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Die 200 Jahre alte Lüge

von Sofia, 12 Jahre

Rachel saß auf einer Bank vor ihrem Haus. Es war ein nebliger Tag. Der Kanal glitzerte nicht so wie sonst. Kein fröhliches Kindergeschrei vom Spielplatz. Sogar die Bäume schienen unglücklich. Die Blätter hingen leblos und glanzlos am Baum.
Es war vollkommen still. Von der Bank aus konnte Rachel über den ganzen Kanal gucken, aber an so einem Tag wie diesen war nicht mal das schön. Der Kanal schien endlos, wie der düstere Himmel.
Das Wetter hatte sich Rachels Stimmung angepasst. Es war genau so traurig wie sie.
Sie musste wieder daran denken, warum sie traurig war. Es war aber auch unfair! Einige ihrer Klassenkameraden hatten die Chance, 4 Wochen nach London zu fliegen. Sie hatte auch dazu gehört, nur ihre Eltern hatten nicht genug Geld für die Reise. Ihre Klassenkameraden hatten sie ausgelacht, nur weil sie nicht mitkonnte. Eine dicke Träne rollte über Rachels Wange.
Genau in diesem Moment klingelte Rachels Handy. Ein billiges Nokia-Handy ohne Kamera oder sonst irgendwelchen Extras.
„Hallo?“, nahm Rachel den Anruf entgegen.
„Hi, ich bin’s Nathalie. Ich wollte nur fragen, ob du zur Reise mitkannst oder nicht“ Nathalie war Rachels beste Freundin und ein Jahr älter als Rachel.
„Nein, meine Eltern haben nicht genug Geld“, schluchzte sie ins Handy.
„Okay, weißt du was? Wir treffen uns in 5 Minuten am Fußball“, sagte Nathalie zu ihr.
„Okay“, konnte Rachel darauf erwidern.
Nachdem Nathalie aufgelegt hatte, stand Rachel auf und machte sich auf den Weg zum Fußball.
Sie nannten ihren Lieblingsplatz immer „Fußball“, weil in dem Teich, der an Rachels und Nathalies Lieblingsplatz liegt, ein Fußball schwimmt. Der Ball war seit sich Rachel erinnern konnte im Teich.
Rachel lächelte. Nathalie war die einzige, die sie verstand.
Rachel ging an dem Spielplatz vorbei, auf dem sie, als sie jünger war, gespielt hatte. An diesem Spielplatz hatten sich Nathalie und Rachel kennen gelernt.
Der Kanal hatte für Rachel eine besondere Bedeutung.
Rachel hatte schon die Bar erreicht. Auch mit diesem Ort war eine Geschichte verbunden, die nicht mal solange her war.
Rachel war in der Bar, als fünf maskierte Männer reinstürmten.
Rachel blieb nicht stehen, um über diesen Moment nachzudenken. Sie ging weiter. Rachel hatte die stinkende Fabrik erreicht. Hier hatten Rachel und Nathalie einen grün gepunkteten Fisch gesehen. Zwar hatte ihnen keiner geglaubt, aber beide waren der festen Überzeugung, dass sie so einen Fisch gesehen hatten.
Rachel verzog das Gesicht. Was für ein abartiger Geruch! Wie hatten sie und Nathalie es geschafft, hier eine Stunde Fische zu beobachten? Rachel hatte schon zig Beschwerdebriefe an die Fabrik geschrieben. Als ob es eine große Firma wie diese interessiert, was ein Kind denkt!
Rachel sah Nathalie von weitem. Sie winkte ihr zu. Als Rachel Nathalie erreicht hatte, umarmte Nathalie sie.
„Oh, du arme! Das ist ja schrecklich, dass du nicht mitdarfst!“, sagte Nathalie zu ihr.
„ Es ist nicht so schlimm, das ist ja nicht das erste mal, dass etwas, was ich will, nicht klappt“, tröstete Rachel Nathalie.
„Ich hab’s dir so gewünscht, das ist so ungerecht! Wieso passiert das immer dir?“, weinte Nathalie.
