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Gefangen in Freiheit

von Celine Nöldemann, 15 Jahre

Wasser drang in meine Lungen ein. Ich schnappte nach Luft und schluckte noch mehr Wasser. Meine Kehle brannte. Meine Arme und Beine, die vorher noch Widerstand geleistet hatten, hingen kraftlos neben mir. Es war vorbei. Ich wusste, ich würde sterben.
Vor meinen Augen wurde alles schwarz. Ob es wegen des Wassers oder meines schwindenden Bewusstseins war, vermochte ich nicht zu sagen.
Würden meine Eltern sehr trauern? Bestimmt. Mutter, Vater, ich hab euch lieb.
Etwas drang über mir ins Wasser ein und packte mich am Oberkörper. Ich wurde nach oben gezogen und erreichte die Wasseroberfläche. Luft strich über mein Gesicht. Ich spuckte Wasser, doch atmen konnte ich immer noch nicht. Meinen Retter konnte ich nicht erkennen, da sich die Dunkelheit in meinem Kopf ausbreitete. Ich sah nur noch einen goldenen Ohrring.
Wir wurden nach oben gehoben und ich spürte das kalte und glatte Holz von einem Schiffsdeck unter mir.
„Captain!“ Der Boden bebte, als mehrere Menschen in unsere Richtung rannten. „Alles in Ordnung“, sagte eine Stimme neben mir. „Pumpt ihm das Wasser aus den Lungen.“
„Ay!“ Ich spürte einen starken Druck auf meinem Brustkorb und ein Wasserschwall fand seinen Weg aus meinen Lungen. Ich hustete und würgte und spuckte noch mehr Wasser. Frische Luft füllte meine Lungen und ich sog sie gierig ein. Bevor ich wieder mein Bewusstsein verlor, sah ich eine Jolly Roger am Mast flattern.
Ich erwachte unter Deck. Meine Kleidung war trocken, mein Hals brannte. Ein brennender Schmerz ging von meiner Kehle aus. Vom Deck hörte ich Rufe und Befehle. Ich ging langsam die Treppe hinauf. Die Sonne schien mir ins Gesicht und es dauerte einige Momente, bis ich mich an das Licht gewöhnt hatte.
„Der kleine Prinz ist wach!“ Das Lachen von Männern. Ich war auf einem Schiff: ja. Aber das hier waren keine Händler. Die Mannschaft trug zerschlissene Kleidung und Schmuck verschiedener Herkunft und Werte. Die meisten hatten Narben im Gesicht. Ich sah zum Mast hinauf. Verdammt! Ich befand mich auf einem Piratenschiff.
Ein Junge in meinem Alter kam auf mich zu. Er hatte hellblonde Haare und, obwohl er viel Zeit in der Sonne verbringen musste, eine blasse Haut. Als ich in seine Augen sah, erkannte ich das dunkle Blau der See, auf der wir fuhren. Am linken Ohr trug er einen Ohrring, am rechten Fußgelenk einen Goldreif. Er war barfuß.
„Wer bist du?“, fragte der Junge im Befehlston. Ich gab mich trotzig. „Ich will mit eurem Captain reden.“ Der Junge zog eine Augenbraue hoch und seinen Augen wurden dunkler. „Du sprichst mit ihm.“ Der Junge war Captain? Das war wohl ein Witz. Doch niemand lachte. Sie meinten es ernst. „Ich bin Alex“, antwortete ich.
„Also, Alex, kannst du ein Deck schrubben?“
„Wie meinst du das? Ich werde nicht dein Sklave sein.“
Der Captain drehte sich um. „Gebt ihm ein Lappen.“
„Ay!“ Jemand drückte mir Eimer und Lappen in die Hand. „Ich werde nicht putzen!“
„Der Captain hat dein Leben gerettet“, sagte einer der Männer. „Du schuldest ihm was.“ Widerwillig machte ich mich an die Arbeit. Alles andere kam mir wie Selbstmord vor. Ich war ein fünfzehnjähriger Junge. Gegen dreißig ausgewachsene Piraten und einem Kind als deren Captain hatte ich keine Chance. Ich hatte keine Ahnung, wohin mich noch das ganze führen würde.
Jeden Tag beim Arbeiten saß der Junge in der Nähe und sah mir zu.
„Wie heißt du überhaupt?“, wollte ich wissen. Ich war jetzt schon drei Tage hier und jeder einzelne war eine Qual.
