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Die Macht des Wassers

von Gesa Lenuck, 18 Jahre

Die untergehende Sonne färbte das Meer rot wie Blut. Kleine Wellen brachen sich am Strand von Chile. An einer Palme gelehnt saß ich und ließ meine Blicke schweifen. Hier würde ich gerne mit Manuel sitzen. Der Abend mit ihm war traumhaft zuerst die Komödie im Kino dann sind wir noch mit den anderen in die Disco gefahren. Das war unser erstes Date heute. Solange habe ich davon geträumt. Für ihn habe ich mehrere Diäten gemacht. Dann hat er mich gefragt ob wir uns treffen wollen. Das war gestern nach der Schule hat er auf mich gewartet. Draußen auf dem Meer sah ich in der Ferne einen Ozeanriesen auf die untergehende Sonne zu fahren
Alles wäre so schön, wenn da nicht die eigenen Eltern wären. Manuel und ich saßen gerade draußen auf einer Bank. Er legte seinen Arm um mich und wir guckten uns in die Augen. Sein Gesicht kam dem meinen ganz nah. Kurz bevor unsere Lippen sich berührten, standen meine Eltern vor uns. „Warum hast du uns angelogen? Wir haben dir verboten dich mit einem Jungen zu treffen!“, riefen sie entrüstet. Von dem Geschrei tauchten die andren Disco Besucher auf. Das war so peinlich vor Manuel, vor meinen Freunden und vor den Mitschülern. Jetzt kann ich mich in der Schule nicht mehr blicken lassen. Mama und Papa haben mich ins Auto gezehrt. „Ich bin so froh, dass Tante Patricia dich gesehen hat, was wäre sonst noch alles passiert, nicht auszudenken. Ich bin so enttäuscht von dir, ich dachte du bist vernünftig. Was sollen bloß die Nachbarn von uns denken?“, fing meine Mutter im Auto gleich wieder an.
„Was sollen meine Freunde jetzt von mir denken“, erwiderte ich, „Ich kann mich doch gar nicht mehr in der Schule blicken lassen. Das war wirklich peinlich“. Kaum hatte ich es gesagt bereute ich es schon wieder. Mamas Gesicht wurde knall rot. „So redest du nicht mit deiner Mutter. Du hast Hausarrest. Ich verbiete es dir dich wieder mit diesem Jungen zu treffen“, schrie sie zur Antwort. Zu Hause begrüßte mich Tante Patricia neugierig. „Und wer ist der Junge? Ist er nett? Ich freu mich so für dich, dass du endlich einen Freund hast. Habt ihr euch schon geküsst?“
„Patricia“, rief Mama vorwurfsvoll, „Du musst die dabei nicht auch noch unterstützen Sie ist viel zu jung. Nachher wird sie noch schwanger“
„Ich hatte mit sechzehn schon meinen ersten Freund und von ein bisschen Küsschen wird man nicht gleich schwanger. Außerdem….“, antwortet Patricia.
