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Halbes Herz

von Yannick Reimers, 20

1. Kapitel: Memories

Der Prinz wandte sich vom Fenster ab und starrte in den kalten schwarzen Kamin.

Auf seiner silbernen Kette funkelte das Wappen der Königsfamilie.

Wo waren die Zeiten, in denen sein Vater mit ihm durch die Wälder ritt bis hinauf zu den Wasserfällen der Gestaltwandler oder zum steinernen Meer am Hang des Kristallberges?

Wo waren die Tage, an denen sie die Forellen bei nächtlicher Jagd in den Bächen platschen hörten, über die Geschichte des Reiches sprachen, allein im Schein eines Feuers saßen, sich über Mutter unterhielten und ihre Schönheit mit Hilfe der Gemälde wieder in Erinnerung riefen.

Was war mit Vater geschehen?

Warum winkte dem Prinzen jene große Hand nicht mehr?

Warum fragte seine tiefe Stimme nicht mehr, ob sie für ein oder zwei Tage einfach in den Wäldern verschwinden sollten?

Der Prinz stellte sich auf die Bettkante und sah aus dem Fenster.

Der Mond legte einen silber-blauen Schein auf die Steine und schimmerte hell unten auf dem See.

Dort hatten sie Mutters Leiche gefunden.

 

Der Wind drang flüsternd durch das Fenster und säuselte von vergangenen Zeiten.

Nach dem Tod der Königin weinte der Prinz Tag und Nacht.

Damals tröstete König Roman Prinz Robin noch.

König Roman legte sich nachts zum Prinzen ins Bett, streichelte ihm über die Wangen und erzählte ihm Geschichten.

Am liebsten mochte der Prinz „die Geschichte der jungen Hexe vom Kristallberg“.

Die Hexe befreite einst das Volk von den bösen Gestaltwandlern, jedoch wurde sie vom damaligen König verbannt. Der war selbst Gestaltwandler und fürchtete erkannt zu werden.

Der Prinz verbrachte die meiste Zeit mit seinem Vater, jedes Mal, wenn der König zu einer seiner Anhörungen musste, klammerte er sich um ihn und bat darum, dass er bleibe.

Später nahm der König seinen Sohn zu den Anhörungen mit.

 

Als die Königin noch lebte, beschäftigte sie sich mit den Kräutergärten, mit den Aufträgen für die Bediensteten und plante großartige Feste.

Der König war durch den Verlust der Königin so geschwächt, dass er all diesen Aufgaben nicht mehr gewachsen war.

Also holte er die Schwester der Königin, die Tante des Prinzen aufs Schloss, um sie um Unterstützung zu bitten.

Die Tante des Prinzen war eine schlanke, große Frau mit blonden, langen Haaren und einem markanten Gesicht.

Sie wurde herzlich vom König empfangen.

Als er sie um Hilfe bat, sagte sie sofort zu und bot an, mit ins Schloss zu ziehen.

Am nächsten Tag kamen Kutschen mit Ihren Kleidern und Ihrem Schmuck.

Die Tante tröstete nun auch den Prinzen und unterhielt sich oft und lange mit ihm über seine Mutter.

Sie nahm ihn in die Arme, als er Nähe brauchte, küsste ihn in den Schlaf und betete mit ihm.

Der Prinz fühlte sich bei ihr sicher.

 

 

2. Kapitel: Einsame Nacht

 

 

Dann kam der Tag, an dem der König die Tante des Prinzen um ihre Hand bat.

Es wurde ein prunkvolles Fest gefeiert, die weiten Räume waren gesäumt von Blumen, die abends im flackernden Kerzenlicht aussahen, als würden sie wie Wasser über die Wände fließen.

Aus einem goldenen Springbrunnen floss italienischer Wein und auf den breiten Rosenholztafeln gab es die köstlichsten Speisen aus den verschiedensten Ländern der Welt.

