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Ich und Leon

von Jan Wieggrebe

Manchmal gelangt man im Leben an den Punkt, an dem man das Gefühl hat, dass alle auf einen hinabblicken. An diesem Punkt fühlt man sich eingeengt von allen Seiten und als einziger Ausweg bleibt ein tiefer Abgrund. Und manchmal  kommt es sogar soweit, dass man gerade in diesen Abgrund geschubst wird, weil andere einen nicht so sehen, wie man ist.

In dem Fall wünscht man sich, ein Fremder käme und finge einen auf. Und könnte sogar wieder hinaufhelfen. Und sollte man beim Aufstieg daneben treten, wäre dieser Fremde da, um einen zu halten. Der Fremde wird zum Freund. Allerdings könnte auch dieser Freund Trittfehler auf dem Weg nach oben machen.

Deshalb sollte man ihn mit einem Seil sichern. So kann man ihn nicht wieder verlieren.

1

Wie immer saß ich in der letzten Reihe direkt am Fenster. Hier war ich geschützt, niemand konnte mich von hinten mit Papier bewerfen oder mir komische Zettel auf den Rücken kleben. Ich starrte auf die Tafel, auf welcher noch der Stoff der letzten Stunde stand. Eigentlich war jetzt ja Pause, aber was sollte ich schon machen? Ich war Luft für die anderen und daran auch noch irgendwie selber schuld. Warum sollten die mich auch beachten?  Selbst zuhause beachteten meine Eltern mich kaum. Sie riefen mich nur, wenn es Essen gab oder meine Musik ihnen zu laut war.

„Hey Drecksschwuchtel! Glotz nicht!“, rief jemand zu mir, der wohl meinte, ich würde ihn und nicht die Tafel anstarren. Naja, wenigstens eine Form der Beachtung, aber auf diese zu reagieren wäre hirnrissig, dumm, vielleicht sogar lebensmüde gewesen. So sah ich weiter die Tafel an, die bis auf die Buchstaben aussah wie immer. Um mich herum war es laut, zu laut. Ich hasste Lärm. Vor allem hasste ich ihn, wenn er aus den Gesprächen und Lästereien der anderen resultierte. Wahrscheinlich war ich wieder eines ihrer Lieblingsthemen. Ich, der nie etwas von sich erzählte. Ich, der sich nicht gegen Gerüchte und Behauptungen wehrte. Ich, Eric, der Sonderfall der Gesellschaft.

„Bald muss ich das nicht mehr aushalten“, murmelte ich leise. Für die anderen klang es wohl wie das Grummeln, wenn man geweckt wird. Die Sommerferien waren zwar grade erst zu Ende, doch es war das letzte Schuljahr und dann würde ich mit dieser Klasse nichts mehr zu tun haben wollen.

Das Quietschen der Klassentür riss mich aus meinen Gedanken und ich richtete meinen Blick auf sie.

„Oh die männliche Quotenblondine hat sich bewegt!“, rief jemand mit einer wirklich dämlichen Betonung des Wortes „männlich“. Mir war es egal, ich bin, was ich bin. Ich sah weiter auf die Tür, denn genau in diesem Moment betrat Herr Choi die Klasse. Endlich war ich erlöst von dieser grausamen Pause. Da Herr Choi den gesamten Türrahmen ausfüllte, fiel es erst nicht auf, dass noch ein Schüler hinter ihm stand. Ein Neuer.

Ich musterte den Neuling von weitem und kam zu dem Schluss, dass der Junge verdammt nochmal perfekt aussah! Nur sein Gesicht konnte ich nicht richtig sehen, da sein Blick abgewandt war, und er aufmerksam den Worten des Lehrers zuhörte.

Er folgte Herrn Choi und blieb neben dem Pult stehen. Herr Choi räusperte sich und begann zu sprechen: „Das ist Leon. Er wird ab heute ein Mitglied Ihrer Klasse sein und ich hoffe, Sie werden ihn gut behandeln und schnell Freundschaften schließen.“ Herr Choi wandte sich an den Neuen und sagte: „Nimm doch bitte dahinten neben Eric Platz.“

Der Neue nickte und ging auf den Platz neben mir zu. Moment? Stopp! Ich brauchte eine kurze Denkpause. Eric? Das war doch ich! Das hieß, der Typ würde sich gleich neben mich setzten! Das würde wohl das Ende des friedlichen Unterrichts bedeuten. Während dieser Leon auf den Platz neben mir zuging, fing das Getuschel in der Klasse an. Aus der Reihe vor mir bekam ich Kommentare mit, die nur bestätigten, dass ich hier so schnell wie nur möglich weg musste. So sagte Chris zum Beispiel: „Der Arme muss jetzt neben der Schwuchtel sitzen. Eric wird ihn bestimmt bei der nächsten Gelegenheit angraben. In Gedanken hat er ihn bestimmt schon ausgezogen.“ Worauf seine Sitznachbarin erwiderte: „Sollten wir nicht was sagen? Der Neue tut mir ja jetzt schon leid!“

