirklich zu sehen. Gedankenverloren antwortet er Aeryn, ohne irgendwelche spitzen Bemerkungen: „ Als ich in der fünften Klasse herkam, hat Talon mir von einem Schatz erzählt, den es hier zu finden gibt. Ein Schatz, der nicht aus Silber und Gold besteht. Den wollte ich dann auch finden.“

„Und hast du?“, interessiert hört Regina zu.

„Nein, aber ich hab viele Nachmittage in der Fünften und Sechsten hier verbracht.“ Logan ist noch immer in Gedanken.

„Na dann kennen wir doch jetzt schon einen Ort, an dem Talon schon einmal gewesen sein muss. Wo sollte dieser Schatz denn versteckt sein?“, fragt Aeryn und hofft auf ein paar Anhaltspunkte.

Logan lacht und ahmt Talons tiefe Stimme nach: „In einem Kreis der Ewigkeit, unter einem Dach aus Glück und Sternen wirst du die Erfüllung deiner Wünsche finden.“

Regina prustet los, doch Aeryn findet das Rätsel gar nicht so albern.

Sie murmelt vor sich hin: „Kreis der Ewigkeit… Ewigkeit, was besteht schon für immer? Steine vielleicht?“ Sie kickt einen kleinen Stein vor ihren Füßen aus dem Weg.

„Da könntest du Recht haben. Aber spontan fällt mir kein Steinkreis ein im Wald.“ Logans Augen fangen etwas an zu funkeln, als er merkt, dass er bei dem schon lang vergessenen Rätsel eine neue Spur erhält.

„Und was ist mit dem Dach aus Glück und Sternen?“, fragt Logan. Aeryn kann es gar nicht glauben, dass diesen immer so ernst, kontrolliert wirkenden Jungen jetzt fast etwas Lebhaftes und Aufgeregtes umgibt.

Regina hat inzwischen aufgehört zu lachen und hört gespannt zu. Dann kommt auch ihr eine Idee.

„Hm, also. Welches Dach könnte denn gemeint sein? Vielleicht ein Blätterdach?“

Erstaunt dreht Aeryn sich zu ihr um.

„Ja! Die Farbe für Glück ist immerhin Grün. Und die Sterne, die sind dann vielleicht Blüten oder so!“

„Ich weiß, welcher Baum gemeint ist. Es gibt hier einen, der zur Gründung der Schule gepflanzt wurde. Da war ich schon lange nicht mehr, hab aber auch nie einen Steinkreis bemerkt.“

Fasziniert sieht Aeryn wie Logan zu strahlen beginnt und an ihr vorbei rennt, um ihnen den Weg zu zeigen.

Mit den Armen bedeutet er ihnen zu folgen.

„Na kommt schon! Immerhin wissen wir, dass Talon da schon mal war.“

Aeryn beeilt sich, um hinter ihm her zukommen. Regina hat sie bereits überholt und ist direkt neben Logan.

Logan steuert auf eine niedrige Anhöhe zu und weicht geschickt zwischen den Ästen und Bäumen hindurch. Das grüne Moos dämpft ihre Schritte.

Logan bleibt oben stehen und wartet, bis die Mädchen zu ihm aufgeschlossen haben. Als sie ankommen, zeigt er auf einen kleinen Bachausläufer und erklärt ihren Weg.

„Da rüber und dann bei dem umgestürzten Baum links. Dann noch ein kleines Stück geradeaus, und wir müssten da sein.“

„Ich hab aber langsam genug von den ganzen Dornenbüschen“, jammert Regina. Doch Logan ignoriert sie und geht wieder voran.

Nach ein paar Minuten stehen die drei vor einem imposanten Baum. Der Stamm ist so dick, dass man ihn mit drei Leuten nicht umschließen könnte. Die Blätterkrone ist dicht und spendet angenehm kühlen Schatten. Aeryn sieht, dass von jedem dicken Ast mehrere kleine abgehen und unter den Blättern kleine weiße sternenförmige Blüten hängen.

„Dann wollen wir uns mal umsehen!“, sagt Logan optimistisch und fängt an, den Baum zu untersuchen.

Aeryn wendet sich einem großen Steinbrocken rechts von ihr zu, kann aber nichts Ungewöhnliches erkennen.

Regina überprüft unterdessen auf der linken Seite vorsichtig die Sträucher.

„Hey seht mal. Ich glaub, ich hab hier was gefunden!“

Logan und Aeryn beeilen sich zu ihr zu kommen.

Sie hält einen glitzernden Ohrring in der Hand.

„Das ist Talluhlas. Da bin ich mir ganz sicher. Also sind wir hier richtig.“

Freudige Erwartung zeigt sich auf ihrem Gesicht.

„Okay, dann wollen wir mal jeden Stein hier umdrehen!“

Logan geht entschlossen wieder zum Baum. Auch Aeryn macht sich wieder auf den Weg zur rechten Seite, da hören sie einen kurzen Schrei. Erschrocken dreht Aeryn sich um und sieht, wie Regina plötzlich bis zu den Schultern im Waldboden steht. Als wäre sie eingebrochen! In festen Boden eingebrochen!

„Nein, kommt nicht näher! Der Boden ist noch nicht wieder fest!“

„Kayla!“ Alle drei sprechen im gleichen Moment ihren Namen aus.

Logan und Aeryn durchsuchen die Umgebung, können aber keine Spur von der kleinen Brasilianerin finden.

Kann es sein, dass sie sich unsichtbar gemacht hat? Sie fügt sich bestimmt irgendwie nahtlos in die Natur ein!

„Ich hätte nicht gedacht, dass sie ausgerechnet sie zurücklassen! Wir müssen schnell die Fahne finden und dann nichts wie weg!“ Logan geht zurück zum Baum.

„Logan, sieh auch nach, ob du etwas in der Baumkrone entdeckst“, ruft Aeryn ihm zu. Er nickt und macht sich an die Arbeit.

Aeryn tritt vorsichtig näher zu Regina. Sie sieht, wie der Erdboden Wellen schlägt.

Regina wackelt mit den Schultern und versucht sich vergeblich frei zu kämpfen.

„Alles ok bei dir?“, fragt sie vorsichtig.

„Ja, geht schon. Gibt Angenehmeres. Das Schlimmste ist, dass ich meine Kräfte nicht benutzen kann, weil ich dafür meine Arme brauche. Ich kann mich überhaupt nicht bewegen!“

Und um ihre Worte zu unterstreichen streckt sie ihren Hals nach rechts und links. Der Boden lockert kein Stück auf.

„Jetzt beeil dich lieber und hilf Logan. So komm‘ ich am schnellsten wieder raus“, schickt sie Aeryn weg.

Die beginnt vorsichtig Reginas Arbeit fortzusetzen und schaut in die Sträucher rings herum. Die vielen Blätter machen es schwierig etwas zu erkennen. Etwa zwei Meter hinter Regina bemerkt Aeryn wieder einen Stein. Er ist nicht ganz so groß wie der von eben und wird von den Blättern gut verborgen.

Aeryn schiebt ein paar Äste zur Seite und kann nicht glauben, was sie sieht.

„Logan, komm schnell her! Ich glaub, ich hab sie!“

Logan rennt zu ihr und beide bleiben staunend stehen.

„Was, wo ist sie? Ich kann meinen Kopf nicht so weit drehen!“, ruft Regina von hinten.

Logan antwortet zögerlich.

„Sie ist irgendwie… also, sie ist IM Stein.“

Tatsächlich sieht der Stein ganz natürlich aus, aber eine sanfte Anhebung auf der Oberfläche verrät die Umrisse der Flagge.

Völlig erstaunt fragt Aeryn: „Habt ihr gewusst, dass sie so etwas kann?“

Logan schüttelt fassungslos den Kopf.