Als die Tante des Prinzen vom Anlegen Ihres schwarzen Ballkleides wieder aus Ihrem Gemach auftauchte, schritt sie elegant zum König.

Ihr linkes Auge war etwas blutunterlaufen, nur leicht, als wäre ein Äderchen geplatzt.

 

Eine leuchtende Weinflasche in der Hand haltend schritt sie durch die weiten Räume dem König entgegen.

Die Blumen, an denen sie vorbei ging, entfalteten ihren orientalischen Duft, minzig-süß.

Ihr hypnotisierender Blick nahm die Augen des Königs gefangen.

Sie schenkte dem König den leuchtenden Saft ein, führte ihm den Kelch zum Mund und lächelte den Prinzen an.

Das rote Auge ließ ihm eine Gänsehaut wachsen, doch er erwiderte das freundliche Lächeln seiner Tante.

 

Als die letzten Gäste gingen und die Kerzen heruntergebrannt waren, brachte das Königspaar den Prinzen ins Bett.

Sie gaben ihn einen Kuss auf die Stirn, deckten ihn zu und gingen in Ihr Gemach.

Der Prinz  hörte draußen die Grillen zirpen und die Frösche quaken.

Ein Sturm zog auf.

Die Töne des Sturms waren ihm unangenehm.

Er schloss die Augen, um nichts Böses zu sehen.

Als die Geräusche lauter wurden, presste er ein Kissen auf Ohren und Augen.

Das Gequarke und Zirpen wurde vom stärker werdenden Getose überdeckt.

Er presste das weiche Kissen auf die Ohren.

Dann krachte etwas gegen die Wand.

Es war das Fenster, welches vom Wind aufgestoßen wurde.

Nach einigen Minuten traute er sich, zum Fenster zu eilen und schloss es.

Schnell ins Bett und Decke über den Kopf.

Der Prinz war fast eingeschlafen, als die große Glastür wieder aufsprang.

Ein starker Windstoß verwandelte die Gardinen in Geister.

Der Prinz schnellte zur Tür seines Gemachs, riss sie auf und rannte zu Vaters Zimmer.

Er klopfte verzweifelt an die Tür.

Das Königspaar lag schlafend im Bett und auf Vaters Nachttisch glühte ein Glas des leuchtenden Weins.

Der Prinz flüsterte: „Vater, bist du wach?“

Der König reagierte nicht.

Noch mal fragte der Prinz etwas lauter: „Vater, bist du wach?“

Der König stammelte, ohne die Augen zu öffnen: „Lass mich schlafen, Robin.“

Der Prinz erwiderte: „Vater, bitte wach doch auf.“

Erbost rief der König: „Verschwinde Robin!“

Erschrocken wandte der Prinz sich zur Tante und sprach sie verzweifelt an: „Tante bitte hilf mir!“

Doch sie winkte ihn mit dem Wort „Verschwinde“ aus dem Zimmer hinaus.

 

Ein großer dunkler Raum mit hohen Decken, beleuchtet von Kerzen.

Durch die riesigen sakral gebauten Fenster zog Stille ins Zimmer.

Der Prinz lag auf seinem seidenen Himmelbett.

Er starrte zur Decke.

Er legte seine Hand an die Wand neben dem Bett.

Nebenan schlief sein Vater.

Er konnte seinen Atem hören.

Er lauschte dem Geräusch und legte seine andere Hand an die Wand.

Der Prinz schaute als könne er durch sie hindurch sehen.

Nach einigen Minuten stand er auf und ging zum Fenster.

Frische Luft, kalte Nacht, klarer Sternenhimmel.

Der Sturm hatte aufgehört.

Keine Seele war von dem hohen Turmgeschoss zu sehen.

Seine Augen schweiften über die Kräutergärten mit den Glühwürmchen als Laternen,

den schwarzen Burggraben und wieder zur atmenden Wand.