Sofort brachen beide in schallendes Gelächter aus. Ich rutschte mit meinem Stuhl weiter weg vom Platz neben mir. Doch da hörte ich schon, wie der Stuhl neben mir zurückgezogen wurde, wie eine Tasche auf den Boden fiel und wie sich jemand neben mich setzte. Hinsehen wollte ich allerdings nicht. Ich sah doch eh schon aus wie eine überreife Tomate und wollte dies nicht auch noch der Allgemeinheit preisgeben. Plötzlich tippte mir jemand mit seinen Fingern auf die Schulter und dieses Tippen durchfuhr meinen Körper wie ein Blitz. Ich hatte das Gefühl, einen inneren Domino-Day zu erleben und schon hatte ich mich gegen meinen Willen zu dem Tippenden gedreht.

Ich sah in zwei tiefgrüne Augen, die zu einem makellosen Gesicht gehörten. Das wiederum wurde von braunen Haaren mittlerer Länge umspielt. Der Neue lächelte mich an und sagte, ohne zu stocken oder irgendwie unsicher zu wirken: „Hi! Ich bin Leon.“ Er musste mich für bescheuert halten, so wie ich ihn anstarrte. Noch bevor ich antworten konnte, drehte Chris sich zu Leon und sagte: „Von dem solltest du Abstand halten. Der ist schwul und reden tut er sowieso nur, wenn er im Unterricht drangenommen wird.“ Chris lachte. Eins war allerdings komisch. Leon lachte nicht mit! Er sah Chris einfach nur an, neigte den Kopf leicht und fragte dann: „Hmmm, du? Wo ist da das Problem?“

„Naja, Schwule stehen auf Männer!“, bemerkte Chris weise und wirkte leicht verblüfft. Vermutlich hatte er nicht mit der Reaktion des Neuen gerechnet, hey, ich hatte was mit Chris gemeinsam!

„Dann musst du dir ja keine Sorgen machen“, sagte Leon grinsend und kratzte sich dabei am Hinterkopf. Das sah irgendwie verdammt süß aus, so unschuldig, unwissend, kindlich.

Chris sah Leon entgeistert an. Nach einigen Sekunden brachte er ein: „Schwul oder was?“, aus seinem Mund hervor. Leon lächelte weiter und antwortete, ohne mit der Wimper zu zucken: „Ja, aber wie gesagt, du musst dir höchstens Sorgen machen, dass ich nem Mädchen wie dir die Typen ausspanne. Wobei…“, er überlegte kurz, „dein Geschmack dürfte nicht der beste sein.“

Ich starrte nur noch mit leerem Blick in die Runde und realisierte das Wortgefecht der beiden eigentlich gar nicht mehr. Seitdem Leon gesagt hatte, dass er schwul sei, hatte bei mir alles ausgesetzt. Wie konnte er nur so offen damit umgehen? Alles was man sagt, kann und wird irgendwann gegen einen verwendet. Deshalb hielt ich es für besser nichts zu sagen.

Aber was sollte ich auch sagen, begann ich zu grübeln. Ich hatte nichts zu erzählen. Keine spannende Lebensgeschichte, keine interessanten Hobbys und keine besonderen Fähigkeiten. Und wem hätte ich was erzählen sollen? Ich lebte einfach vor mich hin, hoffte, dass der nächste Tag nicht der schlimmste sein würde, dass ich ihn heil überstehen würde und dass irgendwann ein Wunder geschehen würde, das mich aus dieser ewigen Wiederholung befreite. Dabei wusste ich eigentlich, dass ich es war, der was tun musste, aber was? Sollte ich auf die Leute zugehen, die mir das Leben zur Hölle machten und mich nicht so akzeptierten wie ich war?

Ich musste wohl ziemlich lange nachgedacht haben, denn plötzlich standen alle um mich herum auf, nahmen ihre Taschen und begannen den typischen Wettlauf zur Tür. Was bringt es diesen Leuten, als erstes die Klasse zu verlassen und dabei andere aus dem Weg zu rammen? Selbst wenn sie vielleicht einige Minuten früher draußen waren als andere, investierten sie diese Zeit doch nicht in ihre Ziele und Träume.

