shadow

Egal wie dunkel die Zeiten, es gibt immer eine Zukunft

von Amira Lotz

Langsam und unsicher bahnte ich mir den Weg durch die verstaubten, grauen oder teilweise schwarz verbrannten Überreste, die sich vor mir erstreckten, soweit ich blicken konnte. Meine nackten Füße begangen langsam taub zu werden. Ich spürte höchstens vereinzelt leichte Unebenheiten, sachtes Stechen oder ein kleines brennendes Gefühl unter meinen Sohlen, jedoch keinen Schmerz. Nicht mehr.
Ich vernahm ab und zu dumpfes Schreien oder verzweifeltes Weinen, geflüstertes Beten aus jeder Richtung. Von Kindern, die ihre Eltern suchten…wie sie verdreckt und mit tränenüberströmten Gesicht durch die bröckelnden und brennenden Ruinen der Kleinstadt, oder zumindest dem was man noch als solche identifizieren konnte, irrten und dieses kleine bisschen Hoffnung ihn ihren Herzen nicht aufgeben wollten. Die Verzweiflung der Mütter und Väter, die ihre Kinder, ihr größtes persönliches Glück, aus den Trümmern hervorholten, sie freilegten, sie aus ihnen Gräbern befreiten und gebrochen in ihre Arme schlossen.
Das Bild der leblosen Körper, die schlaff in den Armen ihrer Geliebten lagen, brannte sich immer und immer tiefer in mein Gehirn, je weiter mich meine Füße trugen. Trauer, Verzweiflung, Hass, Reue, Verlust. Alles Gefühle, die die Straßen der Stadt fluteten und sie für immer prägen würden. Eine Zerstörung, die in die Geschichte der Menschheit eingehen würde und als Lehre für die Zukunft, wenn es eine geben sollte, dienen wird. Niemals sollte so etwas erneut geschehen.
Mein Blick richtete sich in den grauen Himmel und meine Füße hielten inne. Auch wenn sie sich nicht wie ein Teil von mir anfühlten, nicht real, genauso wenig wie alles Andere in dem Moment, gehorchten sie mir. Alles war mir so surreal. Die Menschen, die Situation, die Gefühle, selbst mein eigener Körper. Fremd.

Der Himmel war für mich immer beruhigend gewesen. Sein sanftes Blau erinnerte mich an meine Mutter, denn es war ihre Lieblingsfarbe. Ich erinnerte mich. Sie saß oft mit mir auf der Liege in unserem Garten und erzählte mir die schönste Geschichte von den Seglern, die vor langer Zeit mal in unserem Land gelebt hatten, während ich meinen Kopf auf ihren Beinen abgelegt hatte und in den Himmel starrte, eine ihrer zierlichen Hände immer darauf bedacht mir durch meine braunen Haare zu fahren. Ich konnte jede ihrer Geschichte vor meinem Auge spielen sehen. Der sanfte Himmel, als ruhiges Meer im Hintergrund. Jeden Tag musste sie mir eine neue Geschichte erzählen, die mich fesselte und in eine andere Welt entführte und jeden Tag schaffte sie es, mir ein breites Kästchenlächeln, so nannte sie es, ins Gesicht zu zaubern und mich auch an regnerischen Tagen, mit einem selbst gebastelten, blauen Himmel aus einer weichen Decke, in meine persönliche Welt zu leiten.
Ihre liebevolle Stimme begleitete mich wie einen guter Geist durch meine Abenteuer und auch jetzt hallte sie in meinen Ohren, doch bewusst nur als Einbildung. Als Wunsch, der nicht mehr erfüllt werden konnte.
Auch wenn ich alles dafür geben würde, dass dieser Wunsch in Erfüllung gehen würde, wäre es niemandem möglich, denn Tote können nicht wieder auferstehen und dieses Wissen war es, dass mich innerlich zerfraß, wie ein wildes Tier ihre Beute. Der Tod war unvermeidlich. Manche holt er früher, andere später, doch fliehen kann keiner. Kein reicher Mensch, kein armer Mensch, kein Überglücklicher und auch kein Unglücklicher. Doch warum entschied der Tod sich für meine Mutter? Warum für meinen Vater? Warum meine kleine Schwester? Und warum nicht für mich?
Warum lässt er mich in dieser kalten, zerstörten Welt alleine zurück, in der ich mich nicht mehr zurechtfinde? Alles sah anders aus, alles fühlte sich anders an. Es war unverständlich und verwirrend. Die Bilder die sich mir boten, waren angsteinflößend, verschreckend, grauenvoll. Ich wollte nicht alleine dastehen, zwischen dem was übriggeblieben ist und mir die Toten und die Trauernden ansehen. Ich wollte nicht da stehen ohne zu wissen wohin ich soll, nein eher wohin ich kann. Und ich wollte nicht da stehen ohne jemanden an meiner Seite, der mir einen Kuss auf die Stirn drückt und mir verspricht, dass alles gut werden würde. Ich wollte nicht alleine sein, denn das war ich noch nie zuvor.

