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Die zerstörte Freundschaft

von Rani Kersten

Anna und ich sind seit Jahren Freundinnen.

Ich kenne sie aus der Grundschule. Ich bin 19 Jahre alt und als Anna 18 geworden ist, entschlossen wir uns, dies ordentlich zu feiern. Wir wollten in das berühmte „In“ gehen. Wir trafen uns ein paar Stunden zuvor bei mir zuhause, um uns für den großen Abend fertig zu machen.

Wir hatten uns bereits den ganzen Tag in der Schule Gedanken über unser Outfit gemacht. Wie wir unsere Haare zurechtmachen, welche Schuhe wir anziehen und wie wir uns schminken würden.

Wir konnten es kaum erwarten, bis dieser lange Schultag endlich vorbei war.

Jetzt war es endlich so weit. „Es hat geklingelt!“, rief meine Mutter mit aufgeregter Stimme aus der Küche ,,Es ist Anna!’’

Ich lief zur Türe und öffnete.

Wir umarmten uns und gingen in mein Zimmer. Wir fingen mit den Haaren an.

Ich lockte mein hellblondes Haar und Anna glättete ihr pechschwarzes Haar.

Sie zog ein traumhaftes schwarzes Kleid an. Es hatte einen großzügigen Ausschnitt. Dazu trug sie eine lange goldene Kette, die zwischen ihren Brüsten eingeklemmt wurde. Sie trug goldene Schuhe mit fünfzehn Zentimeter Absätzen dazu.

Sie zeigte gerne ihren Körper.

Ich dagegen war eher bescheiden. Ich zog mir eine weiße Bluse an, die ich bis oben hin zugeknöpfte, dazu eine schlichte schwarze Hose. Ich trage auch nicht gern hohe Schuhe. Ich entschied mich dann schließlich, wenigstens einen kleinen Absatz zu tragen. Wir sind von Grund auf verschieden und trotzdem wie Geschwister. Jetzt waren wir beide ausgangsbereit. Wir stießen noch schnell mit einem Glas Sekt und einem Orangensaft an, denn ich war die Fahrerin. Sie sagte noch, während unsere Gläser ein sanftes Piing machten: ,,Der Abend wird legendär.“

Wir kamen gegen 23 Uhr im „In“ an. Es war nicht grade voll, also saßen wir erst mal eine Zeitlang an der Bar. Eine Stunde später war der Laden dann zum Überlaufen voll. Anna war schon leicht angetrunken und fing an zu tanzen. Bis plötzlich ein sehr gut aussehender junger Mann sie zum Tanzen aufforderte. Jetzt saß ich alleine an der Bar. Schon eine kurze Zeit später sprach mich ein kräftig gebauter Südländer an, ob er mir etwas ausgeben könne. Ich bedankte mich und blockte total ab. Nach einiger Zeit verstand er, dass ich kein Interesse hatte und ging. Anna kam nach gefühlten zwei Stunden wieder. Jetzt hatte sie schon ziemlich viel getrunken. Ich fragte sie, wo sie gewesen war. Sie antwortete lallend: ,,Mit einem Typen“.

Ich sagte ihr, sie solle bei mir bleiben, aber sie wollte nicht hören und ging einfach weg. Ich war so angepisst und ging ihr hinterher. Sie war weg! Ich suchte sie überall verzweifelt. Bis ich schließlich auf die Idee kam, nach draußen zu gehen und dort nach ihr zu suchen. Und dort sah ich sie in einen schwarzen Audi R8 steigen. Ich rief ihr noch laut hinterher, aber sie hörte mich nicht. Also rannte ich so schnell wie möglich zu meinem Auto und fuhr dem Auto nach. Sie fuhren auf einen großen Parkplatz am

 

Hauptbahnhof. Ich blieb eine Weile davor stehen, damit ich nicht entdeckt wurde. Ich wartete eine Weile und ging langsam hinterher. Sie waren schwer zu erkennen, aber es sah so aus, als ob er sie bedrängte. Sie fingen heftig an zu streiten. Anna schrie. Er drückte sie gegen das Auto. Sie versuchte sich zu wehren, aber er war stärker. Er fing an, seine Hose aufzuknöpfen. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich lief los. Als ich endlich über diesen riesen Parkplatz zu ihnen kam, schrie Anna noch lauter. Ich suchte verzweifelt etwas, um den Mann niederzuschlagen. Auf dem Boden stand eine Sekt-Flasche. Anna schrie um Hilfe. Ich griff nach der Flasche und schmetterte sie, so hart es ging, auf den Kopf des Fremden. Er stürzte zu Boden und lag reglos da. Auf einmal nahm Anna den kaputten Flaschenhals und rammte ihn genau in seine Haupt-schlagader. Da brüllte ich los:„Bist du verrückt geworden?“

Sie brach in Tränen aus. Im Schock schrie ich sie noch weiter an, obwohl ich sie in den Arm nehmen sollte. Sie schrie zurück: ,,Er wollte mich vergewaltigen!“

Ich sah zu ihm runter, sein Blut und auch Annas Blut war überall.

