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Der verlorene Sohn

von Jennifer Aue

“Piep, Piep, Piep“ schrillte Evans Wecker. Evan machte ihn aus und schlief weiter, bis seine Mutter ihn unsanft mit kaltem Wasser bespritzte. „Ja, ja, ich steh schon auf, du musst mich nicht gleich nass spritzen. Das war echt nicht nötig.“, sagte Evan. Seine Mutter erwiderte nur kurz und knapp: „Du wärst nicht aufgestanden.“

Evan stand auf und ging ins Bad, wo er duschte, Zähne putzte und auf die Toilette ging. In der Küche angekommen, machte er sich wie immer sein Müsli, als ihn seine Mutter rief. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst die Toilettenbrille wieder runterklappen!“

„Weiß nicht, wie oft du es mir schon gesagt hast,“ antwortete Evan. „Oft genug. Dafür wirst du jetzt eine Woche lang das Badezimmer putzen“, sagte seine Mutter.

„Was? Das kannst du nicht machen, das ist nicht fair!“, schrie Evan sie an. Seine Mutter schrie zurück: „Und ob ich das machen kann, ich bin deine Mutter und ich habe hier das Sagen! Jetzt geh zur Schule, sonst kommst du noch zu spät.“

„Ja, schon gut“, Evan rannte in sein Zimmer, nahm seine Tasche, gab seiner Mutter noch einen Kuss auf die Wange und rannte schnell zum Bus. Es war jeden Morgen dasselbe, Evan und seine Mutter stritten sich und vertrugen sich wieder.

Evan war ein guter Schüler. Er hatte nur einige gute Freunde, auf die er sich verlassen konnte. Am liebsten aber war er allein. Er war dennoch ein fröhlicher Junge, der Spaß am Leben hatte.

Als er nach Hause zurückkam, war alles still. Evan wunderte sich, eigentlich müsste seine Mutter da sein. „Na ja, wahrscheinlich ist sie einkaufen. Papa müsste gleich von der Arbeit kommen, es sei denn, er macht wieder Überstunden“, murmelte er. Evans Vater war ein hoch angesehener Anwalt, dessen Fluch es war, Überstunden machen zu müssen. Seine Mutter hatte einen Halbtagsjob bei einer Gärtnerei.

Er ging in sein Zimmer, schmiss seine Tasche in die Ecke, zog Schuhe und Jacke aus und legte das Album von Billy Talent ein, er machte dazu seine Hausaufgaben. Nach einer Weile rief er nach seiner Mutter und seinem Vater, aber es kam nichts zurück, es war immer noch alles totenstill.

„Langsam bekomme ich Hunger“, sagte er zu sich selbst. Evan ging runter zur Küche und bemerkte, dass die Tür offen stand. „Komisch, ich hatte die Tür doch zugemacht, vielleicht sind Mama und Papa doch zu Hause. Hoffentlich, ich sterbe schon vor Hunger.“

Ihm verging der Hunger, als er seine Mutter sah.

Sie lag mit weit aufgerissenen Augen auf dem Boden.

Überall war Blut, soviel Blut hatte Evan noch nie in seinem Leben gesehen, noch nicht mal im Fernsehen.

Seine Mutter hatte mindestens zehn Einstichverletzungen. Evan stand einige Sekunden geschockt da, dann rannte er zum Telefon auf dem Flur. Dabei stolperte er über etwas. Es war nicht etwas, es war sein Vater. Sein Vater blutete aus mehr als fünfzehn Einstichen. Evan rief die Polizei an und den Notarzt in der Hoffnung, seine Eltern könnten noch am Leben sein, aber er ahnte schon, dass sie tot waren.

Die Polizei und der Krankenwagen kamen sofort. Die Polizisten riegelten alles ab und sicherten die wenigen Beweismittel, die es gab. Die Ärzte packten seine Eltern in Leichensäcke ein und fuhren mit ihnen zum Leichenschauhaus. Evan wurde von einem Polizisten befragt. „Hast du irgendjemand gesehen? Hast du irgendwas gehört? Hörst du mich Junge?“

„Es ist alles meine Schuld. Ich habe zu laut Musik gehört und habe deswegen nichts mit bekommen. Hätte ich keine Musik gehört, wären sie jetzt noch am Leben. Es ist alles meine Schuld. Meine Schuld!“, schrie Evan den Polisten an.

„Es ist nicht deine Schuld, du hättest rein gar nichts machen können, Junge“, beruhigte ihn der Polizist.

Die Polizei fand keine Spur.

 

Drei Jahre später

Evan war zu seiner Tante Sue und zu seinem Onkel George nach New York gezogen. Er war jetzt 18 und ging auf die High School. Jeglichen Kontakt zu seinen früheren Freunden hatte er abgebrochen.

„Evan stehst du bitte auf!“, rief Sue.

„Evan ist schon wach und auf dem Weg zur Schule, Schatz“, antwortete George.

„Oh, ist er schon wieder so früh los gegangen? Ich hoffe, er wird bald wieder der Alte sein, so wie wir ihn kannten, fröhlich und lachend.“

„Ja, das hoffe ich auch“.

Evan wartete auf den Bus. Nach und nach kamen seine Mitschüler zur Bushaltestelle, aber Evan ignorierte sie.

