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Haben wir nicht alles, was wir brauchen?

von Esther Pieper, 18 Jahre

»Guten Morgen mein Schatz!«
»Guten Morgen, Süße! Hast du immer noch Schmerzen?«
»Nein, Schatz. Mir geht’s besser!«
Das ist eine Lüge, und das wissen wir beide. Ich rede nicht gerne über meine Schmerzen und das weiß auch mein Mann Tobias.

Es ist der 16. Februar 1962, und es ist sehr früh. Wir haben beide nur wenige Stunden geschlafen, weil unsere Tochter Lea diese Nacht öfter geschrien hat als sonst. Die Kleine ist erst drei Wochen alt, und ich bin immer noch viel müder und langsamer als vor ihrer Geburt. Mein Bauch ist zwar schon wieder viel dünner, meine Beine machen es mir dennoch schwer, mich zu bewegen. Außerdem bin ich es nicht gewohnt, so wenig zu schlafen. Ich brauche mindestens sieben Stunden Schlaf und leide daher in letzter Zeit an starken Kopfschmerzen.

Es dauert über eine halbe Stunde, bis der Kaffee und das Frühstück für Toby auf dem Tisch stehen. Er schüttelt den Kopf darüber, dass ich jeden Morgen mit ihm aufstehe. Er versucht mir viel Schlaf zu ermöglichen. Aber mir ist die Zeit morgens mit ihm sehr wichtig. Ich bin froh, wenn ich den Tag mit ihm gemeinsam beginnen und beenden kann.
Wir haben erst vor ein paar Monaten geheiratet, als ich schon schwanger war. Somit hatten wir nicht mehr lange Zeit nur für uns, was ich etwas vermisse.
Dennoch bin ich sehr glücklich, ich lebe ein Leben wie in einem Märchen. Ich habe einen Mann, der mich über alles liebt und mich versorgt. Ich kann mich den ganzen Tag um meine kleine Tochter kümmern, und wenn mein Mann abends nach Hause kommt, bringt er mir immer etwas mit.

Als Toby das Haus verlässt, wacht Lea auf. Ich kümmere mich um sie, putze so gut es geht die kleine Wohnung und freue mich auf den Familienabend.
Die einzige Sorge, die mich an diesem Tag quält, ist das Unwetter vor der Tür. Kalter Wind, Sturm und nasse Luft schlagen mir entgegen, als ich das Fenster öffne. Ich bin froh, das Haus nicht verlassen zu müssen. In diesem Moment bewundere ich Toby, der sich nie über etwas beschwert.

Als er am Abend nach Hause kommt, hat sich der Sturm etwas gelegt. Dennoch bekomme ich jetzt ein komisches Gefühl und schlechte Vorahnungen. Ich denke an »die Ruhe vor dem Sturm« und schicke ein Gebet zum Himmel.
Toby bemerkt, dass ich mir Sorgen mache, und nimmt mich ernst. Es kam noch nie vor, dass mich mein Gefühl getäuscht hat, und das ist Toby bewusst. So beschließen wir, dass Lea diese Nacht nicht in ihrem Kinderbett, sondern bei uns im Ehebett schläft. Das beruhigt mich ein wenig, und wir sitzen noch lange an unserem kleinen Kamin im Wohnzimmer. Toby erzählt mir Märchen, um mich zu beruhigen. Ich liebe es, wenn er mir Geschichten erzählt. Er hat eine beruhigende Stimme. So schlafe ich bei seinen Geschichten auf dem Sofa ein. Ich spüre noch seine kräftigen Arme, als er mich ins Bett trägt und neben meine Tochter legt.

Es muss kurz nach Mitternacht sein, als ich einschlafe.
Ich werde von einem Geräusch geweckt. Es ist ein dumpfer, lauter Ton, wie wenn etwas an die Mauer des Hauses schlagen würde. Der Lärm des Sturmes mischt sich mit dem Geräusch von Wasser. Dann klirrt etwas in der Küche. Es ist Toby, er ist wach. Ich öffne die Schlafzimmertür und sehe ihn beim Einpacken einiger Essenssachen. Plötzlich bin ich hellwach. Ohne ein Wort zu sagen, habe ich verstanden, was vor sich geht. Ich renne ins Zimmer zurück und nehme Lea in den Arm. Sie schläft weiter, wie ein kleiner Engel.
Ich gehe ans Fenster und schaue hinaus. Ein hochdramatisches Schauspiel ereignet sich auf den Straßen und ich stehe wie angewurzelt am Fenster. Ströme, Fluten, Wellen durchbrechen die sonst so ruhig daliegende Ortschaft Wilhelmsburg. Autos sind fast komplett von Wasser bedeckt, Bäume sind gebrochen und Fahrräder treiben durch das Wasser. Ich habe Angst. Toby stellt sich neben mich ans Fenster. Erst jetzt bemerke ich, dass ich vergessen hatte zu atmen. Toby zeigt auf den Boden, und ich bemerke, dass meine Füße im Wasser stehen.

