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Der Verdacht

von Sabeth Johanna Dapper, 12 Jahre

Eileen, Vanessa und Tara gingen die Mönckebergstraße in der City entlang. Alle trugen die angesagtesten Klamotten und waren bestens gestylt. Sie waren mal wieder bei ihrem Lieblingsthema angelangt: Klamotten.

„Mein Vater hat mir gestern eine neue pinkfarbene Tasche gekauft. Ratet mal, wie viel die gekostet hat?“, gab Tara an.

„100“, gähnte Eileen.

„He“, lachte Tara hochnäsig, „wie billig, nein, genau 357 Euro!“

Vanessa musste das natürlich überbieten. „Mein Vater…“,

Eileen stellte auf Durchzug, dieses oberflächliche Gelaber ging ihr manchmal höllisch auf die Nerven. Sie guckte sehnsüchtig auf drei Mädchen, die sich vor Lachen nicht mehr halten konnten. Die konnten einfach Spaß haben und den Tag genießen, das konnte man mit Vanessa und Tara natürlich auch, mit der Betonung auf „konnte“, denn meistens waren die beiden viel zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Dabei war es das eine oder andere Mal schon in den vierstelligen Bereich gegangen.

„Eileen, komm, ich muss unbedingt noch zu Abercromby, ich hab schon wieder nichts zum Anziehen!“

Eileen musste sich beherrschen, nicht laut loszulachen, denn Vanessas Kleiderschrank ähnelte dem Bauch eines schwangeren Pottwals, und er war voll! Bei Eileen und Tara sah es allerdings auch nicht besser aus. Ungefähr zwei Stunden später kamen die drei beladen mit Taschen aus einem der superteuren Geschäfte und verabschiedeten sich voneinander, auch wenn das, angesichts der vielen Taschen, die sie bei sich hatten, nicht so leicht war.

 

Ein paar Minuten später stand Eileen vor der Villa, in der sie mit ihren Eltern  wohnte. Sie schleppte ihre neuen Klamotten ein paar Stufen hoch, bis sie vor der Haustür stand, neben der ein goldenes Schild hing, in das „Familie Wesemann“ eingeritzt war. Schon fast im selben Moment, in dem Eileen auf die Klingel drückte, ging die Tür auch schon auf. „Eileen, na, hast du was Hübsches gefunden? Das Essen steht schon auf dem Tisch, du kannst gleich kommen.“ Es war Berta, die Haushälterin der Familie Wesemann. Sie nahm Eileen die Taschen ab und trug sie hoch in Eileens Zimmer, während Eileen sich schon an den Tisch setzte um zu essen.  Sie war es gewohnt, alleine zu essen; ihr Vater arbeitete den ganzen Tag als Leiter eines 5-Sterne Hotels und ihre Mutter traf sich meistens mit ihren Freundinnen zum Golfen oder Tennis spielen, wenn sie nicht gerade mit Migräne im Bett lag. Nur Berta setzte sich manchmal zu ihr, so wie jetzt, und fragte sie, was sie heute gemacht hätte.

 

Nach dem Essen lag Eileen in ihrem Zimmer auf dem Bett und hörte Musik auf ihrem Ipod Touch. Dann griff sie nach der Fernbedienung neben sich und machte den riesigen Flachbildschirm an und zappte sich durch die unzähligen Kanäle. Um 22 Uhr guckten ihre Eltern noch einmal nach ihr, kurz darauf schlief sie ein.

 

Eileen, Vanessa und Tara saßen in der Klasse auf den Tischen und unterhielten sich über – Drei mal dürft ihr raten? – Klamotten.

„Oh mein Gott”, stöhnte Eileen. „Toms Hose, ich sterbe, und sein Pullover.“

„So was kann man doch nicht freiwillig anziehen”, sagte Vanessa. Und Tara fügte abfällig  hinzu: „Ein Wunder, dass der sich aus dem Haus traut!”

Der Schulgong ertönte und Frau Zimpel kam herein, sie war die Klassenlehrerin der 7c . Hinter ihr betrat ein Mädchen die Klasse, sie war klein und hatte lange dicke Locken, die sie zu einem dicken Zopf gebunden hatte. Ihr schmales, blasses Gesicht wirkte schüchtern, während sie 23 Augenpaare von oben bis unten musterten. Und das, was man darin sehen konnte, war so ziemlich einstimmig Ablehnung. Eileens Blick fiel auf die Klamotten des Mädchens, die ganz offensichtlich keine Markenklamotten waren. Sie trug eine blaue abgetragene Jeans, die vor ihr wahrscheinlich schon zig andere getragen hatten. Bei ihrem Oberteil sah es nicht besser aus, sie trug einen hellblauen Rollkragenpullover. In Eileens Augen sah das unmöglich aus.