„Eigentlich bin ja ich die, die weinen müsste, nicht du Nathalie“, lachte Rachel. Nathalie lächelte.
Nathalie war eine Klassenstufe über Rachel. Nachdem sie zu Ende gejammert hatten ließen sie sich auf der Bank nieder. Traurig und gelangweilt schauten sie den Fußball im Teich an. Plötzlich bewegte sich der Fußball.
Rachel war oft hier gewesen, aber sie hatte noch nie gesehen, dass sich der Fußball nur einen Zentimeter gerührt hätte. Gespannt sah sie Nathalie an, die gespannt auf den Fußball schaute.
Auf einmal schoss der Fußball aus dem Wasser und dort, wo früher immer der Fußball geschwommen war, schwamm ein gigantisches Fass.
„Was ist das?“, fragte Rachel schüchtern.
„Ein Fass, würde ich jetzt sagen“, erwiderte Nathalie schlagfertig.
Sie gingen zum Fass, um es sich anzuschauen. Auf dem Fassdeckel war in einer seltsamen Schrift etwas geschrieben.
„Nathalie, kannst du das lesen?“, wandte Rachel sich an Nathalie.
„Warte, das ist alte deutsche Schrift! Das haben wir gerade in Geschichte“, sagte Nathalie. Nathalie guckte sich die Buchstaben ganz genau an und flüsterte dabei: „Choli- nein, das ist eia oder ein e? Hä? Ach ja, das ist ein e! Chole und das ist ein ahh… u. Ach ne das ist ein r und das ist ein e Cholere. Ich hab’s Rachel: Cholere!“
„Was ist denn Cholere?“, fragte Rachel Nathalie.
„Ich hab keine Ahnung. Hä? Warte, das ist kein e das ist ein a. Cholera, wird das so ausgesprochen?“
„Ich weiß es nicht Nathalie. Wir können doch zu dir gehen und dieses Cholera googeln!“, sagte Rachel.
Bei Nathalie angekommen setzten sie sich an Nathalies Laptop. Nathalies Eltern waren nicht da, weil sie sich „Zeit für sich“ nahmen. Nathalie und ihre Eltern lebten in einem Einfamilienhaus am Ende des Kanals.
Nathalie tippte das Passwort ein, es war „stinkende Fabrik 10“. Für jeden Brief, den sie an die Fabrik geschrieben hatten.
„Mach schneller, komm schon“, drängte Nathalie den Laptop, als dieser das Tab nicht öffnete.
„Da, jetzt hab ichs, Cholera so, und jetzt suchen“, sagte Nathalie.
„Cholera ist eine schwere bakterielle Infektionskrankheit, vorwiegend des Dünndarms, blabla, die Infektion erfolgt zumeist über verunreinigtes Wasser oder infizierte Nahrung, blabla, obwohl die meisten Infektionen (etwa 85%) ohne Symptome verlaufen, beträgt die Sterblichkeit bei Ausbruch der Krankheit unbehandelt zwischen 20 und 70%, blabla, binnen weniger Jahre wurden fast alle europäischen Länder von verheerenden Seuchewellen heimgesucht. Cholera war auch in Hamburg und, boah, 8600 Menschen sind umgekommen, und danach kommt nur eine Liste mit wichtigen Leuten, die wegen Cholera gestorben sind“, sagte Rachel.
Rachel und Nathalie starrten sich geschockt an.
„Glaubst du, jemand möchte, dass es wieder eine Epidemie gibt?“, wisperte Nathalie Rachel zu.
„Wir müssen sofort zur Polizei!“, stammelte Rachel.
Hastig liefen beide aus dem Haus und suchten die Polizei auf. Rachel und Nathalie stürmten sofort ins Revier rein.
Dort saßen zwei Polizisten, ein etwas dickerer mit einer Halbglatze und ein glatzköpfiger, magerer Polizist.
Der dicke Polizist merkte sofort, wie aufgeregt die Mädchen waren. „Was ist los Mädels?“, fragte er.
„Dort beim Veringkanal ist ein Fass, auf dem Cholera draufsteht!“, riefen beide Mädchen. „Jemand will, dass in Deutschland wieder eine Epidemie ausbricht. Wenn sie uns nicht glauben gehen Sie zum Fußball!“, fügte Nathalie hinzu.
