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Der Tänzer

Mir bleibt die Luft weg. Ich kann nicht glauben, was sich da vor mir abspielt. Ihn vor mir, so gefährlich. Niemals habe ich mir auch nur erdenken können, dass jemand, egal wer es ist, zu so etwas grausamen und wahnsinnigen in Stande sei.

»Nehms nicht persönlich, Liebste.«, murmelt er und kommt näher. Er wirkt wie eine Raubkatze, wobei ich ganz und gar nicht wie eine verschreckte Antilope reagiere. Ich stehe wie versteinert da, unfähig auch nur ein Wort zu sagen. Er macht einen weiteren Schritt auf mich zu, uns trennt höchstens noch ein Meter.

Ich habe nicht einmal gewusst, dass er eine Waffe besitzt. So ein leichtes Opfer bin ich, blind vor Liebe und Vertrauen. Wut, vermischt mit Verzweiflung, macht sich in mir breit und ich spüre, wie erste Tränen meine Wangen herunterrinnen. »Wieso?«, flüstere ich so leise, dass ich Zweifel daran habe, ob er mich überhaupt gehört hat. Doch ein breites Grinsen macht sich auf seinem Gesicht breit. Nicht wie das Grinsen, in welches ich mich so schnell verliebt habe, er sieht wahnsinnig dabei aus, irgendwie unmenschlich.

»Nicht weinen, Kleine, du wirst es kaum merken.« Ich bin mir nicht sicher, ob er meine Nerven nur noch mehr strapazieren will oder ernsthaft davon überzeugt ist, dass es mich beruhigen würde.

»Ich hätte auf Vater hören sollen.«, wispere ich und schluchze laut. Milow macht noch einen Schritt in meine Richtung und hebt die Hand. Seine Finger streifen meine Wange, wischen die Tränen weg und streichen eine Haarsträhne hinter mein Ohr. Ich zittere am ganzen Körper, Angst strömt durch mich hindurch. Mir wird schwindelig.

Milow platziert einen sanften Kuss auf meine Wange, eine Geste, wegen der ich vor wenigen Minuten noch geschmolzen wäre. Wie kann man sich so sehr an jemanden täuschen? Wie konnte ich ihm so sehr vertrauen, ich hätte ihm mein Leben anvertraut, was ich im Grunde ungewollt grade tue.

Ich werde sterben, diese Erkenntnis jagt mir einen kalten Schauer den Rücken hinab. Ich werde sterben und dass schon sehr bald.

 

Wenige Wochen zuvor

 

Es war einer dieser typischen Regentage. Die Tropfen prasselte auf meinen Schirm und tropften zu den Seiten wieder hinunter. Es war unheimlich dunkel, dabei war es noch nicht einmal achtzehn Uhr. Während ich mit hastigen Schritten in Richtung eines Cafés lief, in das meine Mutter mich schickte, um nach potenziellen Ehemännern Ausschau zu halten. Wir hatten eine unausgesprochene Vereinbarung, dass sie mir keinen Mann vorstellen würde, so lange ich wenigstens versuchte einen anzutreffen.

Unsere Nachbarin Marianne würde in zwei Monaten heiraten, eine große Feierlichkeit zu der die Halbe Nachbarschaft eingeladen wurde. Mariannes Eltern gehörten noch der altmodischen Sorte an, ihr Ehemann wurde ihr vorgestellt, sie verlobten sich noch am selben Abend und studieren durfte sie auch nicht.

Ich war so beschäftigt mit Mariannes Schicksal, dass ich den hochgewachsenen Mann erst bemerkte als er den Kopf unter meinen Regenschirm steckte. Erschrocken zuckte ich zusammen und musterte ihn. »Guten Abend, meine Dame.« Er verneigte sich und ich knickste kichernd. Außer den Freunden meiner Eltern bezeichnete mich niemand als eine Dame.

»Guten Abend, Mister, wie kann ich Ihnen behilflich sein?« Ich lächelte ihn an, seine Augen waren bezaubernd. Sein ganzes Gesicht war es.

Er fragte nach dem Weg, zu meinem Café. Ich wollte vor Freude aufkreischen, doch ich riss mich zusammen und straffte die Schultern.

»Ich bin grade auf dem Weg zu Annes.«, antwortete ich lächelnd und er strahlte. Wenn er lächelte, zeigte er seine Zähne. Anders als ich sah er dabei allerdings wunderschön aus und nicht wie ein bescheuertes Kleinkind.