Er ignorierte alle.

Evan war in New York ein totaler Außenseiter, er hatte keine Freunde. Im Unterricht beteiligte er sich so gut wie gar nicht, doch wenn er aufgefordert wurde, etwas zu sagen, hatte er immer die richtige Antwort. In Arbeiten schrieb er meistens eine 1. Dennoch machten seine Lehrer sich Sorgen um ihn, aber dabei beließen sie es. Zu seinen Klassenkameraden blockte er jeden Kontakt ab. Niemand setzte sich neben ihn, was ihm recht war, da er niemanden neben sich wollte.

Seit jenem Tag hatte er angefangen, alle Menschen zu hassen, mit Ausnahme von Sue und George.

In der Schule angekommen, ging er sofort in seine Klasse, setzte sich auf seinen Platz, der am Fenster war, und wartete auf seinen Lehrer. Nach dem Unterricht gingen alle zu ihren Freunden und lachten zusammen, nur Evan saß allein an seinem Tisch und schaute wie gewöhnlich aus dem Fenster.

Aus reiner Neugier belauschte er manchmal die Gespräche der Anderen. Ein Gespräch weckte seine ganze Aufmerksamkeit.

„Hallo, wie geht es euch?“, fragte Nina. Nina war eine neue Mitschülerin in Evans Klasse.

„Hey, uns geht es gut“, sagten Anna, Maria und Kate gleichzeitig und lachten danach.

Anna fragte Nina: „Und, wie gefällt es dir bis jetzt an unserer Schule?“

„Ganz gut, alle hier sind so freundlich“.

„Das freut uns“, erwiderte Anna.

Nina schaute zu Evan. Er war ihr schon seit dem ersten Tag aufgefallen.

Dies wiederum sahen Anna, Maria und Kate.

„Das ist Evan. Er redet mit niemanden und ist immer für sich“, sagte Maria und Kate fügte hinzu: „Er schottet sich von jedem ab.“ Die anderen stimmten ihr zu.

„Wisst ihr, warum das so ist?“, fragte Nina.

„Nein, das weiß niemand. Wir haben alle versucht, mit ihm zu sprechen, aber er wies alle ab und bei der Frage, warum er bei seiner Tante und seinem Onkel wohnt, ist er einfach weggegangen. Er ist merkwürdig“, erzählte Maria.

Evan stand auf und ging schnell aus der Klasse.

„Was hat der denn?“, fragten Maria, Nina und Kate. Kate hatte eine Vermutung. „Wahrscheinlich hat er mitbekommen, dass wir über seine Tante und seinen Onkel geredet haben und ist deswegen weggegangen, wie damals.“

In Gedanken versunken kriegte Nina nichts mehr mit.

Evan war auf das Dach der Schule gestiegen, wohin er sich immer verzog, wenn er allein sein wollte.

„Diese dummen Mädchen können nichts für sich behalten, müssen alles verbreiten. Diese Welt besteht nur noch aus dummen Menschen, die andauernd lästern müssen“, murmelte er vor sich hin.

Die Situation von vorhin hatte ihn wieder an jenen Tag erinnert.

„Nein, ich will das vergessen, lasst mich in Ruhe, ihr Scheißerinnerungen, verschwindet!“, schrie er. Die Schulglocke klingelte, und er ging zurück in seine Klasse. Er war froh darüber, denn so konnte er sich etwas ablenken. Evan setzte sich auf seinen Platz, da kam Nina zu ihm und wollte ihn etwas fragen. Noch ehe sie den Mund aufmachte, sagte Evan leise, mit ernstem Unterton: „Verschwinde und komm nie wieder in meine Nähe oder willst du es bereuen, ich hoffe du verstehst mich?“

„Ja, tue ich“, sagte Nina ebenso leise. Etwas Angst lag in ihrer Stimme.

Evan wandte sich um und guckte aus dem Fenster, während Nina mit ängstlichem Gesichtsausdruck zurück auf ihren Platz ging. Ben, ein Junge aus Evans Klasse, der offensichtlich auf Nina stand, ging auf Evan zu. „Hey du Freak, was hast du zu ihr gesagt?“, fragte Ben wütend. Evan starrte weiterhin aus dem Fenster und ignorierte Ben.

„Ich habe dich etwas gefragt, du Freak, antworte gefälligst!“, sagte Ben mit etwas erhobener Stimme. Evan ignorierte ihn weiterhin. Daraufhin packte Ben Evan und wollte ihn schlagen, aber da kam gerade der Lehrer herein.

„Da hast du noch mal Glück gehabt. Nach der Schule bist du dran,“ sagte Ben leise zu Evan. Evan ignorierte ihn immer noch und dachte: „Noch ein Beweis, dass die Menschen verkommen und dumm sind, sie kennen nur Gewalt.“

„Evan, wie lautet die Lösung?“, fragte Herr Pens.

„Die Stammfunktion von 1 ist gleich x“, antwortete Evan.

„Das ist richtig.“

Ben drehte sich zu Evan um, als der Lehrer etwas an die Tafel schrieb und ballte seine rechte Hand zu einer Faust, die er dann in seine linke Hand schlug. Evan bemerkte das nicht und guckte weiterhin aus dem Fenster.

Er sah auch nicht, dass Nina ihn gedankenverloren anschaute.

