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Hal-Oh-Wiin

von Céline Nöldemann, 16 Jahre

Monster sind gruselig, naja, zumindest waren sie es mal. Wobei…wenn ich mir diese Typen ansehe, wundert es mich nicht, dass vor langer Zeit die Menschen die Furcht vor uns verloren haben.

„Tyzen, du hast schon wieder diesen Blick drauf.“ Ich kehrte mit den Gedanken in die Wirklichkeit zurück und sah in die Gesichter meiner drei Freunde.

„Welchen Blick?“, fragte ich Luna.

„Na der Blick, bei dem man meinen könnte, dass wir eine große Enttäuschung sind“, antwortete sie.

Bevor ich etwas darauf erwidern konnte, ertönte der laute Schrei von Reiner: „Oh mein Gott! Bald kommt der zweite Teil von Breaking Dawn raus!“

„Was? Zeig her!“ Sofort war Luna bei ihm und schaute ihm über die Schulter auf die Zeitschrift.

„Wow, bald werde ich meinen Edward wiedersehen.“ Luna fing an zu kichern.

„Solltest du nicht eher auf Jakob stehen?“, fragte Reiner irritiert.

Luna warf ihm einen vernichtenden Blick zu, unter dem er zusammensank.

„Wie könnte ich dieses haarige Fellknäul mögen?“

„Vielleicht weil ihr beide Werwölfe seid?“

„Na und?“, gab Luna leicht eingeschnappt zurück. „Ich mag nun mal kein Fell. Wenigstens bin ich beim ersten Teil nicht ohnmächtig geworden.“

Mit hochrotem Kopf wandte Reiner den Blick ab.

„Was soll ich machen? Ich kann kein Blut sehen. Woher sollte ich denn wissen, dass so viel davon fließen würde?“

„Du bist ein Vampir!“, fuhr Luna ihn an. „Ein V A M P I R! Da hat man keine Angst vor Blut! Und Tyzen! Schau uns nicht wieder mit diesem Blick an!“

Ich verdrehte die Augen. „Warum mögt ihr diesen Mist überhaupt? Euresgleichen wird vollkommen lächerlich dargestellt.“

„Und wenn schon.“ Reiner lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah mich unberührt an. „Ist doch lustig mit anzusehen.“

„Aber ein Vampir und ein Werwolf verlieben sich in einen Menschen? Wie abstoßend ist das denn bitte?“ Ich verzog das Gesicht vor Ekel. „Die Menschen sollten uns fürchten und sich nicht in uns verlieben.“

„Tyzen.“ Luna seufzte. „Die Zeiten sind längst vorbei. Nur noch kleine Kinder fürchten sich vor uns. Die Schreck – und – Spuk – Akademie hat ihr Ansehen als Schule der Gruselkünste schon vor Ewigkeiten verloren.“

„Aber trotzdem sind wir hier in eben dieser Akademie und sitzen in einem schäbigen Klassenzimmer. Warum?“

„Weil das Schulgeld niedrig ist.“ Reiner blätterte gelangweilt in seiner Zeitschrift herum und sah mich nicht mal an. Luna zuckte nur mit den Schultern und Nyuk, der die ganze Zeit noch kein Wort gesprochen hatte, nickte zustimmend.

„Bin ich eigentlich der Einzige, der will, dass die Menschen wieder Angst vor uns haben?“ Ich ließ mich in einen der Stühle fallen und rieb mir mit der Hand übers Gesicht.

„Sieh es ein, Tyzen“, murmelte Reiner, immer noch ohne mich eines Blickes zu würdigen. „Die Menschen haben keine Angst mehr vor uns. Du hast zu viel Zeit mit alten Büchern verbracht, dass dein Hirn verstaubt ist. Es wird nie wieder so…ist ja niedlich! Hier steht, dass im Zoo ein Pandababy geboren wurde.“

„Wo?“ Luna beugte sich über die Schlagzeile und begann zu lesen: „Nachwuchs im Pandagehege des Berliner Zoos. Die kleine Zoey ist wohlauf. Angela Merkel hat die kleine sofort ins Herz geschlossen.“ Mit gerunzelter Stirn blickte sie auf. „Wer ist Angela Merkel?“

Reiner zuckte mit den Schultern. „Vielleicht die Panda-Mama?“, schlug er vor.

