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Die Tür

Malin John, 18 Jahre

 „Mona, Mona, hörst du mich, bitte sag was!“ Ich hörte ganz entfernt eine Stimme, fasst als wenn sich jemand Watte vor den Mund hielt. Ganz dumpf, zaghaft und unklar. „Mona, bitte wach auf!“ Ich setzte mich auf den Boden und schüttelte den Kopf. Wie konnte das nur passieren? Wie konnte ich so alleine in einem Raum sein, den ich nicht kannte? Der Raum wirkte tot und kalt. Aber wie zum Teufel, war ich hier hergekommen? Was machte ich hier? Und wer rief mich da die ganze Zeit? Wenn jemand etwas von mir wollte, konnte er herkommen, und mit mir klar und deutlich reden. Da ich jetzt durch diese komische Stimme in eine wacklige Realität zurück geholt worden war, betrachtete ich den Raum genauer: Weiß, alles war weiß. Der Boden, die Decke und die Wände waren mit weißen Kacheln bedeckt. Es gab keine Fenster, aber zwei Türen. Eine hölzerne und schwerfällig, die andere nur mit einem leichten Tuch verhängt. Was verbarg sich wohl hinter diesen Türen? Ich verspürte ein beklemmendes Gefühl… aber, wieso wollte ich hier überhaupt weg? Eigentlich war es hier schön, es war leise und ich konnte in Ruhe nachdenken. Nur diese Stimme drang immer wieder zu mir durch, aber die würde ich nach einiger Zeit auch ausblenden können. Doch die Stimme kam immer wieder.

 

Mona, bitte wach auf, bitte halte durch, wir schaffen das zusammen, bitte bleib bei mir!“, rief Romie. Romie wachte seit zwei Tagen in einem Zimmer. Um sie herum surrte und piepte es unaufhörlich. Sie sah zu dem Wesen hinüber, das ihr Zwilling sein sollte. Ein Gewirr aus Schläuchen verlor sich in Mund und Nase des leblosen Körpers. Zusammen mit den Sensoren, die auf dem Körper klebten, versuchte man ihre Zwillingsschwester Ramona am Leben zu halten. Ihr Brustkorb hob und senkte sich ganz regelmäßig. Sie war vor zwei Tagen aus dem Fluss gezogen worden, an dem die beiden mit ihren Eltern lebten, und ins Krankenhaus eingeliefert worden. Seit diesem Zeitpunkt war auch Romie im Krankenhaus, und hielt am Bett ihrer „kleinen“ Schwester wache. Romie betrachtete ihre Schwester schweigend. „Wieso tust du mir das an? Wieso schaffe ich es noch nicht einmal, dich zu beschützen, und von solchen Dummheiten abzuhalten, es tut mir so leid. Maschinen lenken alles in dir und ich kann dir noch nicht einmal helfen“, dachte Romie. Mona hätte sich unter normalen Umständen mit Händen und Füßen gewehrt, wenn sie gewusst hätte, was mit ihr geschah. Mona war ein Mensch, der auf Bäume kletterte, und runter sprang, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob der Boden zu hart, für den Aufprall war. Sie handelte, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Da war sie ganz anders als Romie. Wahrscheinlich war genau diese Art schuld an ihrer jetzigen Situation. Aber allein, aus eigener Kraft, konnte Mona im Moment nichts tun.

Romie wurde aus ihren Gedanken gerissen. Ihre Mutter betrat leise und schweigend das Zimmer. Sie blickte Romie mit traurigen aber hoffnungsspendenden Augen an. In diesem Blick verbarg sich so viel. Er spiegelte den Stolz wieder, dass Romie so selbstverständlich seit zwei Tagen an dem Bett ihrer Zwillingsschwester Wache hielt. Dennoch waren auch Trauer und Verzweiflung, in ihrem Blick, die sie unmöglich vor ihrer Tochter verbergen konnte. Der Grund dafür war Mona, wie sie so leblos da lag, wie ein Brett, man hätte alles mit ihr machen können, ohne dass sie sich währen könnte. Aber selbst beim besten Willen, konnte Romie sich keine Sinnvolle Beschäftigung einfallen lassen. Wie denn auch, wenn sich noch nicht einmal wusste, ob ihre Schwester ihr je wieder in die Augen blicken würde. Sobald ihre Mutter das Zimmer betrat, konnte Romie es sich leisten, Schwäche und Betroffenheit zu zeigen. Sie sank niedergeschlagen auf dem Boden neben dem Bett ihrer Schwester zusammen. Sie wollte einmal in Ruhe Kraft tanken, damit sie danach wieder ganz für ihre Schwester, ihrer zweite Hälfte da sein könnte. Ihr wurde schlagartig bewusst, wie schnell sich das Leben verändern konnte, das morgen alles vorbei sein könnte. Ihre Schwester, ihre Zwillingsschwester war nicht mehr da. Sie war irgendwo zwischen Leben und Tod. Doch Romie saß einfach nur da, konnte ihr nicht helfen, eine Entscheidung zu treffen. Sie konnte sich nicht vorstellen wie es sein würde, wenn ihre Zwillingsschwester sich entschied, für immer zugehen. Dieser Gedanke ließ sich nicht aus ihrem Gehirn vertreiben, er kam immer wieder. Ohne Mona war ihr Leben sinnlos, grau und trostlos. Was sollte sie hier, wenn Mona nicht da war? Wieso tat sie ihr das an?