»Haben Sie etwas dagegen, wenn ich Sie begleite?«, fragte er verschmilzt und ich schüttelte den Kopf. Meine kurzen Haare wippten mir ins Gesicht. »Wie unhöflich von mir, ich bin Milow Chuck Hampfrey.« Er reichte mir seine Hand die ich lächelnd ergriff. Er küsste meinen Handrücken und sah mir dann in die Augen.

Ich wurde rot und stammelte hastig: »Ich bin Cassie, eigentlich ja Cassandra, aber Cassie reicht vollkommen aus.«

»Sehr erfreut.« Milow nahm mir den Regenschirm aus der Hand und hielt ihn für mich fest. Langsam spazierten wir in Richtung Stadt. Wir sprachen nicht viel, doch die Stille zwischen uns beiden war keines Falls unangenehm. Ich genoss es still neben diesem Mann herzu gehen, eingehackt in seinem Arm, den er mir angeboten hatte.

»Wie alt Sind sie, Cassie?« Er sah zu mir herunter, doch ich wagte es nicht den Blick zu heben.

»Neunzehn.«, antwortete ich und wagte einen Blick auf sein Profil. Er sah wieder nach vorne. Ihn selbst etwas zu fragen, traute ich mich nicht. Milow war ein vollkommender Fremder für mich und es war mir noch nie einfach gefallen Kontakte zu knüpfen.

Der Mann lächelte herzlich. »Wollen Sie mich denn gar nicht nach meinem Alter fragen?«

Ich wurde rot und sah wieder zu Boden. »Wie alt sind Sie denn, Milow?« Meine Stimme zitterte und ich krallte meine linke Hand nervös in das Kleid, welches ich trug.

»Zweiundzwanzig.«

»Und was erhoffen Sie sich in Annes zu finden?« Die Frage war mir rausgerutscht, bevor ich überhaupt darüber nachgedacht hatte. Ich wünschte mir, dass er sich neben mich setzen würde und ich ihn irgendwann meiner Mutter vorstellen könnte. »Siehst du, Mutter? Ich habe es ganz ohne dich geschafft.«, würde ich ihr dann sagen. Wobei sie mich ja zu den Café-Besuchen überredet hatte, aber den Jungen hatte ich allein getroffen. Durch einen glücklichen Zufall.

Milow lachte über meine Frage und sah grinsend zu mir. »Ihre Gesellschaft würde mich sehr erfreuen, Cassie.«

Ich lächelte breit und malte mir den Gesichtsausdruck meiner Mutter aus, wenn ihr erzählen würde, dass ich einen Mann kennen gelernt hatte. Einen Mann der definitiv einen potenziellen Ehemann abgeben würde.

Wir erreichten das kleine Café, das wegen dem schrecklichen Wetter fast vollkommen leer war. Milow hielt mir die Tür auf und ich trat dankend ein. Er schüttelte den Schirm ab und ließ ihm in dem Behälter am Eingang. Der Raum roch nach Tabak, nicht so stark wie die Cafés und Restaurants die mehr Besucher hatten als das kleine, unscheinbare Annes, doch ich sehnte mich sofort nach der frischen Luft draußen, die so herrlich nach Regen duftete. Milow geleitete mich zu einem Platz und schob mir den Stuhl zurück. Als ich mich setzte rückte er mich wieder näher zum Tisch. Ich hielt die Luft an, aus Angst, ich könnte vielleicht zu schwer sein, doch Milow schien es keine große Mühe zu machen. Er selbst ließ sich auf den Stuhl gegenüber von mir nieder und winkte auch gleich einen Kellner herbei.

»Was kann ich Ihnen anbieten?«, fragte Milow noch bevor der Kellner an unserem Tisch ankam.

»Sie müssen mich nicht einladen.«

»Ich bestehe darauf, also, Miss?« Der Kellner erreichte mit gezücktem Stift und aufgeschlagenem Block unseren Tisch und sah uns abwartend und freundlich an.

Ich überlegte hastig und bestellte mir schließlich Tee. Milow bestellte sich einen Whiskey, was mich stark an meinen Vater erinnerte.

»Was treibt eine so wunderschöne, junge Dame an einem so schrecklich regnerischen Tag in ein Café? Noch dazu alleine?« Seine Stimme war tief, angenehm tief.

