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Die verlorenen Briefe

von Jennifer Stick

„Jamie, bist du fertig, wir müssen los!“, sagte Mama. Der Tag des Umzugs war da. Ich hatte so gehofft, dass wir in unserer alten Wohnung bleiben und nicht so weit wegziehen würden. Wer will schon in ein kleines Dorf ziehen, wo es nichts gibt außer Kühen und Schafen. Wer wusste da schon, ob es dort überhaupt Leute in meinem Alter gab.

„Jamie, komm jetzt, Bob sitzt schon im Auto, wir müssen los!“

„Jaja ich komm ja schon…“

Bob war mein kleiner Bruder, er war vier Jahre alt und freute sich seit Tagen auf den Umzug in das große neue Haus.

Die Fahrt in das kleine Dorf namens St. Ellingen dauerte vier lange, langweilige Stunden. Wir waren schon einmal dort gewesen, hatten uns das Haus aber nur von außen angesehen. Keiner wusste, wie es von innen war. Meine Eltern hatten sich getrennt, und es war das einzige Haus, das frei war und nicht so viel kostete.

Während der Fahrt war ich eingeschlafen. Nur einmal bin ich kurz wach geworden, als ich meinen kleinen Bruder schreien hörte. Er hatte eine Kuh gesehen und freute sich auf das Leben in der neuen kleinen Stadt. Ich wachte auf, als ich merkte, wie der Wagen anhielt und es einen kleinen Ruck gab, wir mussten da sein.

Plötzlich hörte ich meine Mutter rufen: „ Alles aussteigen wir sind da!“ Sie klang erleichtert und fröhlich.

 

Da standen wir nun vor dem großen Haus, das unser neues Zuhause war. Meine Mutter machte vorsichtig die Tür auf und eine große Staubwolke kam uns entgegen. Es roch muffig. Wir mussten alle husten. Doch das war Bob egal, er rannte los in den ersten Stock. Er wollte alles so schnell wie möglich erkunden. Mama ging zuerst in die Küche und war begeistert von dem Mobiliar. Ich fand es komisch, dass überall Möbel rumstanden, mit einer zentimeterdicken Staubschicht bedeckt. Es waren sogar noch Handtücher, Teller und Becher da. Ich konnte mir das nicht erklären.

Ich suchte nach meinem kleinen Bruder Bob. Er saß in einem der oberen Zimmer und spielte mit einem kleinen Drachen und einer Puppe. Die Puppe kannte ich nicht, sie musste wohl auch von den Vorgängern übrig geblieben sein. Ich ließ Bob wieder allein und schaute mir die anderen Zimmer im Obergeschoss an. Ich wollte ein schönes, großes und helles Zimmer haben. Es gab nur eins, was meinen Vorstellungen entsprach. Es hatte sogar einen kleinen Balkon, von dem man in den Garten gucken konnte.

 

Auf dem Balkon standen vertrocknete Topfpflanzen. Es sah aus, als ob es mal Tomatenpflanzen gewesen wären. In meinem Zimmer standen auch noch überall Möbel herum, und so wie sie aussahen, muss es wohl früher schon ein Mädchenzimmer gewesen sein.

Ich ging zum Schreibtisch. Da lag ein Tagebuch, ich wusste nicht, ob ich es nehmen und lesen sollte.

Auf einmal hörte ich einen Schrei aus der Küche und daraufhin einen dumpfen Knall. Es musste meine Mutter sein. Ich vergaß das Tagebuch und rannte los. Unten angekommen, lag meine Mutter auf dem Fußboden, mit einer kleinen, aber heftig blutenden Platzwunde am Kopf.

Zum Glück hatte sie ihr Bewusstsein nicht verloren. Ich half ihr auf und suchte ein Tuch, das ich auf die Wunde drücken konnte.

„Mama, was ist geschehen?“, fragte ich.

„Ich habe zuerst die Unterschränke durchgeguckt, du weißt, wir haben nicht so viel mitgenommen. Da dachte ich, vielleicht ist hier noch etwas Brauchbares zu finden.“

„Mama, komm auf den Punkt, was ist dir auf den Kopf gefallen?“

„Naja, nachdem ich nichts Brauchbares gefunden hatte, schaute ich in die Oberschränke und plötzlich ist mir, zusammen mit viel Staub, ein Topf entgegengefallen!“, klagte Mama und guckte, ob ihre Wunde noch blutete. Ich stand auf und suchte auf dem Fußboden nach dem Topf. Doch da war keiner. Die Staubschicht auf dem Fußboden zeichnete nur den Umriss meiner Mutter ab, von einem Topf war keine Spur. Da ich einen Verdacht hatte, lief ich zu meinem Bruder Bob, doch der saß immer noch im Zimmer und spielte.

Ich ging wieder in mein Zimmer und schaute aus dem Fenster. Es war ein schöner Herbsttag, die Blätter verfärbten sich in die schönsten Rot- und Gelbtöne. Ich schaute auf das Haus gegenüber. Da sah ich in einem Fenster eine ältere Dame, die mich ansah und im nächsten Augenblick wieder weg war. Ich dachte mir nichts dabei, drehte mich um und fing an aufzuräumen!

 

Nach einigen Tagen hatte ich mich in meinem Zimmer eingerichtet und lag auf meinem Bett, da fiel es mir wieder ein. Das Tagebuch!

