shadow

Die zweite Welt

von Karen Thomberg, 15 Jahre

Am liebsten hätte ich meinen Kopf auf den weißen Tisch vor mir geschlagen, als ich meine Bioarbeit zurückbekam. 4+, schon wieder. Ich bin eben eine Niete in Biologie.

Ich legte, mit einem lauten Seufzen meinen Kopf in den Nacken und schaute an die, mit Luftlöchern bedeckte, Biologieraumdecke. Mein Tisch befand sich direkt in der Mitte der Klasse. Zwei Tischreihen vor mir, zwei hinter mir. Drei Tische links von mir, vier Tische rechts von mir. Nur knapp neben mir befand sich in der Decke eins von drei Dachfenstern, die für mich persönlich keinen Sinn ergaben. Sie blieben immer geschlossen und man konnte sie nicht verdunkeln. Außerdem hätte man sie auch abschaffen können. Sie beleuchten den Raum weniger als halb so stark, wie die vier Seitenfenster.

Mein bester Freund Samur, ein Inder mit ausgezeichneten Sprachkenntnissen, hatte dieselbe Meinung über die Fenster wie ich. Nur er nennt die Fenster immer „Spannerfenster“. Zu recht.

„Hey Mathegenie“ brüllte Kira, meine beste Freundin, durch die ganze Klasse. Sofort merkte ich, dass sich alle Blicke von meinen Klassenkameraden auf mich richten. „Schau doch mal ans Smartboard 2.6 und rechne aus, wie wahrscheinlich es ist, dass ich eine gute Note habe.“

Kira kannte ich schon seit dem Kindergarten und wir verstanden uns prima. Jedoch ihre Sticheleien können einen auf die Dauer in den Wahnsinn treiben.

„Muss ich gar nicht“, ich drehte mich zu ihr um. Sie saß ganz am hintersten Seitenfenster, ganz in der Ecke. Dieser Sitzplatz tat ihre Noten keines Wegs gut. Dies liegt aber auch wahrscheinlich daran, dass ihre Lieblingsbeschäftigung: Reden ist und das ohne Punkt und Komma.

„Ich wette, du hast KEINE gute Note“, neckte ich.

Daraufhin zog sie ihre Augenbrauen hinunter und streckte mir ihre spitze Zunge heraus. Ich erwiderte es nur grinsend und schaute mich nach Samur um. Dabei glitt mein Blick über die flachen Dächer der Häuser vor unserer Schule. Jedes von ihnen war stark von Moos bedeckt und machte dadurch den Anschein, als würde es über 50 Jahre alt sein. Obwohl dies nur in den seltensten Fällen zu traf. Jedes dieser Häuser befand sich in einem Art Netzsystem, indem ich mich früher schon oft verlaufen hatte. Die Straßen waren eng und sahen für mich immer noch komplett gleich aus. Zudem gab es kaum Licht. Strom war zu teuer, um jede kleinste Gasse beleuchten zu können. Selbst meine Eltern hatten nur genügend Geld, um meinem Bruder Tron und mich für einige Stunden pro drei Tage mit Strom zu versorgen.

Wenn ich im Biologieunterricht doch irgendetwas mitgenommen habe, dann dass es früher, vor ungefähr 300 Jahren es noch ganz einfach war Strom herzustellen. Jedoch dieses Erd…Erd…Erd…! Komm schon! Ich schlug mir den Kopf. Denk nach, streng dein Hirn an, dachte ich. Erdöl! Genau, Erdöl. Das gibt es jetzt nicht mehr. Auch Atomkraft existiert schon seit mehr als 100 Jahren nicht mehr. Das Sperrgebiet zeugt davon. Dort sind alle Atomkraftwerke in die Luft geflogen und haben nur ein zerstörtes und verseuchtes Land zurückgelassen, das niemand betreten darf. Verständlich, wie ich finde. Windkraft- und Wasserkraftwerke gibt es in meiner Gegend auch nur in geringen Mengen. Die Atomkraftwerk haben den größten Teil des Wassers so stark verseucht, dass man sterben kann, wenn man sich überhaupt dem Wasser nährt. Ähnlich sieht es auch bei der Luft aus. In großen Höhen zu arbeiten ist bei uns verboten, oben ist die Luft zu stark verstrahlt.

„Ärgerst du dich, Schönling?“ fragte mich Jesten von der Seite.

Unter einem leisen Knurren drehte ich mich zu ihm um. Er war ein kleiner Junge, mit einem ständigen Grinsen im Gesicht. Seine Statur ähnelte eher einem Stock als einem Menschen. Er aß zu wenig, trank zu wenig und nahm stetig ab. Ich kannte ihn genau so wie Kira seit dem Kindergarten, mochte ihn aber erst, seitdem wir gemeinsam ins Gymnasium gekommen waren. Vorher war er mir zu aufgedreht und zu mager.

„Komm schon, Schönling.“

„Ich bin kein Schönling“, fauchte ich zurück.

„Doch! Die Mädchen fliegen auf dich.“

Ich konnte ihm nur mit einem verlegenen Lächeln zu stimmen. Ich war in der Klasse sehr beliebt und es schien mir so, als ob mich jeder als Freund haben wollte. Wie auch in diesem Moment, starrten mich die Mädchen an und lächelten, wenn ich zu ihnen schaute. Kira meinte, dass es an meinen kräftigen Armen und Beinen liege. Außerdem daran, dass ich im Vergleich zu den anderen sehr gut in Mathematik sei und mir sehr schnell Sachen einprägen könne. Nur bei Bio scheiterte diese Fähigkeit.

„Musst nicht verlegen werden, Noe.“ Jesten ließ sich zurück in seinen Sitz fallen und drehte sich auf dem Drehstuhl.

Ich schüttelte nur meinen Kopf, wobei mir meine braunen, leicht welligen Haare direkt ins Gesicht fielen und an meiner spitzen Nase hängen blieben. Hecktisch strich ich sie mir zurück hinter die Ohren, was aber Erfahrungsgemäß nur für weniger als 3 Minuten hielt. Dann fielen meine Haare zurück ins Gesicht.

