shadow

Freundschaft?

von Chirley Tuschwitz, 18

Endlich Sommerferien!

Die Schule ist vorbei und die zehnte Klasse gut überstanden.

Das erste was mir nach dem letzten anstrengenden Schultag in den Sinn kam war, wen wundert es? Schlafen! Mein Bett schrie schon jämmerlich nach mir, und ich schien in den weichen Fugen meines momentan besten Freundes zu versinken.

Ausgezogen und schön breit gemacht schloss ich meine müden Lieder. Der Stress der mich bis heute begleitet hatte, schien einfach von mir abzufallen. Ich brauchte mir keine Gedanken um Nichts zu machen. Und so müde und glücklich wie ich in diesem Moment war, schlief ich ein.

 

Ein leichtes Kitzeln auf meinem Gesicht ließ mich aufwachen. Zuerst dachte ich es wäre die Sonne die mein Gesicht lieblich berührte, bis ich die Augen öffnete. Ich sah schwarz. Mitten auf meinem Gesicht saß Tommy, eine meiner beiden Vogelspinnen, die es auf unerklärliche Weise immer wieder schafft auszubrechen. „Mensch Tommy.“ Meckerte ich und setzte ihn vorsichtig auf mein Hand. Er zog seine Beine ein als wüsste er was komme. Wie eigentlich jedes mal wenn er ausbrach kam eine Moralpredigt von mir, die ihn aber nie weiter zu interessieren schien. Während ich mich aufsetzte sprach ich dann mit leiser, noch verschlafener Stimme. „Du weißt doch dass du mich nicht wecken sollst. Erst recht nicht wenn ich ausschlafen kann.“ Er streckte eines seiner Beine nach vorne und hob seinen Kopf. Seine acht Augen waren auf mich gerichtet. Es schien mir als wollte er mir sagen; „Ich verstehe schon“  Mit meiner freien Hand rieb ich mein rechtes Auge und dachte mir, Morgen wirst du mich eh wieder wecken.

„Wieso mache ich mir überhaupt die Mühe dir immer wieder zu erklären was du darfst und was nicht, wenn du eh nie hörst“ Fragend schaute ich ihn an, bevor ich dann das Terrarium öffnete und ihn in seine eigentliche Umgebung zurücksetzte. „Manchmal glaube ich du bist öfter außerhalb deines Terrains, als innerhalb.“ Ich lachte und setzte mich aufs Bett. Die Uhr gegenüber an der Wand zeigte mir, dass es schon 12 Uhr war und somit zu spät zum Weiterpennen. Verdammt!

Mein Blick wanderte wieder zu Tommy. Seine Augen, die die ganze Zeit über auf mir geruht haben, bettelten nach Freiheit. „Ist ja gut.“ Erneut stand ich auf und holte ihn wieder aus seinem Gefängnis, wobei ich nach Clara Ausschau hielt, die im Gegensatz zu ihrem Gefährten ein eher ruhiger und zurückhaltender Charakter war, der sich gerne versteckt. Ihr Bein schaute unter einem Korkenbäumchen hervor. Ich stupste es kurz an um ihr zu zeigen, dass man sich nicht vor mir verstecken konnte, und sie zog es ruckartig zurück.

Ich musste kichern.

Tommy krabbelte von meiner Hand meinen Arm entlang auf meine Schulter, wo er sich unter meinen langen straßenköterblonden Haaren versteckte.

Als ich in den Spiegel sah lachte ich laut auf. Meine blauen Strähnen hingen über Tommys Kopf, wodurch es so aussah als wäre er eine punkige langhaar Spinne.

Immer noch lachend ging ich in die Küche und machte mir mein Frühstück. Währenddessen ließ ich den PC hochfahren. Mal schauen wer um diese Uhrzeit bei Skype schon alles online war.

Mit meinen zwei Toastscheiben in der Hand setzte ich mich auf mein Bett und biss genüsslich ins erste Toast.

Der PC war bereits hochgefahren und mit der Scheibe im Mund loggte ich mich ein.

So früh am Morgen am ersten Ferientag war noch nicht viel los. Nur zwei- drei Leute die ich nicht wirklich kannte waren on. Da sich auch in den nächsten Minuten nichts tat, entschied ich mich dazu meinen Tieren erst einmal ihr Frühstück zu geben.