Auf dem Schreibtisch lag es nicht mehr. Vermutlich hatte ich es irgendwohin geräumt. Ich stand auf und schaute in meinen Schubladen nach. Doch weit und breit keine Spur. Ich ging zu meiner Mutter und fragte sie: „ Mama, hast du das Tagebuch gesehen?“

Doch sie wusste nichts. Seit wir hier waren, wusste sie sowieso nichts mehr. Ich hörte sie sogar in manchen Nächten weinen.

 

Eines Abends saßen wir im Wohnzimmer und lauschten dem Knistern im Kamin. Da klingelte es an der Tür. Meine Mutter ging zur Tür und öffnete. Ich konnte weder sehen noch hören, wer da war. Ich hatte auch nur einen Gedanken, wo war das verdammte Tagebuch? Mutter kam zurück und sagte: „ Es war niemand an der Tür, es muss wohl der Wind gewesen sein, oder die Klingel ist kaputt.“

Doch plötzlich klingelte es erneut. Diesmal stand ich auf und ging zur Tür. Ich drehte den Türknauf vorsichtig und öffnete. Draußen stand eine alte Frau. Ich kannte das Gesicht irgendwoher. Da fiel es mir wieder ein, es war die Frau vom Fenster gegenüber!

„Hallo Jamie“, sagte die alte Dame. Ich bekam eine Gänsehaut. Woher wusste sie meinen Namen?

„Ich habe hier etwas, das dich vielleicht interessieren könnte!“

Da sah ich es in ihrer Hand. Sie hatte das Tagebuch.

War sie etwa im Haus gewesen? Oder hatte es Mutter doch in den großen Container am Straßenrand geworfen?

Mutter rief aus dem Wohnzimmer: „ Jamie, wer ist denn an der Tür?“

Ich drehte mich in ihre Richtung und rief: „ Es ist die Dame von gegenüber!“

„Bitte sie doch herein“, sagte Mama. Ich drehte mich wieder zu der alten Dame um, doch sie war weg. Wie vom Erdboden verschluckt. Ich trat aus der Tür heraus in den Vorgarten und schaute mich um und hoffte, sie noch zu finden Doch sie war spurlos verschwunden. Da sah ich auf der Fußmatte vor der Eingangstür etwas glitzern. Die untergehende Sonne reflektierte das kleine Schloss des Tagebuchs. Ich hob es auf und betrachtete es. Es war tatsächlich das Tagebuch, das ich suchte.

„Wo ist denn die Dame von gegenüber?“, fragte Mutter, die auf einmal im Flur auftauchte.

Ich erschrak fürchterlich. „Sie ist schon weg!“

„Ist alles in Ordnung, du siehst so blass aus Jamie?“

„Ja, ja, ich gehe nach oben und werde mich ein wenig ausruhen.“

„Du hast ja dein Tagebuch wieder, wo war es denn?“

„Ach, ich habe es hier draußen gefunden“, log ich. Meine Mutter hätte vermutlich einen Schreck bekommen, wenn ich erzählt hätte, dass die alte Dame vielleicht in unserem Haus gewesen war.

Ich ging die Treppe hinauf an Bobs Zimmer vorbei. Er schlief schon ruhig in seinem neuen Bettchen und sah aus wie ein kleiner Engel. Ich deckte ihn zu und ging in mein Zimmer. Das Licht war an, ich setzte mich an meinen Schreibtisch und schlug das Tagebuch auf. Auf der ersten Seite stand: Dieses Tagebuch gehört Amanda Wood. Sogar ein Datum stand da, es war der 28. September 1894.

„Oh Mann, das ist schon über hundert Jahre her!“ Ich ging mit dem Tagebuch zu meinem Bett.

Im Liegen war es bequemer zu lesen. Ich schlug die erste Seite auf:

28.09.1894 10:00 Uhr

Liebe Betty,

heute ist es endlich soweit. Der Jahrmarkt ist in der Stadt. Ich bin schon seit Tagen aufgeregt. Ich werde heute Abend mit Maditha und Ellen hingehen.

Ich werde dir später erzählen wie es war.

Ich war gespannt, wie es früher auf einem Jahrmarkt war und blätterte die Seite um:

 

28.09.1894 20:00 Uhr

Liebe Betty,

es war wie in einem Traum. Ein Traum aus Lichtern und Farben. Ich hatte mein Sonntagskleid an und meine Haare mit einer Schleife zusammengebunden.

Maditha und Ellen hatten ebenfalls ihre Sonntagskleider angezogen.