Er rieb sich das nasse Gesicht und holte tief Luft.

Langsam ging er zum Bett und legte sich die weiche Decke wie eine Tunika um.

Hände an die Wand, dann die Ohren, Horchen.

 

3. Kapitel: Der Morgen danach

Die Sonne ging auf und ihre Strahlen kitzelten den Prinzen an der Nase.

Das Morgenkonzert der Vögel blieb aus.

Er öffnete seine Augen und strampelte die Decke weg.

Beim Frühstück mit seinem Vater und seiner Tante war er still.

Kein Guten Morgen Kuss.

Der Prinz musste daran denken, wie die zwei sich in der gespenstischen Nacht ihm gegenüber verhalten hatten.

Dem Königspaar mochte er nicht in die Augen sehen.

Auf der gegenüberliegenden Tischseite fielen ihm Gläser mit dem leuchtenden Wein auf.

Des Prinzen Vater wirkte abwesend, sein Blick schien sich durch die Tischplatte zu bohren.

Das blutunterlaufene Auge der Tante pochte leicht.

Die Tante nahm einen Schluck des hellen Safts und das Pochen verschwand.

Auch sein Vater trank davon, hielt sich den Kopf und hustete.

Der Prinz fragte, ob sie gegen Mittag zu den Wasserfällen der Gestaltwandler reiten wollen.

Der König entgegnete, ohne ihn anzusehen: „Du bist groß genug, reite alleine.“

Die Tante würdigte den Prinzen keines Blickes.

Der Prinz rief: „Was ist denn mit Euch geschehen?!

Und was schaut ihr mich nicht mal an?!

Ihr seid so stumpf.“

Der König: „Lass mich in Ruhe und gehe!“

Das Husten des Königs verschlimmerte sich.

Er schwitzte und auf seiner Kopfhaut tauchten kleine schwarze Punkte auf.

Prinz: „Tante, was sagst du dazu?

Er kann mich doch nicht einfach wegschicken?!“

Die Tante entgegnete ihm während ihr Auge immer stärker pochte: „Er ist der König.

Er ist Dein Vater.

Er darf dein verschwinden bestimmen.“

Ungläubig, mit offenen Mund und nassen Augen blickte er seine Tante an.

Es gruselte ihm, diese fremden Menschen vor sich zu haben.

Ohne weitere Worte stand er auf und rannte aus dem Schloss.

Er rannte und rannte und rannte.

An den Kräutergärten vor dem Schlossmauern vorbei, bis zum Waldweg.

Immer weiter, weg vom Schloss.

Sein Herz schien nach jedem Meter mehr aufzubrechen.

Aus den Bruchstellen kamen Erinnerungen an seine Mutter wieder hoch.

Sehnsucht stieg von seiner Brust bis in die zitternden Gliedmaßen.

Als er an den Wasserfällen der Gestaltwandler ankam, ließ er sich auf die Wiese fallen.

Er war allein.

Er schloss seine Augen.

In seinem Kopf tauchten Bilder auf.

Sein Vater, wie er ihn in den Armen hielt und ihm über die Wangen strich.

Eine tiefe, beruhigende Stimme summte in den Kopf des Prinzen.

Der König, wie er ihm damals „Die Geschichte der jungen Hexe vom Kristallberg“ erzählte.

Ihm fielen Einzelheiten aus der Geschichte wieder ein: Die Hexe, welche eines der schönsten Wesen gewesen sein soll, niemals alterte und ein Kleid aus schwarzen Federn trug.

Der Kristallberg, in dem die Hexe die bösen Gestaltwandler einsperrte.

In dem sie vom damaligen falschen König eingesperrt wurde und die Gestaltwandler die, nach der Verwandlung zum Menschen, nach einiger Zeit durch ihre rötlichen Augen zu erkennen waren.

 

4. Kapitel: Das Erwachen

Dem Prinzen fuhr es eiskalt den Rücken runter.

