shadow

Geheimnisse der Regierung

von Tooba Shahid

Es war ein gewöhnlicher Morgen. Ich war auf dem Weg zur Universität. Der Bus kam wie jeden Morgen verspätet und war dazu noch überfüllt, aber heute störte es mich nicht. Denn die Sonne strahlte, der Himmel war so blau wie noch nie zuvor, und die müden Gesichter sahen ebenfalls friedlich aus. Außerdem waren es nur noch zwei Tage bis zum Wochenende. Ich traf meinen Kollegen Tyler, der keine Müdigkeit kannte. Er sprang mich beinahe an und war total glücklich. Anscheinend hatte er Erfolg bei der Frau, die er am Vortag getroffen hatte. Er erzählte mir wie hübsch Lucie war und dass die beiden zum Schluss zu ihm nachhause gegangen waren. Den Rest könne ich mir wohl denken. Außerdem erzählte er von Lucies noch hübscherer Freundin Sara. Ich sollte mich heute mit den dreien treffen, aber ich wollte nicht. Schließlich kannte Sara mich nicht. Aber Tyler hatte selbstverständlich für alles gesorgt und erzählte, wie er mich ihr beschrieben hatte, dass sie total interessiert gewesen war, als sie gehört hatte, dass ich Ahmet heiße, 22 Jahre alt sei und Gesundheitsökonomie studiere. Als Sara dann noch ein Foto von mir zu sehen bekommen hatte, sei sie wohl hin und weg gewesen. Das zeigt mir wieder diese Oberflächlichkeit in unserer Gesellschaft. Tyler will, dass ich endlich wieder mit einer Frau ausgehe, aber er versteht nicht, dass ich nicht so bin wie er. Er hat in der letzten Woche bestimmt acht Frauen kennengelernt, keine Ahnung, mit wie vielen er geschlafen hat.

Ich hingegen bin mit einer Frau auf etwas Ernstes aus. Als Tyler mich noch mehr drän-gte, stimmte ich der Verabredung zu. Dann lenkte ich das Gespräch in eine neue Richtung, damit er mir nicht weiter auf die Nerven ging.

Wie immer war ich voller Leidenschaft dabei. In den Medien wird der Syrien-Konflikt ständig aufgegriffen. Die US-Regierung mischt sich dabei selbstverständlich ein. In welchen Krieg denn auch nicht? Meine Stellung zu all dem konnte mir noch nie jemand nehmen. Ich war bereits bekannt für die Verschwörungstheorien, die ich angeblich verbreitete und unterstützte. Ich erklärte Tyler, dass es stimmt, was ich sagte, und dass die amerikanische Regierung korrupt sei. Ihnen liegen die Rohstoffe der Länder der dritten Welt besonders am Herzen. Diese beuten sie aus, am bedeutendsten ist wohl die Ressource Erdöl. Tyler will nicht verstehen, dass da etwas dran ist. Er ist derjenige, der solchen Theorien nie Glauben schenkt. Er denkt sich wahrscheinlich, dass ich verrückt bin und stellt mich immer als Ausländer dar, der sich einfach zu sehr in etwas hineinsteigert und Fanatikern glaubt. Ich weiß, dass manche Dinge übertrieben sind, wie zum Beispiel die Theorie, dass Aids verbreitet wurde, um Menschen gezielt zu töten. Das ist natürlich Schwachsinn. Vieles wird immer als Verschwörungstheorie abgetan, aber es gibt Dinge, die nicht abzustreiten sind. Tyler sagte mir, dass es in den Medien ganz anders dargestellt wird. Dass das amerikanische Militär in Syrien lediglich der Bevölkerung helfen möchte. Der Bürgerkrieg sei sonst wohl nicht zu stoppen.

Wenn ich ihm sage, dass einige Medien von wenigen Firmen kontrolliert werden oder dass selbst öffentliche Medien nicht objektiv berichten, dann heißt es wieder, dass ich keine Ahnung hätte. Er hält sich immer für klüger, weil er zwei Jahre älter als ich ist.

 

Allerdings ist mir das schon immer egal gewesen. Das Alter ist eine Zahl, die nicht viel über einen Menschen aussagt. Unser wohl am häufigsten diskutiertes Thema ist der „Anschlag“ vom 11. September. Ich vertrete die Meinung, dass die Regierung dahinter steckt und er, dass es rechtsradikale Islamisten waren. Heute hatte ich keine Lust, mich weiter rein zu steigern. Ich rege mich immer zu sehr auf. Als ich wieder merkte, dass es keinen Sinn hatte, über Syrien zu diskutieren, beendete ich dieses Thema.