Nachdem wir angekommen waren, schallte uns eine laute Stimmen- und Musikkulisse entgegen. Ich war begeistert und wollte mir alles genau angucken. Schon bald trafen wir Tomi Carter und seinen nervtötenden Freund James Stone. Ich konnte die beiden noch nie leiden. Sie haben nur Unfug im Sinn. Maditha und Ellen finden die beiden aber sehr sympathisch. Also blieb mir nichts anderes übrig als zuzustimmen, dass sie mit uns mitkamen. Erst kauften wir uns jeder eine Zuckerwatte. Die war so köstlich. Plötzlich kam uns ein Schausteller entgegen, auf Stelzen. Ich bin fasziniert von Leuten, die so etwas können. Er kam genau auf uns zu und schaute mir direkt in die Augen. Er hatte tolle blaue Augen. Er streckte die Hand nach mir aus und sagte: „Für das schönste Mädchen auf dem ganzen Jahrmarkt.“ Im gleichen Moment zauberte er hinter meinem Ohr eine Rose hervor und gab sie mir. Ich nahm sie entgegen. Mein Herz schlug bis zu meinem Hals. Ellen zog mich weg. Sie wollten weiter- gehen. Ich hielt die Blume die ganze Zeit fest in meiner Hand. Dann fiel mir auf, dass noch etwas am Stiel der Rose hing, es war ein kleiner Zettel: „Sehen wir uns um 19 Uhr am Riesenrad?“ Nun schlug mein Herz noch heftiger.

Ich schaute auf die Uhr, es war bereits viertel vor sieben. Ich musste mich beeilen, um zum Riesenrad zu kommen. Ich sagte den anderen, ich sei müde und wolle nach Hause gehen. Ich brauchte viel Überredungskunst, dass sie auf dem Jahrmarkt blieben und mich nicht nach Hause begleiteten. Ich sag dir, Betty, ich war so aufgeregt. Man konnte das Riesenrad von jeder Stelle des Jahrmarktes sehen. Ich brauchte eine ganze Weile. Als ich es erreichte, war es eine Minute vor 19 Uhr. Da merkte ich, wie mich etwas Warmes an der Schulter berührte. Ich drehte mich um und sah in die blauen Augen. Er sah ganz anders aus ohne die Stelzen und die Verkleidung. Aber die Augen und das Lächeln waren gleich.

Er heißt Luc. Luc ist ein Jahr älter als ich. Betty, er sieht so gut aus! Das Beste sind seine Hände, die sind schön groß und weich. Obwohl ich ihn kaum kenne, habe ich mich schon etwas in ihn verliebt und mich sehr wohl in seiner Nähe gefühlt. Wir liefen über den Jahrmarkt und redeten. Bis ich sagte, ich müsse nach Hause. Er begleitete mich bis zu meiner Tür. Wir mussten aufpassen, dass uns keiner sah. Es ist nicht gestattet, dass ein Mädchen aus einer so wohlhabenden Familie wie meiner mit einem Jungen von so niederem Stand Umgang pflegt. Er gab mir einen Kuss auf die Wange und wünschte mir eine gute Nacht. Er versprach mir, dass wir uns morgen wieder sehen würden.

Gute Nacht Betty.

„Jamie, möchtest du noch etwas essen? Oder schläfst du schon?“, fragte Mutter aus der Küche. Ich ging nach unten, die Gedanken immer noch bei dem Tagebuch.

„Was gibt es denn?“, fragte ich.

„Ich habe Rührei und Bratkartoffeln gemacht!“ Wir saßen in der Küche und aßen alles auf.

„Du Mama, wie ist es eigentlich, so richtig verliebt zu sein?“

„Jamie, es ist wunderbar, du fühlst dich großartig. Es ist wie kaltes Vanilleeis mit heißen Himbeeren. Du denkst, dass ganz viele Schmetterlinge in deinem Bauch sind und nicht still halten können. Du wirst es auch noch irgendwann erleben, daran glaube ich ganz fest. Und wenn es soweit ist, wirst du es schon merken!“

Ich gab meiner Mutter einen Kuss und sagte gute Nacht, dann rannte ich, so schnell ich konnte, wieder nach oben in mein Zimmer. Ich wollte unbedingt weiterlesen.

 

29.09.1894

Liebe Betty,

ich wachte heute früh mit einem Lächeln auf den Lippen auf. Der Tag verging schnell, erst war ich in der Schule und gegen Abend bin ich nach Hause gekommen. Wir aßen mit der ganzen Familie zu Abend. Den ganzen Tag ging mir der Satz von Luc nicht aus dem Kopf.

„Wir sehen uns morgen wieder.“ Natürlich fragte ich meinen Vater, ob ich wieder auf den Jahrmarkt gehen dürfe. Doch seine Antwort war: „Kind, heute ist Montag und in der Woche haben Mädchen in deinem Alter nichts auf dem Jahrmarkt zu suchen.“

Niedergeschlagen ging ich auf mein Zimmer und las in einem langweiligen Roman aus Großmutters Bücherschrank.

Da hörte ich etwas gegen meine Balkontür fliegen. Ich ging auf meinen Balkon und schaute nach unten. Ich konnte meinen Augen nicht trauen, da stand Luc. Er hatte sein Versprechen gehalten. Ich gab ihm ein Zeichen, dass er rauf kommen sollte.

Er kletterte an den Gewächshilfen, die wie eine Leiter angeordnet waren, zu mir hinauf. Meine liebe Betty, ich hoffte sehr, dass er keinen Lärm beim Hochklettern machte. Es war sehr gefährlich, da Rosensträucher das Klettern nicht gerade einfach machen. Als er oben angekommen war, waren seine Hände blutig von den Dornen. Luc sagte jedoch, dass  ein Mann  keinen Schmerz kenne. Zur Begrüßung gab er mir einen Kuss auf die Wange. Wir setzten uns auf mein Bett und unterhielten uns über ganz verschiedene Dinge. Ich mochte es, dem Klang seiner Stimme zu lauschen. Es war spät geworden, und er musste gehen. Ich wusste, Mutter würde jeden Moment ihren Abendrundgang machen. Immer kurz vor dem Schlafengehen schaute sie noch einmal nach mir. Wir gingen auf meinen Balkon. Da sagte er plötzlich: „Deine Tomatenpflanzen brauchen unbedingt Wasser!“ Er lächelte mir zu, gab mir einen Kuss auf die Wange und kletterte nach unten. Von dort flüsterte er nach oben: „Ich komme morgen wieder, wenn es recht ist?“ Ich nickte zustimmend.