„Fußball?! Ihr wollt mich doch veräppeln, die Polizei ist nicht dafür da, dass man ihr Märchen erzählt!“, sagte der dicke Polizist. Der magere lachte bloß.
„Nein, Sie müssen uns glauben!“, sagte Rachel schüchtern.
„Wisst ihr was, wir schicken morgen jemanden hin“, meldete sich der magere Polizist zu Wort. Die Polizisten schickten die beiden Mädchen weg. Die Mädchen waren beruhigt, bald würde das ein Ende nehmen.
Am nächsten Tag gingen Nathalie und Rachel wieder zum Fußball, wobei man den Teich wohl kaum noch Fußball nennen konnte, da der Fußball ja aus dem Teich geschossen wurde.
Als sie ankamen war das Fass aber immer noch da. Nathalie beharrte darauf, dass die Polizei gleich kommen würde.
Doch auch am nächsten Tag war das Fass noch da.
Jetzt konnte nicht mal mehr die naive Nathalie sagen, dass die Polizei ihnen glaubte.
„Was sollen wir bloß tun, die Polizei glaubt uns nicht, und was ist wenn wir bald alle Cholera haben?“, sagte Rachel verzweifelt.
„Die Polizei ist eigentlich dafür da, dass sie einem hilft, aber wenn es wirklich wichtig ist, dann glaubt sie einem nicht!“, fügte Nathalie wütend hinzu.
Lange Zeit saßen beide Mädchen auf der Bank und blickten das Fass an. Plötzlich meldete sich Nathalie zu Wort: „Wenn die Polizei nicht einschreitet, dann müssen wir etwas tun, Rachel“
„Meinst du wirklich, Nate?“, sagte Rache zweifelnd.
„Na klar, Warum nicht?“, sagte Nathalie.
„Wir können das Fass nicht einfach aus dem Teich holen, weil:
1. wir Cholera kriegen.
2. wir nur das wissen, was wir in Wikipedia gelesen haben und nichts über die Epidemie wissen und zu guter letzt
3. wir verdammt noch mal KINDER sind.“
„Ich habe für jedes dieser Probleme ein Lösung“, widersprach Nathalie.
1. Wir können nur Cholera kriegen, wenn wir das Fass anfassen, und so blöd sind wir ja nicht.
2. Wir gehen einfach zur Geschichtswerkstatt in der Honigfabrik, da man dort viele Informationen bekommt und
3. nur du noch ein Kind bist, ich bin schon 14, ich kann ins Gefängnis kommen. Solange du mit mir zusammen bist, bist du sicher, Ray“
Rachel lächelte. Nathalie wusste, dass sie gewonnen hatte.
Also machten sich beide auf den Weg zur Honigfabrik. Rachel war nicht oft hier gewesen, Nathalie dafür umso öfter.
„Hey, Nate, du scheinst hier ziemlich oft gewesen zu sein. Warum eigentlich?“, fragte Rachel Nathalie zaghaft. Nathalie lachte.
„Wenn du so wie ich in der 8. bist, dann musst du in Geschichte viel mehr machen als bei dir in der 7. Bei uns ging es das ganze Jahr um die Geschichte von Wilhelmsburg und die Geschichtswerkstatt ist viel informativer als Wikipedia. Hier erfährst du nicht nur, wann es geschah, sondern auch, wer Schuld war und vieles mehr…“
Oben angekommen begrüßte sie eine alte Dame: „Ach, hallo Nathalie brauchst du wieder etwas für Geschichte? Und wer ist deine Freundin dort?“
Nathalie und Rachel schauten sich an, sollten sie ihr von dem Fass erzählen? Rachel sah in Nathalies Augen, dass sie dagegen war. Was war, wenn die Dame sich genauso wie die Polizei verhielt? Nein, das konnten sie nicht riskieren.
Also sagte Nathalie zu der Dame: „Hallo Magret, das ist meine Freundin Rachel. Sie geht in die 7. Klasse und muss einen Aufsatz über Cholera in Hamburg schreiben, und ich wollte ihr etwas unter die Arme greifen“
„Das ist sehr freundlich von dir, Nathalie. Kommt mit Mädels“, sagte Magret.