„Meine Fresse! Ist euch das nicht peinlich?“ Ich knallte mit der Faust auf den alten Tisch und sprang auf. Endlich hatte ich die Aufmerksamkeit von allen drein. „Ihr sitzt hier rum und redet über Menschenfilme und Pandas aus Menschenzoos. Wir sind Monster! Wo ist euer Stolz? Werwölfe ekeln sich nicht vor Haaren und Vampire werden nicht beim Anblick von Blut ohnmächtig!“

„Der korrekte Ausdruck dafür wäre Haematophobie oder haematophob“, mischte sie Nyuk ein. Er nuschelte ein wenig, was an dem gewaltigen Überbiss lag, den jeder Ork hatte. Aus seinem Unterkiefer ragten zwei riesige Eckzähne.

„Danach habe ich nicht gefragt, Nyuk“, entgegnete ich genervt. „Und warum zum Himmel weißt du sowas? Orks sind dumm wie Butterbrote.“

Nyuk schnaubte. „Ich lehne eine solch diskriminierende Anschuldigung ab.“

„Außerdem musst du grad reden.“ Luna sah mich mit hochgezogener Augenbraue an. „Wer ist der WALDelb mit einer Pollenallergie?“

„Das hat doch gar nichts damit zu tun“, verteidigte ich mich. Sie hatte meinen wundesten Punkt getroffen.

„Was erwartest du von uns?“, fragte Reiner und hob die Hände. „Einen Grusel-Crashkurs zu machen?“

„Genau!“

„Das ist nicht dein Ernst.“ Luna verschränkte die Arme und sah mich ernst an. „Wer soll uns denn unterrichten?“

„Ich.“ Die Anderen wollten schon zum Widerspruch ansetzen. „Ich weiß mehr über die Geschichte der Gruselkünste als ihr alle, daher werde ich euch alles beibringen, das ich weiß.“

Meine Freunde schauten mich mit einer Mischung aus Unglauben und Skepsis an.

„Morgen um zehn treffen wir uns auf dem Hof.“

 

„Also echt mal. Warum hast du uns hier her geschleppt?“, beschwerte sich Luna.

„Das habe ich euch doch schon erklärt“, erwiderte ich und stellte die Kiste auf dem Boden ab. Es wehte eine kühle Brise über den Hof. Der Herbst kündigte sich an.

„Schon, aber ich hätte nicht gedacht, dass du das wirklich ernst gemeint hast.“

„Wir werden den Menschen wieder das Fürchten lehren.“ Mit entschlossenem Blick sah ich meinen misstrauischen Freunden in die Augen.

„Und wie willst du das anstellen?“, fragte Nyuk.

„Ich habe mir für jeden von euch etwas einfallen lassen.“ Ich wandte mich an Reiner. „Vampire waren gefürchtet aufgrund ihrer Stärke und der Tatsache, dass sie Blut trinken. Bei dir wird das Training also damit beginnen…“, ich kramte in der Kiste, „…deine Homophobie zu bekämpfen.“

„Haematophobie“, verbesserte Nyuk sofort.

„Wie auch immer…Ah, hab sie!“, Neugierig streckte Reiner den Kopf in meine Richtung. Als er die Flasche mit der roten Flüssigkeit sah, wurde er steif wie ein Brett. „B-Blut“, presste er hervor und kippte nach hinten.

„Oh“, machte ich.

„Was ist das? Tomatensauce?“ Luna nahm mir die Flasche aus der Hand und sah sich deren Inhalt genauer an.

„Ich dachte mir, dass ich erstmal mit etwas Blutähnlichem anfange. Aber scheinbar braucht er viel mehr Übung als erwartet.“

„Was machen wir jetzt mit ihm?“ Luna deutete mit dem Kinn auf den bewusstlosen Vampir.

„Lass ihn erstmal liegen.“ Ich kramte wieder in meiner Kiste. „Werwölfe sind gefürchtet wegen ihrer wilden und unberechenbaren Art. Du musst also durch die Gegend springen und dabei bellen, knurren, heulen…sowas eben.“

„Das lässt mich wie eine Idiotin dastehen. Warum sollte ich das machen?“, fragte Luna und verschränkte mürrisch ihre Arme.

„Du musst es nicht machen, wenn du die hier nicht wiederhaben willst.“ Ich holte eine goldene Kette hervor. Der Anhänger hatte die Form eines Wolfskopfes.

