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Eine Aufgabe für zwei

Bianca Vogel, 20 Jahre

Ich wartete schon den ganzen Tag darauf, dass mein Mann von seiner Übung nach Hause kam. Es stürmte schon die ganze Woche, und heute hatte der Sturm seinen Höhepunkt erreicht. Ich hoffte, dass er es trotzdem noch schaffen würde. Ich hatte alles für seine heutige Ankunft vorbereitet. Ich hatte die Wohnung geputzt, das Lieblingsessen meines Mannes gekocht, meine beste Kleidung angezogen und das Bett im Schlafzimmer neu bezogen. Als ich dann den Schlüssel im Türschloss hörte, fing mein Herz an zu rasen. Vier Wochen hatten wir uns jetzt schon nicht gesehen.

Ich lief zur Tür, und in dem Moment, als er die Wohnung betrat und wir uns in die Augen sahen, ließ er all seine Sachen fallen und umarmte mich fest. Tränen traten in meine Augen, ich wollte ihn gar nicht mehr loslassen. Die Sehnsucht nach ihm war mit den Wochen immer größer geworden. Ich war so froh, ihn wieder bei mir zu haben!

Wie ich gehofft hatte, fielen ihm meine Bemühungen, ihm zu gefallen, auf. Wir waren noch nicht lange verheiratet, und die Lust nacheinander war noch sehr groß. Gerade diese Enthaltsamkeit merkte ich meinem Mann an. Später ging ich mit einem Morgenmantel bekleidet in die Küche und wärmte meinem Mann das Essen auf. Während ich darauf wartete, dass das Essen warm wurde, fiel mir auf, dass der Wind so stark geworden war, dass die Gardine wackelte. Jetzt fing sogar das Licht an zu flackern. Mit einem mulmigen Gefühl, ging ich zu meinem Mann und sagte zu ihm:
»Ich glaube, heute wird noch etwas sehr Schreckliches passieren. Auf jeden Fall wird der Strom ausfallen. Ich hol schon mal die Kerzen und leg sie bereit.«
Mein Mann folgte mir in die Abstellkammer, und während ich die Kerzen heraussuchte, sagte er zu mir: »Es kann schon mal passieren, dass der Strom ausfällt, wenn der Wind so stark ist. Deswegen musst du dir wirklich keine Sorgen machen. Wenn der Wind abflaut, wird der Strom auch wiederkommen. Und wenn wirklich etwas Schlimmes passieren sollte, hätten sie im Radio schon lange eine Meldung gebracht. Und bis jetzt kam ja noch nichts.«
Beruhigter durch diese Aussage, aber noch nicht vollends entspannt, legte ich die Kerzen bereit. Das Essen für meinen Mann war mittlerweile warm geworden, und er aß es mit großem Appetit. Das Licht flackerte immer mal wieder. Wir setzten uns im Wohnzimmer auf das Sofa, um gemeinsam ein wenig fernzusehen. Der Gemütlichkeit wegen kuschelte ich mich an meinen Mann. Irgendwann achtete ich nicht mehr auf den Fernseher, sondern lauschte nur noch dem gleichmäßigen Herzschlag meines Liebsten. Mit diesem vertrauten Geräusch in meinem Ohr dauerte es gar nicht lang und ich schlief ein. Dass mein Mann mich ins Bett trug, bekam ich gar nicht mehr mit.

Erst ein vehementes Klopfen an der Tür weckte mich wieder. Es war so gegen halb zwölf. Mein Mann zog sich schnell etwas über und ging an die Tür. Ich musste nicht lange auf ihn warten, da kam er wieder und sagte zu mir: »Wasser fließt die Straße hinauf. Eine Flut kommt. Ich weiß nicht, wie hoch das Wasser steigt, pack die wichtigsten Sachen zusammen, sodass wir wenn nötig sofort weiter hoch auf den Dachboden können. Wir werden wahrscheinlich auch Nachbarn zu uns in die Wohnung holen.«
Ich wurde ganz starr unter der warmen Bettdecke. Was passierte gerade? Eben war es doch noch so schön gewesen. Er redete ruhig weiter. »Lass uns aber erst einmal abwarten. Im Moment ist das Wasser erst ein paar Zentimeter hoch, steigt jedoch stetig.« Ich richtete mich im Bett auf. Die Luft im Zimmer war kühl geworden, weil der Wind durch die Fensterritzen pfiff. Das machte mich endgültig wach. Langsam begriff ich, was da auf uns zukam. Mit dem Ausmaß, das es dann annahm, hatte ich aber zu diesem Zeitpunkt nicht gerechnet.

