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Hundeleben

von Vicky Ihlefeld

Der Unfall

Im Sommer 2009, als ich gerade 25 Jahre alt war, zog ich endlich mit meiner Freundin Holly zusammen. Holly war wunderschön, schlank und hatte ein Lächeln, das einem den Atem rauben konnte. Unsere erste gemeinsame Wohnung bezogen wir in Hamburg Stellingen. Die Wohnung war ideal für uns zwei, sehr geräumig. Sie hatte weiße Wände in jedem Zimmer und große Fenster, die dafür sorgten, dass alles hell und freundlich wirkte. Außerdem hatte sie einen kleinen, aber blumenprächtigen Garten. Dank eines sehr großen Fensters, hatte man einen besonders guten Blick auf den Garten, und wenn man sich im Garten befand, konnte man von außen alles sehen, was sich im Wohnzimmer abspielte. Holly und ich wollten unbedingt eine Wohnung mit Garten, denn wir waren beide in einem Haus mit Garten aufgewachsen.

An unserem ersten Tag in unserer neuen Wohnung wieselte Holly durch die Wohnung und sortierte alle möglichen Dinge wie Bücher, CDs, DVDs und Bilderrahmen. Immer, wenn sie ihren Kopf in eine der Umzugskisten steckte, konnte ich ihren schlanken Nacken sehen, denn ihr langes braunes Haar fiel links und rechts daran vorbei über ihre Schultern. Aus dem Radio lief leise ein Song von Katy Perry. Holly summte ihn noch leiser mit. Durch die Terrassentür strömte der Duft von Blumen herein. Ich war so in meine Beobachtungen vertieft, dass ich gar nicht merkte wie mir der Stapel Bücher aus der Hand fiel, den ich gerade aus einer Kiste gehoben hatte. Erst als Holly erschrocken zusammenzuckte und einige Flüche von sich gab, merkte ich was geschehen war. Sie kam auf mich zu und genau in dem Moment, wo ich nach den Büchern greifen wollte, tat sie genau das gleiche. Wir stießen mit unseren Köpfen aneinander und mussten beide darüber lachen. Holly hob die Bücher auf und wir taten abwechselnd jeweils eins ins Regal. Plötzlich hielt sie inne und betrachtete ein Buch mit träumerischem Blick. Sie seufzte und sagte dann: „Romeo und Julia. Weißt du noch, wie wir uns kennen gelernt haben?“

„Klar, als könnte ich das vergessen!“, erwiderte ich. Sie lächelte, denn sie wusste genauso gut wie ich, wie wir uns kennengelernt hatten. Holly wollte unbedingt dieses Buch aus der Bibliothek leihen, aber ich brauchte es auch und hatte es zuerst in der Hand. Gott, wer weiß, warum ich damals so versessen auf dieses Buch war? Auf jeden Fall haben wir bestimmt eine Stunde diskutiert, bis wir schließlich zu dem Entschluss gekommen sind, in einem Café weiter zu diskutieren. Wir saßen den ganzen Abend im Café und haben uns unterhalten. Holly vollendete meine Gedanken, als hätte sie sie lesen können: „Und als ich mich dann geschlagen gab und ohne Buch gehen wollte, bist du mir hinterhergelaufen und hast es mir gegeben.“ Holly lachte und fügte noch hinzu: „Zum Glück hattest du deine Nummer mit Bleistift auf die erste Seite geschrieben.“

Wir lächelten uns an, während Holly das Buch ins Regal schob. Dann wand sie sich wieder ihrer eigenen Umzugskiste zu, und ich blieb noch einige Sekunden vor dem Regal stehen, bevor ich sie daran erinnerte, dass sie bald Geburtstag hatte. „In zwei Tagen ist es schon wieder so weit. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht!“

Holly hob ihren Kopf aus der Kiste und jammerte „Hör auf mich daran zu erinnern! Ich werde nur noch älter, aber nicht mehr schöner!“

Ich schüttelte den Kopf und wollte gerade etwas erwidern, als mein Handy klingelte. Deshalb sagte ich lediglich: „Du weißt, dass das nicht stimmt, Liebste.“

Ich ging auf die Terrasse und telefonierte einige Minuten, als ich dann wieder kam fragte ich langsam: „Holly?“ Aus einer der Umzugskisten kam ein leises „Mhhm?“

„Liebste, ich muss leider heute und morgen in der Kaserne Dienst schieben. Mein Kompaniechef hat gerade angerufen.“

Ich erwartete einen bösen Blick von ihr und machte mich auf eine Diskussion gefasst. Ich legte mir in Gedanken plausible Argumente zurecht, weshalb sie die letzten sechs Umzugskisten alleine ausräumen sollte. Ich würde sie sowieso nur stören bei meinen kläglichen Versuchen, die Wohnung zu dekorieren. Als sie dann jedoch ihren Kopf aus einer der Kisten hob und ich zu meinem Erstaunen feststellte, dass sie tapfer lächelte, war mir klar, dass es keine Diskussion geben würde. „Einer muss ja das Geld nach Hause bringen“, sagte sie fröhlich.

„Mhh..“, überlegte ich laut, dann hob ich das Kinn vor und salutierte: „Jawohl Chef.“ Sie schenkte mir eins von ihren atemberaubenden Lächeln und boxte mir liebevoll gegen die Schulter.

„Abtreten Kamerad!“, sagte sie spöttisch. Ich nahm sie in meine Arme und küsste sie auf die Stirn. „Auf Wiedersehen Bizeps, komm heil nach Hause“, sagte sie noch und drückte in meinen Oberarm. Ich trat unter das Vordach unseres Hauses und schloss die Tür hinter mir.

Der Weg zur Kaserne dauerte ungefähr eineinhalb Stunden. Zu meinem Glück war die Autobahn relativ leer. Nach einer Stunde erreichte ich das Gelände der Bundeswehr. Ich parkte meinen VW-Golf auf dem Parkplatz vor der Kaserne, so wie ich es schon seit drei Jahren tat. Mittlerweile war es dunkel geworden, doch das störte mich nicht sonderlich, da ich den Weg auswendig kannte. Ich holte meine Tasche aus dem Kofferraum und ging los. Es waren nur noch geschätzte 20 Meter, als die nächsten Sekunden mein ganzes Leben verändern sollten.

 

Von Weitem sah ich meinen Hauptfeldwebel und winkte ihm zu, als ich plötzlich von zwei Scheinwerfern geblendet wurde. Mir stockte der Atem, ein Zehntonner LKW rollte auf mich zu. Nein, ich irrte mich, er rollte nicht, er raste. Es ging alles sehr schnell. Durch das grelle Licht der Scheinwerfer starrte ich in die Kabine, der Fahrer hing über dem Lenkrad. Er musste eingeschlafen sein.

Panik stieg in mir hoch, der LKW war nur noch wenige Meter von mir entfernt. Ich sprang zur Seite und hörte wilde Schreie im Hintergrund, und dann das Quietschen der Bremsen. Ich nahm den Geruch von verbranntem Gummi wahr. Mein Körper wurde von etwas Hartem erfasst. Im nächsten Moment breitete sich ein taubes Gefühl in meinem Körper aus, und alles um mich herum wurde schwarz.