„Das ist Melek Bayrami, sie kommt aus Bosnien, aber ihre Familie wohnt schon lange in Deutschland”, erklärte Frau Zimpel. „Wo setzen wir dich denn mal hin”, ihr Blick schweifte über die Klasse. „Setz dich doch mal dahinten hin”, sagte sie und zeigte auf Eileen.

„Nein, bloß nicht”, schrie Eileen innerlich und verzog das Gesicht. Unsicher ging Melek auf Eileen zu und setzte sich auf den freien Platz neben ihr.

„So, dann schlagt alle mal eure Hefte auf Seite 38 auf. Ach, und Eileen, du kümmerst dich bitte in den ersten Tagen um Melek und zeigst ihr die Schule, ja?”, sagte Frau Zimpel. Entsetzt starrte Eileen sie an: „Kann das nicht jemand anderes machen, ich muss doch schon neben ihr sitzen?”, fragte sie mit gequältem Gesichtsausdruck. Melek sah aus, als würde sie am liebsten im Boden versinken, aber das interessierte Eileen kein Stück. Sie wollte möglichst wenig mit Melek zu tun haben und das zeigte sie auch. „Nein, es bleibt dabei, du zeigst ihr ein bisschen die Schule und hilfst ihr, sich einzufinden”,  antwortete Frau Zimpel bestimmt. Eileen stöhnte, aber sie sagte nichts mehr. Sie spürte nur die entsetzten Blicke von Vanessa und Tara auf ihrem Rücken.

 

In der Pause saßen Eileen, Vanessa und Tara auf dem Schulhof auf einem Balken. Melek saß auf einer Bank und aß ihr Pausenbrot.

„Warum hast du dir das gefallen gelassen?”, fragte Tara Eileen aufgebracht.

„Was hätte ich denn tun sollen, ich hab mich doch schon gewehrt!”, verteidigte Eileen sich.

„Also ich hätte mich geweigert”, sagte Vanessa. „Diese Melek ist so uncool, guck dir mal ihre Klamotten an, die sind bestimmt aus der Kleiderspende”, fuhr sie fort. Sie sagte es betont laut, damit Melek es hörte.

„Und ihre Eltern müssen sich ja schon fast schämen für ihre Tochter”, gab Tara noch dazu, die drei lachten hämisch. Melek stiegen die Tränen in die Augen.

 

Am nächsten Morgen war Melek nicht da.

„Diese Heulsuse” sagte Eileen.

„Nur weil wir ihr gestern die Wahrheit gesagt haben, muss sie sich doch nicht verkriechen”, fügte Vanessa hinzu. Als Frau Zimpel in die Klasse kam, gab sie Eileen die Aufgabe, Melek die Hausaufgaben zu bringen. Vanessa und Tara waren davon überzeugt, dass Eileen das natürlich nicht tun würde, und auch Eileen war es zunächst. Aber dann war sie doch zu neugierig, und weil sie nichts Besseres zu tun hatte und sie Zuhause sowieso keiner vermissen würde, fuhr sie direkt nach der Schule hin. Melek wohnte in der Gustavstraße 10. Dort war Eileen noch nie gewesen. Früher hatte man ihr erzählt, dass in dieser Siedlung lauter Gangster und Mörder wohnten. Damals hatte sie das auch geglaubt, jetzt glaubte sie es zwar nicht mehr, aber mulmig war ihr trotzdem zumute. Sie ging durch die schmutzigen Straßen, überall lag Müll, umgekippte Einkaufswagen lagen auf den Wegen und vor den Eingängen der Häuser, und es stank fürchterlich. Die Hausmauern waren mit Graffitys besprüht und an den kleinen Balkonen, die sie an Käfige erinnerten, waren riesige Satellitenschüsseln befestigt. Wäsche hing aus den Fenstern und auf Ständern auf den Balkonen. Ihr kam eine Gruppe von rauchenden und pöpelnden Jugendlichen entgegen. Zwei von ihnen hatten eine Bierflasche in der Hand. Sie trugen  Nike-Schuhe und Nike-Jacken. Ein dicker, wohl der Boss von ihnen, rief: „Hey, Prinzessin, hast du dich verlaufen?”

Eileen zuckte erschrocken zusammen. Widerlich, fand sie. Da war es, Gustavstraße Nummer 10.  Sie suchte die Klingelschilder ab. „Özdemir, Yalman, Akgül, Bany, Karakaya, Da Costa, Lopez”, murmelte sie. Hier wohnen wohl nur Ausländer, dachte sie. „Hier, Bayrami.” Erst zögerte sie, aber dann drückte sie doch auf die Klingel. Es dauerte eine Weile, bis sich eine Männerstimme meldete: „Hallo?”