„Also Klasse“ Ich schaute zu meiner Biolehrerin hoch. Sie war eine dicke Frau, die den Eindruck machte, sich nie zu waschen. „bringt die Arbeit bis zum nächsten Mal unterschrieben und berichtigt zurück.“

Ich stieß ruckartig die Luft aus und packte meine Arbeit in meine Mappe.

„Hast du die Hausaufgabe mit?“, kam es von Jesten.

„Ja, du etwa schon wieder nicht?“, fragte ich mit einem leicht gereizten Unterton.

„Doch“, er beugte sich runter zu seinem Schulranzen und holte eine kleine Brotdose heraus. Sein Grinsen war währenddessen noch breiter geworden.

„Ich hoffe, dass ihr alle eine DNA-Probe von euch und euren Eltern mitgebracht habt.“ Meine Lehrerin schaute in die Runde und ihr kalter Blick blieb an jeden Schüler hängen, bis er entweder nickte oder den Kopf schüttelte.

„Nicht so viele, wie sonst“, in ihrer Stimme lag Enttäuschung, wie fast immer, wenn nur einer seine Hausaufgaben vergessen hatte. Sie stützte ihre Hände auf das gläserne Pult vor sich. Hinter mir begann man zu murmeln. Jeder schien sich auf seine Art und Weise auf den Vortrag vorzubereiten, den unsere Lehrer oft anfingen. Von wegen, Zuverlässigkeit, Lernen und so etwas.

„Ihr kennt den Vortrag, also werde ich euch heute mal damit verschonen.“

Leises Gejubel kam auf. Andere wiederum, die es sich gerade gemütlich gemacht hatte, da sie sich irgendwie nicht angesprochen fühlten, seufzten und konzentrierten sich, nur widerwillig auf den Unterricht.

„Unsere Schule hat vor Kurzem ein Preisausschreiben gewonnen und dadurch einen neuen DNA-Tester bekommen. Ich habe mir gedacht, dass jeder von euch mal die DNA seiner Eltern und die von sich mitbringt, um euch zu zeigen, wie nah ihr mit euren Eltern eigentlich verwandt seid.“ Ein aufgesetztes Lächeln bildete sich auf ihren dicken Lippen und sie fixierte einige Schüler, mit ihren Augen. Sie hasste unsere Klasse. Das konnte man sieben Meilen gegen den Wind riechen.

„Gibt es irgendjemanden, der diesen DNA-Tester als erster ausprobieren will?“

Sofort schnellten sämtliche Finger nach oben, so auch meiner. Noch nie hatte ich gesehen, wie so etwas funktioniert.

„Noe und Samur“, rief sie „ihr könnt schon einmal nach vorne kommen. Ich hole das Gerät schnell“

Schwungvoll stand ich auf und ging an meinem Tisch vorbei.

„Ich bin aufgeregt“, kam es von hinten.

„Ich auch, Samur“, ich erkannte Samurs Stimme sofort. Sie war für einen Jungen, in seinem Alter sehr tief und eine perfekte Vorleserstimme. Die Mädchen und auch die Lehrer liebten es, wenn er ein Referat hielt oder ein Buch vorstellte.

Dann stand mein bester Freund auch schon neben mir. Er war, wie alle aus der Klasse, kleiner als ich und hatte lockige, schwarze Haare. Sein Gesicht passte zu seinem Körper. Es war schmal, dennoch muskulös. Direkt über der dicklichen Nase saßen zwei braune, leuchtende Augen.

Wir blieben vor dem Pult stehen und grinsten uns gegenseitig an. Im Hintergrund hörte ich, wie im Nebenzimmer des Biologieraumes Sachen hoch oder runter gestellt wurden.

„Hoffentlich geht nichts kaputt“, feixte Samur.

„So, ich habe es gefunden“, rief unsere Lehrerin und kam mit einem lauten Krachen zurück in den Bioraum. In den Armen hielt sie einen Gegenstand, der einer Halbkugel ähnelte. Nur das sie oben ein Loch hatte, mit mehreren kleinen Reagenzgläsern an den Seiten. Sie ließ das Gerät auf den Tisch fallen, was so einen Lärm machte, dass ich Angst bekam, dass er Tisch zusammen brechen würde. Dabei fiel mir eine Tastatur auf, mit vielen Zahlen und Symbolen drauf, die für mich keine Bedeutung hatten.

„So, das ist er, der DNA-Tester. Noe fängst du an?“ Bei ihr klang es eher wie eine Aufforderung, als eine Frage.

Dennoch nickte ich und holte aus meiner Hosentasche zwei Plastikbeutel heraus. In dem einen befand sich ein Haar von mir, in dem andere ein Haar meiner Mutter und eins meines Vaters.

„So Noe, leg dein Haar in ein Reagenzglas auf dieser Seite.“ Sie zeigte auf die von mir aus linken Hälfte der Reagenzglaskreises. „Das Haar deiner Mutter und deines Vaters auf die andere Seite.“

Ich nickte und tat es wie sie es mir gesagt hatte.

„Also“ Ihre Finger begannen auf der Tastatur herum zu tippen. „Jetzt werde ich euch vorführen, wie diese Gerät funktioniert, aber nur im Groben. Ich werde gleich den DNA-Tester anschließen und eingeben, dass sie die DNA’s vergleichen soll. Dann wird der Tester eine 100% sichere Angabe machen, wie viel Prozent ihr mit euren Eltern verwandt seit. Außerdem wird er euch noch ein paar Zahlen ausdrucken, die werde ich euch aber später erklären“

Unter einem leisen Zischen wurde das Loch im Tester geschlossen und ein schrilles Surren ertönte. Das Surren wurde lauter, als ein kleiner Zettel durch den Druckerschlitz fuhr.

„So, Noe, setzt dich bitte zurück. An deinem Platz kannst du dann dein Ergebnis anschauen.“ Sie schaute von mir auf und setzte ihren Blick wieder an die üblichen Schüler, die oft dazu neigten zu reden, wie Kira eine war. „Auf dem Zettel steht oben links, wie euer Verwandtschaftsgrad ist. Dort steht also: Vater/Mutter, Bruder/Schwester, Zwilling, Cousin/Cousine und so weiter. Also wenn jemand schummeln will, dieses Gerät findet es heraus.“

Ich musste schlagartig grinsen, als ich sah wie die Farbe aus manchen Gesichtern verschwand. Für mich sogenannte „Hausaufgaben-Schummler“ gibt es genügend in unsere Klasse. Jesten ist, zu meinem Bedauern, oft auch so einer.