Doch die Asche, die in mein Gesicht rieselte und sich an manchen Stellen mit meinen Tränen zu einer grauen Flüssigkeit vermischte, sagte mir, dass ich genau das ab heute sein werde. Alleine. Alleine in einer grauen Welt, die langsam zu Asche verbrannte und die Menschen unter sich begraben würde.
Diese Realisierung ließ mich für einen kurzen Moment in einem Meer aus Verzweiflung ertrinken. Mein Körper schwer wie Blei und das Gefühl langsam zu ersticken sorgte bei mir für Panik, die mich betäubte und gleichzeitig vor Angst beben ließ. Ich versuchte nach Luft zu schnappen, meine Lunge von dem vermeintlichen Wasser zu befreien und dieses Stechen in meiner Brust los zu werden. Kalter Schweiß bildete sich auf meiner Haut. Meine Hände suchten sich ihren Weg zu meinem Hals und versuchten panisch ihm das erstickende Gefühl zu nehmen, doch sie fanden keinen Halt, keine Schnur oder Schlaufe, die sich um ihm geschlungen hatte und von der er erlöst werden könnte.
Schwarze Punkte tauchten vor meinen weit aufgerissenen Augen aus und tanzten hin und her, während sie immer mehr mein Sichtfeld blockierten, bis ich schlussendlich Blind war und mein Bewusstsein langsam abdriftete. Ich konnte noch spüren wie mein tonnenschwerer Körper auf den harten Boden fiel und eine kleine Wolke aus Dreck und Staub um mich herum aufwirbelte, bevor mich alle Sinne verließen und mich die Erleichterung in einen tiefen Schlaf wiegte, bei dem ich mir nicht sicher war, ob ich wieder aufstehen würde.
Ob ich wieder in dieser grauenhaften Welt aufwachen würde, umstellt von allem was mir zuwider war.

Wassertropfen. Ich hörte wie Wassertropfen auf die Wasseroberfläche prallten und danach verschwanden. Regelmäßiges Tropfen erfüllte die Dunkelheit, in der ich mich befand. Jeder dieser kurzen Töne schien zu Beginn erschreckend laut, verstummte dann sanft im Nichts und ließ Ruhe einkehren, bis der nächste Laut ertönte und erneut verklang.
Eine plötzliche Kälte an meinem Kopf, meiner Stirn, ließ mich aus dem Nichts meinen Herzschlag hören, der durch den Schreck deutlich wurde. Mein Herz schlug also noch…
Ich war nicht tot. Oder?
Langsam bekam ich das Gefühl für meinen Körper wieder. Ich konnte meine Fingerspitzen kribbeln spüren. Sie kribbelten als sie langsam und sachte den Grund unter ihnen ertasteten, jedoch inne hielten, da die rauen Fasern, des vermutlichen Stoffes, sie schmerzen ließen. Waren sie wirklich so empfindlich, oder war der Stoff wirklich so rau und piksig?
Die Kälte an meiner Stirn erregte erneut meine Aufmerksamkeit, als sie wie Tropfen meine Schläfen hinunter floss und anschließend weiter über mein Gesicht wanderte, bis sie plötzlich verschwand und ich einen leichten Windstoß wahrnahm. Meine Haare, ein paar Strähnen dieser, legten sich auf meine Augenlider, kitzelten und piksten sie leicht, und provozierten mich damit, sie zurück hinter mein Ohr zu streichen, gleichzeitig aber auch meine Augen zu öffnen und mich umzusehen. Ich war mir unsicher, ob ich einen Versuch wagen sollte, mich zu bewegen oder meine Augen zu öffnen. War das um mich herum wirklich etwas, was ich sehen wollte? Lohnte es sich? Auch wenn es ruhig war, war es sicher? War es etwas Schönes, dass mich erwartete? Etwas Erleichterndes?
Möchte ich meine Augen öffnen und mich auf das einlassen, was sich mir bietet, ohne zu wissen was dies seine wird?