„Und wie sollen…“, Logan stockt und Aeryn entdeckt auch sogleich den Grund dafür. Ihre und seine Füße sind komplett durchnässt.  Beide schauen an sich herab und sehen eine große Pfütze, die sich um sie bildet.

Wie hat Kayla das Wasser da so plötzlich hinbekommen?

Gerade als Logan und Aeryn aus dem Wasser treten wollen, kriecht es auch schon hoch bis zu ihren Knöcheln. Es geht so schnell, dass sie keine Chance haben zu entkommen. Es gefriert. Ihre Füße stecken in einem einzigen dicken Eisbrocken. Sie sitzen in der Falle.

Kapitel 8

Logan versucht, seine Beine frei zu kämpfen, kommt aber nicht gegen das Eis an.

„Ich will keinen Mucks von dir hören Logan!“, hört er irgendwo hinter sich Kaylas Stimme.

„Hast du verstanden? Ich komme jetzt aus meinem Versteck, und wenn ich auch nur einen Ton höre, dann frier ich dir den Mund zu!“

Verdammte Scheiße aber auch! Wenn sie mich nicht hört, kann ich sie nicht manipulieren! Hinterlistiges Biest!, denkt Logan und nickt nur.

Kayla tritt hinter einem Busch hervor. Sie hat einen Eimer in der Hand.

„Wieso..?“, fängt Logan an, doch wird hart unterbrochen.

„Keinen Ton hab ich gesagt!“

Kayla kommt direkt auf sie zu.

„Woher hast du die ganzen Sachen?“, fragt Aeryn sie.

„Talon hatte sie hier hingelegt. Er und Taluhlla wussten von heute und haben kleine Vorkehrungen getroffen.“ Kayla grinst sie beide frech an.

„Oh Mann. Das Schlimmste ist, dass ihr dann nicht einmal unfair ward, weil wir ja schließlich unsere Kräfte einsetzen sollten.“ Aeryn pustet sich eine Strähne aus dem Gesicht und stemmt die Arme in die Hüften.

Das soll das Schlimmste sein?, sagt Logan in Gedanken. Hallo, Mädchen! Wir verlieren gerade! Ich verliere! Und ich verliere nicht! Nicht mehr!

„Gebt ihr euch geschlagen? Regina, gibst du dich geschlagen?“

Die schreit von hinten herüber: „ Zur Hölle ja, aber bitte lass mich aus diesem Loch raus! Überall krabbelt und kreucht es. Ich hasse Spinnen!“

Kayla lacht kurz und ruft ihr zu: „Ich bin gleich da! Und ihr zwei? Gebt ihr auf?“

Logan sieht Aeryn an. Sie schaut ernst zurück.

„Also, aufgeben ist eigentlich nicht so meine Sache…“, sie sieht Logan direkt in die Augen.

„Haben wir verloren? Ja, oder Nein Logan?“

Ein Stöhnen von Regina ertönt: „ Jetzt seid nicht so stolz!“

Aufgeben? Aufgeben kommt nicht in Frage!

Besiegt wurden sie schließlich auch noch nicht. Er schüttelt leicht den Kopf, um Aeryn seine Entscheidung mitzuteilen. Hoffentlich stellt sie sich jetzt nicht quer.

„Tut mir leid Kayla, aber wir geben nicht auf. Ihr müsst uns schon besiegen.“

„Ja, ich dachte mir schon, dass da so was kommt.“

Oh Mann, das wird langsam echt scheiße kalt!

Vorsichtig räuspert Logan sich. Das Eis auf seiner Haut beginnt zu schmerzen. Er reibt mit den Händen an seinen Waden entlang, um sie etwas zu wärmen und Kayla auf das Eis aufmerksam zu machen.

„Kayla, kannst du trotzdem irgendwie verhindern, dass unsere Füße absterben?“

„Oh, ach ja. Okay, haltet beide mal still.“

Logan gehorcht und auch Aeryn bleibt ruhig.

Kayla streckt ihre Hand in Richtung Boden und Logan merkt, wie seine Schuhe durchnässt werden. Auch das Eis direkt an seinem Bein taut ab. Ihre Beine sind jetzt nicht mehr vollends umschlossen, sondern eher in einem Käfig. Allerdings ist es noch immer unmöglich das Eis zu zerschlagen oder einzutreten.

Erleichtert seufzt Logan auf. Auch Aeryn entspannt ihre Haltung etwas. Sie steht so dich vor ihm, dass es schwierig für ihn ist, sie nicht anzusehen.

„Kayla, lass mich raus! Hier ist ein monstermäßiger Käfer!“, Regina klingt fast panisch.

„Ich komme!“  Und sie eilt auch schon zu Regina.

Sobald sie außer Hörweite ist murmelt Logan leise: „Hast du nen Plan, wie wir aus dem Eis rauskommen?“

„Nein, ich dachte, du hättest ein!“

Bevor Logan etwas erwidern kann, hört er Kayla laut auflachen. Einen kurzen Moment später sieht er auch den Grund dafür. Regina ist über und über mit Schlamm, Moder, Dreck und kleinen krabbelnden Insekten bedeckt. Die sonst immer perfekt aussehende Regina sieht so mitleiderregend aus, dass Logan sich ebenfalls ein Lachen verkneifen muss. Über dieses Bild wird er sich noch lange amüsieren.

„Kayla, mach das weg!“

„Ich kann dir leider nicht helfen. Aber ich begleite dich zu Medinan und pass auf, dass du auf dem Weg zu ihm nicht versehentlich für ein Monster gehalten wirst. Sonst erschießt dich noch jemand!“

Kayla hüpft voran und Regina folgt ihr mit schlupfenden Geräuschen.

Logan und Aeryn sind allein. Sie stehen ganz dicht voreinander.

Aeryn lehnt sich ein Stück zurück, um Abstand zu gewinnen.

Sie hustet einmal kurz und fragt: „Was sollen wir denn jetzt machen?“

Bisher ist das nie gut ausgegangen, wenn wir alleine waren.

„Ähm, ich weiß es nicht. Das Eis auftauen oder? Aber dafür bräuchten wir jetzt irgendwie Wärme…“

„Mit der Zeit wird die Sonne das schon für uns erledigen.“

„Also, ich hab keine Lust, so lange zu warten.“

Logan versucht sein rechtes Bein zu heben und zerrt es so stark hin und her, wie es ihm nur möglich ist. Für mehr Schwung wirft er seinen Oberkörper nach rechts und links, bis er schließlich die Balance verliert. Um nicht umzufallen greift er um sich und erwischt Aeryns Arm. Er zieht sich an ihr hoch und kommt wieder zum Stehen.

Na das war ja mal peinlich! Aber deshalb muss sie ihn auch nicht gleich so anschreien.

„Tu das NIE wieder!“

„Hä, was ist denn nun los?“

Aeryns Lippen sind fest aufeinander gepresst und ihr Kiefer angespannt. Mit der linken Hand hält sie sich den rechten Arm an der Stelle, wo Logan sich eben noch festgehalten hat.

„Hab‘ ich dir weh getan?“

„Ja, hast du.“

„Dann tut es mir leid, war doch keine Absicht!“

Meine Güte ist die sensibel!

„Fass‘ mich einfach nicht an, ok?!“

Sie dreht sich nach rechts und betrachtet den Stein mit der Fahne.

Glaubt sie etwa, ich hab‘ das aus Spaß gemacht? Denkt sie etwa…

„Das war doch keine Anmache oder so! Was denkst du eigentlich, du bist die letzte, mit der ich was anfangen würde!“

„Oh, gut! Da bin ich ja beruhigt! Du bist nämlich auch das letzte Arschloch, mit dem ich mich freiwillig abgeben würde!“

„Dann sind wir uns ja einig!“

„Schön!“

„Gut!“

Mit verschränkten Armen vor der Brust sieht Logan in die eine und Aeryn in die genau andere Richtung.

