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Die fremde Frau in meinem Haus

von Annabelle Körmer

Mein Vater rennt mit zwei großen Taschen in der Hand zum Auto. Es ist ein kalter, grauer Wintermorgen im März. Schnee liegt noch und mein Vater hat Mühe, sich auf dem rutschigen, nassen Boden zu halten. Am Auto angekommen schmeißt er die Taschen hinein und steigt ein. Der Fahrersitz sackt unter seinen stolzen neunzig Kilo zusammen wie Watte.

Langsam startet er den Motor und fährt aus der kleinen Straße, in der er, mein jüngerer Bruder, ich und seit Neuestem auch noch seine neue Freundin wohnen. Dieses Wochenende bin ich bei meiner Mutter. Wieder einmal. Es ist nicht so, als ob ich mich nicht freuen würde, im Gegenteil, ich freue mich immer sehr. Doch heute habe ich gar keine Lust zu ihr zu fahren, da ich weiß, dass mein Vater uns nur zur ihr geschickt hat, damit er ein Wochenende alleine mit seiner Neuen hat.
Ich gucke aus dem Fenster und entdecke ein paar Sonnenstrahlen, die sich in meinen langen, braunen Haaren wie Fische in einem Netz verfangen.  Dann sehe ich zu meinem nicht mehr ganz so jungen Vater. Mittlerweile ist er schon 50 und hat eine kleine Platte auf dem Kopf, die das Licht der Sonne abprallen lässt.

„Warum kannst du nie pünktlich sein?“, fragt er vorwurfsvoll. „Ich meine, so schwer ist das nicht!“
Ich lächle und vergrabe Gesicht in meinen Händen. Nachdem ich mir den Schlaf aus meinen Augen gerieben habe, blicke ich auf. „Immer habe ich die Schuld! Wenn du nicht schneller fährst, was kann ich dann dafür?!“
„Jetzt spinn nicht wieder rum!“ Er schubst mich mit seiner rechten Hand ein wenig von meinem Sitz.  Ich fange an zu lachen und gucke ihn an. Wenn ich ihn so betrachte, sehe ich, dass er irgendwie müde aussieht, erschöpft und kraftlos.  „Papa, weißt du eigentlich, dass du heute echt fertig aussiehst? Geradezu scheiße!“
Er sieht mich genervt an. „Die Arbeit, der Stress mit deiner Mutter, all…“
Ich lasse ihn nicht ausreden. „Ach komm, als ob Mum die Schuld hat! Du weißt ganz genau, dass…“
Er hält die Hand hoch. „Lea, und du weißt ganz genau, dass ich mit dir so ein Gespräch nicht führen werde!“
„Aber mit Mama und deiner ach so guten Zippe?!“

Er verstummt. Sitzt da wie ein geschlagener Krieger, doch er kommt zu Kräften und stellt deutlich mit einem lauten  „Sie hat einen Namen!“ klar, wer hier der Erwachsene ist.

Auch wenn ich schon siebzehn bin, behandelt er mich wie ein kleines Kind, aber naja was soll ich machen?
Er weiß, dass ich seine Neue nur wenig leiden kann. Sie ist nicht das, was ich mir vorstelle. Ihre Art zu reden, ihre Art zu handeln und ihr gesamtes Wesen passen nicht zu ihm und schon gar nicht zu unserer Familie.

Wir sind da.
„Wir sehen uns in einer Woche“, sagt Papa und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Ich steige aus und betrachte kurz die weiße Umgebung. Eine dicke Schneedecke liegt auch hier auf den Dächern der Häuser. Ich gehe einen Schritt und weiche dem gelben Schneefleck vor meinen Füßen, der mich gerade zu anlächelt, aus. Ich mache den Kofferraum auf, nehme meine Taschen heraus und stelle sie auf dem Boden ab. Nur wenige Sekunden, nachdem ich den Kofferraum wieder geschlossen habe, braust mein Vater in seinem kleinen roten Auto davon.
Mit vollgepackten Händen gehe ich zur Tür und drücke die Klingel mit meiner Nase. Ich steige das Treppenhaus in den zweiten Stock hinauf und werde freundlich von meiner Mutter begrüßt. Sie nimmt mir die Taschen ab. Nachdem sie sie in die Wohnung gebracht hat, umarmt sie mich. Mein 14 Jahre alter Bruder steht hinter ihr. Er ist schon fast so groß wie ich, auch wenn er drei Jahre jünger ist. Seine braunen Haare sehen frisch gewaschen aus und funkeln im künstlichen Licht.  An seinem linken Ohr hängen ein paar Wassertropfen, die langsam an seinem etwas rundlichen Hals hinablaufen.
„Na Kleiner, wie geht’s dir?“ Ich gucke ihn an. Er zuckt teilnahmslos mit den Schultern. Er mag Papa´s neue Freundin überhaupt nicht. Er kann nichts mit ihr anfangen und sie nichts mit ihm. Er ist ihr zu stur, hört nicht auf sie und treibt sie in den Wahnsinn. Auch wenn mein Bruder viel Zeit hier bei meiner Mutter verbringt, wohnt er doch bei meinem Dad, und da ist er vor ihr und ihren Kommentaren nicht geschützt.