Ein Gefühl unterbrach meine Gedanken, denn etwas hatte die Strähnen aus meinem Gesicht gestrichen, sanft und vorsichtig, bedacht darauf mich nicht weiter zu berühren. Ein sanfter Luftzug strich durch mein Gesicht und trug den stechenden Geruch eines Parfums in meine Nase. Es war ein Frauen Parfum.
Ein Bild meiner Mutter und meiner Schwester tauchte vor meinem inneren Auge auf und lies ein angenehmes Kribbeln in meinen Bauch aufkommen. Sicherheit und Vertrauen breitete sich in meiner Brust aus. Meine Augenlider flatterten von alleine auf, von der Hoffnung getrieben, meine Geliebten wiederzusehen, sie in meine Arme schließen zu können und ihnen sagen zu können wie wichtig sie mir sind, wie sehr ich sie liebe und wie viel Angst ich hatte, immer noch habe.
Doch das Bild was sich mir bot, waren nicht die braunen Augen meiner Mutter, die im Kontrast zu ihrer recht blassen Haut standen und gerahmt von ihren tief schwarzen Haaren, ein perfektes Bild abgaben.  
Es war nicht das junge Gesicht meiner Schwester, die mich mit ihrem strahlenden Lächeln ansah und sich ihre langen, braunen Haare hinter ihr Ohr strich, ihr Augen zu kleinen Schlitzten verzogen und es war auch nicht die große Gestallt meines Vaters, der mich stolz musterte, mit den Händen an seiner Hüfte gestützt und seinen zurückgegelten, kurzen Haaren, die seiner markanten Gesichtsform schmeichelten.
Nein, vor mir sah ich eine junge Frau, in einem weißen Kittel, neben dem Bett in dem ich lag, sitzen. Ihre Haut trug eine leichte Bräune und der dezente Goldschmuck gab ihrer monotonen Kleidung einen recht eleganten Touch. Ihre blonden Haare waren in einem tiefen, altertümlichen Pferdeschwanz zusammengebunden, doch es stand ihr ausgezeichnet. Sie sah freundlich und offen aus, auch das Lächeln, das ihre Lippen zierte, unterstreicht diesen ersten Eindruck. Sie kam nicht von hier, das war klar. Keine dunklen Haare, helle blaue Augen, nicht wirklich das, was man hier oft sieht. Anders, doch nicht hässlich.

„Du bist wach! Wie schön.“, lächelte sie, ihre sanfte Stimme zu mir durchdringend, doch noch nicht wirklich klar zu verstehen, während sie sich vorsichtig von dem Klemmbrett, dass sie bis eben noch in der Hand hielt, löste und zu mir wandte. Sie schob sich selber, zusammen mit dem Campingstuhl auf dem sie saß, zu mir und griff geradewegs nach meiner Hand, die schwach neben meinem Körper, auf einem Feldbett, so schien es, lag.
„Wie fühlst du dich? Hast du Schmerzen?“, erkundigte sie sich besorgt nach meinem Wohlergehen und strich ruhig mit ihrem Daumen über den Rücken meiner Hand. Es war ein leichtes, kribbelndes Gefühl aber schön, genauso wie die Wärme, die von ihrer Hand aus auf meine Überging und sich von dort aus in meinem Arm verteilte. Die Wärme löste eine angenehme Gänsehaut bei mir aus und ließ mich entspannt aufseufzen.
Erst dann bemerkte ich das kratzende Gefühl in meinem Hals, was mich auch kurz darauf schmerzhaft Husten ließ. Die Anspannung löste einen starken Schmerz in meinem Körper aus, der sich bis dahin nicht annähernd bemerkbar gemacht hatte.
Ich kniff meine Augen schmerzend zusammen und ballte meine Hände zu Fäusten, um einen Ausgleich zu schaffen, jedoch vergeblich. Zwei Hände legten sich an meine Schultern und drückten mich behutsam wieder zurück in das kratzige, improvisierte Bett, bevor erneut die beruhigende Stimme der Frau ertönte, die nun über mich gebeugt dastand und mich ansah.
„Hey, Kleiner…Es ist alles gut. Du darfst dich noch nicht bewegen. In Ordnung?“, brachte sie in einem leicht erschrockenen Ton von sich, da sie wahrscheinlich nicht damit gerechnet hatte, dass ich solche Schmerzen hatte. Das hatte ich ja auch nicht…
Sie strich mir besorgt über den Kopf, als ich aufgehört hatte mich zu bewegen und dementsprechend auch die Schmerzen langsam nachgaben. „Wa-“, versuchte ich eine Frage zu stellen, doch unterbrach mich selbst erneut mit einem Husten. Er trug einen krächzenden und verdreckten Unterton in sich. Meine eigene Stimme, oder zumindest das, was ich bis dahin hören könnte, machte mir Angst. Sie klang wie die eines alten Mannes, der sein ganzes Leben schon rauchte und nun im Sterben lag. Sie war schwach und rau. Es klang wie das Krächzen einer Krähe. Einer erstickenden Krähe.