Den Spinnen und Skorpionen warf ich ein paar Heuschrecken ins Terrarium und auch meine Gottesanbeter bekamen auch ihr essen. Gerade als ich fertig mit füttern war erklang das Geräusch dass mich jemand über Skype anrief. Ich schaute auf den PC um zu sehen wer. Es war Mehmet mein bester Freund. „He Wasabi.“ Meldete er sich als ich abnahm. „Hast du heute zeit?“ Gerade als ich antworten wollte erklang ein angeekelter Schrei. „IIIIIEH Nimm das Vieh von deiner Schulter!“ Genervt drehte ich mich zu meiner kleinen Schwester Sarah. Sie war ein paar cm größer als meine 1,64 und allgemein etwas breiter als ich es war. Mehmet musste lachen, er kannte das schon. „Verpiss dich Sarah!“ Sagte ich schroff und drehte ihr wieder den Rücken zu. „Ich wollte nur schauen ob du schon wach bist.“ Ihre Stimme klang gereizt. „Hier ist ein Anruf für dich.“ Ich nahm ihr den Hörer ab und gab ihr einen kleinen Schubs, der ihr zeigte, dass sie mich in Ruhe lasse soll.

Als sie draußen war schloss ich die Tür hinter ihr ab.

Nachdem ich das Telefonat beendet hatte, setzte ich mich wieder ans Headset.

„Und hast du nun Zeit?“ Wiederholte er die Frage.

Ich zögerte. Ich wollte die Ferien dazu nutzen um von allen Problemen Abstand zu gewinnen. Und eines dieser Probleme war, dass Mehmet mir letztes Jahr, Mitte zehnte Klasse ein Liebesgeständnis gemacht hat. Die Abfuhr hat er nicht ganz so gut verkraftet, aber er hat eingesehen, dass es besser für uns war nur befreundet zu sein, als dass er mir die ganze Zeit über hinterherliefe.

„Ich weiß nicht.“ Antwortete ich dann schließlich. „Was willst du denn machen?“

Er schien mein zögern bemerkt zu haben. „Eigentlich wollte ich nur wissen ob du heute vorbeikommen kannst, ich habe ein bisschen Langeweile und mit dir ist es immer lustig… deswegen dachte ich…“ Mein schweigen schien ihm die Antwort schon zu verraten und er suchte schnell nach einen Ausweg.

„Naja weißt du, wenn du erst einmal Ruhe brauchst um abzuschalten ist es ok. Musst du nur sagen. Aber hast du denn wenigstens morgen Zeit?“ Und noch bevor ich wieder irgendetwas fragen konnte, fügte er hinzu. „Ich wollte mit ein paar Freunden grillen gehen und ich dachte du würdest dich sicher gut mit ihnen verstehen.“

„Morgen sagst du?“ Fragte ich nach und er bejahte. „Um wie viel Uhr denn? Und wo das ganze?“ Ich schaute nebenbei flüchtig in meinen Kalender. Morgen hatte ich Zeit.

„Um 16 Uhr am See in Langenfelde.“

„Da gibt es einen See?“ Fragte ich eher zu mir als zu ihm. Dennoch antwortete er. „Ja. Da bei Eric in der Nähe.“ Eric ging genau wie Mehmet bis zur Zehnten in meine Klasse und auch die Elfte wird er mich begleiten. Mehmet allerdings wird nach den Sommerferien eine Ausbildung anfangen.

„Ist ok. Ich hab zeit.“ Sagte ich und konnte sein Grinsen am anderen Ende der Leitung schon fast fühlen. Ich hoffte das ich ihm keine neuen Hoffnungen machte.

„Kennst du TS?“ fragte er in meine Gedanken.

„TS?“ fragend runzelte ich die Stirn.

„TeamSpeak“ Antwortete er und schien zu überlegen wie er es am besten erklären könnte.

„Es ist wie der Name schon sagt ein Programm für Teams. Es wird hauptsächlich von Gamern benutzt. Im Prinzip ist es wie bei Skype, dass du mit Leuten reden kannst. Aber im Gegensatz zu Skype, kann man keine Leute anrufen. Man redet immer gleich direkt. Auf den TeamSpeak Servern gibt es stattdessen verschiedene Chanel in die du switchen kannst, um mit deinen Teamkollegen alleine zu reden. Ist halt doof wenn viele in einem Chanel sind und alle was anderes zocken. Das ergibt ein totales Durcheinander an Gesprächen… Soweit verstanden?“

„Ja habe ich. Aber sag mal, wer kann denn alles auf diesen Server? Alle die Lust haben?“ Ich zuckte kurz mit den Schultern, was Tommy gar nicht gefiel. Er krabbelte sofort von meiner Schulter auf mein Schoß. Dort pflanzte er sich gemütlich hin und es sah so aus als schliefe er gleich ein.