„Ganz ok denk ich.“
„Denkst du?“ Ich lächle ihn an und gehe auf ihn zu, um ihn zu umarmen. Bei ihm muss ich mich nicht so bücken wie bei meiner Mutter, denn sie ist echt klein. „Naja ich weiß, dass es mir ganz ok geht.“ Ich fasse ihm durch sein nasses Haar und gleite wie durch weichen Sand.  Ich gucke ihm in seine Augen, sehe Trauer, Schmerz und Verzweiflung. Dann nicke ich und lass ihn an mir vorbeiziehen.
„So, dann pack mal deine Taschen ins Schlafzimmer. Ah, und es gibt gleich Essen, magst du mir helfen, den Tisch zu decken?“
„Ja, warte, ich wasch mir nur noch meine Hände, dann komm ich in die Küche.“ Ich muss vor der Toilette warten, bis mein Bruder herauskommt und den Weg zum Waschbecken frei macht. Ich wasche mir meine Hände gründlich. Ich hasse es, wenn man seine Hände nicht wäscht, wenn man nach Hause kommt.

Ich gehe aus dem Bad und rechts in die kleine, rot gestrichene Küche. Auch wenn sie nicht groß ist, schön ist sie. Alle Schränke sind grau und die Griffe, die sich wie Schlangen um einen Ast winden, bestehen aus fein lackiertem Metall. Aufgeräumt ist sie auch, sehr schön.  Ich soll die Kartoffeln schälen und gehe dazu ins Wohnzimmer, wo mein Bruder Fernsehen guckt.
„Sie nervt dich, hab ich Recht?“ Er guckt nur stillschweigend. Doch sein Blick sagt mir, dass ich Recht habe. „Beschimpft sie dich?“
„Ja.“ Mein Bruder ist kein Mensch, der anderen Menschen vertraut.
„Und was machst du dagegen?“
„Was soll ich machen? Papa mag sie und sehen tut er es doch auch nicht, also was habe ich für eine Wahl?“ Ich schneide mir in den Finger, ignoriere es jedoch. Mein Bruder schaut kurz runter und redet weiter. „Nervt sie dich denn?“
„Naja, ein bisschen schon.“
Er ist irritiert. „Und warum machst du nichts dagegen?“
Ich werfe meinen Kopf in den Nacken. „Ich habe immer noch die Hoffnung, dass sie sich bessert.“
„Und wenn sie es nicht tut? Willst du sie dann rauswerfen?“
„Wir können sie nicht rauswerfen. Nur Papa kann das!“
„Natürlich!“  Er schaut nach unten. Sein gesenkter Kopf hängt nur ein paar Zentimeter über seinem Knie.
„Hast du Papa schon versucht zu erzählen, was sie zu dir sagt?“
„Nein. Es bringt nichts, und mir ist es auch egal!“
„Dann sag ich es ihm. Es ist nicht ok, wie sie mit dir umgeht.“ Meine Arbeit ist fertig, die letzte geschälte Kartoffel lasse ich zu den anderen plumpsen, stehe wortlos auf und bringe den Topf in die Küche.

„Was hast du mit dem Essen gemacht?“ Meine Mutter guckt entsetzt in den Topf. „Das Wasser ist rot!“  Ich schaue auch hinein und sie hat Recht, das Wasser ist tatsächlich rot.
„Aber nur ein bisschen!“ Ich strahle sie an.
Kopfschüttelnd untersucht sie meinen Finger, holt ein Mullpflaster aus einer Schublade und wickelt es um die Wunde.