Er schnellte vom Boden hoch und seine Hand formte sich zur Faust.

Jetzt wusste er es!

Die Tante des Prinzen musste ein Gestaltwandler sein.

Ihr fremdes Verhalten.

Das blutunterlaufene Auge.

Das passte!

Dieses Monster musste die echte Tante des Prinzen überfallen haben, als sie ihr Ballkleid anlegte.

Und der König?

Was war mit ihm?

Wieso hatte er sich verändert?

Kein Anzeichen roter Augen.

Doch seine Kopfschmerzen.

Seine Schweißausbrüche.

Sein husten und diese schwarzen Punkte auf seinem Kopf.

Da fiel dem Prinzen der leuchtende Wein ein.

Die falsche Tante brachte ihn mit und gab ihn dem König zu trinken.

Sie musste den König verzaubert haben.

Doch einen Gestaltwandler zu besiegen war nicht einfach.

Diese Kreaturen waren äußerst gut im Tränke brauen.

Diese Tränke verlängerten die Dauer der Verwandlung in eine andere Gestalt.

Sie gaben den wandelbaren wesen die Kraft eines Ungeheuers.

Wie konnte er also die falsche Tante besiegen, wenn er selbst noch nicht einmal seine Angst vor gespenstischen Gardinen bewältigt hatte?

Er machte sich Sorgen um seinen Vater.

Dieses glühende Gebräu hatte der falschen Tante wohl immer mehr Macht über den König gegeben.

Allerdings bereitete es ihm noch mehr Sorgen, dass der glühende Saft ihn wohl krank machte.

Die einzige Person, die ihm etwas bedeutete, konnte er nicht in Stich lassen.

Sein Vater würde sterben, und er würde von der falschen Tante, der neuen Königin, gejagt und getötet werden.

Der Prinz schloss seine Augen.

Die Blätter rauschten im Wind.

Die Wasserfälle tosten.

Das zerstäubte Wasser blies in sein Gesicht.

Peng!

Dem Prinzen schlug es ein wie ein Blitz.

Sollten nicht nur die Gestaltenwandler, sondern auch die Hexe aus der Geschichte existierten?

Sie musste dem Prinzen helfen können.

Aber sie war eingesperrt im Kristallberg.

Der Prinz musste also das Steinerne Meer überqueren.

Dieses Meer, hatte seinen Namen aufgrund seiner Magischen Steine bekommen.

Diese bewegten sich im Kreis und rollten hin und her.

Es sah aus als würde ein dunkelbraunes Meer mit Wellen vor einem liegen.

Diese Steine griffen jeden an, der sie berührte.

Trotz dieser Gefahr machte er sich auf zum Steinernen Meer.

Das Meer lag gleich hinter den Wasserfällen der Gestaltwandler.

Als sich die letzte Kurve des Weges dem Ende neigte, hörte der Prinz klappernde und harte Töne.

Sie vermischten sich zu einem Rauschen.

Das Rauschen des steinernen Meers.

 

5. Kapitel: Die Hexe

Der Himmel hatte sich verdunkelt.

Es sah nach Gewitter aus.

Der Prinz sah die faustgroßen Steine vor sich wuseln.

Sie polterten kreuz und quer.

Traute er sich in ihre Nähe, würde er sicher erschlagen werden.

Aber er musste unbedingt zu den kristallenen Berg gelangen, nur so konnte er seinen Vater retten.

Also rannte er los über das Steinerne Meer.

Er trat auf unzählige der magischen Steine.

Sie flogen ihm hinter her und pfiffen an seinem Kopf vorbei.

Kurz bevor er sein Ziel erreichte, traf ihn ein Stein am Kopf.

Ihm wurde schwarz vor Augen.

 

Der Prinz wachte in einem aus Glas zu scheinenden, hölen-artigen Zimmer auf.

Ein Schatten sammelte sich vor ihm zu einer Gestalt.