So packte ich in aller Ruhe meine Sachen in die Tasche und bemerkte gar nicht, dass Leon auch noch da war. Er saß ruhig auf dem Platz neben mir. Er wirkte so, als würde er auf etwas oder jemanden warten. Ich wollte gerade aufstehen, da packte er mich am Arm. Ich zuckte zusammen und griff nach der Hand, die mich soeben gepackt hatte. Ich blickte wieder in diese Augen, die in einem Grün strahlten, das einfach magisch auf mich wirkte. Doch dieses Mal wirkten seine Augen ernst, furchteinflößend ernst.

„Wie hältst du das aus?“, fragte Leon ohne Vorwarnung gerade heraus. „Willst du, dass das immer so weiter geht? Dass du hier als soziales Wrack die Schule verlässt? Und später kaum noch ne Ahnung von Menschen hast?“, fuhr Leon mit einem kurzen Zögern fort. Sein Gesicht wirkte leicht verzweifelt, was mich etwas verwunderte. Ich meine, er kannte mich nicht. Das einzige, was er über mich wusste, war das, was er eben von Chris erfahren und vielleicht selbst beobachtet hatte. Ich sah Leon an und antwortete in meiner Ahnungslosigkeit ziemlich stumpf: „Was geht dich das an, ich kenn dich doch gar nicht, also ist es nicht dein Problem.“ Leon runzelte die Stirn, atmete tief ein und antwortete: „Das geht mich sehr wohl etwas an, denn da wir beide schwul sind, werden die von dir auf mich schließen und ich habe nicht vor, darunter zu leiden. Außerdem kann ich es einfach nicht mit ansehen, wenn Leute wie du, die bestimmt viel mehr können als zu schweigen, einfach nur dasitzen und ihr Leben vorbeiziehen zu lassen.“ Während Leon das sagte, wurde seine Stimme immer emotionaler. So schaffte er es, dass ich mich schuldig fühlte. Schuldig dafür, dass keiner ihn beim Verlassen des Raumes irgendetwas gefragt hatte. Ich sah ihm weiter in seine Augen und sagte dann leise, aber verdammt ernst gemeint: „Sorry. Ich weiß nur nicht, was ich dagegen machen kann. Ich meine, warum sollte ich auf die Leute zugehen, die mich nicht wollen?“ Während ich das sagte, betrat plötzlich Jessica den Raum. Sie bemerkte uns erst gar nicht, doch unsere Blicke verfolgten sie. Als sie uns dann doch erblickte, schien sie überrascht, dass noch jemand im Klassenzimmer war. Es dauerte nicht lange, bis ihr Blick auf meinen Arm fiel, um den sich noch immer Leons Hand klammerte. Sie räusperte sich und sagte dann: „Sorry, ihr zwei, ich wollte nicht stören.“ Dabei lächelte sie uns freundlich zu. Ich hatte noch nie wirklich mit Jessica geredet, sie hatte mich aber meiner Meinung nach auch noch nie wirklich beachtet, weshalb mich ihre Freundlichkeit verwirrte. Ehe ich mich versah, ergriff plötzlich Leon das Wort: „Nein, nein, du störst nicht. Wir haben uns nur unterhalten.“ Er lächelte zurück. Jessica nickte uns noch kurz zu und verließ dann wieder den Raum. Sofort richtete Leon seinen Blick wieder auf mich und sagte: „Du sollst ja auch nicht auf Leute zugehen, die dich beleidigen. Du sollst aber auch nicht gleich denken, dass jeder was gegen dich hat.“ Ich nickte kurz.

Da öffnete sich die Tür noch einmal und ich zuckte unwillkürlich zusammen. Es war Jessica, die noch einmal ihren Kopf durch den Türrahmen steckte und mit ihrer lauten, klaren, fast melodischen Stimme quer durch den Raum fragte: „Habt ihr zwei nicht Lust, was mit uns zu unternehmen? Also mit  mir und ein paar anderen? Wir wollten gleich etwas essen gehen.“

Ich sah Leon verwirrt an, denn ich vermutete eher, dass Jessica eigentlich nur ihn gefragt hatte und nur aus Höflichkeit auch mich mit einbezog. Er erwiderte meinen Blick fragend, als ob er erwartete, dass ich antworten würde, doch als er merkte, dass da nichts kam, übernahm er die Antwort: „Also wenn Eric nichts dagegen hat, würde ich ja sagen.“

Während Leon das sagte, lächelte er wieder auf diese unbeschreiblich schöne Art. Unsere Blickte trafen sich wieder und er fragte leicht fordernd: „Also? Was sagst du dazu Eric? Gehen wir mit?“

