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Eine Heldin, die keine sein will

von Fatma, Selina und Vanessa

Helga Rodenbecks Mutter ist schuld. Sie hatte ihre Tochter mitgenommen, als sie in der Vorweihnachtszeit die Mitarbeiter ihres Mannes, eines Unternehmers, besuchte. Damals war Helga noch ein Kind. „Die Armut in diesen Familien, aber auch die Warmherzigkeit, die ich dort erlebt habe, haben mich so beeindruckt, dass ich meine Mutter mit 13 bat, mir ein Praktikum in der Familienfürsorge zu organisieren“, erzählt die heute 62-Jährige. Ihre Leidenschaft, Menschen zu helfen, blieb. Sie wurde Sozialarbeiterin. Wir holen Helga Rodenbeck in ihrem Büro in der Blankeneser Kirche ab. Hier arbeitet sie gemeinsam mit anderen ehrenamtlichen Helfern aus der Gemeinde für den „Runden Tisch“, eine Hilfsorganisation für Flüchtlinge, die sie vor 23 Jahren gegründet hat. Die Mutter von zwei erwachsenen Kindern – blonde Locken, roten Lippenstift und freundliche blaue Augen – spricht schnell und präzise. Sie sagt nichts Unnötiges, wie Menschen, die nicht viel Zeit haben, weil ihr Tag randvoll ist mit Terminen. Wir fahren mit ihr nach Sülldorf zum Flüchtlingsheim Sieversstücken. In den gelb-weißen 9 Holzhäusern mit den spitzen Giebeln leben 371 Menschen aus 40 Ländern, einige von ihnen schon seit mehr als 15 Jahren. Menschen, die eine erschütternde Vergangenheit haben, weil sie Gewalt und Krieg erlebt haben, ihre Heimat verlassen mussten und oft alles auf der Flucht verloren haben. Nun versuchen sie, so gut es geht, das Geschehene zu verarbeiten und sich in diesem Land eine neue Identität aufzubauen. Beim Betreten des eingezäunten Grundstücks steigt unsere Anspannung. Wie werden die Menschen wohl sein, die hier leben? Wird man ihren Schmerz und ihr Leid in ihren Gesichtern erkennen können? In den Nachrichten wird meist nur das Negative über Flüchtlinge berichtet, z. B. wenn es mal wieder Ärger in einem Flüchtlingsheim gibt. Doch wie die einzelnen Menschen, sich fühlen, erfährt man eigentlich nicht. An einem Container mit Nahrungsmitteln gleich am Eingang stehen vier Männer und eine Frau. Die Männer haben schwarze Haare und braune Augen, sie lächeln uns freundlich an. Zur Begrüßung legt jeder von ihnen die rechte Hand aufs Herz. Die Atmosphäre ist sehr gelassen. Wir sind erstaunt, das haben wir nicht erwartet. Überall auf dem Gelände begegnen wir sehr freundlichen Menschen, die uns mit einem wunderschönen Lächeln begrüßen. Sobald sie Helga Rodenbeck sehen, kommen die Leute auf sie zu und schütteln ihr die Hand. Man spürt deutlich: Helga ist die leitende Kraft im Flüchtlingsheim Sieversstücken, sie wird von allen hier sehr geschätzt. Dies wird auch deutlich während unseres Interviews. Helga muss immer wieder das Gespräch unterbrechen, weil Mitarbeiter und Flüchtlinge auf sie zukommen und sie um Rat und Hilfe bitten. Sie erzählt uns, dass sie mindestens 40 Stunden in der Woche damit beschäftigt ist, die Flüchtlinge zu betreuen. Sie und die anderen Helfer, von denen noch 60 weitere im Heim arbeiten, begleiten die Flüchtlinge zu Ämtern, kümmern sich darum, dass sie Deutschkurse besuchen können, bieten den Kindern Möglichkeiten, mit anderen Kindern zu spielen und suchen Kontakt zu deutschen Familien, um ihnen aus der Isolation herauszuhelfen. Oder sie hören einfach nur zu und versuchen, zu trösten, so gut es geht. Doch es ist auch schon vorgekommen, dass Helga plötzlich zwei Streitenden stand und schlichten musste. „Nein“, sagt sie, „Angst kenne ich eigentlich nicht. Bisher ist mir auch glücklicherweise noch nichts passiert.“ Und wie belastend sind für sie selbst die Sorgen und Nöte dieser Menschen? „Ich habe gelernt, die Probleme nicht mit nach Hause zu nehmen“, sagt Helga. Sie geht regelmäßig zu einer psychologischen Beratung, wo sich ein Experte ihrer Sorgen annimmt. Dennoch sei es für sie jedes Mal der schlimmste Moment, wenn eine Flüchtlingsfamilie, für die sie gekämpft hat, in ihr Heimatland zurückgeschickt wird, weil der Asylantrag abgelehnt worden ist. Man merkt Helga an, wie sehr sie mit den Menschen leidet, die diese Situation, oftmals nach jahrelangem Warten auf Asyl, erleiden müssen. Dann rückten mitten in der Nacht ein Mannschaftswagen der Polizei mit zehn Beamten an, man wirft den Flüchtlingen einige der blauen Ikea-Tüten zu, und sie müssten in Rekordgeschwindindigkeit ihre Habseligkeiten zusammenpacken und werden zum Flughafen gefahren. Von dort bringt sie ein Flugzeug auf Kosten des deutschen Staates in ihr Heimatland zurück. „Eine furchtbare Aktion“, sagt die Sozialarbeiterin. „Wie kann man nur so wenig Feingefühl haben?“ So ungern Helga Rodenbeck über sich selbst spricht, würde sie den Begriff „Heldin“ für sich niemals gelten lassen. Wir sehen das anders. Aber das Typische an echten Helden ist ja auch, dass sie keine sein wollen.