„Und?“, hakte Jesten sofort nach, als ich mich auf meinem Stuhl fallen ließ. Den Zettel hatte ich auf den Weg zurück zu einem Platz ein bisschen zerknittert, weswegen ich ihn erst einmal auf dem Tisch glatt strich. Zahlen, die sogar für mich keinen Sinn ergeben wollten, sprangen mir förmlich entgegen.

„Lass dich nicht von den Zahlen verwirren“, rief einer meiner Klassenkameraden und lachte. Ich schwang meinen Blick daraufhin sofort zu der linken, oberen Ecke.

Nicht verwandt!

Mein Herz setzte aus. Ein Schrei bahnte sich in meiner Kehle an und meine Atmung wurde stockend. Dann wird der Tester eine 100% sichere Angabe machen, wie viel Prozent ihr mit euren Eltern verwandt seit, genau diese Worte hämmerten heftig gegen meinen Schädel, bis er weh tat.

Das konnte nicht wahr sein! Nein, dass war unmöglich! Meine Eltern waren meine Eltern, schon mein ganzes Leben lang.

„Hey, Noe, was ist los?“, sprach mich Jesten von der Seite an und legte eine Hand auf meine Schulter.

Ich kniff meine Lippen zusammen. Der Schrei sollte drin bleiben.

„Was ist mit dir?“ Ich hörte, wie Kira mit ihren Stöckelschuhen zu mir gerannt kam. Auch Samur stand kurz darauf vor mir.

„Nicht verwandt“, las Samur laut vor. Es tat weh, so sehr weh.

„Können wir kurz mit ihm herausgehen?“ fragte Jesten unsere Lehrerin.

„Wenn es ihm nicht gut geht, soll er nach Hause gehen“, sagte sie in einem gleichgültigen Tonfall.

Gemeinsam gingen wir auf den großen Schulhof, mit dem Fußballfeld in der Mitte.

„Dieser Test lügt, eindeutig“, durchbrach Samur die Stille, die den ganzen Weg bis zum Fußballfeld angedauert hatte.

„100%“, hast du nicht zugehört, Samur?“, zischte Kira meinen besten Freund an.

„Wer sind meine Eltern?“, kam es aus mir heraus.

„Keine Ahnung. Aber Kira hat Recht, 100% lügen nicht“

Diese Aussage von Samur versetzte mir einen Magenschlag. Ich krampfte zusammen. Wer waren meine Eltern? Ich musste es herausfinden!

„Wie unsere Lehrerin gesagt hat, du kannst nach Hause gehen. Frag deine Eltern doch gleich. Sie werden dir sichere Rede und Antwort stehen“, bemerkte Jesten und stieß mich von ihm weg. Er wollte, dass ich gehe, um die Wahrheit herauszufinden.

„Du hast Recht“, meine Stimme wurde fester. „Ich werde herausfinden, was es damit auf sich hat.“

Ich schüttelte mich und setzte eine ernste Miene auf. Diese Sache war mir ernster als sonst irgendetwas, es ging immerhin um das Leben, was ich bis jetzt geführt habe. Ich musste herausfinden, was sich hinter diesem „nicht verwandt“, verbarg.

Ich verabschiedete mich noch schnell von meinen Freunden und ging auf das Schultor zu. An den Seiten standen Nadelbäume, die letzten Bäume, die es noch gab. Die Anderen gab es wegen der Atomkatastrophe nicht mehr.

„Wenn du Hilfe brauchst, ruf uns“, rief Kira mir noch hinterher. Doch da war ich schon um die Ecke gesprintet. Nur wenige Häuser, die sich nur von der Hausnummer von einander unterschieden, weiter stand ich vor der Nummer 12. Mein Haus. Ich sprang über den Gartenzaun, rannte über das vertrocknete Gras und zog den Schlüssel aus der Hosentasche.

Die Tür fiel hinter mir ins Schloss und ich stand in dem langen Flur. Die erste Tür, an der ich vorbei rannte, war die Abstellkammer. Die Nächste war die Küche. Ich warf nur einen kurzen Blick rein. Niemand da. Ich hetzte weiter. An meiner Zimmertür vorbei, an der meines älteren Bruders vorbei.

Nicht verwandt, donnerte es wieder in meinen Schädel.

Nur noch wenige Schritte vor mir befand sich das Wohnzimmer.

„Tron“, rief ich lauthals meinen Bruder.

„Was ist, Kleiner?“, hörte ich Tron zurück brüllen. Mein Bruder war sieben Jahre älter als ich.

Dann sah ich ihn auf dem Sofa hocken, mit einem Buch in der Hand. Seine hellbraunen Haare waren zu einem Pferdeschwanz hinten zusammengebunden und seine blauen Augen starrten mich düster an.

„Wir haben gerade einen DNA-Test gemacht. Dort ist herausgekommen, dass ich nicht mit meinen, äh unseren…“, ich wusste nicht, wie ich mich ausdrücken sollte. Sie waren so lange meine Eltern gewesen und jetzt…puff…nicht mehr. „Dass deine Eltern nicht mit mir verwandt sind.“

„Wie erst jetzt herausgefunden?“, äffte Tron und warf das Buch hinter sich gegen die Wand.

„Wie? Erst jetzt herausgefunden?“, fragte ich verwirrt zurück.

„Tron!“, brüllte unser Vater und ich spürte seine Anwesenheit, direkt hinter mir. Langsam drehte ich mich zu ihm um.

„Ich bin nicht mit euch verwandt“, krächzte ich.

„Wie? Das geht nicht. Du bist mein Sohn“

„Ich bin weder mit dir noch mit Mama verwandt.“

„Erzähle ihm doch einfach die Wahrheit. Ich habe vor 15 Jahre alles mitgehört. Ich habe gehört, wie du mit so einem Typen über Noes Fund geredet hast“, sagte Tron mit einem spöttischen Unterton.