„Mama du bist so peinlich…“, fuhr ich dazwischen, „…deine Ansichten sind veraltet. Aus meiner Klasse hat jedes Mädchen schon einen Freund. Du blamierst mich vor jedem“
„Was die andern Eltern erlauben oder nicht erlauben interessiert mich nicht“
„Ich bin fast achtzehn“
„Solange du hier wohnst und wir deine Schule bezahlen, machst du was wir dir sagen“ „Mama ist Natalia wieder da?“, fragte meine Schwester, die von dem Geschrei wach geworden ist. „Catalina geh wieder in dein Bett“, sagte Papa ruhig, „Jetzt hast du deine Schwester mit deinem Geschrei aufgeweckt“, schrie Mama. Ich drehte mich auf dem Absatz um. Durch die Tür, durch die ich gerade rein gekommen war, verließ ich das Haus wieder. Mit einem lauten Knall schlug das hohe Gartentor hinter mir zu. Auf den Weg zu meinem Lieblingsplatz am Strand versuchte ich meine beste Freundin Margot auf ihrem Handy zu erreichen. Zuerst ging sie nicht ran. Als sie endlich abhob hörte ich leise Musik im Hintergrund. „Kannst du an den Strand kommen?“, fragte ich sie. „Tut mir leid ich habe gerade Besuch. Was war das denn für ein Auftritt deiner Eltern heute Abend, das war ja voll peinlich. Wir können morgen reden, ich wollte dir sowieso noch etwas erzählen.“ Dann legte sie auf ohne Tschüss zu sagen. Von Manuel erhoffte ich mir ein bisschen mehr Zuspruch. Doch auch er verhielt ich abweisend. Im Hintergrund hörte ich dieselbe Musik wie bei Margot. Weinend beobachtete ich das friedliche Meer. Von der Bucht aus konnte ich die Lichter von Coquimbo sehen und den Hafen und das angestrahlte Kreuz das majestätisch auf dem Hügel der großen Landzunge stand. Auf der Landzunge der andren Seite sah man nur vereinzelt die Straßenlaternen. Der rote Feuerball der Sonne war am Horizont verschwunden. Die Vögel zogen ihre Bahnen als schwarze Schatten am Himmel. In mir tobte ein Tsunami der Gefühle und zerstörte alles Schöne der letzen Stunden. Als es Anfing um mich herum zu beben, dachte ich zuerst, dass es in mir bebte. Doch als es immer stärker wurde und gar nicht mich aufhören wollte, merkte ich, dass nicht ich es warm, die bebte, sondern die Erde. Schnell lief ich außer Reichweite der Palmen. Ich habe schon viele Erdbeben miterlebt, doch keines war so wie dieses. Um mich herum herrschte jetzt vollkommene Dunkelheit. Keine Lichter leuchteten mehr, selbst der Mond und die Sterne schienen wie ausgeschaltet; mich umgab eine unheimliche, stille Finsternis. Ein Gefühl sagte mir, dass ich den Strand ganz schnell verlassen sollte. Ich war schon über der Ruta 5 und in ein Taxi eingestiegen, als die Tsunami- Warnsirenen losgingen. Ich fuhr an meinem Zuhause vorbei, ohne mir darüber große Gedanken zu machen, ich beachtete die Umgebung gar nicht. Schon nach wenigen Minuten hielt der Taxifahrer vor einem kleinen Haus er wollte, dass seine Fahrgäste, das Taxi verlassen, er müsse jetzt seine Familie holen und in Sicherheit bringen. Was sollte ich hier? Zu allem Überfluss fing es auch noch an zu regnen. Ich stieg aus. Ich hatte keine Ahnung wo ich war und wo ich hin sollte. Kein Auto wollte mich mitnehmen und alle Taxis waren voll. Ich lief einfach weiter mit vor Angst fast steifen Gliedern. Mein Blick war nur auf die Berge vor mir gerichtet, dort würde ich wahrscheinlich wirklich sicher sein. Ein in Motorengeräusch näherte sich langsam, es hörte sich anderes an als das Geräusch der Autos die fast lautlos an mir vorüber glitten. Ich bemerkte gar nicht, dass ein Motorrad neben mir hielt erst nach dem der Fahrer mir auf die Schulter tippte bemerkte ich den Jungen. Das Motorgeräusch war verstummt. „Entschuldigung soll ich dich mitnehmen?