Diese saß mit dem Rücken zu ihm vor einen Topf, unter dem Flammen loderten.

Mit einem Akzent, ertönte eine weiche Stimme.

Die Gestalt: „Es freut mich dich wohlauf zu sehen, Prinz Robin.“

Der Prinz schaute sich um und fragte: „Habt ihr mich gerettet?“

Die Gestalt: „Ja, höchst persönlich.“

Der Prinz: „Wie habt ihr das geschafft?

Und woher wisst ihr wer ich bin?

Die Gestalt: „Ich bin die Hexe vom Kristallberg, und ich konnte dich dank meiner Hexkraft retten.“

Die Hexe drehte ihren Kopf zum Prinzen.

Ihre großen Augen leuchteten, und ihre kurzen, schwarzen Haare sahen Wild aus.

Im Rahmen ihrer Haarpracht war ein zartes Gesicht mit einer graden Nase und vollen Lippen.

Der Prinz wollte aufstehen, aber fiel bei dem Versuch hin.

Die Hexe: „Deinen kopf scheint es noch nicht wieder gut zu gehen.

Ich habe hier ein Süppchen das dir helfen wird.“

Die Hexe gab dem Prinzen einen Schluck von der Suppe.

Er stand auf und das Schwindelgefühl war weg.

Die Hexe: „Komm. Wenn du schon mal hier bist, gebe ich dir eine Führung durch meinen Berg.“

Der Prinz folgte der Hexe durch die funkelnden, breiten Gänge des Berges.

Sie stießen auf düstere Abzweigungen.

Nach einiger Zeit kamen sie an Gängen vorbei, die mit roten Tüchern zugedeckt waren.

Aus diesen dröhnte ein gruseliges Schnurren.

Der Prinz: „Was verbirgt sich hinter den Tüchern?“

Die Hexe: „Gestaltwandler.

Die Tücher getränkt in ihrem eigenen Blut, sind für sie nicht zu durchdringen.

Der Prinz: „Warum schlagen sie nicht gegen die Tücher?“

Die Hexe: „Sie würden sich verbrennen, sobald sie eines der Tücher berühren.

Außerdem schwächt es sie.“

Sie gingen den Berg hoch, bis sie an der Spitze auf einer Plattform ankamen.

Von dort aus hatten sie einen wunderbaren Ausblick auf das Wuseln der Steine.

Der Prinz: „Wie kommt es, dass ihr von den magischen Steinen nicht angegriffen werdet?“

Die Hexe: „Weil sie mich kennen.

Die Steine haben eine Persöhnlichkeitsstörung.

Sie denken, sie wären Diamanten und glauben jeder der sie berührt, möchte sie mitnehmen.

Nur deswegen greifen sie die Leute an.“

Der Prinz: „Ganz schon agressive Steine.“

Die Hexe: „50 Jahre Antiagressionstraining.

Du hättest sie vor meinen Therapiesitzungen sehen sollen.

Aber nun bin ich mit fragen dran.

Was, hübscher Prinz, führt euch edles Geschöpf zu mir?“

Der Prinz: „Ein Gestaltwandler.

Er nahm die Form meiner Tante an.

Verzauberte meinen Vater und sorgte für mein verschwinden aus dem Schloss.

Ich bin hier, um euch um Hilfe zu bitten.“

Die Hexe: „Ein Gestaltwandler, sagst du.

Ich habe alle Gestaltwandler gefangen, bis auf einen.

Ich weiß gut, um wen es sich handelt.

Es ist der Gestaltwandler, der mich damals in diesen Berg verbannte.

Der falsche König, aus alten Zeiten.

Aus diesem Grund, lieber Prinz, würde ich euch gerne helfen.

Dieses Scheusal soll nicht in mein Gefängnis.

Er soll sterben!