Dann holt sie weiße Marmorteller aus dem Hängeschrank. „Bring die mal bitte ins Wohnzimmer.“ Ich nicke und nehme ihr die Teller ab.  Im Wohnzimmer liegt mein Bruder immer noch auf dem Sofa und guckt fern.
„Kannst du deiner Schwester mal helfen?!“

Endlich setzt er sich in Bewegung und gibt einen mürrischen Laut von sich. Nach wenigen Gängen steht das Essen auf dem Tisch, wir setzen uns.

„Guten Appetit.“ Meine Mutter lächelt, nein, sie strahlt regelrecht.
„Guten“, antworten mein Bruder und ich synchron. Jeder nimmt seine Gabel in die Hand und füllt sich auf, was er mag.
„Sag mal Mum, warum sind wir eigentlich nicht bei dir?“ Er guckt sie fragend an. Sie stoppt mit dem Essen und hustet die soeben verschluckten Kartoffelstückchen aus.
„Ja, weil ihr dahin wolltet.“ Er nickt, doch ich weiß, er wird jetzt noch nicht aufhören mit dem Fragen.
„Ja, aber ich meine, warum hast du nicht nein gesagt?“
„Man kann das nicht so einfach sagen und jetzt iss weiter, dein Essen wird sonst noch ganz kalt.“ Sie streicht ihm mit ihren kleinen zarten Händen über die Wange und rückt danach das Essen wieder in den Vordergrund.

Mein Bruder hatte deutlich gesagt, dass er zu meinem Vater möchte. Ja und so ist es dann auch gekommen. Wir beide sind zu ihm gegangen, da man meinen Bruder und mich nicht trennen wollte, bin ich mitgegangen.
Jedes Mal, wenn wir bei unserer Mutter sind, ist es wie ein einziger Moment. Es sind keine Tage, sondern es sind Sekunden, die wie in einer Sanduhr im nu schwinden. Es ist schon wieder Montag, und ich bin von der Schule gerade nach Hause gekommen. Mein Vater arbeitet, wie immer. Und nur diese komische fremde Frau ist in unserem Haus.

„Hallo“, rufe ich hinein, ohne eine Antwort zu erwarten.

Ihr Kopf schießt schnell aus der Tür, und sie guckt mich an.

„Was ist?“, frage ich sie. Keine Antwort. Ich zucke mit den Schultern und gehe die dreizehn Treppenstufen zu meinem Zimmer hinauf.
„Stopp!“ Ihre Stimme ist nicht tief und auch nicht besonders hoch, aber sie ist durchdringend wie ein Messer.
„Was ist denn?“ Meine Stimme zittert ein wenig.
„Hast du keinen Hunger?“ Ich gebe ihr keine Antwort, schmeiße  meine Tasche auf mein kleines, wohl gemachtes Bett, wasche mir die Hände und gehe langsam und ein wenig herausfordernd die Treppe hinunter. Sie nickt.
„Was gibt es denn?“ Ich gucke mich in unserer recht großen, weißen Küche um. An den Wänden hängen Bilder von uns und auch von ihr. Ich würde sie am liebsten abnehmen, doch auf Ärger mit meinem Dad habe ich keine Lust.
Sie macht einen Topf auf und zeigt auf den Labskaus, den sie gekocht hat.
„Das gibt es.“ Ich grinse. Ob ich ihr meine Meinung jetzt schon sagen sollte? Nein. Das hat Zeit, eine bestimmte Sekunde wird über den perfekten Moment entscheiden. Also werde ich warten. Ich nehme mir einen Teller aus einem der weißen Hängeschränke, fülle mir auf und setzte mich an den Tisch.

„Setz dich doch gerade hin!“

Ich gucke sie an und esse mit derselben Körperhaltung wie vorher weiter.

„Hörst du mich nicht?“

Auch diesmal beachte ich sie nicht. Sie kommt auf mich zu und zieht mich am Arm. Ich verschlucke mich an dem Essen und huste so heftig, wie ich es noch nie getan habe. Ich gucke ihr in ihre braunen Augen. Ganz tief und eindringlich. Ich fühle Angst. Eher gesagt, so etwas wie Respekt vor ihr. Sie ist nicht gerade eine leichte und zierliche Person. Groß und kräftig. Und Respekt ist bei ihr schon angebracht.
„Du hast mir hier gar nichts, rein gar nichts zu sagen!“, sage ich, drehe mich wieder um und setze mich. Verdattert steht sie da, weiß nicht, was sie tun oder sagen soll.
„Du hast keine Erziehung genossen. Es war klar, dass deine Mutter so versagt hat! Deine Mutter kann nichts!“