“, fragte mich der fremde Junge. Ohne nachzudenken stieg ich auf. Ich dachte nur daran, dass ich bald in Sicherheit sein würde. Die letzen Minuten der Flucht waren mir wie Stunden vorgekommen. Wir waren noch keine zwei Minuten unterwegs als er mich fragte, wo ich hin wolle. „Keine Ahnung. Irgendwo hin wo es trocken und sicher ist“, antwortet ich. Ich konnte nicht klar denken, vielleicht sollte ich auch nach Hause fahren, aber mein Verstand entschied sich dagegen. Ich hatte das Gefühl die Fahrt auf den Motorrad dauerte schon viele Stunden. Doch meine Uhr sagte mir, dass wir nur wenige Minuten unterwegs waren. Mit dem Motorrad schlängelten wir uns einen schmalen Pfad die Anden hoch. Als er anhielt standen wir vor einem kleinen Haus. Eine etwas rundliche Frau öffnete die Tür und fiel dem Jungen um den Hals. „Christian da bist du ja endlich ich habe mir solche Sorgen gemacht“ „Lass gut sein Mama. Ich habe auf dem Weg ein Mädchen aufgegabelt die alleine unterwegs war, kann sie erst mal hier bleiben?“
„Kein Problem. Kommt erst mal rein, der Kamin brennt schon im Wohnzimmer. Als ich auf dem Sofa saß, fiel mir erst mal auf, wie müde ich eigentlich war. Christian kam mit Tee und einer Trainingshose und einem Pullover rein. „Zieh dir das erst einmal an, damit wir deine nassen Sachen trocknen können. Das Badezimmer ist nächste Tür rechts“
Als ich mich umzog, kamen mir Zweifel. Was mach ich hier eigentlich? Einfach so mit einem Fremden Jungen mitfahren. Doch ich war zu müde, um mir weiter Gedanken zu machen. Als ich wieder auf dem Sofa saß, betrachtete ich Christian. Er war dünn und in seinem Gesicht leuchteten braunen Augen. Seine schwarzen Haare die ein bisschen zerzaust waren umrahmten sein Gesicht. „Wie heißt du eigentlich?“, fragte seine Mutter und setzte sich zu mir auf das Sofa. „Ich bin Natalia, es tut mir leid, dass ich so reinplatze und eigentlich fahre ich auch nicht bei irgendwelchen Leuten mit, aber…“ „Kein Problem. Ich bin Paulina. Ich habe schon mal ein solches Erdbeben mit erlebt, damals hat es Jahre gedauert bis alles wieder aufgebaut war. Zu der Zeit habe ich noch unten in Valparaíso gearbeitet. Kurz nach dem Erdbeben rollte ein Tsunami ans Land. Es wurde vieles zerstört. Kurze Zeit später gab es auch dieses große Erdbeben auf Haiti, die ganze internationale Hilfe aber vor allem die internationale Berichterstattung konzentrierte sich damals fast nur auf Haiti. Den Tsunami beobachtete ich mit Christians Vater von einer sicheren Entfernung. Es sah überwältigend aus und unheimlich.“ „wie romantisch“, kommentierte Christian die Erzählung ironisch. „Ich hoffe dieses Mal sind wir wenigstens von dem Tsunami verschont geblieben“, vollendete Paulina ihre Erinnerung. Plötzlich bebte die Erde erneut. Auf dem Gesicht von Paulina konnte ich sehen, dass sie sich Sorgen machte. Christian, der am Fenster stand, sah es als erstes. „Mama was ist das? Was passiert da draußen!