 

Erwachen

Als ich wieder zu mir kam, fühlte es sich, an als wenn ich zu lange unter Wasser gewesen wäre und nun die Wasseroberfläche durchbrechen würde. Ich schnappte panisch nach Luft, um mich zu vergewissern, dass ich noch am Leben war. In meinem Kopf drehte und schwirrte alles herum, deshalb hielt ich meine Augen geschlossen. Ein drückender Schmerz meldete sich sofort an meiner Stirn. Der Geruch von verbranntem Gummi holte mich wieder in die Realität. Außerdem nahm ich noch einen sehr seltsamen Geruch wahr. Was roch so? Ich kannte diesen Geruch nicht, er war etwas völlig neues für mich, irgendwie erinnerte er mich an Eisen. Der Schmerz in meiner Stirn fing an zu pochen. Dong Dong Dong hallte es in meinem Kopf. Von dem eigenartigen Geruch von Eisen wurde mir übel. Hoffentlich konnte ich es so lange zurück halten bis… Ein Schrei durchbrach meine Gedanken. Es war ein ziemlich schmerzerfüllter Schrei.

Ich konnte nicht verstehen, wie jemand so verzweifelt sein konnte. Erst als ich mich, noch immer mit geschlossenen Augen, auf die Richtung des Schreis konzentrierte, nahm ich auch die anderen Schreie wahr. Sie waren eigentlich nicht weniger laut, Warum hatte ich sie dann vorher nicht gehört? Während ich darüber nachdachte, erkannte ich die Stimme meines Hauptfeldwebels, die Stimme meines besten Freundes. Auf einmal wurde mir wieder bewusst, weshalb er so geschrien haben musste. Ich erinnerte mich an die letzten Sekunden, bevor ich das Gefühl gehabt hatte, aus dem Wasser aufzutauchen. Ich war doch vor dem LKW zur Seite gesprungen. Warum schrie Charlie dann so? Mir stockte der Atem. Es war ganz logisch, warum Charlie schrie, der LKW musste mich erwischt haben. Ich schluckte, mehrere Gefühle auf einmal flammten in mir auf. Zuerst spürte ich blanke Panik, dann Entsetzen, dann Trauer und dann Angst. Wie schwer hatte es mich erwischt? Ich versuchte mich zu beherrschen, meine Gedanken im Zaun zu halten, um mich konzentrieren zu können. Ich rechnete jeden Moment mit einem brennenden, stechenden Schmerz. Doch ein anderes Gefühl als Schmerz setzte ein, als ich meine Gliedmaßen checkte. Irgendwie fühlte sich alles verkehrt an. Bestimmt war ich nur komisch aufgekommen, als ich vor dem LKW weggesprungen war, dachte ich, doch dann riss mich die vertraute Stimme aus meinen Gedanken. „Holt Hilfe, schnell“, schrie Charlie. „Halte durch Nick“. Ich hörte, wie jemand davon lief. Auf einmal überkam mich ein Gefühl, das ich noch nie zuvor hatte. Ich wollte zu Charlie laufen und ihm zeigen, dass ich da war. Spontan begriff ich es als Gefühl des Wiedersehens.

Dieses Gefühl überschattete alles, fing an mich zu kontrollieren, und ich konnte mich nicht dagegen wehren. Ohne darüber nachzudenken, öffnete ich zum ersten Mal seit meiner Bewusstlosigkeit die Augen. Alles, was ich sehen konnte war unscharf, als wenn ich durch ein Fernglas gucken würde, ohne vorher die Sicht einzustellen. Auf einmal tauchten helle und dunkle Punkte vor meinen Augen auf. Ich schloss meine Augen wieder, nur um sie dann nochmals zu öffnen. Beim zweiten Versuch hatte ich mehr Glück als beim ersten, ich konnte etwas erkennen. Rechts von mir, ein paar Meter weiter stand der LKW. Zwei meiner Kameraden waren gerade dabei, den verletzten Fahrer aus dem Fahrerhaus zu bergen. Ein kleines Stück entfernt, hinter dem LKW, lag ein grünes Bündel. Es sah ziemlich platt und zerquetscht aus, das musste meine Tasche sein. Als nächstes erblickten meine Augen vier junge Männer, die sich in einem Halbkreis über jemanden beugten, der auf dem Boden lag. Ich musste schon wieder schlucken. Mir ging es gut ja, das hatte ich in den letzten Sekunden analysiert, aber wer war derjenige, um den sie herumstanden? Ich hatte bis zu diesem Moment nicht damit gerechnet, dass es noch jemand anderen hätte erwischen können außer mir. Dann nahm ich wieder ein verzweifeltes Flüstern und Gejammer wahr.

„Vorsichtig, ich glaube seine Beine sind gebrochen“, murmelte einer vor sich hin. Ich konzentrierte mich auf seine Stimme und stellte fest, dass es mein Kamerad Benny war. Verzweiflung lag in seiner Stimme. „Wir müssen die Blutung an seinem Kopf stoppen, sonst verblutet er uns.“

Er rang um seine Fassung. Ich guckte ihn ein paar Sekunden an und dann überschattete wieder dieses Gefühl des Wiedersehens alles andere. Ich war so froh ihn zu sehen, ich musste ihm sagen, dass es mir gut geht: „Schau doch. Verdammt! Wartet auf mich, ich helfe euch“, schrie ich ihm zu. Warum beachtete er mich nicht? Er wusste doch, dass ich eine Zeitlang im Bundeswehrkrankenhaus ausgeholfen hatte, um eine Ausbildung als Bundeswehr-Sanitäter zu machen. Ich versuchte aufzustehen, es fühlte sich sehr wackelig an. Ich schaute zu den Männern und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass ich anscheinend nur kniete. In meinem Blickfeld hatte ich nur ihre Unterkörper und ansatzweise den Oberkörper. Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Mein Körper signalisierte mir, dass ich schon längst stand. Vermutlich bin ich noch ein wenig wirr im Kopf, dachte ich. Ich versuchte loszulaufen, um Charlie, Benny und den anderen zu Hilfe zu kommen. Doch meine Beine wollten mir nicht gehorchen. Der Länge nach fiel ich auf die Schnauze. Benommen hob ich den Kopf und musste feststellen, dass ich den Jungs nur wenige Meter näher gekommen war.

„Verdammt Charles! Wenn ihr ihn bewegt, könntet ihr noch Schlimmeres anstellen als einen Bruch“, knurrte ich ihm entgegen. Hinter den vier Männern tauchten nun mehrere Helfer auf, ich hörte die Sirene eines Krankenwagens. Im nächsten Moment war er schon am Unfallort zur Stelle. Charlie versuchte den Sanitätern zu erklären, was passiert war. Ich wollte mich wieder aufrichten, um zu den Jungs zu gelangen. Doch wieder fiel ich der Länge nach hin. Irgendwie hatte ich noch nicht die Kontrolle über meinen Körper wiedergefunden.

„Nick halte durch, komm schon Junge“, schluchzte Charlie. „Du packst das…“

„Ja, natürlich pack ich das. Wahrscheinlich ist nur mein Gleichgewichtssinn ein bisschen durcheinander“, antwortete ich ihm. Und dann blickte Charlie mich an. Er schaute mich an, wie jemanden, der nicht an diesen Ort gehörte. Sein Blick war auf unerklärliche Weise hart, und ich hatte das Gefühl, er wollte mich zurechtweisen.

„Charlie, es tut mir leid, ich hab den LKW nicht kommen sehen“, erklärte ich ihm. Doch sein Blick wurde nicht sanfter.

