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Die Stimme des Waldes

Hjalte Meyn, 19 Jahre

Der brennende Pfeil flog haarscharf an Simons Kopf vorbei. Glücklicherweise war es der letzte, der verschossen wurde. Die Verfolger fielen langsam zurück.

Simon lies humpelnd die Ebene hinter sich und lief über eine kleine Anhöhe. Der Waldrand kam in Sicht. Erschöpft lehnte er sich gegen einen Baum.

Du riechst nach Schweiß“, stellte der Baum fest.

Kein Wunder“, meinte Simon in seiner merkwürdig kantigen Art. „Wie würde es dir gehen, wenn du jedes Mal gejagt werden würdest, wenn dich ein Mensch erblickt.“

Unglücklicherweise bin ich hier verwurzelt. Sollte mich also jemand jagen wollen, habe ich wohl keine andere Wahl, als mich kampflos zu ergeben. Du bist einer von ihnen und hast immerhin eine Chance zu entkommen.“

Ich bin keiner von ihnen. Jedenfalls nicht wirklich.“ Simon hob niedergeschlagen seinen rechten Arm und betrachtete ihn im fahlen Licht des Mondes. Er bestand vollkommen aus Holz. „Nur die Hälfte meines Körpers ist menschlich. Sie halten mich für einen Dämon. Sie hassen und verfolgen mich, wann immer ich mich zeige.“

Der Baum raschelte mit seinen Blättern. „Aber dafür bist du in der Lage, unser Flüstern zu vernehmen.“

Simon stand knarzend auf und blickte in den Wald hinein. „Wahrscheinlich sollte ich den Wald einfach nicht mehr verlassen.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und ging tief in den Wald hinein.

Warum musste er auch eine solche Missgeburt sein? Bereits als kleines Kind hatte er fliehen müssen. Als die Amme in seinem fünften Lebensjahr erkannte, dass er nicht, wie angenommen, halbseitig gelähmt, sondern zur Hälfte ein Baum war, wurden sofort die Priester gerufen. „Bastard“ hatte man ihn genannt. Ein Bastard zwischen einem Menschen und den Waldgeistern, die im nahegelegenen Mooswald hausten und jeden Menschen, der ihnen in die Finger fiel, in eine Pflanze oder Schlimmeres verwandelten. Da die Menschen panische Angst vor diesen Waldgeistern hatten, begannen sie den Wald zu fällen und von der Stadt zurückzutreiben. Die Waldgeister, die ihnen Widerstand leisteten, wurden verbrannt. Und so kam es, dass die eigentlichen Schutzpatrone des Waldes langsam aber sicher aus ihrem Lebensraum vertrieben wurden. Kein Wunder also, dass der Bastard eines Waldgeistes kein leichtes Leben führte.

Simon.“ Die alte Eiche begrüßte ihn mit ihrer ruhigen Stimme. In letzter Zeit wurde sie jedoch ein wenig zu ruhig.

Simon grüßte zurück und schaute den Baum besorgt an.

Die Eiche bildete das Herz des Waldes. Sie stand inmitten einer grünen Lichtung. Ihr mächtiger Stamm trug das Gewicht der nicht minder mächtigen Äste, die sich weit über die Lichtung und in den Himmel erstreckten.

Seit Simon denken konnte, war dieser Ort für ihn Ruhe. Dieser Ort war Frieden. Für Simon konnte es auf der ganzen Welt keinen schöneren Ort geben.

Stundenlang konnte er am Fuße der Eiche sitzen, seinen Rücken an die von Furchen durchzogene Rinde des uralten Baumes lehnen und ihr zuhören, wenn sie von ihrem langen Leben erzählte. Und es gab viel zu erzählen.

Manchmal verweilte Simon hier bis weit in die Nacht und wenn er müde wurde, begann auch die Eiche, ganz still zu werden, damit Simon ruhig schlafen konnte.

Mit den Jahren war die Eiche für Simon zu einem echten Freund geworden. Und so besuchte er sie fast täglich inmitten ihrer grünen Oase.