“, rief er. Paulina und ich liefen ans Fenster. Ich konnte zuerst nicht erkennen, was er meinte, doch im fahlen Licht von Mond und Sterne sah ich es dann auch. Das Meer zog sich immer weiter zurück, als hätte jemand irgendwo aus dem Ozean den Stöpsel gezogen. Paulina wollte gerade Anfangen zu erklären, doch ich hatte in der Schule aufgepasst, als wir über Tsunamis gesprochen haben. Das war immer ein erstes Anzeichen für einen Tsunami. Auch wenn wir weit weg waren, und es dunkel war, konnten wir sehen, wie die Welle vom Meer immer weiter auf den Strand zu rollte und sich immer weiter aufbäumte. Dieses gigantische, unheimliche und gefährliche was diese Welle ausstrahlte verschlug mir die Sprache. In der Dunkelheit der Stadt konnte ich ungefähr das Haus ausmachen, wo ich gewohnt hatte. Die Welle zog meinen Blick wieder auf sich. Sie war jetzt schon fast am Strand angekommen. Man sah Autos, die noch versuchten, wegzukommen. Dann brachen sich die Wellen am Strand, das Wasser riss alles mit, was ihm im Weg stand. Da wo gerade noch die Lichter von Autos zu sehen waren, war jetzt nur noch Dunkelheit. Die Wassermassen flossen weiter stadteinwärts. Eine neue Welle, kam an den Strand. Wo stand noch gleich mein Zuhause. Panisch suchte ich alles ab, dann sah ich es, da musste es stehen. Die Wassermassen kamen immer näher, erstarrt blickte ich auf das, was ich mit ansehen musste. Gleich, gleich war das Wasser da. Es kam mir so vor, als hätte jemand die Zeit angehalten. Alles schien in Zeitlupe zu passieren. Das Wasser war da, wo unser Haus stand. Ich konnte mir vorstellen, wie das Haus regelrecht zermalmt wurde von dem Wasser. Das Wasser zog unentwegt weiter ins Landesinnere, nichts konnte der Gewalt standhalten, nichts konnte es abbremsen. Wohnte da hinten nicht Margot und dort nicht Manuel, das dahinten musste meine Schule gewesen sein. Alles war jetzt unter dem Wasser begraben. Die letzten Worte von Margot, von Mama und Papa und meiner Schwester kamen mir in den Sinn. Die Angst kroch mir in die Knochen. Waren sie rechtzeitig weggekommen? Das schlechte Gewissen kam in mir hoch, warum bin ich nicht nach Hause gefahren und habe sie mitgenommen, warum bin ich in Sicherheit und meine Familie vielleicht tot? Die Tränen rollten über mein Gesicht. Paulina nahm mich in den Arm und drückte mich an ihre Brust, die Wärme tat gut. Ich wollte nicht länger rausgucken, ich konnte diese Zerstörung nicht länger mit angucken. Pauline setzte sich mit mir wieder aufs Sofa. Christian war fasziniert von der Macht des Wassers und starrte weiter auf die Stadt. In Paulinas Armen fühlte ich mich wohl, sie drückte mich an ihre Brust und versuchte mich, wie ein kleines Kind zu trösten. „Beruhig dich erst einmal. Christian machst du bitte noch einen Tee.“ Als ich den Becher Tee in der Hand hatte, holte sie ein Buch aus dem Regal und las uns etwas vor. Es war schon fast hell als ich in den Armen von Paulina einschlief. Ich wachte um die Mittagszeit auf. Zuerst wusste ich nicht wo ich war, nach und nach kamen die Erinnerungen an die letzte Nacht zurück. Keiner war da, ich konnte nur leise Geräusche hören, die wohl aus der Küche kamen. Mein erster Blick fiel aus dem Fenster. Nein, das war kein Traum, was in der Nacht passiert war, das war alles Wirklichkeit. Die Stadt war komplett zerstört, noch immer war ein Teil überflutet, da wo kein Wasser war, konnte ich nur Zerstörung sehen.