Ich konnte es aber nicht lassen und sagte noch, dass ich auch glaube, dass die Regierung uns ausspionieren lässt.

Tyler sagte: „Ahmet, du denkst auch, dass es zu einem dritten Weltkrieg kommt, oder? Komm mal auf den Boden der Tatsachen. Wir leben in einer modernen fortschrittlichen Gesellschaft.“

„Wie du meinst!“

Wir begaben uns zum Hörsaal und hörten der Professorin aufmerksam zu. Beinahe alle hingen an ihren Lippen. Sie war noch jung und trotzdem hatte man das Gefühl, dass sie jahrelange Erfahrung hatte. Die drei Stunden vergingen wie im Flug. Tyler und ich beschlossen, die nächsten Seminare ausfallen zu lassen und uns stattdessen mit den Mädchen zu treffen.

Wir wollten uns einen schönen Tag mit ihnen machen. Zuerst würden wir in ein Café gehen und etwas essen und trinken, um die Mädchen ein wenig kennen zu lernen. Anschließend würden wir Tretboot fahren gehen. Je nachdem, wie es sich ergibt, würden wir sie mit zu Tyler nehmen.

Ich hatte es satt, auf das perfekte Mädchen zu warten, man nimmt, was man kriegt und anständige Mädchen gibt es sowieso kaum noch. Also war ich mir sicher, dass ich mich mit ihnen treffen würde. Tylers Wohnung war wie immer nicht aufgeräumt. Um mich fertig machen zu können, räumte ich ein wenig auf. Ich fragte mich, was die Frauen sich dabei denken, wenn sie mit ihm ausgehen.

Während ich unter der Dusche stand, dachte ich an unser Gespräch über Politik und alles andere. Es ist erstaunlich, dass wir so gut befreundet sind, obwohl wir zwei verschiedene Weltbilder haben, dachte ich. Theoretisch stört es mich nicht, dass er eine andere Meinung vertritt, aber ich möchte, dass er die Wahrheit kennt.

Wie auch immer, es wurde langsam Zeit los zu fahren. Wir gingen zu seinem Auto. Er hat reiche Eltern und fährt deshalb einen Mercedes CLS 63 AMG. Vielleicht klinge ich eingebildet, aber wir sahen verdammt gut aus. Alle Frauen schauten uns an, wir waren ein wenig arrogant und schauten nie zurück. Wir fuhren los, um die Mädels abzuholen. Ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt über diese wunderschöne Stadt.

„Hamburg, ich liebe dich“, dachte ich mir. An dem Haus von Lucie angekommen, sahen wir bereits die schönen Frauen. Sie hatten sich sehr zurechtgemacht. Sie trugen hohe Schuhe und elegante Kleider. Die langen Haare wehten im Wind. Sie waren nicht zu stark geschminkt, das mochte ich sehr. Dezente, schöne Frauen. Wir stiegen aus und begrüßten uns, Tyler stellte mich Sara vor. Sie war wunderschön. Ihre Figur war kurvig und doch grazil und ihre Augen funkelten. Ich dachte mir in dem Moment: „Danke Tyler.“ Ich zwinkerte ihm zu, sodass er verstand, dass ich Gefallen an ihr fand. Sara und ich setzten uns nach hinten, damit Lucie und Tyler zusammen vorne sitzen konnten.

 

Während der Fahrt unterhielten wir uns ein wenig, sie wirkte ziemlich süß. Ich legte meinen Arm um ihre Schulter, und sie war total angetan. Ich glaubte, dass sie leicht zu haben ist, sollte ich mit ihr schlafen? Warum nicht, dachte ich mir.

An einem schönen Café angekommen setzten wir uns und bestellten Getränke.

Die Mädels waren zunächst ein wenig schüchtern, aber im Laufe der Zeit öffneten sie sich uns.

Anders als erwartet, fragten sie uns über unser Studium aus. Ich hatte mit anderen Fragen gerechnet wie z.B. wie viel Gewicht wir beim Fitness heben oder sonstiges. Ich merkte, dass man sich mit ihnen unterhalten konnte. Als Lucie über Politik zu sprechen begann, war ich begeistert von ihnen.