Er hatte Anna verletzt, weil sie sich gewehrt hatte. Sie weinte immer noch schrecklich, ich war so geschockt. Ich konnte nicht weinen, ich versuchte, sie zu beruhigen, aber ohne Erfolg. Ich sammelte mich und sagte zu Anna, dass wir die Leiche jetzt weg- schaffen müssen. Sie hörte auf zu weinen und schaute mich an: ,,Mia, das darf keiner jemals erfahren. Es ist unser Geheimnis.“

Ich antwortete ,,Ja“ und ging das Auto holen. „Wir wickeln ihn in meine Hundedecke ein und vergraben ihn im nächsten Wald“, sagte ich.

„Und was ist mit dem ganzen Blut?“

„Wir schütten Motor-Öl rüber und zünden das Blut an.“

Die Flammen waren riesig. Sie sahen wunderschön aus. Sie waren so voller Kraft, so machtvoll, bis sie verlöschten. Zurück blieb ein schwarzer Fleck.

„Was machen wir mit seinem Auto?“, fragte Anna.

„Wir lassen es hier stehen“, sagte ich.

Sie nickte.

„Und deine Fingerabdrücke wischen wir weg.“

Ehe wir im Wald ankamen, waren drei Stunden vergangen. Wir vergruben die Leiche in der Nähe eines Sees, wo wir damals im Sommer immer schwimmen waren. Es dauerte eine Stunde, bis wir das Loch ausgegraben hatten. Wir hatten in der Nähe in einem alten verlassenen Haus Schaufeln gefunden. Die Decke, in die wir die Leiche eingewickelt hatten, öffnete sich. Sein Gesicht kam zum Vorschein. Es war voller Blut. Ich sah ihn zum ersten Mal richtig an, seine Gesichtszüge sahen grausam aus. Sein Tod war qualvoll und schmerzhaft gewesen. Ich konnte nicht länger hinsehen.

Meine Hände zitterten und Anna fing wieder an zu weinen. ,,Es ist unser Geheimnis. Du musst es mit ins Grab nehmen“, sagte sie, während sie sich die Tränen weg- wischte.

,, Ja, das mache ich.“

Wir verarzteten ihre Wunden und dann fuhr ich Anna nachhause. Zwei Tage später wurde der Fremde in den Nachrichten als vermisst gemeldet.

 

 

Sein Name war Dan. Ich hatte nichts von Anna gehört, also beschloss ich zu ihr zu fahren.

Sie war allein zuhause. Wir gingen in ihr Zimmer. Sie sah schrecklich aus, sehr müde und erschöpft. Ich fragte sie, ob sie zu einem Frauenarzt gegangen war.

Sie schüttelte den Kopf. ,, Mia, ich kann nicht schlafen. Ich habe schreckliche Albträume.“ Sie fing an zu weinen.

,, Wollen wir doch zur Polizei?“, fragte ich. „Es wäre am besten“, fügte ich hinzu. „Vielleicht kommen wir dann mit der ganzen Situation besser klar.“

,, NEIN, NEIN, ich will nicht zur Polizei.“

Ich versuchte ihr zu erklären, dass es Notwehr gewesen sei und sie uns nicht verhaften würden. Sie war außer sich und wollte mich rauswerfen.

,, Das tust du mir nicht an!“, schrie sie.

Ich versuchte sie zu beruhigen, aber ohne Erfolg.

,, Wir sind beste Freunde und du willst mich verraten, Mia?’’

,, Nein, nein, Anna das will ich nicht.“

,, Mia, ich habe ihn umgebracht, sie werden mich verhaften“.

Das werden sie nicht, dachte ich. Aber ich war mir nicht mal sicher.

,, Hast du überlegt mit jemandem darüber zu reden?“

Anna erwiderte: ,,Mit jemandem ? Was willst du damit sagen? Dass ich verrückt werde?“

,,Nein, aber vielleicht hilft es dir, besser damit klar zu kommen. Du bist meine beste Freundin, verdammt Anna, ich mache mir Sorgen.“

Anna wurde wütend.

Ich versuchte erneut, sie zu beruhigen und sie in den Arm zu nehmen. Aber sie stieß mich weg. ,, Wir sind keine Freunde mehr, Mia.“

Wir hatten ein paar Wochen keinen Kontakt zueinander. Wenn ich sie in der Schule sah, ignorierte sie mich. Ich habe öfters versucht, mit ihr zu reden.

Aber sie blockt total ab.

Mir geht es auch nicht besonders gut. Wir haben schließlich einen Mann umgebracht. Und ihr muss es noch schlechter gehen. Denn sie hat ihn umgebracht. In so einer schweren Zeit müssen Freunde zusammenhalten. Wir sind gerade in unserem Abschluss-Jahr. Ich habe viel zu tun, das lenkt ab.

 

Es sind Monate vergangen. Heute ist unser Abschlussball. Ich habe seit unserem Streit nicht mehr mit Anna geredet. Unsere Blicke haben sich heute kurz gestreift. Aber sonst hat sie mich ignoriert.

 

Zwei Tage nach unserem Abschluss fuhr ich zu ihr, um noch ein letztes Mal mit ihr zu reden. Aber alles, was ich vorfand, war ein leeres Haus, das zum Verkauf stand.

Ich habe sie nie wieder gesehen.