 

Ich ging in diesem weißen Raum auf und ab. Was mochte sich hinter diesen Türen verbergen? Ich drehte mich im Kreis. Ich kam einfach nicht von der Stelle. Sollte ich vielleicht mal nachschauen? Ich könnte nur kurz einen Blick, hinter die Tür werfen. Ich konnte jeder Zeit wieder in meinen weißen, nun schon vertrauten Raum zurück. Ich wurde ganz kribbelig und ging immer schneller im Raum umher. „Sollte ich durch den Vorhang gehen?“ Das war die einfache Variante, aber diese Stimme, die mich nun schon die ganze Zeit begleitete, verbarg sich hinter der massiven, schweren, hölzernen Tür. Diese Stimme, je länger ich sie vernahm, desto vertrauter erschien sie mir. Woher kannte ich sie? Ich konnte mich auch nicht daran erinnern, jemals woanders als in diesem Raum gewesen zu sein.

Romie verspürte ein geborgenes Gefühl, ihre Mutter stand neben ihr und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Schatz, es tut mir leid, ich muss wieder zur Arbeit, sonst bekomme ich ernsthafte Schwierigkeiten, bis morgen, halt durch. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie wichtig das für Ramona ist.“ Romie war wieder alleine, mit den Maschinen. Doch mit einmal war es still im Raum. Irgendetwas hatte sich verändert. Sie stellte sich neben ihre Schwester und berührte leicht ihre Hand. Sie wusste nicht, wie lange sie so dastand. Sie hatte überhaupt kein Gefühl mehr für die Zeit, es war als würde die Zeit stehen.

 

Ich entschied mich, der Stimme nachzugehen, die konnte weglaufen, auch wenn sie bis jetzt sehr hartnäckig an mir dran geblieben war. Der Raum hinter dem Vorhang war still, die Stimme drang durch die andere Tür. Ich stemmte mich mit aller Kraft gegen sie. Sie bewegte sich kein Stück. Ich hatte das Gefühl, als wenn sich meine Füße in den Boden eingruben. Mich überlief ein kalter Schauer, so zehrte diese Aktion an meinen Kräften. „Sollte ich doch erst durch die mit dem Vorhang bedeckte Tür gehen? „Mona, was ist los mit dir? Du darfst jetzt nicht aufgeben, bitte geb nicht auf!“ Drang die Stimme zu mir. Die Neugierde in mir war wieder entfacht und flackerte wie ein Feuer in mir auf. Ich musste herausfinden, zu wem diese Stimme gehörte, ich nahm Anlauf und rannte, als wäre der Teufel hinter mir her. Ich spürte wie sich jede Faser in meinem Körper anspannte und sich auf den harten Aufprall vorbereitete. Die Tür kam näher und näher. Ich kniff die Augen zu, lief weiter. Es fühlte sich an als wenn ich gegen eine Betonwand gesprungen wäre. Ich spürte einen stechenden, durchdringenden Schmerz durch meinen Körper fahren und prallte einige Meter in den Raum zurück. Was war passiert, hatte ich es geschafft, war die Tür offen? Ich öffnete die Augen und sah mich in dem gleichen schäbigen weißen Raum, in dem ich auch zu vor gewesen war. Aber die Tür, die Tür hatte sich einen Spalt bewegt. Es drang ein helles, warmes gelbes Licht zu mir hinein. Dieses Licht war das Schönste, was ich in meinen Leben gesehen hatte. So angenehm und weich. Ich schritt langsam und bedächtig auf den Spalt zu. Er war gerade eben groß genug für mich. Ich zwängte mich hindurch, spürte sofort, dass ich nicht alleine war. Diese Stimme war auch da. Nur, wie sah eine Stimme aus? Ich sah die Umrisse eines Menschen neben mir sitzen. Ich ergriff wie durch einen Reflex dessen Hand.

