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Hafen

von Alison-Michelle Naujack

Sie saß auf dem Ponton und ließ die Beine baumeln. Es war kein schönes Wetter. Es regnete leicht und alles sah grau aus. Aber das hielt sie nicht davon ab, dort zu sitzen und zu warten. Sie schaute den großen Schiffen zu, wie sie an ihr vorbeifuhren, vollbeladen mit bunten Containern. Wenn sie den Arm nach unten ausstreckte, könnte sie bestimmt das Wasser berühren, das die Plattform auf und ab bewegte.

Eine neue Fähre legte an, und die Menschen drängten sich zusammen, um hinaufzukommen. Sie lächelte, als sie sah, wie vorsichtig sich ein paar Touristen bewegten, aus Angst durch die Bewegung des Pontons hinzufallen. Sie blickte hinüber zur anderen Uferseite. Nur der gelbe Löwe starrte zurück, fast schon vorwurfsvoll, dass sie hier saß, aufgrund einer Hoffnung, die vollkommen grundlos war. Sie hatte schon lange hier gesessen und gewartet, aber er kam nicht. Ob er überhaupt jemals zurückkommen würde? Vielleicht hatte der Löwe Recht. Sein Blick sagte ihr, sie solle verschwinden, aufgeben! Das Wasser kräuselte sich, als der Wind darüberfuhr, grau und trüb. Langsam stand sie auf. Sie hatte keine Lust mehr zu warten, es war zu lange her. Er hatte ihr immer viel versprochen, aber nichts gehalten. Warum sollte er es diesmal tun? Sie hatte keine Hoffnung mehr übrig, und was sollte seine Rückkehr jetzt überhaupt noch helfen? Sie war mittlerweile sechzehn Jahre alt, noch zwei Jahre und sie würde niemanden mehr brauchen. Traurig blickte sie noch ein letztes Mal den Hafen entlang. Ihr langes Haar klebte in nassen Strähnen an ihrem Rücken, und das Wasser lief ihr in die Augen. Sie drehte sich um, vielleicht war es besser so, vielleicht hatte er sie schon längst vergessen, und es wäre besser ihn zu vergessen. Alle hatten ihr gesagt, dass er nicht zurückkommen würde, aber die Hoffnung hatten sie nicht zerstört, bis jetzt. Trauer und Mutlosigkeit machten sich in ihr breit und lähmten ihre Gedanken. Wie ferngesteuert stieg sie in die U-Bahn. Alles sah noch trostloser aus als der Tag sowieso schon war. Allein stand sie in der Mitte des Wagons und starrte aus dem Fenster, ohne wirklich zu sehen, was dort draußen war. Laut schreiend liefen Kinder durch den Wagon, aber sie bemerkte sie nicht. Sie war zu sehr damit beschäftigt, nicht zu weinen. Das fehlte gerade noch, dass ihre Tante sah, dass sie aufgegeben hatte. Sie würde eh nur sagen, dass sie es gewusst hatte.

Das Haus, in dem sie mit ihrer Tante wohnte, war alt. Es hatte Verzierungen um die Fenster herum und war irgendwann mal weiß gewesen, aber die Zeit hatte daraus ein schmutziges Grün gemacht.

Leise ging sie durch das dunkle Treppenhaus. Sie wohnten in einer kleinen Wohnung, gerade mal genug Platz für zwei. Ihre Tante war noch nicht zuhause. Sie ging in ihr Zimmer. Neben ihrem Bett stand ein Foto, es zeigte sie mit ihren Eltern. Damals waren sie alle so glücklich, und heute hatte sie beide verloren, endgültig. Sie erinnerte sich noch an den Tag, an dem das Foto aufgenommen worden war. Es war ihr sechster Geburtstag, und sie war mit ihren Eltern im Urlaub in Amerika gewesen. An diesem Tag hatte sie New York geliebt, die vielen Menschen, die unglaublich großen Häuser, aber zwei Tage später hatte sich das geändert. Nun ließ sie ihren Tränen doch freien Lauf. Es klingelte an der Tür. Sie legte das Foto mit dem Bild nach unten zurück. Ihre Tante vergaß oft ihre Schlüssel.

Aber diesmal war es nicht ihre Tante, er war es. Sie hatte gerade all ihre Hoffnungen begraben, und jetzt stand er da. Er sah alt aus, viel älter und kleiner als sie ihn in Erinnerung gehabt hatte, aber das waren auch die Erinnerungen einer Sechsjährigen.