„Natalia du bist wach, das ist schön, ich habe in der Küche etwas zum Essen vorbereitet. Christian ist gerade unterwegs, er guckt wie weit man schon in die Stadt reinfahren kann“
Eigentlich hatte ich keinen Hunger, aber aus Höflichkeit kam ich mit in die Küche. „Ich möchte nach Hause und gucken wie es meiner Familie geht und was vom Haus noch übrig geblieben ist“, sagte ich zu Paulina entschlossen. „Das geht nicht“, meinte Christian, der in der Tür stand, „der Weg in die Stadt ist fast ganz zerstört und das Wasser hat sich noch nicht ganz zurück gezogen, da musst du noch ein paar Tage warten“
„Aber ich muss wissen, was mit Mama und Papa ist.“ Dabei betrachtete ich Christian, im Gegensatz zu seiner Mutter war er groß gewachsen. Paulina legte ihren Arm um mich. „Das ist uns beiden klar und wir werden dir dabei auch helfen, aber es bringt dir nichts, wenn du nicht weit kommst, du hast doch gesehen, wie zerstört alles ist.“ Das wollte ich nicht hören, ich ging raus. Von der kleinen Terrasse konnte ich runter auf die Stadt sehen. Als ich meinen Blick so schweifen ließ, sah ich ein, dass es keinen Sinn hatte, jetzt in die Stadt zu fahren. „Na hast du dich wieder beruhigt?“ Christian war rausgekommen und stellte sich neben mich. „Ja, tut mir leid. Ich bin euch total dankbar, dass ihr mich aufgenommen habt, ihr kennt mich ja eigentlich gar nicht“
„Kein Problem, wir verstehen dich schon. Ich würde auch zu meiner Familie wollen“, sagte er und legte seinen Arm um meine Schultern. Es fühlte sich schön an, aber in mir regte sich Widerstand, ich hatte ja eigentlich einen Freund. Ich entzog mich seinem Arm. Wir saßen stillschweigend nebeneinander und guckten auf die Stadt zu unseren Füßen. Das Meer wirkte so friedlich und unschuldig, auch am blauen Himmel sah man keine einzige Wolke.
Nach fünf Tagen kam Christian endlich mit der erlösenden Nachricht. Wir saßen gerade am Frühstückstisch. „Die Straßen sind geräumt. Allerdings sind sie ziemlich zerstört, mit dem Auto kommen wir da nicht weit, aber mit unseren Motorrädern könnten wir es schaffen“ „Können wir jetzt los fahren?“, fragte ich ungeduldig. „Iss erst mal auf. Dann fahren wir los“, erwiderte Paulina mit einem Lächeln.
Rechts und links der Straßen türmten sich Trümmerberge. Manchmal sah man Menschen durch die Trümmer der zerstörten Häuser laufen. Wie würde unser Haus aussehen? Ich hoffte auf ein Wunder, vielleicht stand das Haus noch und es war unbeschadet, aber nach dem ich mich an die Nacht des Tsunamis erinnerte, kamen mir die Bilder eines komplett zerstörten Hauses in den Sinn. Die Angst vor der Wahrheit schnürte mir die Kehle zu. Als wir in unsere Straße einbogen konnte ich sehen, dass das Wunder nicht geschehen war. Keines der Häuser stand mehr, es gab nur Trümmerberge. Auf dem großen Baum am Anfang der Straße hing etwas, ich konnte nicht sehen, was es war, aber ich glaube, ich wollte es auch nicht wissen. In den Vorgärten standen beziehungsweise lagen Autos die ich hier nie vorher gesehen hatte. Auf unserem Grundstück stieg ich vorsichtig über den Trümmerberg. „Cata? Mama? Papa? Tante Patricia? Ist irgendwer hier?“, rief ich verzweifelt. Ich wollte anfangen, die Trümmer beiseite zu räumen, vielleicht lagen sie ja da drunter. „Natalia, hör auf damit. Überlass die Arbeit lieber den Rettungskräften. Komm mit, wir können in die Notunterkünfte fahren, vielleicht findest du sie da irgendwo“, versuchte mich Paulina zu überzeugen. Ich setze mich hin und fing an zu weinen, ich konnte gar nicht mehr aufhören. Christian kam zu mir und legte seinen Arm um meine Schulter. Es fühlte sich irgendwie richtig an, aber irgendwie auch nicht. „Hast du einen Freund, der sich um dich kümmern kann?“, fragte er. Das war eine gute Frage. War Manuel mein Freund, also nachdem wir uns fast geküsst hatten, eigentlich schon, aber er war nicht da, als ich am Strand war. Und außerdem, war er nicht bei Margot gewesen, als ich anrief? Zumindest die Musik im Hintergrund ließ darauf schließen. „Mhh, nein, eigentlich nicht“, antwortete ich zögernd. „Also eigentlich nicht oder nein“, hakte Christian nach. Darüber wollte ich nicht nachdenken, die Sorge über meine Familie war zu groß.