 

Romie verspürte plötzlich eine leichte Bewegung an ihrer Hand. Eine Stimme drang schwache Stimme an ihr Ohr. „Romie, ich wollte nicht sterben, ich könnte dir das nicht ein zweites Mal antun.“ Romie erstarrte. „Das war Mona, sie war wach!“ Doch als Romie zu ihrer Schwester sah, blickte sie in ein ausdrucksloses und schlafendes Gesicht. Romie hatte das Gefühl, als legten sich Ketten um ihre Brust und jemand zog mit aller Kraft an beiden Ende. Hatte sie sich das alles nur eingebildet? Sie setzt sich, dichter neben ihre Schwester. Aus dem Bett, zwischen den Schläuchen hindurch sahen sie zwei tiefbraune Augen an. „Mona“. Dann rollten ihr auch schon die ersten Tränen über die Wangen. Romie konnte nichts sagen. Sie wusste auch nicht, was sie hätte sagen sollen, denn alles was ihr durch den Kopf ging, erschien ihr so belanglos. Ihre Schwester war wieder bei ihr und sah ihr in die Augen.

Ich war diejenige, die das Schweigen brach. „Bitte hör mir zu. Ich weiß, das die anderen mir nicht glauben werden, aber du, du musst mir glauben, du bist die einzige der ich vertraue.“ Romie lächelte mich an und schwieg. Dann begann ich zu erzählen: „An dem Tag, an dem das hier passierte, war ich Zuhause. Ich fing an meinem Tagebuch anzuvertrauen, was alles passiert war. Als ich so da saß und unseren Kanal betrachtete, lag der Himmel grau und drückend über mir. Der Kanal wand sich trüb und schwarz zwischen den Häusern hindurch. Die Trauerweiden am anderen Ufer machten sich ihrem Namen alle Ehre und ließen ihre Zweige trostlos ins Wasser hängen. Auch die Enten dümpelten planlos umher und zogen ihre Kreise. Fast so als wurden sie meine Gedanken in Bewegung umsetzen. Ich ging los in die Stadt und du glaubst mir nie, wen ich da zu allen Überfluss in einem Cafe sitzen sah. Noah, meinen Ex-Freund und Friderike das Mädchen, das sich für meine beste Freundin ausgab. Sie unterhielten sich ganz vertraut und als ich gerade weiter gehen wollte, musste ich mit ansehen… sie küssten sich. Diese Situation zog mir endgültig den Boden unter den Füßen weg. Fast so wie damals, als man uns schon einmal unser geliebtes Hausboot wegnehmen wollte. In dieser Situation sah ich Marvin. Dieses Biogenie, von dem ich dir mal erzählt habe. Er geht in meine Klasse, und kann Bio und Physik echt gut, aber er weigert sich strickt uns dabei zu helfen. Er ist so unfair, er erklärt uns noch nicht mal die Hausaufgaben, oder sagt uns, was wir in Bio aufhaben. Er denkt nur an sich. Aber ich habe ihn an unserem Kanal getroffen und habe gesehen, wie er sich mit einem Gefäß über das Wasser beugte. Was er da mache, fragte ich. Er dürfe nichts in den Kanal kippen, der sei eh schon so verschmutzt und sonst erhole der sich überhaupt nicht mehr. Marvin drehte sich erstaunt um und fuhr mich an: „Wenn du richtig hin geguckt hättest, dann hättest du bemerkt, das ich nichts IN den Kanal gekippt, sondern etwas AUS dem Kanal genommen habe. Ich will den Kanal nicht verschmutzten ich will ihn säubern. Es gibt eine Schilfart, die das Wasser entgiftet.“ „Ach wirklich?“, fragte ich unsicher. „ Ja, aber wenn du schon mal hier bist und dir der Kanal so sehr am Herzen liegt, kannst du mir bestimmt helfen. Ich habe ein Problem. Ich habe noch keinen Schimmer, wie ich dieses Projekt publik machen kann, so dass ich möglichst viele Menschen damit erreiche. Alleine, kann ich ja nichts ausrichten, ich brauche die Genehmigung von der Stadt, um hier überhaupt etwas anpflanzen zu dürfen. Um die zu bekommen, habe ich Wasserproben genommen. Die schick ich einmal an die Stadt, und die andere untersuche ich selbst. Das habe ich eben gemacht, also reg dich ab.“