Es klopfte an meine Tür, ich erschrak und schaute von dem Tagebuch hoch. Meine Mutter kam herein.

„Jamie, bist du noch wach?“ flüsterte sie.

„Na klar bin ich das!“, sagte ich.

„Mach nicht mehr so lange, ich werde jetzt schlafen gehen. Denke daran, morgen kommt Papa euch besuchen! Er möchte in den Zoo gehen.“

Ich hatte keine Lust, etwas mit meinem Vater zu unternehmen. Bob liebte ihn und freute sich immer sehr ihn zusehen. Aber in meinem Alter geht man nicht gerne in den Zoo.

„Gute Nacht, schlaf gut und träum süß!“ Mutter kam an mein Bett und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

„Gute Nacht!“, sagte ich zurück.

Als meine Mutter das Zimmer verlassen hatte, blätterte ich eine Seite weiter.

Auf den folgenden Seiten des Tagebuches erfuhr ich, dass Luc jeden Tag bei Amanda war. Er kam jeden Abend über den Balkon zu ihr, teilweise wartete er an ihrem Bett, bis sie schlief. Natürlich versteckte er sich immer geschickt, wenn die Mutter ihren abendlichen Besuch machte. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, nicht mehr zu ihr zu kommen, sie nicht mehr zu sehen und an ihrem Bett zu sitzen. Deswegen musste er immer auf der Hut sein, dass ihre Eltern ihn nicht hörten.

Amandas Eltern durften auf keinen Fall wissen, dass sich ihre einzige Tochter mit einem Jungen traf, der nicht aus einem guten Hause stammte und kein Geld hatte, schon gar nicht mit einem Schausteller. Doch es war ihnen egal, was Amandas Eltern dachten. Sie wussten, sie wollten zusammenbleiben. So sehr hatten sie sich ineinander verliebt.

 

03.10.1894

Liebe Betty,

Luc hat mich heute gefragt, ob wir ein Paar werden sollen? Ich musste lächeln und sagte natürlich ja, auch wenn wir beide wissen, dass wir das nur heimlich sein können. Ich weiß, dass es mir nicht gestattet ist, mit einem solchen Jungen eine Beziehung einzugehen. Aber ich habe mich in ihn verliebt . Nur: Wenn Vater das herausbekäme, würde es großen Ärger geben. Ach Betty, wie soll das nur weitergehen?

Ja, es war ihr Geheimnis, dachte ich und fing an zu grübeln: Sollte ich weiterlesen oder es lieber lassen? Es war ja etwas ganz Privates und Persönliches.

Und außerdem war es schon 3 Uhr in der Nacht. Doch ich war noch hellwach. Ich schlug die nächste Seite auf, es war wie ein Zwang, das Tagebuch weiterzulesen.

24.10.1894

Liebe Betty,

nun sind Luc und ich schon seit drei Wochen ein Paar. Wir sind überglücklich. Er bringt mir jeden Abend etwas vom Jahrmarkt mit. Gestern war es eine Zuckerwatte, die ich ja so gern mag. Luc erzählt mir auch immer lustige Geschichten, die so den Tag über passieren auf dem Jahrmarkt. Vorgestern zum Beispiel hat jemand beim Dosenwerfen dem Standbesitzer ein blaues Auge verpasst. Wir mussten so lachen. Ach Betty, ich wünschte mir es könnte ewig so weitergehen, doch Luc und ich wissen, dass es nicht geht. Der Jahrmarkt ist in zwei Tagen vorbei. Luc muss mit seiner Familie weiterziehen.

In Liebe

deine Amanda.

Nun fielen mir schon fast die Augen zu, doch ich musste weiterlesen ich musste wissen, wie es ausging.

25.10.1894

Liebe Betty,

Luc hat mir heute zum ersten Mal zur Begrüßung einen Kuss auf den Mund gegeben. Es kribbelte in dem Moment in meinem ganzen Körper. Aber Betty, so schön es sich auch anhören mag, es kann leider nicht sein. Morgen ist der Jahrmarkt vorbei. Morgen wird Luc abends zum letzten Mal zu mir kommen. Ich bin so traurig darüber.

Schlaf gut Betty.

26.10.1894

Liebe Betty,

heute ist der letzte Tag des Jahrmarktes. Ich bin so verzweifelt. Wie soll es nur weitergehen? Wie sollen wir bloß in Verbindung bleiben?

Mit Schaustellern in Kontakt zu bleiben ist unheimlich schwer.

Sie reisen von einem Ort zum anderen, wo soll man die Briefe hinschicken?

Liebe Betty, ich werde dir heute Abend alles berichten wie es mit Luc war.

Bis heute Abend, liebe Betty.

