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von Josi Harden

„Wie lange noch?“, flüstere ich Lena zu.

„Noch fünfzehn Minuten, Sarah“, antwortet sie. Die Mathestunde geht heute mal wieder gar nicht vorbei. Ich habe das Gefühl, dass die Lehrer die Uhr zurück stellen, wenn wir nicht aufpassen. Nur damit sie es schaffen, uns den gesamten Stoff beizubringen. Mal sehen, wer noch aufpasst. Die Streber da vorne bekommen ihren Arm gar nicht mehr runter. Hinten, bei uns in der Reihe, passt keiner mehr auf. Lena sitzt neben mir und isst ihr Franzbrötchen. Es riecht so lecker, und ich bin kurz davor, es ihr aus der Hand zu reißen, weil ich noch nichts gegessen habe. Im Hintergrund höre ich das Ticken der Uhr. Es macht mich wahnsinnig!

Meine Güte, wie kann man den Unterricht so langweilig gestalten? Ihhhh…, unter meinem Tisch klebt Kaugummi! Wie eklig…! Einige wissen wohl immer noch nicht, wozu ein Mülleimer gut ist. Ich möchte nur noch weg von hier. Und kalt ist es auch noch, weil die Heizungen mal wieder ausgefallen sind. Ich sitze hier in meiner dicken Jacke und frier mir trotzdem den Arsch ab.

„Wie lange noch?“, frage ich Lena erneut.

„Noch zehn Minuten. Kommst du in der Pause mit zur Kantine?“, fragt sie mich.

„Ja klar, kann ich machen.“

„Würdet ihr euer Gespräch bitte in die Pause verlegen?“, fragt Herr Limbke mit so einem falschen Grinsen.

„Aber sicher“, lächle ich zurück, denke aber, dass er mich mal kreuzweise kann. Neunzig Prozent der Schüler passen nicht auf, hören Musik oder malen irgendetwas, und er spricht mich an, nur weil ich frage, wie spät es ist? Ich glaube, er hasst mich!

Endlich klingelt es zur Pause und alle springen auf, packen ihre Sachen zusammen und laufen nach draußen. Die Pause ist mal wieder superlustig. Lena und ich kugeln uns vor Lachen, als wir auf dem Weg zur Kantine sind. Mit ihr wird es einfach nie langweilig! Lena und ich stellen uns zu den Jungs aus unserer Nebenklasse. Die haben einen Neuen und Lena findet ihn total süß.

„Hey, wie geht’s?“, fragt sie in die Runde.

„Läuft!“, antworten die anderen.

„Und bei euch? Wie war Mathe?“, fragt Louis.

„Wie immer! Weißt du doch“, antworte ich.

„Ich geh‘ kurz zum Kiosk. Kommt jemand mit?“, fragt der Neue.

Ich weiß nicht einmal, wie er heißt, aber er scheint ganz nett zu sein. Kaum hat er seinen Satz beendet, schreit: „Ich komme mit! Wollte sowieso gerade hin.“

Ich kann mein Grinsen kaum verstecken und auch die anderen gucken Lena erstaunt an. Langsam merkt sie, dass sie ein bisschen übertrieben reagiert hat und wird leicht rot.

„Na, dann lass uns mal los“, drängelt Lena.

Die anderen Jungs entscheiden sich, noch mal eine Runde über den Schulhof zu drehen. Ich lehne ab, weil ich noch auf Lena warten möchte, und auch Louis will nicht mit, weil ihm das Wetter zu schlecht ist.

„Was ist denn zwischen Lena und Markus los?“, fragt mich Louis, als alle anderen weg sind.

„Ach, so heißt er!“, entgegne ich. „Ich weiß es nicht, und wenn, würde ich es dir bestimmt nicht sagen, weil sie meine beste Freundin ist.“

„Ich frag ja nur. Vielleicht sagst du ihr aber lieber, dass er eine Freundin hat. Nicht, dass sie sich noch Hoffnungen macht.“

Ich zucke mit den Schultern. Ich denke mir, dass es ihr nichts ausmachen wird, weil sie jede Woche einen anderen Jungen toll findet. Louis und ich verbringen noch die ganze Pause zusammen. Irgendwie ist mir noch nie aufgefallen, dass man sich total gut mit ihm unterhalten kann.

 

 

Zu Hause angekommen, schmeiße ich meine Tasche in die Ecke und verschwinde gleich in meinem Zimmer.

Ich höre nur ein leises „Hallo Sarah, Essen ist gleich fertig!“

Aber das interessiert mich nicht weiter. Ich leg mich auf mein Bett und bin kurz davor einzuschlafen. Als ich so vor mich hin döse, muss ich wieder an den Streit von gestern denken. Dieses Mal hatten sich meine Eltern so heftig in die Haare bekommen, dass Papa auf dem Sofa schlafen musste. Wo soll das denn noch hinführen? Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll. Ich kann mich doch nicht in den Streit meiner Eltern einmischen. So wirklich eine Ahnung, worüber sie sich streiten, habe ich nämlich nicht. Aber wenn ich deswegen bald von hier weg muss, geht es mich schon etwas an. Vielleicht sollte ich einzeln mit den beiden reden. Aber ob das noch etwas bringt? Und schon wieder möchte ich einfach nur weg von hier! Meine Mutter platzt rein.

„Alles in Ordnung bei dir?“, fragt sie.

Ich überlege einen Moment. Jetzt wäre die Gelegenheit mit ihr zu reden. „Ja, alles okay!“, sage ich und drehe mich um, weil ich eine Träne wegwischen muss.

 

In der Küche steht das Essen auf dem Tisch. Mama ist schon wieder weg, um zu arbeiten. Neben meinem Teller liegt ein kleiner, blauer Zettel: „Bin wieder zur Arbeit gefahren. Nachtisch steht im Kühlschrank. Guten Appetit!“

Ich gehe zum Kühlschrank. Wow, Schokoladenpudding, wie jeden Tag! Ich schlendere zum Tisch zurück und fange an zu essen. Unsere Küche ist echt gemütlich. Früher saßen wir immer zu viert hier; meistens an den Wochenenden, zum Frühstück. Wir haben uns gut verstanden. Selbst, dass Felix, mein Bruder, eigentlich nervig ist, war mir in solchen Situationen egal. Es ist ja nicht so, dass wir uns nie gut verstehen. Aber jetzt ist er 13 und nervt nur noch, weil er sich total toll findet. Und meine Eltern, die sind immer unterwegs, oder Mama sitzt im Wohnzimmer und Papa liest in der Küche Zeitung. Es ist schon lange her, dass wir mal alle gemeinsam hier in dieser Sitzecke gegessen haben. Ich bekomme so starke Bauchschmerzen, dass ich gar keinen Hunger mehr habe.

