shadow

Die Eisprinzessin (Michelle Klatt, 15)

Es gab einmal eine Zeit, niemand kann genau sagen, wann es war, da waren vier Reiche auf einem einzigen großen Kontinent verteilt. Jedes Reich stellte eines der vier Elemente da. So gab es ein Erdenreich, ein Feuerreich, ein Wasser- und ein Luftreich. Diese vier Reiche wurden auch von vier großen Herrschern regiert. Die Legende besagt, dass sie die vier Söhne sein sollten, die bei einem Kuss von Sonne und Mond entstanden, aber von Lureniva ausgetragen wurden. Lureniva heißt unser Planet.
Schon nach kurzer Zeit wurden die vier großen Reiche bevölkert. Sie lebten friedlich. Es gab nur eine Regel: Niemand durfte sich in jemanden aus dem anderen Reich verlieben. Verstieß man gegen diese goldene Regel, so war man dem Tode geweiht.
Doch eines Tages geschah es, dass die Königstochter aus dem Luftreich etwas mit dem Königssohn des Wasserreiches anfing und nun ein Kind gebar, das weder zum Luft- noch zum Wasserreich gehörte. Als die Könige dies erfuhren, wurden sie wütend.
Nun aber erfuhren sie, dass auch im ‚normalen’ Volk heimlich so etwas wie Unterrassen entstanden waren. Und dass es auch unter den anderen Königskindern uneheliche Kinder gab. Die Könige gerieten in Streit und entschieden, den Kontinent in acht Teile zu trennen.
Das erste Unterreich war das Eisreich, zu dem auch ich gehöre. Es entstand aus Verbindungen zwischen dem Wasser- und dem Luftreich. Ich bin Selenia und das ist meine Geschichte. Sie beginnt an einem ganz besonderen Tag.

,,Majestät! Majestät! Ihr habt verschlafen, Majestät!“
Langsam öffnete ich meine schweren Lider. Das Licht brannte in den Augen. Mit müder Stimme sagte ich: ,,Hmm..Wie spät ist es denn, Söphria?“
Söphira war so etwas wie meine Zofe. ,,Halb neun, Hoheit“, antwortete sie relativ schnell. Meine Augen gewöhnten sich nun langsam an die Helligkeit, die durch die weißen Seidengardienen hindurch schien. Ich seufzte und setzte mich vorsichtig auf. Ich schlug die Bettdecke zur Seite und lehnte meine Beine über die Bettkante. Zena, eines meiner Hausmädchen, streckte mir ihre Hand entgegen. Ich ergriff sie und ließ mir von ihr hoch helfen. Ich hörte leises Quietschen und bemerkte, dass sich Söphria sogleich an meinem Kleiderschrank zu schaffen machte. Ich konnte beobachten, wie sie ein weißes Unterkleid und ein genauso weißes normales Kleid, dazu ein hellblaues Unterbrustkorsett, heraus kramte. Ich summte etwas, als Zena mir schon mal mein Schlafhemd auszog. Um ihr etwas dabei zu helfen, hielt ich meine Arme nach oben. Ich schaute ein wenig im Zimmer umher. Es war alles wie immer – mein silbernes, fein geschmücktes Himmelbett mit den weißen Vorhängen, die jeweils an den Säulen mit einer hellblauen Schleife befestigt waren, auf meiner weißen Matratze lag meine weiße Bettwäsche, und die Wände wurden auch von einer weißen Farbe geziert. Ich meine, ich liebe diese Farbe wirklich, aber wenn man sie jeden Tag sieht. Immer und immer wieder. Tag ein Tag aus. Überall wo man hinsieht. Dann ist die Farbe Weiß wirklich auf Dauer ziemlich langweilig. Aber was soll man von einem Eisreich erwarten? Eis ist nun mal hellblau und weiß. Genauso wie meine Haare.
Ein heftiger Druck riss mich aus meinem kleinen Tagtraum und wollte mich wieder mit der Realität foltern. Ich merkte, dass ich schon mein Unter- und Oberkleid trug, und Söphria anfing, mir mein Korsett zu schnüren. Erst fädelte sie, und dann zog sie. So ging es bestimmt zwanzig Mal, bis sie endlich fertig war, und ich merkte, wie sie eine kleine Schleife am Ende band. Auch wenn es ziemlich oft echt nervig drückte, so war es doch angenehm zu tragen. Ich mochte dieses eingeengte Gefühl.
Ich setzte mich auf den Stuhl, der direkt vor meinem Spiegel stand, und wartete bis Zena anfing, meine Haare zu kämmen. Ich betrachtete meine bleiche, ja schon fast porzellanfarbige Haut. Meine weißen Haare umrahmten mein Gesicht. Ich sollte als das schönste Mädchen im Eisreich gelten. Dabei hasse ich meine kleine, zierliche Gestalt. Weil ich als Kind oft krank war, durfte ich nur ganz selten raus. Es war eine Qual.