„Azul.“
„Warum bist du Captain?“
„Warum kannst du nicht schwimmen?“, erwiderte Azul.
„Ich kann schwimmen!“, fauchte ich. „Warum wechselst du das Thema?“
„Warum schrubbst du nicht das Deck?“ Missmutig putzte ich weiter. Er hatte mir nichts weiter als seinen Namen gesagt. Ich schaute auf die ruhige See und fragte mich, wohin wir wohl segelten.
Die Tage vergingen.
„Was hast du eigentlich auf See gemacht?“ Azul hing in der Takelage und sah auf mich herab.
„Arbeit“, antwortete ich. „Meine Eltern sind Händler. Wir transportieren Rohöl von Afrika nach Wilhelmsburg. Wir waren gerade auf den Weg zurück, als wir in einen Sturm gerieten.“ Ich sah ihn nicht an, während ich sprach. Azul ließ sich kopfüber hängen, sodass wir auf einer Augenhöhe waren. „Du bist also fahrender Händler, obwohl du nicht schwimmen kannst?“ „Ich kann schwimmen!“, zischte ich und warf mit dem Lappen nach ihm. Ich traf nicht. „Warum bist du so gemein?“, wollte Azul wissen. „Weil ich Piraten hasse.“ Ich holte den Lappen zurück und putzte weiter. „Hasst du mich auch?“
„Ja.“
„Warum?“ Wie konnte er das fragen?
„Weil Piraten böse sind. Sie stehlen, brandstiften und morden. Euch sind Menschenleben egal.“
„Aber ich hab dich gerettet.“ Ein weiteres Mal brachte er mich aus der Fassung. Er ließ sich fallen und landete vor mir. „Und wenn ich dir sage, dass ich nicht böse bin?“
„Ich würde dir nicht glauben“, antwortete ich ohne nachzudenken. Seine Augenfarbe wechselte zu einem enttäuschten Grau. „Willst du zurück zu deinen Eltern?“
Was sollte die Frage? „Klar will ich zu ihnen.“
Azul holte einen Kompass heraus. Er schaute einige Sekunden darauf und rief: „Hart Steuerbord! Kurs setzen nach Wilhelmsburg!“ Die Befehle wurden wiederholt und das Schiff wendete. Azul warf mir einen Blick zu, den ich nicht deuten konnte. „Es will jemand nach Hause.“
Ich traute Azul nicht. Warum sollte er mir helfen wollen? Es gab keinen Grund. Er war ein Pirat und behandelte mich wie seinen Sklaven „Was soll das?“ Azul grinste. „Wolltest du nicht zurück? Ich bring dich zurück.“
„Warum?“, wollte ich wissen.
Er drehte sich um und ging zum Bug. „Warum? Wahrscheinlich, weil ich dich mag.“ Ich war überrascht. In der knappen Woche, die ich nun auf diesem Schiff verbracht hatte, habe ich gelernt, dass Azul keine dummen Scherze machte. Aber warum mochte er mich? Ich, aus einer Händlerfamilie, war doch eigentlich sein Feind. Warum bezeichnete er sich als nicht böse? Leute ausrauben und hinterher töten, das war böse. Machten das nicht Piraten? Aber machte es auch Azul? Mir fiel auf, dass ich eigentlich gar nichts über ihn wusste. Wahrscheinlich, weil ich versucht hatte, auf Distanz zu bleiben. Zu meinem eigenen Erstaunen wurde mir klar, dass ich mehr über ihn herausfinden wollte. Ich wollte ihn verstehen.
Energisch schüttelte ich den Kopf. Worüber dachte ich denn da nach? Azul hatte mich ein weiteres Mal verwirrt. Ich sollte einfach abwarten, bis wir vor Anker gingen und dann diesem Piratenschiff ein für alle Mal den Rücken kehren. Piraten brachten nur Ärger. Man sollte sich nicht mit ihnen einlassen.
Meine Eltern würden jetzt bestimmt schon in Wilhelmsburg vor Anker liegen. Sie mussten an der Elbe anlegen und die Waren mit einem kleineren Schiff in den Veringkanal transportieren. Wir lieferten das Öl für die ganzen Fabriken, die gerade neu gebaut wurden. Es war ein sehr wichtiger Handel.