Es klingelt an der Tür. Oh nein, Felix! Das ist echt der letzte Mensch, auf den ich jetzt gut zu sprechen bin. Ich mach auf, werfe ihm ein kurzes „Hallo“ an den Kopf und verschwinde mit dem Pudding in meinem Zimmer.

„Warum hast du so gute Laune?“, fragt er mich ironisch.

„Nerv mich jetzt nicht!“, schrei ich aus meinem Zimmer zurück. Ich setze mich an meinen Schreibtisch und mache den Computer an.

Den Schreibtisch sollte ich auch mal wieder aufräumen, am besten gleich mein ganzes Zimmer. Es ist so unordentlich, aber ich bin ja auch kaum hier und es stört mich auch nicht wirklich. Überall liegen Klamotten auf dem Fußboden. Das kommt davon, dass ich morgens nie weiß, was ich anziehen soll. Auf dem Schreibtisch sammelt sich schon ein Berg von Schulsachen an. Ich muss das alles noch erledigen! Ich komm einfach nicht dazu und wenn, dann habe ich keine Lust oder nicht die Kraft dazu.

Mal schauen, wer mir alles geschrieben hat. Nur Lena: „Hey Maus! Wann treffen wir uns heute?“

Ach ja, sie wollte in die Stadt mit mir. Und schon wieder habe ich keine Zeit für die Schule!

Oh, eine Freundschaftseinladung. Max? Den kenn ich gar nicht. Ich frag ihn erst mal, wer er ist, bevor ich ihn annehme.

Das Telefon klingelt. Ich bin leider nicht schnell genug und Felix geht ran. „Sarah!“, schreit er aus dem Wohnzimmer, „es ist Lena. Sie will dich sprechen.“

„Ach nein! Mich? Wieso bloß?“, schnauze ich ihn an.

„Haha! Wieso können deine Freunde dich nicht auf dem Handy anrufen? Ich mach gerade Hausaufgaben!“, beschwert sich Felix.

„Dann geh doch nicht ans Telefon!“, zicke ich zurück.

„Na, was gibt’s?“, frage ich Lena.

„Hast du meine Nachricht nicht bekommen? Ich steh unten vor der Tür. Möchtest du jetzt mit mir in die Stadt kommen?“

„Hab sie gerade gelesen. Ich bin in 5 Minuten unten!“

„Okay, bis gleich.“

 

Um neun bin ich dann wieder zu Hause.

„Wo warst du denn so lange Sarah?“, löchert mich Papa.

„In der Stadt. Tut mir leid. Es ist ein bisschen spät geworden.“

„Ein bisschen ist gut. Du hast morgen wieder Schule und in deinem Zimmer, könnte man meinen, hat eine Bombe eingeschlagen! Morgen bleibst du zu Hause und räumst auf. Und überhaupt, hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?“

„Ja, mach ich und ja, hab ich Papa! Ich bin dann mal in meinem Zimmer.“ Er will noch etwas sagen, aber da bin ich schon verschwunden. Ein Einfaches „Hey, wie geht’s dir? Wie war dein Tag?“ hätte ich auch toll gefunden. Aber dafür hab ich drei superschöne neue Oberteile aus der Stadt mitgebracht. Es war wieder richtig lustig heute. Und ich habe Lena auch über Markus ausgefragt. Er scheint wohl doch nicht ihr Typ zu sein und als ich ihr gesagt habe, dass er sowieso eine Freundin hat, schien sie völlig abgeneigt.

„Andere Mütter haben auch schöne Söhne!“, sagte sie dann.

Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Boah, bin ich kaputt. Wir waren aber auch in jedem Geschäft, nur damit sie ihre „tollen“ Schuhe findet. Im Endeffekt hat sie sich dann ein Kleid gekauft, als Trost, weil wir die Schuhe nicht gefunden haben.

Oh, eine Nachricht von Max: „Du kennst mich noch nicht, aber ich würde dich gerne kennen lernen. Ich finde, du bist echt hübsch!“

Och Gottchen, wie niedlich. Na, den kann man ja mal annehmen. Dann gucke ich mir mal seine Bilder an. Der sieht gar nicht so schlecht aus.

‚Hey Ho, wie geht’s dir?‘ Jetzt schreibt er mich auch noch an.

‚Ganz gut und dir?‘

Geschrieben haben wir dann bis um zwei. Ich kann mich gerade noch in mein Bett schleppen und schlafe auch sofort ein.

 

 

„Huch! Was ist denn mit dir los? Geht’s dir nicht gut?“, fragt Lena mich vor der Deutschstunde.

„Mir geht’s gut. Ich bin nur derbe müde. Ich war noch bis zwei am PC.“ „Wieso das denn? Sollten wir zu heute was abgeben?“

„Nee, ich habe gestern mit einem ganz netten Jungen geschrieben. Er heißt Max und ist super süß.“

„Du weißt schon, dass du mir alles erzählen musst?“

„Aber das macht ihr dann bitte nach dem Unterricht“, mischt sich Frau Boll ein. „Ich will mit der Stunde beginnen.“

„Aber dann in der Pause“, flüstert Lena mir zu.

Ich muss die ganze Stunde an ihn denken. Ich habe noch nie so lange mit einem Jungen gechattet. Echt witzig, was wir alles für Gemeinsamkeiten haben. Zum Beispiel liebt er Pistazieneis, genau wie ich. Ich kenne echt keinen, der es mag, außer ihn und mich. Heute wollen wir wieder chatten (schreiben). Ich freu mich schon drauf. In der Fünfminutenpause hakt Lena noch mal nach: „Also, beschreib ihn mal. Was macht er? Wo wohnt er und so weiter…“

„Er heißt Max, ist 18 und wohnt auch in Hamburg. Er hat mich auf einem verlinkten Bild gesehen und hat mich dann als Freund hinzugefügt. Er macht mir ständig Komplimente und immerhin haben wir fünf Stunden geschrieben. Heute wollen wir wieder chatten.“

„Süß! Dann werd ich mir den nachher auch mal angucken. Ich will ja wissen, in wen du dich da verguckst!“

„Nein. Soweit ist es noch nicht, aber toll finde ich ihn schon. Oh, ich bekomme gerade eine Nachricht von ihm – ‚Hey kleiner Sonnenschein! Ich wünsche dir viel Spaß in der Schule. Denk an dich…‘ -, och wie niedlich! Er denkt an mich.“

„Du hast ihm deine Handynummer gegeben? Du kennst ihn doch gar nicht. Ich hätte das nicht gemacht.“

„Wieso denn nicht? Er ist doch ganz nett. Das hast du doch eben selber gesagt.“

„Ja Sarah, aber du kennst ihn nicht. Es ist zwar toll, was er alles schreibt und macht und tut, aber sei bitte vorsichtig, okay?“

„Hä? Was soll das denn jetzt?“, reagiere ich gereizt. „Du musst mir das doch nicht gleich schlecht reden, nur weil du keinen Freund hast und sowieso im Moment nicht viel Glück mit Jungs hast!“ Oh nein! Das hab ich jetzt nicht wirklich gesagt, oder?