„Woher hast du die?“ Lunas Gesicht wurde bleich vor Zorn. Ich schwang die Kette wie ein Pendel hin und her. „Gib sie mir zurück!“, knurrte Luna.

„Hol sie dir doch.“ Ich warf die Kette hoch in die Luft. Luna sah ihr nach und streckte ihre Hände aus, um sie aufzufangen, doch sie kam nie bei ihr an. Ein kleines blaues Wesen mit grünen Flügeln und roten Glubschaugen schnappte sie sich und flog kichernd davon.

„TYZEN!!“ Lunas Blick zur Folge, wollte sie mir liebend gern den Kopf abreißen. „Ruf deinen Kobold sofort zurück!“

Hilflos hob ich die Arme und lächelte. „Das kann ich nicht. Er ist schon weg.“

Luna starrte mich eine Weile knurrend an, so als müsse sie überlegen, ob sie zuerst mich oder den Kobold zerfetzen würde. Schließlich wirbelte sie herum und rannte ihrer Kette hinterher.

„Das war gemein“, sagte Nyuk, als Kobold und Werwolf außer Sicht waren.

„Hast du ihren Blick gesehen?“, lachte ich. „Das nenn ich wild.“

Als letztes holte ich eine Holzkeule mit Nägeln heraus und hielt sie Nyuk hin. Zögernd nahm er sie entgegen. „Was soll ich damit tun?“ Er drehte die Waffe unsicher in den Händen hin und her.

„Du hast einen IQ von 190. Ich denke mal, du weißt, was du tun musst.“

Nyuk schüttelte heftig den Kopf und versuchte mir die Keule wiederzugeben. Ich drückte sie ihm zurück in die Arme.

„Menschen fürchten Orks, weil sie dumm und kräftig auf alles einschlagen, war sie sehen. Also nimm dieses Teil und zerstöre ein paar Sachen!“ Ich starrte dem zwei Köpfe größeren Ork fest in die Augen. „Nyuk“, sagte ich drohend langsam.

„Ich kann das nicht“, jammerte er. „Außerdem sehe ich den Sinn dieser Tat nicht.“

„Du sollst keinen Sinn erkennen, sondern Dinge kaputt machen.“

„Ich will aber nicht!“ Mit einem kräftigen Schubs stieß er die Keule vor meine Brust. Ich stolperte und fiel rückwärts hin. Als ich mich mit meiner Hand abfing, schnitt ich sie mir an einem spitzen Stein auf. Schmerzerfüllt zuckte ich zusammen. Warmes Blut floss aus einem länglichen Schnitt in meiner Handfläche. Sofort war Nyuk bei mir und hob mich hoch.

„Das wollte ich nicht“, sagte er schnell. „Tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid.“ Meine Beine baumelten einen knappen Meter über dem Boden und ich sah auf Nyuks Gesicht herab. Das Blut schoss in meinen Kopf und ich wandte den Blick ab. Musste er mich wie ein Kleinkind behandeln?

„Schon gut“, murmelte ich. „Lässt du mich bitte runter?“

„Oh, ja…‘tschuldigung.“ Er setzte mich vorsichtig wieder auf dem Boden ab.

„Hey Leute, was ist passiert?“ Reiner richtete sich langsam auf und hielt sich den Kopf. Sein Gesicht war noch bleicher als sonst. Irritiert wandte er sich von einer Seite zur nächsten. „Wo ist…“ Sein Blick fiel auf meine Hand. „…Blut…“ Er verdrehte die Augen und kippte zum zweiten Mal nach hinten weg.

„Oh Mist“, sagte ich. „Das war jetzt wirklich nicht geplant.“

„War das erste Mal denn geplant?“, fragte Nyuk.

„Ich hatte die Möglichkeit zumindest in Betracht gezogen.“

„Tyyyzen~.“ Plötzlich stand Luna vor mir. In ihrer linken Hand baumelte die Kette. Ihre Haare waren voller Äste und Blätter und ihr Gesicht war zerkratzt. Der Kobold war nirgends zu sehen. Ich hoffte, dass er die Begegnung überlebt hatte.

Aus Lunas Augen blitzte blanker Hass und sie knurrte wütend. „Du kleiner, widerwärtiger Baumkrabbler!“, fauchte sie. „Wenn ich dich erwische, dann werde ich dich gefesselt in ein Blumenbeet werfen und dabei zusehen, wie du langsam an deiner eigenen Rotze erstickst!“

Vorsichtig machte ich ein paar Schritte zurück und setzte ein beruhigendes Lächeln auf.

