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Die Kehrseite des Messers

von Phatchanee Pan-Urang

Es war kalt und regnete in Strömen. Der Geruch des Regens auf dem Asphalt vermischte sich mit dem von Blut. Der Mann schaute zu der Frau hinunter und sah zu, wie ihr Blut sich mit dem Wasser der Pfütze vermengte. Sie sah so schön und friedlich aus. Jeder normale Mensch hätte natürlich gesagt, dass sie nicht friedlich da lag. Sie hatte auf dem ganzen Körper Messerstiche. Für ihn jedoch war dies ein vollendetes Kunstwerk. Wenn die Polizei ihre Leiche fand und die Medien davon Wind bekamen, würde morgen wahrscheinlich wieder eine wirklich erniedrigende Schlagzeile in den Zeitungen stehen, etwa: „New Yorker Ripper wieder gnadenlos. Weitere Leiche entdeckt!!!!“ Was hieß denn hier gnadenlos? Er war ein Künstler und musste sich ausleben. Diese Reporter erkannten kein Kunstwerk, nicht einmal, wenn es direkt vor ihrer Nase lag. Wie immer würden sie beleidigende Kommentare von sich geben. Bei dem Gedanken daran konnte er ausflippen. Er schaute sein Kunstwerk noch ein letztes Mal an. Ihre Augen schienen vor Angst zu schreien, und er konnte die Spur einer Träne erkennen. Er lächelte und ging.

 

PIEP PIEP PIEP!!!!!

Mit roher Gewalt knallt eine Hand auf den digitalen Wecker. Nathan wälzt sich hin und her. Langsam und unfreiwillig richtet er sich auf und steigt unbeholfen aus dem Bett. Er stolpert über eine leere Flasche auf dem Boden und flucht leise, bevor er zum Fenster geht und die Gardine öffnet. Die Sonnenstrahlen knallen mitten in sein Gesicht und blenden den jungen Mann für ein paar Sekunden. Müde geht Nathan ins Bad und macht sich frisch. Nachdem er sein Gesicht gewaschen hat, schaut er auf seine digitale Armbanduhr, die er gestern Abend auf dem Waschbecken liegenlassen hat. Die Uhr zeigt die Zahlen 08:50. Er schreckt leicht auf, rennt aus dem Bad, zieht sich an, schnappt sich seine Unterlagen und eilt aus seinem Apart-ment.

Er fährt mit dem Taxi zur Uni. Aus dem Fenster beobachtet er die riesigen Wolkenkratzer von New York, die langsam an ihm vorbei ziehen. Er hat es gestern Abend wieder getan. Eigentlich hatte er sich geschworen, niemanden mehr umzubringen, aber die Frauen regen ihn einfach auf, so dumm und immer leicht zu haben. Seine düsteren Gedanken verfliegen bald, als es in seiner Hosentasche vibriert. Nathan schaut auf sein Handy und muss schmunzeln. Es ist eine SMS von der Frau, der er niemals ein Haar krümmen würde. Seine Gedanken drehen sich nur um sie. Sie sieht immer so süß und so lebensfroh aus, seine Ashley.

Er hatte sie das erste Mal auf dem Unigelände gesehen. Er hätte nicht beschreiben können, wieso sie ihm aufgefallen war. Sie strahlte einfach zwischen den anderen Frauen. Es war reiner Zufall, dass sie miteinander gesprochen hatten. Er wollte dem Professor noch ein paar Fragen stellen und sie anscheinend auch. So kamen sie ins Gespräch und nach ein paar Unterhaltungen verliebte er sich in sie. Es war fast wie im Film. Er war sehr unbeholfen, wenn es um Beziehungen ging, was kein Wunder war bei der Kindheit. Aber sie hatte immer das Positive in ihm gesehen, egal wie unbeholfen und unwissend er war. Es kam ihm so vor, als ob sie immer strahlte und lächelte. Sie war seine Sonne. Sie unternahmen viel miteinander und er öffnete sich ihr immer mehr. Nur sein Durst nach Frauenblut sollte immer vor ihr geheim bleiben.

 

TUUUT TUUUT TUUUT!!!!

„HAST DU KEINE AUGEN IM KOPF???!!!!“

Die Stimme des Taxifahrers weckt ihn aus seinen Gedanken. Er schaut durch die Windschutzscheibe und sieht, wie sich mehrere Autos vor ihnen aneinander reihen und die halbe Kreuzung blockieren. Nathan verdreht die Augen. Bestimmt sitzt da wieder eine Frau am Steuer.