Zena flocht mir drei meiner vorderen Strähnen nach hinten. Dann übergab sie mir ein silbernes Kästchen mit feiner Verzierung. Ich öffnete es und setzte mir mein kleines silbernes Diadem auf. Es hatte drei blaue Steinchen, in der Mitte einen großen und links und rechts davon zwei kleinere. Es passte super zu meinen Haaren. Alles an mir passte zusammen, so wie gefrorenes Eis immer zusammen passt.
Ich ging ins Esszimmer und wartete darauf, meinen morgendlichen Tee zu bekommen.
Ich setzte mich an die Tafel aus Kirschholz und staunte wie jeden Morgen über die Länge dieses Tisches. Es hätten so viele Leute daran Platz und trotzdem aß ich immer einsam. Morgens, mittags und abends. Ich hatte nun mal keine Freunde oder Familie. Familie. Bei diesem Gedanken könnte ich anfangen zu weinen. Ich vermisse meine Eltern wirklich sehr. Sie sind damals im Krieg umgekommen.
Die genauen Gründe für diesen Krieg kenn ich nicht. Ich habe von meinem Vater damals nur erfahren, dass das Feuerreich uns wegen unserer Fähigkeiten nicht leiden kann. Wir sollten angeblich eine Bedrohung darstellen. Dabei sind wir so ein friedliches Volk.
Trotzdem kamen sie einfach in unser Reich und richteten meine Eltern und meine große Schwester hin. Söphria hatte mich damals versteckt. Seitdem hat sie sich wie eine Mutter um mich gekümmert. Trotzdem – sie haben meine Familie auf dem Gewissen!
„Ich verfluche dieses Feuerreich!“ , schrie ich aus Versehen laut.
„Eure Majestät, ist alles in Ordnung bei Ihnen?“, hörte ich es aus der Küche. Es kam von Zena.
Ich versuchte, so schnell wie möglich, zu antworten: „Ja sicherlich doch. Tut mir wirklich leid, ich habe gerade zu laut gedacht. Verzeihung.“ Ich lächelte. Mir war das gerade echt ziemlich unangenehm. Ich musste damit aufhören. Sowas passierte mir leider viel zu oft. Nun stand Zena neben mir und stellte eine Tasse von ihrem Teewagen auf den Tisch. Vorsichtig goss sie den heißen Tee ein. Es dampfte aus der Tasse und der Dampf zog sich Richtung Decke. Komisch, wie vergänglich doch alles ist, dachte ich. Der Dampf wird aus der Hitze und der Kälte geboren und vom Wind sogleich wieder vernichtet. Aber vielleicht verschwindet er ja gar nicht, sondern verteilt sich nur so fein, dass wir ihn mit dem bloßen Auge nicht mehr sehen können. Ich war mir sicher, dass er noch existierte. Plötzlich machte mich Zena auf einen Umschlag aufmerksam, den sie in ihrer Hand hielt. Sie überreichte ihn mir. So vorausschauend, wie sie immer war, legte sie mir auch gleich einen Brieföffner dazu. Vorsichtig durchschnitt ich das Papier. Erst jetzt fiel mir dieses merkwürdige Siegel auf. Es stammte gar nicht von unserem Eisreich sondern vom Luftreich! Ein Adler war darauf zusehen. Ich nickte und murmelte vor mich hin: „Der Adler, König der Lüfte. Stimmt.“
Behutsam holte ich den Brief heraus. Ich knickte ihn auf. Mit zierlicher Schrift in Tinte stand dort Folgendes:

Liebe Prinzessin Selenia,
Du bist die Einzige, zu der ich mich jetzt in dieser Not noch wenden kann. Ich bin alt und kann leider nicht mehr viel tun. Ich weiß nicht, ob Du es mitbekommen hast, aber die vier Hauptreiche wollen Krieg anzetteln. Aber diesmal keinen zwischen zwei Ländern, sondern diesmal einen auf der ganzen Welt. Zuerst wollen sie sich verbünden und alle niederen Königreiche zerstören.
Prinzessin, ja auch euer Reich ist dem Untergang geweiht, wenn ihr jetzt nicht auf meinen Rat hört. Seid gewiss, dass wir aus dem Luftreich nicht auf Krieg aus sind, aber wenn sie uns angreifen sollten, können wir für nichts garantieren. Auch wir wollen leben. Also tut bitte Folgendes: Reist in alle Länder und verbündet euch mit den Prinzessinnen und Prinzen, den Königinnen und Königen und stellt den Frieden wieder her. Reist zuerst in die friedlichen Länder, so wie dem Blütenreich oder dem Tierreich. Nehmt euch danach die anderen Länder vor. Von euch hängt unser aller Leben ab!