Doch seit einiger Zeit ging es der Eiche schlechter. Zuerst hörte sie nur auf zu wachsen. Doch schon bald verlor sie ihre Blätter, obwohl das Jahr noch nicht einmal halb um war. Käfer begannen, ihren Stamm zu befallen und erste Pilze sprossen auf ihrer Haut. Der Gestank nach fauligem, modrigem Holz wurde auch immer schlimmer. Mittlerweile konnte die Eiche nicht einmal mehr richtig sprechen.

Du hast kaum noch Blätter.“ Simon berührte ihren Stamm. Es war Zeit, ihr die schlechte Nachricht zu überbringen. „Sie sind fort… Sie alle.“

Dann… gibt es für mich … keine Hoffnung mehr.“

Gibt es nicht irgendeine Medizin? Irgendetwas, was dich heilen kann?“ Simon sank am Stamm der Eiche zusammen.

N…Nur die Faune. Sie halten den Wald am Le … Leben.“

Sie wurden endgültig verjagt. Die Angst der Menschen vor ihnen war zu groß.“

Diese armen, gutmütigen Geschöpfe.“ Die Trauer, die aus der brüchigen Stimme des alten Baumes sprach, brach Simon fast das Herz.

Die Eiche ächzte und fuhr fort: „Die… anderen Bäume und Pflanzen in diesem Wald sind noch jünger als ich, doch auch sie… werden ohne…ohne die Pflege der Faune bald von diesem Fluch getroffen werden.“

Simon barg sein Gesicht in seinen Händen. Ja, es war ein Fluch. Ein Fluch, dass die Menschen Angst vor allem Ungewöhnlichen hatten. Und wenn die Menschen Angst vor etwas hatte, dann gingen sie dazu über, es zu demütigen, den Hass darauf zu schüren und es schlussendlich zu zerstören.

Waldgeister. Der Name, den die Menschen den Faunen gegeben hatten, klang schon so, als wenn sie böse Dämonen des Waldes wären. Dabei waren sie die sanftmütigsten Geschöpfe, von denen Simon je gehört hatte.

Heißt das, du wirst sterben?“, fragte Simon voller Angst.

Der … ganze Wald wird sterben, wenn die Faune nicht zurückkehren.“

Simon stand am Rande der Verzweiflung. „Aber wer soll sie zurückholen?“

Simon….was ich dir jetzt sage, wird dir nicht gefallen. Faune vertrauen nur Wesen der Natur. Wir Bäume können uns nicht bewegen und die Tiere beginnen den Wald ebenfalls schon zu verlassen. Du bist die einzige Hoffnung, die dem Wald noch bleibt.“

Aber ich kann mich nicht zeigen! In den Augen der Menschen bin ich ein Teufel!“ Simon schrie fast. „Sobald sie mich sehen, wollen sie, dass ich brennend vor ihnen auf dem Boden liege!“

Mein… guter… Simon. Ich vertraue dir. Der Wald… liegt nun … in deinen Händen.“ Die Stimme der Eiche wurde immer leiser.

Nein! Du darfst nicht sterben, hörst du!“, Simon sprang auf und umarmte den alten Stamm, „Du darfst nicht sterben!“

Simon vernahm ein Knacken und plötzlich brach einer der mächtigen Äste ab und stürzte auf den moosigen Waldboden.

Rette den Wald mein … Freund.“ Das letzte Wort war nicht mehr als ein Windhauch.

Simon konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Unendlich lange stand er da und trauerte um seinen Freund. Und die umliegenden Bäume trauerten mit ihm. Doch Simon hatte einen Entschluss gefasst. Er wollte alles daran setzen, die Faune zurückzuholen und den Wald zu retten.

Es war dunkel, als Simon den Schutz der Bäume verließ und den Weg in Richtung Stadt einschlug. Der Wind zerrte unablässig an seinen Kleidern und dem Umhang, den er von einem Holzfäller gestohlen hatte. Er hoffte, dass man ihn so nicht als das erkennen würde, was er war. Wenn er es nicht schaffte in der Stadt herauszufinden, wohin die Faune geflohen waren, konnte er seine ganze Unternehmung begraben.