„Wem gehört der Welpe dort?“, schrie er verbittert. „Kann nicht einer dafür sorgen, dass er endlich still ist?“

Ein junger Obergefreiter antwortete ihm ängstlich: „Hauptfeldwebel… Ähm, ich glaube, das ist Nicks Hund.“

Charlie deutete auf die Kaserne und gab ihm den Befehl, den Hund in sein Zimmer zubringen. Unwillkürlich drehte ich mich um. Welchen Hund meinte er? Auf einmal riss mich etwas vom Boden. Es war der junge Obergefreite, er trug mich in seinen Armen. Warum tut er das?, dachte ich. Er sollte doch den Hund in Charlies Zimmer bringen. Doch ich konnte nicht weiter drüber nachdenken, denn der brennende Geruch von Eisen kam immer näher und brannte nun fast schmerzhaft in meiner Nase. Jetzt konnte ich den Geruch zuordnen, ich sah, was so roch. Blut. Und dann traf mich der nächste Schock. Erst dachte ich, ich spinne, halluziniere oder sowas. Während der Junge mit mir im Arm ging, erblickte ich den Mann, über den sich alle beugten. Ich kannte diesen Mann, dieser Mann war ich. Charlie hatte nicht mit mir gesprochen, sondern mit meinem Körper. Ein ganz klarer Fall von Out-of-Body Erlebnissen, dachte ich mir. Ich schaute meinen am Boden liegenden Körper genauer an. Meine Arme und Beine standen in unmöglichen Winkeln vom Körper ab. Mein Gesicht war blutüberströmt. Ich schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein, wie konnte ich dort liegen, wenn mich doch der junge Obergefreite trug? Bei Out-of-Body Erlebnissen schwebte man normalerweise über dem Ort des Geschehens, das wusste ich vom Hörensagen. Plötzlich hörte ich Charlies Stimme in meinem Kopf, er hatte gesagt, wem gehört der Hund dort? Nein, das konnte nicht sein. Ich fing an, am ganzen Körper zu zittern. „Ruhig, Junge“, sagte der Obergefreite, der mich trug, dann streichelte er über meinen Kopf. Ich verliere den Verstand, dachte ich. Ich kann kein Hund sein. Doch ein kleiner Teil meines Ichs dachte an die seltsamen Gefühle, den guten Hörsinn und den guten Geruchssinn. An das Gefühl, dass sich mein eigener Körper falsch anfühlte. Ich werde einfach meine Hände anschauen, dachte ich. Dann werde ich schon sehen, dass ich nur spinne. Schließlich hob ich meine linke Hand und stellte zu meinem Entsetzen fest, dass es eine hellbraune Pfote war. Mir wurde schwarz vor Augen. Ich kämpfte nicht mal gegen die Dunkelheit an. Die Dunkelheit war mein Freund, der mir dabei half, nicht meinen Verstand zu verlieren.

 

Der Weg

Ich wachte durch das Vibrieren meines Körpers auf. Vorsichtig öffnete ich meine schweren Augenlieder. Doch noch bevor ich etwas sah, war mir bereits klar, wo ich mich befand. Ich war in einem Auto. Mein Gehirn hatte sich anscheinend vollkommen an dieses neue Leben angepasst, denn es erschien mir nicht mal komisch, dass ich mein Auto an dem Geruch und nicht an dem Innenraum erkannte. Auch mein Körper fühlte sich nicht mehr ganz so fremd an, als ich mich strecken musste. Ich konnte mir nicht erklären, warum und wieso ich auf einmal als Hund „wiedergeboren“ wurde, aber ich war irgendwie dankbar. Klar ich war jetzt für jeden, der mich sah, ein Hund, aber in meinem Kopf war ich noch immer ich. Wieso hatte ich diese zweite Chance bekommen? Was sollte ich mit diesem neuem Leben anfangen? Ich wusste es nicht. Wohin fuhr ich eigentlich? Ich blickte den Fahrer des Wagens an und erkannte ihn sofort. Charlie, dachte ich sehr glücklich. Ich musste wohl gejault haben, denn er blickte sich zu mir um. Er seufzte, er sah so traurig aus. Ich wollte ihn trösten. Ich versuchte mich hinzustellen und auf ihn zuzugehen. Erstaunlicher Weise funktionierte das Gehen dieses Mal auf Anhieb. Ich stieg durch die beiden vorderen Sitze hindurch, über die Handbremse und setzte mich auf den Beifahrersitz. Charlie blickte gedankenverloren auf die Straße. Ich muss mich irgendwie äußern, dachte ich. Charlie, sagte ich traurig. Aus meinem Mund – nun ja besser gesagt Maul – kam ein langes leises Jaulen. Charlie schaute sich zu mir um.

„Na Kleiner. Fehlt dir irgendwas?“, fragte er besorgt. „Hast du Hunger oder musst du mal?“ An diese Bedürfnisse hatte ich noch gar nicht gedacht, als Charlie sie erwähnte, spürte ich einen leeren Magen. Wie lange hatte ich nichts gegessen? Als ich Charlies Gesicht sah, vergaß ich meinen Hunger jedoch gleich wieder. Ich streckte meine rechte Pfote nach seinem rechten Bein aus und legte sie auf sein Knie. Er lächelte, jedoch war sein Lächeln gezwungen. „Ich vermisse ihn schrecklich, weißt du Kleiner. Ich weiß nicht, wie es dir geht, ich weiß ja nicht mal, wie lange er dich schon hatte. Vermutlich solltest du das Geburtstagsgeschenk für Holly sein. Wir haben letzte Woche noch darüber gesprochen, dass er ihr einen Hund schenken wollte… Und jetzt darf ich ihr zum Geburtstag erklären, dass Nick gestorben ist, und sie sich um einen Hund kümmern muss, den er ihr schenken wollte.“

Die letzten beiden Sätze sagte er eher zu sich als zu mir. Als er Hollys Namen nannte, spürte ich eine freudige Erregung in mir. Ich merkte, wie mein Schweif automatisch nach links und rechts schwang. Jetzt wusste ich, wo Charlie mit mir hinfuhr, zu Holly. Ich erschauerte, der arme Charlie musste Holly erzählen, dass ich überfahren wurde. Ich legte meine linke Pfote auch noch auf Charlies rechtes Bein und ließ dann meinen Kopf zwischen meine beiden Pfoten sinken. Vorsichtig blickte ich zu ihm auf. Er sah unendlich traurig aus. Ich konnte seinen Anblick nicht eine Sekunde länger ertragen, deshalb schloss ich meine Augen. Ich spürte, wie er mich über meinen Kopf bis hin zum Rücken streichelte. „Schlaf noch ein bisschen, in zwanzig Minuten sind wir da“, sagte er. Ich ließ meine Augen geschlossen, doch schlafen konnte ich nicht. Wie würde Holly reagieren? Dieser Gedanke schnürte mir die Kehle zu. Mir wurde klarer denn je, was ich an ihr hatte. Ohne sie war ich nichts. Holly war mein zweites Ich. Plötzlich begriff ich, warum ich eine zweite Chance bekommen hatte. Ich musste Holly beistehen, ich musste ihr zeigen, dass das Leben auch ohne mich einen Sinn hatte. Natürlich, das musste es sein. Ich wurde als Hund wiedergeboren, um ihr zu helfen, und das würde ich auch tun. Jetzt kannte ich meinen Weg.

 

Gefühle

Nach einer Weile merkte ich, wie der Wagen zum Stehen kam. Charlie stieg aus und beugte sich mit dem Oberkörper wieder in den Wagen, er schlang seine beiden Hände um meinen Brustkorb und zog mich aus dem Auto. Ich erwartete von ihm, dass er mich runter setzen würde, doch Charlie machte keinerlei Anstalten, weshalb ich zu zappeln begann. Das brachte jedoch nichts außer, dass Charlie seinen Griff um mich verstärkte. Er ging ein Stück vom Auto weg und blieb dann am Straßenrand stehen. Hinter uns hörte ich schwere Schritte. Ich konnte mich jedoch nicht umdrehen, da Charlie mich fest in seinem Griff hatte. Ich begann wieder zu zappeln, weil ich wissen wollte, wer sich uns näherte. Erst als Charlie die Person hinter uns hörte, drehte er sich um. Es war Benny, mein Kamerad von der Bundeswehr. Erst jetzt sah ich, dass beide in ihren Ausgehuniformen gekommen waren, die wir nur zu besonderen Anlässen trugen. Mein Tod war vermutlich solch ein besonderer Anlass.