Lena guckt mich entsetzt an. Sie kann es kaum fassen, was ich grade zu ihr gesagt habe.

„Es tut mir leid Lena. Das wollte ich nicht so sagen, wirklich nicht, aber du triffst dich im Moment mit sehr vielen Jungs und naja, es wird schon über dich geredet. Das hab ich dir auch schon vor ein paar Tagen gesagt.“

„Du bist total bescheuert? Wie kannst du so etwas sagen? Sowas sagt man doch nicht über seine beste Freundin. Niemand spricht über mich! Und wenn, dann wäre es mir auch egal. Ich bin so, wie ich bin, und ich dachte immer, du stehst hinter mir!“

„Das tue ich doch auch! Ich meine das doch auch nicht böse.“

„Ach nein? Das klang aber anders. Nur weil mich Jungs einfach interessanter finden als dich, machst du jetzt eine(n) auf ‚Beschützerin’? Danke Sarah, aber das muss ich mir echt nicht geben!“

Lena ist so laut geworden, dass sich schon die halbe Klasse zu uns umdreht.

„Muss jetzt jeder von unserem Streit mitkriegen?“, versuche ich sie zu beruhigen.

„Mir ist das so was von egal, ob das jemand mitbekommt! Soll doch jeder wissen, wie hinterhältig du bist!“

„Wieso bin ich hinterhältig? Ich sag doch nur die Wahrheit.“

„Die Wahrheit? Du spielst mir die ganze Zeit ‚die beste Freundin’ vor und jetzt fällst du mir in den Rücken! Wahrscheinlich lästerst du schon mit anderen über mich!“

„Lena! Das würde ich nie tun! Komm doch mal wieder runter.“

„Nein Sarah, das werde ich nicht. Ich hab keine Lust mehr auf dich! Viel Spaß noch mit diesem komischen Typen, dem du schon nach einem Tag deine Handynummer gibst. Geht echt gar nicht!“

Sie steht auf und geht rüber zu Tara und Marie aus unserer Klasse. Alle gucken mich fragend an, und ich möchte am liebsten im Erdboden versinken. Wie konnte sie mich nur so peinlich machen? Und jetzt lässt sie mich hier auch noch allein(e) sitzen.

„So, die fünf Minuten sind um. Setzt euch bitte wieder hin.“

Die ganze Deutschstunde reden wir kein Wort mehr miteinander.

 

 

Wieso sind alle gegen mich? Ich habe doch nichts Schlimmes getan. Selbst Lena hält nicht mehr zu mir.

Ich liege in meinem Zimmer. Mitten auf dem Fußboden. Das mache ich immer, wenn es mir schlecht geht. Ich liege zwischen den ganzen Sachen, die über dem Boden verteilt sind. Das Chaos hier könnte man mit meinem Leben im Moment vergleichen. Wenigstens kann ich mein Zimmer abschließen und habe hier meine Ruhe. Ich zwinge mich aufzustehen und schiebe langsam meine Klamotten auf einen Haufen. Irgendwann muss ich ja mal aufräumen.

Ich lege meine Sachen zusammen und stopfe sie in meinen großen, dunkelbraunen Schrank, der eigentlich immer noch zu klein für meine ganzen Klamotten ist. Ich schließe die Tür und schaue im Türspiegel direkt in mein Gesicht.

Oh Gott, sehe ich verheult aus.

Meine Wimperntusche ist nicht mehr da, wo sie sein soll. Sie ist über die Wangen gelaufen und total verwischt. Mein Handy klingelt.

Ach du Kacke, es ist Max! Ich habe gerade einen riesigen Kloß im Hals. Hoffentlich hört man das nicht. (dass man es bestimmt hört.)

„Hey Max. Wie geht’s dir?“

„Na Kleine, mir geht’s super! Und dir? Ist irgendwas? Du klingst so traurig.“

„Mir geht es gerade nicht so gut. Hab im Moment viel Stress.“

„Och, du Arme! Soll ich vorbeikommen?“

„Nein, ist schon okay. Aber das ist (aber) echt lieb von dir. Wollten wir uns nicht heute Abend schreiben?“

„Ja, aber ich habe dich gerade vermisst und wollte mal deine Stimme hören! Aber erzähl mal, was ist denn los? Vielleicht kann ich dir ja helfen.“

Während ich ihm die ganze Story mit meinen Eltern erzähle, räume ich nebenbei noch ein bisschen auf. Neben meinem Bett liegen noch zwei Teller. Ich esse in letzter Zeit viel lieber alleine in meinem Zimmer, weil ich meine Ruhe haben will. Ich wische ein bisschen Staub von meinem Regal, über meinem Bett, weg. Der hat sich schon seit zwei Wochen dort angesammelt. Dabei entdecke ich einen Bilderahmen mit einem Foto. Darauf sind Lena und ich zu sehen. Ich habe es von ihr zu unserem 10-jährigen Jubiläum bekommen. Ich würde es am liebsten gegen meine knallrot gestrichene Wand donnern. Aber ich mache es nicht, weil ich nicht so bin, wie meine Mutter (bin).

„Und warum ist Lena jetzt sauer auf dich?“, fragt mich Max.

„Ach, ist nicht so wichtig“, antworte ich.

„Ich würde dich gerne aufmuntern. Du tust mir echt leid. Wenn ich irgendetwas für dich tun kann, sag mir Bescheid. Du kannst mich immer anrufen.“

„Danke Max. Du bist echt der einzige, der noch zu mir hält.“

 

„Hey, warte mal!”, schreit Louis mir hinterher, als ich auf dem Weg zum Schultor bin.

„Was ist denn bei dir und Lena vorgefallen? Habt ihr Streit?”

„Du weißt auch alles, oder? Ja, im Moment ist sie total komisch zu mir. Ist mir aber wurscht. Sie kann machen, was sie will!”

„Und das aus deinem Mund! Ihr hängt doch sonst immer wie Kletten aneinander.”

Ich antworte ihm nicht und so schweigen wir auf dem Heimweg.

„Was machst du am Samstag? Hast du vielleicht Lust zu mir zu kommen?“, fragt mich Louis nach einer Weile. „Ich habe ein paar Leute eingeladen.”

„Mal schauen. Ich muss noch viel lernen dieses Wochenende.”

„Ich würde mich auf jeden Fall freuen!”