„Bleib bitte kurz ruhig liegen. Das klang gar nicht gut.“, erklärte die junge Frau hektisch, ehe sie sich von meinem Bett entfernte und hinter einem der vielen Vorhänge verschwand, die überall herunter hingen. Mein Blick wanderte weiter umher, müde hielt ich meine Augen offen. Es war ein Zelt oder ähnliches in dem ich lag. Aus einem dicken, hellbraunen Laken war es gemacht und über hölzerne Stämme, die aus dem Boden, dem sandigen Boden ragten, gespannt. Es sah recht stabil aus, die Sonne schien jedoch trotzdem sanft hindurch.
Was war passiert? Warum war ich hier, in diesem Zelt? Wer war die Frau bei mir?
Bin ich nicht… gestorben?

III

Es dauerte eine Weile, doch die recht junge Frau kam, zusammen mit einer weiteren Person, die sich hinter ihr versteckt hielt, zurück in mein Zimmer, wie ich es notgedrungen nannte. Sie lächelte mich erneut an, auch wenn ihr Blick Besorgnis zu überspielen versuchte, es schien meine Sicht nicht trüben zu können.
In ihrer Hand hielt sie eines dieser Stethoskope, die ich auch oft bei meinem Arzt gesehen hatte, wenn ich krank war. „Ich würde dich gerne einmal abhören, wenn das für dich in Ordnung ist“, fragte sie mich und setzte sich wieder zu mir an das Bett, sodass die Person hinter ihr zum Vorschein trat.
Es war ein großer Mann mit blond, braunem Haar, das leicht gewellt in sein Gesicht fiel. Seine Augen strahlten in einem angenehmen braunen Ton, jedoch mitleidig und die kleinen Stoppeln seines Bartes, ließen ihn ein bisschen verwirrt aussehen, doch nicht ungepflegt. Er war mir irgendwie…sympathisch?
Ja, ich hatte bis jetzt nicht ein Wort mit diesem Mann gewechselt und doch war er mir nicht fremd. Ein seichtes Lächeln schlich sich auf meine Lippen, ich mochte ihn, doch die Verwirrung, darüber was er hier machte, ließ das Lächeln schwinden und mich eine meiner Augenbrauen heben und zu der Frau blicken.
Sie schmunzelt kurz bei dem Blick und begann zu reden: „Dieser Mann hier ist Gother. Er ist derjenige, der dich gefunden und zu mir gebracht hat. Dein Lebensretter.“, grinste sie bei den letzten Worten, ihren Blick durchgehend auf mich gerichtet.
Mein Lebensretter…?
„Wollte ich denn gerettet werden?“
Dieser Gedanke verließ meine Lippen unbewusst, nur geflüstert und mit meiner misshandelten Stimme nur schwer zu verstehen, doch es erreicht anscheinend beide Anwesenden, die einen verwirrten, schon fast erschrocken Blick nicht daran hindern konnte, in ihren Gesichtern aufzutauchen. „Wie heißt du Junge?“
Die männliche, tiefe Stimme des Fremden ertönte unerwartet laut und ließ mich vor Schreck leicht zusammenzucken, was erneut ein schmerzhaftes Ziehen durch meinen Körper schickte, welches ich jedoch versuchte bestmöglich zu ignorieren. Er stemmte seine Hände an seine Hüfte, wie es mein Vater immer gemacht hatte, und sah mich prüfend an. Seine Augen erschienen nun recht kalt oder eher verletzt.
„Kamua.“, brachte ich leise von mir und sah zu dem Mann, sah zu Gother, auf. Mein Hals rebellierte und ließ mich erneut aufhusten. Ich hatte das Gefühl, er würde von innen aufreißen und bluten, denn es brannte und kratzte, als wenn der Krieg in ihm weitergeführt werden würde.
„Kamua! Hier nimm und trink etwas.“, befahl Gother schon fast, während er zu mir ans Bett kam und mir eine kleine, offene Wasserflasche hinhielt. Ich sah sie kurz an, es war eine Marke die ich nicht kannte, doch Durst hatte ich trotzdem, sodass ich sie annahm und mit zitternder Hand zu meinem Mund führte.
Das Wasser tat gut. Es löschte nicht nur meinen Durst, den ich bis jetzt unbewusst verdrängt hatte, sondern war auch angenehm kühl für meinen gereizten Hals und linderte die Schmerzen minimal.

