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Die Flucht

von Nail Öztürk

Es war der 12. Oktober 2011. Die Sonne strahlte, die Wärme hauchte mir ins Gesicht. Ich kam gerade aus der Schule. Ich war, wie es oft vorkam, sehr gestresst, denn ich hatte wieder eine schlechte Note geschrieben, und ich wusste nicht, wie ich es meinen Eltern wieder einmal erzählen sollte. Leider häufte sich mein Berg an schlechten Noten in letzter Zeit sehr stark.

Ich stand an der Bushaltestelle, an der ich jeden Tag ein- und ausstieg, um zur Schule oder nach Hause zu fahren, als mir einfiel, dass ich meine Oma besuchen könnte.

Ich besuchte meine Oma mindestens einmal in der Woche, denn sie war 73 Jahre alt und freute sich immer, wenn sie Besuch bekam. Ich ging in Richtung Blütenweg, in dem meine Oma wohnte. Als ich ankam, empfing sie mich mit großer Freude. Sie hatte gerade das Mittagessen fertig.

Wir setzten uns an den gedeckten Tisch. Es gab Kartoffelauflauf mit Gurkensalat.

Wir fingen an zu essen, und ich fragte sie, wie ihr Tag abgelaufen war. Sie sagte, dass sie am Morgen einkaufen war, und dass sie dort meine Eltern getroffen hatte, mit denen sie sich ein paar Minuten unterhalten hatte. Meine Oma erzählte mir, dass sie nach mir gefragt hatte und wo ich sei, deswegen war sie überrascht gewesen, als ich um 14 Uhr vor ihrer Tür stand.

Ich versank in Gedanken, irgendwann musste ich meinen Eltern sagen, dass es in der Schule in letzter Zeit nicht so lief, wie es eigentlich laufen sollte.

Meine Oma fragte mich, ob ich etwas auf dem Herzen habe. Ich sagte, dass alles gut sei und half ihr den Tisch abzuräumen. Als sie mit dem Abwaschen fertig war, schlug sie vor, etwas spazieren zu gehen. Also gingen wir an den Teich, an dem sie früher öfters mit ihrem verstorbenen Ehemann spazieren ging.

Es war ruhig, die Vögel zwitscherten, die Enten schnatterten, und sie sagte mir, dass sie viele schöne Erinnerungen mit diesem Ort verband, dass dies der Ort war, an dem sie meinen Opa 1963 zum ersten Mal getroffen hatte.

Wir setzten uns auf eine Bank, und sie fing an, mir über ihre Kindheit in Vorpommern zu erzählen.

Ich fragte sie, wo genau sie geboren sei. Meine Oma hatte mir zwar schon mal davon erzählt, doch so genau wusste ich es nicht mehr. Sie antwortete: „In Vorpommern, um genau zu sagen in Dorotheenhof, einem kleinen Dorf im heutigen Polen. Dort lebte ich mit meiner Mutter und meinen Großeltern. Mein Vater war im Krieg. Er fehlte mir sehr, doch ich musste tapfer sein.“

Sie spielte mit ihren Händen und sah schweigend auf die Vögel, die neben uns auf dem Baum zwitscherten. Die Sonne strahlte auf ihre gelbe Jacke und blendete mich. Langsam war der Zeitpunkt gekommen, um meiner Oma von meinen Leistungen in der Schule zu erzählen.

Also sagte ich ihr, dass ich in letzter Zeit viele schlechte Noten geschrieben hatte und nicht wusste, wie ich es meinen Eltern erzählen sollte.

Sie sagte: „ Ach, mach dir nichts draus. Du bist grad in einer schwierigen Phase, in der du dir viele Fragen durch den Kopf gehen lassen musst. Welchen Beruf du später erlernen möchtest, und wie du dieses Ziel erreichen kannst. Aber heutzutage stehen euch doch alle Türen offen. Ihr könnt selbst über euren Bildungsweg entscheiden. Das war nicht immer so. Im 2. Weltkrieg und auch danach gab es viele Kinder, die nicht einmal eine Schule besuchen konnten.