„Hallo, hier ist Eileen, ich gehe in Meleks Klasse und soll ihr die Hausaufgaben bringen”, sagte Eileen in die Sprechanlage. Ihr Herz klopfte wie wild und ihre Finger zitterten vor Angst. Das Summen ertönte und die Tür ging auf. Die Wohnung lag im vierten Stock. Im Treppenhaus roch es nach einer Mischung aus Zigarettenrauch, Essen und Pisse. Als sie im vierten Stock ankam, stand ein Mann in der Wohnungstür, wahrscheinlich Meleks Vater. Er guckte, als wäre er auf einer Beerdigung, versuchte aber dann doch zu lächeln. Er machte eine einladende Geste und sagte: „Ja, komm herein, die anderen sitzen in der Küche.” Eileen ging an ihm vorbei in die Wohnung. So viele ausländische Menschen wie dort in der Küche saßen, hatte Eileen noch nie auf einmal gesehen. Auf einem Stuhl saß Melek, sie sah traurig aus. Eine etwas dickere Frau stand am Herd und kochte. Ein größerer Junge stand am Fenster und starrte in die Ferne. Ein Klacken im Schloss ertönte und kurz darauf erschienen zwei kleinere Kinder. Hinter ihnen kam ein ungefähr 14 Jahre altes Mädchen, das die beiden vermutlich vom Kindergarten abgeholt hatte. Die Stimmung war unterirdisch.

„Melek”, hier ist jemand, der dir die Hausaufgaben bringen möchte”, sagte Meleks Vater. Melek blickte auf. Als sie Eileen sah, verfinsterte sich ihr Gesicht noch mehr. Eileen fühlte, dass sie hier nicht hingehörte. Die ganze Familie war ein Team, eine Mannschaft.

„Das ist aber nett von dir”, sagte die Frau am Herd, wahrscheinlich Meleks Mutter, in Eileens Richtung. Und zu Melek gewandt, sagte sie: „Geht doch rüber, da habt ihr eure Ruhe.”

Melek murmelte etwas, stand auf und ging zur Tür. Kurz blieb sie vor Eileen stehen und sagte: „Komm!” Eileen ging hinter Melek durch den Flur. Die Wohnung war klein und außer der Wohnungstür konnte Eileen vier Türen zählen, minus Küche und Bad waren es zwei Zimmer. Eileen fragte sich, wo all diese Leute, die in der Küche saßen, schlafen sollten und wo das Wohnzimmer sei. Melek drückte die Türklinke zu einem der beiden Zimmer herunter und öffnete die Tür. Der Raum war halb so groß wie Eileens Zimmer. Rechts und links an der Wand stand jeweils ein Stockbett und vorne am Fenster lag eine Matratze auf dem Boden.

„Oh, Gott, schlaft ihr alle hier?”, entfuhr es Eileen fassungslos.

Melek nickte. „Ja, bis auf meine Eltern, die schlafen im Wohnzimmer.” Sie setzte sich auf die Matratze.

„Warum warst du heute nicht in der Schule?”, fragte Eileen und setzte sich neben sie auf die Matratze.

„Ich war krank”, sagte Melek, es klang nicht sehr überzeugend.

„Was hattest du denn?”

„Ich, ich, ähm, ich, ich hatte Fieber.”

„Das sieht man dir gar nicht an”, sagte Eileen misstrauisch.

„Ich hatte auch nur ganz wenig Fieber, vor allem hatte ich Halsschmerzen, Husten und Schnupfen. Aber wolltest du mir nicht die Hausaufgaben bringen?”

„Stimmt!” Eileen gab ihr die Aufgaben. „Lenk nicht ab, warum warst du nicht in der Schule?”

Melek gab sich geschlagen

„Mein Vater wurde gefeuert”, sagte sie leise.

„Oh, als was hat er denn gearbeitet?”, fragte Eileen etwas unbbeholfen.

„Er war Putzmann in einem Hotel.”

Oh Gott, war das ein billiger Job, dachte Eileen, aber sie sagte nichts. In dem Moment ging die Tür auf, es war Meleks kleiner Bruder: „Das Essen ist fertig, ihr sollt kommen!”, sagte er.

Hinter ihm tauchte seine fast gleichaltrige Schwester auf und rief: „Ich hab dich, Momo!“ Momo schrie auf und rannte vor ihr weg, seine Schwester Soleika hinterher. Die beiden quietschten vergnügt. Eileen musste grinsen.

Als sie die Küche betraten, sagte sie: „Ich gehe dann mal besser.”

„Nein, du kannst gerne mit uns essen, wir würden uns alle freuen”, protestierte Meleks Mutter.

Damit hatte Eileen nicht gerechnet. „Oh, das ist sehr nett von ihnen, aber ich muss jetzt auch nach Hause.” Das stimmte nicht ganz.