Irgendwo über ihnen singt ein Vogel.

Aus dem Augenwinkel bemerkt Logan, wie Aeryn den Arm ausstreckt und über den Stein hält.

„Was machst du..?“

Logan glaubt nicht, was er da sieht. Die Fahne bewegt sich langsam an die Oberfläche. Ganz vorsichtig, als würde sie nach oben treiben. Bald schon sind sogar die Farben wieder deutlich zu erkennen. Das ganze kann nicht länger als zwei Minuten gedauert haben und alles sieht aus, als wäre nichts passiert. Als hätte jemand einfach nur eine normale Fahne auf einen normalen Stein gelegt.

Aeryn streckt sich zu ihr und erreicht die Trophäe knapp.

„Aeryn, wir haben es geschafft! Wir haben die Fahne! Wenn wir jetzt noch schnell aus diesem Eis rauskommen, können wir vielleicht noch gewinnen.“

Sie sieht ihn nicht an, ihre Haare verdecken ihr Gesicht.

„Hey, was ist los? Hallo, ich rede mit dir!? Kannst du mich höflicherweise mal ansehen, wenn ich mit dir rede?“

Was ignoriert die mich jetzt? Das lass ich mir doch nicht bieten!

Entschlossen packt Logan ihre Schulter und will sie zu sich umdrehen, als sich auch schon plötzlich ein heißes Brennen auf seiner rechten Wange breit macht.

Aeryn hat ihn mit der flachen Hand eine Ohrfeige verpasst.

„Sag mal spinnst du?“

Logan spürt, wie seine Wange taub wird und hält sie sich. Er will gerade zu einer Schimpftirade ansetzen, da wird er unterbrochen.

„Es tut mir leid. Ich weiß auch nicht, was passiert ist. War irgendwie ein Reflex oder so…“

„Ein Reflex? Was ist denn bei dir kaputt?“, doch Logan stockt. Aeryn ist ganz blass und ihre Knie zittern, doch die Wut in ihren Augen funkelt noch deutlich.

Okay, Logan. Du fasst diese Braut nie wieder an! Was für ein Freak!

„Du siehst erschöpft aus…“

„Ja, ich wusste nicht, dass ich so was kann, wie das eben mit dem Stein. Hab‘ mich vielleicht etwas übernommen. Aber geht sicher gleich wieder.“

Sie reicht Logan die Fahne und stützt sich auf ihren Knien ab.

Nach einer kurzen Weile meint Logan: „Ich glaube, das Eis ist jetzt soweit geschmolzen, dass ich es durchtreten kann.“

Aeryn nickt nur, den Kopf noch immer nach unten gerichtet.

Einmal tief Luft holen, und mit aller Kraft und einem kräftigen Ruck zersprengt Logan das Eis. Der Rest des Blocks ist jetzt ebenfalls nicht mehr so stabil und die beiden kämpfen sich aus ihrem Eiskäfig.

Ein lauter Knall, das Training ist vorbei.

Mist, da waren wir wohl etwas zu langsam…

Beide gehen schweigend und ohne sich anzusehen in dieselbe Richtung, in die Kayla und Regina verschwunden sind.

Logan überlegt kurz, ob er sie fragen soll, wie sie das mit der Fahne gemacht hat, will aber auch nicht der Erste sein, der etwas sagt. Schließlich kommen sie an den Waldrand und seine Neugier übersiegt.

Gerade heraus fragt er: „Wie hast du die Fahne da raus bekommen?“

Aeryn sieht zu Boden und überlegt.

„So genau weiß ich das auch nicht… Hab halt einfach mal probiert, ob ich den wahren Kern von dem Felsen sehe. Und ein bisschen hat es geklappt. Ich schätze das funktioniert mit allen Lebewesen, Pflanzen… oder Dingen.“

Logan merkt, dass sie mehr zu sich selber zu sprechen scheint.

„Und dann habe ich es wie bei der Kellnerin gemacht.“ Plötzlich scheint ihr wieder einzufallen, dass Logan noch da ist und hebt den Kopf.

Die Kellnerin im Madame Monsieur! Mit der hat sie mich komplett blamiert!

Zornig und mit gefährlich leiser Stimme sagt Logan zu Aeryn.

„Damit das klar ist, wenn du mich noch einmal so in der Öffentlichkeit blamierst wie neulich, werde ich dir dein Leben zu Hölle machen!“

Nicht weniger wütend gibt Aeryn zurück: „Und wie willst du das anstellen, wenn ich deine ganzen Gefolgsleute von deiner Manipulation befreie?“ Sie lächelt überheblich, dreht sich eiskalt um und geht zu den anderen.

So schnell lässt Logan sie aber nicht davon kommen. Er rennt ihr hinterher, passt sich ihrem Tempo an und läuft ganz dicht hinter ihr. Sein Oberarm berührt kurz ihre Schulter. Er spricht gerade so, dass nur sie ihn hört.

„Ich brauche mein Talent nicht, um dir hier einige Unannehmlichkeiten zu bereiten. Es gibt genug Menschen, die mich auch so mögen und mir jederzeit helfen werden. Außerdem kenne ich mich hier besser aus als du!“

Gleich haben sie die kleine Gruppe erreicht. Regina und Taluhlla sind schon auf dem Weg zurück ins Internat während Talon und Kayla etwas abseits stehen und die Köpfe zusammenstecken. Kayla kichert, wie ein kleines Mädchen.

Mit geballten Fäusten dreht Aeryn sich plötzlich zu ihm um und bleibt stehen. Sie steht so dicht vor ihm, dass sie etwas hochschauen muss. Logans Herz pocht so schnell und laut, dass er denkt, es müsste gleich jemand hören.

„Droh mir nicht, sonst wirst du es bereuen!“ Logan spürt ihren Atem auf seinem Gesicht.

„Das werden wir ja sehen!“

Einen kurzen Moment sehen sich die beiden wütend in die Augen.

„Logan“, ruft Mr. Medinan ihn. „Kommen Sie bitte kurz mit mir in mein Büro.“

Kapitel 9

Mr. Medinan geht bereits vor und Logans Augen lösen sich von Aeryn. Auch sie wendet sich ab und rennt zu Kayla hinüber.

Immer noch wütend und etwas verwirrt macht sich Logan auf den Weg. Er hat die Hände tief in den Taschen seiner Sporthose und weicht jedem Blick aus. Er hat keine Lust sich zu unterhalten. Als er die Eingangshalle erreicht, grüßen ihn ein paar Freunde, aber er beeilt sich schnell in den Gang zum Büro des Direktors zu kommen.

Er schaut kurz durch die Glaswand in den Garten und sieht wie Talon, Kayla und Aeryn sich auf den Weg ins Haus machen. Aeryn hat noch immer die Fahne in der Hand und Kayla scheint sie gerade zu bemerken. Aeryn spricht im Gehen leise zu ihnen. Talon legt seine Hand auf Kaylas Rücken und hört zu.

Logan spürt einen kalten Stich in der Brust. Er freut sich ganz aufrichtig für Talon, doch irgendwie fühlt er sich plötzlich sehr einsam. Vielleicht würde er später Regina besuchen gehen.

Er erreicht die Tür, an die er schon so viele Male geklopft hat, und Mrs. Thomsen ruft ihn von drinnen herein.

Geschäftig sitzt sie am Schreibtisch und tippt etwas in den Computer ein. Sie nickt ihm kurz zu und er erwidert mit einem kurzen Lächeln. Dann geht er durch die weiße Gemälde-Tür zum Direktor.

Mr. Medinan scheint selber gerade erst angekommen zu sein und legt die blaue Fahne auf seinen Schreibtisch.

„Komm‘ setz dich“, fordert er Logan auf und setzt sich selber in einen großen, bequemen Stuhl hinterm Schreibtisch.