„Dann bleibst du bei uns“, sagte Christian. „Wenn du willst“, schränkte er gleich ein.
„Was sagt denn deine Mutter und vor allem deine Freundin dazu?“, fragte ich. „Meine Mutter hat bestimmt nichts dagegen und eine Freundin habe ich nicht. Also bis heute zumindest nicht.“
Erst als ich im nachhinein darüber nachgedacht hatte, verstand ich den Wink mit dem Laternenpfeiler. „Können wir los, ich möchte endlich Gewissheit?“, fragte ich. Wir stiegen auf die Motorräder, Paulina fuhr immer vorne weg. Bei der ersten Notunterkunft hingen schon erste Listen am Eingang. Auf einer Liste standen die Namen der Menschen, die hier untergekommen waren. Meine Familie fand ich nicht. Das Chilenische Rote Kreuz nahm mich in ihr System, mit der Adresse von Paulina und Christian, mit auf und setzte mich auf die Liste der Überlebenden. Ich suchte auf den Listen der Unterkünfte auch nach den Namen von Margot und Manuel, aber ich konnte sie nicht finden.
„Eine Unterkunft kenne ich noch, das ist die letzte für heute“, meinte Paulina erschöpft, „da finden wir sie bestimmt“
Wir durchkämmten auch hier die Listen. Einige Namen erkannte ich wieder, es waren Mitschüler. Auf der Liste der Vermissten fand ich den Namen von Margot. Wir wollten uns gerade auf den Weg zu den Motorrädern machen, als ein kleines Mädchen meinen Namen rief: „Nata, Nata da bist du ja endlich. Ich hatte solche Angst“ Catalina stand da, eine Dame vom Roten Kreuz hielt sie an der Hand. Sie riss sich los und wir konnten uns endlich in die Arme schließen. Die Tränen flossen wie ein Wasserfall ihr Gesicht runter. Sie stammelte etwas von Mama und Papa auf der Flucht verloren. Paulina trug die weinende Catalina zu den Motorrädern.
Da wir noch immer keinen Strom hatten, kochte Paulina eine Suppe auf einem Campingkocher. Als Cata aufgegessen hatte, schlief sie erschöpft vor Angst in meinen Armen ein. Wir brachten sie in Paulinas Bett. Ich saß bei ihr die ganze Zeit und hielt ihre Hand, bis ich mit ihr eingeschlafen war. Am nächsten Tag wachte ich früh auf. Da die anderen noch schliefen, setzte ich mich auf die Terrasse. „Na, auch schon wach?“ Christian stand hinter mir.
„Ja, ich konnte nicht mehr schlafen“
„Ich auch nicht! Was war eigentlich gestern los? Du warst so abweisend, als ich dich auf deinen Freund angesprochen habe?“ „Was soll sein?“
„Naja, ich spür doch, dass irgendetwas nicht stimmt.“
Ich weiß nicht warum, aber ich erzählte ihm alles von Manuel, davon wie lange es gedauert hat, bis er mich beachtet hat, vom ersten Date und davon, wie abweisend und komisch er sich am Telefon verhielt. „So ein Typ hat dich nicht verdient“, meinte er und legte seinen Arm um mich. Es fühlte sich wunderschön an. Ich erwiderte seine Umarmung, so standen wir engumschlungen einige Minuten da. „Christian, Natalia seid ihr schon wach?“ Paulina erschien am Fenster. „Oh, Entschuldigung, ich wollte nicht stören“. Schnell verschwand sie wieder. Wir beide mussten uns angucken und lachen. Wir gingen in die Küche, wo Paulina schon das Frühstück machte. „Ich geh und wecke meine Schwester auf“, rief ich und wollte schon verschwinden. „Nein, nein lass sie ausschlafen. Ich habe von einer zentralen Anlaufstelle gehört, da können wir hinfahren nach dem Frühstück, die müssten etwas über deine Eltern wissen.“ Da Catalina nach dem Frühstück immer noch nicht aufgewacht war fuhren nur Christian und ich zu der Zentrale. Schweren Herzen ließ ich meine Schwester zurück, aber ich wusste, bei Paulina war sie in guten Händen.