„Schade, wirklich nicht?”, fragte der Vater enttäuscht.

„Ich will Ihnen ja keine Umstände machen wegen dem Essen”,  lehnte Eileen höflich ab.

„Aber das ist doch gar kein Problem, es ist doch genug da”, rief Meleks Mutter.

„Na, komm!”

„Okay”, sagte Eileen.

„Gut!”, sagte Meleks großer Bruder, “ich bin übrigens Mustafa.”

Er setzte sich an den Tisch. Melek und Eileen auch, der Vater setzte sich ans Tischende. Die älteste Schwester kam herein. „Hallo, schön, dass du mit uns isst, ich heiße Josefa”, begrüßte sie Eileen.

„Hallo”, sagte Eileen und schüttelte ihre Hand. Als alle am Tisch saßen, auch Momo und Soleika, tischte Meleks Mutter das Essen auf. Es gab einen Curry-Eintopf.

„Mmmh, das ist sehr lecker”, sagte Eileen, und es war nicht einmal gelogen!

„Meine Mama kocht immer was Leckeres!”, sagte Momo, der, was Eileen von Melek wusste eigentlich Mohamed hieß, alle lachten. Aber keiner lachte ihn aus, es war ein nettes Lachen.

„Das mit Ihrem Job tut mir leid”, sagte Eileen  zu Meleks Vater.

„Das mit meiner Arbeit ist schon ärgerlich, vor allem, weil ich zu Unrecht beschuldigt werde”, antwortete er.

„Was wird ihnen denn vorgeworfen?“, fragte Eileen.

„Ich soll etwas getan haben, was ich nicht getan habe, aber ich werde schon wieder etwas finden“, antwortete er.

Soleika sagte: „Genau, dann streiten sich alle um meinen Papa und dann werden wir reich.” Der Vater lachte. „Solange ich euch habe, ist alles gut.”

Eileen schluckte.

 

Als Eileen um 17 Uhr nach Hause kam, schmiss sie sich auf ihr Bett und starrte an die Decke. Sie schaltete ihren Fernseher ein, aber selbst ihre Lieblingsserie kam ihr mit einem Mal so langweilig vor. Alles in ihrem Zimmer war mit einmal so überflüssig, ihr Ipod, der Fernseher, ihre Wii, ihr überdimensionaler Kleiderschrank, ihr Schminktisch. Das alles war so verdammt überflüssig. Und dass gestern das neue Ipad noch ihr größter Wunsch gewesen war, konnte sie sich auf einmal nicht mehr vorstellen. Obwohl Meleks Familie so wenig Geld hatte, war sie nicht geizig, wollte mit ihren Gästen teilen und jeder war willkommen bei ihnen. Meleks Vater hatte gerade seinen Job verloren und trotzdem waren für ihn seine Kinder das Wichtigste, er hatte ihnen gezeigt, dass er immer für sie da sein würde. Eileen hatte es immer für selbstverständlich gehalten, dass sie ihre Eltern kaum sah und sich fast ausschließlich Berta um sie kümmerte. Und auch bei ihren Freundinnen, bei Vanessa und bei Tara war es so, die Familie von Vanessa hatte jedes Jahr ein neues Au-pair Mädchen, bei Tara war es wie bei ihr. Es war normal gewesen, aber jetzt wusste sie, dass es auch anders ging, sogar wenn man statt einem Kind fünf Kinder hatte.

Es klopfte an der Tür. „Herein”, rief Eileen.

Es war Berta. „Das Essen ist fertig, komm, dein Vater ist schon da!”

Toll, und das hatte er ihr nicht selber sagen können, dachte Eileen wütend. Das Haus kam ihr so unendlich riesig vor, wie ein Labyrinth.

Es gab Lachsfilet mit Kartoffeln, Blumenkohl und Bechamelsoße. Eileens Mutter kam ins Esszimmer, sie hatte mal wieder Migräne.

„Heute gab es einen Skandal im Hotel, einer meiner Reinigungskräfte hat einem Stammgast einen Diamanten im Wert von 10.000 Euro gestohlen”, erzählte Eileens Vater. „Um Himmels willen”, rief ihre Mutter. „Diese undankbaren Ausländer, wir nehmen sie auf in unserem Land, geben ihnen Arbeit und eine Wohnung und sie, sie bestehlen uns auch noch. Das sieht diesen Menschen ähnlich“, fuhr ihr Vater fort.

„Ich habe ihn natürlich sofort gefeuert”, schimpfte er.

Gefeuert? Hatte Melek nicht so etwas gesagt? „Mein Vater wurde gefeuert.” Doch, das hatte sie gesagt. „Wie hieß der Mann denn?”, fragte sie ihren Vater.

„Bayrami, glaube ich”, antwortete er.

Eileen erstarrte. Meleks Vater!