Ich zog mir schnell das Erstbeste, was mir in die Finger kam, über und wollte das Licht anmachen. Erst da fiel mir auf, dass der Strom nun endgültig ausgefallen war. Zum Glück hatte ich die Kerzen schon bereitgelegt, sodass ich nun ohne langes Suchen Licht hatte. Für mich war jetzt das Wichtigste, erst einmal alles an Lebensmitteln zusammenzupacken, um diese dann, sollte es nötig sein, schnell nach oben zu schaffen. Nachdem ich dies getan hatte, packte ich noch meine wertvollsten Erinnerungsstücke zusammen, wie zum Beispiel unser Hochzeitsfoto. Mein Mann schaute währenddessen immer wieder aus dem Fenster und beobachtete das ansteigende Wasser. Ihm fiel auf, dass einige Menschen um diese Uhrzeit unterwegs waren, wohl um noch nach Hause zu gelangen. Es war wohl irgendwo in der Nachbarschaft eine Veranstaltung gewesen.
Ich merkte meinem Mann an, dass er sich Sorgen um die Menschen machte. Als ich nun endlich selber aus dem Fenster sah – es war mein erster Blick auf die Flut – sah ich, dass das Wasser den Menschen schon fast bis an die Knie reichte. Man sah ihnen an, dass sie nur schwer vorankamen. Mein Mann legte den Arm um mich und sagte: »Wir müssen den Menschen da unten helfen. Wir können doch nicht zuschauen, wie sie sich dort unten durch das Wasser kämpfen und womöglich weggerissen werden. Sieh doch, wie stark die Strömung ist.«

Ich kannte meinen Mann gut genug um zu wissen, dass er auch ohne meine Zustimmung hinuntergehen würde, um den Menschen zu helfen. So sah ich ihm noch einmal fest in die Augen gab ihm einen Kuss, in den ich all meine Gefühle legte, und sagte zu ihm: » Geh hinunter, ich kann dich ja doch nicht aufhalten.«
Mein Mann zog sich seine Regensachen an und ging schnell die Treppe hinunter. Tränen traten in meine Augen, ich hatte große Angst, dass ihm etwas zustoßen würde.

Ich war froh, endlich wieder zu Hause zu sein. Ich hatte meine Frau unendlich vermisst. Dass unsere gemeinsame Zeit wieder nur so kurz sein würde, damit hatte wohl keiner von uns beiden gerechnet. Die Nachricht, dass eine Sturmflut auf uns zukommen würde, überraschte und beunruhigte mich zugleich. Ich hatte damit gerechnet, dass wir noch einige Zeit lang einen gewaltigen Sturm haben würden, aber an eine Flut hatte ich nicht gedacht.
Ich schaute aus dem Fenster und beobachtete, wie das Wasser immer weiter anstieg. Es war sehr beunruhigend dabei zuzusehen, wie die Nachbarschaft wortwörtlich im Wasser versank. Ich sah, wie einige Menschen noch versuchten heimzugehen. Das Wasser war mittlerweile fast knietief. Man konnte auch sehen, dass eine starke Strömung herrschen musste, denn Dinge, die sonst normalerweise in Gärten zur Dekoration standen, schwammen in großer Geschwindigkeit an unserem Haus vorbei. Ich konnte nicht mehr zuschauen, wie die Menschen sich dort unten quälten, um noch nach Hause zu kommen. Ich musste ihnen helfen! Ich sagte dies meiner Frau, und sie stimmte mir zu. Sie küsste mich noch einmal, bevor ich losging.

Ich wusste, dass sie sich große Sorgen um mich machen würde, aber ich könnte es mir nie verzeihen, wenn Menschen sterben würden, nur weil ich ihnen nicht geholfen hatte. So zog ich mir wasserfeste Kleidung an und rannte die Stufen hinunter. Das Wasser fing gerade an, in unser Treppenhaus zu laufen. Ich klopfte noch schnell bei den Nachbarn und sagte ihnen, dass sie ihre Sachen nehmen und hoch in unsere Wohnung gehen sollten. Ohne eine weitere Erklärung ging ich nun nach draußen und lotste die ersten Menschen, die mir begegneten, in unser Treppenhaus hoch in die Wohnung. Es waren nicht viele. Die meisten, die ich vom Fenster aus gesehen hatte, waren schon zu weit weg, um sie noch in unsere Wohnung zu retten.