Logan setzt sich in einen kleineren Sessel gegenüber.

„Sie wollten mich sprechen?“ Logans Stimmung ist noch immer getrübt und deshalb scheint seine Frage etwas zu aggressiv ausgesprochen worden zu sein. Er bemerkt, wie Mr. Medinan eine Augenbraue hebt. Schell fragt Logan in einem sanfteren Ton hinterher: „Also ich meinte, haben Sie mich aus einem bestimmten Grund zu sich gerufen?“

Zögerlich antwortet Medinan: „Also nicht direkt. Wir haben seit Beginn des neuen Jahres nur noch keine Gelegenheit gehabt, mal in Ruhe miteinander zu sprechen. Das wollte ich jetzt nachholen… Du scheinst jedoch aufgebracht zu sein. Ist im Wald etwas vorgefallen?“

Logan sieht ihn nicht direkt an. Er überlegt, was er sagen soll. Er bemerkt, dass die Bleistifte in einem Metallbecher auf Medinans Schreibtisch alle genau gleich lang sind.

Wenn er ihm die Wahrheit sagt, wäre Mr. Medinan womöglich enttäuscht darüber, dass sein Plan, sie enger miteinander zu verbinden, nicht funktioniert hat. Von seinen persönlichen Problemen mit Aeryn mal ganz abgesehen.

„Logan, ich will nur die Wahrheit.“

„Hören Sie Sir, also…“

„Lassen wir die Förmlichkeiten mal beiseite. Was ist im Wald passiert? Mir ist sehr wohl nicht entgangen, dass du und Aeryn so ein paar Probleme haben?!“

Logan sieht ein, dass es keinen Sinn hat, sich rauszureden, also erzählt er Mr. Medinan, wie ihre Fahnensuche abgelaufen ist. Den Streit mit Aeryn lässt er aus und versucht auch sonst eine eher pragmatische Schilderung abzuliefern. Zum Schluss merkt er noch an: „Ich glaube nicht, dass Aufgaben uns enger zusammenschweißen, bei denen es Verlierer gibt.“

Medinan hat Logans Bericht schweigend angehört, die Hände unters Kinn verschränkt.

„Ich verstehe“, nach einer kurzen Pause fügt er hinzu. „Logan, du hast begriffen, worin es mir in dieser Übung ging, und das ist schon sehr erfreulich, aber ich bitte dich jetzt, mir ganz offen zu erzählen, was zwischen dir und Ms. Padell vorgefallen ist.“

Logan schaut beschämt auf den Boden.  Wie konnte er nur glauben, dass dem allsehenden Direktor auch nur die kleinste Kleinigkeit entgehen könnte.

„Naja, also sie ist…“ Logan druckst erneut herum und schaut überall hin, nur nicht zu Medinan. Er merkt, wie ihm das Blut in den Kopf steigt.

„Sie mögen sie?“, ruft der Direktor fröhlich aus.

„Nein!“, platzt es auch schon aus Logan heraus.

„Sie ist einfach nur anstrengend und will sich in alles einmischen! Gerade mal ein paar Tage hier und glaubt schon, mir etwas vorschreiben zu können!“ Logan stockt, als er seine heftige Reaktion bemerkt. Schmunzelt Medinan etwa?

„Ja, das dachte ich mir bereits, dass es aufgrund ihrer Kräfte zu Komplikationen kommen könnte!“

Mr. Medinan steht auf und geht mit den Armen hinter dem Rücken verschränkt zur Glaswand gegenüber und sieht in den Garten, während er weiter spricht.

„So gegensätzlich ihre Begabungen auch sein mögen, so sehr ähneln sie sich auch… Sie agieren sozusagen auf einer Ebene. Soweit ich weiß, kommt das nur selten vor… Ich werde versuchen, mich in den Archiven zu erkundigen.“

Auf einer Ebene? Wir sollen uns ähnlich sein?

„An deiner Stelle würde ich mich glücklich schätzen, dass du endlich einen würdigen Gegner hast.“

Logan hat sich in seinem Sessel herumgedreht und starrt den noch immer in Gedanken versunkenen Medinan fassungslos an.

„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?!“

Medinan wendet sich jetzt wieder direkt an ihn.

„Oh, doch, mein voller Ernst!!“

Mr. Medinans Stimme hebt sich mit Nachdruck.

„Ich habe von dem Vorfall bei Madam Moinseur und der Kellnerin erfahren und muss sagen, dass ich erstens enttäuscht bin, dass du dich auf ein so niedriges Niveau herunter lässt und zweitens erfreut bin, dass du in deiner Waltungsfreiheit eigenschränkt wirst!“

Beschämt schaut Logan auf den Boden.

„Logan, du bist kein Kind mehr. Wann begreifst du das? Du darfst deine Kräfte nicht so missbrauchen!“

Logan bleibt nichts anderes übrig als zu nicken. Noch immer traut er sich nicht aufzusehen.

Medinan seufzt und setzt sich wieder auf seinen Stuhl hinterm Schreibtisch. Seine Schultern sind steif, und er sitzt kerzengerade.

Beide schweigen für einen Moment und schließlich murmelt Logan ein „Es tut mir Leid.“ Das tut es ihm wirklich, aber es zuzugeben, fällt ihm nicht leicht.

„Schon gut. Auch ich hätte das Thema etwas behutsamer anschneiden können. Aber bitte versprich mir eins, wende deine Kräfte nicht mehr zu deinem eigenen Vorteil an. Du kannst so viel Gutes tun und erkennst es noch nicht. Es kann Momente geben, wo ein starker Wille wie deiner dringend gebraucht wird.“

Logan schaut auf und blickt in die braunen und vor Energie blitzenden Augen des weisen Mannes.

Das Telefon auf dem Schreibtisch piept kurz und Mrs. Thomsens Stimme ist zu hören.

„Ihre Telefonkonferenz beginnt gleich.“

Medinan drückt einen Knopf auf dem Apparat und gibt nur ein knappes „Danke sehr“ zurück.

Er fängt bereits an, in seinen Papieren zu kramen, und bedeutet Logan, dass ihr Gespräch beendet ist.

„Ach, und Logan!“

Der hat die Tür bereits erreicht und bleibt abrupt stehen, ohne sich umzudrehen.

„Ich möchte, dass Sie sich gegenüber Aeryn Padell anständig benehmen und Sie sie respektvoll behandeln.“

Ohne ein weiteres Wort verlässt Logan ihn.

Respekt?  Da müsste sie mir erst mal Respekt entgegen bringen.

Kapitel 10

Es ist Freitagnachmittag und die Sonne knallt noch immer mit aller Macht hinunter. Aeryn ist das erste Mal in ihrem Leben an einer Schule, die Judo unterrichtet, und sie hat keine Ahnung, was sie erwartet. Sie hatte die AG-Auswahl am vorletzten Abend aufgrund ihrer Kopfschmerzen verpasst und wurde einfach irgendwo hinein gesteckt. Es hätte schlimmer kommen können. Wenigstens muss sie nicht zum Schach!

Zu allererst muss sie jedoch den Weg zur Sporthalle finden.

Sie biegt im Garten um eine Ecke und hört eine Gruppe mit ihr vertrauten Stimmen hinter einer Hecke sprechen. Sie späht durch eine Lücke und erkennt einige Schüler. Kayla, Regina und Logan stehen mit einigen anderen Klassenkameraden in einem Kreis zusammen.

„Ach, so übel ist sie gar nicht! Sogar ziemlich nett!“, hört Aeryn Kayla sagen.

„Oh bitte, du magst jeden! Sie ist unglaublich arrogant! Das Mädchen hat doch nie länger als ein Jahr oder so an einem Ort gewohnt! Sie hat eine so kühle Art. Und Logan gegenüber verhält sie sich total kalt! Das ist doch nicht normal!“ Regina wirft Logan einen aufreizenden Blick zu und streichelt leicht seinen Arm.