Wieder stehe ich auf und gehe auf sie zu. Über mich soll sie nur schlecht reden. Das ist mir egal, doch über meine Mutter, die nicht einmal hier ist, sollte sie ihren Mund halten.
„Du kennst meine Mutter nicht. Also sag auch nichts über sie! Die einzige, die hier versagt, bist du!“

Ihre Hände fahren aus und greifen mich an meinen Armen. Sie packt mich fest und drückt mich gegen die Wand. Es tut nicht weh, doch angsteinflößend ist es schon.
„Weißt du eigentlich, mit wem du dich hier anlegst? Nein, ich denke nicht!“ Ihr Griff wird fester und ihre Augen immer röter. Ich bewege mich nicht. Bleib ruhig und atme ein und aus, denke ich. Endlich lösen sich ihre Hände von meinen Armen. Mein Essen lasse ich stehen und gehe in mein Zimmer.
So etwas sollte in einer normalen Familie nicht passieren. Diese Frau hat einen Knall, leider. Wenn sie nicht diese panischen Attacken und Wutanfälle hätte und nicht diesen Hass auf unsere Mum, dann wäre sie vielleicht auch eine nette und liebevolle Mutter.

Es ist schon spät und ich denke immer noch über den Vorfall von vorhin in der Küche nach. Ich muss es meinem Dad sagen.

Aber wann hat mein Vater schon Zeit für mich? Ich meine, er arbeitet jeden Tag bis spät in die Nacht. Und morgens sehe ich ihn doch auch nicht. Ich würde mir was vormachen, wenn ich denke, dass er für mich Zeit hat. Aber einen Versuch ist es einfach wert. Es muss es wert sein!
„Lea?“, mein Bruder lugt hinter meiner Zimmertür hervor. „Bist du noch wach?“ Ich setze mich auf und bitte ihn herein. Er setzt sich still und unsicher auf mein Bett. Seine Augen sind geschwollen und rot. Er wirkt irritiert.

„Was ist denn?“ Ich lege meine Hand um seine Schulter und ziehe ihn zu mir heran. Ruhig legt er seinen Kopf auf meinen Bauch und weint. Einfach so. Nein, einfach so nicht, aber für mich gerade ein ungeklärtes Rätsel.
„Ich hasse sie! Ich kann das nicht Lea, ich kann´s einfach nicht mehr!“ Er vergräbt seinen Kopf in der Decke und findet den nötigen Halt auf meinem langsam sich bewegenden Bauch.
„Was hat sie gemacht?“

Er guckt hoch.
„Ich kann nicht hören, wenn sie über Mama redet. Sie beschimpft sie und sie hasst sie! Und mich hasst sie auch!“ Ich setze mich langsam auf, um runter in die Küche zu gehen und mit meinem Dad zu sprechen.

„Ich gehe kurz runter. Ich komm gleich wieder.“ Langsam gehe ich in meinem lockeren und noch schön warmen Schlafanzug die weiße Holztreppe hinunter. Ich gehe in die Küche und ohne zu zögern spreche ich ihn an.

„Weißt du, dass Leo wieder weint?“ Er guckt hoch, doch er antwortet nicht, sondern kaut weiter.

„Papa!“

Noch immer gibt er keine Antwort.

„Hallo!“

Er reagiert nicht.

„Rede mit mir! Was ist mit dir los? Hast du keine Zeit für dein Kind?“

Ich brülle ihn an. Die Tatsache, dass er nicht auf mich reagiert, macht mich wütend. Es sprudelt alles aus mir heraus. „Wir hassen sie! Sie ist eine Furie! Weißt du, was sie tut?“

Er guckt nur hoch, doch antwortet immer noch nicht.