26.10.1894

Liebe Betty,

er gab mir zur Begrüßung einen langen, liebevollen Kuss. Wir redeten die ganze Zeit über lustige Dinge, damit die Stimmung nicht traurig werden konnte. Luc versprach mir, aus jeder Stadt, in die er kommen würde, einen Brief zu schreiben. Und er brachte mir eine neue Tomatenpflanze mit. Als es Zeit wurde, gab ich ihm ein Medaillon mit einem Foto von mir darin. Seine letzten Worte waren „Ich liebe dich“. Dann kletterte er an den Rosen wieder hinunter.

In tiefer Trauer

deine Amanda

„Jamie aufstehen, Frühstück ist fertig, kommst du in die Küche? Dein Vater ist auch schon da!“

Ich schreckte hoch, zog mir meinen Morgenmantel an und schlenderte hinunter in die Küche. Von Mutter gab es wie immer ein herzliches „Guten Morgen“ und einen dicken Kuss auf die Stirn. Von meinem Vater dagegen nur ein kaltes, desinteressiertes „Morgen“.

Wir saßen alle sehr angespannt am Tisch und aßen, nur Bob war überglücklich, dass Papa uns besuchte. Nach dem Essen gingen wir ins Wohnzimmer. „Jamie machst du dich bitte fertig, wir wollen los“, sagte Papa.

Ich hatte echt keine Lust, mit in den Zoo zu gehen und sagte, dass ich lieber zuhause bleiben würde. Anstatt mich fertig zu machen, setzte ich mich vor den Kamin und ignorierte alles, was mein Vater sagte. Da kam Mutter zu mir und sagte: „ Jamie, lass deinen Vater an deinem Leben teilnehmen!“

Ich stand auf und guckte ihn finster an. Da kam es aus mir heraus wie ein Wasserfall „Nein, das kann ich nicht, ich werde nie so denken wie er und ich habe ganz andere Ansichten als er. In meinem Alter geht man nicht mehr in den Zoo. Dich interessiert überhaupt nicht, wie ich mich fühle oder was ich denke. Du denkst nur an dich selbst!“

Er stand auf, stellte sich vor mich und dann ging alles so schnell. Mir kamen sofort die Tränen, ich hielt meine Wange fest und lief in mein Zimmer. Von dort hörte ich, wie meine Mutter meinen Vater anschrie und kurz darauf, wie die Tür ins Schloss fiel und Bob zu weinen anfing, weil Papa einfach nach dem Streit hinausgerannt und nicht wie geplant mit ihm in den Zoo gegangen war.

Ich wischte mir die Tränen aus meinem Gesicht und zog mich an. Ich wollte unbedingt die alte Dame finden, die mir das Tagebuch wieder gebracht hatte. „Mama, ich werde mir ein bisschen die Gegend angucken, ist das in Ordnung?“

„Natürlich Liebling, komm aber nicht so spät wieder!“, antwortete Mama.

Ich ging über die Straße zu dem Haus gegenüber, wo ich die alte Dame am Fenster gesehen hatte. Meine Hand zitterte vor Aufregung, und ich drückte den Klingelknopf. Die paar Sekunden, bis ich Schritte hörte, kamen mir wie Stunden vor. Dann öffnete mir ein kleines Mädchen die Tür. „ Hallo, ich bin Jamie von gegenüber. Sag mal, ist deine Mama oder deine Oma da?“

Das kleine Mädchen ging und kam mit ihrer Mutter wieder. Sie gab mir freundlich die Hand und sagte: „Hallo, ich bin Conni, du bist also unsere neue Nachbarin. Herzlich willkommen in unserer Straße. Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Danke für die nette Begrüßung. Ich hätte tatsächlich eine Frage. Ich suche die ältere Dame, die letztens bei ihnen war und aus dem Fenster schaute?“

Conni schaute mich verdutzt an und sagte „ Bei uns war in den letzten Tagen keine ältere Dame zu Besuch. Ich weiß nicht, wovon du redest?!“

„Oh, dann entschuldigen Sie die Störung, schönen Tag noch!“ Mit gesenktem Kopf drehte ich mich auf dem Absatz um und ging.

Als ich meinen Blick wieder hob, sah ich die alte Dame wieder. Sie stand in unserem Garten neben der Veranda. Ich rannte zu ihr, mein Herz schlug schneller, ich wollte unbedingt mit ihr reden. Doch als ich ankam, war sie weg. Ich ging enttäuscht ums Haus herum, da saß sie in einem kleinen Pavillon und lächelte mich an.

„Hallo, ich habe Sie gesucht.“

„Ich weiß, Jamie, setz dich bitte!“, sagte sie freundlich.

„Können Sie mir sagen, woher Sie das Tagebuch hatten?“, platzte es aus mir heraus.

„Jamie nicht so schnell, ich muss dir einiges erklären.“

Die alte Dame sagte mir, dass sie das Tagebuch in Sicherheit bringen wollte, aus Angst, dass es verloren ginge. Sie erzählte mir, wie viele Familien schon vor uns in dem Haus gewohnt hatten und dass alle nach kürzester Zeit wieder ausgezogen waren, weil sie dachten, es spuke in dem Haus. Ich erzählte der alten Dame die Geschichte mit dem Topf, der nicht mehr da war. Sie sagte, dass es ihr Leid tue, was ich nicht ganz verstand.