„Hast du überhaupt Beweise?“ fragte sie.

„Ja, es gibt immerhin eine Zeugin“, erklärte er.

„Und wer?”, fragte sie etwas ruhiger.

„Vanessa,“ sagte er

„Vanessa!”, rief Eileen. „Was hat die denn im Hotel gemacht?”

„Sie hat dich gesucht und dabei hat sie diesen Bayrami erwischt”, sagte ihr Vater.

„Du kennst ihn doch gar nicht. Der würde so etwas nie tun!“, schrie Eileen.

„Ach ja, und woher weißt du das?”, fragte Eileens Vater.

„Ich kenne ihn und der ist mit Sicherheit nicht so ein arroganter Typ wie du!”, schrie sie.

Es war totenstill. Es sah für einen Moment so aus, als ob der Vater Eileen schlagen wollte.  Als er die Sprache wiedergefunden hatte,  sagte er mit bebender Stimme: „Geh sofort auf dein Zimmer!”

 

„… und wenn man davon 37 kleine und 53 große Teppiche dazutut, wie viel …?” Eileen hörte nicht zu, ihr schwirrten viel zu viele Fragen im Kopf herum. Hatte Meleks Vater gestohlen? Oder wurde er zu Unrecht beschuldigt? Und was hatte Vanessa im Hotel zu suchen? Auf all diese Fragen fand sie keine Antwort. Endlich klingelte es zur Pause. Eileen, Vanessa und Tara saßen mal wieder auf ihrem Balken. Vanessa und Tara lästerten über Melek, bis Eileen sie unterbrach: „Jetzt hört doch mal auf damit, ihr kennt sie doch gar nicht!”, rief sie.

„Ach ja, aber du?”, sagte Vanessa schnippisch. „Oder warst du gestern doch noch bei der?”, fragte Tara ungläubig.

„Ja, was dagegen?”, blaffte Eileen. Tara und Vanessa starrten sie entsetzt an. Dann klingelte es, und sie gingen wieder in die Klasse.

 

Zwei Wochen verstrichen.

Nachdem sie Vanessa und Tara erzählt hatte, dass sie bei Melek zu Hause gewesen war, hatten sie nicht mehr miteinander geredet.

In den Pausen hatte sie sich mit Melek unterhalten. Sie war echt nett.

Eine Antwort auf ihre Fragen hatte sie immer noch nicht.

Bis schließlich jener Montag kam … Eileen war in der Schule, Vanessa fehlte schon seit ein paar Tagen, sie war krank. Pünktlich zum Klingeln der 5. Stunde kam Frau Zimpel herein, mit einem Stapel Papiere. Es waren Elternbriefe, die unbedingt unterschrieben  werden sollten. Es fehlten Jakob und Vanessa. „Tom, kannst du Jakob bitte den Zettel vorbei bringen, er ist sehr wichtig”, sagte Frau Zimpel. Tom nickte und kam nach vorne, um den Zettel abzuholen.

„Und Eileen”, fuhr sie fort, „du wohnst doch bei Vanessa um die Ecke. Kannst du ihr den Elternbrief bringen?“

Um die Begegnung mit Vanessa zu vermeiden, fuhr Eileen nach der Schule nicht zu Vanessa nach Hause, denn dort hätte sie sie mit Sicherheit angetroffen, sondern zu der Firma ihres Vaters. Der arbeitete bei der Immobilienfirma „Kleinmann und Burger“ und verdiente nicht schlecht. Als sie dort ankam, fragte sie einen Mitarbeiter, wo sie Herrn Loh finden würde.

„Herrn Loh? Kenne ich nicht, nein, der arbeitet bestimmt nicht hier, das muss ein Irrtum sein”, antwortete der Mann. Eileen wunderte sich, Herr Loh war einer der erfolgreichsten und bekanntesten Makler der Firma, das hatte Vanessa ihr erzählt.

Sie ging zum Büro des Chefs und fragte dort nach Herrn Loh. „Der Herr Loh arbeitet doch gar nicht mehr bei uns”, antwortete der Chef.

„Nicht?”, fragte Eileen verwundert, das hatte Vanessa ihr gar nicht erzählt.

„Nein”, fuhr der Mann fort. „Ich musste ihn vor ein paar Monaten entlassen.”

„Warum denn?“, fragte Eileen.

„Wir mussten eine unserer Filialen schließen und deshalb auch ein paar Mitarbeiter entlassen, darunter leider auch Herr Loh“, antwortete er.

Sie bedankte sich und verließ das Gebäude. Warum hatte Vanessa weiterhin so viel Geld von ihrem Vater für all die Klamotten bekommen? So was konnte man sich als Arbeitsloser doch gar nicht leisten. Plötzlich rief sie jemand von der anderen Straßenseite. Es war Melek. Eileen ging hinüber zu ihr.