»Wir müssen auf den Dachboden«, sagt er leise, die Tasche mit den Lebensmitteln bereits in der Hand. Ich habe Mühe, mich auf den Beinen zu halten, aber ich bemerke, wie sehr er mich gerade braucht, als starke Frau, nicht als kleines Mädchen. Ich gehe vor ihm die Stufen nach oben.
Als ich oben angekommen bin, fällt der Strom aus. Alles ist schwarz um mich herum. Toby steigt die Stufen wieder hinab, in das inzwischen knietiefe Wasser und besorgt Kerzen. Ich bin froh, dass er Ruhe bewahren kann. Ich wüsste gerade nicht einmal, wo ich die Kerzen suchen sollte. Ich bekomme Panik.
Kurze Zeit später ist er wieder neben mir. Er zündet eine Kerze an. Lea wacht auf und beginnt zu schreien. Ich zittere am gesamten Körper und mir wird übel. Es ist kalt, feucht und dunkel. Toby spricht ein lautes Gebet und lässt Lea in seinen Armen wieder einschlafen. Ich bin dankbar, dass er sie zu sich genommen hat. Außer meinem stetigen Zittern, bewegt sich nichts von meinem Körper.
Wir sitzen schweigend nebeneinander, beobachten das Wasser auf der Treppe, das nun etwa 1,20 Meter hoch sein müsste, und die kleine flackernde Kerze vor uns. Niemand von uns sagt ein Wort. Es herrscht eine unangenehme Stille. Niemand weiß, was er sagen soll. Tränen rinnen über mein Gesicht. Toby nimmt mich unglücklich in den Arm, ohne dass er die Kleine aufweckt. Ich mache mir große Sorgen. Ich denke an alles. Der neue Fernseher, das kleine Radio, meine Kleider, die Geschenke für Lea, die wir von Freunden bekommen hatten, und an meinen Schmuck.
Während ich so dasitze, kommen die verrücktesten Vorstellungen. Wie um alles in der Welt, sollte ich eigentlich auf die Toilette kommen können? Wie würde uns jemand finden können? Was passiert, wenn die Kerze ausgeht? Wie lange würden wir hier festsitzen müssen?

Über all diesen Fragen schlafe ich irgendwann erschöpft ein.
Ich träume von Haien, Krokodilen und Hunderten von Babys, auf die wir aufpassen müssen. Ein Klopfen weckt mich. Toby steht auf; ich sehe, dass er etwas wackelig auf den Beinen steht. Wir hören leise Hilferufe. Er kämpft sich durch das Wasser zur Eingangstür. Niemand weiß, wie er es geschafft hat, alle Leute heraufzubringen, denn alle hatten viel Wasser geschluckt und einige waren bereits halb bewusstlos. Die Nachbarn mussten auf irgendeine Art und Weise zu uns herübergekommen sein. Wie, das kann ich mir nicht erklären. Einige Zeit später sind alle bei uns auf dem Dachboden. Ich zähle achtzehn Leute.
Ich schaue in die Tasche, die Toby fertiggemacht und mit hochgebracht hatte. Er hatte an alles gedacht, Essen, Trinken, Kerzen und sogar ein paar Medikamente und Decken. Ich versorge Verletzte und Geschwächte, gebe ihnen Medikamente und Decken. Ich verteile etwas zu essen und zu trinken und hoffe, dass alle das Nötigste haben. Danach kümmere ich mich um Lea, die inzwischen ebenfalls aufgewacht ist. Ich legte sie zu einem anderen sieben Wochen alten Baby, das ein Nachbar von uns mit hergebracht hatte. Ich gebe ihnen etwas Papier, mit dem sie eine Zeit lang zufrieden sind, und das sie zerreißen können. Toby hatte inzwischen noch eine Kerze angezündet und sich darum gekümmert, dass alle genügend Platz haben.