Die Zentrale des Roten Kreuzes war überfüllt. Als wir warteten, konnte ich die Gesichter der anderen sehen. Die vorherrschenden Gefühle waren Hoffnung und Angst. Wenn die Leute die Zentrale verließen war die Hoffnung gewichen, und man sah entweder Trauer oder Freude. Christan, der meine Angst spürte, legte seinen Arm um meine Schultern, ich lehnte mich an ihn. Endlich wurde ich in eines, der durch Vorhänge abgetrennten Büros gerufen. Der Schreibtisch und die Stühle hatten schon bessere Tage hinter sich. Hinten konnte man viele Kisten mit Karten sehen.
„Guten Tag, wen suchen Sie?“, fragte mich die Dame freundlich.
„Ich suche meine Eltern.“ Ich nannte ihr Namen und Adresse. Sie ging zu den Karteikästen. Christian nahm meine Hand, als wollte er sagen, alles wird gut.
„Tut mir leid, ich kann nichts finden“
„Das kann doch nicht sein“.
„Wir können Sie aber mit ihrer jetzigen Adresse aufnehmen. Wenn ihre Eltern herkommen, dann können sie Sie schneller finden.“ Sie gab mir eine Karte. „Kann ich noch eine Karte für meine Schwester ausfüllen. Sie hat noch keine Karte“
„Natürlich.“ Als ich beide ausgefüllt hatte, gab sie mir noch mit auf den Weg, dass ich die Hoffnung nicht aufgeben und einfach abwarten sollte.
„Wollen wir ein bisschen an den Strand fahren? Dann kommst du vielleicht auf andere Gedanken“, fragte Christian.
„Weiß nicht. Ich wollte eigentlich zurück zu meiner Schwester“
„Mama kümmert sich bestimmt gut um sie“
Wir fuhren zum Strand, genau an die Stelle, wo ich das Erdbeben mitbekommen hatte. Hand in Hand schlenderten wir über den Sand. Das jetzt friedliche Meer rauschte im Hintergrund und machte den Moment perfekt. Als wir am Motorrad waren, nahm er mich in den Arm, wir küssten uns. Es war so ein toller Augenblick, all die Angst und Sorgen waren vergessen. Ich hatte immer noch ein Hochgefühl im Bauch, als wir wieder bei ihm zu Hause waren. Catalina war in der Zeit aufgewacht. Sie saß mit Paulina auf dem Sofa und Paulina lass ihr eine Geschichte vor. „Nata, da bist du ja endlich! Wo warst du denn?“
Catalina kam zu mir und drückte mich ganz fest an sich.
„Ich war unten in der Stadt, ich musste etwas erledigen.“
„Komm wieder her Catalina, dann bringt dir deine Schwester bestimmt ein ganz leckeres Abendbrot. Christian hilfst du ihr?“
Wir gingen in die Küche. Wir packten ein paar Lebensmittel auf ein Tablett, doch Christian hatte noch etwas anderes vor. Er nahm mich wieder in den Arm und wir küssten uns wieder, wir konnten gar nicht mehr aufhören. Um uns herum drehte sich die Welt weiter, nur wir, wir blieben stehen. Als es an der Wohnungstür klopfte, bemerkten wir es nicht einmal.