„Luna, du bist zurück? Und? Wie war’s? Wild zu sein macht doch Spaß, oder?“

„Tyyzeen!“

Nyuk beugte sich zu mir hinunter. „Ich denke mal, dass du schleunigst verschwinden solltest“, murmelte er in mein Ohr.

„Danke für den Tipp, Superhirn, aber darauf wär ich auch selbst gekommen.“ Ich wirbelte herum.

„Bleib sofort stehen, du kleines, hässliches Biest!“, schrie Luna und setzte mir nach. „Ich werden deinen zarten Elbenhintern in so viele Stücke reißen, dass du jahrelang nicht mehr drauf sitzen kannst!“

Notiz an mich: Schlafende Hunde sollte man nicht wecken.

 

„Ok, Leute“, verkündete ich laut. „Wir sind so weit. Lass uns den Menschen einen Schrecken einjagen.“

„Und du willst das ganz sicher durchziehen?“, fragte Reiner. Die Skepsis, die noch vor drei Wochen in seiner Stimme gelegen hatte, war verschwunden.

„Rein statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, dass…“, fing Nyuk an. Ich warf ihm einen scharfen Blick zu und er zog den Kopf ein. „…ich meinte natürlich: Rargh, dass uns ein paar Dinge zerstören! Rargh!“ Er schwang seine Keule und stampfte auf den Boden. Zufrieden lächelte ich.

„Mir mögen zwar nur zu viert sein, aber ich bin mir sicher, dass wir es schaffen.“

„Wenn du meinst“, murmelte Luna weniger überzeugt.

Sie kratzte sich an einem behaarten Arm. Der Halbmond stand hoch am Himmel, was bei Luna eine halbe Verwandlung auslöste: Ein sehr felliger Mensch mit Wolfsohren und –schwanz, spitzen Zähnen und Krallen.

„Ich glaub, ich hab Flöhe.“ Sie kratze sich an Bauch, Rücken und hinter den Ohren. „Es juckt überall.“

„Das ist nur deine Einbildung“, sagte ich. Ich sah jeden einmal an. Nyuk mit seiner Keule, Reiner mit seinen Fangzähnen und Luna mit ihrem Pelz. Auf meiner Schulter saß der kleine Kobold.

„Lass uns loslegen.“ Gemeinsam gingen wir auf das Portal zur Menschenwelt zu, einem Torbogen aus Marmor. Er sah ziemlich unspektakulär aus, ihn schmückten keinerlei Verziehrungen. Er sollte nur dem Zweck dienen, von der Unterwelt zur Menschenwelt zu kommen.

Das Portal stand mitten auf einer Wiese.

Mein Herzschlag beschleunigte sich, als ich mich ihm näherte. Endlich, endlich war es so weit. Nach all diesen Jahren würden die Menschen uns wieder fürchten. Sie würden rennen! Sie würden schreien! Ein Lächeln umspielte meine Lippen. Ich schloss meine Augen und hielt die Luft an, als ich durch das Portal trat.

Ich fühlte keine Veränderung, doch als ich meine Augen wieder öffnete, stand ich in einem Menschenpark. Hinter mir tauchten wie aus dem Nichts die Anderen aus.

„Wow“, staunte Reiner. „Hätte nie gedacht, dass das Portal zu so einem Ort führt.“ Ich antwortete nicht.

„Tyzen?“ Reiner legte mir eine Hand auf die Schulter. „Ist alles in Ordnung?“

„Ich wette, er ist vor Aufregung sprachlos“, stichelte Luna. Ich hörte, wie sie sich wieder kratzte.

„Ei…“, presste ich mühsam hervor.

„Ei?“, wiederholte Reiner verwirrt.

„Ei…Ei…Ei…ACHOO!!!“ Ich wischte mir mit dem Handrücken über die Nase und drehte mich zu meinen Freunden um. „Eiche“, sagte ich verschnieft.

Luna verdrehte die Augen. „Gibt es eigentlich etwas, gegen das du nicht allergisch bist?“

„War das eine rhetorische Frage?“ Ich sah mich um. Bisher hatte uns noch niemand gesehen. Menschen konnten in der Dunkelheit auch nicht sehr weit sehen. In der Ferne konnte ich aber Stimmen hören. Menschen.