„Es gibt keine Wahrheit, Tron. Basta! Noe ist mein Sohn.“

„Du bist ein Lügner“, schrie Tron. So hatte ich ihn bis jetzt nur selten erlebt. Er klang so, als ob er mich, den er sonst immer ärgerte, beschützten wollte.

„Seit still. Noch einmal, es gibt keine Wahrheit. Noe ist mein Sohn!“ Mein Vater drehte sich von uns weg und ging zurück in sein Arbeitszimmer, das sich im Anschluss zum Wohnzimmer befand.

Mein Blick verschwamm und ich begann langsam, meinen Kopf zu schütteln.

„Tut mir Leid, Bruder.“ Das Sofa knarrte als Tron sich davon erhob. Er ging zu mir. „Ich verstehe auch nicht, warum er dich anlügt. Ich erzähle dir aber alles. Komm mit in mein Zimmer.“

Ich folgte ihm. Tron schlug seine Tür auf. Sein Zimmer war unordentlich, sogar sehr. Kleidung überall und man konnte kaum mehr erkenne, wo sich sein Bett befand. Ich setzte mich auf einen Stuhl, den ich noch halbwegs erkennen konnte.

„Also…du wurdest an einem Ort gefunden, wo man meinen könnte, dass es gar nicht geht. Nämlich im Sperrgebiet. An den ganzen Wachen und mechanischen Wachen vorbei und durch den Stacheldrahtzaun muss dich deine Mutter gebracht haben. Sie wollte dich anscheinend los werden.“

„Im Sperrgebiet? Wollten mich meine Eltern umbringen? Dort kann doch niemand überleben. Aber wo genau haben mich meine Eltern abgelegt?“

„Im Norden. Ungefähr dort wo Samur wohnt.“

„Warum dort?“

Mein Stiefbruder schüttelte nur seinen Kopf „Ich weiß nicht.“

„Dann werde ich es herausfinden“, platzte es aus mir heraus.

„Hey, hey. Immer ruhig mit den jungen Pferden. Wie willst du es schaffe, an den ganze Wachen vorbei zu kommen?“ Tron legte seinen Kopf schief und sah mich besorgt an.

„Ich will doch nur den Platz sehen, wo mich meine Eltern abgelegt haben. Sie werden mich dafür doch kurz vorbei lassen, oder?“, ich spürte wie ich kaum wagte zu atmen.

„Sicher“, Tron grinste schief und eindeutig gespielt. Er war unsicher. Dennoch genügte mir seine Antwort. Ich sprang auf und rannte aus der Wohnung.

„Viel Glück, Bruder“, rief Tron mir hinterher.

Ich konzentrierte mich darauf, auf die Höhe von Samurs Haus zu kommen. Mein Herz raste und meine Beine schmerzten schon, als ich bei Schule ankam. Ich will, ich will, ich will! Ich will wissen, wo der Ort ist und was ihn so besonders macht, dort ein Kind abzulegen.

Endlich kam ich an. Als ich nach links blickte, sah ich das Haus von Samur. Geschafft! Ich rieb mir über die schmerzenden Beine. Dann rannte ich weiter. Nicht stehen bleiben, laufen. Die großen, massigen Wachtürme erhoben sich immer weiter aus dem Boden.

„Halt!“, donnerte eine kräftige Stimme. Ein Mann mit vollem Waffenarsenal kam auf mich zu gerannt. Maschinengewehr, Kugelsichere Weste, Sturmhaube und Tarnanzug. Alles sicher teuer hergestellt. Der größte Teil des Strom, der noch hergestellt werden kann, fließt so oder so in Krankenhäuser die Herstellung von Waren.

„Was suchst du hier, du arbeitest hier nicht“, seine Stimme klang extrem streng und rechthaberisch.

„Ich will zu dem Ort, wo mich meine Eltern als Baby abgelegt haben“, erklärte ich ihm.

„Was?“ diese „Was“ klang für mich wie der Befehl, dass ich gefälligst verschwinden solle.

Ich hörte ein lautes Schnauben durch die Sturmhaube. „Unmöglich.“

„Stimmt aber! Ich weiß, dass ich hier abgelegt wurde.“

„Wer hat dir das erzählt?“, das Schnauben wurde lauter.

„Mein Bruder, Tron Seamon“, antwortete ich selbstsicher.

„Seamon!“, er stockte und ich spürte wie sein Blick stechender wurde.

„Verschwinde“, kam auf einmal der Befehl.

„Ich will…“

„Nein, geh! Du hast hier nichts zu suchen“, er stieß mich weg.

Was war hier los? Warum erlaubten sie es mir nicht? Gab es irgendwelche Geheimnisse, von denen ich nichts wissen sollte? Ich wollte doch nur kurz den Platz sehen, wo mich meine Eltern abgelegt hatten? Nur kurz. Es war doch nichts Schlimmes dabei, eine leere, verstrahlte Landschaft zu sehen.

„Geh jetzt, Junge“, fauchte der Mann. Ich blieb aber noch, bis ich den Gedanken verscheuchte dem Mann in seine hässliche Visage zu schlagen und dann ging ich.

Ich wollte zu Samur. Ihm alles erzählen. Doch er würde erst in zwei Stunden zu sich nach Hause kommen. Ich konnte ihn zumindest von der Schule abholen.

Zwei Stunden warten ist eine lange Zeit. Besonders wenn man ständig dieselbe Frage beantworten muss.

„Warum bist du nicht in der Schule?“, dem Zehnten, der diese Frage stellte, hätte ich fast ins Gesicht geschlagen. Dieser bis auf die Zähne bewaffnete Typ, hatte mich so sehr auf die Palme gebracht, dass ich mit meinen Nerven am Ende war. Was für einen gottverdammten Grund hatte dieser Idiot mich davon abzuhalten, meinen Ablageplatz zu finden? Gab es etwas, was sie verheimlichten?

Ich schaute auf meine Armbanduhr. 14:20. Also noch fünf Minuten. Klasse!

Ich grinste breit und hielt Ausschau nach meinem besten Freund, bis ich ihn aus dem Haupthaus kommen sah.

„Samur!“, brüllte ich nur und warf meinen linken Arm hin und her.