Eure hoffnungsvolle Königin Fureha.

Wieso wusste ich nichts von diesem Krieg? War nur unser Reich so ahnungslos oder auch die anderen Unterreiche? Eines war mir klar: Ich musste, um für mein Reich zu sorgen, losziehen. Ich musste es irgendwie schaffen, für den Frieden zu sorgen.
,,Zena, ruf sofort alle Bediensteten in den Wohnbereich. In zehn Minuten sollen alle da sein“ , sagte ich mit ernster Stimme.
Ich war fest entschlossen, noch heute aufzubrechen. Wer wusste schon, wann der Krieg anfing? Heute, morgen oder vielleicht erst in zwei Monaten? Es war egal, ich musste einfach so schnell wie möglich los.
Ich ging schon mal langsam in den Wohnbereich. Schon nach kurzer Zeit standen alle meine Bediensteten dort verteilt und waren neugierig, worum es denn ging. Normalerweise hatten wir eher selten solche Versammlungen wie heute.
Leise munkelten sie schon, worum es wohl gehen könnte.
Ich hatte es mir auf einem hellblauen Sessel gemütlich gemacht. Als ich aber nun langsam aufstand, waren alle auf der Stelle mucksmäuschenstill.
Ein tolles Gefühl irgendwie. Ich musste mir ein Lächeln verkneifen. Ich genoss meinen Stand als Prinzessin immer noch voll und ganz. Aber das war jetzt auch egal. Es gab Wichtigeres.
„Also“, fing ich an, ,,es ist so: Es soll wahrscheinlich ein Krieg ausbrechen. Deswegen werde ich losziehen müssen. Und das alleine. Die genaueren Umstände klären wir, wenn ich zurück bin. Das Volk darf aber erst einmal nicht erfahren, dass ich weg bin! Es ist wichtig, dass es geheim bleibt. Sonst könnte es passieren, dass die anderen Länder davon Wind bekommen und mich sofort hinrichten. Wie jeder weiß, ist es ja verboten in andere Länder einzuziehen. Ich möchte bitte, dass ihr jetzt meine Sachen packt. Ich weiß nicht, wann ich zurück sein werde.“
Alle starrten mich mit großen Augen und Entsetzen im Blick an. Ich wusste genau, was sie dachten. Was ist, wenn ich nicht zurückkomme? Aber dabei ging es natürlich nur darum, wer nach mir den Thron übernehmen würde.
„Wie ihr wünscht Majestät. Aber denkt daran, wir werden stets auf eure Rückkehr warten“, sagte Söphria entschlossen. Zena und Nevil nickten zustimmend.
Nevil war unser Küchenchef. Erst jetzt wurde ich mir dieser Situation so richtig bewusst. Irgendwie freute ich mich, endlich mal etwas Neues zu erleben, aber ich hatte auch ziemliche Angst davor. Ich wusste ja nicht, was auf mich zukommen würde.

Am Abend hatten meine Bediensteten alle meine Sachen fertig gepackt und mich auch mit Proviant versorgt. Ich zog mir meinen weißen Umhang an. Er bestand nur aus einer Kapuze und ging bis auf den Boden. Natürlich war auch er weiß.
Sie sattelten mir meinen großen weißen Schneetiger namens Sira, und dann ging es auch schon los. Sira war ein Weibchen und hatte lange Eckzähne, fast wie von einem Säbelzahntiger. Sie war auch größer als andere Tiger, ungefähr so groß wie ein ausgewachsenes Pferd.
Als ich aus dem Schloss ging, war Sira schon startklar. An ihrem Sattel befanden sich große Seitentaschen, worin meine Sachen Platz fanden. Alle meine Bediensteten liefen schnell nach draußen, um sich noch einmal von mir zu verabschieden. Sie lächelten mir aufmunternd zu. Söphria kam als Letztes aus dem Schloss und umarmte mich.
„Macht es gut, Prinzessin. Und bitte, bitte kommt heil wieder zurück!“, sagte sie fast weinend. Ich nickte kurz. Ich wollte nicht viel mehr reden als nötig. Ich hatte Angst davor zu weinen. Das wollte ich nun wirklich nicht. Also stieg ich auf Sira. Ich trieb sie leicht mit meiner Hacke an, und sie lief los. Ich konnte in der Dunkelheit noch erkennen, wie mir die anderen winkten.
Sira lief ziemlich schnell. Es schneite. So wie fast immer. Aber heute war es irgendwie schlimmer als sonst, ein richtiger Schneesturm. Ich trieb Sira an, schneller zu laufen, und lehnte mich mehr nach vorne. Es dauerte nicht lange, bis ich bald kein einziges Haus mehr sehen konnte. Es war nur noch eine einzige Schneelandschaft. Und auch wenn ich kaum etwas durch die ganzen Schneeflocken erkennen konnte, sah ich in der Ferne Berge. Das Gefährliche an dieser schönen Landschaft war, dass man nie wusste, ob man sich auf festem Boden befand oder nur auf einer dicken, oder vielleicht sogar dünnen Eisschicht. Aber wir liefen weiter. Ich griff kurz nach hinten und holte meinen Kompass aus der Satteltasche. Es war wichtig, dass ich in dieser Gegend niemals die Orientierung verlor. Es hätte den Tod bedeutet.