„Naja, ich habe zwar so meine Probleme mit ihr, aber dafür kann sie ja nicht unbedingt etwas. Wir sollten sie…“, er holt einmal tief Luft und spricht dann schnell weiter.

„Wir sollten sie respektieren Regina. Sie ist wirklich viel umgezogen, aber scheint ja damit ganz gut klar gekommen zu sein. Sie… sie ist stark… und wirklich hübsch.“ Den letzten Satz spricht Logan mehr zu sich selber, als zu den anderen, denn die starren ihn alle mit großen Augen an. Zur Beschwichtigung fügt er rasch hinzu: „Aber an dieser Schule sind ja nur solche hervorragenden Exemplare der weiblichen Gattung zu finden“ und lächelt. Perplex erstarrt Aeryn hinter der Hecke.

Ein anderer Junge aus der Gruppe wendet sich an Logan und meint nur: „Alter, hübsch? Die ist verdammt heiß!“ Aeryn hat diesen Jungen früher schon in den Fluren getroffen und meistens hat er irgendwelche blöden Kommentare von sich gegeben.

Doch noch erstaunlicher ist: Logan hasst mich ja gar nicht!

„Geht schon mal vor. Ich komme gleich nach“, ruft Regina den anderen zu und geht an ihr klingelndes Handy. Aeryn will jetzt nicht von ihr gesehen werden, und muss deshalb warten, ehe sie zur Turnhalle kann.

„Hey, wie geht’s?“ hört sie Regina. „Ja, klar bin ich dran! Grün sage ich dir, wie das schönste Moos! Meine Lieblingsfarbe auch noch. Zum Niederknien. Es passt so perfekt zu seinen braunen Haaren. Und ich glaube, ich habe gute

Chancen. Wenn das Wort perfekt auf jemanden zutrifft, dann auf Logan van Johnson.“ Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Ich melde mich später nochmal, Süße. Hab jetzt Sport. Bis dann. Kuss.“

Regina hastet den anderen hinterher. Aeryn wartet einen Moment und folgt ihr dann.

Er hat sie wirklich um den Finger gewickelt! Aber wie macht er es, dass jeder eine andere Augenfarbe bei ihm sieht?

 

Sie folgt lange einem Sandpfad der in Richtung des Sees führt und biegt dann nach links ab. Da taucht hinter ein paar großen Bäumen die Sporthalle auf. Außergewöhnlich sieht sie nicht aus und Aeryn hofft einfach, dass es drinnen eine Klimaanlage gibt.

Sie öffnet die große Metalltür und befindet sich dann in einem kleinen Vorraum. Ihr gegenüber sieht sie die Sporthalle und links eine blaue Tür mit einem Piktogramm für Männer. Auf der rechten Seite ist die Tür für die Mädchen und sie versucht sie zu öffnen. Das geht jedoch nicht und sie klopft an. Das Lachen einiger Mädchen ist zu hören und kurz darauf öffnet eine kleine Rothaarige ihr die Tür.

Aeryn bedankt sich und sucht sich einen Platz auf der langen Holzbank, die sich über alle vier Wände erstreckt. Genau gegenüber der Tür ist noch ein Platz frei und sie stellt ihre Sporttasche ab.

„Na, hast du den Weg auch endlich mal gefundenß“ Kayla setzt sich munter und bereits in Sportsachen zu ihr und versucht ihre Haare zu einem Pferdeschwanz zu bändigen. Die meisten Mädchen sind bereits in der Sporthalle und sie sind nur noch zu fünft in der Umkleide. Die Rothaarige, eine Dunkelhäutige, Regina, Kayla und sie.

„Sag mal Aeryn…“, Kayla beugt sich dichter zu Aeryn und flüstert.

„Was hast du mit Logan angestellt?“

Vor Überraschung hätte Aeryn beinahe ihr T-Shirt, das sie aus der Sporttasche gezogen hat, fallen lassen.

„Wieso, was meinst du?“, flüstert sie zurück.

„Naja, also, ich hab das Gefühl, dass er noch nicht genau weiß, ob er dich mag, oder nicht. Er ist immer ganz komisch, wenn es um dich geht… Ziemlich kurz angebunden und so…“

Aeryn wechselt  ihr T-Shirt und beugt sich dann wieder zu Kayla.

„Du kennst ihn länger als ich, wie soll ich wissen, wie er eigentlich ist?!“

„Ja schon, aber Logan..“, Kayla wird von dem rothaarigen Mädchen unterbrochen.

„Sagtest du gerade Logan? Er sieht dieses Jahr mal wieder blendend aus! Und das, obwohl er anscheinend so schlimme Ferien gehabt haben soll. Seine Geburtstagsfeier hat sein Vater nur bezahlt, damit er ihm nichts schenken muss. Logan musste die ganzen Sommerferien bei seinem Vater verbringen und der war die meiste Zeit auf Geschäftsreise.“

Jetzt schaltet sich Regina ein.

„Er musste nicht, er wollte! Seine Mutter hat wieder irgendwelche Selbstfindungstrips geplant und vergessen, dass Logan zur selben Zeit Sommerferien hatte.“

Aeryn zieht sich ihre Sporthose an und fragt dann Regina vorsichtig:

„Wo wohnt sein Vater denn?“

Misstrauisch beäugt Regina sie, antwortet aber schließlich.

„Sein Vater hat das Haus, in dem Logan groß wurde, vor ungefähr zwei Jahren verkauft und das Neue steht jetzt irgendwo in einem Dorf vor Hamburg. Da fährt wohl mit Glück einmal in der Stunde ein Bus. Sein Vater hat aber noch ein Apartment in der Stadt in der Nähe von seinem Büro und übernachtet in der Woche meistens da.“

Aeryn findet, dass das alles ziemlich einsam klingt.

Regina klang auch gar nicht überheblich wie sonst, sondern hatte ehrliches Mitgefühl in ihrer Stimme.

Vielleicht hat Aeryn sich doch in ihr getäuscht. Bei nächster Gelegenheit würde sie einen Blick auf Reginas Aura werfen.

Es klingelt und Aeryn beeilt sich, in ihre Schuhe zukommen.

Hastig betritt sie zusammen mit Kayla die Sporthalle. Zu ihrer Erleichterung gibt es hier eine gut funktionierende Klimaanlage, und es ist angenehm in der großen Halle.

Sie überprüft mit einem kurzen Blick die Anwesenden. Eine normale bunt gemischte Truppe. Die Sporthalle ist in drei gleich große Bereiche unterteilt. Ganz rechts bauen einige Schüler bereits Volleyballnetze auf und links werden Hockey Tore aufgestellt. In der Mitte sind einige Schüler damit beschäftigt blaue Matten auf dem Fußboden zu verteilen.

Sie sieht Logan im Gespräch mit ein paar Mitschülern. Auch er bemerkt sie, reagiert allerding nicht und wendet sich stattdessen zu dem Jungen, der Aeryn vorhin als heiß bezeichnet hat.

„Wir sehen uns später Aeryn.“ Und schon ist Kayla auf dem Weg zu den Volleyballfeldern.

Aeryn muss grinsen, die kleine Kayla war auch wirklich die kleinste, aber trotzdem passt es irgendwie zu ihr, sich in der Domäne der großen Sportler behaupten zu wollen. Sie wirkt hoch motiviert und viele ihrer Mitstreiter begrüßen sie herzlich.

Aeryn geht in die Mitte zu dem Mattenwagen und will gerade eine von den blauen Matten herunterziehen, um beim Aufbau zu helfen, als sie angesprochen wird, ob sie Hilfe braucht. Logans Freund von eben ist zu ihr gekommen.