Auch ich war als kleines Mädchen davon betroffen. Dabei kam ich aus gutem Hause. Mein Vater war der Bürgermeister von Dorotheenhof. Ich hatte eigentlich eine gute Kindheit. Ich und meine Mutter standen jeden Tag sehr früh auf und gingen in den Stall, um die Kühe zu melken. Meine Familie besaß acht Pferde. Ich verbrachte viel Zeit mit ihnen. Schon als fünfjähriges Mädchen hatte ich viel Spaß daran, sie zu bürsten.“

„Bist du auch auf den Pferden geritten?“, fragte ich.

„Ja, doch es kam nie dazu. Anfangs war ich noch zu klein und dann nahm die deutsche Wehrmacht unsere Pferde weg, um sie im Krieg zu nutzen. Dennoch führten wir ein gutes Leben und hatten lange kaum etwas vom Krieg mitbekommen.“

„Aber das hat sich dann irgendwann geändert“, hakte ich nach.

Sie nickte. „Eines Tages marschierte die rote Armee in unser Dorf ein. Sie besetzten  die ganze Umgebung. Meine Mutter und meine Großeltern beschlossen kurzfristig zu fliehen. Wir nahmen nur das Nötigste mit, verstauten alles in einem Planwagen und zogen im Treck Richtung Rostock los. Die erste Nacht verbrachten wir in einem Wald. Es war sehr kalt, ich zitterte und konnte meine Füße kaum spüren. Das erinnerte mich an den harten Winter im Jahr zuvor, als wir nicht genügend Brennholz hatten. Im Morgengrauen fuhren wir endlich weiter. Vier Tage lang übernachteten wir auf einem Ackerland. Wir waren schon Wochen unterwegs, doch wir kamen Rostock immer näher. Wir waren zwar traurig, dass wir unsere Heimat verlassen mussten, aber auch froh, dass wir dem russisch besetzten Gebiet entkommen waren. Doch eines Tages überraschte uns die rote Armee am frühen Morgen und schickte uns wieder zurück nach Hause.

Und so kehrten wir wieder um. Meine Mutter meinte, dass wir nun keine Angst mehr haben brauchten. Als wir in Dorotheenhof ankamen, sah ich sogar eine kleine Freudenträne in den Augen meiner Mutter, als sie sah, dass alle unsere Sachen noch an ihren Plätzen waren. Nun ging unser Alltag dort wieder ganz normal weiter.“

Ich sah auf meine Armbanduhr und bemerkte, dass es schon spät geworden war, und ich mich langsam auf den Weg nach Hause machen sollte. Ich begleitete meine Oma noch bis zu ihrer Haustür, und machte mich dann auf den Weg. Als ich an der Bahnstation wartete, gingen mir viele Sachen durch den Kopf. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass meine Oma, die doch immer so fröhlich war, eine solch schwere Kindheit hinter sich hatte.

Es war sehr kühl geworden, ein frischer Wind wehte durch meine Haare. Weit und breit war niemand zu sehen. Es wurde langsam dunkel und meine Bahn fuhr in den Bahnhof ein. In der Bahn sah ich ein kleines Mädchen mit seiner Mutter, sie setzten sich mir gegenüber. Das kleine Mädchen erzählte ihrer Mutter von schlimmen Dingen, die ihre Mitschüler mit ihr machten. Sie erinnerte mich an die Kindheitsbilder meiner Oma, die sie mir gezeigt hatte. Sie hatte lange blonde Zöpfe und war ärmlich gekleidet.

 

Als ich nach Hause kam, dachte ich noch einmal an das kleine Mädchen in der Bahn und daran, wie sie mit ihrer Mutter über ihre Konflikte in der Schule gesprochen hatte.

Ich ging zu meinen Eltern und erzählte ihnen alles über meine Leistungen in der Schule, denn ich konnte mich nicht länger davor drücken. Sie waren nicht sehr begeistert und schwiegen eine Weile. Aber dann sprachen mein Vater, meine Mutter und ich darüber, wie wir mein Problem mit den schlechten Noten lösen konnten. Dass ich Nachhilfe brauchte, konnte ich nun nicht mehr bestreiten, und ein kleines Gespräch mit meiner Klassenlehrerin konnte auch nicht schaden.

 

Am nächsten Tag besuchte ich nach der Schule wieder meine Großmutter. Beim Mittagessen sagte ich ihr, dass ich mit meinen Eltern gesprochen hatte, und dass wir uns so schnell wie möglich um eine Nachhilfe kümmern werden. Auch sie hielt das für eine gute Idee.