Ich wusste, dass Leon so etwas fragen würde und eigentlich wollte ich ja auch etwas mit ihm unternehmen. Ich fühlte mich wohl bei Leon. Er war wie eine Mauer vor mir, an der alles abprallte, was mich verletzen würde. Ich war ihm schon jetzt unendlich dankbar dafür. „Hey! Nicht träumen“, sagte Leon und riss mich mit einem kurzen Armdruck aus meinen Gedanken. „Ähhh…ja, gerne“, stotterte ich. Jessica sagte, fröhlich wie immer: „Okay, dann kommt mal mit, die anderen warten schon.“

Wir folgten Jessica bis ans Schultor. Dort warteten schon zwei Leute aus Jessicas Clique auf uns. Wir gingen gemeinsam durch die Straßen und Leon wich nicht von meiner Seite. Nach einigen Minuten des Schweigens bauten sich sogar normale Gespräche auf. Jessica und ich merkten schnell, dass wir beide ein gemeinsames Hobby hatten. Wir beide tanzen gern. Aus diesem Grund bot sie mir an, sie mal zum Training zu begleiten. Leon hing sich gleich mit rein und wollte plötzlich dabei zusehen, wie Jessica und ich rumhüpfen würden. Während er sich mit einlud, grinste er einmal frech zu Jessica, die darin allem Anschein nach irgendetwas lesen konnte. Für einen kurzen Moment machte sie nämlich große Augen und lächelte dann, während sie Leon freundschaftlich den Ellenbogen in die Seite rammte. Irgendwann kamen wir dann zu einem Asiaimbiss und einigten uns darauf, dort etwas zu essen.

Es dauerte Stunden, bis wir mit dem Essen fertig waren, da alle nur rumalberten und es mehr ein gemeinsamer Lachanfall als ein gemeinsames Essen war. Selbst ich alberte mit rum, ließ mich von Leon füttern, „verschönerte“ Jessicas Frisur mit ein paar Stäbchen und fühlte mich zum ersten Mal wie unter echten Freunden.

Als wir den Imbiss verließen, war es draußen bereits dunkel geworden. Wir beschlossen, dass wir nun besser nachhause gehen sollten. Natürlich wurde erst mal rumgefragt, wer denn wo wohnte, damit man nicht alleine gehen musste. Da war es auch wieder, dieses freundliche, begeisterte Grinsen von Jessica, als sich herausstellte, dass Leon und ich recht nah beieinander wohnten und so gemeinsam nachhause gehen konnten. Sofort sorgte Jessica dafür, dass sich die Situation auflöste und verabschiedete sich schnell mit den anderen beiden von Leon und mir.

Die Straßen waren wie leergefegt, so dass Leon und ich ganz allein waren. Eine warme Sommerbriese hauchte durch die Straßen und ließ die ganze Situation so vertraut und sicher wirken. Zwar sagten Leon und ich auf den ersten Metern gar nichts, trotzdem kam es mir so vor, als würden wir immer enger Seite an Seite gehen. Irgendwann drückten unsere Schultern gegeneinander und wir begannen leichte Schlangenlinien zu laufen, das war so komisch, dass wir lächeln mussten,

doch trotzdem blieb es still zwischen uns, was mir irgendwie leicht peinlich war.

Ich hatte Angst, dass Leon denken würde, dass ich ihn nicht mag oder, dass wir keine gemeinsamen Gesprächsthemen finden können. Nach einiger Zeit und vielen unausgesprochenen Worten erreichten wir die kleine T-Kreuzung, an der mein Zuhause steht. Ich wollte gerade sagen, dass ich dort wohnen würde, da sagte Leon: „So hier muss ich jetzt nach rechts.“ Ich nickte mit einem Lächeln auf den Lippen: „Okay, dann Tschüss. Danke für den tollen Tag.“ Erst als ich fertig gesprochen hatte, fiel mir auf, dass Leons Blick auf den Boden gerichtet war und er plötzlich gar nicht mehr so stark, nein sogar schüchtern wirkte. Ich sah zu ihm auf.  Wollte ihn fragen, ob etwas nicht stimmen würde, da küsste Leon mich plötzlich auf die Stirn und nahm mich in den Arm. Ein angenehmes Kribbeln verbreitete sich in meinem Körper. „Pass auf dich auf, Kleiner“, sagte Leon leise und vergrub seinen Kopf in meinen Haaren. „Wenn was ist, bin ich für dich da.“