„Mia.“

Das war alles, was er sagte. Er hatte sie zehn Jahre lang allein gelassen und alles, was ihm einfiel, war ihr Name. Plötzlich wurde sie wütend. Er hatte sie nicht vergessen, das wusste sie jetzt. Aber war er ihretwegen zurückgekommen oder hatte er aufgegeben? Am Anfang hatte sie noch geglaubt, dass alles wieder in Ordnung kommen würde, aber da wusste sie noch nicht, dass es zehn Jahre dauern würde, und sie wusste auch nicht, dass sie zehn Jahre nichts mehr von ihm hören würde.

Er lächelte sie an, mit demselben Lächeln, das sie so lange vermisst hatte, aber es lag etwas Trauriges in diesem Lächeln, das ihr sagte, dass er keinen Erfolg gehabt hatte.

Mia schlug die Tür zu. Sie wollte nicht wissen, warum er wieder da war. Sie wollte es nicht hören. Langsam rutschte sie an der Tür nach unten und setzte sich auf den Boden. Sie weinte. Es war ihr egal, ob er sie hörte, sollte er doch wissen, was er angerichtet hatte, sich schlecht fühlen. Sie hatte sich auch schlecht gefühlt, hatte sich selbst die Schuld gegeben. Er hatte ihr nicht geholfen. Es war immer nur darum gegangen, was er wollte.

Von außen hämmerte er gegen die Tür und rief ihren Namen, aber es war ihr egal, sollte er solange schreien, wie er wollte. Sie hatte kein Interesse, sich Vorwürfe machen zu lassen, denn sie wusste, die würden kommen. Sie hatte ihn aufgehalten, natürlich hatte sie das. Sie hatte ihn gebraucht. Aber er war eines Tages einfach verschwunden und hatte ihr nur einen Brief dagelassen. Ihr Leben bestand nur aus Briefen.

Er rief immer noch ihren Namen.

„Lass mich in Ruhe! Geh sie wieder suchen. Ich brauch dich nicht mehr!“ Sie schrie ihn an, früher hatte sie das nie getan. Noch vor einer Stunde wäre sie froh gewesen, ihn zu sehen, aber jetzt war sie überfordert. Sie hatte ihn aufgegeben und verdrängt, was er getan hatte, aber das kam jetzt alles zurück. Die lange Zeit und ihre Fantasie hatten aus ihm einen perfekten Vater werden lassen, aber nun musste sie erkennen, dass das nur Einbildung gewesen war.

„Ich möchte nur mit dir reden. Bitte lass mich rein.“

Warum gab er nicht auf? Verstand er nicht, dass sie ihn nicht sehen wollte? Aber sie verstand sich selbst nicht, egal was passiert war, er war ihr Vater. Obwohl sie ihn gerade hasste, sie hatte ihn trotzdem vermisst, auch wenn seine Anwesenheit ihr und ihrer Mutter nur Schmerzen bereitet hatte. Noch einmal atmete Mia tief durch, dann stand sie auf und öffnete die Tür.

„Du hast sie nicht gefunden, hab ich recht?“, fragte sie ihn.

„Ja.“ Er traute sich nicht, ihr in die Augen zu schauen.

„Und jetzt bist du hier, weil du nichts Besseres zu tun hast?“

„Nein, Mia, ich hab dich vermisst!“

„Natürlich, jetzt, wo du sie aufgegeben hast, fällt dir plötzlich ein, dass du eine Tochter hast!“

„So ist das nicht, ich hab nicht aufgegeben. Ich glaube, zusammen können wir es schaffen.“

Sie lachte. „Zusammen? Wir zusammen? Wann haben wir das letzte Mal etwas zusammen gemacht? Warte, jetzt fällt es mir wieder ein, bei dir gab es nie ein wir. Du hast uns immer nur geduldet.“ Sie fing schon wieder an zu schreien. „Wir haben dir immer nur im Weg gestanden und jetzt auf einmal willst du etwas zusammen machen?“

„Hör zu, auf meiner Reise…“, fing er an.