„Du siehst es einfach nicht!“
„Lea, ich sehe alles so, wie es ist!“

Ich stocke. Mein Herz rast und meine Hände zittern. „Nein, tust du nicht! Du siehst gar nichts!“
„Ich habe momentan keine Zeit, mich um diese Dingen zu kümmern! Ich muss arbeiten, bis spät in die Nacht und außerdem bist du alt genug, um dich selbst um deine Probleme zu kümmern!“
„Was ist bloß aus dir geworden?“ Ich drehe mich um, und gehe aus der Küche, die Treppe hoch und in mein Zimmer. Die Tür ist immer noch ein Spalt weit offen. Ich höre ruhige, langsame Atemzüge und weiß, dass mein Bruder mittlerweile schläft. Ich lege mich zu ihm. Nehme ihn in den Arm und fühle seine warme, weiche Haut. Sein Atem beruhigt mich und meine Augen werden immer schwerer. Ich frage mich, was mit Papa los ist. Vielleicht will er es nicht sehen. Vielleicht kann er es nicht.

Mein Kopf tut weh. Ich sehe mich um. Mein Zimmer ist hell und die Sonne strahlt trotz der Gardinen hinein. Mein Bruder liegt nicht mehr neben mir. Er ist schon längst weg. In der Schule. Langsam, um meinen Kopf etwas zu schonen, stehe ich auf und bewege mich in Richtung Küche.
„Guten Morgen.“

Ihre Augen gucken mich abfällig an, und ich antworte erst gar nicht.

„Dein Vater hat mir Geld für dich gegeben. Du sollst dir was zu essen kaufen, wenn du in der Schule bist.“

Ich gucke sie an. „Leg es einfach auf den Tisch.“ Weitere Beachtung schenke ich ihr nicht. Nur das Nötigste und das war nötig.
„Lea, was ist dein Problem? Ich bin nun mal mit deinem Vater zusammen, und deine Einwände interessieren ihn jetzt nicht mehr! Werde damit fertig oder zieh aus, so einfach ist das!“

In mir kocht es, doch ich bewahre Ruhe und lasse mir nichts anmerken.
„Mein Problem ist, dass du denkst, dass du alles haben kannst und jeden so behandeln kannst wie du willst! Aber nicht mit mir!“

Sie erwidert nichts, sondern schmeißt das Handtuch auf den Boden und geht ins Wohnzimmer.

Wenig später sehe ich meinen Bruder auf dem Schulhof.
„Leo, ich muss mit dir reden. Es ist wichtig!“ Ich zerre meinen Bruder von seinen Freunden weg.
„Was ist?“ Er ist gereizt.
„Papa hat keine Zeit. Wir müssen das machen. Wir müssen eine Lösung finden!“
„Ja und welche? Hast du etwa eine Ahnung? Du hast nie irgendeine Ahnung!“

Er grinst. Herausfordernd tippt er mit den Fingern, wartet auf eine Reaktion von mir.
„Ich habe einen Plan! Immer!“ Meine Hand schnellt hervor und trifft ihn leicht am Kopf. „Also, mein Plan sieht wie folgt aus: Wir bleiben ruhig. Sind nett und höflich zu ihr und provozieren sie auf gar keinen Fall!“
„Und was soll das bringen?“
„Wir geben ihr einfach keinen Anlass mehr, uns zu tyrannisieren!“

Ich weiß, dass meinem Bruder diese Lösung nicht gefällt, aber anders wird es nicht gehen.

Die Schule ist nicht weit von zu Hause weg. Fünf Minuten zu Fuß. Auf dem Nachhauseweg treffe ich meinen Vater mit ihr in dem großen schwarzen Familienwagen. Mein Dad hält an und schraubt das Fenster hinunter.
„Steigst du ein? Wir fahren grad nach Hause.“ Ich gehe zum Auto, öffne die Tür und setze mich auf die gemütlichen Sitze.
„Hallo.“ Ich lächle die Freundin meines Vaters freundlich an. Einen irritierten Blick kassiere ich dafür, doch sie wirkt weder wütend noch verärgert.

„Was gibt’s denn heute?“ Immer schön freundlich bleiben, denke ich.

„Weiß ich nicht, was willst du denn?“

Ich weiß, dass sie bewusst nett zu mir ist, denn jetzt ist ja mein Vater da, der das ja alles mitbekommen könnte.
„Du kannst doch so gut Spagetti. Warum machst du die nicht?“

Sie lächelt geschmeichelt und dreht ihren Kopf zurück in Richtung Straße. Die restliche Fahrt wird geschwiegen. Ich überlege mir derzeit, was ich ihr wohl als nächstes Schönes sagen könnte, welche guten Komplimente mir zu den Spagetti, die wirklich lecker sind, einfallen könnten.
„Hilfst du mit ausräumen?“
„Ja, mach ich Papa.“

Mein Vater bleibt im Auto sitzen, solange bis wir alle Tüten aus dem Kofferraum getragen haben. Dann fährt er langsam durch die Dreißiger Zone und verschwindet um die Ecke.
„Ok, was ist los mit dir?“, fragt sie.