Ihren Freundinnen entging das allerdings nicht. Sie hatten alle denselben Gedanken: Sie steht auf ihn.

Ding, dang, ding. Die Schulklingel gab das Zeichen zum Schulschluss. Evan packte seine Sachen. Einige Mitschüler beeilten sich, um die Schlägerei möglichst hautnah mitzubekommen.

„Hey Nina, warte“, rief Kate.

„Ich habe keine Zeit, ich muss Ben aufhalten.“

„Wir wollten mit dir über Evan reden“, fügte Maria hinzu.

Evan ging hinter das Schulgebäude, um dort Ben zu treffen. Er hatte nicht vor, sich mit Ben zu prügeln, da er Gewalt hasste.

„Wieso über Evan, da gibt es doch nichts zu bereden, und ich hab jetzt auch keine Zeit, tut mir Leid“, sagte Nina.

„Wir haben das Gefühl, dass du an Evan interessiert bist.“

„Das stimmt doch gar nicht. Ich muss jetzt weg.“ Und weg war Nina.

„Ja, sie ist an ihm interessiert, kein Zweifel“, flüsterte Kate. Die anderen stimmten ihr zu und gingen auch hinter die Schule.

„Nur Schaulustige“, dachte sich Evan.

„Du bist gekommen, hätte gedacht, du kneifst. Ich an deiner Stelle würde um Vergebung bitten und mich bei Nina entschuldigen, oder du wirst es bereuen!“ Ben brüllte wie ein Gorilla.

„Ich werde nichts dergleichen tun, ich werde mich auch nicht mit dir prügeln, ich bin nur hier, um dir das zu sagen. Auf Wiedersehen“, erwiderte Evan kalt, gelassen und gelangweilt.

„Warte, du hast wohl Angst bekommen!“, rief Ben. Er ging auf Evan zu, packte ihn an der Schulter, drehte ihn um und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht, zumindest versuchte er das, denn Evan wich aus, befreite sich aus Bens Griff und ging weiter.

Ben rannte auf ihn zu und versuchte, ihn erneut zu schlagen, aber Evan wich im letzten Moment aus.

„Lass das sein, Ben!“, schrie Nina so laut sie konnte. Ben schrie zurück: „Keine Sorge, das ist schnell geregelt, das mach ich nur für dich, Babe!“.

Ben versuchte es jetzt mit Kicks, aber er traf Evan wieder nicht. Alle fragten sich, wie Evan das machte, warum er Bens Schlägen und Kicks ausweichen konnte. Nina versuchte Ben festzuhalten und ihn zu beruhigen, ihre Versuche waren erfolglos. Jetzt gingen Bens Freunde auf ihn zu und rissen ihn mit voller Kraft weg. Ben schrie: „Warum macht ihr das, lasst mich los, ich mach diesen Freak platt!“

„Ein Lehrer ist im Anmarsch, also komm schnell weg von hier.“

Alle rannten weg außer Evan. Der nahm seinen Rucksack und machte sich langsam auf den Weg, da packte ihn plötzlich jemand an der Schulter. Er drehte sich um und sah den Schuldirektor Herrn McGee.

„Du kommst jetzt in mein Büro!“

Evan wunderte sich, ging aber, ohne ein Wort zu sagen, mit.

„Siehst du das?“, fragte Herr McGee.

„Ja, das ist eine kaputte Fensterscheibe, ich glaube sogar von ihrem Büro, Herr McGee“, sagte Evan gleichgültig wie immer. „Du warst das, nur du kannst das gewesen sein. Niemand außer dir ist hier zu sehen“, sagte Herr McGee.

Evan antwortete: „Das liegt wohl daran, dass alle weggelaufen sind.“

„Du hast die Frechheit, die Fensterscheibe kaputt zu machen und dann auch noch zu lügen? Als Strafe bezahlst du die Reparaturkosten und sitzt drei Wochen nach. Es ist mir egal, dass in der dritten Woche Ferien sind, du wirst hier sein. Geh nach Hause.“

Evan machte sich auf den Weg und verzog keine Miene dabei. Zu Hause angekommen, fragte seine Tante, warum er so spät komme.

„Herr McGee hat mit mir gesprochen wegen einer kaputten Fensterscheibe, er denkt, dass ich es war. Ich soll sie bezahlen und drei Wochen nachsitzen, ihm ist es egal, dass in der dritten Woche Ferien sind. Ich habe die Scheibe übrigens nicht eingeschlagen. Ich bin in meinem Zimmer. Wenn das Essen fertig ist, stell es bitte wie immer vor die Tür, danke.“ Evan ging betont lässig in sein Zimmer, seine Tante ließ er stehen. Sie war sprachlos.

„Verdammte Scheiße, ich hab was Besseres zu tun, als in den Ferien nachzusitzen“, murmelte Evan wütend.

Er zog seine Jacke und seine Schuhe aus, holte seine Schulsachen aus dem Rucksack und machte schnell seine Hausaufgaben.

„Evan, das Essen ist fertig, möchtest du nicht doch lieber nach unten kommen, dann können wir gemeinsam essen?“, rief seine Tante.

„Nein, kannst du mir das Essen nach oben bringen, ich mach gerade Hausaufgaben, bitte!“, rief er zurück.