Nur wie, lieber Prinz kann ich dich begleiten, wenn ich doch hier verbannt bin?“

Der Prinz: „Gibt es nicht irgendetwas, was deinen Bann brechen könnte?“

Die Hexe: „Sicher gibt es da etwas.

Ich bräuchte nur ein königliches Zeichen das meine Befreiung gewollt ist.“

Der Prinz nahm seine Silberkette ab und streckte sie der Hexe entgegen.

Der Prinz: „Wie wäre es damit?“

Die Hexe: „Wunderschön, das ist genau, das was wir brauchen.“

Die Hexe legte sich die Kette mit dem Königswappen um.

 

6. Kapitel: Auf Jagd

Sie machten sich auf den Weg zum Schloss.

Sie ließen das Klappern des Steinernen Meeres und dann das Tosen der Wasserfälle hinter sich.

Sie kamen an den Kräutergärten vor den Schlossmauern an.

Der dunkle Himmel blitzte und erleuchtete die Nacht.

Die Hexe nahm den Prinzen an die Hand und ging schnell und zielgerichtet auf das verschlossene Tor zu.

Schwupps, sie drangen durch das Tor, als wäre es Luft.

Der Prinz: „Wow, ihr habt in der Tat etwas drauf!“

Die Hexe: „Übung macht die Hexenmeisterin.“

Sie machten sich auf die Suche nach dem Königspaar.

Im Thronsaal wurden sie fündig.

Der riesige Raum war bis auf wenige Kerzen, kaum beleuchtet.

Am Ende des Raumes sah der Prinz die Silhouette seines Vaters thronen.

Er rannte zu ihm.

Die Hexe blieb im vorderen Teil des Raumes verborgen vor den Augen des Königs.

Es war so dunkel, dass der Prinz sein Gesicht kaum erkennen konnte.

Der Prinz: „Vater, geht es dir gut?“

Der König: „Ja mein Sohn.

Ich habe deine Tante aus dem Schloss gejagt.

Sie hatte dich schlecht behandelt und mich verzaubert.“

Der Prinz: „Du hast sie also erkannt.

Das freut mich Vater.“

Der König: „Komm in die Arme deines Vaters.

Jetzt kann sich niemand mehr zwischen uns stellen.“

Der Prinz stieg die kleinen Stufen hoch zum Thron und sein Vater umarmte ihn fest.

In seiner Obhut fühlte er sich nun wieder wohl und geborgen.

Doch die Umarmung wurde immer fester und fester.

Der Prinz bekam kaum noch Luft.

Der Prinz: „Vater, nicht so doll.

Ich bekomme keine Luft mehr.“

Die Arme des Königs zogen sich nun noch fester um den Körper des Prinzen.

Der Prinz keuchte: „Vater, nicht.

Ich bekomme keine Luft.

Vater!“

Der Prinz schaute in das Gesicht des Königs, welches im Schein der Kerzen nun zu erkennen war.

Tiefe, blutige Augenringe stachen hervor.

Die großen, braunen Augen starrten ihn an.

Der Mund des Prinzen klappte auf, seine Augen weiteten sich und ihm schauderte es durch den ganzen Körper.

Der falsche König antwortete mit einer monströsen Stimme: „Ich liebe dich, mein Sohn.“

Dem Prinzen wurde schwarz vor Augen.

Er hörte ein Zischen.

Die Hexe schlich zum falschen König und würgte ihn mit einem roten Tuch.

Die Hexe: „So sehen wir uns wieder, mein lieber, falscher König.“

Das Tuch brannte sich in den Hals des Gestaltwandlers.

Er ließ den Prinzen los.

Seine Gestalt wechselte vom König in die Tante und wieder zurück.

Katzenaugen wurden sichtbar.

Der Gestaltwandler: „Du schreckliche, ich dachte du wärest verbannt!“

Die Hexe: „Richtig, aber ich breche gerne die Verbannung, um meinen lieben Freund zu besuchen.“

Die Hexe zog das Tuch noch fester.