Nun wollte ich aber wissen, wie ihre Geschichte weiter ging.

Nach dem Essen setzte sie sich in ihren großen Sessel.

„Wo waren wir noch mal stehen geblieben?“, fragte sie.

„Bei der Heimkehr, nach der Flucht vor der roten Armee“, antwortete ich.

Sie fing an: „Wir waren gerade erst sechs Wochen zu Hause, als die polnische Armee das Land bekam. Es hieß, dass sie alle Deutsche in Lager einsperren wollten. Wir begaben uns wieder auf die Flucht, bis über die Oder, wo wir uns mit der schweren Krankheit Typhus ansteckten, die unbehandelt zum Tod führen kann.

Ich, meine Mutter und meine Großeltern kamen ins Krankenhaus. Ich und mein Großvater erholten uns von der schweren Krankheit, doch meine Großmutter starb und die Ärzte teilten uns mit, dass es für meine Mutter gar nicht gut aussehen würde. Ihr Zustand verschlechterte sich, und sie sollte ins Sterbezimmer verlegt werden.

Die Ärzte ließen mich ein letztes Mal zu meiner Mutter, aber ich wollte sie nicht verlieren. Als ich wieder aus dem Zimmer gehen sollte, weinte ich sehr. Ich fing an zu schreien und machte die ganze Station verrückt, bis sie mich bei meiner Mutter ließen. Sie sagten zu mir, dass ich doch selber damit klar kommen sollte, wie meine Mutter stirbt und schlossen die Tür.

Ich blieb die ganze Nacht bei meiner Mutter, denn ich wollte sie beschützen. In dieser Nacht geschah ein Wunder. Denn als ich am nächsten Tag aufwachte, lächelte meine Mutter mich an. Sie hatte die Krankheit überwunden. Die Ärzte sagten mir, wenn ich nicht so ein Theater gemacht hätte, wäre meine Mutter garantiert gestorben. Denn aus dem Sterbezimmer ist niemand wieder lebend heraus gekommen. Das war mit Sicherheit der schönste Moment in meinem Leben.“

„Und wieso seid ihr  nicht dort an der Oder geblieben?“, fragte ich, und meine Oma erzählte weiter.

„Als Polen noch einen Streifen Land dazu bekam, waren meine Mutter, mein Großvater und ich gezwungen weiter zu ziehen. Wir fuhren mit acht Schleppkähnen bei Hochwasser über die Oder in Richtung Ostsee. Nachts, ohne Licht! Durch die starke Strömung riss die Hälfte der Kähne ab, weil sie zu dicht an die Brückenpfeiler gekommen waren.

Wir verankerten die andere Hälfte und fingen die abgerissenen Kähne wieder ein. Die Leute um mich herum haben geschrien. Es war schrecklich. Wenn wir von den Polen entdeckt worden wären, dann wären wir alle im Straflager gelandet.

In dieser Nacht hatte ich wirklich geglaubt, dass wir alle sterben. Diese Erinnerung gehört zu den schlimmsten, die ich an diese Zeit habe.“

„Zum Glück habt ihr es überlebt“, sagte ich. „Was ist dann passiert?“

„In Greifswald kamen meine Mutter, mein Großvater und ich ins Flüchtlingslager. Wir hatten sehr großes Glück, denn kurze Zeit später bekamen wir ein kleines Zimmer in Kröslin, einem kleinen Fischerdorf an der Peenemündung. In Kröslin durfte ich endlich zur Schule gehen. Ein Jahr darauf verunglückte mein Großvater beim Baumfällen und starb.“

„Und warum seid ihr nicht in diesem Kröslin geblieben?“

„Mein Vater war in französischer Gefangenschaft und durfte von dort aus nur in den Westen zurückkehren. Deshalb zogen meine Mutter und ich weiter in den Westen zu Verwandten nach Niedersachsen. Mein Vater kehrte nun aus der Gefangenschaft zurück. Und meine Mutter und mein Vater arbeiteten bei einem Bauern. Mein Vater pflegte die Pferde des Bauern, die vom Krieg schwer mitgenommen waren, wieder gesund. Er hatte starke Magenbeschwerden, arbeitete aber sehr hart für seine Familie. Nach einiger Zeit wechselten wir zu einem anderen Bauern und bekamen sogar ein ganz besonderes Zimmer. So ein Zimmer hatte ich in meinem Leben noch nie gesehen. Es war mit edlen Holzschnitzereien bestückt.