Sofort beschleunigte Samur seinen Schritt und stand in nur wenigen Sekunden neben mir.

„Was ist? Warum so aufgeregt?“

„Ich habe etwas herausgefunden. Durch meinen Bruder“, ich stockte, „Stiefbruder.“

„Oh, also hat der Test nicht gelogen“, Samur klang auf eine freundschaftliche Weise enttäuscht.

„Ja, mein Vater hat aber weiterhin versucht, dass alles abzustreiten“, keifte ich. Das Gefühl der größten Lüge der Welt ausgeliefert zu sein, kam in mir auf.

„Warum?“ Samur setzte sich schwungvoll in Bewegung und ich folgte ihm.

„Keine Ahnung. Aber Tron hat alles vor 15 Jahren mitgehört. Also er hat gehört, wie mein Adoptivvater über meinen Fund mit jemanden gesprochen hat“, erklärte ich meinem besten Freund und seufzte.

Wie konnte mich der Vater anlügen. Eigentlich hatte er mich die ganze Zeit angelogen. Zornesfalten bildeten sich zwischen meine Augenbrauen.

„Mein Vater hat mich die ganze Zeit angelogen“, sagte ich es noch einmal laut und bog in Richtung Samurs Haus ab.

Ich will den Ort sehen, wo mich meine Eltern abgelegt haben. Vielleicht gibt es dort noch irgendeinen, kleinen Hinweis auf meine Eltern. Immerhin dürfen keine Menschen das Sperrgebiet betreten. Es gibt also niemanden, der irgendetwas vernichten kann. Wenn ich dort etwas finde, dann werde ich zu meinen richtigen Eltern gehen und sie fragen, warum sie ihren eigenen Sohn loswerden wollten.

„Bist du dir ganz sicher, dass du zu deinen Eltern zurück willst?“, fragte mich Samur als wir uns von einander verabschiedeten.

„Ich will nur zu ihnen kommen. Wenn ich dann bei ihnen bin, werde ich entscheiden, ob ich bei ihnen bleibe“, gab ich nur von mir und winkte noch einmal.

Ich wollte es schaffen, mein Ziel zu erreichen. Noch heute, diese Nacht!

Leise schlich ich auf den Bereich zu, wo mich der mit der Sturmhaube abgefangen hatte. Ich schaute langsam um die Ecke des Hauses, das mir als Versteck diente.

Überall standen solche Typen herum. Sie hatten allesamt breite Schultern, hatten scharfe Waffen und lösten ihren Blick nicht von ihrem Marschweg. Hinter ihnen befanden sich die Wachtürme. Metallische Monster, die mit ihren Wärmebildkameras alles um sich herum erfassten. Bewegungssensoren gab es auch noch, so weit ich wusste. Das letzte Hindernis war dann für mich der vier Meter hohe Stacheldrahtzaun. Aber meine echte Mutter oder Vater hatte es geschafft, dort hin zu kommen, also würde ich es auch irgendwie. Aber wie?

Ein Einfall kam in mir auf, der genauso verrückt wie riskant war. Laufen, so schnell wie ich kann. Dann über den Zaun klettern und noch bisschen weiter laufen, nur um den Abstand zwischen mir und meine Verfolgern zu vergrößern.

Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Der Plan grenzte an Wahnsinn. Nein, der Plan war verrückt, durch geknallt und hirnverbrannt. Trotzdem ein bisschen Strahlung bringt mich nicht gleich um.

Ich zählte leise im Kopf:

1… ich kroch langsam aus meinem Versteck heraus und fixierte den Zaun.

2… ich duckte mich wie bei einem Start zum hundert Meter Sprint.

3… Meine Beine spannten sich an.

Los!!! Alles auf eine Karte!

Mit einer gewaltigen Wucht drückte ich mich nach vorne ab und rannte direkt hinter einer Wache vorbei. Nur zwei Schritte weiter gingen Sirenen los und erzeugten einen ohrenbetäubenden Lärm.

„Stehen bleiben“, schrien viele der Männer gleichzeitig.

Ich rannte weiter. Ich hörte wie ihre schweren Stiefel auf den trockenen Boden aufschlugen. Das Geheul wurde lauter, je näher ich dem Zaun kam. Jeder Satz von mir hatte eine Länge von fast zwei Metern. Ich musste es schaffen. Schneller, schneller, schneller. Nur noch 15m, geschätzt. Ich hörte ein beunruhigendes Surren. So als würde etwas Metallisches anfangen sich zu bewegen. Mein Herz pumpte immer mehr Blut durch meinen Körper. Die Adern in meinem Kopf klopften. Adrenalin schoss durch meinen Leib.

Mit einem gewaltigen Sprung erreichte ich den Zaun und begann sofort hochzuklettern. Die Stacheln bohrten sich in meine Hände und warmes Blut fing an, über meine Hand zu laufen. Jedes Mal, wenn sich die Stacheln aus meiner Haut zogen und wieder neu, beim Hochziehen, hinein stachen, verzog ich kurz mein Gesicht. Spiralförmig tat sich ein Gewirr aus Stacheldraht vor mir auf. Ich packte ein Teil davon, stemmte meine Füße gegen den eigentlichen Zaun und zog mit meinen beiden Händen die Drähte aus einander. Das Blut pochte in meiner Hand.

Ich schaffte es, die Drähte so weit auseinander zu ziehen, dass ich meinen Körper dort hinein zwängen konnte. Sofort, als ich los ließ, schnellte der Draht zurück an seine ursprüngliche Position und riss meine Haut auf. Je weiter ich mich da durch zog, desto tiefer und schmerzhafter wurden die Schnitte. Mit einem lauten Keuchen zog die letzte Drähte auseinander. Mein Kopf war frei. Unter mir befand sich der Boden. Immer mehr von meinem Körper schaffte ich aus dem Gewirr zu ziehen, bis sich schließlich mein Oberkörper in der Luft befand. Kaum noch Kleidung befand sich an meinen Körper, alles tat weh. Ich begann mich zu winden wie eine Schlange, die einer Falle festsitzt.

Ein beunruhigendes Knacken ertönte. Der Draht gab meinem Gewicht nach. Mist!