„Nein nein.“ Antwortete Mehmet dann. „Es können nur die auf den Server, die auch die Serverdaten haben.“

„Achso.“ Ich konnte mir den Vorgang so ungefähr vorstellen.

„Lad es dir am besten gleich runter und schau selber.“ Sagte er und ich fand, dass war eine gute Idee. Und mit ein paar Klicks war es dann auch getan. Die nächste Stunde befasste ich mich damit dieses Programm zu verstehen, während ich mit den Kumpels von Mehmet redete. Einige kannte ich schon, da sie auf unsere Schule gingen. Mit den meisten hatte ich aber nie was zu tun gehabt.

„Und ihr kommt morgen alle mit zum Grillen?“ Fragte ich dann irgendwann in die Runde als das Thema langsam in diese Richtung schwängte.

Jeder der in diesem Moment bei TS war, bejahte. Mehmet meinte ich sollte so mit ungefähr zehn Leuten rechnen.

Ich unterhielt mich noch bis spät in die Nacht mit ihnen, bis ich müde aber gut gelaunt den PC ausschaltete. Nachdem ich Tommy zurückgesetzt hatte schlief ich ein.

Am nächsten Morgen, ich wurde dieses Mal von niemanden geweckt, kaufte ich mir meine Tofuwürste und schritt mit genügend Essen gewappnet zu Mehmet um nur eine Stunde später zum See zu laufen.

Wie in der Schule immer, redeten wir über die unnötigsten Dinge die mich und ihn zum Lachen brachten. Nach c a 20 Minuten kamen wir dann, immer noch lachend am See an wo schon ein paar Andere warteten. Eric, Nico und Alex. Alle drei gingen in mein Jahrgang.

„Hey Leute!“ Begrüßte ich sie freudig und umarmte alle drei fest. „

„Wasabi dich haben wir ja lange nicht mehr gesehen.“ Ich lachte. Es war vielleicht zwei Tage her.

„Und? Wann kommen die anderen?“ Fragte ich.

„Müsste in den nächsten Minuten auch hier antanzen. Wollten nicht mit aufbauen helfen.“ Eric zeigte auf den schon halbfertigen Grill, den ich bis dato nicht bemerkt hatte.

Jetzt wollte ich mich etwas genauer umschauen, denn ich kannte den kleinen See ja noch nicht. Er lag so abgeschieden, dass man sich fast wie in einem anderen Land fühlte.

Um den See selber war eine dünne Schicht grober Sand der immer kieseliger wurde. Auf diesem Kiessand wuchsen die verschiedensten Pflanzen. Die meisten davon kannte ich nicht.

Die Pflanzendichte nahm immer weiter zu und umso weiter weg vom Wasser desto mehr Bäume schummelten sich dazwischen, bis es nur noch Wald war. Der See selber hatte eine karibikblaue Farbe die in der Sonne glitzerte. Am anderen Ende lag eine kleine Bucht, die man nur mit einem Boot erreichen konnte. So idyllisch hatte ich es mir gar nicht vorgestellt.

„Habt ihr was dagegen wenn ich mich hier ein bisschen umsehe? Ich denke das mit dem Grill schafft ihr auch ohne mich.“ Ich zwinkerte ihnen zu.

„Jaja, schaffen wir.“ Gab Eric gespielt beleidigt zurück.

„Kannst ruhig gehen.“ Meinte Mehmet dann lächelnd. Also schaute ich mich ein wenig genauer um.

Ich genoss die leichte Brise die zart über meine Haut strich und mein Haar zum Wehen brachte. Die Sonne schien durch die sich bewegenden Baumkronen und ließ die Schatten auf dem Boden fröhlich tanzen. Ein Lichtspiel mit den farbenfrohen Blumen begann.

Eine Bewegung über mir ließ mich aufschauen. Ich sah wie ein Vogelschwarm über mir hinwegflog. So schritt ich durch das Lichtmeer auf die Bucht zu. Vom Nahem wirkte sie noch riesiger.

Nachdem ich mich einigermaßen satt gesehen hatte, trat ich meinen Rückweg an.