Einige ruhen und andere sitzen bei uns. Wir unterhalten uns leise. Ich versuche ein paar Frauen zu trösten und Toby berät sich mit den Männern, was sie tun können, um irgendjemanden auf uns aufmerksam zu machen.
Stunden später hängen eine kleine Fahne und ein Korb aus dem Fenster, und ich hatte ein paar Spielkarten gefunden, die die Männer für einige Zeit beschäftigen.
Die Verletzten und Unterkühlten erholen sich relativ schnell, bis auf einen älteren Mann, dessen Immunsystem so geschwächt ist, dass wir damit rechnen müssen, dass er diese Zeit nicht übersteht.
Ich setze mich zu Toby. Ich habe Angst, bin hoffnungslos. Einige Tage sind vergangen, und es war keine Rettung in Sicht. Das Essen ist aufgebraucht, ein Sterbender liegt bei uns, und das Wasser macht keine Anstalten wieder zurückzugehen. Ich denke über mein Leben nach.

Mein Leben lang hatte ich alles, was ich brauchte. Ich konnte dankbar sein, für alles, was ich hatte.
Ich bin in einem guten Elternhaus aufgewachsen, habe meinen Traummann gefunden und habe ein kleines Kind. Ich hatte immer zu essen und zu trinken, und trotzdem war ich immer so unglücklich gewesen. Ich frage mich, ob es einen undankbareren Menschen gibt als mich. Ich schäme mich für mich selber und beginne Gott für alles zu danken. Für mein Leben und für alle Menschen, die ich kenne. Auch dass wir bis hierher alle überlebt haben, ist ein Wunder, und dass unser Essen bis heute gereicht hat, ist ebenfalls nicht selbstverständlich. Langsam stehe ich auf und bitte alle um Aufmerksamkeit.
»Ich weiß, wir machen alle im Moment eine schwere Zeit durch. Wir haben alle Angst, es ist kalt und dunkel und jeder kämpft um sein Leben. Dennoch können wir dankbar sein!«
Ich mache eine kleine Pause.
»Wir haben bis hierher alle überlebt. Bis heute gab es genug zu essen. Und was unser gesamtes Leben angeht: Hatten wir nicht immer alles, was wir brauchten? Waren nicht immer Menschen um uns herum, die uns geliebt haben? Der Krieg ist inzwischen vorbei und wir haben viel, wofür wir wirklich dankbar sein können. Wir haben in unserem Leben eine Menge überstehen müssen, und auch dieses Problem können wir meistern. Gott hat uns dieses Leben gegeben, und ich bin der Meinung, dieses Leben ist ein Geschenk. In guten, wie in schlechten Zeiten!«
Wieder eine kleine Pause. Ich lasse es wirken. Meine Stimme zittert, als ich weiterrede.
»Ich möchte euch allen danken, dass ihr ein Teil meines Lebens seid. Besonders meinem Mann will ich danken, für alles, was er für mich tut und getan hat.«
Ich setze mich. Alle sind ruhig. Nicht einmal die Babys geben einen Ton von sich. Nacheinander stehen alle auf. Jeder sagt etwas, dankt Menschen und entschuldigt sich für Dinge. Es ist ein magischer Moment. Ich bin glücklich.
Am Ende unseres Gespräches beten wir. Jeder betet und dankt Gott für alles, was sie haben und hatten.

Wieder Ruhe. Eine angenehme Stille.
Es kommt uns vor wie ein Zauber, als wir die Stimmen von draußen hören. Wie lange hatten wir keine anderen Menschen mehr gehört?
Alle reden auf einmal. Jeder will an das einzige Fenster, das es gibt, um die Soldaten auf den Schlauchbooten zu sehen. Sie laden ein paar Lebensmittel und Medikamente in unseren Korb, den wir an einem Seil wieder hochholen. Sie rufen uns zu, dass sie Rettung holen, und wir bald wieder frei sind.

Frei. Was für ein Wort. Ich wusste nicht, dass Freiheit ein so unglaublicher Begriff sein kann. Hoffnung und Freude machen sich breit und wieder danken wir Gott. In diesem Moment verstehe ich, wieso das alles passieren musste. Gott wollte uns näher an ihn heranbringen. Er wollte, dass wir merken, was wir alles haben; er wollte uns glücklich und dankbar machen. Tränen laufen über mein Gesicht. Es gab in meinem Leben nie einen glücklicheren Moment, als diesen. Dieses Gefühl werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen.

Erst als wir alle auf den Schlauchbooten sind, bemerke ich, wie sehr sich die Soldaten in Lebensgefahr brachten. Sie retten Menschenleben, indem sie ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen. Es wäre kein Zufall, wenn die Schlauchboote über den Stacheldraht von Zäunen treiben und von unten aufgeschlitzt würden. Dann würden die Soldaten ertrinken. Wieder danke ich Gott. Diese Soldaten sind Helden für mich.
Ein paar Stunden später stehen wir alle wieder auf festem Boden. Jeder umarmt jeden. Nie würden wir diese Tage des Schreckens vergessen.