Es brannte sich schnell durch den Hals.

Der Kopf des Gestaltwandlers fiel zu Boden.

Der Kopf verwandelte sich noch einige Male und nahm dann die Form einer großen Katze an.

Der Prinz: „Danke, dass ihr mich gerettet habt!“

Der Prinz gab der schönen Hexe einen Kuss auf die Wange.

Sie wurde rot.

Die Hexe: „Nun Prinz, seht ihr die wahre Gestalt eines Gestaltwandlers.

Ich halte mir gerne große Haustiere.“

Die Hexe schmunzelte.

Der Prinz hatte nur noch eines im Kopf:

Seinen Vater zu finden.

 

7. Kapitel: Das schwarze Kleeblatt

Der Prinz: „Komm liebe Hexe, wir müssen meinen echten Vater finden.“

Sie durchsuchten das Schloss.

Es wirkte wie ausgestorben.

Als sie in das Gemach des Königs gingen, hörten sie starkes Husten.

Der König lag im Bett.

Eine Kerze beleuchtete den Raum.

Auf dem Boden lagen leere und volle Flaschen des glühenden Weins.

Der König wollte gerade einen Schluck davon trinken.

Der Prinz schlug ihm das Glass aus der Hand.

Der Prinz: „Nicht! Das macht dich krank!

Vater, bist du wieder du selbst?

Sprich mit mir.“

Der König antwortete hüstelnd.

Der König: „Es tut mir leid wie ich dich behandelte Sohn.

Vergib mir.“

Der Prinz: „Das ist schon vergessen.

Das einzige was zählt ist, dass du wieder Gesund wirst.“

Der König war verschwitzt.

Er konnte seine Augen kaum öffnen, und die schwarzen Punkte waren überall auf seinem Kopf verteilt.

Die Hexe: „Ich könnte deinen Vater heilen.

Dieser leuchtende Saft ist in den Kopf des Königs, als schwarzer Klumpen reingewachsen.

Der Prinz: „Worauf wartet ihr denn noch?

Heilt ihn!“

Die Hexe: „Nun gut Prinz, aber erwartet nicht zu viel.

Es ist lange her, seitdem ich das letzte Mal so eine Kopfheilung vollzog.“

Die Hexe legte ihre Hand auf das Ohr des Königs.

Diese löste sich auf und drang unsichtbar in seinen Kopf ein.

Die Hexe: „Da ist der Übeltäter.

Oh, er ist ziemlich ungünstig in dem Kopf gewachsen.

Es hat die Form eines Kleeblattes.

Wenn ich es herausziehe, wird der König sterben.

So oder so sollten wir ihn von seinen Leiden erlösen.“

Der Prinz fiel auf die Knie.

Er ballte die Faust und antwortete zähneknirschend.

Der Prinz: „Wenn du ihn erlöst, musst du das gleiche mit mir tun.“

Die Hexe: „Es tut mir sehr leid Prinz.

Vielleicht hilft es euch zu hören, das ihr der Grund seid, warum euer Vater bis heute überlebt hat.“

Der Prinz: „Wie meint ihr das?“

Die Hexe: „Als die Königin, eure hübsche Mutter starb, schwächte es nicht einfach so den König.

Er verlor die Hälfte seines Herzens.

Nur der Gedanke euch groß zu ziehen, hielt ihn am leben.

Seid euch im klaren darüber, das ihr das halbe Herz eures Vaters am schlagen hieltet.

Darüber hinaus werdet ihr nicht einsam enden.

Ich bleibe bei euch.“

Die Hexe zog das schwarze Kleeblatt aus dem Kopf des Königs.

Sie nahm den Prinzen in die Arme.

Er küsste die Hexe.

Tränen der Trauer aber auch der Erleichterung, rannten ihm über die Wange.

Von nun an lebten sie zusammen im Schloss.