„Äh, danke.“ Die beiden ziehen eine Matte zur rechten Seite. Danach richtet der Typ sich auf und stellt sich als Dave vor.

„Hallo, ich bin Aeryn“, gibt sie zögerlich zurück.

„Ja ich weiß, Logan hat mir von dir erzählt.“ Er lächelt sie an.

„Aha“, und was soll sie jetzt mit dieser Information anfangen?

„Also, er hat erzählt, dass du viel umgezogen bist und…“ Dave schaut sich etwas verunsichert um.

„Ja, und? Was noch? Jetzt sag‘s halt schon!“ Auf solche Spiele kann Aeryn wirklich verzichten.

„Und in den vielen Ländern, in denen du warst, hattest du doch auch immer mal wieder kleinere Jobs…“

„Wie bitte, was?“ Was redet der Typ nur?

Jetzt fängt Dave an breit zu grinsen.

„Ich wollte dir nur sagen, dass ich deine Arbeit wirklich bewundere! Ich bin ein regelrechter Fan! Deine Filme sind klasse!“

Aeryn schaut ihn entsetzt an. Fast schon flüsternd fragt sie: „Was für Filme?“

„Naja, zum Beispiel warst du die Hauptdarstellerin in Strip langsam und in Schneeflittchen und die sieben Schwänze, wirklich klasse Arbeit!“

Das kann nur auf Logans Mist gewachsen sein!

Aeryn schaut Dave an und sieht seine hellblaue Aura durch die, wie erwartet, ein Riss geht. Sie konzentriert ihre ganze Energie auf seine Seele und der Riss verschwindet wie bei der Kellnerin.

Genau wie beim ersten Mal kommt es Aeryn so vor, als würde die Aura kurz aufglühen und dann geheilt wieder zur Ruhe kommen. Der Riss verschwindet. Aeryn bemerkt, dass sie jetzt, wo sie weiß, wie es geht, es gar nicht so schwer hat, Logans Manipulation aufzuheben.

Verwirrt steht Dave da.

Er reibt sich den Kopf und bemerkt dann schließlich Aeryn, die vor ihm steht.

„Oh hey. Ich bin Dave, du bist die Neue, Aeryn, richtig?“ Er reicht ihr die Hand zur Begrüßung.

Aeryn versucht ihre Wut runter zu schlucken und sagt statt Daves Hand zu nehmen nur in einem betont freundlichem Tonfall: „Tu mir bitte den Gefallen und sag Logan, dass er sich die kindischen Scherze sparen soll!“
Dave zieht seine Hand zurück und nuschelt ein „OK“ und macht sich auf den Weg zurück zu Logan. Dieser hat die ganze Szene beobachtet und grinst sie schelmisch an.

Dave tritt zu ihm und sagt etwas. Logan antwortet zurück und schickt ihn wieder los. Logans Grinsen ist nur noch leicht zu erahnen und seine Augen funkeln böse. Aeryn steht mit verschränkten Armen da und sieht zu wie Dave wieder zu ihr kommt.

Sobald er in Hörweite ist, beginnt er mit: „ Hey Süße, also, ich schätze wir zwei…“, doch weiter kommt er nicht, denn Aeryn hat bereits seine Aura von Logans Manipulation befreit. Wie angewurzelt steht er da und blickt ins Leere. Jetzt kommt Logan und mit zu Fäusten geballten Händen tritt er zu Dave. Er flüstert etwas in sein Ohr und Dave schaut wieder zu Aeryn. Dieses Mal schafft es Aeryn sogar noch, bevor er etwas sagen kann, seine Aura zu befreien.

Dave greift sich mit einer Hand an seine Stirn und hält sich mit der anderen an Logan fest.

„Wow, Alter. Mir ist grad voll schwindelig!“

Logan stützt ihn und flüstert wieder etwas in sein Ohr.

Leicht benommen stellt sich Dave wieder gerade hin. Aeryn sieht die grauen Augen von Logan und kann es gar nicht fassen, wie egoistisch dieser Mistkerl ist! Jetzt tritt auch sie näher zu den beiden und mit einem schneller Ruck ist die Aura von Dave wie zuvor. Er schwankt noch stärker und Logan hat alle Mühe ihn auf den Beinen zu halten. Schließlich geben Daves Beine nach, und er sackt auf dem Fußboden in sich zusammen. Sie hören ein Pfeifen aus einer Trillerpfeife und der Sportlehrer Mr. Fox kommt zu ihnen gerannt.

„Junge, alles in Ordnung?“, er beugt sich zu Dave, der mit seinen Armen seine Augen bedeckt. Inzwischen hat sich eine kleine Gruppe an Schülern um sie versammelt.

Dave stöhnt nur und Mr. Fox befiehlt zwei der umstehenden Jungs Dave ins Krankenzimmer zu bringen.

„Das hast du ja toll hingekriegt!“ Logan steht mit verschränkten Armen vor Aeryn.

„Wie bitte?“, zuerst ist Aeryn fassungslos und dann überkommt sie ihre ganze Wut.

„Das ist doch nicht meine Schuld! Du hast doch die ganze Zeit nicht locker gelassen!“ Aeryn wird immer lauter und auch Logan erhebt jetzt seine Stimme.

„Du bist so eine Langweilerin! Kannst nicht einmal ‘nen kleinen Spaß ab und musst gleich völlig überreagieren!“

„Ich soll überreagiert haben? Du hast ihm weiß gemacht ich sei eine…!“

„Gibt es ein Problem?“ Mr. Fox unterbricht sie. Aeryn bemerkt, dass einige ihrer Mitschüler den Streit beobachtet haben.

„Nein, alles gut.“ Aeryn senkt rasch ihre Stimme und quält sich ein Lächeln ab.

Doch der Lehrer scheint ihr nicht zu glauben.

„Aha, ok… Dann haben wir hier ja schon mal das erste Pärchen zum Trainieren für heute. Ms. Padell und Mr. Johnsen, sie werden diese Matte hier nehmen.“

„Was?“, platzt es aus Logan und Aeryn gleichzeitig raus.

Doch Mr. Fox ignoriert sie. Er ist ein großer muskulöser Mann und mit seiner Kappe sieht er aus wie ein Ex-Soldat. Aeryn glaubt, dass ihm zu widersprechen nicht sehr klug wäre und findet sich schließlich innerlich damit ab. Warum schafft sie es nur nicht, Logan einfach aus dem Weg zu gehen?

Der Sportlehrer teilt alle restlichen Schüler nach ihrer Größe in Zweiergruppen ein. Immer mehr Pärchen verteilen sich im Raum.

„Und Mrs. Giftig, schon mal Judo gemacht?“, fragt Logan Aeryn ohne sie anzusehen, während er über ihre Matte auf die gegenüber liegende Seite geht. Hinter ihm steht ein Wagen voller weißer Jacken mit Gürteln in verschiedenen Farben.

„Nein, nie. Hab‘ ehrlich gesagt auch überhaupt keinen Plan, was mich erwartet“, antwortet Aeryn mit gepresster Stimme. „ Interessiert mich auch nicht!“

„Na du wirst deine helle Freude haben!“, behauptet Logan ironisch. Er dreht sich zu dem Wagen um, holt zwei weiße Stoffknäule heraus und gibt Aeryn eins.

„Zuerst müssen wir diese Jacken hier anziehen. An denen orientieren wir uns, wenn wir uns gegenseitig auf die Matte werfen.“

„Aha“, Aeryn macht keinerlei Anstalten sich zu bewegen und steht nur steif vor ihm.

„Boa ey, was ist jetzt schon wieder?“, fragt er genervt.