Das Wasser stieg immer schneller, mittlerweile reichte es mir schon bis zu den Oberschenkeln und stieg noch immer. Ich kam selber kaum noch voran. Jedem, den ich jetzt noch in unser Haus holte, stand Dankbarkeit in den Augen. Ich sah jetzt nur noch einen älteren Mann in einigen Metern Entfernung zu unserem Haus mit dem Wasser kämpfen, und dabei strudelte es immer schneller.
Hüfthoch war es jetzt.

Ich konnte mich selber nur noch an Dingen festhalten und mich mit aller Kraft voranziehen. Ich rief ihm zu, dass er zu mir kommen solle, während ich mich weiter zu ihm kämpfte, um ihm zu helfen. Der Mann konnte sich kaum noch gegen die Fluten stemmen. Ich konnte es ihm nachempfinden, denn ich kam nur unter Anspannung aller Muskeln näher zu ihm. Als ich ihn endlich erreicht hatte, zog ich ihn mit aller Kraft, die ich noch aufbringen konnte, in Richtung meines Hauses. Mir war es in dem Moment wichtiger, den Mann zu retten als mich selber zu retten. Ich konnte den Mann gerade noch in unser Treppenhaus befördern, da wurde ich selber von der Strömung mitgerissen. Der Sog war so stark, dass ich gar nicht dazu kam, in irgendeiner Weise zu versuchen zu schwimmen. Kaum war ich wieder an der Oberfläche, um zu atmen, wurde ich erneut heruntergezogen. Dieses Wasser um mich herum. Überall nur Wasser. Panik überkam mich. Ich konnte nichts tun. Immer wieder überrollte mich das Wasser. Meine Kleidung war gänzlich vollgesogen, ich konnte mich kaum bewegen. Aber mein Überlebenswille ließ mich immer wieder versuchen, zu schwimmen oder mich irgendwo festzuhalten. Ich hatte schon fast aufgegeben, da erwischte ich einen Sims, kurz bevor ich mit dem Kopf dagegen stieß. Es kostete mich all meine Stärke, mich dort fest zuhalten. Eine Weile schaffte ich es. Ich wusste nicht wie viel Zeit vergangen war. Aber meine Hände spürte ich kaum noch. Ich wusste nur, wenn in der nächsten Zeit niemand kommen würde, um mich zu retten, würde ich doch noch untergehen. Ich war unendlich müde. Die einzige Person die ich jetzt noch sehen wollte, war meine Frau. Sie noch einmal in meinen Armen halten, noch einmal ihr bezauberndes Lächeln sehen, das wäre das Größte. In Gedanken an meine Frau versunken, vernahm ich Geräusche, die sich nach einem Motor anhörten. Ich sammelte noch einmal all meine Kraft, die ich hatte, und schrie nach Leibeskräften um Hilfe. Ich hatte Glück, sie sahen mich und zogen mich zu sich ins Boot. Ich war gerettet. Endlich.

Als ich sah, wie mein Mann von der Strömung mitgerissen wurde, rechnete ich eigentlich damit, dass ich ihn nie wieder sehen würde. Ich stand wie erstarrt am Fenster und merkte kaum, wie die nassen Gestalten, die sich bei uns eingefunden hatten, den alten Mann hereinzogen. Erst als mich jemand um Verbandszeug bat, um die Schürfwunden, die er sich zugezogen hatte, zu verbinden, reagierte ich. Ich hatte eine Aufgabe. Ich musste das Werk meines Mannes zu Ende führen, Decken und trockene Sachen verteilen, heißen Tee kochen. Ich arbeitete wie in Trance.

Ich musste lange warten, bis ich eine Nachricht bekam, wie es meinem Mann ging. Als ich dann hörte, dass es ihm gut ging, war meine Erleichterung riesengroß. Ich teilte sie mit den vielen fremden Menschen in unserer Wohnung.
In dieser Nacht kamen 318 Menschen in Hamburg ums Leben. Mein Mann hat dazu beigetragen, dass es nicht noch mehr wurden.