Nach ein paar roten, gelben und grünen Ampeln erreicht der Taxifahrer das Ziel, die Columbia-University. „Vielen Dank! Hier ist das Geld und es stimmt so.“

Er reicht dem Taxifahrer das Geld, schnappt seine Unterlagen und eilt in das große Gebäude. Seine Uhr sagt ihm, dass er bereits zehn Minuten zu spät ist. Nathan klopft an der Schiebetür des Hörsaales und ein lautes „Herein!“ erklingt aus dem Raum.

„Ah. Mister Cole. Wieder zu spät wie ich sehe.“

„Es tut mir leid Herr Professor, kommt wahrscheinlich doch wieder vor.“

Sein Professor und die Studenten schmunzeln. „Setzen Sie sich einfach. Ich hoffe im Gegenzug für diese Verspätungen bekomme ich wieder eine sehr gute Arbeit von Ihnen, Mister Cole.“

Nathan nickt und eilt an seinen Platz, neben ihm sitzt eine blonde und durchaus hübsche, junge Dame. Es ist seine Ashley.

„Du lernst es wirklich nicht pünktlich zu sein, oder?“ Vorwurfsvoll schaut sie ihn an.

Nathan erwidert mit einem Lächeln: „Ich denke leider nicht.“

 

Nach der Vorlesung setzen sich Nathan und Ashley draußen in die Grünanlage der Uni. „Die Vorlesung war ja wieder mal interessant“, erschöpft legt sich Ashley auf das Gras unter einem Baum. Nathan setzt sich neben seine Freundin und schaut sie lächelnd an. Wenn er sie so ansieht, versinkt er in ihren leuchtend grünen Augen. Die Studenten, die sich hinter ihnen unterhalten und lachen, werden immer leiser und leiser, bis nur noch Ashley da ist. Nur er und sie. Sie ist das Beste, was ihm jemals passieren konnte.

Für sie will er seine Kunstwerke aufgeben, kein gut riechendes Blut mehr, das ihn immer so hypnotisiert.

„Hör auf mich so anzustarren“, quengelt Nathans Angebetete verlegen.

Sie richtet sich auf und setzt sich Nathan gegenüber. „Wo warst du eigentlich gestern? Ich habe versucht, dich anzurufen.“

Er weiß nicht, was er sagen soll. Seine Ausreden gehen ihm langsam aus. Sie sind seit zwei Monaten zusammen, und er musste sie jedes Mal belügen, wenn sie diese Frage stellte. „Also… ich… war…“

Ashley schaut ihrem Freund tief in die Augen und weiß innerlich, dass sie keine ehrliche Antwort bekommen wird. „Ach ist auch egal. Damit du mir heute Abend nicht wieder entwischst, komme ich einfach zu dir, okay?“

Sie fragt ihn mit so einem schönen Lächeln, dass er einfach nicht nein sagen kann.

 

Es gibt eine Menge Gründe, warum er Frauen hasst. Nach seiner Erfahrung sind die meisten von ihnen untreu, hinterlistig, scheinheilig und gefährlich. Und so was sollte das schöne Geschlecht sein. Eleganz? Keine Spur. Stolz? Sie kennen dieses Wort nicht. Ehre? Haben sie schon an der Ecke verkauft. Sie sind alle gleich. Seine Mutter war genauso. Sie war untreu und nutzte jede Gelegenheit, um ihre Weiblichkeit an den Meistbietenden zu verschenken. Es war kein Wunder, dass sein Vater sie verließ. Männer gingen ein und aus bei ihr. Und sie hatte immer zugelassen, dass ihre Liebhaber ihren Sohn, Nathan, schlugen. Danach beteuerte sie immer scheinheilig, dass sie ihn in Zukunft beschützen würde. Aber in ihren Augen konnte er sehen, dass es eine Lüge war. Ihr Blick war immer stumm und kalt. Das Erbärmlichste an ihr waren jedoch ihre Selbstmorddrohungen, wenn einer der Kerle sie verlassen hatte. Sie setzte das Messer an ihre Kehle und heulte dabei. Wie oft musste er solche Situationen mit ansehen.

Irgendwann, als er 14 oder 15 war, wurde ihre Drohung wahr, jedoch nicht so, wie sie es geplant hatte. Ihr letzter Liebhaber hatte sie gerade wieder verlassen und wieder schaute sie Nathan mit diesem stummen und kalten Blick an. Sie sah ihn an, als ob er an ihren Trennungen und allem anderen Schuld war. Er hielt das nicht mehr aus. Wie von selbst griff er nach ihrer Hand, die das Messer umfasste, und drückte zu. Aufgrund ihrer Vorge-schichte glaubte die Polizei sofort an Selbstmord.