„Charlie… Ich kann nicht, die arme Holly. Wie sollen wir nur anfangen?“, fragte Benny völlig verstört.

„Die ganze Fahrt habe ich mich das auch gefragt, Ben“, erwiderte Charlie. „Wie sagt man einer guten Freundin, dass ihr Freund überfahren wurde.“

Ich konnte den Schmerz und die Trauer von Charlie und Benny spüren. Auch wenn sie ihre Gefühle nicht zeigen wollten, blieben sie mir als Hund nicht verborgen. Deshalb wusste ich auch, dass Charlie die ganze Zeit über nicht nur traurig gewesen war, sondern auch wütend. Das konnte ich aber verstehen. Ich wäre auch sauer, wenn Charlie mich verlassen würde. Dass ich nicht freiwillig gegangen bin, spielt dabei keine große Rolle. „Nun denn…“, sagte Charlie ganz leise. „Lass uns einen der schwersten Wege unseres Lebens antreten.“ Schweigend gingen sie nebeneinander her. Ich fühlte mich mit einem Schlag ziemlich verlassen und einsam. Mit langsamen schweren Schritten kamen die beiden Männer vor unserer Haustür an. Charlie hob die Hand um zu klingeln, hielt jedoch einige Sekunden inne, bevor er auf die Klingel drückte. Es war nichts zu hören, außer dem lauten Klingelgeräusch. Erst als die Klingel verstummte und Holly mit ihrem atemberaubendem Lächeln die Tür öffnete, konnte ich wieder atmen. Gleichzeitig merkte ich, wie sich der Körper, der mich hielt, verkrampfte. Holly lächelte die beiden Männer noch ein Sekunde an, bevor sie die beiden herzlich begrüßte. Dann entdeckte sie mich und schnappte theatralisch nach Luft. „Oh nein wie süß! Wer bist du denn?“, fragte sie und beugte sich zu mir runter, um mir in die Augen zu schauen. Charlie hob mich ein Stück höher.

„Oh, Charlie das ist ja ein Goldstück! Darf ich ihn mal auf den Arm nehmen?“

„Natürlich Holly“, sagte Charlie, jedoch blickte er ihr dabei nicht in die Augen. Ich konnte meinen Blick während der ganzen Zeit nicht von Holly lösen, und als sie nun ihre Hände nach mir ausstreckte, durchlief mich ein freudiger Schauder. Meine Haut brannte so sehr darauf, von ihr berührt zu werden, dass es fast weh tat, als sie ihre Hände um meinen Brustkorb schlang. Sie hob mich über ihren Kopf und drehte mich nach rechts und links, um mich genauer zu betrachten. Dann senkte sie ihre Arme ein Stück und drückte ihre Nase gegen meine feuchte Schnauze. „Du bist ja so süß mein Kleiner“, hauchte sie mir ins Gesicht. Ohne es wirklich beabsichtigt zu haben, wollte ich sie küssen. Im nächsten Moment streckte sie mich von sich weg. Mir wurde peinlich klar, was passiert war. Ich hatte ihr übers Gesicht geleckt. Sie senkte ihren Kopf und versuchte ihr Gesicht in ihrer Armbeuge trocken zwischen.

„Ja, der Kleine ist ganz schön stürmisch. Anscheinend mag er dich sehr gerne.“ Charlie flüsterte fast.

Holly lächelte ihn an und sagte, während sie die Wohnung betrat: „Kommt doch erst mal rein, ihr zwei. Was gibt es denn, dass ihr hier so in voller Montur auftaucht? Wenn ihr Nick abholen wollt, der ist schon gestern Abend losgefahren, das müsstest du doch wissen Charlie.“

Die beiden Männer folgten uns in die Wohnung. Holly dreht sich um. Erst als sie sah, dass Benny die Tür geschlossen hatte, setzte sie mich auf dem Laminatboden ab.

„Habt ihr vielleicht Durst?“, fragte Holly höflich.

Charlie antwortete für beide: „Nein danke, wir sind nicht durstig Holly.“

Holly beugte sich zu mir runter und tippte mir mit dem Zeigefinger auf die Nase. „Du hast aber bestimmt Durst“, sagte sie und verschwand in die Küche. Ich blickte ihr hinterher und konnte deutlich spüren, dass sie nervös war. Vermutlich wusste sie schon, dass Charlie ihr etwas zu sagen hatte, sie konnte nur noch nicht wissen, was es war. Ich denke, dass sie mit allem rechnete, nur nicht mit dem, was es wirklich sein würde. Ich seufzte. Hinter mir hörte ich, wie Charlie und Benny sich aufs Sofa setzten. Ich blickte mich zu den beiden um und sah ihnen an, dass sie sich unwohl fühlten. Ich tappte zu ihnen und posierte meine Pfote genau auf Charlies Fuß. Wenn ich ein Mensch gewesen wäre, hätte ich ihm eine Hand auf die Schulter gelegt.

Dann blickte ich mich in meinem alten Zuause um, es war als würde ich mein altes Leben betrachten, und ich musste daran denken, was Holly und ich noch alles hätten erleben können. Erst beim zweiten Betrachten des Raumes fiel mir auf, dass Holly es geschafft hatte die Umzugkartons wegzuräumen. Die Arme, dachte ich, sie würde bald wieder Kartons mit meinen Sachen füllen müssen. Holly kam mit einer Schüssel voll Wasser wieder, ich lief ihr entgegen, damit sie sehen konnte, wie sehr ich mich über ihr Wiederkomme freute.

„So bitteschön mein Kleiner“, sagte sie liebevoll, als sie die Schüssel zu mir runter stellte. Sie schenkte mir eines dieser wunderschönen Lächeln, die junge Mädchen immer vor dem Spiegel üben. Holly musste dieses Lächeln nie üben. Wenn sie lächelte, war es natürlich und atemberaubend zugleich.

Als ich das Wasser vor mir sah, spürte ich erst wie durstig ich war. Ich setzte meine Lippen an den Rand der Schüssel und versuchte wie gewöhnlich zu trinken. Doch anstatt, dass sich Wasser in meinem Mund ausbreitete, rutschte die Schüssel immer weiter weg. Verdammt, dachte ich wütend. Hinter mir ertönten leise Lacher von Charlie, Benny und Holly.

„Du sollst es trinken und nicht vor dir her schieben“, sagte Charlie. Anscheinend amüsierte ihn meine missliche Lage. „Na los, steck deine Zunge schon in das kühle Nass“, tönte er weiter. Ich drehte mich zu ihm um und schenkte ihm einen missbilligenden Blick. Daraufhin ertönte wieder Gelächter von den dreien. Aber Charlie hatte recht. Ich musste jetzt wie ein Hund trinken und Hunde setzen nicht die Lippen an den Rand, um zu trinken. Ich stellte mich also über die Schüssel und ging so nah wie möglich mit der Schnauze an das Wasser heran. Ich kam mir ziemlich bekloppt vor, als ich meine Schnauze öffnete, damit ich meine Zunge in das Wasser tauchen konnte. Doch im nächsten Moment arbeitete mein Körper wie von alleine, und es klappte perfekt. Ich spritzte vielleicht ein bisschen herum, doch das meiste gelangte wie gewollt in meine Schnauze.

Währenddessen gratulierten Charlie und Benny Holly zum Geburtstag.

„Oh Gott! Erinnert mich doch nicht daran“, sagte Holly theatralisch. Ich musste schmunzeln, sie hatte schon immer so einen niedlichen Hang zum Theatralischen. „Aber trotzdem viel Dank.“

Ich beobachtete die drei. Von einem auf den nächsten Moment wurde Charlies Miene wieder hart und auch Bennys Miene erstarrte.