Das Stadttor kam in Sicht. Es war bewacht! Simon hatte gehofft, in der Dunkelheit einfach so in die Stadt schlüpfen zu können. Jetzt kam ihm sein Plan ziemlich dumm vor. Natürlich war das Tor bewacht! Die Menschen hatten doch Angst vor allem!

Hey, du da!“ Die Soldaten hatten ihn gesehen! Jetzt konnte Simon nicht einmal mehr umkehren.

Oh verdammt!“ Er stützte sich schwer auf seinen Stock und blieb vor den Wachen stehen.

Diese beäugten ihn misstrauisch. „Was willst du hier?“, fragte die eine. Die andere schwieg.

Ich…Ich… bin….“

Du bist was? Ein Trottel?“, der Mann lachte hämisch. „Hey Bert, hast du das gehört? Ein Schwachsinniger.“ Die zweite Wache grinste.

Simon brauchte seine gesamte Willensstärke, um nicht jetzt schon aufzugeben und zu fliehen. Er hatte seit vielen Jahren nicht mehr mit einem Menschen gesprochen, und die Sprache kam ihm nur holprig über die Lippen. Dass die eine Hälfte seines Gesichtes aus Holz bestand machte es nicht gerade leichter. Glücklicherweise sahen die Wachen nichts davon, denn er verhüllte sein Antlitz unter einer großen Kapuze. Stockend begann er von vorn: „Ich bin ein Wanderer aus dem Norden und würde für eine warme Mahlzeit und ein Bett gerne in die Stadt.“

Und warum gehst du am Stock?“

Vor zwei Jahren haben mich Banditen überfallen und mein Bein verstümmelt.“

Die Wache sah nicht aus, als würde sie Simon seine Geschichte abkaufen. „Soso, Banditen? Haben dir wohl auch gehörig auf die Fresse gehauen, was? So bescheuert wie du redest.“

Simon fiel nichts Besseres ein, also gab er der Wache recht. Doch leider reagierte diese darauf nicht so, wie er erhofft hatte.

Sag mal, hältst du mich für blöde oder was? Nimm die Kapuze ab, Idiot!“

Jetzt wurde es brenzlig. Wenn die Wache sein Gesicht sah, würde es für Simon böse ausgehen. Doch als er sich gerade umdrehen und wegrennen wollte, sank die andere Wache schnarchend gegen das Torhaus.

Verdammt! Schon wieder ist er eingeschlafen, der Trottel!“ Sein verärgerter Kamerad versuchte, ihn aufzuwecken.

Simon ergriff die Gelegenheit beim Schopfe, rannte an den beiden vorbei und flitzte in die Stadt.

Widerlich! Seit zwei Tagen irrte Simon schon durch die Metropole und noch immer plagte ihn der abartige Gestank. Es kam ihm vor, als würde er durch eine dicke Suppe aus den ekelhaftesten Gerüchen laufen, die es auf der Welt gab.

Knöcheltief watete er durch den Schlamm, der die Straßen bedeckte und von dessen Zusammensetzung er lieber nichts wissen wollte. Er war auf dem Weg weit in den Osten der Stadt. Von einem sturzbetrunkenen Kaufmann hatte Simon erfahren, dass hier ein weiser Mann leben sollte, der angeblich Antwort auf alle Fragen wusste. Da Simon bis jetzt mit seiner Frage, wohin die Faune vertrieben wurden, nur auf Abscheu und Androhung von Gewalt gestoßen war, war dies nun quasi seine letzte Hoffnung.

Vor einem windschiefen Gebäude mit einem großen Loch in der Fassade blieb er stehen. Hier sollte der Kerl leben? Er zupfte seine Kapuze zurecht und klopfte mit einem flauen Gefühl im Magen an die hölzerne Tür. Keine Sekunde später flog diese mit einer solchen Wucht auf, dass Simon glatt von den Füßen gehauen wurde. Heraus sprang ein sehr kleiner und sehr bärtiger Mann.