Meine Eltern würden dann noch zwei oder drei Tage bleiben, um das Proviant aufzufüllen, bis sie dann wieder zurück nach Afrika fuhren, um neues Öl zu holen. Wir mussten uns beeilen, wenn wir sie erreichen wollten. Ich wusste nicht genau, wo wir uns befanden und ob wir es rechtzeitig bis zum Kanal schafften, doch ich hoffte es. Das Piratenschiff war relativ klein, seine Segel hatten aber eine große Oberfläche. Wenn wir mit vollen Segeln fahren würden, könnten wir bestimmt eine weite Strecke in wenigen Tagen schaffen.
Am nächsten Tag erlöste Azul mich von meiner Arbeit. Ich hätte meine Schuld abgearbeitet. Er meinte, ich dürfte mich überall auf dem Schiff aufhalten, solange ich niemanden störte. Natürlich war ich neugierig, zu sehen, wie so das Piratenschiff aussah. Voll gefüllt mit Schätzen und wertvollen Gegenständen. Doch das würde meinen Entschluss, auf Distanz zu bleiben, widersprechen.
Ich stand an der Reling und strich über das glatte Holz. Unter mir schnitt das Schiff durch das ruhige Wasser. Die Sonne schien auf die Wasseroberfläche und ließ sie glitzern wie tausende kleine Diamanten. So etwas Schönes hatte ich schon oft gesehen, vom Schiff meiner Eltern aus, doch dieser Tag war der erste, an dem meine Reise nicht mit Arbeit verbunden war.
Azul stellte sich neben mich, stützte sich auf die Reling und sah in die Ferne. „Es ist schön, nicht war?“
„So was sehe ich jeden Tag“, sagte ich ausweichend.
„Kam mir eben nicht so vor. Du hast gelächelt.“
Ich lief rot an. „Ach ja? Ist mir nicht aufgefallen.“ Azul schaute mir in die Augen. „Das war das erste Mal, dass ich dich lächeln gesehen habe.“
„Na und?“ Warum war es mir so peinlich? Azuls Augen waren wieder dunkelblau. Mir fiel wieder auf, dass sie je nach Azuls Stimmung die Farbe änderten. Je dunkler sie waren, desto schlechter war er drauf. Und wenn er glücklich war? Ich vermutete etwas Helles, Schönes. Mist, ich dachte schon wieder über ihn nach. Was war nur los mit mir?
„Ich dachte nur über das Meer nach. Es ist weit.“ Azul nickte und wir schwiegen. Plötzlich packte Azul mich am Arm. „Willst du etwas Unglaubliches sehen?“
„Was?“
„Komm mit!“ Er zog mich mit sich zur Takelage. Er begann, wie ein Äffchen hinaufzuklettern. Irgendwo auf halben Weg ganz nach oben, machte er Halt, sah zu mir hinunter und rief: „Komm!“
Ich hatte Angst runter zu fallen, doch vor Azul wollte ich nicht, wie ein Feigling dastehen. Also fing ich Stück für Stück an die Takelage zu erklimmen. Die Luft in dieser Höhe war kalt und schneidend. Der Wind pfiff mir um die Ohren und zerzauste mein Haar. Azul kletterte weiter, bis er den Aussichtskorb erreicht hatte. Doch er machte keine Anstallten hinein zu steigen, sondern wartete darauf, dass ich ihn erreicht hatte. Atemlos kam ich oben an. Ich wagte es nicht, aus dieser Höhe hinunter zu gucken. „Was willst du hier oben?“, schrie ich gegen den Wind und das Kreischen der Möwen an.
„Schau es dir an!“ Azul sah nach vorne, in die Richtung, in die wir fuhren. Ich folgte seinem Blick und war sprachlos. Die Sonnenstrahlen, die reflektiert wurden, der Bug des Schiffes, wie er die Wasseroberfläche durchschnitt und kleine Wellen hinterließ. Das alles sah aus, wie von der Reling, nur hundert Mal schöner. Ich hing hier oben in der Takelage, der Wind verfing sich in meinen Kleidern und peitschte mir ins Gesicht. Und doch verlor ich meine Angst vorm Runterfallen. Ich löste meine linke Hand vom Seil und breitete meinen Arm aus, um noch mehr Wind einzufangen. Die Möwen schrieen und flogen direkt neben mir. Es war unglaublich. Ich begann zu lachen. Ich lachte so laut und so voller purer Freude, wie schon lange nicht mehr.
Azul lächelte zufrieden und seine Augen hatten die Farbe des Himmels.