Ich kicherte. »Mutter besteht darauf, dass ich draußen Zeit verbringe, sie wünscht sich, dass ich auf einen netten Mann treffe.« Die Worte waren mir hinausgerutscht, bevor ich nachdenken konnte. Mutter behauptete jedes Mal, es sei meine schlimmste Eigenschaft, weil ich immer zuerst Reden und danach Nachdenken würde.

»Nun, dann ist ihr Wunsch doch in Erfüllung gegangen oder?«

Ich wurde rot und sah auf meine Finger hinunter. Der Kellner brachte unsere Getränke. Ich bedankte mich leise und griff nach der dampfenden Tasse. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Milow sein Glas an die Lippen hob und einen Schluck nahm. Ich hob den Kopf wieder und sah ihm dabei zu, wie er sein Glas wieder abstellte und genüsslich den Mund verzog.

»Kein Grund rot zu werden, Miss Cassie, Sie sind eine außerordentlich schöne Frau.« Seine Worte linderten die Röte in meinem Gesicht keinesfalls, stattdessen könnte ich schwören, dass sie sich noch verschlimmerte. Er grinste, seine Augen ruhten auf meinem Gesicht. Ich zupfte an meinem Kleid. Mutter hatte es erst letzte Woche beim Schneider abgeholt, ich fand es wunderschön.

»Sie sind ein außerordentlich gutaussehender Mann, Milow.«, wisperte ich und nahm einen Schluck von meinem Tee. Er lächelte mich an und nickte.

»Vielen herzlichen Dank.«

Ich hatte das Gefühl zu strahlen. Als hätte sich eine kleine Sonne in meinem Inneren breit gemacht die nun hinaus strahlte. Seine Worte gaben mir das Gefühl, nicht nur wunderschöne Kleider zu tragen, sondern auch selbst so zu sein. Milow nippte an seinem Whiskey.*

»Mögen Sie die Oper, Cassie?«

»Ich liebe sie. Meine Mutter nahm mich zur Aufführung von Der Schatzgräber mit. Ein wunderbares Stück, kennen Sie es.«

Als er lächelnd nickte, kicherte ich entzückt. Vater hasste die Oper, er hasste so ziemlich alles, was damit zu tun hatte, doch Mutter hatte mich zu Beginn jedes Mal begleitet. Eines Tages hatte Mutter dann beschlossen, dass ich alt genug wäre, um alleine in die Oper zu gehen.

»Der Schatzgräber ist wirklich erstaunlich.«, behauptet Milow und entfachtet in mir ein kleines Feuer. »Es hat ein wunderschönes Ende, finden Sie nicht auch?«

»Mir kommen jedes Mal die Tränen.«, gestand ich und beobachtete ihn dabei, wie er den letzten Schluck seines Getränkes austrank und das Glas kirrend zwischen uns stellte. Auch mein Tee war inzwischen fast leer.

Milow griff nach meiner Hand. Mir stockte der Atem. Seine Hand fühlte sich warm auf meiner an, seine Fingerkuppen strichen sanft über meine Haut. Ich fühlte mich wie eine Glühbirne, als würde er Strom durch meinen Körper jagen, der mich nur noch heller leuchten ließ. Milow faszinierte mich. »Ich würde Sie gerne Mal ins Theater ausführen, Miss Cassie.«

»Wenn das ein Angebot war, Milow, dann nehme ich es gerne an.«, antwortete ich lächelnd und straffte meine Schultern. Er ließ seine Hand auf meiner und grinste zufrieden. Wenn er lächelte bildeten sich kleine Lachfältchen unter seinen Augen, die ihm einen ausgelassenen Ausdruck verliehen.

Ich trank meinen Tee aus, Milow bezahlte beide Getränkte und bot mir seinen Arm am, damit ich mich bei ihm unterhacken konnte.

 

Milow brachte mich bis vor die Haustür. Natürlich beobachtete Mutter uns durch das Fenster. Ich straffte erneut meine Schultern, versuchte größer zu wirken, als ich tatsächlich war.

»Es war mir eine Freude, Sie kennen lernen zu dürfen, Miss.«, begann Milow. Er nahm meine Hand und küsste meinen Handrücken. Seine Geste jagte mir einen Schauer den Rücken hinunter. »Sie sind eine bemerkenswerte Frau, Cassie.« Er sah zu mir hinunter, Belustigung lag in seinen Augen. Ich verstand nicht, was ihn so belustigte, ich fragte auch nicht nach. Atemlos sah ich zu ihm rauf, seine Hand hielt meine noch immer sanft umfasst.