„Alles klar. Bis dann!”, antworte ich und biege in meine Straße ab.

Zu Hause angekommen klingelt mein Handy plötzlich.

Eine Nachricht von Max: Wolltest du mir nicht schreiben? Oder hast du es wegen etwas Wichtigerem vergessen?

Okay. Sehr merkwürdig. Aber ich habe jetzt keine Lust, zurück zu schreiben. Ich esse erst mal etwas.

Das Essen steht wie jeden Tag auf dem Tisch und es ist kein anderer da. Nach dem Essen setze ich mich an den PC. Ich mache den Fernseher an.

Mal schauen, was es gerade so gibt.

Mein Handy summt. Wieder eine SMS von Max.

Ups, den hab ich ja total vergessen!

Wieso schreibst du nicht zurück? Mache mir Sorgen! Kuss, Max.

Wieso macht er sich Sorgen? Ich glaube, ich rufe ihn lieber mal an.

„Hallo?”, sagt Max am anderen Ende der Leitung.

„Na, du. Ich bin’s, Sarah. Ist alles in Ordnung bei dir?”

„Ja, schon. Und bei dir?”

„Es tut mir leid, dass ich mich nicht bei dir gemeldet habe, aber…”

„Du warst beschäftigt, ich weiß”, fällt er mir ins Wort.

„Wie du weißt? Was weißt du? Was ist denn los?”

„Ach, ich wollte dich eigentlich von der Schule abholen, aber du bist ja mit diesem Jungen nach Hause gegangen und da wollte ich nicht stören!”

„Woher weißt du, wo ich zur Schule gehe?”

„Das steht auf deiner Facebook-Seite. Naja, ist ja auch egal. Jetzt bin ich wieder zu Hause. Aber dieser Junge…”

„Da läuft nichts”, wimmle ich ihn ab. „Wirklich nicht. Es ist nur ein Freund von mir.”

Wir telefonieren noch eine Stunde, und er entschuldigt sich noch mal für sein Verhalten.

„Ich hätte dir vorher Bescheid sagen sollen, dass ich dich abholen möchte.”

„Ist schon in Ordnung”, beruhige ich ihn.

Es wird Zeit, etwas für die Schule zu tun.

 

Ich kann es echt nicht fassen, als ich auf meine gemachten Mathehausaufgaben gucke. Alles erledigt. So schwer war es eigentlich gar nicht. Ich überlege mir noch, ein bisschen joggen zu gehen, weil ich gerade dringend frische Luft brauche. Aber vorher guck ich noch einmal bei Facebook rein. Zack! Da werd ich auch schon von Max angeschrieben.

Es ist ja echt süß, dass er an mich denkt, aber er klammert ein bisschen.

Ich schreibe ihm, dass ich gleich noch mal joggen will und mich kurz umziehe. Nachdem ich mich von ihm verabschiedet habe, mache ich den PC aus und zieh mich an.

„Na, wo wollen wir denn noch hin?”, fragt mich Papa, als ich auf dem Weg nach draußen bin.

„Ich geh noch mal kurz joggen.”

„Jetzt noch? Es wird schon langsam dunkel.”

„Ja ja, ich weiß. Ich bin rechtzeitig wieder da. Hausaufgaben habe ich auch schon gemacht. Also dann, bis später!”

Ich knall die Tür hinter mir zu, bevor Papa mich noch aufhält. Ich mache meinen MP3 Player an und gehe durch unseren Vorgarten. Mein Vater ruft mir noch etwas hinterher, aber ich höre ihn nicht richtig und mache meine Musik noch ein bisschen lauter.

Na dann mal los! Ich bin schon lange nicht mehr gelaufen. Mal schauen, wie weit ich es schaffe.

Während ich jogge, vergesse ich alles um mich herum. All meine Probleme und all den Stress, es ist so, als ob ich einfach davon laufe und alles hinter mir lasse. Doch nach fünfzehn Minuten bekomme ich Seitenstiche.

So ganz in Form bin ich wohl nicht mehr. Naja, in zehn Minuten geht es bestimmt wieder, denke ich mir.

Ich gehe am Straßenrand Schritt. Auf einmal fährt ein Auto ganz langsam an mir vorbei. Ein paar Meter weiter hält es an und parkt in der nächsten Parklücke. Es ist schon etwas dunkler und deswegen wundere ich mich, warum es ohne Licht gefahren ist. Langsam nähere ich mich dem Auto und gucke einen kurzen Moment hinein. Aber ich sehe nur eine dunkle Gestalt.

Auch als ich an dem Auto vorbeigegangen bin, steigt niemand aus.

Der wartet bestimmt nur auf jemanden, beruhige ich mich.

Zügig gehe ich weiter. Ein paar Male drehe ich mich um und schaue nach dem Auto, um zu sehen, ob dieser Fremde mir hinterher fährt. Doch der Wagen steht immer noch da. Ich gehe in die nächste Straße und versuche weiter zu laufen. Plötzlich bekomme ich so ein komisches Gefühl.

Ist jemand hinter mir? Soll ich mich umdrehen oder einfach weiter laufen?

Hektisch dreh ich mich um, niemand da. Ich laufe weiter.

Ab nach Hause. Das ist ja echt gruselig, denke ich panisch.

Beim Laufen drehe ich mich um und…, da! Da ist wieder dieser Wagen! Ich laufe schneller, doch der Wagen verfolgt mich. Ich renne wieder, aber ich kann ihn nicht abhängen.

Lass dir etwas einfallen, Sarah! Man(n), was soll denn das? Kann dieser Idiot nicht woanders fahren?

Da fällt mir eine Abkürzung ein. Schnell biege ich nach rechts in einen kleinen Weg ab. Auch wenn der Autofahrer dort nicht hinein kommt, renne ich noch eine Weile, bis ich dann total außer Atem zu Hause ankomme.

Verdammter Mist! Was war das denn? Bin ich gerade verfolgt worden?

Und noch mal schaue ich mich hektisch um. Vor lauter Angst zittern mir die Beine. Im Rückwärtsgang gehe ich ganz langsam Richtung Haustür, als mich etwas von hinten packt. Schreiend drehe ich mich um.

„Bist du bescheuert? Wieso erschrickst du mich denn so? Ich hasse dich! Echt jetzt!”

Mein kleiner Bruder steht vor mir und grinst über beide Wangen.

„Wenn du so laut Musik hörst. Da kann ich ja nichts für. Du stehst mir im Weg, Sarah! Ich muss den Müll wegbringen.”

Wütend stratze ich an ihm vorbei.

„Alles okay Sarah? Ich hab dich schreien hören”, fragt mich meine Mutter mit einem erstaunten Blick.