Ich war knapp eine halbe Stunde unterwegs gewesen und als ich zurückkam waren es schon eindeutig mehr, die zu unserer kleinen Gruppe hinzugekommen sind. Jetzt waren wir zu …

„Kommen noch welche?“ Fragte ich an die anwesenden die mich erst jetzt bemerkten, da sie zu sehr in ihre Gespräche vertieft waren.

„Nene. Jetzt sind wir vollständig.“ Erklärte mir Mehmet und ich schaute in die umstehenden Gesichter.

„Das heißt ich bin das einige Mädchen?“ Ich schien besorgt zu klingen, denn sofort versuchten die Jungs mich zu beruhigen.

„Wir werden dir schon nichts tun,“ Sagte einer von denen, die ich nicht kannte.

„Nur ein bisschen beißen.“ Fügte Alex hinzu und machte dabei komische Schnapp-Bewegungen. Er war eindeutig der versaute Typ der Gruppe. Mit ihm konnte es gar nicht langweilig werden.

Unter den neuen entdeckte ich auch vertraute Gesichter, aber mit keinen von ihnen hatte ich so engen Kontakt wie zu Mehmet. Ich begrüßte sie trotzdem alle mit einer herzlichen Umarmung.

Unsere Gespräche lenkten sich recht schnell auf ein Thema: Zocken!

„Leage of Legends soll ein neuer Champ raus kommen. Er heißt Darius. Angeblich ein OP.“  Whuuut ein neuer Charakter soll draußen sein? Auch noch einer den selbst so ein Anfänger wie ich spielen könnte? Dachte ich mir und wollte schon meinen Beitrag zu dem Thema hinzufügen als ich ein Nebengespräch über Battlefield aufschnappte.

„Ey alter! Was hast du denn für ne krasse KD?“ War das einzige was ich mitbekam, denn sofort konzentrierte ich mich wieder auf das andere Thema.

„Der neue Skin von Ahri ist ja auch klasse. Sie ist so der coolste Champ im ganzen Game.“

Ganz meine Meinung. Ahri war schon ziemlich cool und ihr Aussehen war echt nicht schlecht.

„Ach was Teemo ist viel besser.“ Hörte ich einen Konter.

„Nee viel zu schwach.“ Und so ging es noch eine ganze Weile. Es waren sehr lustige und lockere Gespräche und alles war gut, bis Nico anfing Alex an zu Schnauzen. „Wieso wirfst du mich eigentlich vom Battleflield Server?“

„Du hast gecheatet!“

„Laber keinen Scheiß ich cheate nie!“ Wehrte Nico sich gegen Alex Anschuldigung geschummelt zu haben.

„Du hattest eindeutig Aimbot an.“ Ihr wildes Rumgefuchtel ließ nichts gutes ahnen.
„Jungs beruhigt euch.“ Bat ich „Es ist nur ein Spiel.“ Die beiden schauten mich kurz verständnislos an, diskutierten dann aber weiter. Als sie dann kurz davor waren Handgreiflich zu werden und die anderen nur darüber lachten,  stand ich auf und stellte mich zwischen sie.

„Ganz ehrlich Jungs es reicht jetzt!“ Mit meinen Händen schob ich sie auseinander. „Übertreibt mal nicht! Es ist nur ein verdammtes Spiel. Und Nico du wurdest nicht gebannt sondern gekickt. Und Alex, du benutzt ganz ehrlich auch nicht immer faire Mittel. Und nur weil es dein Server ist muss du nicht gleich jeden kicken der einmal ein Fehler macht.“

Ich hatte die ganze Aufmerksamkeit auf mich gezogen, denn während ich sprach bin ich immer laute geworden. Endlich schienen sich die beiden Streithähne wieder zu fassen, aber ich wusste das dies nicht das Ende war. Trotzdem setzten sie sich erst einmal wieder auf ihre Plätze.

Die lockere Stimmung wurde durch diesen kleinen Zwischenfall nicht gestört.

„Du hast es doch verdient gekickt zu werden.“ Witzelte einer und ein anderer verteidigte. „Aley soll sich ma nicht so anstellen.“ Auch ich musste darüber lachen.

Endlich nach weiteren 20 Minuten war die Kohle durch und wir konnten anfangen zu grillen. Die Jungs legten ihr Fleisch darauf und ich als einzige mein leckeres Tofu.