»Wollen Sie nicht reinkommen, Milow? Mein Vater wäre sichtlich erfreut Ihnen einen Drink anbieten zu können.« Mutter wäre erfreut darüber, dass ich einen solchen Satz zu Stande gebracht hatte.

Der junge Mann sah zu meinem Elternhaus und nahm tief Luft. »Ich bedaure, Miss, heute habe ich keine Zeit mehr, doch ich würde Sie gerne ins Theater einladen.«

Mein Herz klopfte wild und ich nickte unsicher. »Wann?«

Er lächelte. »In zwei Tagen, dann lasse ich mich von Ihnen auch gerne hineinbitten.«

»Ich nehme Sie beim Wort, Milow.« Mit einem letzten Kuss auf meinen Handrücken verabschiedete er sich von mir und ließ mich alleine am Hauseingang stehen. Kaum war er hinter dem nächsten Haus verschwunden, wurde unsere Haustür geöffnet. Mutter winkte mich hinein, nahm mir den Mantel ab und sah mich fragend an.

»Milow.«, beantwortete ich ihre unausgesprochene Frage. »Er kommt in zwei Tagen um sich vorzustellen.« Damit war das Gespräch beendet, Mutter sagte nichts darauf und ich wollte auch nichts mehr dazu sagen. Ich sprach nicht gerne mit ihr über meinen Angelegenheiten.

Auf Milow zu warten, war wie um das eigene Leben zu spielen. Ich lief unruhig in meinem Zimmer auf und ab, aß nur halbe Portionen von dem, was Mutter uns kochte und machte mir Gedanken darüber, wann er hier sein würde.

Dad las grade Zeitung als er endlich klopfte. Mutter hatte meine Haare hochgesteckt, das Kleid war blutrot und schlicht. Nervös öffnete ich die Tür, mein Herz schlug sofort schneller, als ich ihn erblickte. Der gestrige Tag hatte sich so sehr in die Länge gezogen, dass ich schon befürchtet hatte, er würde sich niemals dem Ende neigen. Milow trug einen dunklen Anzug mit Fliege. Dad bevorzugte Fliegen.

»Guten Abend, wunderschöne Cassie.« Er nahm meine Hand und küsste sie genauso wie zum Abschied vor zwei Tagen. Mein Herz machte einen Satz, ich hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

»Sie müssen Milow sein, sehr Erfreut.« Vater hatte die Zeitung zur Seite gelegt und war unmittelbar hinter mir aufgetaucht. Ich zuckte leicht zusammen. Milow hatte mich so sehr in seinen Bann gezogen, dass ich Vater nicht einmal bemerkt hatte. Mutter tauchte nun ebenfalls auf.

Nachdem Milow meinem Vater die Hand geschüttelt und meiner Mutter den Handrücken geküsst hatte stellte er sich wieder lächeln neben mich. Ich wünschte mir, dass er mich erneut berühren würde, doch er stand ganz still neben mir und ließ die musternden Blicke meiner Eltern über sich ergehen.

»Wo soll es hingehen, Milow?«

»Ins Theater, Sir.«, antwortete er und lächelte zu mir hinab. Alles in mir schmolz dahin.

»Wie schön, Cassie und ich sind Freunde der modernen Kunst.«, sagte Mutter nun. Dad öffnete uns die Tür und lächelte. Sein Grinsen erreichte seine Augen nicht und es verlieh ihm einen kalten Ausdruck. Unsicher sah ich von meinem Vater weg auf den Boden und knetete meine Finger. Vater machte mich nervös, dass hatte er schon immer getan. Ich spürte eine Hand auf meinem Rücken die mich sanft aus dem Haus meiner Eltern schob, als ich den Blick hob, lächelte Milow mir entgegen. Ehrlich und Erfreut, nicht wie mein Vater. Er bot mir seinen Arm an und ich hackte mich dankend bei ihm ein. Ich hörte noch, wie die Tür hinter uns zu viel, dann herrschte Stille um uns herum.

 

»Hat es Ihnen gefallen, Liebste?«

Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen und nickte. »Es war wundervoll. Die Musik, die Schauspieler…« Ich beendete den Satz nicht, ließ ihn einfach so stehen.

»Die sind wirklich talentiert, schauspielern Sie gerne, Cassie?«

Ich kicherte und schüttelte den Kopf. »Manchmal gehe ich mit einer Freundin tanzen, aber sie heiratet jetzt und ihr Verlobter geht nicht so gerne aus.« Ich seufzte leise und sah auf den Boden. »Deswegen sehen ich sie jetzt seltener.« Die Worte aussprechen zu können, tat gut. Noch nie hatte ich es zu jemandem sagen können. Milow sah zu mir hinunter.