Und dann sagte sie, sie kenne das Mädchen aus dem Tagebuch sehr gut.

„Woher kennen Sie es denn?“, fragte ich.

„Jamie, bitte hör mir bis zum Schluss zu und hab auch bitte keine Angst!“

„In Ordnung“, sagte ich mit einem Kribbeln im Bauch, weil ich nicht wusste, was jetzt kam.

„Jamie, es fällt mir schwer, dir das zu erzählen, aber es ist so, dass schon vor euch Familien mit Kindern in diesem Haus gewohnt haben, doch keiner von denen konnte mich sehen.“

„Wieso konnte Sie keiner sehen?“ Ich merkte, dass ich eine Gänsehaut bekam.

„Das weiß ich nicht. Aber ich war wütend darüber, und deshalb habe ich in dem Haus gespukt. Aber das führte nur dazu, dass die Familien vor euch wieder ausgezogen sind.

Ich bin das auch mit dem Topf gewesen, der deiner Mutter auf den Kopf gefallen ist.

Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass du mich sehen kannst. Bitte Jamie, ich brauche deine Hilfe.“

„Aber wie soll ich Ihnen denn helfen?“

„Also, ich bin das Mädchen aus dem Tagebuch, ich bin Amanda!“

„Was? Dann müssten Sie ja schon lange tot sein oder älter als hundert Jahre!“

So alt sah sie aber noch nicht aus. Ich stand auf und wollte gehen, das war mir alles zu viel.

„Jamie, bitte lauf nicht weg!“

Ich blieb stehen, drehte mich um und sah in ihre Augen. In ihren Augen konnte man die Hilflosigkeit und das Flehen ihr zu helfen sehen. Ich ging zurück und setzte mich neben sie.

„Gut, ich kann versuchen Ihnen zu helfen. Aber ich weiß nicht, wie ich das tun soll!“

„Ich nehme an, Jamie, dass du das Tagebuch gelesen hast und die Liebesgeschichte zwischen mir und Luc gut kennst!“

„Ja, ich habe es gelesen, aber es hört auf einmal auf, und man weiß nicht, wie es endet oder weiter- geht. Warum haben Sie aufgehört dort reinzuschreiben?“

„Ich konnte nicht mehr schreiben. Ich habe zwei Wochen lang nichts mehr gegessen und fast nichts getrunken. Meine Mutter war krank vor Sorge. Ganz im Gegensatz zu meinem Vater. Ihn hat es nicht wirklich interessiert, dass es mir so schlecht ging. Er hat lieber etwas mit meinen Brüdern unternommen. Als ich noch kleiner war, hatten wir einen großen Streit. Ich hatte schöne Puppen und wollte während des Essens mit ihnen spielen, und ich hörte nicht auf, obwohl er es wollte. Da hat er meine Puppen in den Ofen geworfen, mich geschlagen und aufs Zimmer geschickt. Seitdem hatten wir ein schlechtes Verhältnis!“

„Oh, das tut mir Leid, aber ich kenne das, leider!“, sagte ich traurig. Ich wurde traurig, weil ich mich an den Tag erinnerte als mein Vater da war.

„Mein Zustand verschlechterte sich. Ich hatte keinen Hunger, ich musste die ganze Zeit an Luc denken, ich konnte ihn nicht vergessen. So wie er mich vergessen hat. Ich bekam nie einen Brief von ihm, obwohl er es versprochen hatte.“ Die alte Dame wurde auf einmal ganz ruhig, und ich sah, wie sich ihre Augen mit Tränen füllten.

„ Ist er jemals zurückgekommen?“

„Nein niemals!“

„Aber wie soll ich Ihnen denn helfen?“

„Jamie, du erinnerst dich doch an mein Medaillon, das ich Luc als Erinnerung gegeben habe.“

„Ja das tue ich!“

„Wenn ich es wieder hätte oder irgendeine Erklärung, warum er nie zurückgekehrt ist, könnte ich vielleicht meine Ruhe finden. Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du irgendetwas über ihn herausfinden könntest.“

„Wie soll ich das anstellen? Schließlich ist er Schausteller gewesen und hatte nie einen festen Wohnsitz!“

„Ich glaube an dich Jamie, du musst es schaffen, du bist meine letzte Hoffnung!“

„Eine Frage hätte ich da noch. Was ist eigentlich aus Ihnen geworden?“

„Ich habe meinen 18. Geburtstag gerade noch erlebt, zwei Tage später starb ich!“

„Oh, wie schrecklich, das tut mir Leid.“

Die Stimmung war jetzt sehr gedrückt. Doch mir fiel noch etwas ein. „Aber warum kann ich Sie jetzt sehen? Sind Sie ein Geist?“

„Ja, ich bin eine Seele, die nicht ruhen kann.“

„Aber Sie sehen viel älter als achtzehn aus! Sind Sie denn als Geist älter geworden?“

„Ja, ich bin gealtert, weil ich nie meine Ruhe gefunden habe. Ich habe mir zu viele Gedanken und Hoffnungen gemacht, dass ich Luc eines Tages wiedersehen würde.“

„Es ist schon spät, ich muss jetzt ins Haus“, sagte ich. „Ich werde mir überlegen, wie ich Ihnen helfen kann.“

„Danke Jamie!“ Mit diesen Worten verschwand die alte Dame Amanda.