Es dauerte zwei Tage, bis wir endlich aufs Meer blicken konnten. Es war ein herrlicher Anblick. Auch wenn wir uns immer noch auf unserem Land befanden, und es immer noch so eiskalt war, war es trotzdem wunderschön. Ich konnte die Eisbären beobachten. Überall waren Eisschollen über dem Wasser verbreitet. Es wirkte so, als seien wir die Einzigen auf diesem Meer.
Ich konnte eines unserer Eisboote sehen. Sie waren aus weißem Holz mit blauer Musterung. Ich stieg in das Boot und merkte, wie es dunkel wurde. Ich musste mich beeilen, bevor ich bald gar nichts mehr sah. Es dauerte etwas, bis Sira auch in das Boot stieg. Ich gab ihr ein Zeichen, dass sie sich hinlegen sollte. Irgendwann tat sie das auch. Ich kann mir vorstellen, wie schrecklich es für eine Katze sein muss, in einem Boot zu sein. Aber sie musste da nun mal durch.
Ich löste mit schnellen Griffen das Boot vom Ufer, und es schwamm los. Es war etwas nervig, durch die Eisschollen zu treiben, aber wenn man sie mit dem Paddel beiseiteschob, kam man gut durch. Ich schaute auf meinen Kompass und drehte das Boot so, dass es Richtung Osten zeigte, und dann ging es los. Jetzt wurde aufs Blütenreich gesteuert.
Wir trieben die ganze Nacht und den halben Tag übers Meer. Ich war so müde. Ich kuschelte mich an Sira und schlief ein.
Ich träumte von damals. Von dem Krieg. Von meiner Familie. Es wiederholte sich alles.
Ein lauter Prall erlöste mich aus diesem Albtraum. Ich öffnete langsam meine Augen. Ich schaute mich um und bemerkte, dass unser Boot gegen eine Felsenküste schlug. Wir waren am Blütenreich angekommen. Ich stieg aus dem Boot und ging an den Felsen vorbei Richtung Strand. Sira folgte mir aufmerksam. Jedoch fand sie es wohl nicht so toll, durchs Wasser gehen zu müssen.
Als ich über den gelb-weißen Strand ging, war ich hin und weg. Er war so weich und warm. Vor Begeisterung zog ich mir meine Stiefel aus und lief barfuß über den Sand. Es war ein großartiges Gefühl. Der ganze feine Sand blieb an meinen nassen Füßen kleben. Ich richtete meinen Blick nun geradeaus und sah einen Wald aus Kirschblütenbäumen und anderen Bäumen, die Blüten trugen. Ich hatte diese Bäume zwar schon in Büchern gesehen, aber den Blütenwald real zu sehen, war umwerfend. All diese rosafarbenen und weißen Blüten. Sie fielen wie Schnee langsam auf den Boden. Ich hatte noch nie so viel Schönheit gesehen. Und das sollte alles bald zerstört werden? Das konnte ich nicht zulassen. Ich musste auf jeden Fall die Prinzessin finden und sie zu unserer Verbündeten machen.
Ich wollte gerade Richtung Wald gehen, als ich mich nach Sira umdrehte und bemerkte, dass sie weg war. „Oh nein“, flüsterte ich.
So schnell ich konnte, lief ich in den Wald. Ich musste aufpassen, dass ich mich nicht in der Vielfalt dieser wunderschönen Bäume und Blumen vergaß. Auf einmal konnte ich leises Schnurren wahrnehmen. Eine große Trauerweide hing mir im Weg. Ich versuchte, durch das enge Gesträuch zu klettern und fand mich im nächsten Moment auf einer großen hellen Lichtung wieder. Überall standen Blumen. Die eine schöner als die andere. Ich wandte den Blick etwas und konnte nun endlich meine geliebte Tigerin erblicken. Sie wurde von einem Mädchen gestreichelt, mit langem rosafarbenem Haar und mit einem Kimono bekleidet. Er war mit rosa und lilafarbenen Blumen geschmückt. Er passte super zu ihr. Ich sah, wie sie meine Tigerin anlächelte. So gutherzig!
Sie schaute sich neugierig nach mir um.
„Ist das euer Tiger?“, fragte das Mädchen etwas grimmig.