Ich genoss die Wärme seines Körpers. Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl. Einerseits war es das Gefühl, dass ich Leon sehr mochte, ihm dankbar war und er für mich an nur einem Tag verdammt wichtig geworden war. Andererseits war es auch das Gefühl, dass jemand für mich da war, jemand mich mochte und mich beschützen wollte. Ohne es wirklich zu steuern, erwiderte ich die Umarmung und vergrub meinen Kopf in Leons Nacken. Ich umarmte ihn fest, aber auch nur so fest, dass es nicht unangenehm wurde. Nach einer gefühlten Ewigkeit, die aber doch viel zu kurz war, lösten wir die Umarmung wieder. „Dann bis morgen“, sagte ich und Leon antwortete: „Okay, wir treffen uns hier um 7:40 Uhr, damit wir zusammen gehen können. Einverstanden?“ Ich nickte noch einmal stumm, sah Leon kurz in seine atemberaubenden Augen und umarmte ihn noch einmal kurz, ehe ich ihn gehen ließ. In dieser Nacht schlief ich besser als je zuvor und ich träumte das erste Mal von meinem eigenen Leben und nicht von einem anderen, das ich gerne hätte.

 

2

Zwei Monate waren vergangen, seit ich Leon kennengelernt hatte.

Der angenehm warme August war zu einem unerträglich heißen September geworden und ich verbrachte jede freie Minute mit Jessica beim Tanzen oder mit Leon, bei dem ich auch einige Male zu Besuch war. In der Schule warf man mir und Leon inzwischen sogar vor, dass wir ein Paar seien, was ich aber recht deutlich verneinte.

Zwar wurde ich nicht mehr so oft von meinen Mitschülern fertig gemacht, allerdings traute ich mich immer noch nicht, irgendein Wort über meine Lippen zu bringen, wenn Leon nicht als Stütze dabei war.  Ich hatte in der letzten Zeit eine verdammt starke Bindung zu Leon aufgebaut, Jessica meinte, ich hätte mich verliebt. Das verwirrte mich dann doch sehr. Ich war noch nie wirklich verliebt gewesen und konnte deshalb auch nur vermuten, dass es vielleicht so war. Sicher war ich mir allerdings bei der Tatsache, dass ich mich nur in einen Jungen verlieben konnte. Zwar konnten Frauen Schönheit recht gut verkörpern, nur fehlte mir die Sicherheit, die Geborgenheit und auch ganz einfach die Attraktivität.

Trotz meiner Unsicherheit in Bezug auf Leon schien Jessica sehr überzeugt von ihrer Meinung und versuchte so bei jeder Gelegenheit, mit Anspielungen mir und Leon einen Schubs zu geben.

An diesem Tag hing eine erdrückende Hitze über der Stadt. Die Pause war in wenigen Minuten vorbei, bald sollte die nächste Stunde anfangen und ich saß noch allein auf meinem gewohnten Platz in der Klasse. Das Notfenster war geöffnet, damit die Luft nicht stillstand und durch das offene Fenster drang der Lärm spielender Kinder hinein. Während ich noch einige Hausaufgaben erledigte, kamen nach und nach immer mehr meiner Klassenkameraden in den Raum getrottet. Sie wirkten alle total verschlafen, obwohl es schon fast zwölf Uhr war. Einige meiner Klassenkameraden begrüßten mich sogar wie einen normalen Mitschüler. Sie winkten mir kurz zu, lächelten oder brachten sogar ein einfaches „Hi“ über ihre Lippen. All das hatte ich Leon zu verdanken, doch irgendwie machte ich mir langsam Sorgen um ihn.

Es klingelte zum Stundenbeginn und weder er noch Jessica waren da. Normalerweise sagten Jessica und Leon mir Bescheid, wenn sie zu spät kamen. Die zwei waren gleich zu Beginn der Pause nach draußen gegangen, um etwas zu besprechen. Da Jessica mir nicht sagen wollte was es war, vermutete ich, dass es wieder einer ihrer Kuppelversuche war. Später bekam ich dann noch eine SMS von Leon, in der er wissen wollte, ob er mir was aus dem Supermarkt mitbringen solle. Von da an hatte ich nichts mehr von ihnen gehört.

Was war, wenn die beiden einen Unfall hatten und nun im Krankenhaus lagen? Oder was war, wenn Leon und Jessica überfallen worden waren? Nervös tippte ich eine SMS, doch es kam keine Antwort. Sie kommen einfach nur zu spät und die Akkus ihrer Handys sind alle, das wird es sein…oder? Ich sah immer wieder zur Tür, doch dort tat sich nichts. Kein Lehrer, keine Jessica und auch kein Leon. Nervös spielte ich mit dem Kugelschreiber zwischen meinen Fingern. Die Zeit schien still zu stehen. Der Sekundenzeiger meiner Uhr bewegte sich auf der Stelle. Meine Mitschüler um mich herum redeten miteinander und wirkten kein bisschen angespannt. Nein, sie waren glücklich, dass die Lehrerin noch nicht da war und sie nicht zuhören mussten, wie irgendjemand Zeugs erzählte, das später kaum jemand brauchen würde. Ich sah wieder auf die Uhr, noch immer war nicht mal eine Minute vergangen und ich wusste nicht, wie lange ich das noch aushalten würde. Ich wollte losrennen. Doch ich kam mir vor wie festgefroren. Jede Bewegung würde den anderen wieder Angriffsfläche bieten, etwas, über das sie lachen und lästern konnten. Jedes Wort, das ich sagen könnte, würde ihnen einen Grund geben, mich als anormal abzustempeln. So blieb ich verzweifelt sitzen. Ich war allein. Kein Leon, der sich vor mich stellen und den Beleidigungen anderer trotzen konnte. Ich war so allein wie in der Zeit, bevor Leon in die Klasse kam.