Die ersten Biere waren schon längst geöffnet wurden. Mich besorgte, dass es ausarten könnte, was die Sache mit dem Alkohol betraf. Etwas später am Abend tat es das dann.

Alex der etwas eingeschnappt war, hatte ein Glas Cola-Wodka zu viel gehabt und konnte nicht mehr gerade laufen.

„Und jetzt?“ Fragte ich die anderen die es nicht zu stören schien.

„Wenn du willst kannst du dich ja um ihn kümmern.“ Meinte Mehmet und Nico stimmte zu. „Genau! Pass auf ihn auf.“ Mein verdutzter Blick schien sie nur zu belustigen.

„Einer muss das ja machen.“ Witzelten sie.

„Muss das sein?“ Fragte ich, mit den Augen flehend dass sie nein sagen würden.

„Du kannst ihn auch sich selber überlassen wenn du willst. So machen wir es immer.“ Haha sehr lustig, dachte ich mir. „Sowas kann ich doch nicht machen. Viel zu unsozial.“ Murmelte ich. „Wo ist Alex eigendlich hin?“ Wollte ich gerade fragen als ich eine Hand an meiner Brust spürte. Jetzt wusste ich wo er war.

„Eyey Wassssabii!“ Lallte er. „Du bischt ja ein rischtiges Mädel!“ Meine Wangen färbten sich rot und mit hochgezogenen Schultern drehte ich mich um, so dass er unweigerlich die Hand von meiner Brust nehmen musste. Er schaute mir in die zusammen gekniffenen Augen, durch die ich ihn böse anfunkelte. „Oh tut mir leid Madaaame!“ Er machte einen Schritt nach hinten, wobei er auf einen leeren Becher trat. „Hups.“ Er lachte. Erst jetzt bemerkte ich das wir beide in allgemeiner Aufmerksamkeit standen. „Aha!?“ Eric zog belustigt eine Braue in die höhe, als sich unsere Blicke trafen.

„Ich glaube du solltest dich hinlegen.“ Riet ich Alex.

„Kann sein.“ Antwortete er und ließ sich plumpsen.

„Setscht du dich zu mich?“ Sein Blick wurde bettelnd. Hilfesuchend schaute ich mich um. Totale Ignoranz. Seufzend ließ ich mich zu ihm nieder.

„Ich bleibe nur wenn du mich in ruhe lässt. Also kein getatsche kapiert?“ Drohte ich und er nickte zustimmend. Die nächsten zehn Minuten verlief auch alles gut, bis mir die Tofuwürste gebracht wurden. Nun hatte ich beide Hände voll und war relativ wehrlos. Gerade als ich in meine Wurst beißen wollte, spürte ich die Hand von Alex an meinem Hintern. Ich schrie kurz auf. „Was soll das?!“ Meine Stimme wurde mit jedem folgendem Wort lauter, „Wir hatten eine Abmachung verdammt!“ Entschuldigend schaute er mich an.

„Tut mir leid.“ Sagte er kleinklaut. Ich ließ es durchgehen.

Wie ich so dalag, schaute ich in die Runde. Mittlerweile konnte ich mir einen Großteil der Namen merken. Ich drehte meinen Kopf zu Mehmet der mich die ganze Zeit über angeschaut hatte. Nein nicht mich sondern Alex. Sein Blick war etwas trübe. Er schien über meine Abfuhr immer noch nicht ganz hinweg zu sein.  Aber wie sollte ich damit umgehen? Während ich meine Gedanken so schweifen ließ, beobachtete ich die sich langsam voran bewegenden Wolken am Himmel. Ihre sich ändernde Form faszinierte mich. Uns als aus einer Blume ein Schiff geworden war, kam ich zu den Schluss, dass ich mein Verhalten ihm gegenüber nicht ändern sollte. Vielleicht täuschte ich mich ja auch und er sieht mich wieder als ganz normale Freundin. Das wäre das Beste für uns.

Melancholisch schloss ich meine Augen. Ja das Beste.

Wie ich so dalag, erinnerte ich mich an ein gespräch mit einer Freundin, die gesagt hatte: „Pass auf das Mehmet sich nicht in dich verliebt. Ich glaube ja nicht an Freundschaft zwischen Jungs und Mädchen…“ Keine Freundschaft zwischen Jungs und Mädchen huh? Eigentlich eine traurige Vorstellung, die ich nicht akzeptieren wollte. Entschlossenheit machte sich in mir breit. Ich wollte es ihr unbedingt beweisen. Beweisen, dass es doch möglich war.