Ich antwortete stotternd: „J-ja.“
,,Dachte ich es mir doch! Aber was machen hier Leute aus dem Eisreich? Soll das etwa ein Angriff werden? Ihr seid doch alle gleich! Ihr seid alle so wie dieses elende Erdenreich!“
Ich schaute sie mit großen Augen an. „Ich möchte hier niemanden angreifen. Ich wollte lediglich mit eurer Prinzessin sprechen. Ist sie hier in der Nähe aufzufinden?“, fragte ich schließlich leise.
„Sie steht vor euch“, antwortete sie.
Ich trat näher an sie heran. „Eure Majestät!“ Ich machte einen tiefen Knicks. „Ich bin Prinzessin Selenia aus dem Eisreich. Es ist mir eine Ehre. Ich möchte mit euch reden. Ginge das?“
Sie schaute mich prüfend an, bis sie anfing zu sprechen. „Sind hier noch andere? Krieger oder Leibgarden?“
Ich schüttelte den Kopf. Sie seufzte erleichtert. „Entschuldigt die Unannehmlichkeiten. Aber erst letzte Woche kamen Spione aus dem Erdenreich. Also seid, was das Vertrauen angeht, etwas nachsichtig mit uns.“
Ich verstand ihre Worte vollkommen. Ich denke, ich hätte in ihrem Fall genauso reagiert.
Ich nickte, um ihr mein Verständnis zu zeigen.
Sie führte mich in ein großes Schloss. Es war etwa so groß wie das meine aber dennoch total anders. Überall war es mit schönen Wildrosen bewuchert. Aber es störte keinesfalls, es unterstrich nur die Schönheit dieses Palastes.
Wir gingen an einem Garten vorbei, und ich folgte ihr durch ein großes Tor in das Schloss. Alles hier war so liebevoll und warm. Ich kann es einfach nicht beschreiben. ,,Elora, wärst du so freundlich und bringst uns etwas Kamillenblüten-Tee in den Pavillon?“, rief die Prinzessin. Es kam ein „Wie ihr wünscht Majestät“ zurück. . Irgendwie war es ja schon komisch, dass hier mal nicht ich sondern jemand anderes die angesehenste Person war.
Ich folgte der Prinzessin weiter in einen Garten. Sie lief auf einen großen, wunderschönen weißen Pavillon zu. Mit eleganten Schritten ging sie hinein und setzte sich auf einen dunkelbraunen Holzstuhl an einen kleinen Tisch aus demselben Material. Ich setzte mich ihr gegenüber und schaute mich um. Ich war echt froh, dass sie dafür gesorgt hatte, dass Sira in einem ihrer Ställe erst einmal fressen und schlafen konnte. Genau das brauchte sie auch. Wir mussten ja spätestens am nächsten Morgen wieder los. Ich verlor mich ganz, als ich die Blumenvase bewunderte, die auf dem kleinen Holztisch stand.
Ich konnte ein leises, etwas weiter entferntes Klirren hören. Ich schaute zum Pavilloneingang und bemerkte das Hausmädchen. Wie war noch gleich ihr Name? Elora. Sie trug ein Tablett mit sich, worauf ein vollständiges Teeservice stand.
Mit leichten Schritten ging sie auf uns zu, und als sie schließlich ankam, stellte sie das Tablett auf die Mitte des Tisches und schob dabei die Blumenvase etwas beiseite.
Sie schenkte zwei Tassen ein und entfernte sich mit dem Tablett und mit einer leichten Verbeugung. Bildete ich es mir nur ein oder warf sie mir ein paar böse Blicke zu? Oder war sie bloß verwirrt? Aber das spielte jetzt keine Rolle. Ich schaute auf meinen Tee. Dann sah ich zur Blumenvase und konnte nicht anders, als sie wieder in die Mitte zu stellen. Dort gehörte sie nun mal hin.
„Die Gerüchte über das Eisland stimmen also. Ihr seid wirklich überordentlich und Perfektionisten.“
Ich schaute die Prinzessin sichtlich verwirrt an. Was meinte sie damit? Aber wenn ich so überlegte, hatte sie Recht.
„Kann schon sein“, antwortete ich zögernd. Irgendwie war mir das jetzt unangenehm. Ich durfte aber nicht vergessen, wieso ich eigentlich hier war. Ich nahm meinen Umhang ab. Es war ziemlich warm im Gegensatz zu meinem Reich.
„Kommen wir mal lieber zu dem Thema, warum ich überhaupt hier bin. Also Prinzessin…Ähm?“
,,Lunea“, antwortete sie kurz.