„Ehrlich Logan, wie kannst du das machen? Du manipulierst alle um dich herum zu deinen Gunsten und jetzt sogar noch, um mir zu schaden! Wie kannst du deine Fähigkeiten so missbrauchen? Du hast verdammt nochmal eine Verantwortung.“

Logan erstarrt und Entsetzen macht sich auf seinem Gesicht breit. Doch nur kurz, dann wird er zornig: „Ach, und du bist hier die Heilige oder was? Ist es etwa fair immer gleich zu wissen, wem man gegenüber steht, ohne auch nur ein Wort mit der Person gewechselt zu haben? Deine Meinung steht sofort fest, und es lässt sich auch nichts daran ändern!“

„Ruhe dahinten und Aufstellung beziehen!“, brüllt Mr. Fox. Die ganze Klasse dreht sich um und beobachtet, wie Logan und Aeryn sich die Jacken anziehen und bereit machen. Jeder spürt die eisige Kälte zwischen den beiden.

„Was ist denn da los?“, murmelt Regina.

Aeryn hat gar nicht bemerkt, dass auch Regina in diesem Kurs ist.

Hätte ich mir ja eigentlich denken können. Wo Logan ist, ist sie natürlich auch.

Nach ein paar kurzen Aufwärmübungen geht es richtig los. Mr. Fox erklärt den ersten Wurf und macht ihn mit einem der Mitschüler der Klasse vor. Aeryn ist geschockt. Man muss seinen Partner praktisch umarmen.

Das kann ich nicht! Aeryn erstarrt. Doch diesmal vor Angst.

„Stell dich verdammt noch mal nicht so an!“, zischt Logan.

„Du hast doch keine Ahnung! Du bist unfähig, dich in die Lage von anderen zu versetzen. Mitgefühl kennst du schließlich nicht!“

„Jetzt mal ganz ehrlich, hör endlich auf, meinen persönlichen Moralapostel zu spielen! Ich bin bisher gut klar gekommen und werde mein Leben nicht wegen einem kleinen erhobenen Finger ändern!“

„Gut klar gekommen? Das glaub ich dir aufs Wort! Wer sollte dir auch Steine in den Weg legen? Wer braucht schon echte Freunde, wenn man doch so viele falsche haben kann!“

Beide beben vor Zorn und fangen an, sich wie Raubkatzen zu umkreisen.

Ihr Abstand wird immer größer.

„Ist dir aufgefallen, dass wir beide genau gegensätzlich begabt sind? Bleibt abzuwarten, wer mächtiger ist. Du bist die, die andere sofort im Kern erkennt und ich bin der, der ihn verändert“, knurrt Logan sie an.

„Oh bitte, als ob du die Menschen in Kern veränderst! Du kratzt an der Oberfläche!“

Aeryn erkennt jedoch die Wahrheit in seinen Worten.

Dies ist weitaus mehr als nur ein Trainingskampf. Es geht inzwischen um so viel.  Es geht um Macht und wer von ihnen über den anderen triumphiert. Wer erliegt dem anderen?

„Fragt sich nur, wessen Begabung ausgeprägter ist.“

Und mit diesen Worten spürt Aeryn wie etwas mit aller Macht versucht, in ihren Geist einzudringen. Sie spürt einen heißen Punkt auf ihrem Geist, direkt vor ihrer Stirn, doch sie schafft es ihn irgendwie davon abzuhalten einzudringen. Aeryn schwankt, aber bleibt stehen. Ihr Körper ist mit einer Gänsehaut überzogen und ihre Muskeln stehen unter Strom. Logan versucht verzweifelt, ihre geistige Barriere zu durchdringen. Seine grauen Augen starren sie an. Sein Gesicht ist bereits gerötet von der Anstrengung und Schweiß bildet sich auf seiner Stirn. Er zieht sich zurück und im selben Moment schießt Aeryn vor. Ihre Energie knallt gegen eine unsichtbare Wand, doch sie ist vorbereitet und setzt sofort nach. Sie sieht die ganze Welt in Farben, doch nur Logan scheint hier nicht wirklich zu existieren. Aeryn kann ihn und seinen seltsam Schutz mit ihrer Kraft nur ertasten, jedoch nicht sehen. Sie steht da wie eine Säule und wirft sich mit aller geistigen Kraft erneut gegen seine Aura. Logan taumelt und die Wand wird gummiartig. Er fängt sich jedoch rasch und seine Mauer verhärtet sich wieder. Aeryn gibt alles, konzentriert noch einmal ihre ganze Energie auf diese Mauer, versucht sie aufzubrechen. Schafft es aber nicht und entspannt sich für einen Moment. Sie schnappt nach Luft. Ihr Rücken ist schweißnass. Auch Logan hat die Arme erschöpft auf die Oberschenkel gestützt, und seine Augen haben ihre normale eisblaue Farbe. Ihre Mitschüler sind inzwischen alle mit sich selbst beschäftigt, nur  Kayla schaut noch besorgt herüber. Logan schenkt ihr ein aufmunterndes und beruhigendes Lächeln. Er dreht sich wieder zu Aeryn und beide richten sich auf.

Es herrscht kein Frieden, keine Waffenstillstands-Situation.

Aeryn erinnert sich an den Schlag, den sie ihm im Wald verpasst hat. Ihre Hand kribbelt. Sie fühlt wieder seine Haut.

Die Halle ist erfüllt von Geräuschen, doch die beiden warten nur auf eines. Irgendein Signal, etwas, das ihnen zeigt, dass es jetzt ernst wird. Das Training ist vorbei.

Da ist er, der Schrei von Regina, wie sie auf die Matte geworfen wird.

Aeryn löst sich aus ihrer Position und marschiert auf Logan zu. Sie hasst ihn! Logan, diesen schönen, arroganten, selbstverliebten und selbstsüchtigen Kerl! Sie will, dass er endlich aufhört mit der Sklaverei! Noch niemals zuvor war sie so wütend! Sie will ihn noch einmal schlagen! Ihn berühren.

Alle Gedanken von Aeryn sind nur auf ein Ziel gerichtet. Vergessen sind alle Ängste und Bedenken. Sie will Gerechtigkeit.  Mit all ihrer letzten Kraft! Da ist auch schon das heiße Brennen auf ihrer Seele. Sie geht immer weiter. Sie drückt gegen Logans Aura. Nun läuft auch er auf sie zu. Das Brennen wird heiß, doch gleichzeitig konzentriert Aeryn ihre ganze geistige Kraft auf Logan. Sie sind nur noch wenige Meter voneinander entfernt. Aeryn atmet tief ein. Sie zieht ihre Energie zurück, um noch einmal Kraft zu schöpfen.

Sie erhebt ihre Faust.

Kurz bevor sich ihre Körper berühren, treffen ihre Kräfte aufeinander.  Sie fühlt, wie ihre Energie gegen die von Logan stößt. Sie lässt nicht nach. Blitze funken zwischen ihnen auf. Die Energie durchzieht ihre beiden Körper. Keiner ist stärker als der andere. Beide lassen nicht nach. Der Druck steigt.

Und dann, plötzlich, ohne Vorankündigung, brechen ihre Kräfte zusammen. Sie verschwimmen und verbinden sich; Aeryns Aura mit Logans Blitzen.

 

Die Sterne spiegeln sich auf der glatten, schwarzen Wasseroberfläche.

Ich liege in einem Boot, doch nicht alleine. Ich erinnere mich an diesen Ort, doch dieses Mal ist etwas anders. Ich schaue nach links und kann Logan erkennen. Was macht er denn hier? Wie kam er hierher?

Er öffnet seine Augen und sieht sich verwirrt um.

„Wo sind wir?“, fragt er mich.

Ich will ihm sagen, dass er keine Angst zu haben braucht, er sicher ist und ich diesen Fluss kenne, finde aber meine Stimme nicht. Stattdessen lächle ich ihn beruhigend an und deute auf die kleine Insel. Die riesige Trauerweide öffnet bereits ihre Zweige, um uns hinein zu lassen. Unser Boot treibt ruhig auf sie zu.