Am Abend, lag ich deprimiert in meiner Händematte. Was war in mich gefahren? Ich hatte mich völlig im Moment verloren. Wie hatte ich vergessen können, wo ich mich befand? Langsam fing ich selbst an dem zu zweifeln, was meine Eltern mir seit meiner Geburt eingetrichtert hatten. >Piraten sind böse. Vermeide Kontakt mit ihnen!< Doch wenn ich an die letzten Tage zurückdachte, kamen sie mir alles andere als böse vor. Die Mannschaft war eine lustige und ausgelassene Truppe. Zusammen mit ihrem Captain trieben sie gerne ihre Späße. Sie hatten die Handelsschiffe vorbeifahren lassen und sich lieber auf dem Deck gesonnt, als sie zu entern. Ich verstand sie nicht? Sollten sie nicht darauf aus sein, so viele Schätze wie möglich zu erobern, anstatt einen Jungen zurück zu seinen Eltern zu bringen?
Ich lag die ganze Nacht wach, weil mir der letzte Tag mir im Kopf herumgeisterte. Es war so schön mit Azul gewesen, so als ob alle Sorgen verschwunden wären. Leise stand ich auf und ging aufs Deck und sah auf die Wellen. Es wehte ein kalter Wind, der mich zittern ließ.
„Kannst nicht schlafen?“ Warum musste dieser Kerl immer dann neben mir auftauchen, wenn ich ihn am wenigsten brauchte?
„Ich könnte dich das Gleiche fragen.“, erwiderte ich.
„Ich bin morgens gerne hier und warte auf den Sonnenaufgang. Ich liebe es, wie die Sonne sich dann auf dem Wasser spiegelt. Wollen wir es uns zusammen ansehen?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Meinetwegen.“ Wir warteten schweigend darauf, dass die Sonne sich über den Horizont erhob.
„Warum magst du mich?“, brach ich die Stille.
Azul sah in die Ferne, als wäre er mit den Gedanken ganz wo anders. „Du hast etwas an dir, dass dich aus der Masse herausstechen lässt.“ „Als ich dich aus dem Wasser herausgezogen habe und du erkannt hast, dass du auf einem Piratenschiff bist, hattest du keine Angst. Und obwohl du Piraten hasst, hast du dich in meiner Schuld gesehen und diese Schuld abgearbeitet. Das finde ich bewundernswert.“
„Ich hab nur das getan, was ich in diesem Moment für richtig fand.“
„Du triffst die richtigen Entscheidungen instinktiv. Das können nicht viele.“ Und das, obwohl du nicht schwimmen kannst.“
Ging das schon wieder los. „Ich kann schwimmen.“ Azul zeigte nach vorn. „Es geht los.“ Das Meer sah aus, als würde es brennen, als die Sonne aufstieg. Die Wolken am Himmel färbten sich orange und das Licht vertrieb die Schwärze.
„Die Sonne wird neugeboren und erhebt sich aus ihrem Sarg“, flüsterte Azul neben mir. Dann löste er sich von dem Anblick. „Ich sehe das jeden Morgen schon seit acht Jahren und kann nie genug davon haben. Bis zu diesem Moment hatte ich nicht gewusst, dass es so etwas Schönes gab. Wenn ich mit meinen Eltern unterwegs war, hatte ich nie die Zeit, den Sonnenaufgang zu beobachten. Dort hieß es >Alex mach dies<, >Alex mach das<. Ich hatte keine Ahnung davon gehabt, was ich jeden Morgen verpasste.
Unter Deck hörte ich, wie die Mannschaft vom Koch geweckt wurde. „Los aufstehen, ihr fauler Haufen. Es gibt Frühstück!“
„Wollen wir gehen?“, fragte Azul. „Das wird unser letztes gemeinsames Frühstück. In wenigen Stunden erreichen wir das Festland.“ Schon so bald? Ich hätte erleichtert sein sollen, oder glücklich. Stattdessen war ich traurig.
Quatsch! Freu dich, sagte ich zu mir, du wirst deine Eltern wieder sehen. Doch irgendwie kam keine Freude in mir auf.