Seine Tante ging mit dem Teller und einem Glas Orangensaft nach oben und stellte alles vor Evans Zimmertür.

Als Evan seinen Teller reinholen wollte, hörte er, dass seine Tante und sein Onkel über ihn sprachen. Evan interessierte dieses Gespräch nicht. Er ging in sein Zimmer, setzte sich aufs Sofa und fing an zu essen. Sein Zimmer war groß, hatte weiße Wände und war einfach eingerichtet. Es hatte ein Sofa, ein Bett, einen Kleider-schrank, einen Tisch, einen Schreibtisch und eine Lampe, die in einer Ecke stand.

Es hing nichts an den Wänden, keine Fotos, keine Bilder oder Poster, er wollte jegliche Erinnerung verbannen.

Auf der Suche nach Berichten über Morde, die ihm vielleicht weiter helfen könnten, klickte er sich durch verschiedene Fernsehprogramme, nichts war hilfreich. Er schaltete den Fernseher aus und ging zu seinem Schreibtisch. Er öffnete die Schublade und holte den ersten Boden heraus, er hatte sich einen Doppelboden gebaut, damit niemand sah, was er darin versteckte. Er wollte nicht, dass irgendjemand mitbekam, dass er noch immer auf der Suche nach dem Mörder seiner Eltern war. Er holte die Zeitungsartikel hervor, die er zu dem Fall gefunden hatte, und die ihm helfen sollten, den Mörder zu finden, aber sie halfen ihm nicht. Er schaltete seinen Laptop an und suchte nach weiteren Artikeln. Seit einem Jahr durchforstete Evan das Internet nach ähnlichen Morden, manchmal fand er welche, doch jedes Mal stellte sich irgendwann heraus, dass der Fall nichts mit dem Mord an seinen Eltern zu tun haben konnte. Wieder suchte er zwei Stunden lang, ohne Erfolg. „Verdammt, schon wieder nichts“, dachte er. „Irgendwann werde ich den Mörder schon finden, dann erfährt er, was Schmerz bedeutet.“

„Evan, kommst du bitte runter, hier ist jemand, der dich sprechen

möchte!“, rief seine Tante zu ihm hoch. Evan packte schnell alles wieder dorthin, wo es hingehörte und ging mit dem Teller in der Hand die Treppe hinunter. Auf dem Weg nach unten hörte er zwei Stimmen – die seiner Tante und eine bekannte, die er aber nicht einordnen konnte. Unten angekommen erblickte er Nina an der Tür.

„Was will die denn?“, fragte er laut.

„Evan, sei nicht so unhöflich zu deiner Freundin“, sagte seine Tante.

Evan erwiderte genervt: „Sie ist nicht meine Freundin, noch nicht mal eine Freundin, nicht einmal eine Bekannte.“

„Entschuldige Evans Benehmen“, sagte seine Tante freundlich.

„Schon in Ordnung“, erwiderte Nina.

„Ich lass euch jetzt allein und Evan, sei nett zu ihr und bitte sie doch rein, hörst du?“, bat seine Tante und ging.

„Also, was willst du hier?“, fragte Evan schroff.

Nina antwortete ruhig: „Ich wollte nachfragen, ob es dir gut geht.“

„Mir geht es gut, war’s das oder ist noch was, ich habe Besseres mit meiner Zeit anzufangen.“

„Ich wollte noch fragen, wie du das gemacht hast“, sagte Nina.

„Was meinst du?“ fragte Evan.

„Ich meine, wie du es geschafft hast, Bens Tritten und Schlägen auszuweichen.“

„So was nennt man auch Kampfsport. Noch etwas?“

„Was für Kampfsport hast du denn gemacht, wenn ich fragen darf?“

„Erstens, du hast schon gefragt und zweitens geht es dich nichts an. Tschüss.“

Evan machte die Tür direkt vor Ninas Nase zu und ging wieder hoch in sein Zimmer. Seine Tante hörte es und bat Nina zu sich herein. Evan suchte nichtsahnend weiter im Internet.

„Entschuldige nochmals das Benehmen meines Neffen“, sagte Evans Tange, „du musst wissen, er hat es nicht leicht.“

Nina versuchte, ihre Neugier zu unterdrücken, aber sie konnte nicht anders und fragte: „Was ist denn passiert, dass Evan so ist? Entschuldigen Sie diese Frage, manchmal bin ich einfach zu neugierig.“

„Kein Problem, du scheinst meinen Neffen wohl zu mögen und möchtest es deswegen wissen.“

Evans Tante überlegte ein Weile und rang mit sich, ob sie Evans Geschichte Nina anvertrauen konnte oder nicht, bis sie den Entschluss fasste, es ihr zu sagen.

„Hör zu meine Liebe, ich werde dir jetzt erzählen, warum Evan sich so verhält, aber du musst mir versprechen, dass du Evan nie sagst, dass ich es dir erzählt habe, versprichst du mir das?“, fragte seine Tante ernst.

„Ja, ich verspreche es ihnen “, antwortete Nina mit dem gleichen Ernst.

Evans Tante erzählte Nina, was damals mit seinen Eltern passiert war und dass er es war, der sie gefunden hatte. Nina war sichtlich geschockt und wusste nicht, was sie sagen sollte.