Ja da hau mir doch einer den Schädel ein!“, rief der Zwerg mit unverhohlener Freude und zog Simon sogleich auf die Beine und ins Haus hinein.

Drinnen war es dunkel und staubig. In einer Ecke brütete ein Schwalbenpaar und in einer anderen lag ein Haufen augenscheinlich vergammelter Äpfel. Das Männchen wuselte aufgescheucht um Simon herum und redete dabei unablässig auf den Armen ein.

Ich hatte schon ewig keinen Besuch mehr, wie nett. Dabei hab ich gar nichts zu essen im Haus, aber die Kürbisse sind bald reif und dann werde ich….Nein! Ich hab eine bessere Idee! Magst du Fliegen? Oder nein, Würmer! Ach das ist eine wundervolle Idee, danke mein Lieber.“ Er streichelte mit einem ziemlich verklärten Gesichtsausdruck die Wand, bevor er fortfuhr. „Warum stehst du eigentlich die ganze Zeit, möchtest du Wurzeln schlagen? Damit meine ich natürlich das Sprießen und nicht das Prügeln. Ha ha ha. Es sei denn du hegst einen Groll auf alles Wurzelige. Aber müsstest du dann nicht auch Karotten verabscheuen? Und das wäre ja völliger Blödsinn, so hasenartig wie du aussiehst. Soll mir ja niemand sagen, der alte Gusti könnte das nicht unterscheiden. Nun setz dich doch endlich.“

In dem Raum gab es keinerlei Mobiliar, weshalb sich Simon mit einem vernehmlichen Knacken seines rechten Knies auf den Boden sinken ließ.

Knieprobleme?“

Hm, was?“ Simon war zu verwirrt. War sein Gegenüber etwa irre?

Bist du wegen deinen Knieproblemen zu mir gekommen?“ Dieser Gusti blickte ihn fragend über die Ränder seiner verbogenen Brille an.

Was? Nein, ich habe keine Knieprobleme, ich…“

Dann habe ich auch keine Verwendung für dich.“

Perplex starrte Simon den Mann an, bevor er stotternd einen neuen Anlauf startete. „Ich bin nicht…“

Nein natürlich bist du nicht. Das einzige was du bist, ist eine knackende Kapuzengestalt. Hallo Knackipuzi!“ Gusti rannte lachend durch das Zimmer und schrie dabei immer wieder: „Knackipuzi! Knackipuzi!“

Der Mann schien vollkommen die Besinnung zu verlieren. Simon war den Tränen nahe. Er hatte den Worten eines Besoffenen Glauben geschenkt und war nun im Haus eines Wahnsinnigen gelandet. Es war alles aus, alles vorbei. Niemals würde er die Faune noch finden. Betroffen stand Simon wieder auf und wollte gerade das Haus verlassen, als ihm seine Kapuze vom Gesicht rutschte.

Gusti hörte unvermittelt mit seinem Geschrei auf und starrte Simon aus weit aufgerissenen Augen an. Dann streckte er die Hände aus und sagte mit einer monotonen Stimme, die klang als würde sie aus weiter Ferne kommen: „Gib … mir … Frage … Baumgeborener.“

Baumgeborener? Simon wusste nicht, was dass alles zu bedeuten hatte. Trotzdem schöpfte er wieder Hoffnung: „Wissen Sie, wohin die Faune verschwunden sind?“

Stille. Gusti starrte Simon unverändert an. Eine Minute verging. Dann noch eine. Simon hatte sich bereits mit dem Gedanken abgefunden, dass es dem Mann nun endgültig die Sprache verschlagen hatte, als der Wicht einen Heulkrampf bekam. Zwischen all dem Schluchzen stieß er jedoch immer wieder ein Wort aus: „Holzfäller!“

Diese Information musste genügen. Simon stürzte aus dem Haus und rannte die Gassen entlang, weg von dem Irren. Dabei meinte er zu hören, wie ihm noch einmal „Knackipuzi“ hinterher gerufen wurde, doch war er sich nicht sicher.