»Ich könnte Sie zum Tanzen einladen, wenn Sie wollen, Cassie.« Ich sah zu ihm auf, unsere Blicke kreuzten sich.

»Sehr gerne, Milow.« Wir lächelten uns beide an.

»Dann los!«

»Jetzt?«

»Die Nacht ist noch jung, Cassie, wir haben alle Zeit der Welt.« Milow winkte seinem Chauffeur zu, der sofort das Auto startete und zu uns heran fuhr. Der ältere Mann stieg aus, öffnete zuerst mir und dann Milow die Tür, ehe er sich wieder hinters Steuer setzte und durch den Rückspiegel zu uns sah.

»War die Vorstellung gut, Mister Milow?«

»Hervorragend, Alfred.« Während er sprach, ruhte sein Blick auf mir.

»Und wo hin soll es mit der Dame gehen?«

»Zum Tanzen.« Er lächelte mich an. »Zu Clärchen‘s Ballsaal

 

Wir tanzten. Langsam, schnell, nah beieinander und mit anderen Tanzpartnern. Milow tanzte gut, ich war froh, dass er es tat. Wenn er wie Mariannes Verlobter, jegliche Veranstaltungen hassen würde, bräche eine Welt für mich zusammen. Atemlos blieben wir am Rand stehen, sahen zu wie sich die Paare um einander drehten. Ich hielt mich an Milows Arm fest. Aus meiner Frisur hatten sich einzelne Strähnen gelöst und fielen mir jetzt lose ins Gesicht. Ich strich sie aus meinen Augen hinters Ohr und holte tief Luft. Milow war ein unheimlich guter Tänzer, er war so

»Es ist berauschend.«

»Faszinierend.« Er umschloss meine Finger mit den seinen und drückte sie leicht. »Sie verhalten sich hier ganz anders als sonst.«

Seine Bemerkung verwirrte mich, ich runzelte die Stirn. »Ach, echt?« Mutter wäre entsetzt von meinen Ausdrücken, wenn sie sie mitbekäme.

»Sie verhalten sich freier, ruhiger.« Er grinste. »Ich mag Sie, wenn Sie nicht unter Stress stehen, Cassie. Wobei du mich auch sonst verzauberst.«

Meine Knie wurden weich, ich lächelte nervös und mein Herz klopfte so wild, dass ich befürchtete, er könnte es hören. Wobei die Musiker das irre Klopfen sicherlich übertönten. »Sie sind ein wahrer Gentleman, Milow, ich finde sie sehr sympathisch.«

»Mögen Sie mich?«

»Mögen Sie mich denn, Milow?«

»Wahnsinnig gern.«

Ich wurde rot, strahlte übers ganze Gesicht. Er machte mich nervös und gleichzeitig so unfassbar glücklich, dass ich mir kaum vorstellen könnte, ohne ihm zu leben.

»Wollen Sie mir nicht antworten?« Er lachte leise und brachte mich damit nur noch mehr zum Lächeln.

»Sie sind eine wunderbarer Mann, Milow.«, wisperte ich. Er grinste und beugte sich zu mir herunter. Mir stockte der Atem, noch nie war ich einem Mann so nahe gewesen. Noch nie hatte mir ein so wunderbarer, junger Mann, solche Sachen gesagt, mich so bezaubert. Ich hatte das Gefühl, ihm alles anvertrauen zu können, ihm Dinge sagen, die ich mich nie zuvor getraut hatte.

Milow machte den Mund auf, als würde er etwas sagen wollen, doch dann schloss er ihn wieder und sah weg. Einen Moment lang blickte ich irritiert zu ihm auf, dann folgte ich seinem Blick und bemerkte eine kurzhaarige Frau in unserer Nähe. Sie war kaum größer als ich und als ich wieder verdattert zu ihm blickte, stockte mir der Atem. Seine Augen waren dunkel, dunkler als sonst. Sein Gesicht versteinert, er wirkte böse, wütend. Milow sah bedrohlich aus, wie jemand komplett anderes. Ich schluckte die aufsteigende Panik herunter.

»Milow?« Ich klang verzweifelt. Sofort sah er wieder zu mir, sein Blick lichtete sich, fast glaubte ich schon, dass ich mir seine Reaktion auf die andere Frau nur eingebildet hatte. Doch tief in mir zog sich etwas schmerzhaft zusammen.