Evans Tante, die sah, wie mitgenommen Nina war, meinte: „Nina, du musst nichts sagen. Geh jetzt lieber nachhause, bevor Evan sieht, dass du noch hier bist.“

„Gut mach ich, und danke, dass Sie mir das erzählt haben“, sagte Nina leise, stand auf und ging zur Tür.

„Und komm gut nach Hause!“, rief Evans Tante Nina noch nach.

Diese Worte hörte Evan, er ging nachsehen, wen sie meinte und da sah er Nina. Wütend ging er zu seiner Tante. „Was hat sie hier noch gemacht, warum war sie noch hier?“, schrie er.

Seine Tante schloss die Tür und drehte sich mit großen Augen zu Evan Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, sie war hin- und hergerissen. Sie spielte auch mit dem Gedanken ihn anzulügen, bis sie sich schließlich dazu durchrang, ihm die Wahrheit zu sagen.

„Ich habe ihr von deinen Eltern erzählt“, sagte sie.

„Du hast was, warum, was sollte das?“, rief Evan jetzt voller Wut.

Seine Tante antwortete ganz ruhig: „Ich dachte, es wäre an der Zeit, dass jemand erfährt, was mit deinen Eltern passiert ist und Nina scheint dich zu mögen.“

Evan schrie jetzt noch wütender: „Was soll der Scheiß, du hattest kein Recht, das zu erzählen. Das ist meine Sache, halt dich da raus!“

Wütend lief Evan in sein Zimmer und knallte die Tür zu. In seinem Zimmer schlug er erst mal mit seiner Faust gegen die Wand, schmiss seine Papiere vom Schreibtisch und legte sich in sein Bett. Er dachte darüber nach, was er tun sollte und was Nina jetzt mit dem Wissen über ihn machen würde. Ihm schossen Hunderte von Gedanken durch den Kopf, bis er zu dem Entschluss kam, sich mit Nina gut zu stellen, sich mit ihr anzufreunden, damit er sie kontrollieren konnte. Seine Tante, erschrocken von Evans Verhalten, ging zu ihrem Mann, der sie in die Arme nahm. „Du hast das Richtige getan, vielleicht kann sie etwas bei Evan bewirken mit diesem Wissen.“

Am nächsten Morgen ging Evan wieder früh los und dachte nach, wie er sich Nina gegenüber verhalten sollte. In der Schule angekommen, sah er sie und sagte sich: „Los, jetzt geh zu ihr hin und sprich mit ihr.“ Doch da klingelte es auch schon.

Die ganze Schulstunde über dachte er an Nina und daran, dass sie alles von ihm wusste. Es klingelte zur Pause, und er wollte sich gerade auf den Weg zu ihr machen, da kam sie schon zu ihm.

„Hallo“, sagte sie schüchtern und Evan antwortete: „Hallo, können wir reden?“

„Ja klar, können wir reden“, sagte Nina lächelnd. Beide gingen zum Schuldach hinauf. Evan begann das Gespräch: „Also, ich weiß, dass du weißt, was passiert ist und ich möchte, dass du es niemandem erzählst. Im Gegenzug dazu können wir ab und zu was unternehmen, als Freunde oder ist dir etwas anderes lieber?“, sagte Evan ernst und verzog keine Miene.

Nina wurde sauer und sagte schroff: „Erstens: Ich hatte nie vor, es jemandem zu erzählen und zweitens, dass du denkst, ich würde dafür was verlangen, ist doch wohl die Höhe. Du hast echt kein bisschen Menschenkenntnis, ich sorge mich um dich, und du denkst, dass ich was dafür haben möchte, du bist echt ein Idiot!“

Nina ging wütend weg und ließ den fassungslosen Evan auf dem Dach stehen. „Wow!“ Evan dachte über Ninas Worte nach, und er kam sich mies vor. Er wunderte sich über diese Gefühle, aber gleichzeitig fühlte er sich auch sehr gut, das war merkwürdig. Vielleicht habe ich mich doch falsch verhalten, dachte er sich und nahm sich vor, mit Nina zu sprechen. Vor dem Schulgebäude ging er auf sie zu, da kam Ben und hielt ihn auf. „Na, wohin denn, fängt heute nicht das Nachsitzen an?“

„Ja, es fängt heute an. Ist damit deine Frage beantwortet?“, sagte Evan gelassen und ließ Ben stehen. Ben wollte wieder wütend auf Evan losgehen, aber seine Freunde hielten ihn zurück. „Du weißt doch, was gestern war, du konntest ihn nicht einmal treffen, willst du dich wieder so blamieren? Außerdem muss er jetzt nachsitzen“, meinte ein Freund.

„Hast recht, kommt lasst uns gehen.“ Ben und seine Freunde verschwanden und Evan war jetzt bei Nina und ihren Freundinnen angekommen. „Wir gehen dann mal, wir sehen uns. Bis später“, sagten sie und waren auch schon weg.

„Was ist?“, fragte Nina noch leicht wütend.

Evan sagte ruhig und leise: „Es tut mir leid, dass ich so unhöflich zu dir war, können wir noch mal von vorne anfangen?“

Nina überlegte und nach einigen Minuten sagte sie dann: „Ja, können wir. Hallo, ich bin Nina und du?“

„Hallo, ich bin Evan, du bist neu hier oder?“

Dabei lächelte Evan sogar leicht. Nina lächelte zurück und sagte: „Ja, ich bin neu hier. Gut erkannt, Evan.“

Sie unterhielten sich die ganze Pause über und Nina erzählte Evan, warum sie hier war. Sie war mit ihren Eltern umgezogen.