Plötzlich störte etwas meine Gedanken. Ich schaute entgeistert auf meinen linken Oberschenkel, an dem langsam eine Hand Richtung Schritt wanderte. Reflexartig schlug ich sie weg. Mit blösem Blick drehte ich mich zu Alex.

„A…“

„ALEX!!“ Nicos Stimme erklang böse. Hatte er das jetzt mitbekommen?

Meine Frage beantwortete sich von selber, als Nico böse weitersprach.

„Was betatscht du Wasabi?“ Er baute sich bedrohlich vor uns auf. So etwas hatte  ich schon befürchtet. Beruhigend hob ich meine Hände. „Alles gut Nico. Chill. Es ist nichts passiert.“

Bitte bitte beruhige dich, betete ich innerlich. Ich wollte jetzt ein Streit haben.

„Chill Nico.“ Lallte Alex mich nach, was die Sitiuation nicht gerade verbesserte.

„Was bitte sollte mich jetzt daran hindern einfach zuzuschlagen?“ Er ballte sein Hände zu Fäuste. Ich richtete mich auf. Versuchte einschüchternd zu wirken, was mir wegen meiner Größe nicht ganz gelingen wollte. Ich ging ihm gerade mal bis zu den Schultern. Dennoch konnte ich ihm von weiteren abhalten.

„Erbärmlich sich von einem Mädchen in Schutz nehmenn zu lassen.“ Mit einem angewiederten Gesichtsausdruck drehte Nico sich weg. Seufzend wollte ich mich wieder hinsetzten, als ich Alex sich hinter mir aufrichten spürte.

„Was sagst du da?!“  So wie Alex rumgluckste konnte man ihn nicht ernst nehmen, dennoch setzte mein Herz einen Schlag aus als ich ihn sagen hörte. „Meinscht du ich hab Angst vor diier? Glaub bloß nicht ich verstecke mich hinter der da.!“ Seine Hand schwängte andeutungshaft in meine Richtung. Noch hatte Nico sich nicht umgedreht, aber ich wusste ein weiteres falsches Wort würde dies ändern. Es würde in einer Schlägerei enden.

Der Abend der so schön begonnen hatte, könnte durch ein einfaches falsches Wort richtig mieß werden. Und natürlich übertrieb Alex es.

„Ey du Pussy!“  Das war’s!

„Dreh dich gefälligst um, wenn ich mit dir rede, okay!“

Was nun passierte, kam mir wie in Zeitlupe vor.

Langsam drehte Nico seinen Kopf nach hinten. Seine Brauen waren böse zusammen gezogen und seine Augen haben sich zu schmalen Schlitzen verengt, durch die er uns anschaute. Seine aufeinander gepressten Lippen, die sich wie ein markanter Strich durch sein Gesicht zogen, zeigte nur, wie sehr er sich bemühen musste, nicht auszuticken.

Mit einem Mal war es still um uns. Gespannt beobachteten die Jungs das Geschehen. Nie hatte ich Nico so wütend erlebt. Er schien leichter reizbar als angenommen. Und auch die anderen schienen ihn nicht so zu kennen.

„Schau nicht so blöd!“ Alex kippte von einem Bein aufs andere, sein Gleichgewicht war stark beeinträchtigt. „Du Memme! Große Reden schwingen, aber keinen Mut zur Tat.“

Nun lallte Alex immer weniger, vielleicht versuchte er sich zusammen zu reißen, dachte ich.

„Geh weg, Wasssabi!“ Alex stieß mich kräftig zur Seite, so dass ich meinen Gleichgewichtssinn verlor und umgekippt wäre, wenn Mehmet, der mittlerweile aufgestanden war, mich nicht aufgefangen hätte. Er war noch einen halben Kopf größer als Nico, welcher grade damit beschäftigt war, sich so groß zu machen wie möglich.

Er war mittlerweile zwei bis drei Schritte auf Alex zugegangen, aber immer noch gut zwei Meter von ihm entfernt.

Das Ganze bekam nun eine ganz andere Perspektive. Die beiden wirkten wie in einem alten Westernfilm, wo sich zwei Rivalen gegenüberstehen, nur darauf warten, dass die Uhr zwölf schlug, um mit ihren zitternden Händen nach ihrem vollgeladenen Revolver zu greifen, nur um ihr Gegenüber zu töten.