Plötzlich hörte ich schnelle Schritte auf dem Korridor vor dem Klassenraum. Es waren die Schritte eines Schülers. Er rannte. Ich hörte seinen Atem, sein Keuchen, seine immer lauter werdenden Schritte. Total erschöpft erreichte er die Tür. Es war Chris. Er sah stolz aus auf das, was er uns in dem Moment verkündete. Keuchend sagte Chris mit lauter Stimme in den Raum hinein: „Leute! Dieser Dreckshomo Leon wird gerade draußen zusammengeschlagen!“

Der Satz überrumpelte meine Gedanken wie eine Lawine einen Skifahrer. Leon, der Mensch, den ich für unantastbar, allem überlegen und unfehlbar hielt, wurde grade verprügelt. Warum? Was hatte er getan? Wehrte er sich nicht gegen die, die ihm das grade antaten? Bevor ich weiter nachdenken konnte, war ich aufgestanden und schnellen Schrittes zur Tür gegangen, doch dort versperrte mir Chris den Weg. „Na? Möchte die Prinzessin ihrem Ritter zur Hilfe eilen?“, fragte er mit einer gespielt kindischen Stimme.

Mir standen inzwischen die Tränen in den Augen. Dieser Junge machte mich fertig und ich ließ mir das gefallen, während drei Etagen weiter unten die wichtigste Person in meinem Leben zusammengeschlagen wurde. Für einen kurzen Moment hatte ich schon aufgegeben, doch dann packte ich Chris an der Schulter und drückte ihn zur Seite. Wortlos ging ich an ihm vorbei und rannte den Korridor zu den Treppen hinunter. Dort kam mir Frau Kim entgegen und rief mir verdattert hinterher: „Geht es Ihnen nicht gut? Soll ich einen Arzt rufen?“ Doch ich überhörte sie einfach. Meine Gedanken waren bei Leon. Ich sprang die Treppen beinahe herunter. Warum verprügelte jemand Leon? Er war zwar manchmal etwas provokant, aber er wusste, wann er aufhören musste, um keinen Schaden davonzutragen. Mein Puls raste immer schneller. Ich hatte Angst. Ich wusste nicht, was ich machen sollte, wenn ich auf dem Schulhof ankommen würde, doch schon fand ich mich im Eingangsbereich wieder. Ich hörte grölende Schüler und ich hörte Jessicas verzweifelte Stimme. „Hört auf! Bitte! Lasst ihn in Ruhe! Was hat er euch getan?“, konnte ich Jessica rufen hören. Ich war jetzt auf dem Schulhof und drängelte mich durch den Kreis von Schülern, in dessen Zentrum offensichtlich so etwas wie eine Prügelei stattfand. Was ich vorfand, als ich die erste Reihe durchbrach, trieb mir endgültig die Tränen ins Gesicht. In der Mitte einer relativ großen und freien Fläche standen zwei dieser Fitness-Junkies und zwischen ihnen stand Leon. Die zwei Typen hatten ihn an den Schultern gepackt und hielten ihn fest. Ein dritter dieser Schränke schlug immer wieder auf ihn ein. Ihm lief schon das Blut aus der Nase und auf seiner Stirn klaffte eine Wunde. Auf der anderen Seite des Kreises sah ich Jessica. Sie kniete weinend auf dem Boden und wiederholte nur noch ganz leise und kraftlos ihre Bitten nach einem Ende der Zurschaustellung Leons. Leon entdeckte mich und sah mir direkt in die Augen. Sein Blick sagte mir, dass er nicht wollte, dass ich ihn so sah. Doch leider war es nun so. Auch Jessica bemerkte nun meine Anwesenheit, stand zittrig auf und lief mit unsicheren Schritten zu mir herüber. „Sie haben ihn einfach geschnappt und damit angefangen“, sagte sie schluchzend. Mich überkam immer stärker der Drang Leon, meinen Leon zu verteidigen, ihm zu helfen. Er wirkte so hilflos, wie ich ihn noch nie gesehen hatte. Ich ging einen Schritt auf ihn zu und sofort merkte ich, wie Jessicas Hand auf meiner Schulter lag und mich davon abhalten wollte. „Eric! Lass das!“, sagte sie und auch Leon schüttelte den Kopf. Ich ignorierte beides und ging weiter auf Leon und die Schränke zu. Zwar hatte die Angst mich noch immer umklammert, doch der Drang, Leon zu helfen und ihm sagen zu können, wie wichtig er für mich war, überstieg diese Angst inzwischen.