Nach dem Tod der Mutter ging Nathan zu seinem Vater. Er hatte eine neue Freundin und Nathan musste mit ansehen, wie auch die ihn immer wieder betrog. Sein Vater tat nichts, um sich zu wehren. Er sagte immer zu Nathan, dass Frauen wichtig seien: „Du musst sie gut behandeln, egal wie mies sie dich behandeln. Ohne sie würden wir nicht existieren. Und sie können dir das größte Glück schenken“, behauptete sein Vater und meinte, Nathan würde schon irgendwann seine große Liebe finden. Die acht Jahre, die Nathan bei seinem Vater verbrachte, waren friedvoll. Er verstand seinen Vater zwar nicht, aber er respektierte seine Ansichten und gab immer darauf acht, sie zu befolgen. Nachdem er die High School beendet hatte, ging er auf das College, die Columbia-University. Sein Vater finanzierte sein Apartment. Sie waren nicht sehr reich, hatten aber genug Geld, um sich mehr als das Notwendigste leisten zu können. Die ersten Wochen in New York verbrachte Nathan seine Zeit nur damit zu lernen. Er wollte seinen Vater nicht enttäuschen. Als er jedoch das erste Mal mit den anderen Studenten wegging, geschah es. Er lernte eine Frau kennen, die zunächst charmant und liebevoll war. In seiner Wohnung jedoch zog sie sich gleich aus und wollte masochistische Spiele spielen. Sie wollte, dass er ihr weh tat. Nathan schlug sie. Er spürte, dass ihn das erregte. Plötzlich hatte er die Idee, nach einem Messer zu greifen, in diesem Moment verlor er die Kontrolle über sich. Als er wieder klar denken konnte, lag sie tot vor ihm – sein erstes Kunstwerk.

 

DING DONG DING DONG!!!! Nathan öffnet die Tür und vor ihm steht Ashley.

„Hey!“, sagt sie, lächelt und hebt eine Papiertüte hoch. „Ich hab für uns Bürger und Pommes mitgebracht.“

Nathan macht eine Willkommensgeste und Ashley tritt ein. Sie schaut sich neugierig um und setzt sich auf die Couch, die in der Mitte des Raumes steht. Nathan schließt die Tür und setzt sich zu seiner Freundin. Sie legt die Tüte auf den Tisch und steht abrupt auf. „Ich hole uns Teller okay?“ Ohne auf Nathans Antwort zu warten, eilt sie Richtung Küche. Er schaut ihr nach, ihr Gang und wie sie ihre Hüften hin und her bewegt, sie erinnert ihn an jemanden, er weiß nur nicht an wen.

„In welchem Schrank sind denn die Teller, Nathan?“, kommt es aus der Küche. Nathan ruft ihr zu, wo das Geschirr steht und hört danach ein leises KLING und KLANG. Woran erinnert sie ihn bloß? Es macht ihn wahnsinnig, dass er nicht darauf kommt.

„Hier! Dein Essen!“

Nathan schaut zu Ashley hoch. Ihre strahlenden Augen, ihr Lächeln und wie sie sich zu ihm hinunter beugt. Jetzt weiß er es, sie ist seiner Mutter ähnlich. Mit weit geöffneten Augen schaut er sie an. Wieso ist ihm das noch nie aufgefallen? Er weiß nicht, wie er reagieren soll. Seine Hände fangen an zu zittern. Ashley bemerkt natürlich diese Veränderung an Nathan und schaut ihn fragend an. Als keine Reaktion von ihm kommt, ergreift sie seine Schulter und fragt: „Alles in Ordnung?“

Unter Ashleys Berührung zuckt Nathan erschrocken zusammen.

„Ja… mir geht’s gut … ich war nur in Gedanken…“, antwortet er leise und steht auf.

„Ich hole uns noch Besteck!“, mit diesen Worten verschwindet er in der Küche. Ashley kann ihm nur noch verdutzt und besorgt hinterher schauen. Nathan geht in der Küche auf und ab. Was soll er bloß machen?! Wieso muss alles so verlaufen? Sein ganzer Körper zittert, er schwitzt. Er braucht Halt und stützt sich auf die Spüle. Er denkt nach, er muss sich irgendwie ablenken. Die Gedanken an seine Mutter müssen verschwinden! Seine Augen wandern hin und her und bleiben ruckartig beim Spülbecken stehen. Zwischen den Tellern steckt ein Messer. Seine Klinge glänzt im Licht, es hat eine hypnotische Wirkung auf Nathan. Langsam und zittrig bewegt sich seine rechte Hand zum Griff des Messers. Als seine Handfläche den rauen Griff berührt, durchströmt ihn ein warmes Gefühl. Er weiß, dass es falsch ist, aber dieses Gefühl…. es erfüllt ihn mit einer Art von Glück. „Nathan?! Ist wirklich alles in Ordnung? Das Essen wird kalt!“ Ashleys Stimme erklingt aus dem Wohnzimmer.