„Holly, wir müssen dir etwas sagen, was uns nicht leicht fällt.“ Charlies Worte kamen nur schwer über seine Lippen.

„Holly … Nick hatte einen … Unfall.“

 

Schmerz

Hollys Hand fuhr in Blitzgeschwindigkeit zu ihrem Mund. „O-oo-oh G-g-g-gooott!“, schluchzte sie. „Was ist passiert? W-wie geht es ihm? Ist er v-ver-l-letzt?“

Charlie machte einen Schritt auf sie zu und griff nach ihrer freien Hand, dann nahm er sie schließlich in seine Arme. Benny bewegte sich zögerlich zu den beiden hin und streichelte Holly zaghaft über den Rücken. „Er kam gestern Abend, wie du es gesagt hattest. Er stieg aus seinem Auto und vermutlich hatte er den Kleinen bei sich.“

Charlie deutete mit dem Kinn auf mich. Holly blickte ihn missbilligend an, vermutlich ärgerte sie sich über Charlie, dass er ihr etwas über einen Welpen erzählte und nicht über ihren verunglückten Freund. Sie löste sich aus Charlies Umarmung.

„Was ist passiert, Charles?“, fragte sie drängend, aber ängstlich zugleich. Ich konnte förmlich die Angst der drei riechen, und Bennys unsicheres Verhalten machte mich total wuschig. Ich fing an, hin und her zu gehen. Benny machte keinen beruhigenden Eindruck, vermutlich merkte auch Holly das. Im nächsten Moment brach es aus Benny heraus, Tränen liefen über seine Wangen, während er Holly erzählte, was passiert war. Als er alles gesagt hatte, ballte er die Hände zu Fäusten und drückte sie gegen seine Oberschenkel. „Es tut m-m-mir so leid, Holly! Ich werde ihn schre-ecklich verm-missen.“

Ich war gebannt von Bennys Ausbruch an Gefühlen und von meiner Zuneigung, die ich in diesem Moment zu ihm empfand. Holly blickte fassungslos zwischen Charlie und Benny hin und her. Mit einer Hand fuhr sie sich durch die Haare und die andere legte sie auf ihren Bauch, als wäre ihr schlecht. Tränen traten in ihre Augen. Es dauerte keine Sekunde, bis der Schmerz Hollys gesamten Körper eingenommen hatte. Charlie handelte schneller als Benny und fing sie auf, bevor sie zusammen brechen konnte. Ich bewegte mich auf Holly zu und wollte sie trösten, wollte ihr klar machen, dass ich gar nicht tot war, doch Charlies starker männlicher Körper ließ keinen Weg frei. Ich jaulte vor Schmerz, es tat mir in der Seele weh, Holly so zu sehen. Sie schrie vor Schmerz, schüttelte ihren Kopf nach rechts und links und flüsterte „Nein! Nein! Nein! Das kann nicht sein! W-wieso? Nein! Warum?“

Charlie versuchte sie zu beruhigen und streichelte sie und sagte ihr Dinge wie, wir sind für dich da, oder, gemeinsam stehen wir das durch. Benny stand immer noch völlig aufgelöst daneben. Plötzlich klingelte es. Charlie hob den Kopf und deutete Benny an, dass er die Tür öffnen sollte.

„S-s-shh-t-tt“, machte Charlie und streichelte über Hollys Kopf. „Ich habe deinen Eltern Bescheid gesagt, Holly, damit du nicht alleine sein musst.“

Charlie setzte sich auf den Boden und zog Holly in seine Arme. Vorsichtig schaukelte er sie hin und her, um sie zu beruhigen. Auf einmal merkte ich, wie sich am Rande meiner Gefühle der Neid ein Loch gesucht hatte und nun versuchte an die Oberfläche zu kommen. Ich wurde ein wenig sauer und neidisch auf Charlie, sauer weil ich ihm erzählt hatte, dass ich das immer bei Holly tat, wenn sie tieftraurig war und neidisch, weil ich sie nie wieder so in meine Arme schließen konnte. Auf der anderen Seite schämte ich mich für diese Gefühle. Ich liebte Charlie dafür, dass er sich so sehr um Holly bemühte. Sie weinte und schluchzte nun an seiner Schulter. Wenige Minuten später kam Benny mit Hollys Eltern ins Wohnzimmer. Hollys Mutter, Amelie, lief sofort zu Charlie und Holly, um ihre Tochter zu tätscheln und zu trösten. Sie weinte dabei. Hollys Vater ging Richtung Schlafzimmer und nach wenigen Minuten kam er wieder und deutete Charlie an, Holly ins Schlafzimmer zu tragen. Er stand auf und trug die schluchzende Holly fort. Ich wollte hinterher gehen, ich wollte helfen. Ich wollte bei Holly bleiben. Ich wollte gerade zum Sprint ansetzen, als mich zwei Hände unter dem Brustkorb packten und in die Luft hoben. „Bleib du mal lieber hier“, sagte Benny. Er setzte sich aufs Sofa, hob mich auf seinen Schoß und streichelte mir den Rücken. Es kam mir vor wie Stunden, bis Hollys Vater und Charlie wieder aus dem Zimmer kamen. Genau wie die anderen sah Klaus tieftraurig aus. Für einen kurzen Moment musste ich an meine verstorbenen Eltern denken, auf eine seltsame Weise war ich froh, dass sie meinen Tod nicht mehr miterleben mussten. Klaus räusperte sich und sagte dann: „Charlie du musst verstehen, Holly kann jetzt keinen Welpen aufziehen. Das ist unmöglich, sie muss erst mal mit sich selber fertig werden, bevor sie sich um jemand anderes kümmern kann. “ Charlie nickte, während Klaus seinen Satz beendete, dann sagte er: „Natürlich Klaus, das verstehe ich vollkommen. Mhm, leider können wir ihn auch nirgendwo unterbringen. Er muss wohl ins Tierheim.“

Mein Körper verkrampfte sich. Charlies Worte hallten in meinem Kopf wieder. Fassungslos blickte ich zu ihm. Wie kannst du mir das antun? Ich muss bei Holly bleiben, ich muss ihr helfen, den Schmerz zu überwinden, dachte ich verzweifelt. Mir wurde klar, dass ich um jeden Preis verhindern musste, ins Tierheim gebracht zu werden, ansonsten würde ich Holly nie wieder sehen.

„Ich denke, es ist besser, wenn ihr jetzt geht“, sagte Klaus, an Benny und Charlie gewandt. „Danke ihr zwei, für alles!“

Benny antwortete schneller als Charlie: „Keine Ursache, wer hätte es ihr sonst sagen sollen, wenn nicht seine besten Freunde?“

Ich hörte, wie Klaus brummend Bennys Aussage bestätigte. Benny klemmte mich unter seinen linken Arm und reichte dann Klaus die rechte Hand zum Abschied. Auch Charlie verabschiedete sich: „Wenn irgendwas ist, oder wir irgendetwas tun können, lassen Sie es uns wissen.“

Klaus nickte stumm. Benny hatte mich noch immer unterm Arm und folgte Charlie nach draußen. Erst, als sie sich ein paar Meter entfernt hatten, brach Charlie das Schweigen. „Das war furchtbar.“

Benny nickte. „Nun gut, dann müssen wir den kleinen Schlingel jetzt mal ins Tierheim bringen.“

Oh Gott, dachte ich. Panik stieg in mir auf, je näher wir Bennys Auto kamen. Krampfhaft überlegte ich, wie ich mich aus seinem Arm befreien konnte, ohne ihn oder mich zu verletzen. Im nächsten Moment kam mir die Idee. Das Wasser, das ich vorhin getrunken hatte, musste ich doch auch wieder los werden.