„Reise?! War das Ganze für dich so was wie Urlaub?“

„Nein, Mia hör mir zu!“ Jetzt wurde er laut und funkelte sie wütend an. „Mir ist etwas klar geworden.“ Wie schnell er wieder ruhig werden konnte. „Ich weiß jetzt, wie wichtig eine Familie ist, deshalb suche ich deine Mutter doch immer noch.“

„Das hast du schon mal behauptet.“, sagte Mia. Sie kannte die Worte aus seinem Brief auswendig. Leise, wie ein Gebet, hatte sie den Brief viele Male wiederholt, um an das zu glauben, was drin stand und es hatte funktioniert. Zehn Jahre lang hatte es funktioniert, obwohl sie immer gewusst hatte, dass er nur aus Egoismus handelte. Der Brief lag immer noch unter ihrem Kissen, neben dem anderen. In dem ihres Vaters stand:

 

Liebe Mia,

ich weiß, dass der Verlust deiner Mutter dich genauso verletzt wie mich. Ich weiß auch,

dass du dich nach einer richtigen Familie sehnst.

Ich möchte dir diesen Wunsch erfüllen und werde deine Mutter suchen. Ich tue das für dich, weil ich möchte, dass du glücklich bist. Du wirst sehen, wenn ich mit deiner Mutter zurückkomme, werden wir wieder eine Familie. Ich freue mich schon darauf.

Dein Vater

 

Sie schaute auf, in sein Gesicht.

„Du kannst den Brief auswendig?“ Sie hatte nicht gemerkt, wie sie ihn wieder vor sich hin murmelte. Er sah traurig aus, genauso traurig, wie Mia sich fühlte.

„Ja, kann ich“, sagte sie trotzig.

„Mia, ich möchte wirklich nur unsere Familie zurück!“ Er hatte etwas Flehendes in seinem Blick, vielleicht sagte er die Wahrheit.

„Denkst du wirklich, dass wir nach so langer Zeit noch mal eine Familie werden können?“ Sie zweifelte nicht mehr an ihm, nur noch an der Realität.

„Wir können alles schaffen, wir müssen es nur versuchen.“ Er konnte ihre Zweifel nicht ganz zerstreuen, aber er brachte ihr die Hoffnung zurück.

„In Ordnung, ein letzter Versuch, aber nur einer. Ein Versuch. Ein Monat. Wenn wir sie dann nicht finden, soll es so sein.“ Dieser Satz brachte sein Lächeln zurück, und beinahe bereute sie es schon wieder, zugestimmt zu haben.

 

 

Der Himmel war frei von Wolken und Mia konnte schon früh New York am Horizont erkennen. Die Sonne war gerade dabei unterzugehen, und die Lichter der Stadt leuchteten zu ihr hinauf. Aufgeregt schaute sie aus dem Fenster, als das Flugzeug landete. Leicht setzte es auf der Erde auf, und die Landebahn rauschte an ihnen vorbei.

 

Das Haus sah noch genauso aus wie vor zehn Jahren. Es war ein kleines Reihenhaus, das ihre Eltern zur Hochzeit geschenkt bekommen hatten. Hier hatten sie alle ihre Ferien verbracht und die Wochen nach dem Verschwinden ihrer Mutter. Ihr Vater hatte nichts verändert, dieselben hellen Möbel standen in den Räumen, und an den weißgrünen Wänden hingen immer noch die gleichen Bilder.

„Du hast nichts verändert“, sagte Mia und schaute sich im Wohnzimmer um.

„Natürlich nicht!“ Ihr Vater schien entsetzt. „Deine Mutter soll sich doch wohlfühlen.“

„Gibt es einen Ort“, fragte sie ihn, „wo du noch nicht gesucht hast?“

„In New York nicht, aber ich weiß, dass sie in diesem Land ist.“

„Das kann ja sein, aber dieses Land ist verdammt groß.“

„Ich weiß, natürlich ist dieses Land groß, aber ich glaube, ich hab deine Mutter einmal gesehen. Sie war einkaufen. Ich bin mir sicher, dass sie es war.“

„Wieso hast du sie nicht angesprochen?“

„Sie war zu schnell weg, aber sie war es“, setzte er trotzig hinzu. „Wir bräuchten einen Anhaltspunkt. Ich weiß, dass wir nur einen brauchen, dann können wir sie finden.“ Er sah sie an, kämpferisch, aber sie konnte ihm nicht in die Augen schauen.

„Was ist eigentlich, wenn wir sie finden und sie ist glücklich?“, fragte sie mehr an den Boden gerichtet als an ihren Vater. „Wenn sie uns gar nicht braucht?“

„So ein Quatsch!“, er wirkte verletzt. „Deine Mutter braucht uns, um glücklich zu sein.“

„Aber was ist, wenn sie es doch ist? Ich will nicht ihr Leben zerstören“, hielt Mia dagegen.