„Hast du das gehört? Schluchzt da jemand?“

Ich nicke.

„Da steht ja ein Mädchen. Was für ein seltsamer Glanz sie umgibt. Oh, sie weint. Warum weint sie denn?“

Erneut kann ich ihm nicht antworten.

„Und wer ist sie?“, gerade als ich ihm zu verstehen geben will, dass ich es auch nicht weiß, liefert er mir die Antwort.

„Das bist ja du! Du mit vielleicht 12 Jahren.“

Das Mädchen hebt ihren Kopf.

Fragend betrachte ich Logan.

Wir passieren gerade mit der Spitze unseres Bootes die Äste. „Diese türkisen Augen würde ich überall erkennen.“

Stimmt das? Bin das wirklich ich? Irgendwie glaube ich Logan, es fühlt sich richtig an.

Da höre ich auch schon das bedrohliche Knurren, das ich befürchtet habe. Der unnatürliche Wolf tritt aus seinem Schatten und schleicht zu dem Mädchen. Doch dieses Mal ist etwas anders. Seine Augen glühen, doch weiß er anscheinend nicht, wer die größere Bedrohung ist, Logan oder ich…

Das Mädchen sieht uns verwirrt an. Auf ihren Wangen sind noch die Spuren ihrer Tränen zu erkennen.

Das Boot liegt nun komplett unter den Ästen und das Blättertor schließt sich hinter uns.

Das Mädchen, ich, steht immer noch am Ufer und schaut uns fragend an. Der Wofl umkreist sie mit regelmäßigen Bewegungen.

Das Boot erreicht etwas abseits von ihnen den Sand.

Ich habe Angst auszusteigen, das Feuer muss bald kommen. Logan hingegen erhebt sich und betritt das Ufer. Er geht auf das Mädchen und den Wolf zu.

Hat er denn gar keine Angst? Der Wolf könnte ihn in Sekunden zerfetzen.

Das Mädchen erschrickt vor Logan und alles verändert sich wieder. Langsam kriecht die Glut hervor, das Licht strahlt rot, und es wird immer wärmer. Die Augen des Mädchens sind wieder schwarz geworden. Der Wolf dreht noch immer seine Kreise um sie. Sein Fell steht bereits in Flammen.

Logan bleibt stehen und spricht mit dem Mädchen: „Du musst keine Angst vor mir haben. Ich will dir nichts Böses.“ Er wagt sich weiter vorwärts.

Ihre Hände entzünden sich. Die Flammen kriechen ihre Arme hinauf, doch Logan lässt sich nicht beirren und geht weiter, mit langsamen Schritten.

Der Wolf ist eine Flammenmasse.

Er wird Logan töten! Ich kann das nicht zulassen!

Ich atme die schwere, heiße Luft ein und steige aus dem Boot. Der Wolf und die schwarzen Augen des Mädchens blicken mir entgegen.

Doch Logan scheint mich nicht zu bemerken.

Wieso finde ich meine Stimme nicht? Bleib stehen Logan, geh nicht weiter!

Ich habe ihn jetzt fast eingeholt und wir sind nur noch wenige Meter von Wolf und Mädchen entfernt.

Ich merke, wie mir kalter Angstschweiß den Rücken herunter läuft.

Sie beobachten uns!

Logan, bleib stehen! Kein Ton entweicht meinen Lippen.

Meine Hand zittert. Ich nehme meinen Mut zusammen und hebe meinen Arm über Logans Schulter. Ohne einen weiteren Gedanken packe ich ihn an der Schulter und ziehe ihn ein Stück zurück.

Überrascht aber ohne Wiederstand lässt er es geschehen.

Im gleichen Moment vergrößert sich der Flammenwolf ums dreifache. Er faucht und schlägt mit seiner Pfote über den Sand. Dabei hinterlässt er leuchtende Furchen. Er wirft seinen Kopf wild umher. Von einem Flammenmeer umlodert. Noch immer halte ich Logans Schulter. Ich halte mich an ihr fest. Logan dreht sich zu mir und hebt einen Arm, um unsere Augen zu schützen. Wir stehen ganz dicht beieinander.

Das Leuchten wird noch heller und ich schließe die Augen. Logan nimmt mich in seine Arme und ich lege mein Gesicht auf seine Schulter. Er vergräbt sein Gesicht in meinen Haaren am Hals.

Es ist so heiß und hell!

Ich lege meine andere Hand auf seinen Rücken, und er zieht mich dichter zu sich heran.

Ein lautes Aufheulen, ein greller Blitz und die Hitze ist auf einmal verschwunden.

Wir lösen uns aus unserer Umarmung und Logan lächelt sanft. Auch ich muss etwas grinsen und merke, wie ich mich plötzlich leichter fühle.

Das Mädchen steht noch immer da.

„Willst du mir ehrlich nicht weh tun?“, fragt sie Logan.

Er geht zu ihr und kniet sich vor sie, damit er ihr in die Augen sehen kann.

Auf ihren Armen tanzen noch immer kleine Flammen, doch nicht mehr so intensiv wie zuvor.

„Niemals!“, antwortet Logan mit voller Überzeugung.

„Wirst du mich wieder verlassen?“

Logan gerät ins Stocken:

„Das ist es, wovor du so viel Angst hast? Vor dem Verlassen werden? Und deshalb willst du nicht, dass dich jemand berührt?“

Überrascht sehe ich ihn an.

„Klar ist mir das aufgefallen. Deine Maskerade ist doch nicht so gut wie du dachtest.“ Mit dem letzten Satz dreht er sich zu mir um.

Doch es liegt keine unterschwellige Beleidigung in seiner Stimme und seine Augen strahlen mich fröhlich an.

Er hat recht, mit dem was er sagt. Auch, wenn ich es mir nicht eingestehen will, nicke ich ihm zu. .

„Ich werde dich nicht verlassen. Ich verstehe dich. Du bist der erste Mensch, den ich verstehe!“

Und er berührt das Mädchen an ihrem  flammenden Arm. Die Kleine lächelt und blickt zu mir rüber.

Logan steht auf und stellt sich hinter sie. Noch immer hat er eine Hand auf ihrer Schulter… Auf meiner Schulter. Ich kann sie fast bei mir fühlen.

Langsam gehe ich auf mich zu.

Das Adrenalin schießt mir in sämtliche Adern. Je näher ich mir selber komme, desto stärker wird der Wind. Die Kleine bleckt ihre Zähne und funkelt mich feurig an. Ein grausiger Schrei entflieht ihrer Kehle. Ihre Stimme ist wieder der schrille, verzerrte Ton von damals.

Sie wirft ihren Kopf wild hin und her.

Ich schlucke schwer und sehe die blauen Augen von Logan.

Er redet mit mir, ganz sanft: „Vertrau dir selbst. Du bist stark, schön und hast keinen Grund, Angst zu haben…“

Der brennende Arm des Mädchens schnellt vor. Steif und unbeweglich zielt er auf mich. Ihr Körper zuckt und ihr Kleid weht bedrohlich um sie herum.

Ich nehme all meinen Mut zusammen, gehe die letzten zwei Schritte bedächtig, hebe meinen eigenen Arm. Ich fühle die Hitze des Feuers auf meiner Haut. Meine Finger schweben nur noch zwanzig Zentimeter über ihren. Ein letzter Blick zu Logan und ich hole tief Luft und spüre die Haut unter meiner Hand.

Aeryn kann ihre Augen nicht öffnen. Sie liegt da und hört ihren Herzschlag. Langsam gesellt sich ein zweiter dazu. Ganz dicht neben ihrem Ohr. Sie hört jemanden atmen und merkt, wie sich etwas in ihren Armen hebt und langsam wieder senkt. Sie erwacht in Logans Armen.