Als er die Stadt schließlich verlassen hatte, hatte Simon jedoch schon wieder neuen Mut gefasst. Er war nicht entdeckt worden! Und so verrückt der Mann auch gewesen war, hatte er doch mit einem Recht: Wer sollte besser über das Schicksal der Faune Bescheid wissen, als die Menschen, die im Wald unmittelbar mit ihnen zu tun hatten.

Simon lief einen steinigen Gebirgspfad entlang. Die Sonne schien unablässig vom Himmel und Harz und Schweiß liefen aus allen holzigen und nicht holzigen Poren seines Körpers. Da er aus Angst, jemand könne ihn sehen, seine Kleidung anbehielt, war er inzwischen unglaublich durstig und erschöpft. Vier Tage war es her, dass er die Holzfäller belauscht hatte. Vier Tage, seit er erfahren hatte, dass die Faune sich wahrscheinlich in ein abgelegenes Tal im Hartsteingebirge südlich des Mooswaldes zurückgezogen hatten. Vier Tage, seitdem er zuletzt richtig geschlafen hatte. Während Simon lief dachte er oft an die alte Eiche und manchmal weinte er und trauerte um seinen einzigen wirklichen Freund. Doch so müde und zerschlagen sich Simon auch fühlte, hatte er doch neue Hoffnung geschöpft. Er spürte, er war auf dem richtigen Weg, um die Faune zu finden.

Schließlich öffnete sich vor ihm das Tal.

Der Anblick war atemberaubend. Von den Berghängen stürzten ein Dutzend Wasserfälle herab. Das Wasser sammelte sich am Boden zu Flüssen, die in einen grünen und wunderschönen Wald zusammenliefen. Und als er sich an den Abstieg machte, flogen über seinem Kopf Schwärme verschwenderisch bunter Vögel zum Himmel hinauf. Wo, wenn nicht hier, sollte er die Faune finden?

Nachdem Simon seinen Durst gestillt und sich ein paar Stunden ausgeruht hatte, machte er sich auf den Weg tiefer in den Wald hinein. Es war fantastisch. Obwohl er in einem Wald aufgewachsen war, hatte er doch noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Überall wuchsen Pflanzen. Große und kleine. Mit bunten Blüten oder seltsam geformten Blättern. Die Luft war erfüllt von dem Summen der Insekten, dem Kreischen von Tieren und dem Flattern der Vögel. Aber den schönsten Anblick boten die Bäume. Sie waren allesamt uralt und mächtig. Von ihren Ästen hingen dicke Lianen herab und durch ihre Kronen strich der Wind, als wollte er ein Lied singen. Ihr Flüstern erfüllte den ganzen Wald. Sie sprachen alle im Einklang und nicht so wild durcheinander, wie Simon es aus seiner Heimat kannte.

Während er durch den Wald ging, sorgsam darauf bedacht, mit seinen Schritten nichts zu zerstören, versuchte er zu verstehen, was die Bäume erzählten. Er erkannte zwar einzelne Worte, doch fand er keinen Zusammenhang zwischen ihnen. Es war fast, als sprächen sie aus weiter Ferne.

Fasziniert streckte er die Hand aus, um einen der Stämme zu berühren.

Nicht!“ Die Stimmen schienen direkt in Simons Kopf zu sein. Blitzartig zog er seinen Arm zurück.

Wenn du sie berührst, bringst du ihr Lied durcheinander!“

Es raschelte in den Baumkronen über ihm. Mehrere Augenpaare erschienen zwischen den Blättern.

Es tut mir leid!“ Simon stolperte einige Schritte von dem Baum fort. Es waren nun deutliche Umrisse zu erkennen. „Ich wusste nicht…“

„Natürlich wusstest du nicht.“ Eine der Gestalten hangelte sich zu ihm hinab und landete direkt vor Simon. „Ihr Menschen wisst gar nichts.“ Mit dem letzten Wort trat die Gestalt aus dem Schatten. Sie war recht klein, kaum halb so groß wie Simon. Ihre Beine waren ähnlich denen einer Ziege und ihr Oberkörper war nackt. Die gedrehten Hörner, die aus ihrem menschlichen Kopf ragten, waren mit Moos behangen. Simon hatte es geschafft. Er hatte die Faune gefunden.