„Ich…, da draußen…, ähm…, ist egal. Ist alles okay, ja. Wie war die Arbeit?”, lenke ich ab.

„Wie immer. Ziemlich stressig. Ich muss dieses Wochenende auch arbeiten. Deswegen geht das mit dem geplanten Ausflug leider nicht. Es tut mir wirklich leid! Du hast dich bestimmt schon gefreu…”

„Ist schon gut. Ein anderes Mal dann eben. Ich bin kurz duschen!”, antworte ich und verschwinde im Bad.

Leise höre ich meine Eltern noch reden.

„Jens, irgendwie benimmt sich Sarah im Moment komisch. Das macht mir Sorgen. Willst du mal mit ihr reden?”

„Ich soll mit ihr reden? Was meinst du, warum sie so komisch ist? Ich kann es mir denken. Du natürlich nicht. Du bist ja sowieso nie da! Dann bekommt man auch nichts mit von der eigenen Tochter.”

„Jetzt fang doch nicht schon wieder damit an! Du weißt ganz genau, wie wichtig mir mein Job ist. Oder willst du, dass ich kündige? Dann kannst du gerne mehr Geld verdienen und den Kindern ihre Wünsche erfüllen!”

„Jetzt komm mir nicht schon wieder so, Klara!”

Und wieder geht das Geschrei los. Ich kann es nicht mehr hören. Unter der Dusche denke ich noch mal über das Auto von vorhin (eben) nach und mein Herz fängt schon wieder an zu rasen.

Als ich aus der Dusche komme, merke ich, dass ich gar keine Klamotten mit ins Bad genommen habe. Ich tapse ganz leise in mein Zimmer, denn ich will nicht, dass mein Bruder mich sieht. Der Scherzkeks hört ja gar nicht mehr mit seinen Streichen auf. Während ich mir etwas Neues zum Anziehen aus dem Schrank suche, mache ich Musik an.

So langsam habe ich mich von meinem Schock erholt und mache den Computer an. Ich melde mich bei Facebook an und sehe, dass Lena etwas auf ihre Seite gepostet hat: Heute war super Mädels! Erstmal schön shoppen gewesen. 😀 Ich liebe euch!!!

Ja ganz klasse! Jetzt hat sie mich total vergessen. War das neulich von mir so schlimm, dass sie sich gleich neue Freunde sucht?

Traurig gehe ich an mein Fenster und setze mich auf meinen großen, gemütlichen, knallroten Sessel. Ich schau nach draußen und muss an Lena denken. Mir kommen wieder die Tränen. Mein Blick wandert von dem Eiskaffee auf der anderen Straßenseite zu dem großen, alten Baum gegenüber. Ich bekomme einen Schock. Da fährt das Auto von vorhin.

Es parkt am Straßenrand. Ich springe von meinem Sessel auf, renne zum Lichtschalter und mache das Licht aus.

„Das ist der Fremde von eben”, flüstere ich mit zittriger Stimme zu mir selbst (zu).

Langsam nähere ich mich meinem Fenster wieder. Dabei halte ich den Atem an, als ob ER (derjenige) es hören könnte. Ich verstecke mich hinter meiner Gardine. Ganz vorsichtig wage ich einen Blick nach draußen. Ich traue meinen Augen nicht. Ist das etwa Max, der da aus dem Auto steigt. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber der Typ sieht den Bildern im Internet sehr ähnlich.

Wenn er es wirklich ist, dann hat ER mich verfolgt und mir solche Angst eingejagt! Ich zittere am ganzen Körper. Ich wage mich, keinen Zentimeter zu bewegen. Ist er das wirklich? Es ist schon so dunkel. Ich kann sein Gesicht nicht gut genug erkennen. Er lehnt sich gegen sein Auto und guckt das Haus an. Er mustert es richtig.

„Sarah?”, ruft meine Mutter aus dem Wohnzimmer, „Kommst du mal eben? Papa und ich wollen mit dir und deinem Bruder reden.”

Ich zucke zusammen.

“Ich komme gleich!”

Langsam und vorsichtig bewege ich mich zur Tür. Immer mit einem Auge auf dem Mann da draußen.

„Ich kann aber nicht so lange, weil ich noch Hausaufgaben machen muss.”

Das ist natürlich gelogen, aber ich will nicht von dieser unheimlichen Gestalt erzählen.

„Setz dich erst einmal hin. Du auch Felix”, sagt meine Mutter.

„Also…”, fängt sie an zu reden. Doch bevor sie weiter erzählen kann, funkt mein Bruder dazwischen.

„Ich hab auch eine super Nachricht für euch! Sarah hat einen Verehrer. Und ich soll dich von ihm grüßen, Sarah!”

„Oh, das ist aber süß. Wie heißt er denn Sarah? Ich wusste, dass da irgendetwas ist. Du warst schon die ganz Zeit so komisch.”

„Nein Mama! Ich habe keinen Verehrer oder einen Freund oder sonst was! Felix spinnt mal wieder. Wie kommst du dazu, so einen Scheiß zu erzählen?”

„Ich erzähle keinen Scheiß. Ich hab ihn eben draußen getroffen und er hat mich gefragt, ob ich dich kenne. Ich soll dich grüßen. Wenn ihr mir nicht glaubt, dann geht doch mal vor die Tür. Er ist bestimmt noch da!”

Mir läuft es kalt den Rücken runter.

Was hat er grade gesagt? Oh mein Gott. Ich glaub das grad alles nicht!

„Na, den werde ich mir mal genauer angucken. Wartet er auf dich, Sarah?”, fragt mich Papa.

„N… nein. Da ist keiner draußen! Wirklich nicht. Felix hat mal wieder seine fünf Minuten. Bleib doch hier Papa! Wolltet ihr uns nicht irgendetwas erzählen?”

„Wieso bist du denn so panisch? Sind wir dir etwa peinlich?”, fragt Papa und ist dabei (ist er) auch schon auf dem Weg zur Tür.

Ich rase ihm hinterher und will ihn aufhalten, doch da macht er schon die Haustür auf.

„Papa! Komm wieder rein!”, ruf ich ihm hinterher.

Er steht mitten in der Tür und ich kann nicht an ihm vorbei sehen. Ich frag mich, was wohl gleich passieren wird. Tausend Gedanken schießen (gehen) mir durch den Kopf. Wieso verfolgt mich Max? Was will er von mir? Was hat er vor, und was wird er machen, wenn mein Vater ihn sieht?

„Wo ist denn dein Freund?”, wundert sich Papa.

Ich dränge mich an ihm vorbei. Niemand da. Das Auto ist weg und Max auch. Verwirrt gehe ich wieder rein.

„Sag ich doch. Felix spinnt mal wieder! Aber ihr wolltet mir ja nicht glauben, wie immer!”