„Hallo, was machst du denn hier?”, fragte Eileen.

„Ich hab was für meine Mutter eingekauft”, antwortete sie.

„Und du?”

„Ich war in der Firma von Vanessas Vater”, antwortete Eileen.

„Ach wegen dem Brief, oder?”

„Ja, aber den habe ich leider immer noch”, sagte Eileen.

„Warum das denn?”, fragte Melek.

„Er wurde vor ein paar Monaten entlassen.”

„Oh, hat sie dir das nicht erzählt?”, fragte Melek.

„Nein, aber dann muss ich wohl doch zu ihr nach Hause. Na ja, bis morgen”, verabschiedete sich Eileen.

„Tschüss”, rief Melek ihr noch hinterher.

 

Sie klingelte an der großen weißen Villa. Vanessas Vater machte die Tür auf.

„Hallo Eileen, willst du zu Vanessa, die ist oben in ihrem Zimmer. Komm rein“, sagte er. Sie betrat die Villa.

„ Eigentlich sollte ich nur einen Elternbrief abgeben, den müssen Sie morgen unterschrieben in die Schule bringen. Frau Zimpel meinte, es ist wichtig“, erklärte sie Herrn Loh.

„Danke, ich denke, Vanessa kommt morgen wieder zur Schule“, sagte er. Eileen nickte. „Geh doch nochmal zu ihr nach oben“,  bot er ihr an, „Vanessa wird sich sicher freuen.“

Das glaubte Eileen nicht, aber sie ging doch nach oben in Vanessas Zimmer.

Nachdem sie die Tür geöffnet hatte, sagte sie: “Na, ich wollte nur fragen, wie`s dir geht.“

„Was machst du denn hier?“, brummte Vanessa.

Sie lag in ihrem pinkfarbenen Bett.

„Hab ich doch gerade gesagt, ich wollte fragen, wie`s dir geht“, antwortete Eileen und setzte sich auf einen Stuhl neben Vanessas Bett.

„Gut, aber du bist doch nicht nur deswegen gekommen“, sagte Vanessa.

„Nein, ich sollte dir einen Elternbrief bringen“, sagte Eileen.

„Ach so“, es klang fast ein bisschen enttäuscht.

Über Vanessas Bett hing eine Pinnwand, dort hingen viele Zettel, unter anderem die Visitenkarten eines Schmink- und die eines Nagelstudios. Und in der Mitte hing, von einer blauen Stecknadel gehalten, die Visitenkarte eines Juweliers.

Was Vanessa in einem Schmink- und in einem Nagelstudio wollte, leuchtete Eileen ein. Aber was wollte Vanessa bei einem Juwelier?

Sie trug keinen Schmuck, das fand sie altmodisch.

„War`s das?“, fragte  Vanessa genervt und unterbrach Eileens Gedanken, „ich würde gerne weiter schlafen“.

„Ich geh ja schon“, murmelte Eileen, verabschiedete sich und verließ die Villa.

In der Pause am nächsten Tag saß Eileen zusammen mit Melek auf der Bank.

Vanessa war tatsächlich wieder in der Schule und saß mit Tara auf dem Balken.

„Und warst du gestern noch bei ihr?“, fragte Melek.

„Ja“, antwortete Eileen, „in ihrem Zimmer habe ich eine Visitenkarte von einem Juwelier gefunden, Vanessa trägt keinen Schmuck.“

„Komisch, und selbst wenn, wenn ihr Vater arbeitslos ist, kann er ihr das sowieso nicht kaufen“, sagte Melek. „Wo ist denn der Juwelier?“

„In Othmarschen, bei mir um die Ecke. Kröger Juweliere, An- und Verkauf von allen Arten Schmuck, Uhren und Diamanten“, sagte Eileen.

„Diamanten“, wiederholte Melek nachdenklich „Meinst du sie hat…“

„Nein, das kann ich mir nicht vorstellen“, unterbrach Eileen sie.

Melek zuckte mit den Schultern. „Naja, ich fahr da auf jeden Fall heute mal hin, kommst du mit?“, fragte Melek.

Eileen zögerte. „Okay“, sagte sie dann aber doch, es war bestimmt ganz lustig mal Detektiv zu spielen. Auch wenn sie wahrscheinlich nichts finden würden, was denn auch?

 

Nach der Schule fuhren Melek und Eileen direkt zum Juwelier.

Melek staunte, so viel Gold und Silber hatte sie noch nie gesehen.

Eileen hingegen war hier schon bekannt.

Eine vornehme, reich aussehende Frau kam hinter dem Tresen hervor.

„Hallo, Eileen, suchst du wieder etwas für deine Mutter?“, fragte sie Eileen.

„Ja, sie sucht diesmal einen Diamanten“ antwortete  sie geschickt.