Dann, wie aus dem Nichts, zeigte die Schwerkraft ihre volle Wirkung.

Mein Rücken gab ein lautes Knacken von sich, als ich auf den verstaubten Boden knallte.

„Stehen bleiben“, schrie eine mir bekannte Stimme. Der Mann, der mich schon einmal aufgehalten hatte. Nein, diesmal wird er es nicht schaffen! Schnell biss ich mir auf die Unterlippe, sprang auf und rannte weiter. Der Schmerz in meinen Rücken stieg bei jedem Schritt bis ins Unerträgliche an.

„Stehen bleiben“, noch einmal die Stimme des Mannes. Ich drehte ruckartig meinen Kopf nach hinten. Die Leute fingen an den Zaun aufzubrechen.

„Schneller“, sagte ich nur zu mir selbst. Ich musste aus ihrem Blickfeld verschwinden. Ich rannte weiter, mit dem Blick nach hinten. Sie hatten es fast geschafft. Ich vergrößerte daraufhin meine Sätze.

„Was suchst du hier?“, eine andere Stimme, direkt von der Seite. Ich schaute dort hin. Zwei weitere Männer kamen direkt auf mich zu gerannt. Aber irgendetwas an ihnen war anders. Sie trugen pechschwarze Kleidung, trugen größere Waffen auf dem Rücken und fuchtelten mit einem langen Messer in der Hand herum. Gehörten sie zu einer Art Spezialeinheit?

Ich stand auf einmal im Schatten. Ich bremste. Direkt vor mir befand sich ein riesiger Wachturm. Der Größte, den ich bis jetzt gesehen hatte. Riesige Geschütze drehten ihre Kreise.

„Hier her!“ Der Rufer der Spezialeinheit befand sich jetzt hinter mir. Ich hechtete los. Ich schlug meinen Kopf nach allen Seiten. Überall befanden sich die Monster von Wachtürmen. War dies etwa eine weitere Abgrenzung, damit niemand in das verseuchte Gebiet kommt?

Häuser. Riesige Häuser, zwei Stockwerke. Überall. Sie waren weiß angestrichen und an einigen befanden sie Statuen. Sie waren in die verschiedensten Richtungen dreht, sie standen im keinen Netzsystem. Was war das für ein Ort?

Doch ich konnte nicht lange überlegen, ich vernahm die Schritte der Spezialeinheit immer lauter. Ich rannte auf ein Haus zu und sprang hinter eine Statue. Drachenähnlich, mit langen Hörnern. Mein Herz raste. Doch ich hatte Glück, die Einheit rannte an der Statue vorbei.

Plötzlich kamen mir die Häuser wieder in den Sinn. Hier durfte doch keiner leben. Verwirrt stand ich auf und ging aus meinem Versteck heraus. Diese Häuser, sie waren wunderschön. Kamen meine Eltern etwa von hier? Ich drehte meinen Kopf in alle Richtungen. So musste es sein, meine Eltern kamen von hier. Es hätte auch an Wahnsinn angegrenzt, mit einem Baby in der Hand an den Wachen vorbei und durch den Stacheldrahtzaun zu klettern. Ich wäre tot und meine Eltern hätten mich auch einfach in den Zaun werfen können. Dann wären sich mich auch los. Warum haben sie dies nicht getan? Wollten sie, dass mich jemand findet? Eigentlich kann ich mir es sonst, nicht anders erklären.

„Hey, Junge“, rief eine Mädchenstimme. Sie klang ähnlich wie Kiras.

„Hallo“, stotterte ich nur und sah in zwei leuchtend blaue Augen. Sie hatte einen schön geschwungenen Körper, große Augen, leicht welliges, blondes Haare und eine sehr stolze Haltung.

„Was suchst du hier?“ fragte sie mit einem eindeutigen Misstrauen in der Stimme.

„Meine Eltern“, antwortete ich knapp.

„Wie? Deine Eltern?“, knurrte sie und schaute mich mit einem stechenden Blick an.

„Ich suche sie. Ich kenne sie nämlich nicht.“

Sie wich misstrauisch ein Schritt zurück, vielleicht wegen meines Aussehens.

„Okay. Weißt du überhaupt etwas über sie?“, fragte sie und knurrte hintergründig.

„Nur, dass sie mich dort hinten vor dem Stacheldrahtzaun ausgesetzt haben“, erklärte ich selbstsicher.

„Welchen Stacheldrahtzaun?“ Diese Frage war ernst gemeint.

„Der“ ich zeigte hinter die riesigen Wachtürme.

„Dort ist nichts. Nur zerstörtes Land, meilenweit ist dort nichts“, entgegnete sie.

„Äh?“ ich schüttelte verwundert den Kopf. Wie konnte sie nichts von meinem Land wissen? Es lag doch ungefähr 700 Meter von meinem Standpunkt entfernt.

„Äh?“ wiederholte das Mädchen meine Aussage und zog ihre Augenbrauen in der Mitte stark nach unten.

„Ich wohne dort. Hinter dem Zaun“

„Dort gibt’s nichts“, beharrte sie.

„Wo soll ich sonst herkommen?“, fragte ich sie.

„Von hier“, erklärte sie und zeigte auf die Häuser um sie.

„Nein, ich wusste vorher gar nicht, dass diese Häuser existieren“, ich verstand die halbe Welt nicht mehr. Was war hier los? Warum wusste dieses Mädchen nichts von meinem Land? Hatte die in Erdkunde nicht aufgepasst?

„Nicht…“ sie klang wütend „bist du blind? Diese Häuser stehen ihr schon seit ich geboren worden bin und sogar noch viel, viel, viel länger.“

„Unmöglich. Dieses Gebiet müsste verseucht sein.“

„Ohho und ich bin dann also krank?“, spottete sie und legte den Kopf schief.

„Eigentlich…schon“

„Mein Gott, bist du verrückt. Was geht in deinem Schädel denn vor. Dort hinten gibt es nur Nichts, nur Sand. Wüste. Eine hochgefährliche Wüste, deswegen dürfen wir dort nicht hin. Wenn deine Eltern dich dort hinten wirklich abgelegt haben, dann warst du nicht ihr Wunschkind.“

„Nicht ihr Wunschkind?“, empörte ich mich und bäumte mich vor ihr auf.