Als ich zehn Jahre alt war, wurden die Magenprobleme meines Vaters schlimmer, und er bekam täglich starke Rückenschmerzen, so dass er nicht mehr arbeiten konnte. Er bezog zwar Arbeitslosengeld, doch es reichte zum Leben nicht aus, und er begann Kaninchen zu züchten.

Dass er nicht mehr arbeiten konnte, ärgerte ihn. Er fing auch an, Pferdegeschirre zu reparieren. Unsere Nachbarn zeigten ihn wegen Schwarzarbeit an, obwohl er für die Reparatur gar kein Geld genommen hatte.

Als seine Schmerzen kaum noch auszuhalten waren, bildete er sich ein, dass er Krebs hätte. Er hatte immer davon gesprochen, dass er große Träume hatte, doch der Krieg hätte sie ihm zerstört. Sein größter Traum war es, einen Reiterhof zu eröffnen, doch mit der Zeit begriff er, dass es wohl einfach nicht sein sollte.“

Nun schwieg meine Großmutter.

Die Balkontür war offen. Es war warm draußen. Der angenehme Wind pustete mir über die Haut. Wir saßen auf dem Sofa. Auf dem Tisch standen Blumen, die herrlich dufteten.

„Wie ist es mit deinem Vater weitergegangen?“, fragte ich.

„Eines Tages, als ich 14 Jahre alt war, wollte er mit meiner Mutter in die Kirche gehen. Meine Mutter wunderte sich, denn mein Vater war selten zur Kirche gegangen. Am nächsten Tag stellte sich heraus warum. Als ich in den Stall ging, um die Kühe zu melken, fand ich meinen Vater tot auf. Er hatte sich das Leben genommen.

Es war nicht leicht für mich und meine Mutter. Ich litt noch lange Zeit darunter.“

„Du hast ihn bestimmt vermisst.“

„Ja, das auch. Aber das Schlimme war: Früher wurden Leute, die sich das Leben genommen haben, verachtet. Und nicht nur das. Weil mein Vater ein Selbstmörder war, wurden auch meine Mutter und ich von den Leuten in unserer Umgebung schlecht behandelt. Ich durfte nicht mal auf unseren Klassenausflug. Mein Lehrer sagte zu mir: Dein Vater ist ein Selbstmörder, du darfst nicht mit!“

Selbstmörder durften früher eigentlich auch nicht auf Friedhöfen begraben werden, doch ein Pastor, der wie wir aus Vorpommern kam, setzte sich dafür ein, dass mein Vater wie alle anderen Verstorbenen ganz traditionell begraben wurde.

Nach seinem Tod fand meine Mutter Arbeit. Ich selbst ging in Niedersachsen zur Schule. Mit zwei Schulfreundinnen habe ich sogar heute noch Kontakt. Nach dem Ende meiner Schulausbildung arbeitete ich als Hauswirtschafterin in einer Tierarztpraxis.“

Sie lächelte. Nun kannte ich schon fast die ganze Geschichte meiner Großmutter. Nur eins wusste ich noch nicht. „Wie bist du eigentlich nach Hamburg gekommen?“, fragte ich.

Sie lächelte. „Über viele Umwege lernte ich durch einen Briefkontakt meinen Ehemann kennen. Unsere erste Verabredung war an dem Teich, an dem wir gestern spazieren waren. 1963 haben wir geheiratet, und ich bin zu ihm nach Hamburg gezogen.“

 

Ich hätte nicht gedacht, dass mich die Geschichte meiner Großmutter so berühren würde. Ich bedankte mich bei ihr, dass sie sich so viel Zeit für mich genommen hatte und machte mich auf den Weg nach Hause. Mir war nun klar, dass ich das große Glück hatte, mein Leben in meinen eigenen Händen zu haben. Und ich war froh darüber, dass ich nicht so ein schweres Schicksal hatte wie meine Großmutter in ihrer Kindheit.