Ich ging ins Haus und suchte meine Mutter. Sie war gerade dabei, Bob zu baden. Ich ging zu ihnen ins Badezimmer und setzte mich auf den Hocker, der neben der Badewanne stand.

„Ich bin so froh, dass ich dich hab Mama!“

„Wir freuen uns auch, dass du da bist, Jamie!“ Mama lächelte mich herzlich an.

Der Abend verlief sehr harmonisch. Wir aßen Abendbrot, danach brachten wir Bob gemeinsam ins Bett, lasen ihm eine Geschichte vor und er schlief ein. Mama und ich gingen ins Wohnzimmer und setzten uns vor den Kamin. Der Kamin knisterte sehr, da das Holz noch etwas nass war. Ich kuschelte mich an Mama an und genoss den Moment.

Nach einiger Zeit fragte ich meine Mutter, wie ich etwas über Menschen herausfinden könnte, die vor hundert Jahren hier gelebt hätten. Meine Mutter überlegte und meinte dann, dass es in Kirchen oft sehr alte Bücher gibt, in denen man solche Informationen finden könnte. Nun hatte ich eine erste Idee und ging erst einmal schlafen.

 

Ich wachte sehr früh wieder auf. Ich blinzelte und sah auf meinem Wecker, dass es erst 7:15 Uhr war. Ich schloss die Augen wieder und drehte mich auf die andere Seite, damit mir die Sonne nicht ins Gesicht schien. Aber ich konnte nicht schlafen, irgendetwas war komisch, ich öffnete die Augen wieder. Da sah ich Amanda am Fußende meines Bettes sitzen, mit dem Tagebuch in der Hand. Ich setzte mich sofort auf.

„Guten Morgen Jamie, hast du gut geschlafen?“

„Ja, danke!“ Ich rieb mir die Augen um wach zu werden.

„Jamie, wollen wir versuchen etwas über Luc zu erfahren?“

„Ja, meine Mama hat mir gesagt, ich solle mal in die Dorfkirche gehen und in den Büchern nachlesen, ob dort etwas über Luc steht.“

„Das ist eine wunderbare Idee, Luc besuchte jeden Sonntag den Gottesdienst!“

Nach dem Frühstück ging ich los zur Dorfkirche. Ich fragte den Pastor, ob ich mich etwas umschauen dürfte nach den alten Kirchenbüchern und er zeigte mir einen Raum im Keller, der voller Regale war. Die Regale waren über und über mit Büchern bestückt. In den hinteren Regalen waren sehr alte Bücher. Ganz oben entdeckte ich ein Buch mit goldener Gravur „1894“. Ich fragte, ob ich es mir anschauen dürfte und bekam es auch. Gespannt öffnete ich es.

Früher war es üblich Taufen, Hochzeiten und Todesfälle darin zu verzeichnen. Und nach jedem Sonntags-Gottesdienst konnte man dort etwas hineinschreiben. Es verging etwa eine Stunde ohne einen Hinweis. Ich war bereits auf der vorletzten Seite angekommen, als mir endlich ein kleiner Eintrag auffiel.

Diesen Eintrag widme ich der erst kürzlich verstorbenen Amanda Wood.

Liebe Amanda,

wir kannten uns zwar nicht so lange, trotzdem habe ich mich in dich verliebt. Ich bin zwar erst 19 Jahre alt, aber ich wusste sofort, dass du die Liebe meines Lebens bist. Wie du mich angelächelt hast! Deine leuchtenden grünen Augen haben mir fast den Atem genommen. Ich habe dir so viele Briefe geschrieben, ich hoffe, du hast dich darüber gefreut.. Ich bin zurückgekommen, um mit dir zusammen zu sein. Doch leider ist es nun zu spät.

Ich hoffe, es geht dir gut, da wo du jetzt bist.

In tiefer Trauer und Liebe

dein Luc.

 

Das war doch ein guter Hinweis, jetzt wusste ich wenigstens, dass er zurückgekommen war und auch Briefe geschrieben hatte.

Ich merkte, wie mir Tränen in die Augen stiegen. Er hatte Amanda nie vergessen. Aber wo waren die Briefe jetzt? Und warum hatte sie seine Briefe nicht bekommen?

„Jamie, hast du etwas gefunden?“ Wie aus dem Nichts tauchte Amanda vor mir auf. Ich lächelte sie an und sagte. „ Ja, hier“ Ich zeigte ihr den Eintrag von Luc. Sie fing sofort an zu weinen.

„Der Eintrag wurde sieben Tage nach meinem Tod geschrieben. Er war hier!“

„Aber wo sind all die Briefe?“ fragte ich Amanda.

Sie starrte ins Leere und noch immer liefen Tränen über ihr Gesicht.

„Ich weiß es nicht“, flüsterte sie. „Aber es wäre schön, wenn ich sie wenigstens einmal lesen könnte.“

„Aber wie soll ich diese Briefe finden?“, fragte ich. „Es war schon ein Glücksgriff, den Eintrag hier zu entdecken.“

Plötzlich riss Amanda ihre Augen auf. Dann schüttelte sie den Kopf. „Das kann doch nicht sein“, sagte sie leise.