„Müssen wir nicht zurück ins Wohnzimmer, sie haben bestimmt schon Hunger?“, fragte ich.
„Nein, das ist egal.“
Paulians Rufe unterbrachen uns. „Natalia, kommst du mal bitte ins Wohnzimmer!“ Was konnte jetzt los sein? Verwirrt ging ich zu ihr. In der Tür erstarrte ich. Auf dem Sofa saßen zwei andere Leute, auf deren Schoß Catalina saß. Die Augen waren auf mich gerichtet. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich sie. Christian, der hinter mir aufgetaucht war, legte seine Hände auf meine Schultern.
„Mama, Papa?“, fragte ich erstaunt.
„Natalia komm her zu uns“. Endlich konnte ich sie in meine Arme schließen, der Streit war vergessen.
„Wie bist du hierhergekommen? Wir haben euch gesucht?“ „Christian hat mich mitgenommen“, antwortete ich und griff nach Christians Hand. Er war die ganze Zeit nicht von meiner Seite gewichen.
„Ein Junge!“, rief Mama erschrocken und wütend aus, „du bist einfach so bei einem fremden Jungen mitgefahren. Das ist verantwortungslos, so etwas….“
„Mama beruhige dich mal, er hat mir das Leben gerettet, dank dem Jungen, wie du ihn nennst, und seiner Mutter habe ich Cata wieder -gefunden.“ Paulina versuchte die Situation zu beruhigen. Doch Mama ließ sie nicht zu Wort kommen. Catalina saß auf Papas Schoß und hielt sich die Ohren zu.
„Hast du vergessen, worüber wir geredet haben, als du einfach so abgehauen bist?“
„Mama! Was hättest du gemacht wenn ich gestorben wäre? Würdest du dann an meinem Grab stehen und mir Vorwürfe machen, weil ich nicht das gemacht habe, was du wolltest? Außerdem, was hättest du gemacht wenn ich gestorben wäre und mein Leben niemals so gelebt hätte, wie ich wollte. Wem hättest du dann Vorwürfe gemacht?“
Mama wollte schon wieder zu einem Wutausbruch ausholen.
„Christian, komm mit in die Küche. Lass sie das alleine klären“, sagte Paulina mit dem Versuch, die Situation zu entschärfen.
„Aber..“, wollte er entgegnen, doch seine Mutter zog ihn aus dem Zimmer.
„Mama das ist ungerecht. Eigentlich solltest du froh sein, dass ich endlich einen Freund habe, dass ich jemand habe, den ich liebe und der mich liebt.“
„Christian ist auch wirklich nett“, mischte sich Catalina ein.
„Du bist doch viel zu jung. Du weißt doch gar nicht, was Liebe ist und du hast uns, wir lieben dich auch. Nun mischte sich auch endlich mal Papa ein.
„Ich glaube, Natalia weiß ganz genau was Liebe ist. Wir können sie nicht ewig davor schützen, von einem Jungen enttäuscht zu werden. Wir können doch einfach mal diesen Christian kennen lernen. Wenn sogar Catalina ihn nett findet, dann kann er kein so schlechter Junge sein.“ Mama wollte etwas erwidern, aber für Papa war das Thema damit durch.
Ich hatte meinen Kampf gewonnen und Mama würde ich auch noch überzeugen können. Ich ging zu Paulina und Christian in die Küche.
„Und?“, fragten beide aus einem Mund.
„Papa ist überzeugt, Mama braucht noch eine Weile, aber das bekommen wir auch noch hin.“ Ich nahm sie in den Arm, ich war so dankbar. Wir gingen alle gemeinsam an den Strand, um das warme Wetter noch zu genießen. Wir beobachteten den Sonnenuntergang. Papa und Mama unterhielten sich mit Paulina, Catalina baute eine große Sandburg. Christian und ich gingen am Strand entlang und genossen unsere Zweisamkeit.