„Was meinst du mit, wollte ich wirklich gerettet werden?“, unterbrach Gother die kurz Stille, die sich zwischen uns aufgebaut hatte und kratzte sich am kurzen Bart. Ich war mir nicht sicher wie ich antworten sollte, es war immerhin ein plötzlicher Gedanke, den ich unabsichtlich ausgesprochen hatte, nicht weiter durchdacht hatte, deswegen schwieg ich.
Ich richtete meinen Blick auf meine Hände, die zusammengefaltet auf meinem Bauch lagen und sah erst wieder auf, als die sanfte Stimme der Frau, deren Namen ich immer noch nicht kannte, mich bat mich aufzusetzen, sofern das möglich war.
Sie hielt mich an meinem Arm fest und half mir auf, um danach ihr Stethoskop zu zücken und mit ihrer warmen Hand unter mein Shirt zu fahren. „Ich höre dich kurz ab und schau mal ob irgendwas mit deiner Lunge ist“, erklärte sie mir ihr Tun und fuhr fort. Sie bat mich kurz mehrmals einzuatmen und ließ mich beinah die Frage Gothers vergessen, doch nur fast…
Was meinte ich damit?

Ich glaube, es machte einfach nicht mehr wirklich Sinn, dass ich hier saß. Warum sollte ich hier sitzen, in dem Wissen, dass ich alleine bin? Ich bin alleine. Ich habe nichts mehr, dass ich liebe. Es gibt nichts was mir wichtig ist. Vielleicht wäre ich sogar jetzt bei meiner Familie, wenn er mich liegen gelassen hätte, wenn er mich einfach ignoriert, nicht beachtet hätte. Aber so. So bin ich alleine. Einsam.
„So Kamua. Ich glaube nicht, dass deine Lunge irgendeinen großen Schaden davongetragen hat, aber trotzdem hört es sich nicht so gut an. Beim Atmen sind da ein paar Nebengeräusche aber die sollten bald verschwinden, da sie wahrscheinlich von dem Dreck kommen, den du eingeatmet hast. Es tut bestimmt weh aber wenn du viel Wasser trinkst geht das vorbei.“
„Wie heißen sie?“, fragte ich sie, nicht auf ihre Worte eingehend, denn ich wollte mich namentlich bei ihr dafür bedanken, dass sie sich um mich gekümmert hat. Auch wenn ich nun nicht wusste, was mir dieses Leben bringen sollte, sie hat sich bemüht, sich die Zeit genommen und meine Mutter hat mir beigebracht, sich bei Menschen, die dir helfen, zu bedanken.
Sie legt ihren Kopf leicht schief, die Frage kam anscheinend sehr unerwartet, doch dann lächelte sie.
„Ich heiße Elisa. Eigentlich Elisabeth aber Elisa reicht.“, antwortete sie und sah mir, mit einem erleichterten Ausdruck auf ihrem Gesicht, in die Augen.
„Danke Elisa, dass du dir die Zeit genommen hast dich um mich zu kümmern.“, versuchte ich mich auch an einem Lächeln und blickte dann wieder hoch zu Gother, der auf der anderen Seite des Bettes stand und noch immer keine Antwort von mir bekommen hatte.
„Gother, ich danke dir auch, dass du mich aufgelesen hast, doch ich bin mir nicht sicher, ob es mir nicht doch lieber gewesen wäre, hättest du mich liegen gelassen.“, versuchte ich dem Mann vor mir zu erklären und sah verlegen, vielleicht auch ein bisschen beschämt, zur Seite. Ein Seufzten ertönte neben mir und Elisa erhob sich von ihrem Stuhl. Sie warf mir einen Blick zu der Trauer in sich trug. „Ich lasse euch das alleine klären. Ich glaube das schafft ihr. Und Kamua, das Leben ist ein wertvolles Geschenk, das es zu schützen gilt, deswegen gibt es Menschen wie mich.“
Damit verschwand sie erneut hinter einem der hängenden Laken und ließ mich mit dem Mann, der mir das Leben gerettet hatte alleine.