„Prinzessin Lunea, es ist so: Ich weiß nicht, ob ihr es mit bekommen habt, aber die drei Großreiche, Feuer-, Erden- und Wasserreich, haben sich zusammen getan, und sie wollen bald die Unterreiche, wie es die unseren sind, auslöschen. Zudem wollen sie, wenn sie dieses Ziel erreicht haben, sich untereinander so lange bekriegen, bis nur noch ein Reich übrig ist. Die Königin Fureha des Luftreiches schrieb mir, ich solle so viele Verbündete wie möglich finden, und mit allen Prinzen und Prinzessinnen reden, damit sie vielleicht ihre Eltern dazu überreden, den Frieden zu bewahren. Es ist mir wirklich sehr wichtig. Ich meine, ihr wollt doch auch nicht, dass diese Vielfalt und Schönheit in eurem Reich einfach so zerstört wird. All diese Blumen werden nur graue Erinnerung sein. Es wird in diesem Reich nichts als Asche übrig bleiben. Also, ich bitte euch Prinzessin, helft uns allen! Lasst uns Verbündete werden!“
Während ich redete, stand ich auf. Ich wollte, dass alles so bleiben konnte, wie es war. Ich wollte alles bewahren und beschützen. Ich verspürte so einen starken Drang danach, dass es mich fast erstickte. Man kann es kaum beschreiben.
Auch sie stand nun auf. Und sie sagte genau das, was ich mir gewünscht hatte: „Selenia, solltet ihr mit dem, was ihr sagt, wirklich Recht haben, und das glaube ich, dann werde ich euch so viel helfen, wie es nur geht! Auch ich möchte mein Volk beschützen.“
Es war das erste Mal, dass wir uns so nah standen. Ich bemerkte, dass sie hellgrüne Augen hatte, in denen ein Blumenmuster zu sehen war. War es etwa auch in anderen Reichen so, dass man in den Augen die Herkunft sah? Darüber wusste ich ja gar nichts.
„Also wärt ihr bereit, gemeinsam mit mir in die anderen Länder zu reisen? Ich denke, ihr wärt mir eine große Hilfe“, fragte ich sie.
Eben noch schien sie ganz motiviert, doch nun sagte sie: „Es tut mir wirklich sehr leid, Selenia, aber das geht nicht. Ob ich will oder nicht, es ist mir nicht möglich.“
„Aber wieso?“, fragte ich total aufgelöst.
„Tut mir leid, aber es gibt gewisse Gründe, die mich und mein Volk betreffen, die ich nicht weiter erläutern möchte“, antwortete sie leicht gereizt.
Wofür war ich dann hergekommen? Ich wollte mich voll und ganz für mein Volk opfern. Wieso wollte sie nicht dasselbe für das ihre tun? Sie war doch eine Prinzessin, dann war es doch ihre Aufgabe oder etwa nicht?
„Und was soll ich jetzt tun? Was wird aus mir und meinem Volk?“, sagte ich leicht jammernd.
Sie antwortete sehr schnell und wütend: „Das ist mir egal!“
Sofort verstummte alles in mir. Ich blieb regungslos stehen. Was sollte ich noch antworten? Nach einer gefühlten Ewigkeit des Schweigens brach ich die Stille. „Und was wird aus euch und eurem Volk? Es wird zerstört. Genauso wie das meine.“
Ich hatte Tränen in den Augen. Das alles sah vielleicht nur aus wie eine kleine Auseinandersetzung, aber es war mehr. Viel mehr. Das Leben von Millionen von Menschen lag in unserer Hand. Alleine konnte ich nirgends sonst anreisen. Sie würden mir nicht glauben. Sie würden denken, dass ich eine Spionin aus meinem Reich sei. Aber mit einer anderen Prinzessin würden sie mir vielleicht Glauben schenken. Jedenfalls standen die Chancen dann viel höher.
Lunea schaute mich ganz erbost an. Plötzlich blickte sie zur Seite.
„Was mit mir und meinem Volk passiert, geht euch gar nichts an!“, schrie sie. Nun verwandelte sich meine Trauer in Wut.
„Prinzessin! Denkt doch mal nach! Wie töricht seid ihr eigentlich?! Seid ihr euch etwa zu fein, um zu reisen? Glaubt ihr, mir macht das Spaß? Nein, ganz und gar nicht!“ Ich fing an zu weinen, „Ich muss es aber tun! Für mich und mein Volk. Und eure Aufgabe ist es eigentlich auch! Ihr seid so selbstsüchtig! Wie könnt ihr n-. .“
Sie unterbrach mich: „Ihr versteht gar nichts!“
Wütend verließ sie den Pavillon und ließ mich allein zurück.
Ich sank auf meine Knie, begrub mein Gesicht in meinen Händen und weinte. Nun war alles vorbei. Einfach alles.