„Er war da. Ich schwöre es!”, beharrt Felix.

„Ist ja nun auch egal. Kinder, kommt mal wieder ins Wohnzimmer zurück. Wir möchten jetzt wirklich mit euch reden.”

Ich weiß gleich, worum es geht, (als) noch bevor Mama ihren Satz beendet. Und ich habe recht. Sie erzählen uns gefühlte tausend Stunden, warum sie sich dazu entschlossen haben, getrennte Wege zu gehen. Mein Bruder und ich sagen die ganze Zeit nichts. Bei ihm liegt es daran, dass er so geschockt ist und bloß nicht zeigen will, dass er kurz vorm Heulen ist. Es tut mir irgendwie leid, ihn so sehen zu müssen. Ich kann mich gar nicht richtig konzentrieren. Monate lang bekam ich Bauchschmerzen, weil ich genau vor dieser Situation Angst hatte. Und jetzt ist mein Alptraum wahr geworden. Meine Eltern trennen sich!

Aber ich kann nichts dagegen sagen, weil ich noch so unter Schock stehe. Ich glaube, das ist heute alles zu viel für mich (heute) gewesen.

„Ich denke, das reicht erst einmal fürs Erste (heute). Wir lassen euch jetzt darüber nachdenken. Es ist mit Sicherheit nicht leicht für euch. Aber für uns war es auch keine leichte Entscheidung. Ihr müsst nur wissen, dass es nicht an euch liegt, und wir lieben euch beide unglaublich doll. Wenn ihr reden wollt, könnt ihr das gerne machen. Ihr dürft uns auch anschreien, wenn euch danach ist.”

Das sind Mamas letzten Worte. Danach herrscht Stille. Mama und Papa gucken uns fragend an.

„Ich würd jetzt gerne in mein Zimmer gehen, wenn ich darf”, schluchzt mein kleiner Bruder.

„Klar, ist okay. Aber wenn was ist, sind Papa und ich da.”

„Ich will jetzt auch erst einmal alleine sein”, sage ich, stehe auf und verschwinde wortlos in meinem Zimmer.

Da liege ich nun wieder, mitten auf dem Fußboden. Aber weinen kann ich irgendwie nicht mehr. Ich hatte es ja schon geahnt, dass es einmal so kommen wird. Mein Kopf fühlt sich so vollgestopft an, als ob er gleich platzen würde. Während ich versuche meine Gedanken zu ordnen, höre ich ein leises Klopfen.

„Sarah? Darf ich reinkommen?”, fragt Felix, der total verheult aussieht.

„Na klar, komm rein.”

Er setzt sich zu mir auf den Boden, und ich nehme ihn in den Arm.

„Es tut mir leid Sarah. Ich wollte dich vorhin nicht ärgern. Ich hoffe, du bist nicht sauer auf mich. Ich brauch dich doch!”

Dann kann er sich nicht mehr zurück halten und bricht erneut in Tränen aus.

„Ist schon okay. Ich bin dir nicht böse. Du bist doch mein kleiner Bruder. Auch wenn du manchmal echt nervig bist, liebe ich dich. Alles wird gut!”

Ich halte ihn noch eine halbe Stunde in meinem Arm und tröste ihn, bis er einschläft. Wie ein kleines, süßes Baby schläft er. Er wirkt so friedlich. Ich vergesse all den Streit, den wir in letzter Zeit hatten. Er tut mir in diesem Moment einfach nur leid. Behutsam trage ich ihn in mein Bett. Das ist gar nicht so einfach, denn er ist in letzter Zeit doch sehr groß und schwer geworden. Ich lege mich neben ihn und schlafe ein paar Augenblicke später auch ein.

 

 

Um elf wachen wir beide auf. Unsere Eltern haben uns nicht geweckt, weil Wochenende ist.

„Guten Morgen Felix. Wie hast du geschlafen?”

„Ganz gut. Und du?”, antwortet er mit seiner immer noch verheulten ?? Stimme.

„Ich hab eigentlich auch ganz gut geschlafen.”

„Wieso hast du mich nicht geweckt? Ich hätte auch in meinem Zimmer schlafen können.”

„Ach, du warst so kaputt gestern, da wollte ich dich nicht noch mal wecken. Ist dir das jetzt peinlich, dass du mit deiner Schwester in einem Bett geschlafen hast?”, frag ich ihn mit einem Grinsen.

„Quatsch! Du bist mir doch nicht peinlich. Aber ich werd mal frühstücken gehen. Soll ich dir auch was machen?”

„Nein danke, ich bleib noch ein bisschen liegen.”

„Okay, dann eben nicht. Ich hab jetzt Hunger”, sagt Felix und geht zur Tür.

„Sarah? Ich…, ich hab dich lieb”, murmelt er (vor sich hin).

„Ich dich auch, du Spinner”, antworte ich und lache.

 

Mathe kann einen ja mal so richtig aufregen, denke ich, als ich meine Übungsaufgaben mache.

Seit einer Stunde sitze ich schon am meinem Schreibtisch und komm nicht weiter. Normalerweise ruft mich Lena in solchen Situationen an. Aber die scheint ja beschäftigt zu sein. Mein Blick wandert in die Richtung meines Computers. Drei Nachrichten von Max und ich habe sie alle noch nicht gelesen. Ich traue mich irgendwie nicht. Da fällt mir plötzlich ein, dass ich von Louis eingeladen bin. Den ruf ich mal an.

“Ja, hallöchen Sarah. Na, wie geht’s dir?”, sagt Louis.

„Woher weißt du, dass ich es bin?”

„Ich kenn doch deine Nummer auswendig.”

„Ach echt? Nicht schlecht. Ja, mir geht es ganz okay und dir?”

„Mir geht’s super. Ich plan gerade für heute Abend. Du kommst doch auch, oder?”

„Ja klar komm ich! Wann soll ich denn bei dir sein?”

„So um acht wäre toll. Bringst du jemanden mit?”

„Ich weiß noch nicht. Ich frag mal rum, wer noch Zeit hat, okay?”

„Alles klar! Ich freu mich. Und übrigens, Lena kommt auch nicht. Da brauchst du dir schon mal keine Gedanken machen.”

„Okay gut. Die kann ich im Moment echt nicht ab. Also dann bis nachher. Ich freu mich auch! Ach so, soll ich noch was mitbringen?”

„Nein, brauchst du nicht, hab für alles gesorgt. Dann bis später!”

 

Es ist schon halb acht. (und) Ich stehe (gerade) vor meinem Schrank und krame mir mein Outfit für heute Abend raus. Meine Freundin Svea berät mich. Ich habe vorhin herumgefragt, wer Zeit hat und sie hatte noch nichts vor. Ich will da ja nicht alleine heute hin. Das würde total blöd rüberkommen.