„Mia, wir werden deine Mutter zu nichts zwingen.“ Lächelnd fragte er sie: „Wie kommst du überhaupt darauf?“

„Na ja“, sie schaute ihn unsicher an, „bevor sie gegangen ist, hat sie mir einen Brief gegeben. Sie meinte, ich soll ihn dir nicht zeigen, aber…“

„Ein Brief?!“, schrie er, die Adern auf seiner Stirn waren kurz vorm Platzen. „Du hast einen Brief von ihr und zeigst ihn mir nicht? Wie kommst du dazu?“

„Sie hat gesagt, du sollst ihn nicht sehen!“

„Na und? Es wäre deine Pflicht gewesen! Gib ihn her!“ Fordernd streckte er seine Hand aus.

„Erst wenn du dich beruhigst:“

„Ich. Bin. Ruhig“, zischte er sie wütend an.

„Ich meine es ernst. Du musst dich beruhigen und mir versprechen, dass wir sie in Ruhe lassen, wenn sie glücklich ist.“

Er biss seine Zähne knirschend zusammen. „In Ordnung, ich verspreche es. Gibst du mir jetzt  bitte den Brief!“

Zögernd zog sie den Brief aus ihrer Tasche und gab ihn ihrem Vater. Langsam entfaltete er das abgenutzte Stück Papier. Das Rascheln machte sie nervös. Laut las er vor:

 

„Meine süße, kleine Mia,

es tut mir so leid, aber ich muss fort. Ich kann dich leider nicht mitnehmen, auch wenn ich es mir so sehr wünsche. Du kennst deinen Vater. Ich habe einen anderen Mann kennen gelernt. Er heißt Malcolm Pager. Ihm gehört eine Farm westlich von New York. Es würde dir dort gefallen. Bitte erzähl deinem Vater nichts davon.

Ich hab dich lieb

Mama

 

„Besser als mein Brief ist der auch nicht“, stellte er fest.

Mia hatte ihre Mutter verstanden, auch wenn sie ihr nicht verzeihen konnte, dass sie sie zurück gelassen hatte.

„Malcolm Pager“, murmelte ihr Vater vor sich hin, „Mia, was denkst du, wie viele Männer in Amerika heißen so?“

„Ich weiß nicht“, sagte sie. „Ich denke nicht, dass es so viele gibt, die in der Nähe von New York eine Farm haben und so heißen. Vielleicht sollten wir ihn einfach mal googeln.“

„Ja“, nachdenklich schaute ihr Vater an die Decke. „Ein Farmer verkauft seine Produkte, dabei ist eine Internetseite bestimmt hilfreich.“ Gemeinsam setzten sie sich an den Computer. Es gab tatsächlich nur einen Farmer westlich von New York, der Malcolm Pager hieß. Aber für diesen Tag war es zu spät, um dorthin zu fahren. Zusammen stiegen sie am Abend auf das Empire State Building und schauten auf das Meer hinaus Richtung Europa. Ihr Vater lächelte.

„Weißt du noch“, fragte er sie, „wie wir früher immer in Hamburg am Hafen saßen und den Schiffen zugesehen haben?“

„Ja“, sagte Mia und schaute ihn an, der Wind wehte ihre Haare ins Gesicht, „ ich war noch ein paar Mal dort, nachdem du weg warst.“

„Wirklich?“

„Ja, ich dachte, wenn ich dort lang genug sitze, kommst du vielleicht zurück“, sagte sie und schaute zurück auf das Meer.

„Ich bin ja wiedergekommen. “ Er nahm ihre Hand und hielt sie fest. „Zu dir werde ich immer zurückkommen.“

 