Sie saßen um ein großes Feuer herum. In ihren Händen hatten sie Flaschen, deren Inhalt vermutlich Alk-ohol war. Der Schein des Feuers spiegelte sich in ihren hellen Gesichtern.

Einer von ihnen entdeckte mich schließlich. Zuerst sah er ein wenig irritiert aus, doch dann grinste er und winkte mich heran.

„Hey Kleiner!“, rief er. „Du und deine Freunde müssen nicht schüchtern sein. Kommt her.“ Die anderen Menschen drehten sich zu uns um und sahen uns neugierig an.

„Kleiner?“, zischte ich und marschierte finster auf sie zu. „Ich bin ein Waldelb, kapiert?“

Die Menschen lachten. „Verzeihung, kleiner Waldelb. Das habe ich nicht gesehen.“ Warum hatten sie keine Angst? Warum gingen sie so normal mit uns um? „Dein Kostüm ist echt stark. Das kleine blaue Teil auf deiner Schulter sieht wirklich lebendig aus.“

Regungslos stand ich da und wusste nicht, was ich sagen sollte. Kostüm? „Das ist kein Kostüm.“

„Schon klar, schon klar. Du bist ein richtiger Waldelb. Ich muss schon sagen, dass die spitzen Ohren ziemlich echt aussehen.“

Die dachten, wir haben uns verkleidet?

„Deine Zähne sind ja mal der Hammer.“ Einer der Menschen zeigte fasziniert aus Nyuks Unterkiefer. „Wo hast du die gekauft?“

„Gekauft? Das sind meine echten Zähne.“

Die Menschen lachten laut und schallend. „Dann würde ich mal schleunigst zum Zahnarzt gehen.“

„Die nehmen uns nicht ernst“, raunte Reiner mir ins Ohr.

„Das ist mir auch schon aufgefallen.“ Ich biss mir auf die Unterlippe. Wir mussten die Situation wieder unter Kontrolle kriegen. Andererseits waren Menschen, die Alk-ohol getrunken hatten nicht berechenbar, haben sie uns in der Schule gelehrt. Es war nicht leicht, diese Menschen zu erschrecken. Besonders, wenn sie dachten, dass wir uns verkleidet hatten. Das sah nicht gut aus. Im Moment wäre es das Beste, wenn wir uns zurückziehen und andere Opfer suchten. Zwar würde das ziemlich an meinem Stolz kratzen, aber was wollte man machen?

„Das Fell fühlt sich voll echt an.“

„Fass das nicht an, Mensch!“ Luna schlug eine Hand weg, die über ihr Pelz gestrichen hatte, doch die Frau lachte nur. Jep, eindeutig nicht ganz nüchtern.

„Und du? Bist du ein Vampir?“

„Ähh, was? Ja“, stotterte Reiner. Hilfesuchend sah er mich an, doch ich konnte nur mit den Schultern zucken.

„Kannst du dich auch in eine Fledermaus verwandeln?“

Reiner schüttelte den Kopf.

„Wie langweilig.“ Wieder lautes Lachen. „Aber eure Kostüme sind wirklich gut. Hier. Das habt ihr euch verdient.“ Sie drückten uns viereckige Teile mit buntem Papier in die Hände.

„Ihr solltet es in der Straße dort hinten versuchen. Die geben immer viel. Und Happy Halloween.“

„Hal-oh-wiin?“, wiederholte Reiner, als wir weitergingen. „Was ist das?“

„Keine Ahnung, man!“, fuhr ich ihn an. Meine Hand zitterte vor Zorn. Das war das Peinlichste, was passieren konnte. Selbst in meinen dunkelsten Gedanken hatte es kein so schlimmes Ende genommen. Sie haben gelacht, sie haben uns ausgelacht.

„Nimm es nicht so ernst“, sagte Nyuk aufmunternd. „Sie haben Alk-ohol getrunken.“

„Ich weiß.“ Ich ballte die Faust. „Trotzdem…“

Wir verließen den Park und kamen an eine Straße. Die Laternen sorgten für so viel Licht, dass auch die Menschen etwas sehen konnten.

„Wuaaaaaah!“ Plötzlich sprang eine Gestalt hinter einer Hecke hervor. Sie hatte überall Bandagen und ein kreidebleiches Gesicht. Flecken färbten den weißen Stoff an einigen Stellen rot.