»Darf ich Sie küssen, Liebste?«

Langsam, aber bestimmt, nickte ich. Unsere Blicke trafen sich, seine Hand fühlte sich warm an, als er sie auf meine Wange legte. Als unsere Lippen sich berührten, schloss ich die Augen. Er war sanft, nicht aufdringlich. Liebevoll, nicht fordernd. Der Kuss war mehr, als ich mir hätte jemals erträumen können.

Wir lösten und voneinander, sahen uns schweigend in die Augen. Milow grinste ehe er mich ein weiteres Mal küsste.

 

Nach dem Abend kam Milow fast täglich zum Haus meiner Eltern. Dad schenkte ihm hin und wieder einen Drink ein, Mum sprach mit ihm über seinen Beruf, seine Freunde und was er sonst gerne tat. Ich wartete grade im Salon, als Dad die Zeitung senkte und mich musterte.

»Sie haben wieder eine gefunden.«, begann Vater.

»Ein Mädchen?«

Vater nickte und sah mich unverwandt an. »Pass auf dich auf, wenn du unterwegs bist. Es ist bereits die Vierte und die haben keine Ahnung, wer es ist.«

Ich nickte bloß und murmelte leise: »Tue ich, Vater.«

Er gab sich mit meiner Antwort zufrieden und schlug die Zeitung wieder auf. »Ich meine es ernst, Cassie. Irgendwo hier treibt sich ein Mörder herum und keiner weiß wer es ist.«

»Ja, Vater.«

Ich atmete erleichtert auf als Mutter die Tür in den Salon aufdrückte um uns Bescheid zu geben, dass Milow da war. Ich sprang förmlich auf und verließ den Raum, bevor meine Eltern noch etwas sagen konnten. Milow grinste mich an und küsste meine beiden Wangen. Ich schmolz unter seiner Berührung dahin und lächelte breit. Er begriff meine Hand und verabschiedete sich von meiner Mutter. Vater war nicht einmal aus dem Salon gekommen.

»Wollen wir los?« Ich nickte Milow zu und folgte ihm aus dem Haus. Mutter schloss die Tür hinter uns und sah uns durch eines der Fenster nach. Ich spürte wie sich ihre Blicke in meinen Rücken bohrten. Milow strich sanft über meinen Arm, mein Puls verlangsamte sich und meine Atmung wurde ruhiger. Seine bloße Anwesenheit entspannte mich vollkommen.

»Wohin gehen wir?«, fragte ich ihn und blinzelte in die Mittagssonne.

»Ich wollte dich zu mir einladen.«, antwortete er. »Zum Essen.«

»Wie aufmerksam von Ihnen.«

»Ich dachte, wir beide sind schon so weit, dass wir uns nicht siezen müssen, Cassie.«

»So etwas ist ungewohnt für mich.«, gestand ich. Wir spazierten zu ihm nach Hause, ich hielt seinen Arm umklammert und ab und zu strich er sanft mit seiner freien Hand über meine Haut. Ich genoss das kribbelnde Gefühl, dass seine Berührungen in mir verursachten.

»Für mich ist es ungewohnt, eine so wunderschöne Frau wie dich zum Essen einzuladen.« Erneut überkam mich eine Welle voller Glück und ich drohte darin zu ertrinken. Seine Komplimente wirkten so ernstgemeint, dass mir jedes Mal das Herz stehen bleiben wollte. Ich wollte niemals auch nur eins seiner Worte vergessen.

Es dauerte eine Weile, bis wir das Haus erreichten, in dem Milow lebte. Ein Hausmädchen öffnete uns die Tür. Sie lächelte freundlich als sie Milow erkannte und ließ uns eintreten.

»Guten Tag, Mister Milow.« Milow nickte ihr zu und nahm mir den Mantel ab, streifte seinen eigenen ab und reichte beide dem Hausmädchen.

Er führte mich durch das gesamte Haus herum. Zeigte mir Salon, Esszimmer und Küche. Zu seinem Schlafzimmer und den Toiletten wies er bloß auf die Türen.

»Bist du nicht ein wenig einsam in diesem Haus?«

Er zuckte mit den Schultern. »Meistens sind Minnie und Alfred noch hier, sie fahren allerdings bald wieder.«

Wir waren zum ersten Mal richtig alleine. Niemand der uns stören würde. Doch meine Befürchtungen traten nicht ein. Milow führte mich in das Esszimmer und wies mir an mich zu setzen. Minnie hatte für uns beide gekocht, sie servierte uns paniertes Hühnchen und der Duft ließ meinen Magen knurren.