„Ich komme“, antwortet Nathan und hält das Messer noch fester in seiner Hand.

Er schreitet langsam aus der Küche. Seine Blicke heften sich an ihren Rücken. Wie sie ohne irgendeine Ahnung da sitzt und auf ihn wartet. Sein Handgriff um das Messer wird immer fester, je näher er ihr kommt. Er will es nicht tun, aber es scheint, als ob jemand ihn steuert. Seine Beine bewegen sich wie von selbst. Es kommt ihm alles viel intensiver vor. Er kann in seiner Brust den Herzschlag hören, BUM BUM BUM BUM. Das Ticken der Uhr wird für ihn immer lauter, TICK TOCK TICK TOCK, und seine Schritte werden immer schwerer. Seine Umgebung scheint wie in Zeitlupe immer langsamer zu werden. Genau dieses intensive Gefühl liebt er. Der Kick, bevor er sich an sein Kunstwerk heranwagt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr für Nathan, er steht hinter Ahley und sein rechter Arm bewegt sich nach oben, holt Schwung und will mit voller Wucht sein Ziel treffen. Doch ohne jegliche Vorwarnung dreht Ashley sich um. Nathan stoppt ruckartig seine Bewegung, sie sehen sich an. Ashleys Augen strahlen und lächeln, während seine Augen kalt und trostlos sind. Die Zeit scheint still zu stehen. Sie lässt ihren Blick wandern und entdeckt den gefährlichen Gegenstand in seiner Hand. Ihr Gesichtsausdruck ändert sich schlagartig. Er kann ihre Reaktion noch beobachten, bevor er die Kontrolle über sich verliert. Alles scheint wieder seinen Lauf zu nehmen, und man kann ihre Schreie hören.

 

Fünf Monate sind seit diesem Abend vergangen. Er hat alles in Nathans Leben geändert. Nathan hat sich der Polizei gestellt und kam ins Gefängnis. Das Gerichtsverfahren ist abgeschlossen, das Urteil lautet: Schuldig. Durch sein Geständnis wurde die Strafe gemindert, und er bekam eine lebenslange Haftstrafe. Es ist zwar hart, aber für Nathan ist es die einzige Lösung. Dass er sich der Polizei stellte, geschah nur aus einem Grund. Er will Ashley nie wieder so weinen sehen.

„Hey Cole! Da möchte dich jemand sehen!!“

Ein Gefängniswächter öffnet Nathans Zelle, legt ihm Handschellen an und geht mit ihm in den Besucherraum.

„Hey Nathan.“ Es ist Ashleys klare und sanfte Stimme, die Nathans Augen leuchten lässt. Er setzt sich ihr gegenüber an den Tisch. Und wie an jedem Wochenende erzählt Ashley fröhlich, was es draußen für Neuigkeiten gibt.

 

Sie hatte damals nicht geschrien, weil sie Schmerzen hatte. Sie hatte nicht geweint, weil sie Angst um sich hatte. Sie hatte nicht nach Hilfe gerufen, weil sie um sich fürchtete. Es war seinetwegen. Das Messer steckte nicht in ihr, sondern in ihm. Er konnte ihr einfach nichts antun. Ihre Augen waren nicht so wie die seiner Mutter, nicht stumm und kalt. Sie waren anders, klar und warm. Während sie versuchte, panisch seine Blutungen zu stoppen, hatte er ihr seine Taten gestanden, die Morde an den Frauen. Er hörte ihr verzweifeltes Weinen, bevor er das Bewusstsein verlor.

Als Nathan wieder aufwachte, befand er sich im Krankenhaus. Ashley kam ihn fast jeden Tag besuchen. Er konnte es kaum glauben. Wer wollte schon einen Serienmörder als Freund haben? Ashley hörte nie auf, ihn zu besuchen. Und an dem Tag, an dem die Ärzte ihn entließen, beschloss er, sich der Polizei zu stellen.

 

Sein Vater hatte Recht damals und Nathan versteht ihn jetzt. Er kann sich ein Leben ohne Ashley nicht mehr vorstellen. Sie ist die Frau, die ihm das größte Glück schenkt.