Schneller, als ich es wollte, stand ich hinter dem Schrank, der immer wieder seine Hand gegen Leon erhob. Seine beiden Anhängsel machten ihn auf mich aufmerksam und er drehte sich um.

Ich war tot. Allein der Blick dieses Typens ließ mich um mindestens einen Meter schrumpfen. Er hätte mich mit seinen bloßen Füßen zerquetschen können.

Trotzdem sprach ich ihn an, das heißt, meine Stimme fing plötzlich an.

„Was macht ihr da?“, hörte ich mich selbst.

Der Typ glotzte verdattert und fragte zurück: „Wie, was machen wir hier?“

„Welche Tätigkeit übt ihr hier grade aus?“, formte ich meine Frage um. Das Ganze sagte ich in einem Ton, in dem man sonst nur mit Kleinkindern sprach.

„Werd hier mal nicht frech, Kleiner! Willst du auch sterben oder hast du keine Hobbys, ey?“, entgegnete mir einer der Typen, die Leon festhielten. Ich sah zu Leon und merkte, dass sein Blick inzwischen da lag, wo ich gefühlsmäßig war. Irgendwo zwischen Verzweiflung und Angst.

„Könnt ihr nicht einfach meine Fragte beantworten?“, fragte ich mit nachdrücklicher Stimme, während meine Knie immer wackeliger wurden.

„Leute isch schwör ey, der Lauch will sterben“, sagte der „Anführer“ des Trios und genau in dem Moment geschah eine Art Wunder. Die Typen, die Leon bisher festhielten, fixierten sich nun so auf mich, dass sie ihn einfach losließen. Er blickte zuerst total perplex in die Runde, schaltete dann aber blitzschnell. Leon rannte auf mich zu, packte mich am Arm und zog mich hinter sich her. Beinahe wäre ich über meine eigenen Füße gestolpert. Wir rannten durch die Menge und ließen die drei total verwirrten Schränke zurück. Erst am Schultor, weit ab von den Massen, hielt Leon an.

Meine Lungen fühlten sich an, als wenn eiskalte Luft in sie hineingepresst wurde, und ich zitterte am ganzen Körper. Ohne ein Wort zu sagen, schloss Leon mich fest in die Arme. Ich wusste nicht weshalb, aber die ganze Verzweiflung überkam mich plötzlich und Tränen rollten über meine Wangen. Leon hätte im Krankenhaus landen können oder schlimmeres. Ich schloss meine Arme enger um ihn. Diese Wärme und das Gefühl, das er mir gab, halfen gegen die Verzweiflung. Es war das Gefühl, jemanden zu haben, der da war, wenn ich ihn brauche. Jemand, der sich meine Probleme nicht nur anhört, sondern mir hilft, sie zu lösen. Jemand zu haben, den ich liebe. Bei diesem Gedanken zuckte ich zusammen. Ich hatte grade das gedacht, was ich bisher immer verdrängt hatte.

Ich hatte Panik vor dem Moment, an dem Leon herausfinden würde, dass ich ihn liebte. Was, wenn er nicht so fühlte wie ich? Wie würde er damit umgehen? Für ihn war ich doch nur wie ein kleiner Bruder, den es zu beschützen galt. Kein potenzieller fester Freund.

„Ich hatte solche Angst um dich, Kleiner“, murmelte er in diesem Moment in meine Gedankengänge hinein. Dieser Satz bestätigte nur das, was ich eben gedacht hatte…na toll.

Irgendwann lösten Leon und ich die Umarmung. Mein Gesicht musste von den ganzen Tränen total rot gewesen sein. Zum Glück sagte Leon nichts, sondern wuschelte mir nur einmal kurz durch meine eh schon total zerstörte Frisur. Nun standen wir da und sagten nichts. Leon blickte mir die ganze Zeit in die Augen, doch ich versuchte seinem Blick auszuweichen. Die Stille kam mir falsch vor. Sie musste nicht da sein, aber sie war es. Nach einiger Zeit des Schweigens machte Leon einen Schritt in Richtung des Schultores. In der Stille hörte sich dieser Schritt an wie der Einschlag eines Meteoriten. Wieder sah Leon mich an und ich blickte fragend zurück, da wir eigentlich noch Unterricht hatten.