»Guten Appetit, Miss Cassie und Mister Milow.« Minnie knickste leicht und verschwand aus dem Esszimmer. So hastig, dass ich mich nicht einmal bei ihr bedanken konnte. Milow schien dies gar nicht zu stören.

Ich straffte die Schultern und nahm die Gabel in die Hand. »Du lebst hier also alleine?«

»Ich bin alt genug um alleine zu leben.«

»Hast du Kontakt zu deinen Eltern?«

»Ich habe meinen Vater nie kennen gelernt, weil ich ein uneheliches Kind bin.« Ich hielt die Luft an, während er sprach. »Meine Mutter war sehr jung als sie mich bekam.« Minnie hatte mir ein Glas Wasser hingestellt während Milow an Whiskey nippte. »Was ist mit deinen Eltern?«

Ich seufzte und nahm ein Stück des Hühnchens in den Mund. Es schmeckte köstlich. »Ich glaube meine Eltern lieben einander nicht. Mutter ist sehr… vorsichtig und aufdringlich, während Vater seine Zeitung liest, lange weg ist und diesen kalten Blick drauf hat. Ich habe Angst vor ihm.«

»Du wirkst nicht wie jemand, der sich von seinen Eltern abwendet.«

»Was ist mit deiner Mutter passiert?«

»Ich habe sie das letzte Mal gesehen, da war ich fünf und sie etwa so alt wie du.«

»Das tut mir leid.«, flüsterte ich. Er nickte bloß und trank mit einem Schluck seinen Whiskey aus. Er schiebt seinen Teller von sich und sieht mich mit schief gelegtem Kopf an.

»Ich habe daraus mehr oder weniger meine Bestimmung erlangt.« Seine Stimme klang tief, tiefer als sonst und seine Augen waren dunkel.

Er richtete sich auf. Ich blickte verwirrt zu ihm auf, die Stimmung hatte sich so schlagartig verändert.

»Welche Bestimmung?«

»Eine Art Bestrafung.«

»Bestrafung? Für wen? Wen möchten Sie bestrafen, Milow?« Ich runzelte die Stirn, konnte nicht verstehen, was er mir da versuchte zu sagen. Was in seinem Kopf vor sich ging.

»Ich dachte wir wären bereits beim „Du“, Cassie?« Als ich nichts darauf sagte, verzog er das Gesicht zu einem spöttischen Lächeln. »Für jede, die so ist wie sie. Du hast ihre Augen, fast jedenfalls und Mutter hatte ebensolche goldenen Locken wie deine.« Er zog eine Waffe aus seiner Hose. Ich realisierte nicht einmal richtig, was er da hinter seinen Rücken hervor zog. Er muss sie unter seinem Hemd versteckt haben, ich hätte sie bemerken müssen.

Nicht einmal mein Vater besaß eine Pistole, nicht einmal ein Jagdgewehr hatten wir zu Hause und Milow lehnte seelenruhig am Esstisch mit einem Revolver, den er vor sich auf dem Tisch ablegte. Sein Blick lag unentwegt auf mir, nervös rutschte ich auf dem Stuhl herum. Alles in mir schrie nach Flucht, ich sollte einfach laufen.

»Willst du mich umbringen?«

»Mit vergnügen.« Bei seinen Worten sprang ich auf und stürmte so schnell ich konnte in Richtung Salon um von dort aus in den Eingangsbereich zu gelangen. Doch Milow kannte sich in seinem Haus gut aus, er lief mir nicht hinterher, sondern nahm den Weg über die Küche. Grade als ich aus dem Salon stürmen wollte, erschien er grinsend vor mir. Ich unterdrückte einen Schrei und stolperte zurück. Ich bekam Panik. Sie bannte sich ihren Weg langsam frei. Milow kam auf mich zu und ich wich immer weiter zurück in den Salon.

Mir blieb die Luft weg. Ich konnte nicht glauben, was sich da vor mir abspielte. Ihn vor mir, so gefährlich. Niemals hatte ich mir auch nur erdenken können, dass jemand, egal wer es war, zu so etwas grausamen und wahnsinnigen in Stande wäre.

»Nehms nicht persönlich, Liebste.«

 

Jetzt

 

Als ich zurück weichen will, drückt sich die Sofalehne unangenehm in meinen Rücken. Milow schüttelt belustigt den Kopf. »Nicht wieder weglaufen, Liebste.«, lacht er. Mir wird übel, ich will mich erbrechen, weinen und gleichzeitig schreien.