 

Was das Herz will

„Oh nein! Bitte lass es nicht wahr sein!“, schimpfte Benny, als er merkte, dass ich mich in seinen Armen erleichterte. „Das ist wirklich widerlich, Kleiner, man kann sich auch melden, wenn man mal muss.“

Charlie musste lachen. „Sorry Alter, aber das ist echt zum Schießen.“

„Ja Ja, ich find es auch ganz toll“, sagte Benny. Wäre uns dreien so eine Situation früher passiert, wären wir in schallendes Gelächter ausgebrochen. Doch mein gelungenes Ablenkungsmanöver hatte den gewollten Effekt erzielt. Benny ließ mich runter und murmelte etwas wie: „Nun such dir mal einen schönen Grashalm und markier den, ich bin doch kein wandelndes Revier.“

Ich blickte mich um und suchte ein Gebüsch oder eine Hecke, durch die ich entwischen konnte. Einige Sekunden tat ich so, als würde ich etwas Interessantes erschnüffeln, damit Benny und Charlie ein Gespräch anfangen konnten. Vorsichtig blinzelte ich immer wieder mit einem Auge zu den beiden hoch, ich hatte bereits mein Objekt der Begierde im Visier, es war eine Hecke, die mit ihren Ästen sogar den Boden bedeckte. Leider wurde mir innerhalb der nächsten Sekunden klar, dass Benny und Charlie kein Gesprächsthema finden würden. Die beiden schwiegen sich nur an, was nach allem, was sie gerade erlebt hatten, vollkommen verständlich war. Ich schlich mich mit meiner Schnüffeltaktik immer näher an die Hecke heran, und dann als sie nur noch ca. einen Meter entfernt war, setzte ich zu einem Spurt an.

„Hey! Wo willst du denn hin?“, rief Charlie mir hinterher, und ich hörte, wie die beiden mit schnellen Schritten zur Hecke rannten. Ich raste die Hecke entlang immer weiter weg von Charlie und Benny, die mich schon nicht mehr sehen konnten. Hinter mir hörte ich ihre Rufe. Ich musste gegen einen starken inneren Drang kämpfen, um nicht auf der Stelle umzudrehen und mit freudiger Erregung zurück zu laufen. Der Instinkt, „Du musst zu Herrchen zurück, er ruft nach dir“, war verdammt stark. Doch mein Herz wollte zu Holly zurück, und deshalb blieb ich nicht stehen. Als die Hecke zu Ende war, stolperte ich in die Mitte eines schönen Gartens. Ich blickte mich schnell nach einem passenden Versteck um. Nach kurzem Zögern entschied ich mich für den Buchsbaumbusch. Ich krabbelte unter den dicken und dünnen Ästen hindurch und versteckte mich im Inneren des Busches. Lange hörte ich noch Charlies und Bennys Rufe, ich könnte sogar hören, wie sie die Hecke durchwühlten, bis sie sich endlich entfernten. Nach einiger Zeit wurde ich im wahrsten Sinne des Wortes hundemüde. Ich legte meine beiden Pfoten ausgestreckt vor mich und ließ meinen Kopf auf sie sinken.

Als ich aufwachte, war es bereits Nachmittag. Um mich herum herrschte Stille, nur die Vögel zwitscherten vereinzelt vor sich hin. Ich blieb in meinem Versteck und lauschte, ob ich Charlie oder Benny noch hören konnte, doch ich hörte nichts. Schließlich verließ ich mein Versteck und machte mich auf die Socken, um Holly und mein Haus wiederzufinden. Auf meinem Weg zurück, erschnupperte ich vieles und ertappte mich mehrmals dabei, wie ich länger als nötig an irgendeinem Gegenstand roch. Ich nahm die Gerüche von Harz und Holz viel intensiver wahr, als ich sie als Mensch je hätte wahrnehmen können. Ich verlief mich ein paar Mal, denn entweder lief ich zu lang durch die Hecke, oder ich bog in eine falsche Straße ab. Bis zum Ende des Tages hatte ich es geschafft, Hollys und meinen Garten zu erreichen. Ich bewegte mich auf die Terrasse zu, doch als ich Klaus und Amelie sah, machte ich sofort wieder kehrt. Was ist, wenn Charlie und Benny ihnen erzählt hatten, dass ich entlaufen war? Mir wurde klar, dass ich auf einen Moment warten musste, wo Holly alleine war. Bis dahin wollte ich einen Schlafplatz in der Nähe unseres Hauses finden. Ich lief einige Minuten im Kreis, bis mir schwindelig wurde und ich auf das Ende unseres Gartens zutaumelte. Plötzlich durchlief mich ein freudiger Gedanke: Natürlich! Ich wollte Holly doch wirklich mal einen kleinen Hund schenken, und als wir einmal auf einem Flohmarkt waren, hatte Holly diese süße Hundehütte entdeckt. Sie war so begeistert davon gewesen, dass wir sie schließlich gekauft hatten. Damals fand ich es schwachsinnig, eine Hundehütte zu kaufen, wenn man keinen Hund hatte. Doch jetzt, als ich ums Gartenhaus rumschlich, war ich glücklich darüber. Ich hatte die Hütte hinters Gartenhaus gestellt und tatsächlich stand sie noch dort. Erleichtert näherte ich mich ihr und schob mich vorsichtig, eine Pfote nach der anderen hinein. Zu meinem Glück durfte ich feststellen, dass sogar ein Hundekissen den Boden bedeckte. Es war weich und warm in der Hütte, windgeschützt und still. Nach wenigen Minuten des Rumliegens schlief ich wieder ein.

 

Schicksal

Nachdem ich einige Tage erfolglos um Hollys Haus herumgeschnüffelt und schon gänzlich die Hoffnung verloren hatte, dass Holly ihr Haus jemals wieder verlassen würde, kam der Tag, an dem sie endlich – wenn auch zittrig – die Gartentür öffnete. Sie blieb zwischen den Türpfosten stehen und streckte beide Arme nach links und rechts aus, um sich festzuhalten. Ich war so in freudiger Erregung, dass mein Schweif sofort wieder anfing, ohne mein Zutun zu wedeln. Obwohl Holly ausgelaugt und dürr wirkte, war sie immer noch wunderschön. Während ich sie kritisch beobachtete und feststellen musste, dass sie in den letzten Tagen wohl nicht viel gegessen hatte, sah ich, wie sie sich auf die Türschwelle setzte und das Gesicht in beiden Händen versteckte. Ihr ungekämmtes Haar fiel über ihre Schultern und mich durchlief ein Reflex. Automatisch setzten sich meine Pfoten in Gang, und ich bewegte mich auf sie zu. Ich dachte nicht viel, mein Körper tat einfach das, was er für richtig hielt. Ich hatte schon fast die Terrasse erreicht, als plötzlich Amelie aus der Wohnung kam und sich zu Holly nieder bückte. In Blitzgeschwindigkeit lief ich zu einem nahe gelegenen Busch.