Ich glaubte, dass Tyler genervt war, weil wir zu ernst geworden waren. Er hätte sich wahrscheinlich gewünscht, dass wir sie abfüllen. Wie dem auch sei, wir unterhielten uns bestimmt bereits eine Stunde über Obama und all die Themen, die uns einfielen. Ich war voll in Fahrt und wir steigerten uns in die Diskussion hinein. Ein paar andere Gäste warfen uns schiefe Blicke zu, aber es hinderte uns nicht daran, weiter zu sprechen. Wir hatten fast alle Themen durch, den Irak-Krieg, den 11. September, die Unterdrückung Palästinas durch Israel, den Bürgerkrieg in Syrien, allgemein den arabischen Frühling, die Drohnen im Jemen und in Pakistan, der jahrelang andauernde Krieg in Afghanistan und die Stimmung für einen dritten Weltkrieg durch den Iran, Russland etc. Wir überlegten auch, wie es in Deutschland aussieht. Die Politiker missachten regelrecht den Willen des Volkes. Über Lösungen sprachen wir auch, beispielsweise über Volksabstimmungen. Ich erzählte ihnen auch, dass ich gelesen hatte, dass die Regierung alle unsere Daten speichert. Nun reagierten sie allerdings wie Tyler. Sie fragten mich, warum uns das überhaupt interessieren sollte. Ich erklärte, dass es die Regierung interessieren könnte, wie die Wirtschaft in einem Land läuft etc. Und dass so eine Ausspähung eine Verletzung der Privatsphäre ist. Außerdem lassen wir die Regierung all dies machen und lehnen uns nicht dagegen auf. Es ist eine Verletzung unserer Rechte. Wenn wir so etwas über uns ergehen lassen, könnte es zur Gewohnheit werden. Wir wissen bald nicht mehr, wann wir unsere Rechte überhaupt noch gebrauchen werden. Nun verstanden mich die beiden.

Tylers Stimmung war mittlerweile spürbar schlecht. Er warf mir böse Blicke zu und war seit einer gefühlten Stunde leise mit seinem Handy beschäftigt. Ich fragte mich, wo jetzt seine Argumente waren, die aussagten, dass ja wohl alles in Butter sei. Um ihn nicht völlig auszugrenzen, fragte ich ihn, ob er nicht etwas dazu sagen wolle. Ich hatte mit vielem gerechnet, aber nicht mit dem, was er tat.

 

Er stand auf und schob seinen Stuhl zurück, dann schrie er beinahe. „Ihr seid doch nicht ganz dicht, leidet ihr unter Verfolgungswahn oder was? Ich hab mich nicht mit euch verabredet, um über so einen Müll zu sprechen!“

Ich sagte: „Entspann dich Tyler, was ist nur los mit dir?“

Tyler erwiderte: „Lass uns unter vier Augen sprechen.“

Wir gingen aus dem Café und begaben uns in eine Nebenstraße, sodass die Mädels uns weder sehen noch hören konnten.

 

Tyler sagte: „Sag mal, willst du mich verarschen? Willst du die Frauen heiraten? Tu mal nicht so, als wenn du nie eine Frau abschleppen würdest und du der nette, brave Junge von nebenan bist. Hör auf mit diesem ernsten Blödsinn. Wir wollen nicht über einen längeren Zeitraum mit ihnen Kontakt halten. Höchstens eine Woche und dann haben wir sie vergessen. Außerdem geht mir dieser ganze fanatische Blödsinn von dir über Politik langsam auf die Nerven. Es reicht einfach.“

„Beruhige dich, ich tu hier nicht auf brav. Ich mag die beiden wirklich. Sie sehen gut aus, und sie sind klug. Was will man mehr? Außerdem ist es kein Fanatismus, es ist die Wahrheit, merkst du nicht, dass da etwas dran ist? Tyler, wenn die Welt nur noch aus Lügen besteht, wird die Wahrheit das Einzige sein, das keiner mehr glaubt.“