Im Unterricht dachte Evan über Nina nach. Er dachte, dass sie doch ganz nett sei. und dass es vielleicht gar nicht so schlimm sei, sich mit ihr anzufreunden. Die Stunde verging wie im Fluge und Nina und Evan unterhielten sich wieder. Nach einigen Monaten gewann Evan wieder an Lebensfreude, das fiel auch seiner Tante und seinem Onkel auf. Sie freuten sich für Evan und verstanden sich auch gut mit Nina, die jetzt öfters bei ihnen zuhause war. Sie war jetzt Evans Freundin.

Nina und Evan machten ihren Schulabschluss gemeinsam, gingen zusammen auf das gleiche College und zogen in eine Zwei-Zimmer-Wohnung.

Zwar war Evan immer noch etwas verschlossen, zurückhaltend und konnte nicht so gut seine Gefühle zeigen, aber sie waren glücklich.

Evan schmiss seine gesammelten Zeitungsartikel weg und schloss mit seiner Vergangenheit ab.

Bis er diesen Brief bekam:

 

Hallo Evan,

entschuldige, dass ich mich jetzt erst melde.

Ich hoffe, es geht dir gut mit Nina, und du bist glücklich.

Auf jeden Fall siehst du glücklicher aus als sonst. Ich bin auch glücklich und zufrieden mit mir. Jetzt habe ich meinen Mut zusammengefasst, um dir zu sagen, was ich dir schon die ganze Zeit sagen wollte: Sei mir bitte nicht böse, es musste sein, ich hatte keine andere Wahl, sie mussten sterben. Ich habe deine Eltern damals ermordet, und es war mir ein Vergnügen es zu tun, sie haben es verdient. Du hättest dabei sein müssen, es war ein wahres Blutspektakel, es war so befreiend, auf sie einzustechen, immer und immer wieder, ach ja, du warst ja da, oben in deinem Zimmer. Hätte ich bloß gemerkt, dass du da warst, dann hättest du es mit ansehen können, es war traumhaft. So was Schönes und Umwerfendes hast du noch nie gesehen, ach halt, warte, du hast ja die Toten gesehen, und dein Gesichtsausdruck war einfach toll und zu süß. Ich wünschte, ich hätte damals meine Kamera nicht vergessen, dafür habe ich paar Fotos in den letzten Jahren gemacht, die mich dein trauriges Gesicht nicht vergessen lassen, und ich hatte gehofft, sie mir nicht jeden Tag angucken zu müssen, aber jetzt muss ich es und das darf nicht sein.

Du sollst weiterhin traurig und unglücklich sein, so ist es bestimmt, und so soll es sein. Also hol deine Taschentücher raus, denn bald beginnt der Schmerz von vorne.

Liebe Grüße

Dein Gefährte

 

Evan war geschockt. Er wusste nicht, ob er den Brief ernst nehmen sollte oder nicht. Warten wir auf Nina, dann sehen wir weiter, dachte er sich. Er las den Brief wieder und wieder durch, er fragte sich, woher derjenige das alles wusste, die Einstiche, dass er in seinem Zimmer gewesen war und dann das von Nina. Er musste ihn über Jahre hinweg beobachtet haben!

Zwei Stunden später kam Nina. „Hallo, ich bin wieder da. Ich hab etwas zu Essen mitgebracht, vom Chinesen“, rief sie.

Sie ging erst in die Küche, stellte alles ab und kam dann ins Wohnzimmer, wo Evan auf dem Sofa saß und schon auf sie wartete.

Verwundert über seinen Gesichtsausdruck fragte sie: „Was ist los, alles in Ordnung?“

„Hast du jemandem das von meinen Eltern erzählt? Sei ehrlich“, fragte Evan ernst.

„Nein, natürlich nicht. Warum sollte ich so was tun, wieso fragst du?“

Evan war erleichtert, da er wusste, dass sie nicht lügen konnte. „Ist schon gut, es ist nicht so wichtig. Bitte frag nicht weiter nach. Du hast also was vom Chinesen mitgebracht, ich hoffe doch, für mich etwas mit Huhn.“

Sie gingen in die Küche, aßen, schauten danach etwas fern und dann ging Nina ins Bett. Evan sagte, er müsse noch lernen.

Natürlich lernte er nicht, sondern überdachte alle Möglichkeiten, wer ihm diesen Brief geschickt haben konnte.

Es könnte vielleicht jemand gewesen sein, der sich in den Polizeicomputer gehackt hatte, von dem Fall gelesen hatte, und sich deshalb denken konnte, wie er aussah. Aber wieso wusste der Schreiber etwas über Nina? Ich mach mir wahrscheinlich zu viele Gedanken, dachte Evan, steckte den Brief in sein geheimes Versteck und ging schlafen.

 

Am nächsten Morgen wachte er schon früh auf und musste prompt wieder an diesen Brief denken. Er wollte ihn noch einmal hervorholen, doch Nina wurde wach.

„Guten Morgen, möchtest du einen Kaffee?“, fragte Evan Nina.