„Warum bist du gekommen, Menschenkind?“ Die Verachtung, mit der der Faun dies sagte, war nicht zu überhören. Simon erholte sich langsam von seinem Schreck und richtete sich zu ganzer Größe auf. „Ich habe euch gesucht.“

„Uns? Um uns auch von hier zu vertreiben? Dies ist unser letzter Rückzugsort. Der erste und älteste Wald der Welt. Der letzte Ort, an dem die Natur noch wirklich sie selbst sein darf und nicht von den Menschen verstümmelt wird. Und nun wollt ihr eure dreckigen, gierigen Finger noch weiter ausstrecken und uns vollständig vernichten? Was haben wir euch getan, dass ihr uns so sehr hasst?“ Der Faun sah Simon direkt ins Gesicht. Aus seinen grünen Augen blitzte die Wut. Aus seiner Stimme sprach Verbitterung. „Ihr habt nie genug. Ihr hetzt euer Opfer, bis es tot ist und jubelt über euren Sieg, ohne euch über die Konsequenzen Gedanken zu machen. Wenn wir Faune beseitigt sind, ist die Natur eurem Würgegriff schutzlos ausgeliefert. Die Folgen für alles Leben wären katastrophal.“ Nun lag Trauer in den Zügen des Fauns. Er ballte seine Hände zu Fäusten, während von allen Seiten weitere Faune aus dem Dickicht traten.

„Ich bin nicht hier, um euch zu vertreiben“, hob Simon behutsam an. »Mein Name ist Simon und ich komme aus dem großen Mooswald im Norden. Der Wald stirbt! Ohne euch wird bald nichts mehr von ihm übrig sein! Ihr müsst zurückkommen! Bitte! Die alte Eiche im Herzen des Waldes hat mir mit ihrer letzten Kraft den Auftrag erteilt, euch zu suchen und zurückzuholen. Der Wald muss gerettet werden.“

Misstrauisch legte der Faun seinen Kopf schief. „Warum sollte dieser mächtige Baum dich schicken?“

„Ich war sein Freund.“

„Ein Mensch kann niemals einen Baum zum Freund haben. Eure Wesen sind zu verschieden. Euer Hass ist zu groß.“

„Vielleicht habt Ihr recht, Herr Faun“, antwortete Simon. „Menschen und Bäume können niemals wirkliche Freunde werden. Ein Wesen, welches von beidem etwas hat, jedoch schon.“ Mit diesen Worten nahm er seine Kapuze vom Kopf und zeigte den Faunen sein Gesicht.

Für einen kurzen Augenblick herrschte vollkommene Stille. Dann brach unter den Faunen wilde Aufregung los. „Ein Baumgeborener, ein Baumgeborener!“, riefen sie durcheinander, ihre Hufe stampften und raschelten auf dem Waldboden.

Der Faun, der mit ihm gesprochen hatte, verbeugte sich vor ihm. „Ich bitte um Verzeihung, Baumgeborener“, meinte er.

Mit einer solchen Reaktion hatte Simon nicht gerechnet. Baumgeborener. Der alte Mann in der Stadt hatte ihn so genannt. War er doch nicht komplett verrückt gewesen? Simon schaute sich um. Alle Feindseligkeit war aus den Blicken der Faune verschwunden. Entschlossen stellte er seine Bitte daher noch einmal. Dann sah er den Faun, der offensichtlich ihr Wortführer war, hoffnungsvoll an. „Werdet ihr zurückkommen?“