Ich gucke unwissend und drehe mich ein wenig zu ihr.
„Mit mir ist nichts. Ich bin heute nur gut drauf, das ist alles!“ Ob sie mir glaubt, weiß ich nicht, aber wenn ich ab sofort nur noch nett zu ihr bin, muss sie es irgendwann einfach glauben. Sie schließt auf, und ich gehe mit zwei vollbeladenen Händen in die Küche. „Kann ich hochgehen, oder soll ich dir hier helfen?“
„Nein, nein, geh du mal in dein Zimmer, ich rufe dich dann zum Essen.“ Ich lächle kurz zu ihr hinüber und gehe hinauf in mein warmes Zimmer.

„Guten Morgen, Lea.“ Ich öffne langsam meine Augen und mein erster Blick wandert auf die Uhr. Scheiße eine ganze halbe Stunde zu spät.

„Es ist schon sieben!“ Ich stehe schnell auf, ziehe mich an und..
„Nein halt, alles gut. Ich fahre euch heute zur Schule, weil ich euren Vater danach noch besuche.“ Sofort legt sich die Hektik.
„Danke, das ist wirklich richtig nett von dir.“ Ich stehe auf, während sie zu meinem Bruder ins Zimmer geht. Der gestrige Tag ist gut verlaufen. Der Trick hat seine Wirkung gezeigt. Mein Bruder und ich haben ihr Essen gelobt, wie wir noch nie eins gelobt haben. Aber der gewollte Effekt ist eingetreten, zumindest in diesem Moment.

Nach dem Frühstück fährt sie uns zur Schule, keine bösen Kommentare, keine gehässigen Sprüche. Alles gut.

In der Schule ist es heute besonders langweilig. Mein Kopf sackt öfters als sonst hinunter, Richtung Tisch und mir scheint es so, als würden meine Ohren vom Vortrag meiner Lehrerin platzen.
Ich schaue auf mein Handy und entdecke eine Nachricht, die auf dem leuchtenden Bildschirm angezeigt wird. Sie ist von meinem Bruder: „Wir treffen uns gleich beim Tor.“

Sehnsüchtig warte ich auf die Schulglocke, die mir einen freien Nachmittag verspricht.
Dann endlich, als der laute Gong mein Trommelfell erreicht, springe ich auf und bekomme einen Endorphinschub zu spüren.
Meine Tasche unterm Arm jogge ich zum Schultor und warte gespannt auf meinen Bruder. Endlich kommt er.

„Was ist denn los?“, frage ich.

„Ich hab nachgedacht. Ich glaube, dass sie gar nicht uns hasst, sondern unsere Mum. Ist dir schon aufgefallen, dass immer alles gut ist, wenn Dad da ist?“
„Ja, sollte mir schon aufgefallen sein.“
„Und dass, wenn es um Mum geht, sie dann so richtig durchdreht?“
„Ja, habe ich auch schon bemerkt!“
„Sie gibt uns die Schuld, dass unsere Mum unsere Mum ist. Sie hasst sie, und deswegen hasst sie uns!“

„Und du hattest so viel Langeweile im Unterricht, dass du dir das überlegen konntest?“
„Jop.“

Nach dieser Erkenntnis verhalten wir uns den Umständen entsprechend. Keiner von uns beiden verliert mehr ein Wort über unsere Mutter, und es klappt hervorragend. Auch wenn diese Eifersucht von ihr echt mies ist, das Leben wird doch noch erträglich. So erträglich, dass mein Dad es für angemessen hält, für ein Wochenende beruflich nach Berlin zu fahren. Meetings stehen auf dem Plan, wegen neuer Geschäftsideen, und deshalb werden wir mit ihr allein gelassen.
So weit so gut. Ich denke, ein kleines Wochenende werden wir überstehen und so schlimm wird es auch nicht werden.
„Habt viel Spaß!“

Ich drücke meinen Vater, während er zu uns allen spricht.
„Werden wir haben“, antwortet sie.
Am Samstag-Abend ziehe ich Bilanz und muss sagen, es hat wunderbar funktioniert, jeder hat sein eigenes Ding gemacht, alle waren happy und zufrieden und keiner hat Stress gemacht.

