shadow

Doppelt hält besser…

von Clarissa Härtel, 17 Jahre

Ich wusste, dass es sie gibt, und doch hatte ich nie zugelassen, ihr zu begegnen.

Verena trat in mein Leben, als ich sie am meisten brauchte. Fast wie in Trance hatte ich mich auf ihre Ankunft vorbereitet. Alles lag bereit. Fein säuberlich aufgereiht auf der frisch gebügelten Bettwäsche. Ihre Schuhe, die engen Jeans, ihre tief ausgeschnittene Bluse, die schwarze Spitzenunterwäsche. An der Kasse war ich rot geworden, als ich sie einige Tage zuvor gekauft hatte.

Am Fußende des Bettes standen ihre schwarzen Pumps, das Preisschild klebte noch unter der Sohle. Und dann das Wichtigste: Liebevoll strich ich mit den Fingerspitzen über die Perücke auf meinem Kopfkissen. Rostrote Haare verfingen sich in meinen Fingern. Vorsichtig befreite ich mich und bürstete den Pony penibel zurecht. Tagelang hatte ich nach der Richtigen gesucht, und ich hatte sie gefunden. Genau die richtige Nuance, Rot mit einem Kupferstich, genau die richtige Mischung aus eleganten, langen Wellen und einem frechen, geraden und etwas fransigen Pony. Alles war bereit für ihre Ankunft, und ich war es auch.

Da war diese Lücke. Irgendwann war mir bewusst geworden, dass mein bisheriger Lebensstil und meine inneren Bedürfnisse nicht zusammenpassten. Ich hatte nur einen Teil von mir preisgegeben, ein Bild kreiert, das unvollständig ist. Unvollständig war. Verena war das fehlende Stück, der Gegenpol zu meinem ansonsten doch sehr geregelten Leben. Durchschnitt. Angestellte in einem Dienstleistungsbetrieb, 39-Stunden-Woche, Mitglied im Fitnessstudio, einmal die Woche mit Mutti telefonieren, Duftbäumchen am Rückspiegel, keine Laster, außer dem allmorgendlichen Kaffee mit zwei Stück Würfelzucker. So richtig unzufrieden war ich mit meinem Leben nie gewesen. Keine schweren Schicksalsschläge, keine nennenswerten gesundheitlichen Probleme, fester Arbeitsplatz mit Aufstiegschancen, nie musste ich jeden Pfennig umdrehen. Dass mir etwas gefehlt hatte, merkte ich erst sehr spät. Jahrelang hatte ich lediglich funktioniert, endlich musste sich etwas ändern. Da ich den Mut für einen Neuanfang, einen langfristigen Ausbruch aus meinem geregelten Alltag, nicht aufbringen konnte, entschloss ich mich, wenigstens kurze Ausflüge in ein anderes Leben zu unternehmen. Das war der Moment, in dem Verena die Bühne meines graukonturierten Lebens betrat, sie zeitweise in bunte Lichter tauchte und den Regler der Lebensfreude bis zum Anschlag aufdrehte.

Die Verwandlung war perfekt. Mit meiner Kleidung legte ich auch all meine Bedenken und Ängste ab, also jenes Wesen, das meine Kollegen hinter meinem Rücken gerne als „verklemmt“ bezeichneten. Die gerade geschnittene, beige Anzugshose wich der figurbetonten Jeans, und als ich mich meines schlichten Shirts entledigt hatte und die Bluse überstreifte, achtete ich darauf, gerade so viele Knöpfe zu schließen, dass der Spitzenbesatz meines BH´s darunter bei jeder Bewegung hervorblitzte. Statt der dezenten, morgendlichen Tönungscreme und des geruchsneutralen Deos legte ich zum ersten Mal seit Jahren ein richtiges Make-up und ein betörend süßes Parfüm auf. Nun war meine Maskerade nahezu abgeschlossen. Zu guter Letzt schlüpfte ich in die neuen Schuhe, nicht ohne vorher das Preisschild entfernt zu haben, und nahm die Perücke vom Bett. So verwandelt betrachtete ich mich lange. Eine rote Strähne blieb an meinem Lipgloss kleben, als ich mein anderes Ich im Spiegel angrinste.