„Ja, genau. Nämlich nur Kinder, die nicht die gewünschten Eigenschaften zeigen, werden getötet.“

„WAS? In was für einer Welt bist du denn aufgewachsen?“, schrie ich.

„Hier“, erklärte sie ruhig.

„Aber das ist doch unmenschlich“, entgegnete ich und ballte meine Hände.

„Nein, nur gerecht. Kinder werden dazu geschaffen, ihren Eltern zu folgen. Wenn der Vater Mathematiker ist, dann sagt er dem Arzt, dass sein Sohn oder Tochter so geschaffen werden soll. Also dass die Tochter oder der Sohn später ebenfalls z.B. Mathematiker wird.“

„GESCHAFFEN?“ Ich schüttelte empört meinen ganzen Körper.

„Ja, wenn du wirklich dort ausgesetzt wurdest, hast du irgendeine Eigenschaft gezeigt, die deinen Eltern nicht gefallen hat. Aber anscheinend hatten sie noch so viel Herz, dass sie dich nicht der Regierung übergeben haben. Die hätte dich erschossen. Nur einmal…Knall und Kind tot“, ihre Stimme klang gleichgültig, was ich unverständlich fand. Wie konnte man so etwas erzählen, ohne von sich selber angewidert zu sein?

„Ich glaube dir nicht, das würden die Menschen nie machen.“

„Ja, in deiner Traumwelt“, schnaubte das Mädchen und drehte sich von mir weg. „Du denkst zu viel. Du interessierst dich zu viel.“

„Wie meinst du das, zu viel interessieren?“

Sie drehte sich zu mir und hatte den ernstesten Blick aufgesetzt, den ich je in meinem Leben gesehen hatte.

„Hör mir mal zu, Kleiner. Du bist nichts Besonderes. Alle Menschen hier sind in ihrem Gebiet sehr begabt. Schon als Baby haben sie sich nur für das Gebiet interessiert, für das sie geschaffen wurden. Jedes Kind, das anders ist, wird getötet. So sind die Gesetze. Ich habe keine Ahnung, wie du überlebt hast, ich kann dir nur sagen, dass…“ sie stoppte und atmete einmal tief ein „es für mich nur diese Welt gibt. Mit diesen Regeln. Vielleicht gibt es in deiner Fantasie eine andere, doch schau doch die Realität an. In ihr gibt es nur Menschen, die für ihren Job geschaffen wurden. Die Eltern entscheiden in welchem Gebiet du hochbegabt bist. Du bist ein Träumer, Junge. Deine Eltern haben dich nur dafür geschaffen, damit du ihnen in ihrem Job folgst. Es gibt keinen anderen Grund. Basta! Ich glaube der Grund, dass du deine Eltern suchst ist der, dass du glaubst, dass sie dich vermissen und ihre Tat bereuen. Doch ich sage dir, ich hätte sieben Brüder und vier Schwester gehabt. Alle sind sie tot, weil sie nicht dem entsprochen haben, was meine Eltern für sie vorgesehen haben. Das ist die Wahrheit“

Sie ging.

Wie sie alles gesagt hatte, so selbstverständlich. Alles klang so wahr.

Langsam setzte ich mich in Bewegung. Ich musste nachdenken. Die großen, weißen Fassaden der Häuser warfen eine düsteren Schatten auf mich und in den großen Fenstern brannte Licht. Sie hatten Strom. Überall leuchtete es. Ein Springbrunnen ließ Wasser aus verschiedenen Öffnungen sprudeln. Alles eindeutig elektrisch betrieben. Ich sah eine kleine, eher unauffällig Bank und steuerte darauf zu. Darüber fand sich ein großes Plakat mit vielen Menschen darauf. Alle waren schön und sahen sich in gewisser Weise ähnlich. Sie sahen mir ähnlich. Das Mädchen kam mir in den Sinn. Alle Menschen waren vom Aussehen her fast perfekt.

Ich fiel auf die Bank und lehnte meinen Kopf in den Nacken.

Warum tun die Eltern ihren Kindern das an? Warum wollen sie, dass ihre Kinder ihnen folgen? Ich verstand es nicht. Ich konnte diese Eltern nicht verstehen. Sie brachten ihre Kinder um, nur weil sie nicht perfekt waren. Doch waren meine Eltern anders? Ich war anscheinend auch nicht das perfekte Kind. Aber warum haben sie mich ausgesetzt? Die Anderen haben ihre Kinder der Regierung übergeben und sie dort erschießen lassen. Hatten meine Eltern etwa doch auf eine gewisse Weise ein Gewissen, was ihr Kind angeht oder jedenfalls ein Elternteil? Eins ist mir jedoch klar, jedenfalls wie dieses Mädchen gesagt hat, zeigen Babys hier nur Interesse für die Sachen, für die sie geschaffen wurden. Ich interessiere mich aber für Verschiedene, nicht nur für Mathe. Auch Erdkunde, Sport, Englisch und andere Fächer wecken meine Neugier. Vielleicht war das der Grund warum ich von meinen Eltern verstoßen wurde. Ich habe mich nicht nur für Zahlen interessiert.

Trotzdem haben meine Eltern zwar an den Zweck gedacht, für den ich geschaffen wurde, doch auch an mein Leben. Doch wie konnten meine Eltern von der anderen Welt wissen oder wussten sie überhaupt davon? Aber die Leute aus meiner Welt wollten mich nicht hierher lassen, selbst als ich mein Motiv erklärt hatte. Wussten sie von der anderen Welt? Warum lügen sie die Menschen dann an? Oder werden sie selber hinters Licht geführt? Gab es irgendeinen Streit zwischen den Welten, der so heftig war, dass sie dieses Sperrgebiet errichtet musste? Einen anderen Grund sah ich nicht. Warum sonst tat man so etwas? Sie hassten sich anscheinend so sehr, dass sie das eigene Volk anlügen mussten. Wüste oder Atomkraftwerke, sie lügen. Wenn es stimmt, dass die Wächter von der anderen Welt wissen, dann…. Wussten meine Eltern von der anderen Welt? Doch sie haben mich in die Nähe des Stacheldrahtzauns abgelegt, also müssen sie davon gewusst haben. Sie wollten mich sozusagen „retten“. Mein Adoptivvater muss auch von der Welt hier gewusst haben, er hat immerhin einmal als Wächter gearbeitet. Wie sonst sollte er mich gefunden haben? Doch mein Vater hat mir oft erzählt, dass er als Betriebsmanager arbeitet und nie, dass er als Wächter gearbeitet hat. Wenn er schon seinen Adoptivsohn anlügt, damit der nichts von der zweiten Welt mitbekommt, was würde dann die Regierung tun? Was würde sie tun, wenn sie erfährt, dass jemand von dieser Welt hier erfährt. Von der Welt in der ich bin! Ich weiß davon. Ich bin die einzige Person, die kein Wächter ist oder war, die davon weiß. Aber…