Es verging bestimmt eine halbe Stunde, bis ich zu dem Entschluss kam, erstmal nach Sira zu schauen. Ich schlich leise in ihren Stall. Als ich reinkam, fing ich wieder an zu weinen. Sira hatte so etwas Vertrautes. Ich kuschelte mich an sie und roch an ihr. Sie roch nach Zuhause. Es war wohl ihr mütterlicher Instinkt, dass sie anfing mich abzulecken. Aber es beruhigte mich etwas. Irgendwann legte sie sich hin, und ich lag sanft in ihr Fell eingekuschelt. Kurz bevor ich einschlief, dachte ich noch an zuhause. An Söphria und die anderen. Ich vermisste sie wirklich. Ich dachte an die letzten paar Tage und schlief langsam ein.

Ich hörte ein lautes Poltern und wurde davon wach. Ich schreckte leicht hoch, sah mich um und merkte, dass draußen ein mächtiger Sturm wütete, und die Stalltür immer wieder auf und zu schlug. Jemand war hier gewesen! Aber wer wohl? Zudem bemerkte ich, dass es noch dunkel draußen war. Wer sollte hier nachts herkommen wollen? Ich stand sofort auf. Vielleicht war die Person noch in der Nähe. Es fiel mir etwas schwer, das Scheunentor zu öffnen, weil der Wind so stark dagegen schlug, aber ich bekam es schließlich auf. Ich sah mich draußen um. Der Wind drückte mir meine Haare ins Gesicht, bis ich sie mir hinter die Ohren klemmte. Ich konnte nichts Auffälliges erkennen. Doch plötzlich sah ich ein hellrosa Gewand. Ich folgte der Person, die es trug. Sie verschwand um eine Ecke. Als ich ihr vorsichtig nachlief, konnte ich rosafarbene Haare im Wind wehen sehen. Prinzessin Lunea? Doch ehe ich mich versah, war sie in einem kleinen Palais verschwunden.
Sollte ich sie wirklich weiter verfolgen? Ich weiß nicht wieso, aber ich hatte ein komisches und dennoch sehr sicheres Gefühl, dass ich es tun musste.
Ich folgte ihr zum Eingang des Palais und wartete ein paar Sekunden. Ich öffnete ganz leise die Tür und schlich mich durch einen schmalen Spalt.
Als ich versuchte, die Tür wieder genauso leise zu schließen, knallte sie etwas zu.
Ich blieb auf der Stelle stehen und wartete. Doch so, wie es aussah, hatte mich niemand gehört. Ein Glück! Instinktiv lief ich eine breite Treppe hoch. Dort führten zwei Gänge in einen linken und einen rechten Flügel. Ich entschied mich für den rechten und lief weiter. Alles war dunkel, nur leichtes Mondlicht schimmerte durch die vielen Fenster.
Als ich den Flur weiter entlang lief, hörte ich ein leises Wimmern. Ich blieb stehen. Ich erkannte die Stimme. Es war die von Lunea.
Ich ging dem Geräusch nach und blieb an der Tür stehen, wo es am lautesten zu hören war. Ich bemerkte, dass diese Tür einen leichten Spalt geöffnet war und horchte. Ich hörte mein Herz ganz laut klopfen. Irgendwie hatte ich schon ziemliche Angst, erwischt zu werden. Aber die Neugier in mir war größer.
Ich öffnete diesen kleinen Spalt etwas mehr und konnte in dem erleuchteten Raum auch etwas erkennen. Lunea saß weinend an einem Bett. In diesem Bett lag ein Mann mittleren Alters. Sie saß auf der Bettkante und hielt seine Hand. „Oh Vater. Ich wünschte mir so sehr, du würdest aufwachen. Der Arzt sagt, dass du vielleicht gar nicht mehr aufwachst. Aber warum nur? Ich versteh das alles nicht. Warum tut man so etwas? Wieso darf ich nicht glücklich sein? Nur weil ich die Prinzessin des Blütenreiches bin? Dabei haben wir nie jemandem etwas getan. Nie…“
Ihre Worte riefen Tränen in mir hervor. Ich musste an die Zeit denken, als ich genauso um meine Eltern trauerte. Es tat weh. Ich verstand ihren Schmerz. Ich öffnete leise die Tür und ging auf Lunea zu.
„Was macht ihr hier? Ich dachte, ihr schlaft!“ Sie sah mich etwas erschrocken an und wischte sich ihre Tränen an ihrem rosafarbenen Nachthemd ab. Ich ließ mich nicht beirren und umarmte sie.
„Ich weiß, was ihr fühlt“, sagte ich. „Es ist schwer, jemanden zu verlieren, den man liebt. Meine Eltern wurden mir auch genommen.“
Ich wusste nicht wieso, aber ich wollte ihr um jeden Preis helfen. Auch wenn sie nicht zu meinem Volk gehörte. Sie fing an zu weinen.
„Dieser Schmerz vergeht auch nicht“, sagte ich, und sie weinte lauter. „Aber man kann ihn lindern. Man kann diesen Schmerz mit Liebe ersetzen. Auch wenn das eure Eltern nie ersetzen wird. Es tut mir so leid. So etwas hätte euch nicht widerfahren sollen. So etwas hätte niemandem widerfahren sollen“
Sie umarmte mich nun auch. „Aber wieso tun sie so etwas?“, fragte sie mich.