Die Sonne stand noch tief am Himmel als sie los fuhren. Die Farm war einhundert Kilometer von der Stadt entfernt. Fast eineinhalb Stunden lang fuhren sie auf der Landstraße Richtung Westen. Sie kamen an kleinen Städten und Wäldern vorbei, die nur von Wiesen und Flüssen unterbrochen wurden. Die Farm war leicht zu finden. Sie bogen auf einen kleinen Feldweg ab, der direkt zum Haus führte. Es war ein großes, hellgelbes Haus mit grünen Fensterläden. Zögernd stieg Mia aus dem Auto. Sie hatte Angst. Angst ihre Mutter nicht zu finden, aber auch Angst es zu tun. Sie erinnerte sich kaum an ihre Mutter. Natürlich wusste sie, wie sie aussah. In der Wohnung ihrer Tante hatte es viele Fotos von ihr gegeben. Sie wusste auch, dass ihre Mutter sie geliebt hatte. Aber am deutlichsten erinnerte sie sich an den Tag, an dem sie verschwunden war. Ihre Mutter war gehetzt gewesen und eindringlich hatte sie ihr erklärt, dass sie ihrem Vater nichts sagen durfte, niemals. Das schlechte Gewissen machte sich in ihr breit, vielleicht hätte sie doch nichts sagen sollen, aber er schien es ernst zu meinen. Verunsichert starrte sie auf den sandigen Boden. Das Knallen der Autotür holte sie in die Realität zurück.

„Kommst du?“

Mit zitternden Beinen folgte sie ihm. Das Haus war von Weiden umgeben, die bis zum Horizont reichten. Sie konnte von Weitem eine Herde Kühe erkennen. Die Treppe der Veranda knarrte, als sie langsam darauf emporstieg. Ihr Vater war schon oben und wartete auf sie. Er lächelte ihr aufmunternd zu und drückte auf die Klingel. Nervös trat Mia von einem Bein auf das andere. Sie hörten, wie Schritte sich näherten. Die Tür öffnete sich und vor ihnen stand ein Mann. Er war groß und sah aus wie ein typischer Cowboy.

„Malcolm Pager?“, fragte Mias Vater.

„Ja?“, antwortete er und sah die beiden verwirrt an.

„Ist Maria da?“, wollte ihr Vater wissen und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er überragte Malcolm um wenige Zentimeter.

„Was wollen sie von ihr?“, fragte Malcolm zögerlich.

„Ich will mit ihr reden, “ gab ihr Vater barsch zurück. „Reicht das nicht?“

„Ich bin ihre Tochter“, sagte Mia und versuchte die Unhöflichkeit ihres Vaters zu überspielen.

„Mia?“, fragte er überrascht

„Ja.“

„Komm rein, Maria wird sich freuen, dich zu sehen.“ Er hielt ihr die Tür auf und lächelte sie an, aber als sein Blick auf ihren Vater fiel, wurde er feindselig. Wortlos führte er sie in ein kleines Wohnzimmer. Ein helles Sofa stand an einem Tisch. Der Raum wurde von der tiefstehenden Sonne durch zwei große Fenster erleuchtet. Ihre Mutter saß in einem sandfarbenen Sessel vor einem der Fenster und hielt eine Tasse in den Händen. Ihr Blick wanderte über die grünen Wiesen und schien sie doch nicht zu sehen. Auf einer kleinen Kommode stand die Figur einer Ballerina. Mia hatte sie ihrer Mutter geschenkt, nachdem sie eines Abends wieder geweint hatte. Das war in Deutschland gewesen. Ihre Eltern hatten sich an diesem Abend gestritten und Mia hatte unter dem Küchentisch gesessen und alles gehört. Sie erinnerte sich, dass ihre Mutter damals das erste Mal ihre Taschen gepackt hatte, aber ihr Vater war zu früh nach Hause gekommen und hatte sich schrecklich aufgeregt. An diesem Abend war das Gesicht ihrer Mutter vom Weinen ganz rot, und in den Tagen danach war ihr Auge immer noch blau gewesen. Mia hatte sich ihr Auge auch blau angemalt, damit ihre Mutter nicht so allein war. Ihr Vater hatte das nicht lustig gefunden. Langsam und unsicher ging Mia auf ihre Mutter zu.

„Mama?“ Sie hatte Angst, dass sie sich auflösen könnte, dass alles nur ein Traum war. Maria schaute ihre Tochter an, fassungslos stand sie aus ihrem Sessel auf und nahm Mia in ihre Arme. Beide hielten sich aneinander fest, überglücklich sich wiedergefunden zu haben. Das Kreischen von Kindern zerstörte diesen Augenblick, lachend rannten sie durch das Zimmer.

„Sind das deine?“ Beinahe hätte Mia vergessen, dass ihr Vater im Raum war. Er klang genauso erstaunt, wie sie sich fühlte.