Ich hätte nie gedacht, dass sich Marvin so für die Umwelt einsetzen würde. Er hat zwar immer gesagt, dass er Trinkwasserverkäufer werden wollte, aber das hatte ich ihm nie geglaubt. Aber das war ja auch nicht realisierbar, man konnte unmöglich davon leben, Trinkwasser zu verkaufen. Ich musste feststellen, dass Marvin genau das tat, was er sich immer erträumt hatte. Gegen alle Wiederstände hatte er sich durchgesetzt. Ich ließ meinen Blick über das Wasser gleiten und sah, wie die Wellen lustig auf der Wasseroberfläche tanzten. „Ich habe eine Idee, wie wir mehr Aufmerksamkeit bekommen können, also das heißt, wenn du das eben ernst meintest, das ich dir helfen könnte?“ Marvin strahlte. „Ja, das wäre super.“

Damit verabschiedeten wir uns, und vereinbarten uns am nächsten Tag am Hausboot zu treffen um unser Vorhaben weiter zu planen. Als ich wieder am Boot ankam, war meine Stimmung wie ausgewechselt, ich war gut gelaunt und hatte die Geschichte mit meinem Ex-Freund schon fast verdrängt. Auf dem Weg aufs Deck muss es dann passiert sein. Ich muss auf der Treppe ausgerutscht und dann unglücklich über Bord gegangen sein. Dann war mit einem Mal alles dunkel. „Was ist denn das erste an das du dich wieder erinnern kannst“, fragte Romie. Da brauchte ich nicht lange zu überlegen. „Das bist du“, sagte ich grinsend, „wie du hier neben mir auf dem Bett sitzt. Also Romie, was war dann passiert? Wer hat mich gefunden? Wer hat mich aus dem Wasser gezogen? Was ist in der Zwischenzeit passiert?“ „ Ja, immer mit der Ruhe, du musst dich jetzt erst mal ausruhen, und ich erzähle dir dabei, was ich weiß, okay?“ Damit war ich einverstanden. Also begann Romie zu erzählen.

Als ich nach Hause kam, sah ich etwas im Wasser treiben, ich erkannte nicht, dass du das bist, aber ich war mir sicher, dass es ein Mensch war. Ich rief Papa, und sprang selbst über Bord, in Klamotten und Schuhen. Erst als ich dich im Arm hielt, um dich zum Boot zu ziehen, erkannte ich dich. Ich war geschockt. Mit aller Kraft schwamm ich dem Boot entgegen. Als ich in Hörweite war, rief ich: „Es ist Mona, ruft den Krankenwagen. Es ist Mona!“ Endlich hatte ich das Boot erreicht, Papa half er mir dich aufs Deck zu hieven. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schwer das ist. Wir zerrten und schoben dich, bist wir es geschafft hatten. Mama kam dazu. Sie hatte dein Tagebuch in der Hand, und blickte uns sehr bedrückt an. „Sie hatte es schon wieder versucht“, das war alles was sie sagte. Wir versuchten, dich wiederzubeleben, aber vergebens. Als dann endlich, der Krankenwagen kam, schöpften wir Hoffnung. Seit diesem Tag, sitze ich hier in deinem Zimmer und bewache dich. Jeden Tag habe ich mich gefragt, wieso du das getan hast, wieso du dein Leben schon wieder beenden wolltest. Ich machte mir Vorwürfe, dass ich es hätte ahnen müssen, aber ich habe nichts bemerkt. Mit diesem und ähnlichen Gedanken, vertrieb ich mir die Zeit und teilweise habe ich dich zugetextet, dass die Schwestern gedacht haben müssen, ich sei verrückt. Aber ich wollte nicht, dass du aufgibst, ich wollte unter allen Umständen, dass du zurück kommst, und mir bestätigst, dass du dich nicht umbringen wolltest. Ich wollte es nicht wahr haben, ich wollte nicht, dass du dir und deinen Mitmenschen das noch einmal antust. Mehr kann ich dir auch nicht erzählen. Mama und Papa waren natürlich auch hier und haben mich abgelöst, aber sie mussten arbeiten. Marvin war, glaube ich, auch hier, ich wusste natürlich nicht, wer er ist, und habe ihm gesagt, dass du nicht ansprechbar bist. Aber wenn ich so drüber nachdenke, könnte es Marvin gewesen sein“.