Gother sah ihr noch hinterher, als ich zu ihm blickte, doch wandte sich recht schnell wieder mir zu. „Kann ich mich zu dir setzten?“, fragte er ruhig und schenkt mir einen liebevollen, doch auch bedrückten Blick. Ich nickte auf seine Frage nur stumm und versuchte meine Beine ein Stück zu bewegen, um ihm mehr Platzt zu machen. So schmal wie Elisa war er nun nämlich nicht.
Er setzte sich vorsichtig hin und strich kurz über seine braune Hose, ehe er aufblickte und mich ansah.
„Kamua. Was möchtest du mal werden?“
Ich antwortete nicht sofort, sondern überlegte.
„Ich weiß es nicht.“
Das war die einzige Antwort, die ich ihm geben konnte.
Ich meine was soll ich schon werden? Meine Lehrer haben mich immer einen Träumer genannt. Nie habe ich aufgepasst. Nie zugehört oder eine gescheite Antwort gegeben. Ich hatte keinen Beruf der mir gefiel. Jeder hatte eine negative Seite, die ich nicht haben wollte.
„Hast du ein Hobby?“
„Ein Hobby?“, fragte ich nach, doch erwartete nicht wirklich eine Antwort. Das Wiederholen diente mehr zur Verdeutlichung, für mich selber.
„Ich mag Geschichten.“, antwortete ich und musste, dabei an meine Mutter denken was dazu führte, dass sich meine Mundwinkel leicht hoben. Ich liebte Geschichten.
„Geschichten also. Schreibst du sie selber?“
„Nein. Meine Mutter hat mir immer welche erzählt, in denen ich mich verloren habe. Sie waren spannend, es war immer ein Abenteuer.“, erklärte ich und wischte vorsichtig mit dem Rücken meiner Hand über meine Augen, um den aufkommenden Tränen nicht die Möglichkeit zu lassen, ihren Weg über meine Wangen einzuschlagen.
„Deine Mutter war bestimmt eine reizende Frau.“, lächelte Gother aufmunternd und nahm meine freie Hand in seine. Ich nickte zustimmend, glücklich über seine Worte.
„Aber auch wenn sie nicht mehr da ist Kamua. Du bist nicht alleine. Die Geschichte deiner Mutter, lass sie mich doch bitte auch hören. Vielleicht können wir ja gemeinsam über sie schwärmen…“
„Ich kann die aber nicht so gut erzählen.“
„Das ist nicht schlimm. So etwas kann man lernen. Du musst es nur wollen.“
Ich nickte erneut und beruhigte mich kurz von dieser Welle an Gefühlen, die mich traf, um Gother danach jede Geschichte zu erzählen, die mir einfiel. Ich baute manchmal mich oder meine Schwester mit ein. Meine Mutter war in der einen eine bezaubernde Göttin und mein Vater ein mutiger Segler. Es machte mir Spaß, die Geschichten so zu erzählen. Es ließ mich denken, dass sie alle in den Geschichten weiterleben. Das sie glücklich und gesund sind, bei mir sind.
Gother hörte aufmerksam zu, brachte witzige Kommentare mit ein, half mir, wenn mir bestimmte Worte entfallen waren und ließ mich mein Leid in etwas Positives umwandeln auf das ich stolz war.