„Ja, gerne“.

„Wie kommt es, dass du so früh wach bist?“, fragte Nina ihn verwundert.

„Ach, auch ich hab meine Nächte, in denen ich nicht schlafen kann. Lass uns frühstücken und dann losgehen.“

Sie gingen gemeinsam zur Uni, wo sie sich trennten, da Nina andere Vorlesungen besuchte als Evan.

Den ganzen Tag musste Evan an diesen Brief denken. Er sagte dem Lehrer, dass er sich nicht gut fühlte und ging in der ersten Pause nach Hause. Dort wartete er auf die Post. Ehe der Postbote einen Umschlag in den Briefkasten stecken konnte, nahm ihn Evan persönlich entgegen und fragte den Postboten, ob er wüsste, von wem der Brief sei, aber der Postbote verneinte. Kaum war Evan oben, öffnete er den Brief:

 

Hallo Evan,

 

wie ich gesehen habe, hast du meinen letzten Brief gelesen und ihn sogar aufbewahrt, das freut mich, sehr sogar. Ich hab auch alle deine Fotos aufgehängt, die ich gemacht habe.

Anscheinend hast du nichts gelernt damals, jetzt heißt es wohl, ich muss das Messer wieder rausholen, auch wenn es mir leid tut um sie, sie ist doch noch so jung und hübsch dazu auch noch.

Du hast einen Blick für schöne Mädchen, dies wird dir aber jetzt zum Verhängnis.

Ich hoffe, dass du es mir nicht allzu übel nimmst, dies alles dient einem höheren Zweck, also versteh es und sei nicht böse, sondern freu dich.

Denn du bist traurig viel ansehnlicher als glücklich, daher bleibt mir keine andere Wahl, als dich wieder traurig zu machen, du wolltest es so, und so bekommst du es auch.

 

Liebe Grüße

Dein Gefährte

 

P.S: Nachher bekommst du ein Paket, um 12 Uhr, freu dich drauf, es wird eine tolle Überraschung sein, vertrau mir.

 

„Diesen Feigling bringe ich um, der wird sich noch wundern, zu was ich alles fähig bin. Wenn ich den in die Finger bekomme, dann wird er Schmerzen spüren, die er noch nie gespürt hat“, sagte Evan wütend und laut vor sich hin.

Scheiße, dachte er sich, was ist mit Nina. Er versuchte Nina anzurufen, doch es ging keiner ran, er rief bei der Uni an, aber sie sagten ihm, sie sei gar nicht gekommen.

„Fuck!“, schrie er. „Was mache ich jetzt, wie spät ist es, es ist jetzt 11 Uhr, das heißt in einer Stunde kommt das Paket, was mach ich jetzt bloß.“

Evan rannte zum Telefon und rief die Polizei an, doch die sagten ihm bloß, dass sie erst handeln könnten, wenn ein klarer Verdachtshinweis vorliegen würde und nicht nur Vermutungen. Verdammt noch mal, auf die Polizei war noch nie Verlass, dachte er sich. Ihm blieb nichts anderes übrig, als zu warten, bis das Paket kam.

Es klingelte an der Tür und Evan schaute auf die Uhr. „12 Uhr, das Paket!“ Evan rannte zur Tür. Es war tatsächlich das Paket. Er öffnete es so schnell er konnte und wich entsetzt zurück.

Das Paket war mit Blut beschmiert und darin lagen einige Fotos von Evan und Nina, ein Bild zog seine ganze Aufmerksamkeit auf sich, darauf war Nina zu sehen, blutüberströmt und mit Einstichen so wie seine Eltern damals. Zwischen den Fotos lag auch ein Brief in einer Plastiktüte.

 

Hallo Evan,

 

ich schreibe dir heute zum zweiten Mal, ist das nicht schön.

Hier hast du ein paar Erinnerungsstücke, die dich an Nina und an die alten, schönen Zeiten erinnern sollen. Ich finde, sie sind mir gut gelungen oder nicht, was denkst du?

Ich hoffe, du bist nicht allzu wütend auf mich, wenn ja, ist das nicht so schlimm, deine Wut vergeht, und du wirst erkennen, dass das Leben allein schöner ist als mit Menschen, die man liebt.

Nina und ich warten auf dich, wenn du uns sehen möchtest, komm zur alten Fabrik, ich hoffe doch, dass wir uns sehen.

 

Liebe Grüße

Dein Gefährte

 

Dieses Schwein mach ich kalt, dachte Evan und ging los. Auf dem Weg kaufte er sich einen Elektroschocker und ein Messer. An der Fabrik war ein Zettel an die Tür geklebt mit Evans Namen. Darauf stand:

 

Komm doch rein, wir warten hier auf dich.

 

Evan trat ein, das Licht war an und in der Mitte des Raumes lag Nina wie auf dem Bild. Blutüberströmt und voller Einstiche.

Evan schrie: „Wo bist du, zeig dich und stell dich mir.“

„Hallo Evan, ich habe lange auf diesen Tag gewartet, dich endlich persönlich zu treffen. Darf ich mich vorstellen, ich bin Michael.“

„Woher kennst du mich, und warum machst du das alles?“, schrie Evan.