„Ich will da nicht hin“, beantwortete Leon meinen fragenden Blick und ging einen Schritt weiter. Er sah wieder zu mir und fragte: „Kommst du mit? Zu mir?“

Trotz eines flauen Gefühls in der Magengegend nickte ich und ging Leon nach. Vermutlich war das Ganze zu viel für Leon gewesen, und er brauchte nun etwas Ruhe, was ich durchaus verstehen konnte.

Nach einem kurzen Fußmarsch erreichten wir das Haus von Leons Eltern, die noch arbeiten waren. Leon schloss die Tür auf und wir traten ein. Ohne Worte legte ich meine Schulsachen ab und ging in Leons Zimmer. Ich mochte diesen Raum. Er war nicht zu groß und man hatte durchs Fenster einen tollen Blick auf den Garten. Ich setzte mich auf Leons Bett, wie ich es immer tat, wenn ich nicht wusste, was ich sonst machen sollte und starrte Löcher in die Luft. Das alles musste Leon verdammt komisch vorgekommen sein, da ich normalerweise doch recht energiegeladen war, wenn ich bei ihm zu Besuch war. So setzte dieser sich neben mich, legte seinen Arm auf meine Schultern und fragte beinahe schüchtern: „Hey, was ist los? Du bist so…“, er überlegte kurz, „so ruhig. Und du weichst mir aus.“

Das mit dem Ausweichen sagte Leon so vorwurfsvoll, dass ich gar nicht anders konnte, als meinen Blick zu senken und schuldbewusst auf meine Knie zu starren. Ich spürte ein leichtes Drücken an meiner Schulter. „Hey, nun sag schon.“

Ich musste etwas sagen, um kein erneutes Anschweigen zu riskieren, doch ich hatte solche Angst vor der Wahrheit. Ich kniff die Augen zusammen und begann zu stammeln: „Ähhh…du Leon…ich…ich hab totale Angst, dir das zu sagen, aber…“, ich holte noch einmal tief Luft und ließ meinen Kopf zur Seite auf Leons Knie fallen. „Ich liebe Dich.“ So, nun war es raus und mein Gesicht wurde schlagartig total warm. Das konnte nur bedeuten, dass ich mal wieder in einem schönen dunklen Rotton erstrahlte. Ich wusste nicht, an was ich denken sollte. Mein ganzer Körper wartete eigentlich nur angespannt auf die Reaktion von Leon.

Er hob mich sachte an den Schultern an und drehte mich so, dass ich ihm direkt in die Augen gesehen hätte, wenn mein Kopf nicht so gesenkt gewesen wäre. Dann passierte nichts. Ich konnte meinen und den Atem von Leon hören. Nur aus Neugier richtete ich meinen Blick ein wenig auf und sah in die zwei schönsten grünen Augen des Universums. Auf Leons Lippen hatte sich ein Lächeln gelegt, ein glückliches Lächeln. Er legte seine Arme über meine beiden Schultern und plötzlich kam er näher. Irgendwann spürte ich seinen Atem auf meinen Lippen. Leon verschränkte seine Arme hinter meinem Rücken, so dass es keinen Ausweg mehr für mich gab. Hätte es einen gegeben, dann hätte ich ihn aber eh nicht nutzen können, da mich die Aufregung gelähmt hatte. Wieder strich Leons Atem sanft über meine Lippen und während ich kurz vorm totalen Zusammenbruch stand, hauchte Leon zärtlich ein: „Ich dich auch Kleiner“, über seine Lippen. Danach spürte ich nur noch seine weichen Lippen auf den meinen. In meinem ganzen Körper kribbelte es und ich hatte das Gefühl, der glücklichste Mensch auf dieser Welt zu sein. Ich legte meine Arme ebenfalls um Leon und erwiderte den Kuss zärtlich. Er schmeckte nach Frühling. Süß, warm und wie ein Regen aus Blütenblättern.

 

Es mag Menschen geben, die herabblicken und nach anderen Menschen suchen. Zu ihrer Verwunderung werden sie keine anderen Menschen finden, denn sie sehen in die falsche Richtung. Menschen, die unter sich andere suchen, um auf ihnen herum zu trampeln, sollten ihren Blick nach oben richten, denn dort finden sie die Personen, die sie suchen.

Oft sind die Schwächsten die, die am stärksten sind. Und wenn ihnen ein Freund zu Hilfe eilt, erreichen sie oft viel mehr, als man ihnen jemals zugetraut hätte.