„Hör bloß auf damit Ahmet, du scheiß Türke. Wir können nicht länger Freunde sein, wenn du so weiter machst.“ Tyler und ich beleidigten uns regelmäßig, auch unsere Nationalitäten. Es war nur ein Spaß, aber in diesem Moment war sein Tonfall sehr ernst. Wer wütend ist, sagt auch meist die Wahrheit. Für einen kurzen Augenblick war ich still und sah ihn fragend an und dann entschuldigte er sich auch schon. Wir rauchten ein paar Zigaretten um runter zu kommen. Währenddessen herrschte eine peinliche Stille. Jedoch wollte ich nichts sagen, denn ich verstand sein Verhalten nicht. Wir gingen zurück zu den Mädels, denn es war bestimmt eine Viertelstunde vergangen. Tyler fing an, über das Wetter zu sprechen und wie lecker sein Getränk wäre. Er lächelte dabei, aber Lucie und Sara merkten, dass etwas nicht stimmte und sie schauten sehr verwirrt. Dennoch fragten sie nicht nach und spielten mit. Das machte die beiden noch attraktiver. Leider herrschte eine komische Stimmung, und wir wurden still. Es wirkte so, als wenn die Zeit nicht mehr vergehen würde.

Ich schaute den Dreien gar nicht mehr ins Gesicht. Schade, dass es so kommen musste.

Wir tranken still unsere Getränke aus. Dabei musste ich mich natürlich blamieren. Es ist eine blöde Angewohnheit. Ich vergaß, dass wir in der Öffentlichkeit sind und schlürfte laut aus meinem Strohhalm. Die Mädchen kicherten leise. Dann sagte Sara etwas und ich freute mich schon, dass die Stimmung lockerer werden würde, aber sie wollte nur bekannt geben, dass sie auf die Toilette ging.

Es war so leise geworden, dass ich das Gefühl bekam, dass sich das Hinstellen meines Glases wie ein lauter Knall anhörte. Langsam wurde es unerträglich.

Und dann vibrierten die Handys von mir, Sara und Lucie. Wir benutzten wohl dieselbe Nachrichten App. Spiegel Online berichtete von einem gewissen Edward Snowden – ein Ex-Geheimdienstmitarbeiter – der Geheimdokumente bezüglich Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten in Amerika und Großbritannien veröffentlichte. Dieser brillante Mann hat 1,7 Mio. Dateien des Geheimdienstes NSA kopiert und sie in Hongkong einem Journalisten namens Glenn Greenwald überreicht. Anhand der Dokumente ist festzustellen, dass die Geheimdienste Spionage der Bevölkerung und Wirtschaftsspionage betreiben. Sofort tauschten wir uns darüber aus und schauten uns schockiert an. Tyler bekam das Ganze mit und war total schockiert. Man sah es ihm an. Er riss mir das Handy aus der Hand und wollte sich selbst davon überzeugen. Er konnte es nicht glauben und murmelte die ganze Zeit „Was?“ vor sich hin. Wieder war es ruhig, aber diesmal war es nicht unangenehm. Wir mussten die Nachricht nur sacken lassen.

 

Ich war einerseits froh darüber, weil Tyler und die gesamte Bevölkerung nun informiert waren. Andererseits machte ich mir Sorgen. Es konnte so nicht weiter gehen. Ich wollte Tyler nicht aufziehen, weil ich derjenige war, der Recht hatte oder so. Es war mir nur wichtig, dass er es versteht. Sara und Lucie sprachen dann weise Worte zu ihm, die ihm verdeutlichten, dass wir Recht hatten und wir uns gemeinsam dagegen auflehnen müssen.

Dann musste auch ich meinen Senf dazugegeben und habe meinem Freund gesagt, dass es nicht schlimm ist, dass er sich geirrt hat. Wichtig ist, dass er sich jetzt mit uns allen dafür stark macht, dagegen etwas zu unternehmen und dem Rest der Gesellschaft die Augen zu öffnen. Denn der Verstand eines Kindes ist da, wo die Zukunft beginnt und gemeinsam ist man stark. Also ist es unsere Aufgabe, etwas zu ändern. Tyler schien einerseits froh darüber zu sein, dass er nun die Wahrheit kannte, andererseits war er sehr schockiert. Er hat es wohl kaum für möglich gehalten. Nicht im Entferntesten.

Dadurch, dass Lucie und Sara einfühlsam auf ihn eingingen, wurde Tyler das erste Mal emotional. Ich merkte es, weil ich sein bester Freund bin. Er fand Interesse an ihnen und ihm wurde wohl klar, dass die beiden richtig toll sind. Kaum zu glauben, dass Tyler, der Casanova, nun ehrliches Interesse an einer Frau hatte. Abgesehen davon war er nie von irgendetwas zu überzeugen und nun will er, dass ich mein Wissen über die Weltpolitik mit ihm teile.