»Ich will nicht sterben, Milow.«, wispere ich unter Tränen. Er tätschelt meine Wange. »Nicht so.«

»Ich werde dich hier nicht erschießen, Liebste Cassie. Ich will doch kein Aufsehen erregen.« Er lacht, als hätte ich etwas unscheinbar Stumpfsinniges gesagt. Seine Hand gleitet zu meinem Rücken und er führt mich wieder zurück in die Küche. Ruhig räumt er das Essen vom Tisch und drückt mich auf die harte Holzplatte. Mein Rücken schmerzt und meine Augen folgen jeder seiner Bewegungen.

»Hast du die anderen auch so her gebracht?«, schluchze ich, die Tränen laufen mir inzwischen unkontrollierbar über die Wangen auf den Tisch. »Hast du die vier Mädchen vor mir ermordet.« Milow grinst stolz.

»Alle wie sie.«, sagt er als seien damit alle meine Fragen beantwortet.

»Ich bin nicht deine Mutter.«

»Waren die anderen vier auch nicht, meine erste, sie war. Aber natürlich wird sie nicht zu den üblichen Opfern gezählt, weil sie jetzt einfach viel älter ist als wir beide. Mutter passt nicht ins Schema, deswegen wird sie weggelassen.«, erklärt er und strich mit dem Finger über das Holz. Etwas blitzt in dem dämmrigen Licht der Lampe über meinem Kopf auf. Ich zucke zusammen und will vom Tisch rutschen um einen nächsten Fluchtversuch zu wagen, doch Milow umklammert mein Handgelenk. Mir wird schwindelig vor Angst und ich möchte schreien.

»Milow, nein, bitte!«, kreische ich panisch auf bevor er seine Hand auf meinen Mund legt. Ein Messer steckt neben meinem Kopf im Holz des Tisches fest. Ich beiße Milow in die Hand und während er seine Hand zurückzieht, will ich mich wegrollen.

In dem Moment in dem ich meinen Plan in Tat umsetzen will, durchbohrt mich brennender Schmerz. Ich keuche auf, atmen tut weh, schreien tut weh. Ich kann den Kopf nicht heben, doch ein Blick zur Seite verrät mir, dass das Messer nicht mehr neben mir im Esstisch steckte. Zitternd atme ich ein und verziehe vor Schmerzen das Gesicht.

»Wieso musst du mich so wütend machen, Cassie? Wieso willst du die ganze Zeit davon laufen?« Wütend schlägt Milow auf den Tisch, ich zucke vor Schreck erneut zusammen, nur um vor Schmerzen aufzustöhnen. Seine Augen verengen sich zu Schlitzen, er beobachtet, wie ich mir noch mehr Tränen in die Augen steigen. »Tut mir leid, dass war echt gemein.« Mit diesen Worten greift Milow nach dem Messer und zieht es heraus. Ich schreie. »Ich fange noch mal an, Liebste, wobei ich deinen Körper wohl schon sabotiert habe.«

»Wovon sprichst du?« Meine Stimme zittert und ich versuche die Blutung irgendwie zu stillen, doch ich habe zu wenig Kraft um es aufzuhalten.

»Kannibalismus reizt mich nicht sonderlich, keine Sorge, aber ich will die Körper unbeschmutzt lassen, ich will dich so wunderschon erstrahlen lassen, wie du bist.«

»Dann lass mich leben.«

»Nein, Liebste, du weißt inzwischen zu viel.« Er dreht mich auf den Bauch, ich heule vor Schmerzen. Das Blut rinnt aus der Wunde hinaus auf den Tisch und zum ersten Mal, sehe ich wie schlimm mein Bauch aussieht. Das Kleid ist zerrissen, blutüberströmt und durch den Riss kann man mein Fleisch sehen. Ich schluchze auf. Selbst wenn ich das überleben würde, könnte ich nie Mals ein Kind bekommen.

Milow hält mich am Nacken fest, seine Hand fühlt sich so warm an, wie bei unserer ersten Begegnung. Ich bin so Blind gewesen, so naiv.

»Schließ deine Augen, Liebste. Ich verspreche, dass der Rest nicht weh tun wird.«

»Kein Wunder, dass deine Mutter dich so sehr gehasst hat.«, fauche ich mit letzter Kraft. Ich spüre seinen Atem im Nacken.