Der Faun schwieg lange, bevor er antwortete. „Hört Ihr dieses Lied, Baumgeborener?“ Er hob seine Arme. „Es ist das alte Lied der Bäume! Nur in einem vollkommen gesunden Wald, singen alle Bäume diese Melodie im Einklang. Wer oder was auch immer dieses Lied singt, ist Teil einer vollkommen intakten Natur. Das war auch der Grund, weshalb ich euch abhielt, den Baum anzufassen. Schon die Berührung eines Menschen würde diese Vollkommenheit stören. Ihr jedoch seid ein Baumgeborener. Eine ganz besondere Schöpfung der Natur. Es wäre den Bäumen in diesem Wald sicherlich eine Ehre, wenn Ihr ihrem Lied lauschen und es lernen würdet.“

Simon nickte und legte seine rechte Hand an den Stamm des Baumes, den er schon vorhin zu berühren versucht hatte. Schon immer hatte er so ihren Stimmen am besten lauschen können.

Die Musik, die er hörte, war von einer solchen Schönheit und so voller Gefühl, dass ihm die Tränen in die Augen stiegen. Die Blattmelodie drang bis in den innersten Winkel seines Geistes und formte dort ein Bild der Vollkommenheit. Und Simon verstand. Er verstand wie alle Geschöpfe der Natur miteinander in Verbindung standen. Die Symbiose des Waldes.

Als er nach einer langen Zeit die Verbindung beendete, wandte sich Simon wieder dem Faun zu. „Danke“, sagte er. „Ich danke euch allen.“ Und mit diesen Worten verließ er die Faune und machte sich auf den Rückweg. Er wusste nun, wie er den Wald retten konnte.

Die Nacht war kalt und windig. Simon war auf dem Weg zur Stadt. Seine Beine zitterten.

Er hoffte, dass sein Plan funktionierte. Es musste klappen, sonst war alles verloren. Aber dem Mooswald ging es schlecht. Die Bäume verloren ihre Blätter und ließen die verdorrten Äste hängen. Sie aus ihrem Todeskampf zu reißen, würde keine leichte Aufgabe werden.

Langsam setzte Simon einen Fuß vor den anderen. Der steinige Boden der Straße knackte bei jedem Schritt. Auf halbem Weg zwischen dem Wald und der Stadt blieb er stehen. Hier, auf dem Bindeglied zwischen Menschen und Wald sollte es passieren. Diesen Ort würde er vielleicht nie mehr lebend verlassen.

Tief atmete er die klare Nachtluft ein. Er war bereit. Mit steifen Fingern öffnete er die Schnalle und lies seinen Umhang zu Boden gleiten. Dann blickte er zur Stadt und erhob seine Stimme. „Menschen der Stadt! Kommt her und hört, was der Wald euch zu sagen hat! Hört ihre Stimmen!“

Einen Moment war es still, dann flackerten Feuer auf den Mauern auf. „Verschwinde, Dämon!“, rief ein Soldat.

Simon bewegte sich nicht. Die Antwort darauf war ein brennender Pfeil. Doch er blieb weit vor Simon im Boden stecken. Einige Minuten passierte nichts, dann öffneten sich die Stadttore. Sie kamen!

Simon wusste, dass er nun sein altes Leben für immer hinter sich lassen würde. Entschlossen begann er zu singen.

Einsam hallte die Stimme über die weite Ebene, während Soldaten aus der Stadt zu strömen begannen. Die Bäume mussten mit in das Lied einstimmen, nur so hatte es eine Wirkung. Simon suchte nach ihren Stimmen. Wo waren sie? War er etwa schon zu spät?

Die Menschen kamen näher.

Simon drehte sich zum Wald um und lauschte. Lauschte auf das leise Rascheln der Blätter. Konzentrierte sich auf das Knacken der Äste. Und dann hörte er sie. Ihre Stimmen waren fast verstummt. Vorsichtig begann er erneut zu singen, hoffte, dass die Bäume auch ihn hören und das Lied erkennen würden.

Die Soldaten waren nun schon zur Hälfte heran. Erste Pfeile landeten neben Simon, aber er hörte nicht auf zu singen. Rau klang das Lied durch seine holzige Kehle. Mächtig.