Die Geschichtswerkstatt war ein kleiner Raum voll gestopft mit Ordnern, Büchern und Papieren. An der Lampe hingen schwarz- weiße Fotos von verschiedenen Personen.
Rachel fand es toll hier. Es hangen viele Fotos am Raum, doch die Regale sahen so aus wie eine Bibliothek was dem ganzen einen Unpersönlichen Still gab.
Das kam wahrscheinlich wegen den vielen Büchern.
Magret suchte im Bücherregal ein Buch über Cholera. Währenddessen sahen sich Nathalie und Rachel um.
„Es ist sehr schön hier Magret“ sagte Rachel anerkennend. Magret lächelte „Es ist nichts besonderes“.
„Hey Ray, das Buch sieht doch ziemlich hilfreich für deinen Aufsatz aus“, Nathalie zeigte auf ein Buch, das neben dem PC lag.
„Ach, da ist es ja. Das Buch hab ich gesucht. Das ist perfekt für dich Rachel“, sagte Magret.
„Wir suchen uns eine Seite, und die kopieren wir dann“, sagte Nathalie.
Rachel, die schon ins Buch geschaut hatte, wandte sich an Nathalie.
„Nate, hier steht, dass Cholera durch Wasserverschmutzung kommt, und haben die Leute damals nicht von der Elbe getrunken?“
„Natürlich, haben sie das! Habt ihr denn nicht schon im Internet nachgeguckt?“, fragte Magret misstrauisch.
„Ich hab dir gesagt, dass du den Text nicht überfliegen sollst“, wisperte Nathalie Rachel zu.
„Nein, das hattest du nicht. Ich hab den Text überflogen, weil du unbedingt wolltest! Und soweit ich mich erinnere, hab ich es sogar vorgelesen, nur wir empfanden es als unwichtiges Detail“, wisperte Rachel zurück.
„Päh… Wohl eher du empfandest es als unwichtiges Detail. Tja, nicht jeder kann so weise wie eine 14 Jährige sein“, sagte Nathalie.
„Wie traurig. Ein Mädchen, die 14 ist, sich aber wie 5 benimmt“, entgegnete Rachel darauf.
„Was ist hier bitte los?“, mischte sich Magret misstrauisch ein. Rachel und Nathalie hatten nicht gemerkt, dass sie gegen Ende angefangen hatten laut zu reden.
„Äh… Naja, die liebe Rachel hier hat sich für ihren Aufsatz nicht gut informiert, aber egal. Könntest du uns bitte diese Seite kopieren?“, wechselte Nathalie das Thema.
Magret schien diese Antwort zu genügen, denn sie sagte: „Okay, Nathalie, du weißt ja wie der Kopierer funktioniert.“
Rachel und Nathalie gingen mit dem Buch in der Hand ins Nebenzimmer. „Wir müssen vorsichtiger sein, Nate. Beinah hätte sie was gemerkt“, sagte Rachel flüsternd zu Nathalie.
„Aber nur beinah“ erwiderte Nathalie.
Nachdem die beiden die Geschichtswerkstatt verlassen hatten, lasen sie sich die kopierte Seite aus dem Buch gründlich durch. Nur damit ihnen diesmal nichts Wichtiges entging.
Rachel schien etwas bemerkt zu haben, denn sie schaute interessiert auf einen Satz.
„Was ist Ray?“, fragte Nathalie neugierig.
„Hier steht, dass die Krankheit durch verschmutztes Trinkwasser entsteht“, antwortete Rachel immer noch interessiert.
„Das wissen wir bereits, Frau Kommissarin“, witzelte Nathalie.
„Was schmutzig ist, riecht auch meist nicht gut…“, sagte Rachel lächelnd.
„Du meinst doch nicht etwa, dass die stinkende Fabrik etwas, damit zutun hat?“ Nathalie schaute Rachel geschockt an. Rachel war sich sicher das die alte Öl-Fabrik etwas mit alldem zutun hatte. Nathalie und Rachel wussten was in der Fabrik hergestellt wurde, es waren Lacke und im Fernsehen sagten sie ja immer gefährlich das Zeugs war.