„Nur Mike.“ Sie traute sich nicht, ihm ins Gesicht zu sehen. Sie drehte ihnen den Rücken zu und schaute wieder aus dem Fenster, aber Mia sah trotzdem, wie ihr eine Träne über die Wange rann.

„Mike, John kommt mit. Maria, du solltest das jetzt klären“, sagte Malcolm, bevor er sich umdrehte und mit den beiden Jungen hinausging. Maria sah ihm wortlos nach.

„Wie habt ihr mich gefunden?“

„Mit dem Brief, den du Mia gegeben hattest.“

„Ich verstehe“, sagte sie langsam und schaute Mia an, die schuldbewusst auf den Boden starrte. „Ich hatte früher damit gerechnet, dass du mich findest.“

„Ich hab ihm den Brief erst gestern gezeigt. Ich wollte mein Versprechen nicht brechen. Warum hast du mir nie wieder geschrieben?“

„Ich hatte Angst, dein Vater  könnte die Briefe abfangen und würde mich dann finden.“

„Um die Briefe abzufangen, hätte er bei mir sein müssen“, antwortete Mia.

Die Augen ihrer Mutter weiteten sich und richteten sich auf Mias Vater.

„Du hast sie allein gelassen?“, rief sie wütend. „Ralph, hast du unsere Tochter wirklich allein gelassen?“

„Sie war bei deiner Schwester. Was hätte ich denn machen sollen? Ich musste dich doch suchen.“

„Willst du wissen, warum ich Mia bei dir gelassen habe? Weil ich Angst hatte, dass du sonst niemals aufhören würdest, mich zu suchen. Ich dachte, wenn Mia bei dir ist, wirst du dich um sie kümmern und mich vergessen.“

„War ich für dich nur eine Ablenkungsmöglichkeit?“, fragte Mia. „Bin ich wenigstens einem von euch wichtig?“

Vor ihren Augen verschwamm alles. Sie hatte ihre Mutter gefunden, aber machte sie das glücklich? Vielleicht hätte sie ihrem Vater den Brief nie zeigen sollen, dann wären sie ohne eine Spur von ihrer Mutter irgendwann nach Hause gefahren. Und dann hätte sie sich das alles hier niemals anhören müssen.

„Mia, so war das nicht gemeint.“

„Ich glaube, es ist besser, wenn du sie erst mal in Ruhe lässt und deine Sachen packst. Ich werde für den nächsten Flug nach Deutschland Tickets reservieren.“

„Nein, ich geh hier nicht weg. Ich bin glücklich.“

„Maria hör auf, wie willst du denn hier glücklich sein? Guck dich doch mal um. Hier ist doch gar nichts.“

Ungläubig zeigte er aus dem Fenster. Mittlerweile stand die Sonne hoch am Himmel und beschien die grünen Wiesen.

„Du hast mir was versprochen“, sagte Mia und sah ihren Vater an. „Du hast mir versprochen, dass du sie in Ruhe lässt, wenn sie glücklich ist.“

Sie war immer noch enttäuscht von ihren Eltern, aber die konnte man sich ja schließlich nicht aussuchen.

Ihr Vater bat verzweifelt: „Maria, bitte überleg dir, was du tust. Wir könnten wieder eine Familie werden.“

„Tut mir leid, Ralph, Mia, aber ich hab eine neue Familie. Das heißt aber nicht, dass ich euch vergessen habe.“ Mit vorsichtigen Schritten ging sie auf die beiden zu und nahm erst Mia und dann Ralph in den Arm.

 

Sie saß auf dem Ponton und ließ die Beine baumeln, die Sonne brannte heiß vom blauen Himmel und spiegelte sich im Wasser. Wie immer starrte sie der Löwe streng an, aber sein Blick war nicht länger vorwurfsvoll. Sie genoss den Wind, der leicht über das Wasser und ihr Gesicht fuhr. Heute begannen ihre Sommerferien. Jemand setzte sich neben sie.

„Dein Flug geht in zwei Stunden, wir sollten los.“ Sie sah ihren Vater an.

„Fährst du mich?“, fragte sie ihn.

„Natürlich“, sagte er, „wenn du Maria von mir grüßt.“ Sie lächelte ihn an.

Ihre Eltern hatten sich vertragen, und auch sie hatte ihnen verziehen. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass Mia ihre Mutter in den Ferien besuchen sollte. Sie stand auf und blickte noch einmal über das Wasser. Dann drehte sie sich um und folgte ihrem Vater.