„Ah, neulich haben wir wieder einen hübschen bekommen, hier.“

Sie zog einen Schlüssel aus ihrer Hosentasche und schloss damit einen Tresor auf.

Sie holte einen großen durchsichtigen Kristallstein heraus und zeigte ihn Eileen und Melek.

Eileen hatte sich am Abend zuvor von ihrem Vater ein Foto des verschwundenen Diamanten geben lassen.

Der, der jetzt vor ihr auf dem Tresen lag, war ungefähr 3 cm breit und 3 cm hoch, nach oben hin wurde er spitz und er glitzerte im Licht. Genauso wie auf dem Foto.

„Wer hat ihnen denn den gebracht?“, fragte Eileen die Verkäuferin.

„Das darf ich euch leider nicht sagen“, antwortete sie bedauernd.

„Schade“, sagte Eileen. Sie verabschiedeten sich und verließen den Laden.

„Das war der Diamant aus dem Hotel, haargenau der gleiche!“, rief Eileen aufgeregt.

„Was, das sagt doch alles!“, meinte Melek.

„Finde ich nicht, das kann doch jeder gewesen sein!“, sagte sie.

Melek und Eileen schlenderten noch ein bisschen herum, bis plötzlich Vanessa und Tara um die Ecke bogen. „Was für ein Zufall“, murmelte Melek.

„Die haben mir gerade noch gefehlt“, fügte Eileen genauso begeistert hinzu.

„Was macht ihr denn hier?“, fragte Tara.

„Das können wir euch genauso fragen!“, konterte Eileen.

„Wir waren shoppen“, erklärte Vanessa, aber das hatte sich Eileen auch schon gedacht. „Mein Vater hat mir gestern diese geilen Schuhe gekauft.“ Vanessa zeigte auf ihre Schuhe, sie hatten 5 cm Absatz. „Ratet mal, wie viel die gekostet haben?“, fragte sie. „Das will ich gar nicht wissen“, brummte Eileen.

Vanessa ignorierte ihre Bemerkung. „500 Euro“, sagte sie und so sahen sie auch aus.

„Aber wir müssen jetzt auch weiter, tschüüss“ sagte Vanessa, hakte sich bei Tara ein und verschwand mit ihr in einem der nächsten Klamottenladen.

Melek und Eileen sahen sich verständnislos an.

„Wie kann ihr Vater ihr so teure Schuhe kaufen?“, fragte Eileen,

„Vielleicht hat er sie ja gar nicht gekauft“, sagte Melek.

„Wie meinst du denn das?“, fragte Eileen.

„Überleg doch mal“, antwortete Melek „wenn sie wirklich diesen Diamanten gestohlen hat und ihn beim Juwelier verkauft hat, hat sie jetzt 10.000 Euro.“

„Ach, Quatsch, ich kann mir das nicht vorstellen, aber wir können zu Vanessa nach Hause fahren und ihren Vater fragen, ob er ihr die Schuhe gekauft hat“, schlug Eileen vor.

 

Gesagt, getan. Ein paar Minuten später standen sie vor der Villa von Vanessa.

Herr Loh machte auf. „Hallo, Eileen, Vanessa ist gerade nicht da“, sagte er.

„Das wissen wir, aber wir wollten auch zu Ihnen“, stellte Melek klar.

„Ach so“, antwortete er verwundert. „Und wer bist du?“

„Das ist Melek, sie geht in unsere Klasse“, antwortete Eileen für sie.

„Na, dann kommt mal rein.“

Herr Loh führte die beiden durch eine riesige Eingangshalle ins Wohnzimmer. Melek war beeindruckt. Aber nicht lange. „Haben Sie Vanessa die Schuhe für 500 Euro gekauft?“, fragte sie einfach gerade aus.

„Nein, was denn für Schuhe?“, fragte er verwundert.

„Na, die, die sie heute anhat, die schwarzen mit den Absätzen“, sagte Eileen.

„Aber Vanessa hat heute rote Chucks an“, erklärte der Vater.

Eileen und Melek sahen sich fragend an. „Aber wir haben sie gerade gesehen, und sie hat uns die Schuhe gezeigt und hat gesagt, dass Sie die ihr gestern für 500 Euro gekauft haben!“, erklärte Melek.