„Nate, alles passt perfekt zusammen!“, versuchte Rachel Nathalie zu überzeugen.
„Wir müssen in die Fabrik einbrechen“, sagte Nathalie überraschend.
„Du meinst einfach… einbrechen?“, stammelte Rachel.
Nathalie nickte. Rachel wusste, dass Nathalie viele verrückte Ideen hatte, aber diese Idee zählte wohl zu den verrücktesten, die sie je gehabt hatte.
„In der Firma müssen doch irgendwelche Hinweise sein! Am besten wir tun es noch heute Abend.“ Nathalie schaute Rachel an. Rachel hatte keine andere Wahl und deshalb nickte sie einfach.
Nathalie schluckte. „Wir müssen ins Büro des Firmenpräsidenten einbrechen.“
Rachel sah Nathalie an und sagte: „Das kann ich nicht tun, das ist eher was für dich Nate.“ Rachel sah Nathalie flehend an.
„Rachel, ich schaff das nicht ohne dich, und wenn du es nicht tust, könnte in Wilhelmsburg bald wieder die Cholera ausbrechen. Willst du das?“, redete Nathalie Rachel ein.
Nein, das war das letzte, was Rachel wollte. Rachel stimmte Nathalie zu und die beiden planten alles.
Als der Abend kam, war Rachel immer noch nervös. Würde alles klappen?
Aber Rachel musste jetzt mutig sein, auch wenn sie es sonst nicht war. Es ging immerhin um Leben und Tod.
Natalie wartete schon auf Rachel. Sie stand vor der Fabrik und schien auch nervös, nicht annähernd so nervös wie Rachel.
„Wir beide sehen uns am besten ein bisschen um, um ein Loch zu finden, in das wir passen“, sagte Nathalie entschieden.
Nach einer Weile rief Rachel: „Ich hab ein Loch gefunden, in das wir passen sollten! Komm her, Nathalie!“
„Schrei nicht so, niemand soll wissen, dass wir hier sind. Verstehst du? Niemand!“, sagte Nathalie zu Rachel, als sie ankam. Rachel konnte sich nicht verkneifen, die Augen zu rollen. Nathalie guckte sich das Loch an und nickte dann.
Zuerst krabbelte Nathalie durch das Loch, sie wusste, dass Rachel nicht merken dürfte, dass sie Angst hatte, denn das würde Rachels Angst steigern.
Nun krabbelte Rachel hinein. Sie hatte Angst, aber wegen Nathalie versuchte sie sich nichts anmerken zulassen. Nathalie war so mutig. Manchmal wünschte sich Rachel Nathalie zu sein. Dann wäre alles so verdammt einfach.
Beide Mädchen standen in einem langen Gang. Keine von beiden hatte nur die geringste Ahnung, wo das Büro des Chefs war.
„Komm gehen wir nach links“, sagte Nathalie an Rachel gewandt.
Als Rachel um die Ecke bog, Nathalie dicht hinter ihr, hörten sie von hinten einen Schrei:
„Eindringling! Nehmt sie fest, nehmt sie fest“
Ruckartig drehten sich beide Mädchen um, dort stand ein Riese von einem Mann. Nathalie lief um die Ecke zu Rachel, die beiden hörten nur noch Sirenen.
„Rachel, dich hat er nicht gesehen! Versteck dich in dem Büro da, ich lass mich erwischen“, sagte Nathalie.
„Nein, ich kann das nicht allein!“
„Doch kannst du! Ich glaube an dich“, beruhigte Nathalie Rachel. Rachels Kehle war wie zugeschnürt, sie konnte nur nicken.
Während also Rachel zum Büro lief, rannte Nathalie dem Riesen in die Arme.
Die Tür, vor der Rachel nun stand war abgeschlossen.
Sie schluckte, Gott sei Dank hatte Nathalie ihr beigebracht, wie man eine verschlossene Tür aufmacht, und zwar mit einer Spange.