„Das sieht gut aus!”, sagt Svea mit einem strahlenden Lächeln.

„Ja? Hm…, okay, dann ziehe ich wohl das an.”

Ich hab einen blauen Minirock an und oben rum ein Top. Das Oberteil habe ich mir neulich mit Lena in der Stadt gekauft(holt). Da waren wir ja noch befreundet. Nur ein paar Tage später reden wir kein Wort mehr miteinander. Echt krass. Naja, aber das Oberteil sieht trotzdem gut aus. Es ist weiß und am Ausschnitt hat es ein wenig Spitze. Sieht irgendwie süß aus. Dazu werde ich wohl braune Halbstiefel anziehen, denn so warm ist es draußen nicht.

„Man, ich hätte auch so gerne deine Figur. Du kannst einfach alles tragen!”, jammert sie.

“Ach, Quatsch! Du siehst doch toll aus. Und ich liebe deine Haare!”, antworte ich darauf.

Sie hat wunderschöne, rote, lockige Haare, die so ein unglaubliches Volumen haben.

Da komm ich mit meinen glatten, blonden Haaren nicht annähernd ran.

Um acht gehen wir dann los. Ich wundere mich, dass mein Vater nichts an meinem Outfit auszusetzen hat, sonst regt er sich doch immer über meine Miniröcke auf.

Ich glaube, dass er wegen der ganzen Situation ein schlechtes Gewissen hat. „Viel Spaß euch beiden. Und passt auf euch auf!”, ruft Mama uns noch hinterher.

 

Um halb neun kommen wir bei Louis an. Er macht uns auf.

„Hey, ihr beiden Hübschen! Kommt rein.”

Wir ziehen unsere Jacken aus, und er bringt uns ins Wohnzimmer. Dort sitzen schon sämtliche Leute von unserer Schule. Auf dem Tisch stehen ein paar Flaschen Alkohol.

„Na, wer hat den denn gekauft?”, frage ich grinsend.

„Mein großer Bruder war so nett!”, antwortet Louis und mustert mich.

„Ich glaub, Louis steht auf dich, Sarah”, flüstert mir Svea zu.

„Und ich glaube, er hat schon ein bisschen zu viel in sein Glas geguckt.”

Wir beide müssen laut anfangen zu lachen. Wir setzen uns in die Runde und begrüßen erst einmal alle. Die meisten sind schon angeheitert und super gut drauf.

Der Abend an sich ist ziemlich toll und alle verstehen sich. Gegen halb elf klingelt es an der Tür. Louis geht raus, um aufzumachen und einen Augenblick später kommen die drei Grazien rein.

Oh nein! Bitte, um alles in der Welt! Warum ausgerechnet die, denke ich, als Lena mit ihren zwei Hühnern ankommt. Schon ziemlich angetrunken und mit lautem Kichern torkeln sie herein.

„Hallo Leute! Na, was seid ihr für Saufnasen?”, lallt Lena.

Louis guckt mich fragend an. Ich werfe ihm nur einen ‚Ist mir doch egal‘- Blick zu. Aber genau das ist es nicht! Gar nicht! Mich kotzt es richtig an, dass sie heute Abend hier ist. Wer hat sie bitte eingeladen?

„Ich geh kurz raus. Brauch frische Luft”, murmel ich Svea zu.

„Soll ich mitkommen?”, fragt sie mich.

„Ne ne, schon gut. Ich bin gleich wieder da.”

Ich gehe unauffällig raus, vorbei an den taumelnden drei Mädels.

Draußen angekommen atme ich einmal tief durch.

So Sarah, entweder du beruhigst dich jetzt und versuchst Lena den ganzen Abend zu ignorieren oder du machst dich auf den Heimweg und schenkst dir deine schlechte Laune. Aber vielleicht kommt Lena ja doch noch auf mich zu oder will mit mir noch mal in Ruhe reden.

Während ich so darüber nachdenke, schlendere ich die kleine Spielstraße entlang. Es ist ein bisschen kalt, aber ich finde es grade sehr angenehm draußen und die frische Luft tut mir echt gut. Niemand ist auf der Straße. Kein Geräusch ist zu hören, nur das Rauschen im Wind ist sehr laut.

Auf einmal knallt eine Autotür zu. Ich zucke zusammen. Hektisch drehe ich mich um. Niemand zu sehen. Doch, da! Eine dunkle Gestalt, etwas weiter hinten. Ich bleibe starr stehen und rühre mich keinen Zentimeter mehr. Die Gestalt bleibt neben dem Auto stehen. Ich weiß nicht genau, was ich machen soll und schreie in die Richtung: „Hey! Willst du auch zu Louis? Der wohnt dort im Haus. Du stehst schon direkt davor.”

Keine Antwort. Die fremde Gestalt kommt auf mich zu. Ich bleibe einfach stehen. Je näher die Person kommt, desto mehr kann ich sie erkennen. Es ist ein Mann.

„Hallo Sarah”, sagt er und steht mir direkt gegenüber.

Es ist Max.

„Wie geht’s dir? Du hast dich gar nicht mehr bei mir gemeldet. Ich hab dir Nachrichten geschrieben.”

„Was machst du hier?”, frage ich ihn. „Woher weißt du, wo ich bin? Wer hat dir das gesagt?”

„Niemand. Du hast deiner Freundin auf die Pinnwand geschrieben, ob sie heute mit zu Louis kommen will. Ich bin zu dir gefahren und hab geguckt, wo du hingehst”, antwortet er mit einem selbstverständlichen Gesichtsausdruck.

„Du bist mir gefolgt? Und dann hast du hier die ganze Zeit gewartet? Was soll das? Wieso verfolgst du mich?”

„Du hast mir nicht geantwortet und ich wollte dich sehen. Endlich sehe ich dich mal. Du bist so wunderschön. Wirklich, echt hübsch!”

„Du bist doch verrückt! Du verfolgst mich und wartest vor der Haustür von meinem Freund!? Hast du nichts Besseres zu tun? Du machst mir echt Angst damit!”, sag ich zu ihm.

„Ist Louis dein Freund? Ich denke, du hast keinen Freund. Hast du mich angelogen?”

„Das geht dich gar nichts an! Lass mich in Ruhe und fahr nach Hause! Ich will dich nicht mehr sehen. Du bist ja…, du bist ein richtiger Stalker!”

Ich gehe an ihm vorbei und bin auf dem Weg zu Louis Haus.

„Warte doch mal! Bleib stehen”, ruft er mir hinterher, geht mir nach und hält mich am Arm fest.

„Lass mich los!”, brülle ich. „Du bist doch krank. Hast mich gestern bis zu meiner Haustür verfolgt und redest dann noch mit meinem Bruder über mich!”