„Was meinen Sie?“

„Meine Mutter hatte eine kleine Kiste in ihrem Schlafzimmer. Einmal sah ich zufällig, dass Briefe darin lagen, und fragte sie danach. Aber sie sagte: Das sind uralte Briefe von meiner Großmutter und nicht für mich bestimmt.“

„Und nun glauben Sie, das könnten die Briefe von Luc gewesen sein?“

Amanda nickte und flüsterte: „Ja. Denn später habe ich diese Kiste nie wieder gesehen.“

 

Ich rannte, so schnell ich konnte, nach Hause. Ich streifte mir Schuhe und Jacke ab und ließ sie mitten im Flur liegen, in Strümpfen lief ich nach oben in das Schlafzimmer meiner Mutter. Jetzt stand ich da und wusste nicht, wo ich anfangen sollte zu suchen. Ich dachte an Kriminalromane, die ich gelesen hatte und wo es Verstecke in den Wänden gab. Doch hier in diesem Zimmer war jede Wand steinhart und ganz sicher ohne Geheimfach. Ich wollte gerade enttäuscht aus dem Zimmer gehen, als ich über eine Holzdiele im Boden stolperte.

„Diese alten Dielen sind nur noch krumm und schief“, schimpfte ich.

Doch dann schoss es mir wie ein Gedankenblitz in den Kopf. Ich ging zurück zu dieser abstehenden Holzdiele, versuchte sie zu lösen und konnte sie anheben. Dann griff ich unter sie und erfasste etwas Hartes. Tatsächlich! Es war eine kleine Kiste. Sie war mit Staub bedeckt, aber ich konnte sie sehr leicht öffnen.

Der Inhalt der Kiste ließ mich erstaunen. Ich war am Ziel! In der Kiste lagen mindestens zwanzig Briefe und Karten. Ich legte die Diele wieder an ihren Platz und ging mit der Kiste in mein Zimmer.

Meine Mutter war dabei, meinen Balkon aufzuräumen und nahm gerade die Tomatenpflanze in die Hand, um sie nach unten zu werfen, da sie eh vertrocknet war.

„Stopp, Mama nein!“ rief ich wütend.

„Was ist los, Jamie, die ist vertrocknet, was möchtest du damit machen?“

„Sie haben für mich eine besondere Bedeutung, lass sie bitte stehen.“

„Ok, Jamie, geht es dir gut?“

„Ja, Mama, mir geht es gut, kannst du mich allein lassen bitte?“

„Ja mach ich. Ich bin unten in der Küche, falls du mich brauchst!“

Ich setzte mich auf meinen Balkon und fing an die Briefe zu lesen. Kurze Zeit später tauchte Amanda auf und war überglücklich, dass ich die Briefe gefunden hatte. Wir lasen alle Briefe durch. Einer war schöner als der andere. Zuerst weinten wir viel. Aber Luc hatte in seinen Briefen auch so lustige Geschichten erzählt, dass wir bald zu lachen anfingen. Es verging bestimmt eine Stunde, ehe wir fertig waren.

Als wir den letzten Brief gelesen hatten, nahm Amanda meine Hand.

„Vielen Dank Jamie, dass du mir geholfen hast, ich merke, wie leicht ich mich fühle und ich werde sehr müde!“

„Das habe ich doch gern getan.“ Ich lächelte sie an und sie sah sehr zufrieden aus.

„Jamie, wenn du irgendwann mal Hilfe brauchst, ich bin immer in Gedanken bei dir!“

Das waren ihre letzten Worte bevor sie verschwand.

Ich wollte wieder in mein Zimmer gehen, da blieb ich an der Tomatenpflanze stehen und sah sie genau an. Ein kleiner grüner Zweig kam aus der Erde. Ich schob die Erde mit meinem Finger etwas zur Seite. Da glitzerte etwas. Ich grub meine Finger noch tiefer in die Erde und holte das glitzernde Ding aus dem Topf. Als ich es saubermachte, erkannte ich, dass es das Medaillon war, das Amanda Luc zum Abschied gegeben hatte. Ich band es mir um und spürte sofort, dass Amanda ganz nah bei mir war. Ich suchte das Tagebuch und wollte es mit in die Kiste zu den Briefen legen. Es lag aufgeschlagen auf meinem Schreibtisch.

 

18.04.2012

Liebe Jamie,

ich bin so froh, dass du mir geholfen hast. Ich wünsche dir viel Glück in deinem Leben. Wie ich sehe, hast du auch das Medaillon gefunden. Wenn du es trägst, werde ich immer bei dir sein und an dich denken. Vielleicht sieht man sich ja mal wieder.

In Liebe

deine Amanda Wood.

 

Ich ging noch einmal auf den Balkon hinaus und wollte die letzten Strahlen der Frühlingssonne genießen, als ich plötzlich eine fremde Stimme hörte.

„Entschuldigung, hallo, ich bin Carsten. Wir sind die neuen Nachbarn von nebenan.“

Er lächelte mich an, und ich hatte das Gefühl, dass mir das Medaillon jetzt schon Glück brachte. Ich lächelte zurück und sagte: „Warte einen Moment. Ich komme runter und werde dir die Gegend zeigen!“

Wir liefen in den Sonnenuntergang hinein und verstanden uns blendend.

„Danke Amanda!“, flüsterte ich.