„Aber das habe ich nicht“, rief Herr Loh jetzt schon fast ein bisschen aufgeregt. „Ich bin, wie ihr wahrscheinlich wisst, seit fast einem halben Jahr arbeitslos. Ich könnte mir das gar nicht leisten. Vanessa war vollkommen verzweifelt, als sie das erfahren hat“, erzählte er. „Und jetzt kauft sie sich heimlich Klamotten. Aber woher hat sie bloß das Geld?“, fragte er so ratlos, dass er Eileen leid tat. Dann stand er auf. „Ich gucke mal nach, was sie sonst noch gekauft hat. Vielleicht waren es ja nur die Schuhe“, sagte er. „Ihr könnt gerne mitkommen.“

Zu dritt gingen sie die Treppe hoch in Vanessas Zimmer. Ihr Vater, Herr Loh, öffnete ihren Kleiderschrank, vor ihm lagen die teuersten Klamotten. Er guckte die zusammengelegten Stapel durch, bis er an ein Stoffbündel stieß, er holte es heraus. „Was ist denn das?“, fragte er. Er öffnete es vorsichtig, und er starrte den Inhalt sprachlos an. Vor ihm lagen Geldscheine, unglaublich viele Geldscheine. Für einen Moment sah es so aus, als ob er  umkippen würde. Dann kamen Vanessa und Tara herein, die gerade vom Shoppen kamen. Herr Loh hatte sich wieder gefangen. Dafür wurde Vanessa jetzt ganz bleich, als sie sah, was ihr Vater in der Hand hatte.

“Was machst du an meinem Kleiderschrank, ich hab dir doch verboten daran zugehen. Und was machen die hier?“ Vanessa zeigte auf Eileen und Melek.

„Das ist jetzt vollkommen egal. Wo hast du dieses ganze Geld her!!??“, rief ihr Vater aufgebracht.

Vanessa antwortete nicht, dafür redete jetzt Eileen: „Ich glaube, ich weiß, woher du das hast, du hast im Hotel den Diamanten gestohlen, und das ganze Meleks Vater in die Schuhe geschoben. Dann hast du den Diamanten an den Juwelier verkauft, dafür hast du 10.000 Euro bekommen, soviel ist der nämlich wert! Hab ich recht?“, fragte sie. Es war totenstill. Dann nickte Vanessa.

„Was denn für einen Diamanten?“, fragte Herr Loh verdattert. Melek und Eileen erzählten ihm die ganze Geschichte.

„Vanessa, dafür bekommst du Hausarrest und Fernsehverbot und du bezahlst jeden Cent davon von deinem Taschengeld ab.“

„Aber so viel Taschengeld bekomme ich doch gar nicht“, sagte Vanessa.

„Dann gehst du halt arbeiten und…“

Doch Melek unterbrach ihn: „Warten Sie, ich mache Ihnen einen Vorschlag, Sie vergessen die ganze Geschichte, auch die Polizei erfährt nichts, aber dafür muss Vanessa Eileens Vater beichten, was sie getan hat und sagen, dass mein Vater unschuldig ist!“

Wow, dachte Eileen, der Vorschlag war genial! Herr Loh zögerte, aber dann sagte er „einverstanden.“ Fragend sah er Vanessa an, die eingeknickt am Boden saß. Nach einer Weile nickte sie.

„Gut, dann wäre das jetzt ja auch geklärt“, sagte Eileen und wählte die Nummer ihres Vaters. „Hier“, sie reichte Vanessa das Handy. Ängstlich nahm Vanessa das Handy entgegen und verließ den Raum. Doch ihr Vater hielt sie noch kurz zurück.

„Den Diamanten gibst du natürlich zurück.“ Vanessa nickte.

„Es tut mir schrecklich leid, dass dein Vater wegen der Eitelkeit meiner Tochter seine Arbeit verloren hat, ich weiß ja selbst wie das ist“, sagte Herr Loh zu Melek, als Vanessa im Flur telefonierte.

„Na ja, ich hoffe mal, dass Eileens Vater ihm den Job wieder gibt“, antwortete sie.

 

Ein paar Wochen später saßen Vanessa, Tara, Eileen und Melek auf einem Steg am Wasser und unterhielten sich über das, was geschehen war.

„Hat dein Vater seinen Job jetzt wieder?“, fragte Vanessa Melek.

„Besser“, sagte sie. „Eileens Vater hat ihm einen Job an der Rezeption gegeben.“ Sie strahlte.

„Toll!“, sagte Vanessa, sie wurde leiser und nachdenklich. „Es war so dumm von mir wegen Klamotten einen Diamanten zu stehlen.“

„Man kann ja auch etwas anderes machen als shoppen gehen, das macht sowieso viel mehr Spaß“, sagte Melek.

Vanessa lachte „Wollen wir schwimmen gehen?“, fragte sie.

„Ja, super“, riefen die anderen. Die Sonne strahlte heiß, und es war genau das richtige Wetter um schwimmen zu gehen.

„Bei dem Wetter könnte man ja auch gut shoppen gehen“, sagte Eileen. Die anderen lachten.

„Kommt, bei der Vorstellung ersticke ich gleich, ich muss jetzt unbedingt ins Wasser“, rief Tara. Dann fuhren sie los.