„Schrei doch nicht so rum! Komm mal wieder runter und bleib verdammt noch mal stehen”, versucht er mich zu beruhigen.

Aber ich bin nicht zu beruhigen. Ich will einfach weg von hier. Ich reiße mich los und laufe immer schneller zurück zum Haus. Ich höre seine Schritte hinter mir. Auf einmal packt er mich von hinten und zieht mich an sich ran. Ich schreie laut auf und versuche mich zu befreien, aber er ist zu stark für mich. Immer wieder schreie ich: „Las mich los! Ich will das nicht!” Hoffentlich hört mich jemand. Er hält mir den Mund zu und zerrt mich zu seinem Auto. Mit allen Mitteln versuche ich mich gegen ihn zu wehren, aber es bringt nichts. Ich bekomme Panik.

Verdammt noch mal. Wieso lässt er mich nicht los? Will er mir jetzt etwas antun? Es gelingt mir, mich loszureißen und ich laufe weg. Er ist aber schneller als ich.

„Ich hab dir gesagt, du sollst nicht weglaufen!”

„Du bist ein Spinner. Fass mich nicht an!”, schrei ich.

Zack! Da hab ich auch schon seine Faust im Gesicht.

„Nenn mich nicht Spinner!”, droht er mir und packt wieder zu.

Wieder versuche ich mich zu befreien. Aber er hat mich zu fest im Griff. Ich kann kaum atmen. Er stopft mich ins Auto, gleich hat er mich ganz drin, plötzlich lässt er mich los. Einfach so. Stille. Ich drehe meinen Kopf und sehe auf die Straße. Da! Max liegt bewusstlos auf dem Boden.

„Sarah! Alles okay bei dir? Hat er dir etwas angetan?”, fragt Louis, der wie aus dem Nichts aufgetaucht ist.

„Nein. Ich…, ich bin okay. Danke”, antworte ich noch etwas benommen.

„Du blutest ja! Wer ist das, Sarah? Und was wollte er von dir?”

„Ich weiß nicht, was er wollte. Ich dachte, dass er mich jetzt…”, ich fange an zu weinen.

„Hey, komm her. Es ist alles wieder gut. Ich rufe schnell die Polizei und die regelt den Rest. Komm, ich bring dich rein.”

 

Eine viertel Stunde später ist die Polizei (dann) da. Ich muss noch mal alles von vorn erzählen. Von meinem ersten Kontakt mit Max bei Facebook.

Ich will es eigentlich nicht, weil ich noch so unter Schock stehe und weil es mir peinlich ist, aber es muss ja sein. Alle meine Freunde, die heute Abend hier sind, begreifen die Welt nicht mehr. Sie starren mich nur an. Es tut gut, dass Louis neben mir sitzt und meine Hand hält.

Ohne ihn wäre ich jetzt… naja, auf jeden Fall nicht hier, denke ich und bin echt erleichtert.

„Vielen Dank für deine Aussage. Wir werden den Mann(x) erst einmal mitnehmen. Der ist jetzt auch wieder aufgewacht. Wer hat ihn denn so außer Gefecht gesetzt?”

„Ich war das”, sagt Louis stolz. „Ich hab mal eine Zeit lang Kampfsport gemacht und da hab ich noch einiges von behalten.”

„Man kann auf jeden Fall sagen, dass du zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort warst”, sagt der Polizist.

Da kommen auch schon meine Eltern. Meine Mutter hat Tränen in den Augen und mein Vater guckt auch ganz entsetzt.

„Sarah! Was machst du denn für Sachen?”, sagt Mama und fällt mir in die Arme.

„Es ist alles gut. Mir geht es ja gut.”

„Nein, gar nichts ist gut! Oh Gott Sarah, ich hab einen solchen Schock bekommen, als ich ans Telefon gegangen bin und die Polizei mir alles geschildert hat. Wieso hast du uns nichts erzählt? Das wäre doch alles nie so weit gekommen, wenn du mit uns gesprochen hättest!”, sagt sie und fängt an zu weinen.

„Klara, lass sie doch erst mal Luft holen. Wir können froh sein, dass nichts Ernstes passiert ist. Aber das nächste Mal sagst du uns sofort Bescheid, wenn etwas nicht stimmt, okay Sarah? Auch wenn deine Mutter und ich jetzt getrennte Wege gehen, sind wir immer für dich und deinen Bruder da. In letzter Zeit haben wir euch ein bisschen vernachlässigt, weil wir zu sehr mit uns beschäftigt waren, aber das wird sich ändern, versprochen!”, sagt Papa und nimmt mich auch in den Arm.

Langsam gehen wir nach draußen zum Auto.

„Sarah?”

Ich drehe mich um.

„Es…, es tut mir leid, das in der Schule neulich. Ich weiß nicht, was mich da geritten hat. Ich wollte dir nicht weh tun und ich weiß, dass du hinter mir stehst, Sarah“, sagt Lena und fängt an zu schluchzen. „Wenn dir jetzt irgendetwas passiert wäre…, ich hätte mir solche Vorwürfe gemacht! Mir kam dieser Max von Anfang an so komisch vor und anstatt noch mehr auf dich zu achten, hab ich dich einfach ignoriert! Es tut mir so unendlich doll leid”, sagt Lena, und ich nehme sie in den Arm.

“Es ist ja nichts passiert. Ich bin dir auch nicht böse. Ich melde mich morgen bei dir, okay?”

“Alles klar, mach das. Ich bin zu Hause. Du kannst mich jeder Zeit anrufen.”

Ich gehe weiter und gucke noch einmal zu dem Ort, wo das Auto von Max steht. Es ist immer noch da. Max wird gerade abgeführt. Ich schaue ihm direkt ins Gesicht. Sein Gesichtsausdruck ist so leer und ich kann es einfach nicht fassen, dass er zu so etwas im Stande war. Mama zieht mich zu sich ran.

“Guck da nicht hin. Der kommt in den Knast. Das schwöre ich!”, sagt Papa, der sich kaum beherrschen kann.

Am Auto angekommen, macht Papa mir die Tür auf. Ich will grade einsteigen, da ruft Louis: „Warte Sarah! Dein Handy. Du hast es bei mir liegen lassen.”

„Danke Louis. Danke für alles. Ohne dich… naja, du weißt schon.”

“Ist okay. Es ist ja zum Glück nichts Ernstes passiert. So, und jetzt ruh dich aus. Ich melde mich morgen bei dir.”

Ich stehe da und guck ihn an, ganz tief in die Augen guck ich ihm. Ich bin gerade so froh, dass er da ist.

„Was ist? Ist alles okay bei dir?”, fragt er mich verwirrt.

„Ja. Alles gut”, antworte ich und küsse ihn.