Um Rachel herum hörte das Klingeln auf. Offensichtlich hatten sie Nathalie erwischt.
KLICK, die Tür ging auf und Rachel versteckte sich im Büro, und dort auf dem Tisch stand etwas, wodurch sich Rachels Stimmung erheblich besserte.
Es war ein kleines Schild, auf dem „Volker Carroux Fabrikdirektor“ stand.
Rachel lächelte. Sie sah sich ganz genau um und siehe da: In der hintersten Ecke des Büros lagen eine Menge Briefe, geschrieben in altdeutscher Schrift. Rachel steckte die Briefe ein und wollte gehen, doch am Ende des Gangs ging ein Mann entlang. Rachel hatte Glück, er stand mit dem Rücken zu ihr, sofort schloss sie die Tür, mit der Spange ab, doch leider war das Schließen der Tür zu hören.
Sie hielt den Atem an. Der Mann drückte den Türknauf nach unten, doch die Tür war zu.
Rachel legte ihr rechtes Ohr auf die Tür und versuchte zuhören, wie der Mann wegging, doch er ging hin und her. Es war immerhin das Chefbüro.
Rachel kauerte sich auf den Boden zusammen, was sollte sie bloß tun?
Ohne Nathalie war sie auf sich allein gestellt. Nathalie hätte gewusst, was zu tun wäre. Wo Nathalie wohl gerade war? Wahrscheinlich auf dem Polizeirevier. Plötzlich fiel Rachel etwas auf: Sie war im Erdgeschoss in einem Büro mit Fenstern und vielen Gegenständen, die das Fenster kaputt machen konnten.
In Rachels Innerem spielte sich gerade ein Kampf ab. Ihre „gute“ Seite sagte ihr, dass sie es nicht tun sollte, immerhin war das Sachbeschädigung. Doch ihre „Teuflische“ Seite sagte, dass es sowieso egal wäre, jetzt war sie schon in eine Fabrik eingebrochen. Sie konnte nun auch ein Fenster einschlagen.
„Ach, was soll’s“, dachte sich Rachel, nahm das Bild von der Wand und warf es ins Fenster.
Sie schätzte, dass sie noch zehn Sekunden hatte bis die Männer die Tür aufbrachen und Rachel nutzte dies und lief, wie sie noch nie gelaufen war. Sie lächelte dabei Das erste Mal in ihrem Leben hatte sie auf das „Teufelchen“ gehört und das hatte sich echt gut angefühlt.
Rachel lief zum Polizeirevier. Sie versteckte sich hinter der Garage und versuchte die Briefe zu lesen.
Soweit sie verstand, hatte es nie Cholera in Hamburg gegeben. Die damaligen Fabriken hatten ihre Mitarbeiter nicht gut genug vor den hochgiftigen Chemikalien geschützt, dabei starben viele Mitarbeiter, weil die Fabriken keine medizinische Versorgung beantragten.
Um die Toten zu vertuschen, behaupteten die Fabriken, dass die Cholera in Hamburg unterwegs wäre. Die Leute damals glaubten die Geschichte, da es in ganz Europa gerade Cholera-Epidemien gab.
Den Rest konnte Rachel nicht entziffern, aber das würde der Polizei bestimmt reichen.
Rachel stürmte wie eine Irre ins Revier rein, zufällig ins Büro, in dem Nathalie verhört wurde.
Rachel knallte die Briefe auf den Schreibtisch und sagte dabei erstaunlich ruhig: „Es gab nie Cholera in Hamburg.“
Rachel und Nathalie mussten der Polizei haarklein alles berichten. Das meiste musste Rachel erzählen, da Nathalie sich erwischen lassen hatte.
Rachel war überrascht von sich selbst, wie ruhig sie redete, die Polizei meinte, es liege am Adrenalinstoß.
Rachel und Nathalie mussten ihre Geschichte oft erzählen, bis sie ihren Lohn bekamen: Ein Menge Geld.
Zehn Jahre nach diesem Abenteuer sieht der Kanal so schön wie noch nie aus. Rachel und Nathalie sind immer noch beste Freundinnen und studieren beide Medizin.