Ich habe diesem Wächter erzählt, dass ich von Tron weiß, dass ich dort gefunden wurde. Sie könnten vermuten, dass auch Tron davon weiß, da er mir von meinem Fundort erzählt habe und weil ich dem Wächter Trons Namen gesagt habe. Ich muss zu ihm zurück, ihn warnen. Auch meine Freunde könnten in Gefahr sein, wenn die Regierung herausfindet, dass ich von dieser Welt weiß. Ich muss verhindern, dass sie meinen Bruder und meine Freunden vielleicht sogar töten. Ich muss ihnen und allen die ich kenne die Wahrheit erzählen. Alle kann die Regierung nicht vernichten. Das würde zu sehr auffallen. Doch sicher suchen die Wachen von meiner Regierung schon nach mir. Ich muss los, jetzt! Sonst werden viele sterben, die ich mag.

Ich sprang auf und rannte los. An den riesigen Wachtürmen vorbei, über das staubige Sperrgebiet und hin zum Stacheldrahtzaun. Ich spürte kaum Schmerzen als ich mich durch das Gewirr zwängte. Ich rief mir immer wieder das Bild meiner Freunde und von Tron vor die Augen. Sie musste ich erreichen. Die Wachen schrien auf, als ich an ihnen vorbei rannte. Sie sprinteten hinter mir her. Doch schon nach ein paar Biegungen hörte ich ihre Schritte kaum mehr. Ich sah mein Haus. Mein Lauf wurde durch die Tür abgebremst. Ich zog meinen Schlüssel heraus und schloss sie auf.

„Tron!“, schrie ich so laut wie ich nur konnte. Ich trat eine Tür nach der anderen auf. Nichts.

„Tro…“ mein Atem stockte. Als ich seine Zimmertür auftrat. Er lag vor mir. Regungslos, in einer riesigen Blutlache und einem Einschussloch im Kopf. Sein Gesicht war bleich und seine toten Augen starrten mich an. Er war von der Regierung getötet worden. Ich wäre zusammengebrochen. Doch ich durfte jetzt nicht trauern. Ich musste zu meinen Freunden, ihnen alles erzählen.

Ich lief in Richtung von Samur. Ich stolperte ständig und hatte Mühe mich auf die Hausnummern zu konzentrieren. Die Schritte der Wächter ertönten wieder, diesmal lauter. Sie kamen näher. 86. Ich strauchelte und rannte schwankend auf die Haustür zu.

„Samur, Samur“, schrie ich und hämmerte gegen die Tür. Ich hörte gemächliche Schritte, „Schneller“

Samur riss die Tür auf und schaute mich missbilligend an.

„Was ist los?“

„Ich war drüben. Über dem Zaun. Dort gibt es eine zweite Welt.“

„Eine zweite Welt?“ Samur klang zu Recht verwundert.

„Glaube mir. Warum sonst hätte mich der Wächter zurückgeschickt, obwohl ich ihm meinen Grund erzählt habe“, erklärte ich hastig. Die Schritte wurden lauter.

„Gut, ich glaube dir“, er klang verunsichert.

„Wir müssen es allen erzählen.“

„Warum?“ Samur verdrehte den Kopf.

„Die Wächter sind hinter mir her, weil ich von der anderen Welt weiß. Hörst du?“ Ich zeigte in die Richtung, wo ich die Schritte hörte, „Sie haben Tron ermordet!“

„Was?“ Samur wich ein Schritt zurück „Nie im Leben.“

„Doch und dasselbe wollen sie auch bei mir machen.“

„Gut“, Samur klang überzeugt „ich helfe dir.“

„Danke, Samur“ Ich hätte meinen besten Freund umarmen können.

„Nichts zu danken. Also wir sollten es jetzt machen, wenn sie dir schon auf den Fersen sind. Ich gehe und sage es allen, die in der Richtung leben“, Samur zeigte auf die Seite, wo die her Wächter kommen würden. „Von mir wissen sie ja nicht, dass ich es auch weiß. Sie werden mich nicht verfolgen.“

„Aber du bist mit mir befreundet“, ich zitterte.

„Gerade jagen sie nur dich, nicht mich. Also beruhige dich, bis sie mich jagen dauert es noch. Aber jetzt los. Wir treffen uns in vier Stunden wieder hier, wenn du nicht da bist, bist du tot. Hoffentlich aber nicht!“

„Gut, ich nehme dann die andere Seite“

Samur rannte an mir vorbei und bog um eine Ecke. Ich rannte auch los. Aber ich stockte, die Leute werden Samur nicht glauben, weil er keine handfesten Beweise hat. Trons Tod wird sicher irgendwie vertuscht werden. Doch…

Wenn ich nicht komme, wie mit Samur verabredet, wird er mich für tot halten und somit wäre mein Tod öffentlich. Er würde es überall herum erzählen und er hätte einen Beweis für die Anschuldigung. Nämlich meinen Tod!

Ich blieb stehen, drehte mich um und sah die Wächter nur zweihundert Meter vor mir. Sie zielten auf mich. Sicher glaubten sie, wenn sich mich erschießen, hätten sie gesiegt. Doch die Wahrheit wird herauskommen. Der Aufmarsch ist unaufhaltbar.

Ich hörte einen gedämpften Knall, dann einen Schlag an meinem Kopf.

Dann…

 

NICHTS!!!