Ich antwortete zitternd: „Weil wir in deren Augen Fehler sind, die nie hätten passieren sollen. Auch wenn es schon Tausende von Jahren her ist, sind wir trotzdem nur Unterrassen.“
Nun weinte auch ich. Ich wusste nicht einmal, was mit ihren Eltern passiert war, aber ich fühlte mich ihr sehr verbunden. Als wären wir Schwestern. Es war, als sei alles, was am Vormittag geschehen war, wie vergessen.
„Magst du mir sagen, wer deinen Eltern das angetan hat?“, fragte ich.
„Das Erdenreich. Sie vergifteten meine Eltern und auch mich. Wir hatten noch ein wenig des Gegengiftes da, aber es reichte nur für mich, und meine Mutter bestand drauf, dass mein Vater den letzten kleinen Schluck trank. Doch leider genügte es nicht für die volle Genesung. Er schläft nur noch und wacht nicht mehr auf. Der Arzt meint, sein Zustand wird von Tag zu Tag schlimmer. Es könnte sein, dass seine Lungen schon morgen versagen. Das Gift zerstört seinen Körper ganz langsam von innen. Meine Mutter starb vor drei Jahren. Solange schläft mein Vater auch schon.“
,,Das hört sich ja grausam an Lunea… Aber denkst du nicht, dass, wenn du mitkommst, wir vielleicht noch rechzeitig das Gegengift finden könnten?“
„Glaubst du? Aber was ist, wenn er stirbt, während ich weg bin?“ Sie schaute mich fragend an.
„Dann weißt du, dass du es versucht hast. Aber stell dir vor, du schaffst es rechzeitig und kannst wieder glücklich mit deinem Vater zusammen leben? Wäre das nicht schön?“
„Vielleicht hast du Recht“, sagte sie nachdenklich. „Außerdem würde er, wenn ich nichts tue, so oder so sterben.“
Ich merkte, dass sie mich nun endlich verstand.
„Ich komme mit dir!“, sagte sie fast wieder lächelnd, als sie ihre Tränen wegwusch. Trotz ihrer Reife war sie erst sechzehn, so wie ich.
„Ich verabschiede mich kurz, und dann packe ich meine Sachen und mach mich fertig.“
Sie war total willensstark und keinesfalls selbstsüchtig. Da fiel mir ein: „Ach ja. Ich wollte mich noch bei dir entschuldigen. Ich nehme alles zurück, was ich gesagt habe. Mich überkam nur etwas Trauer, woraus schließlich Angst wurde.“
Sie nickte und auch sie entschuldigte sich bei mir.
Dann verließ ich den Raum und ging Richtung Stall zurück. Ich musste Sira satteln.
Ich war wirklich glücklich. Es gab eine Chance für mich und mein Volk. Und auch für Lunea und ihren Vater.

Es dauerte etwas, bis Lunea zu mir kam. Sie war nun wieder in einen Kimono gehüllt, der aber an den Knien gekürzt war. Sie trug ein Schwert bei sich und Ballerina-Schuhe. Ich merkte, dass sie bereit war und nicht wirklich vorhatte zu sterben.
„Ich mach noch eben meinen Drachen fertig“, sagte sie.
„Drache?“, fragte ich neugierig.
Sie nickte und pfiff einmal ganz laut. Es dauerte etwas, bis ich ein lautes Flügelschlagen hörte. Ein großer Drache landete neben ihr. Er war türkis, hatte große schwarze Augen und zwei Fühler am Kopf. Die Flügel waren nicht nur türkis, sondern hatten eine schöne rosa, lila, blaue und grüne Musterung. Er war wunderschön.
„Das ist Flaira, mein Schmetterlings-Drache. Nur denen aus der Königsfamilie ist es
vergönnt, auf ihnen zu reiten.“ Lunea lächelte.
Ich war hin und weg. Es war ja so spannend, andere Reiche kennen zu lernen.
„Also, wollen wir los?“, fragte ich sie.
„Auf jeden Fall! Je schneller, umso besser!“, antwortete sie entschlossen und stieg auf ihren bunten Drachen.
Sie gab einen leisen Laut von sich und schon erhob sich der Drache und fing an, mit den Flügeln zu schlagen. Es dauerte etwas, bis er abhob. Auch ich setzte mich auf meine Tigerin. Ich drückte meine Hacke leicht gegen ihren Bauch, und sie lief los.
Wir brauchten mein Boot nicht mehr, denn wir ritten nun über die Erde, während Lunea und Flaira über uns flogen. Wir liefen immer weiter Richtung Sonnenaufgang, dort, wo das Feuerreich lag.

(Fortsetzung geplant.)