Das Gebrüll der Menschen war schon deutlich zu vernehmen, als Simon es plötzlich hörte. Einer der Bäume begann in das Lied mit einzustimmen. Simons Gesang wurde kräftiger. Ein zweiter Baum erhob seine Stimme. Ihm folgte ein weiterer und dann noch einer. Nacheinander fielen sie alle in das Lied mit ein und gaben ihm Kraft. Die Kraft, die ein Wald brauchte.

Es klappt!“, dachte Simon. „Es kla…“ Er spürte ein Stoß im Rücken. Danach ein Schmerz wie flüssiges Feuer. Er ging zu Boden. Die Menschen johlten.

Nein!“ Das Lied drohte Simon zu entgleiten. Erste Bäume verstummten wieder. So kurz vor dem Ziel hatte er versagt.

Die Menschen standen hinter Simon. Ihr Anführer erhob das Schwert. „Stirb, Dämon!“ Er holte aus und schlug zu, doch bevor die Klinge Simons Hals treffen konnte, hielt er inne. Flöten waren zu hören. Viele Flöten. Und dann erschienen die Faune. Von allen Seiten strömten sie herbei und spielte das Lied des Waldes. Und die Bäume stimmten wieder in die Melodie ein.

Die Waldgeister!“ Die Menschen standen wie angewurzelt da und starrten mit schreckensweiten Augen die Faune an. Doch sie konnten sich nicht bewegen. Die Macht des Liedes hielt sie fest.

Die Faune schwärmten aus. Einige bewegten sich zum Wald hin, andere liefen in Richtung Stadt. Und dabei hörten sie nicht auf, die Melodie zu spielen. Zusammen mit den Stimmen der Bäume ergab sich daraus ein unglaublich kraftvoller Zauber, der hinaus in die schwindende Nacht getragen wurde. Und wo dieser Zauber erklang, begann sich die Natur wieder zu erholen. Aus dem Boden sprossen Ranken und Farne, Blumen und Gräser. Die Bäume bekamen neue Blätter, grüner als sie jemals waren. Die Tiere kehrten zurück. Der Wald begann wieder zu leben und all das Grün breitete sich sogleich aus. Neue Bäume wuchsen in rasender Geschwindigkeit entlang des Weges und holten sich den Boden zurück, den die Menschen ihnen genommen hatten. Und auch vor der Stadt hielt der Wald nicht Inne. Efeu begann, an den Mauern zu wuchern, Moos bedeckte die dreckigen Gassen und Bäume wuchs zwischen den Häusern. Die Menschen flohen. Schreiend rannten sie aus der Stadt. Auch die Soldaten konnten sich wieder bewegen und suchten nun das Weite. Zurück ließen sie einen auf dem Boden kauernden Simon.

Ein Mensch würde an dieser Verletzung sterben.“ Der Faun mit dem Simon vor Tagen schon geredet hatte stand nun vor ihm. „Für einen Baum wäre es nur ein Kratzer.“

Simon verstand. Er hatte schon immer gewusst, dass er sich eines Tages würde entscheiden müssen. Unter Schmerzen richtete er sich auf und blickte den Faun an. Dieser nickte. Simon lauschte auf die Melodie, die ihn komplett auszufüllen schien. Dann begann er wieder zu singen. Erst klang seine Stimme schwach, doch mit jeder Note wurde sie kräftiger. Seine linke Körperhälfte begann zu kribbeln, doch Simon hörte nicht auf. Er sang und sang, und seine Stimme verschmolz mit den Flöten der Faune und dem Flüstern der Bäume. Sein ganzer Körper war nun im Einklang mit der Natur, wurde eins mit ihr und lies seine menschliche Seite endgültig hinter sich.

Du hast uns und den Wald gerettet. Wir sind dir zu ewigem Dank verpflichtet, Baumgeborener.“ Der Faun verbeugte sich tief. „Mögest du ein langes Leben führen.“

Mit diesen Worten ging er. Und wo eben noch Simon gestanden hatte, erleuchteten nun die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne die mächtige Krone einer großen Eiche.