„Holly, Kind, bist du sicher, dass du schon allein sein kannst“, hörte ich Amelie besorgt fragen. Holly blickte ihrer Mutter ins Gesicht und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, als sie sagte: „Mama bitte, es geht schon. Ich brauch einfach mal ein bisschen Zeit für mich. Seit einer Woche seid ihr jetzt hier und versorgt mich. Versteh mich jetzt bitte nicht falsch, ich bin euch sehr dankbar, aber ich wäre jetzt wirklich gerne allein.“

Amelie schaute Holly erst besorgt an, dann tröstend und zuletzt verständnisvoll. Sie nahm ihre Tochter in den Arm, und als Holly sich von ihr löste, sagte sie: “ Wir kommen morgen wieder vorbei und bringen dir dein Mittagessen.“ Dann seufzte sie und fügte drohend hinzu: „Und wenn du heute Abend nicht mehr anrufst, dann kommen wir schon heute wieder!“

Holly lächelte, und ich war froh, dass sie ihr Lächeln nicht verloren hatte. Amelie ging wieder ins Haus. Holly blieb noch auf der Schwelle sitzen, bis auch sie aufstand, ins Haus ging und die Tür hinter sich schloss. Die nächste Stunde beobachtete ich Holly und ihre Eltern durch das große Terrassenfenster. Ungeduldig sah ich zu, wie Amelie und Klaus ihre Sachen packten und sich dann endlich von Holly verabschiedeten.

Holly war anscheinend wirklich froh, endlich alleine zu sein. Zuerst lief sie mit irgendwelchen Sachen im Arm durch die Wohnung und wirkte ziemlich nervös. Nach einigen Minuten verließ sie das Wohnzimmer. Als sie wenig später wieder ins Wohnzimmer trat, hatte sie einen Turban aus einem Handtuch auf dem Kopf. Sie hatte sich auch umgezogen, und ich stellte sofort fest, dass sie ein ärmelloses Hemd von mir anhatte. Gerade als ich aus meinem Busch hervorkriechen wollte, fing es an, in Strömen zu regnen. Ohne dass ich nachdachte, flüchtete ich auf die Terrasse und setzte mich klitschnass unter den Gartentisch, der mir Schutz vor dem Regen bot. Ich legte mich in meine Lieblingsposition, die Schnauze auf die Pfoten gebettet. Und dann musste ich wohl eingeschlafen sein.

Ich weiß nicht, wie lange Holly mich beobachtet hatte, aber als ich den Kopf hob, um zu schauen, ob sie noch in der Küche war, stand sie an der Terrassentür und blickte mich mitleidig an. Plötzlich handelte ich wieder instinktiv und fing an, mit dem Schweif zu wedeln und unschuldig zu gucken. Es klappte, ich merkte, wie Holly eine Diskussion mit sich selbst in ihrem Kopf führte und der Beschützerinstinkt gewann. Sie stellte einen Teller neben die weißen Rosen auf der Fensterbank und öffnete dann die Tür. Sie kniete sich nieder und versuchte, mich zu sich zu locken. Sie schnalzte mit der Zunge und gestikulierte mit ihren Händen, dass ich zu ihr kommen sollte. Ich war so froh, dass Holly mich lockte, dass ich eine Chance hatte bei ihr zu sein, und doch konnte ich mich nicht bewegen. Der Regen war trotz des warmen Sommers eiskalt gewesen und meine Glieder schmerzten furchtbar. Nun gut, dann muss ich eben dafür sorgen, dass sie zu mir kommt, dachte ich und fing leise und kläglich an zu jaulen. Es klappte, Holly musterte mich und dann stand sie auf. Sie zog sich ihre Gartenschuhe an und kam in schnellen Schritten zu mir.

„Oh Gott, du armer Krümel“, sagte sie liebevoll, während sie mich in ihre warmen Arme hob. „Bist du etwa schon die ganze Woche hier draußen, seit du Benny und Charlie entwischt bist? Komm rein, du zitterst ja am ganzen Leib.“

Sie trug mich mit schnellen Schritten ins Haus und ließ mich auf der Fußmatte runter. Während sie die Tür verriegelte, folgte ich einem Instinkt und schüttelte mich trocken. Holly packte mich und ging mit mir ins Badezimmer. Dort angekommen setzte sie mich in die Badewanne, sagte, ich solle dort bleiben, und ging wieder raus. Als sie zurückkam, stand ich schon mit den Pfoten gegen den Badewannenrand gestemmt da und wartete auf sie. Sie lächelte mich an und nahm meine beiden Pfoten in die Hände, um mich wieder in die Badewanne zu setzten. Als sie den Duschkopf nahm und das Wasser aufdrehte, beobachtete ich ihr Tun voller Skepsis.

„So, ich glaube, jetzt habe ich die richtige Temperatur“, sagte sie, und dann lief warmes Wasser durch mein Fell und drang bis zu meiner Haut vor.

Der Wannenboden wurde augenblicklich von Dreck überschwemmt.

„Du bist ja ein richtiger Schmutzfink!“, sagte Holly.

Mich kümmerte das recht wenig, so sehr genoss ich, dass meine Glieder dank der warmen Dusche zu schmerzen aufhörten.

Nach der Badeaktion, gingen wir zwei zusammen in die Küche, wo sie ihr Essen nochmal in der Mikrowelle aufwärmte und mir eine Schüssel mit Wasser und eine andere mit Kartoffeln und Gemüse hinstellte. Sie lehnte sich gegen die Arbeitsplatte in der Küche, und während sie selbst aß, beobachtete sie mich. Ich war so hungrig und schlang alles in drei großen Happen hinunter. Holly lächelte mir dabei aufmunternd zu. Als sie mit ihrem Essen fertig war, stellte sie meine Schüssel und ihren Teller in die Spülmaschine. Dann ging sie aus der Küche und setzte sich aufs Sofa.

 

Romeo und Julia

Ich wusste nicht so recht, ob ich ihr folgen sollte, immerhin wusste ich nicht mal, ob sie mich in ihrer Nähe haben wollte. Unsicher bewegte ich mich einige Schritte aus der Küche. Plötzlich hörte ich, wie Holly rief: „Hey Kleiner, komm ruhig her.“

Über die Sofalehne gebeugt, blickte sie zu mir herab. Vorsichtig trottete ich auf sie zu.

Holly erhob sich vom Sofa und kniete sich auf den Laminatboden, dabei stützte sie sich auf ihre Handballen und ihre Knie. Ich war total perplex. Sie krabbelte wie ein anderer Hund auf mich zu, und ich konnte deutlich erkennen, welchen Spaß sie dabei hatte.

Ihr wunderschönes, braunes Haar fiel an ihren Wangen herab und bei jeder Bewegung passte es sich wie ein Wasserfall neu an ihr Gesicht an. Mich durchfuhr ein aufregender Schauer. Ohne zu denken, lief ich in schnellen Schritten auf sie zu und schmiss mich vor ihr auf den Boden. Ich drehte mich auf den Rücken und versuchte nach ihren Haaren zu schnappen. Holly brach in schallendes Gelächter aus und packte mich mit ihren beiden Händen am Brustkorb und schob mich auf dem Rücken liegend quer durchs Wohnzimmer. Wir tobten bestimmt eine halbe Stunde, bis Holly nicht mehr konnte und sich zu mir auf den Boden legte. Sie fing an, mich hinter den Ohren zu kraulen und seufzte: „Weißt du, es ist ganz schön, jemanden bei sich zu haben, der einen nicht die ganze Zeit umsorgt.“ Sie lächelte schwermütig. Mit einem Mal sprang sie auf und sagte beschämt: “ Oh nein! Du süßes Ding hast ja noch gar keinen Namen!“

Sie kniete sich vor mich und packte mich liebevoll an den beiden Vorderpfoten, sodass ich wie ein Mensch stehen musste: „Also auf jeden Fall bist du ein kleiner Irish Setter und dazu ein sehr schöner.“

Sie stupste mit ihrer Nase gegen meine. Oh Gott, dachte ich, ich glaube, ich werde ohnmächtig. Mein Herz geriet völlig aus dem Rhythmus. Verdammt, ich war ja so ein Glückspilz. Der Gedanke, dass ich eine zweite Chance bekommen hatte, machte mich in diesem Moment zu einem unendlich glücklichen Menschen. Im Geiste verbesserte ich mich und sagte mir, dass ich ein unendlich glücklicher Hund war.