Der Klingelton, der mich am Sonntagmorgen weckt, ist nicht meiner. Es ist ein normaler, herkömmlicher Piep-Ton, und so einen würde ich mir nie, niemals als Wecker einstellen.
Ich rappel mich langsam auf, strecke mich und schlurfe zur Treppe, um nachzusehen, was los ist.

„Sag mal Lea!“ Ihre Stimme durchdringt meinen Gehörgang und vertreibt die letzten Traumbilder. „Wer ist dir wichtiger, ich oder deine Mutter?“

Ich weite die Augen. Meine Mutter, das Telefon. Es hat mich aus dem Schlaf gerissen. Sie muss gerade angerufen haben. Meine Gedanken überschlagen sich, können sich nicht mehr sammeln und ich stammle vor mich hin. Warum ruft meine Mutter denn auf unserem Haustelefon an?

„Ich will eine Antwort.“
„Wie kommst du darauf?“
„Das tut nichts zur Sache. Sag mir, wen?!“

Ich weiß nicht, wie ich antworten soll, obwohl die Antwort eigentlich feststehen müsste. Ich will keine falschen Hoffnungen entstehen lassen, obwohl es vielleicht besser so wäre.
„Wo ist Leo?“, frage ich ausweichend.

Sie guckt verwirrt. „Nicht hier! Und jetzt sag mir endlich, warum du deine Mutter mehr magst? Wieso liebst du mich nicht genauso wie deine Mutter?“
Ihre Stimme wird fester, lauter und auch eindringlicher. Ihre Hände krallen sich um das Geländer der Treppe, und ihr Kopf nimmt an Farbe zu.
„Weil sie eben meine Mutter ist.“ Ich versuche diesen Satz so ruhig und einfühlsam wie möglich zu sagen, doch das bringt rein gar nichts.
„Aber ich kümmere mich um euch! Ich versorge euch! Ich bin diejenige, die sich mit euch beschäftigen muss!“ Sie stellt sich auf, macht sich groß und wirft vor Wut unseren schönen Schuhschrank um. „Ich koche für euch! Ich mache euren Dreck weg! Und ihr?! Ihr macht nichts! Nichts!“
Sie kommt näher, ballt die Faust. Plötzlich wirken ihre Haare zerzauster, ihre Haut noch röter und ihre gesamte Statur um das Zehnfache größer. Meine Hände fangen an zu zittern, ich kann nicht mehr denken, und mein Kopf ist dem Platzen nahe. Ihre Stimme dringt tiefer und tiefer in mein Gehör. Ihre Wut wird größer und größer und meine Angst steigt und steigt. Ich laufe zur Treppe, hoch in mein Zimmer.

Sie kommt mir hinterher, packt mich kurz vor der Zimmertür am Arm.

Eine Frau, breit, groß und gefährlich steht vor mir, steht da, wie ein Löwe, der zum letzten, tödlichen Sprung bereit ist. Ich reiße mich los, renne in mein Zimmer und suche verzweifelt mein Handy, während sie immer weiter schreit und weiter brüllt. Ich kann sie nicht verstehen, will sie nicht verstehen und höre, um ehrlich zu sein, auch nicht hin. Endlich habe ich es gefunden und wähle die Nummer. Ich schlinge mich unter ihr hindurch ins Badezimmer und schließe es ab, um ungestört die Polizei rufen zu können. Zum Glück geht gleich jemand ran. Ruhe bewahren, das ist das, was sie mir sagen. Auf gar keinen Fall aus dem Bad gehen.
Als die Türglocke klingelt, habe ich keine andere Wahl, als hinunter zu sprinten und die Tür zu öffnen.
Sie hat sich währenddessen beruhigt und geht freiwillig mit aufs Revier.

Wir sind umgezogen. Wohnen in einer kleineren Wohnung mitten in der schönen Stadt Hamburg und genießen jeden Tag den herrlichen Ausblick. Mein Vater, mein Bruder und ich, wir alle drei haben ein teilweise interessantes aber auch gefährliches Kapitel in unserem Leben abgeschlossen. Seit ich die Polizei gerufen habe und Papas Ex-Freundin aus dem Haus ist, verstehen wir uns sehr, sehr gut. Mein Dad arbeitet weniger, nimmt sich mehr Zeit für uns, und eine neue Freundin wird er sich hoffentlich so schnell nicht anschaffen.