Mein mir bekanntes Ich trat vollkommen in den Hintergrund, tauchte unter und gewährte Verenas selbstbewusster, direkter Art freie Hand. Es wurde der beste Abend, an den ich mich bis dahin erinnern konnte. Entschädigung für den angestaubten Alltag der letzten Jahre. Menschen, Lichter, Farben. Gläserränder auf immer anderen Theken, lachende Gesichter, schemenhaft an mir vorbei tanzend. Ich als Teil des Ganzen.

Zuhause legte ich die nassgetanzten Klamotten ganz unten in den Wäschekorb und schminkte mich gründlich ab. Als ich in einen meiner Schlabberpullis schlüpfte, war ich wieder ganz bei mir angekommen. Geflutet von verworrenen Gedanken konnte ich lange keinen Schlaf finden. Wer war das gewesen, die Frau, die unverhohlen mit dem viel zu jungen Barkeeper geflirtet hatte, die plötzlich Geschmack an Marlboros und trockenen Martinis fand? War das wirklich ich?

Verena begann mir immer mehr zu fehlen. Ihre lockere, ungezwungene Art. Der verstohlene Blick des Verkäufers im Supermarkt, die lüsternen Blicke der Männer in den verrauchten Bars, das bunte, pulsierende Leben, an dem ich nur in ihrer Gestalt teilhaben konnte. Und immer öfter verbrachte ich meine Wochenenden und Abende hinter ihrer Fassade. Gewissenhaft ging ich dennoch am nächsten Morgen zur Arbeit, erledigte den Haushalt, pflanzte Blumen auf meinem kleinen Balkon. Tat alles, um nach außen keinen veränderten Eindruck zu erwecken. Wenn mich jemand fragte, tat ich Ränder unter meinen Augen mit einem Lachen ab und erzählte von Überstunden, einem neuen Projekt, das mich zur Zeit voll in Anspruch nehme oder den Geräuschen einer kaputten Heizung in meinem Schlafzimmer, die mich um den Schlaf brachten.

Die Gegenden, in denen sich Verena gerne aufhielt, umging ich großräumig. Versteckte ihre Zigaretten und ihre Garderobe in der untersten Schublade meines Kleiderschranks. Vermied jegliche Berührungspunkte zwischen Verenas schummrigem Milieu und meinem kleinbürgerlichen Umfeld. Wenn die Kollegen in der Kaffeeküche von ihrem Wochenende erzählten, pochte mir das Herz bin zum Hals. Inständig hoffte ich, niemand hätte Verena gesehen. Oder wussten sie es und trieben nur ein Spiel mit mir? Verhöhnten sie mich? Wiegten mich in Sicherheit und wussten doch genau Bescheid? Kannten mein Geheimnis und ergötzten sich an meiner Unwissenheit, meinen Lügen…

Doch was tun, wenn es kein Zurück mehr gibt? Wenn das normale Leben zum Dauer-Ausnahmezustand wird, jederzeit darauf bedacht die Spuren eines Doppellebens zu verwischen? Wenn jeder Alltagsschritt wohl überlegt sein will, weil jeder noch so kleine Fehler der Entscheidende sein könnte? Wenn es kein Zuhause mehr gibt, weil sich keines der beiden Leben mehr wie ein Zuhause anfühlt? Wenn es schwer fällt zu definieren, wer man ist? Zirkulierende Gedanken, die jeden Winkel der Bühnen meiner beiden Existenzen ausfüllen konnten. Was, wenn ich doch von vorne beginne, versuche, beide Ich´s zu vereinen? Wäre das wirklich Grundlage für ein erfülltes Leben? Oder war es gerade die untrennbare Linie, der schmale Grat zwischen Verena und mir, der mir das geben konnte, was ich so lange vernachlässigt hatte?

Doch dann ist da immer der stolze Blick meiner Mutter, wenn ich bei Kaffee und Kuchen von einem Meeting mit dem Chef oder einer Geschäftsreise berichte.

Dann beginnt wieder das Pochen im Kopf. Dieses Pochen, das seit einiger Zeit auftritt und rationales Denken nahezu unmöglich machte. Was werden sie denken? Poch.. Was werden sie sagen? Poch.. Was wird man reden? Poch.. Was, was, was… Fragen über Fragen und keine befriedigende Antwort. Wenn die Fragen zu später Stunde zu drängend werden, lade ich meist Verena ein, um den Kopf frei zu bekommen, bei einigen Gläsern Rotwein und angeregten Gesprächen mit einem der zahllosen anderen Nachtschwärmer.

Und ich versuche mir einzureden, dass ich durch mein Doppelleben das Leben an sich doppelt zu schätzen lernte.