„Nicht so stürmisch, wie wäre es, wenn wir uns in ein Café setzen und uns unterhalten, was sagst du?“

„Nein! Ich möchte wissen, warum!“

„Also nicht, na dann werde ich mich wohl hier vorstellen müssen, obwohl es bei einer Tasse Kaffee besser wäre und gemütlicher, weißt du, ich kann den Geruch von Blut nicht ab, schon komisch, ich weiß. Also, was gibt es zu erzählen? Du hast mir meine Familie gestohlen und mein Leben ruiniert, dafür hast du mir aber die wahren Gesichter der Menschen gezeigt, wie sie wirklich sind. Sie sind egoistisch und selbstsüchtig, denken nur an sich.“

„Ich kann dir gar nichts getan haben!“, erwiderte Evan. „Ich kenne dich nicht mal!“

„Du musst wissen: Bevor deine Eltern dich bekamen, wollten sie mich adoptieren, weil deine Mutter nicht schwanger wurde“, sagte Michael. „Aber kurz bevor die Papiere für meine Adoption unterschrieben waren, wurde sie schwanger und bekam dich, Evan, ihr kleines Wunder. Da war ich natürlich nicht mehr zu gebrauchen. Sie haben mich einfach im Stich gelassen, niemand wollte mich mehr, weil ich inzwischen zu alt war. Ich lebte, bis ich 18 wurde, in einem Kinderheim und das nur wegen dir, Evan“, sagte Michael.

„Was kann ich dafür, ich habe nichts damit zu tun. Ich kann nichts für dein Unglück und dein verkommenes Leben!“, schrie Evan.

„Ich dachte, du würdest es verstehen und bist mir dankbar für diese Erfahrung, aber wenn du es nicht zu schätzen weißt, dann musst du wohl oder übel deinen Eltern und Nina Gesellschaft leisten, auf Wiedersehen Evan“, sagte Michael und ging mit einem Messer auf ihn los.

Bevor Evan seinen Elektroschocker rausholen konnte, war Michael schon da und stach in seinen linken Arm. Evan schlug ihm mit seiner rechten Faust ins Gesicht. Michaels Nase fing an zu bluten. Evan verspürte keinen Schmerz, so voller Adrenalin war er.

„Nicht schlecht, ich habe nichts anderes von dir erwartet, Evan“, sagte Michael und wischte sich das Blut aus dem Gesicht.

Evan ging wieder auf Michael los, diesmal zog er sein Messer und stach ihm in den Arm.

Michael fiel sein Messer aus der Hand. „Du wirst jetzt für das büßen, was du getan hast“, sagte Evan. Er zog seinen Elektroschocker, Michael ging zu Boden und wurde bewusstlos.

Evan hob Michael über seine Schulter, ging mit ihm zu seinem Auto, warf ihn in den Kofferraum und fuhr zu seiner Garage. Denn was er vorhatte, sollte nicht dort geschehen, wo seine Nina tot am Boden lag.

In der Garage fesselte er Michael an einen Stuhl und wartete, bis er aufwachte.

Nach einer Weile wachte Michael auf und guckte sich um.

„Meine Hochachtung Evan, ich bin stolz auf dich“, sagte er mit einem Grinsen im Gesicht.

„Halt deine Klappe. Jetzt wirst du Schmerzen erleben, wie du sie noch nie zuvor erlebt hast“.

Er ging langsam mit dem Messer in der Hand auf ihn zu.

Zuerst stach er Michael in den Bauch. Er versuchte, um die Organe herum zu stechen, damit Michael noch lange am Leben blieb.

Doch irgendwas stimmte nicht mit Michael. Er schrie nicht, gab keine Laute von sich. Im Gegenteil, Michael hatte ein Lächeln auf den Lippen und fragte: „Evan, wie fühlst du dich?“, dann lachte er laut los.

Evan hörte auf und ging zwei Schritte zurück. Die Erinnerungen an seine Eltern kamen zurück, die grausamen Bilder, die er vergessen wollte, er dachte an Nina, die er tot und voller Blut auf dem Boden liegen sah.

Er guckte Michael an, der nun auch voller Blut war und dann auf seine blutigen Hände.

„Was mache ich da?“, fragte er sich laut und ließ das Messer fallen.

Michael beantwortete seine Frage: „Du lässt deinen Gefühlen freien Lauf, mach nur weiter so, mein lieber Evan“.

Evan sagte: „Ich bin nicht so wie du, ich werde wegen dir nicht zum Mörder, ich werde mein Leben nicht wegen dir einsam und allein im Gefängnis verbringen. Ich weiß jetzt, dass das dein Plan war, aber diesen Gefallen tue ich dir nicht.“

Nach diesen Worten ging Evan aus der Garage und rief die Polizei an.

„Nein, das kannst du nicht machen, komm her und vollende deine Tat, denk an deine Eltern und an Nina. Komm her!“, schrie Michael laut und verzweifelt.

Die Polizei kam einige Minuten später und führte Michael ab. Evan fuhr mit zum Polizeirevier, wo er seine Aussage machte.

 

Was danach geschah

 

Evan zog um und besuchte in Seattle ein College. Er machte eine Therapie, die ihm helfen sollte, alles zu verarbeiten. Er lernte auch eine Frau kennen, mit der er sich ab und zu traf, aber mehr als Freunde wurden sie nicht.