„Du Kamua? Sag mal, wäre es nicht schön, wenn jeder Mensch die wundervollen Geschichten deiner Mutter hören könnte, lesen könnte?“, fragt der Mann, der mir am Morgen des Tages, als mein Lebensretter vorgestellt wurde und nun fast so etwas wie ein Freund für mich war. Eine Person, die ich gerne um mich hatte.
„Ja, das wäre bestimmt schön, aber so viele Sprachen kann ich nicht.“
Der Mann neben mir lachte kurz laut auf, doch fing sich schnell wieder.
„Nein Junge, da hast du recht aber ein paar Menschen wären doch schon schön, oder?“
Ich nickte grinsend und sah zu meinen Händen runter.
„Möchtest du, dass ich sie aufschreibe?“, fragte ich und sah wieder hoch. Ein leichtes Kribbeln machte sich in meinem Bauch bemerkbar, doch ich wusste nicht was es mir sagen wollte.
„Möchtest du sie aufschreiben?“
Ich zögerte. Will ich das? Kann ich das?
„Alleine?“
Er schüttelte seinen Kopf und sah mich glücklich an.
„Nein, ich helfe dir, wenn du willst. Ich bin nämlich Journalist und kann eigentlich ganz gut Texte schreiben“, schlug er mir vor und sah mich bei seinen letzten Worten stolz an, doch ließ es so lächerlich aussehen, dass ich lachen musste.
„Ich glaube, …“, ich überlegte kurz bevor ich weiter sprach.
„Ich glaube, ich würde sie gerne mit deiner Hilfe aufschreiben. Ich möchte sie jedem zeigen, wenn möglich.“
Er seufzte erleichtert auf und legte seine Hand auf meinen Kopf, bevor er mich vorsichtig zu sich in eine leichte Umarmung zog.
„Das freut mich. Wirklich. Ich wünsche mir sehr, dass du Erfolg mit deinen Geschichten haben wirst und dass du Millionen von Menschen erreichen wirst.“
Bei dem Wort Millionen, ließ er seine freie Hand einmal quer vor uns entlang gleiten, mit einer Begeisterung wie man sie eigentlich nur bei kleinen Kindern sieht, und drückte mich fester an sein Leinenhemd.

„Danke Gother. Danke für Heute und alles was noch folgt“, beendete der junge Mann seinen Vortrag, bevor er das Buch in seinen Händen zusammenklappte und es auf dem Pult vor sich ablegte. „Die Zukunft aus den Augen zu verlieren, ist wie das Leben aufgeben. Seht eine Zukunft auch in den dunkelsten Tagen. Vertraut auf sie und auf euch.“
Er ließ seinen Blick einmal durch das applaudierende Publikum gleiten und verneigte sich sachte, ehe er ein Schluck von dem Wasser nahm, das nahe der Pultkante stand.
„Entschuldigen Sie? Kamua Jeram? Könnte ich vielleicht ein Autogramm haben? Vorne in dieses Buch“, einer der jungen Studenten, die im Publikum saßen kam auf den Einunddreißig Jährigen zu und hielt ihm ein Buch hin, seine Biografie. „Ein Autogramm?“, fragte der Autor und sah den jungen, blonden Mann vor sich an. „Ja, hier rein bitte.“
Der Student war aufgeregt, was deutlich zu sehen war. Kamua Jeram nahm, mit einem sanften Lächeln auf den Lippen, das Buch entgegen und holte einen schwarzen Kugelschreiber aus seiner Tasche. Er öffnete die erste Seite und ließ die Spitze des Stiftes kurz über die Seite huschen.
„Sie waren sechzehn, als das passierte, oder?“, fragte der Junge und nahm dankend sein Buch entgegen.
„Ja war ich, warum?“
„Sie haben hart gekämpft, aber es hat sich gelohnt. Sie sind mein absoluter lieblings Autor! Könnte ich Sie vielleicht auf einen Kaffee einladen? Ich habe viele Fragen zu Ihren Büchern, die ich Ihnen gerne stellen würde.“
Das Lächeln auf dem Gesicht des Älteren wurde breiter und ein Nicken konnte er sich nicht verkneifen.
„Ich bin in einer halben Stunde frei, wenn du so lange warten kannst. Ich beantworte dir auch alle Fragen, die du hast“, stimmte Kamua der Einladung zu und bekam ein aufgeregtes Nicken als Antwort.

Sein Buch war ein Erfolg, durchaus. „Danke Gother.“

Ende