Mona, betrachtete Romie lange. „Danke, dass ich mich immer auf dich verlassen kann, und dass du zu mir hältst. Romie lächelte sie an und sagte: „Jetzt wo du wach bist, kann ich dich ja mal für eine Sekund alleine lassen, ich ruf nur kurz zu Hause an, die wissen ja noch gar nicht, dass du wieder am Leben bist. Ach und dann ruf ich Marvin am besten auch noch an, dann könnt ihr das Projekt, um unseren Kanal wieder sauber und lebensfähig zu bekommen, weiter planen. Falls ihr Hilfe braucht, du musst nur was sagen.“ „Was würde ich nur ohne dich machen“, sagte Mona schmunzelnd. „Du wärst wahrscheinlich ganz schön aufgeschmissen, ich plane und organisiere ja praktisch dein Leben. Zumindest dann, wenn du es nicht auf die Reihe bekommst“, sagte Romie lächelnd. Mit diesen Worten verließ Romie das Zimmer.

An dem was sie gesagt hatte, war wirklich etwas Wahres. Da musste ich ihr Recht geben. Das sollte sich ab jetzt aber ändern, ich wollte mein Leben in den Griff bekommen. Ich wusste, dass ich die Hilfe meiner Schwester benötigen würde, aber ICH wollte der Antrieb sein. Es war das erste Mal seit einer langen Zeit, dass ich wieder etwas entschied, was mich und meine Zukunft betraf. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal eine solche Entscheidung getroffen hatte. Die Tür öffnete sich, und ich dachte schon, Romie würde wieder kommen, aber es war eine Krankenschwester, die mit Freude feststellte, dass ich aufgewacht war. Sie machte sich unverzüglich daran, einige Untersuchungen durchzuführen, um sicher zu gehen, dass mein Zustand stabil blieb. Sie verkündigte mir, dass ich noch einige Tage zur Kontrolle hier bleiben müsste und viel Ruhe brauche. Sie war froh, dass es mir gut ging und das ich mich dazu entschieden hatte zu Leben. Das war ich auch. Ich war stolz, dass ich durch die schwere, dunkle Tür gegangen war. Aber ich wollte gar nicht wissen, was hinter diesem Vorhang auf mich gewartet hätte. Wahrscheinlich wäre es die Tür in den Tot gewesen, von der ich nicht hätte entfliehen können. Ich hätte wahrscheinlich nicht wieder zurück in diesen weißen Raum gelangen können. Ich wäre für immer weggewesen. Ich war unendlich froh, mich einmal in meinem Leben in einer so wichtigen Situation richtig entschieden zu haben. Jetzt werde ich auch jedes andere Problem lösen können. Was aber noch viel besser war: Ich wusste, dass ich mich in den wirklich wichtigen Situationen auf mein Gefühl verlassen konnte. Mit dieser Erkenntnis empfing ich meine Eltern. Ich sah in frohe und erleichterte Gesichter. Aber ich hatte noch ein ganzes Stück Arbeit vor mir. Ich musste meinen, Eltern klar machen, dass es kein wiederholter Selbstmordversuch gewesen war. Ich war mir sicher, dass mir Romie dabei zur Seite stehen würde. Genauso, wie sie mir ihre Hilfe bei dem Kanalprojekt schon angeboten hatte. Es gab zwar noch einiges, was ich klären und überwinden müsste, aber einen besseren Start in mein neues Leben hätte ich nicht bekommen können. Wie ich so dalag, stellte ich mir unseren Kanal vor, wie er da ruhig und friedlich vor mir lag. Er strahlte eine angenehme Ruhe aus, die sich langsam auf mich übertrug. Ich beobachte die Trauerweide am anderen Ufer, ihre Zweige, die sich vom Wind lenken ließen. Manchmal sah es so aus, als würden sie tanzen, so wild, verspielt und doch geradezu grazil bewegen sich die dünnen Zweige im Wind. Ich ließ meinen Blick in Gedanken über das Wasser schweifen und sah ein Entenpaar, das fröhlich schnatternd den Kanal auf und ab schwamm. Sie werden bald ein noch unbeschwerteres Leben haben, dachte ich. Ich stellte mir das ruhige glitzernde, klare Wasser vor, das sich leicht kräuselnd durch die Häuser schlängelte. Jetzt wusste ich ganz sicher, wofür es sich lohnt zu kämpfen.