„Meinscht du, du kannst es gegen mich aufnehmen?“

„Meinst du? Du kannst es gegen MICH aufnehmen?“ Nico knackste, während er Alex’ Worte wiederholte, mit seinen Fingern.

In meinem Körper breitete sich Panik aus aber ich konnte nichts machen. Unfähig mich zu bewegen, starrte ich die beiden an. „Jungs, bitte“, meine Stimme zitterte ein wenig bei der Vorstellung, was gleich passieren könnte. Doch sie schenkten mir keine Beachtung, im Gegenteil.

Nicos Blick zeigte nun volle Entschlossenheit. Er machte zwei schnelle große Schritte auf Alex zu, dessen Augen sich weiteten und donnerte ihm seine Faust ins Gesicht.

„Leg dich bloß nicht mit mir an“, sagte Nico dann triumphierend und wollte sich schon abwenden, als Alex wieder aufstand und sich mit dem Handrücken über den Mund wischte, aus dem eine Mischung aus Blut und Speichel lief.

„War das schon alles?“, fragte er höhnisch. Der Schlag schien ihn auszunüchtern, denn er machte eine schnelle Drehung, wobei sein Fuß in die Höhe schoss und Nico an der Schläfe traf, der dann kurz die Augen verdrehte und in die Knie sank.

Alex landete wie eine Eins, ohne zu schwanken. Auch sein Blick war wieder klarer. Dieses Mal lächelte er überlegen, machte aber nicht denselben Fehler wie Nico, ihm den Rücken zuzukehren.

Dieser besann sich wieder und wollte gerade zum zweiten Mal auf Alex los.

Wie aus Reflex warf ich mich mit ausgebreiteten Armen zwischen die beiden. „Stopp!“, schrie ich sie an.

Nur kurz zögerte Nico, bevor er sich mit einer geschickten Umdrehung um mich herumwand.

So nicht, mein Freundchen, dachte ich mir und packte ihn an den Armen. Ich zog ihn so heftig zurück, dass wir unser Gleichgewicht verloren und zu Boden plumpsten. Nico landete auf meinen Schoß. Schnell klammerte ich mich um ihn, so dass er nicht wieder aufstehen konnte.

Mehmet schaltete schnell und packte sich Alex, der kurz davor war, sich auf Nico und mich zu stürzen.

ES REICHT JETZT!, schrie ich sie an. „Sind wir hier im Kindergarten oder was?“

Ihr Blick richtete sich beleidigt und wütend zu Boden. Nico riss sich von mir los und stand auf. Mit wütendem Blick setzte er sich auf einen Stein, der etwas abseits stand. Auch Alex schien sich wieder etwas beruhigt zu haben. Vorsichtig ließ Mehmet ihn los.

„Das war zu viel“, meinte er dann nach wenigen Sekunden und schaute in die verblüfften Gesichter der anderen. „Wir sollten es für heute lassen“, sagte er und nachdem wir aufgeräumt hatten, gingen wir nach Hause.

 

Als ich zu Hause war, brauchte ich erst einmal Ablenkung. Also nahm ich mir Tommy auf die Hand, der mir schon in so vielen Zeiten Trost gespendet hat. Er schien meine Seelensorge zu bemerken und pflanzte sich neugierig auf meinen Schoß. Es schien, als wollte er mich fragen: Was ist denn los?

„Weißt du“, antwortete ich auf seine nichtgestellte Frage. „Es war heute einfach viel zu stressig für mich. Zwei, die eigentlich gut miteinander befreundet sind, haben sich heute geprügelt. Ich wünschte, ich könnte ihnen helfen. Hast du eine Idee, Tommy?“

Eines seiner Beine zuckte auf meinem Schoß.

„Ich finde auch, dass es unnötig war.“

Wieder zuckte er mit den Beinen.

„Meinst du wirklich, ich sollte sie mir beim nächsten Mal schnappen, damit sie vernünftig miteinander reden?“

Vorsichtig hob er seinen Kopf und blinzelte mich mit seinen acht Augen an.

„Bestimmt gibt es da einige Missverständnisse. Es hieß ja auch mal, dass Alex Nico die Freundin ausgespannt hat“, erklärte ich ihm. „Vielleicht haben sie noch nie darüber gesprochen und sollten es endlich mal tun. Ich hoffe, das ist eine Lösung.“

Er hob einen seiner Arme und schien mir zu antworten: „Du schaffst das schon.“