„Blut“, quiekte Reiner und kippte nach hinten um. Eine Sekunde später stand er wieder auf den Beinen und hatte die Augen geschlossen. „Tomatensauce, Tomatensauce, Tomatensauce, Tomatensauce…“, murmelte er wie ein Mantra vor sich hin.

„Eigentlich ist es nur rote Farbe“, lachte der Bandagenmann. „Sieht aber verdammt echt aus, wa?“

Ich stieß Reiner in die Seite. „Reiß dich zusammen!“

„‘tschuldigung.“ Schon wieder haben wir es vermasselt. Noch schlimmer war, dass der Bandagenmann ein Mensch war. Ein verkleideter Mensch. Sie hatten den Spieß umgedreht. Jetzt versuchten sie uns zu erschrecken. Ich knirschte mit den Zähnen.

„Werde nicht unachtsam“, hauchte mir jemand ins Ohr. Meine Nackenhaare stellten sich auf und mein Herz setzte einen Schlag aus, als sich eine befiederte Hand auf meine Schulter legte. Ich drehte langsam den Kopf und sah einen Schnabel und rotglühende Augen.

„Rabe“, flüsterte ich und konnte mich nicht rühren. Meine Glieder gehorchten mir einfach nicht.

Doch dann fing der Rabe an zu lachen: noch ein Mensch!

Das Blut schoss mir vor Zorn und Scham ins Gesicht.

„Tut mit leid, wenn ich dich erschreckt habe“, kicherte der Rabe und drückte mir mehr von den bunten Teilen in die Hand. „Nimm das als Entschädigung. Und Happy Halloween.“

Selbst als die beiden weg waren, hatte sich mein Herzschlag immer noch nicht beruhigt. Ich starrte in meine Hände.

„Warum geben uns die Menschen die komischen Teile?“, fragte Luna.

„Wahrscheinlich geben das Menschen Monstern, die sich vor ihnen erschreckt haben“, mutmaßte Reiner.

„Ich geb nicht auf“, sagte ich entschlossen. „Ich werde nicht eher gehen, bis diese Menschen Angst vor uns haben.“

 

„Verdammt!“ Ich warf einen Stein die Straße entlang. Wir saßen am Bordstein im Lichtkegel einer der Laternen. „Erbärmlich!“ Der nächste Stein flog durch die Luft. „Peinlich! Ausgelacht! Gedemütigt!“

„Komm runter, Tyzen“, sagte Nyuk und hielt meine Hand fest. Meine Augen brannten und ich riss mich los.

„Das war schlechter als schlecht. Das war unterirdisch!“

„Him hesch hi hich tschu Herxen“, nuschelte Reiner. Er kaute angestrengt.

„Was hast du denn im Mund?“, fragte Luna.

Reiner sah auf eins der bunten Papiere. „Maoam.“

„Was ist das?“ Luna beugte sich zu ihm hinüber. Reiner reichte ihr ein kleines weißes Teil. „Lecker.“

Misstrauisch roch Luna daran und nahm es schließlich in den Mund. „Daschisch ja schüsch!“, rief sie überrascht.

Ich sah in meinen Schoß auf all die bunten Formen, die die Menschen uns gegeben hatten. Man konnte sie essen?

Ich nahm mir eins und kaute vorsichtig. Die Teile schmeckten überraschend gut. Meine Laune besserte sich ein wenig.

„Eins muss ich den Menschen lassen“, sagte ich nach einer Weile. „Sie sind echt taff.“

„Kannst du laut sagen“, seufzte Luna und legte sich rücklings auf den Weg.

„Doch ich gebe trotzdem nicht auf.“

„Tyzen, willst du es etwa immer noch versuchen?“, stöhnte Reiner.

„Nicht heute.“ Ich legte mich ebenfalls hin und starrte in den Himmel. „Heute gestehe ich meine Niederlage ein. Aber wann anderes…nächstes Jahr vielleicht?“

„Du bist so ein Dickkopf“, lachte Nyuk. „Aber ich bin dabei, wenn du es wieder versuchst.“

„Lass uns erstmal diese Blamage verarbeiten.“ Ich schloss für einen kurzen Moment meine Augen. „Was haben die Menschen immer zu uns gesagt?“

„Häpie Hal-oh-wiin.“