„Also gut“, überlegte Holly. „Wie wär‘s mit Prinz?“ Ja, dachte ich, das ist annehmbar. Instinktiv schleckte ich Holly quer durchs Gesicht, und sie ließ sich auf den Rücken fallen. Dann stand sie auf und lächelte zufrieden. „Ja, anscheinend findest du deinen Namen auch ganz gut.“

Mit einem Mal sah Holly traurig aus. Zuerst konnte ich nicht verstehen warum, aber als ich ihrem Blick folgte, wurde mir klar, dass sie auf ein altes Foto von ihr und mir starrte.

„Weißt du, Prinz, wir wollten immer einen Hund haben, sogar einen Irish Setter.“ Holly schwieg einen Moment, und dann rannen ihr Tränen die Wange hinunter.

„U-und Charlie hat gesagt, wenn ich mich recht erinnere, dass d-du ein Geschenk für mich sein solltest.“

Nun blickte sie mich direkt an, und ein Schmerz umfasste meinen Körper. „Zuerst wollte ich dich nicht… Ich schäme mich deswegen! Als ich am nächsten Morgen aufgewacht bin und nach dir gefragt habe, haben meine Eltern von dir erzählt. Du kleiner Schlingel bist also abgehauen.“ Nun lächelte sie wieder ein wenig. „Heute Nachmittag, als ich dich unter meinem Gartentisch gesehen habe, war ich unendlich froh. Du solltest doch ein Teil unserer Familie werden, und nun habe ich nur noch dich.“

Holly rang sich ein Lächeln ab. Dann wischte sie sich unbeholfen die Tränen ab. In diesem Moment war mir so elend zumute, dass ich es ihr unbedingt zeigen wollte. Aber noch viel mehr: Holly sollte wissen, dass sie mich nicht verloren hatte, ich war ja noch da, ich war doch ihr Nick.

Zunächst wollte mir nicht einfallen, wie ich ihr das klar machen sollte. Ich trat einige Male auf der Stelle und versuchte, angestrengt nachzudenken. Ich ließ meinen Blick durchs Wohnzimmer schweifen und er blieb an einem Bücherregal hängen. Ich sah mich kurz zu Holly um, die wieder auf dem Sofa saß und das Gesicht in den Händen hielt. Ich muss ihr zeigen, dass ich mental auf ihrer Ebene bin, dachte ich. Ich ging auf das Bücherregal zu und entdeckte sofort ein Buch, das meine Gefühle klar zum Ausdruck bringen würde. Ich stellte mich auf die Hinterpfoten, um mithilfe meiner Schnauze das Buch aus dem Regal zu ziehen. Ich brauchte einige Versuche, um das Buch aus dem Regal zu bekommen, denn der Laminatboden war ziemlich glatt, und ich rutschte immer wieder aus. Als es endlich unten lag, war das Buch für mich zu schwer, weshalb ich versuchte, Holly darauf aufmerksam zu machen. Ich kleffte das am Boden liegende Buch solange an, bis Holly kopfschüttelnd zu mir kam.

Sie hob es auf und las den Titel laut: „Romeo und Julia“. Sie starrte einige Sekunden auf den Buchdeckel, ging mit dem Buch zurück und legte es neben sich aufs Sofa. Mit viel Anlauf sprang ich neben das Buch und hechelte sie an. Vermutlich verstand sie nicht, was ich wollte. Also musste ich es ihr zeigen. Ich schlug mithilfe meiner Schnauze und meiner Pfoten die vierte Szene von Romeo und Julia auf.

„Was machst du da, Prinz?“, rief Holly aus. „Hör auf, du machst noch die Seiten kaputt.“

Sie dachte wohl, ich wollte nur spielen. Aber dann fiel ihr Blick auf die aufgeschlagene Seite, dort standen die Worte, die Romeo und Mercutio in der vierten Szene wechselten:

Romeo: Ich wahrlich nicht. Ihr seid so leicht von Sinn,
Als leicht beschuht: mich drückt ein Herz von Blei
Zu Boden, dass ich kaum mich regen kann.“

Mercutio: Ihr seit ein Liebender: borgt Amors Flügel
Und schwebet frei in ungewohnten Höhn.

Romeo: Ich bin zu tief von seinem Pfeil durchbohrt,
Auf seinen leichten Schwingen hoch zu schweben.
Gewohnte Fesseln lassen mich nicht frei;
Ich sinke unter schwerer Liebeslast.

Ich konnte sehen, wie Holly gebannt die Verse las. Als sie fertig war, blickte sie mich mit Tränen in den Augen an, packte mich und nahm mich in ihre Arme. Sie fing an, hemmungslos zu weinen. Eine Welle voller Gefühle durchzuckte meinen Körper. Am Ende überlagerte die Erleichterung alles, denn ich wusste, ich hatte es geschafft. Es spielte keine Rolle, dass Holly nicht wusste, dass ich in Wirklichkeit ihr Nick war. Ich würde nun als ihr „Prinz“ für sie da sein und auf sie aufpassen. Holly hielt mich mit ausgestreckten Armen vor ihr Gesicht und sagte: „Weißt du Prinz, eigentlich bist du kein Prinz, du bist ein Ritter.“ Dann küsste sie mich auf meine Nase.

 

Alles Glück der Welt

Ich hatte gerade in der Sommerhitze gedöst, als eine Stimme mich weckte.

„Nick, komm her! Ja, Klasse Schatz, gleich hast du es geschafft!“

Noch eine zweite Stimme erklang: „Super, mein Junge, komm zu Papa!“

Holly und Charlie riefen quer durch den Garten. Immer, wenn sie den Namen Nick aussprachen, weckte dieser etwas tief in mir – bloß, ich wusste nicht mehr, was es war. Ich beobachtete die friedliche Szene vor mir. Holly und Charlie riefen einen kleinen Jungen, der nur einige Meter von ihnen entfernt war. Sie gestikulierten wild mit den Händen und strahlten über beiden Ohren. Der kleine Junge blieb wackelig auf beiden Beinen mitten im Garten stehen. Ich sprang auf, um den kleinen Nick zu meinen Herrchen zu tragen. Ich trabte von hinten an ihn ran, packte ihn mit meinen Zähnen liebevoll am Hosenbund, und schon schwebte der kleine Junge in der Luft. Er fing an zu lachen, sein Schnuller fiel ins Gras, doch das schien ihn nicht zu stören. Holly und Charlie lachten.

„Prinz, wie soll unser Nick jemals laufen lernen, wenn du ihn immer zu uns trägst, kannst du mir das mal verraten?“, erklang Hollys Stimme. Ich setzte den kleinen Jungen vor meinen beiden Herrchen ab und setzte mich mit wedelndem Schweif hinter ihn. Charlie grinste und streichelte mir mit seiner großen Hand über den Kopf.

„Ach Liebste, lass ihn doch“, sagte er zu Holly. „Du weißt doch, wie schnell die Zeit vergeht. Vor acht Jahren war unser Prinz noch ein Krümel, und jetzt, schau ihn dir an, er ist ein riesiger Keks geworden.“

Holly gab ihm einen Kuss.

„Stimmt“, sagte sie. „Und dir ist er damals entwischt der kleine Krümel.“

Sie kam auf mich zu, um mich hinter den Ohren zu kraulen. Im nächsten Moment döste ich schon wieder vor mich hin. Kurz bevor ich einschlief, merkte ich, wie etwas kleines Schweres auf mich krabbelte und auf meinem Rücken liegen blieb. Das letzte, was ich hörte, bevor ich einschlief, war Hollys Stimme: „Das Glück aller Welt liegt eben nicht auf dem Rücken eines Pferdes, sondern auf dem Rücken eines Hundes.“