Wie Azul vorhergesagt hatte, konnte man am frühen Vormittag das Festland sehen, das wir am Mittag erreichten. Wir fuhren in die Elbe hinein. Die Jolly Roger hatten wir vom Mast genommen und stattdessen flatterte dort eine Flagge der deutschen Handelsflotte. Man ließ uns ohne Fragen passieren. Am Nachmittag erreichten wir den Veringkanal. Ich entdeckte das Schiff meiner Eltern. Sie hatten noch nicht wieder abgelegt. Ich verspürte Erleichterung. Wir gingen vor Anker und legten das Fallreep aus. Azul lief voran, ich folgte ihm. Als ich festen Boden unter den Füßen spürte, taumelte ich. Ich hatte mich so an den Seegang gewöhnt, dass ich nicht mehr wusste, wie es sich auf dem Festland anfühlte. Azul bestand darauf, mich zu begleiten, bis ich meine Eltern gefunden hatte. Wir liefen den Kanal entlang. Dort gab es mehrere Fabriken, von denen sich einige noch im Bau befanden. An den Ufern hatten Segelschiffe angelegt, auf denen Männer Kisten auf- und abluden. Die Schiffe hatten Seitenschwerter, um die Balance zu halten, falls das Schiff mal in Schräglage geriet.
Ich entdeckte meine Eltern in einer Werft. Scheinbar war ihr Schiff während des Sturms beschädigt worden.
„Mutter, Vater!“, rief ich. Überrascht sahen sie sich zu mir um. „Alex? Du lebst?“ Ich stürmte auf sie zu und meine Mutter umarmte mich. „Oh Alex, wir waren so besorgt. Wir wussten nicht, ob du noch lebst, nachdem du über Bord gegangen bist.“
„Mögen wir Gott danken, dass er unseren Sohn beschützt hat“, sagte mein Vater.
„Azul hat mich gerettet“, sagte ich und drehte mich zu ihm um. Er stand nicht mehr am Eingang. Ich lief hinaus und sah, dass er fort ging. „Azul!“ Ich lief ihm nach und packte ihn an der Schulter. Er riss sich los. Ich zuckte zurück. So wütend hatte ich ihn noch nie erlebt. Er drehte den Kopf und sah mich an. Ein eisiger Schauer durchlief meinen Körper. In seinen Augen tobte der schlimmste Sturm, den ich je gesehen hatte. Es kam mir so vor, als könnte ich meterhohe Wellen sehen, die sich auftürmten, um alles unter sich zu begraben.
„Azul?“, fragte ich vorsichtig.
„Jetzt solltest du wohl glücklich sein, nicht wahr?“, fragte er kalt.
„Was meinst du?“
„Du hast deine Eltern wieder und musst nicht mehr auf meinem Schiff sein. Reise mit deinen Eltern weiter und lerne das Schwimmen.“ Er ging weiter.
„Warte!“, rief ich. Er blieb wieder stehen, wandte sich aber nicht um.
„Du warst es doch, der mich zurück gebracht hatte. Warum benimmst du dich jetzt so komisch?“, fragte ich ratlos.
Azul ging nicht auf meine Frage ein. „Hasst du mich?“, wollte er wissen. Er klang niedergeschlagen
„Was?“
„Hasst du mich, Alex?“ Er fuhr zu mir herum. In seinen Augen lag Schmerz.
„Ich…“ Ich wusste es nicht.
Azul ließ mich stehen und verschwand in der Menschenmenge. Es schmerzte mich, ihn fortgehen zu sehen. Meine Eltern kamen. „Wer war denn das?“
„Niemand, den ihr kennen würdet“, gab ich niedergeschlagen zurück. „Ich komm später wieder.“ Ich wandte mich ab.
„Sei aber bitte zum Abendessen beim Schiff!“, rief mir meine Mutter hinterher. Ich hob meinen Arm als Zeichen, dass ich verstanden hatte.
Ich lief am Kanal entlang und setzte mich an eine freie Böschung. Betrübt starrte ich auf das Wasser. Es war spiegelglatt. Keine Welle verzerrte die Oberfläche. Eigentlich müsste ich erleichtert sein. Es war doch das, was ich mir die ganze Zeit auf Azuls Schiff gewünscht hatte. Ich wollte weg, Azul und seine Piraten nie wieder sehen. Mein Wunsch hatte sich erfüllt. Warum war ich also traurig? Weil Azul weg war? Ich sollte darüber glücklich sein. Ich hatte meine Eltern wiedergefunden und war vom Piratenschiff runter. Ich hatte eine Woche mit Azul verbracht und mich an ihn gewöhnt. Vielleicht hatte ich ihn sogar ein bisschen gern.
Ich vermisste die Wellen, die gegen sein Schiff plätscherten, das Kreischen der Möwen und den Geruch von Salzwasser. Die glatte Oberfläche des Kanals kam mir falsch vor. Sie war still, zu still. Ich schleuderte einen Stock in das Wasser. Es kräuselte sich und kreisförmige Wellen breiteten sich aus. Der Stock wurde von der Strömung erfasst und trieb langsam davon. Eine Ente kam dazu und umkreiste den Stock neugierig. Sie pickte ihn ein zwei Mal an, bis es ihr zu langweilig wurde und sie gegen die Strömung davon schwamm.
Ich war wie dieser Stock. Unfähig mich gegen die Strömung zu wehren und gezwungen mit ihr zu schwimmen. Die Ente war frei zu tun, was sie wollte, ob mit oder gegen die Strömung. Sie war frei, so frei wie Azul. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich auf seinem Schiff selbst frei gewesen bin. Das Gefühl, als ich oben in der Takelage hing, das war das Gefühl von Freiheit. Ich bin gefangen in Freiheit gewesen. Und ich bemerkte es erst jetzt. Nun hatte ich mich wieder in die Strömung gebracht. Meine Eltern würden mich nicht loslassen. Ich war gezwungen mit ihnen zurück nach Afrika zu fahren und wieder hier her. Immer der gleiche Weg, immer die gleiche Strömung. Die Sonne ging langsam unter, doch das Kanalwasser blieb schmutzig grau. Plötzlich fühlte ich mich einsam. Da war eine Leere in meiner Brust, die ich nicht füllen konnte. Das war der Moment, in dem es mir klar wurde: Ich war allein.
Am nächsten Morgen liefen wir früh aus. Die Werftarbeiter hatten das Schiff wieder seetauglich gemacht. Ich freute mich nicht auf die Fahrt. Es war mir egal. Mein Vater trat zu mir an die Reling. „Wie geht es dir, mein Sohn?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Wir wollten dich wirklich retten, doch als der Sturm vorbei war, haben wir dich nicht mehr gefunden. Wir wussten bis gestern nicht, ob du noch lebst. Wir hätten auch nicht länger den Kurs ändern können, die Waren…“ Ich hätte wütend werden sollen, enttäuscht, traurig, irgendwas, doch stattdessen zuckte ich nur wieder mit den Schultern und wandte mich ab. Es war mir egal. Mein Vater ließ mich in Ruhe. Ich starrte auf das Meer. Wir hatten die Elbe hinter uns gelassen und fuhren auf die Nordsee. Die Wellen platschten gegen die Planken, doch der Laut hallte hohl in meinen Ohren wieder. Das Kreischen der Möwen verursachte Kopfschmerzen. Alles war so anders ohne Ihn.
„Piraten aus Backbord!“ Mein Herz schlug schneller, doch nicht aus Angst.
Ich stürmte zur Backbord-Seite und lehnte mich weit über die Reling. Diese Flagge, dieses Schiff. Es war Er.
„Azuuuuuul!“, schrie ich so laut ich konnte. „Azul!“ Mein Vater packte mich an den Schultern und zog mich zurück.
„Das reicht!“ Ich riss mich los und lehnte mich wieder gegen die Reling. Eine Sehnsucht überkam mich, die ich so noch nie erlebt hatte. Ich wollte frei sein. So frei wie Azul, so frei wie ich war.
Ich sprang.
„Mann über Bord!“ Panische Rufe auf dem Deck des Schiffes meiner Eltern. Ich spuckte Salzwasser und begann mit kräftigen Zügen zu Azuls Schiff zu schwimmen. Ich hörte meine Eltern meinen Namen rufen, doch auch das interessierte mich nicht.
„Azul!“, rief ich. Ich schluckte Wasser und musste husten. „Ich hasse dich nicht. Du bist mein Freund! Lass uns gemeinsam die Meere besegeln. Azul!“
„Ich hab’s verstanden.“ Azul stand an der Reling und warf mir ein Seil hinunter. „Idiot. Einfach so ins Wasser zu springen, obwohl du nicht schwimmen kannst.“ Ich kletterte am Seil hinauf.
„Ich kann schwimmen“, erwiderte ich ruhig. Azul reichte mir seine Hand und zog mich an Bord.
„Ich weiß. Lass uns frei sein.“ Ich sah in seine türkisblauen Augen. So ruhig und schön, wie die karibische See.