shadow

Karen und Jim

von Juliana Puello Valdelamar

Karen trinkt ihren Orangensaft, zuckt ein wenig zurück, die Lippe brennt. Die offene Wunde von dem Stoß gestern ist kaum verheilt. Sie bereitet den Frühstückstisch vor, streicht ihre roten Haare zurück und fängt an, in der Zeitung zu blättern.

Jim ist noch unter der Dusche, er braucht immer so ewig lange. Er muss sich heute unbedingt mit Lilli treffen, sie sah auf den Bildern so toll aus, sie erscheint ihm einfach perfekt. Jim steigt aus der Dusche, betrachtet sich im Spiegel, entfernt alle seine Mitesser und streicht seine Hand durch die drei Zentimeter langen, schwarzen, nassen Haare. Er scheint ungewöhnlich nervös und erstaunlich ausgeputzt zu sein für seine Verhältnisse. Wie soll er das Karen nur beibringen, eigentlich sind sie zum Abendessen verabredet, aber er muss sich unbedingt heute mit Lilli treffen, nur heute ist noch Zeit. Bis zum 2. Juli will er Lilli bei sich haben. Jim kann es Karen noch nicht sagen, erst in zwei Tagen, am 2. Juli, wenn Lilli bei ihm ist, kann er das. Jim setzt sich zu seiner Frau an den Tisch und versucht so wenig wie möglich zu reden, um sich nicht zu verplappern.

In letzter Zeit fühlt Karen sich alleingelassen, es erscheint ihr immer weniger wie früher. Jim ist nicht mehr derselbe. Sie sind seit fast acht Jahren verheiratet. Sie fragt sich, warum er nicht mit ihr spricht. Sie ist doch für ihn da, Jim kann ihr alles erzählen. Karen beschließt, dass es an der Zeit ist, die Karten auf den Tisch zu legen. Es ist wichtig, da die kleine Marie morgen von ihrem Besuch bei ihren Großeltern zurückkehrt. Marie ist Jim und Karens älteste Tochter und für ihre acht Jahre ein äußerst talentiertes Mädchen. Der kleine Ray ist gerade sechs geworden und hat bei der Tante eine Woche Ferien gemacht.

Jim und Karen sitzen schweigend am Esstisch, die peinliche Stille wirkt fast schaurig. Karen kratzt sich mit dem Zeigefinger an der Stirn, so als würde sie mit ihrer Geduld am Ende sein.

Karen: „Jim, was ist los? In letzter Zeit sagst du gar nichts mehr, ich bin doch für dich da!“

Jim: „Karen es tut mir Leid, ich habe so viel Stress bei der Arbeit. Ich stehe in letzter Zeit etwas neben mir.“

Karen: „Aber wieso arbeitest du denn noch für diese Menschen? Das ist doch Ausbeutung, du bist auch kaum zu Hause bei deiner Familie.“

Jim: „Ich weiß, das tut mir auch leid, aber ohne diese Arbeit könnte ich euch nicht das bieten, was ihr habt. Das ist das einzige, was ich kann. Ich verspreche dir, nach diesem Projekt nehme ich mir frei.“

Karen: „Bist du sicher?“

Jim: „Ja!“

Karen: „In Ordnung, ich muss jetzt los. Morgen bist du aber um drei hier, Marie kommt nach Hause.“

Er hat Karen dummerweise nicht gesagt, dass er da nicht kann, da er noch einige sehr wichtige Besorgungen für die süße Lilli machen muss.

Jim: „Liebling?“

Sie dreht sich auf dem Weg zur Tür um, die Jacke bereits über einen Arm gezogen, die Tasche schräg über die Brust gehängt und sieht ihn an.

Jim: „Ich kann heute Abend nicht zu unserem Abendessen…“

Ihr Blick ähnelt dem eines Stieres, der ein rotes Tuch vor sich winken sieht. Es sieht aus, als wolle Karen ihm sagen, er sei für sie gestorben. So ein Mist, denkt sich Jim, das hat er natürlich total vergessen. Er wird leider nicht da sein.

Jim: „… und es ist leider auch unmöglich für mich zu schaffen, morgen um drei zu Hause zu sein…“

Sie unterbricht ihn.

Karen: „Jim, was soll das heißen? Ich kann auch nicht immer alles machen! Du lässt mich ständig hängen. Vergiss es, ich mach das alleine!“

Jim: „Ehrlich, mein Chef hat kurzfristig eine Konferenz für morgen geplant…“

Puff! Und die Tür ist zu.

Karen sorgt sich sehr um ihre Ehe. War es möglich, dass Jim sich mit seiner Sekretärin traf? Lügt er sie die ganze Zeit an? Es ist beängstigend, solche Gedanken zu haben. Was wird sie ihren Kindern sagen? Andererseits weiß Karen, dass sie in letzter Zeit sehr wenig Zeit für ihn hatte. Abends ist sie erschöpft von der Arbeit zuhause, wie auch der Arbeit im Büro. Karen beschließt, ihn zu überraschen. Sie trifft sich am Abend mit ihrer besten Freundin um sich etwas Schönes für ihren Mann zu kaufen. Mit Lara zusammen versuchen beide, indem sie von Boutique zu Boutique bummeln, etwas zu finden, das Karens Reize zur Geltung bringt. Als vernünftige Ehefrau und Unerfahrene in Sachen Bettgeschichten lässt sie sich von Lara gut beraten. Zuhause angekommen, bereitet sie alles für Jims Ankunft vor. Auf dem Tisch steht die Sahneschüssel mit den Erdbeeren. Die essbare Schokolade aus dem seltsamen Erotikgeschäft steht ebenfalls in Schussweite, wie auf der Verpackung beschrieben. Alles wurde gut bedacht mit Rosenblättern ausgelegt. Sie versucht zitternd die perfekte Stellung zu finden.

Jim steht bereits vor der Tür und hofft darauf, dass Karen schon schläft, um ihr nicht erzählen zu müssen wie sein Tag war. Dummerweise hat er sich nämlich noch keine Geschichte einfallen lassen. Außerdem ist er sehr müde, da sein Nachmittag mit Lilli besonders anstrengend war, das könnte dazu führen, dass er sich verrät. Er öffnet die Tür. Das Wohnzimmer ist in einem gemütlichen Licht abgedunkelt und Musik geht plötzlich los. Jim legt seine Sachen ab und sucht nach Karen, der Gedanke überkommt ihn, er sei in der falschen Wohnung. Sein Herz setzt aus, als Jim seine Frau in einer schmerzhaft aussehenden Haltung auf dem Tisch liegen sieht.

Plötzlich sagt sie zu Jim, in einer Stimme, die er noch nie zuvor von ihr gehört hat: „Hallo mein Schoko-Bär, möchtest du ein paar Vitamine?“ Karen zwinkert ihm angestrengt zu, wobei abwechselnd beide Augen zugehen. „Ihre Ladung Erdbeeren ist da“, fügt sie hinzu und wartet auf seine Reaktion. Er glaubt diesen Satz schon zu kennen, aus einer ziemlich schlechten Werbung für Süßigkeiten.

Jim: „Hey ist alles in Ordnung?“

Karen berührt ihren Ehemann an Schultern und Brust bis runter zu seinem Gürtel, um ihn auf Knien zu öffnen.

Karen: „Du warst heute ein ganz böser Junge. Zu spät nach Hause kommen wird mit Erdbeeren und Schokolade bestraft.“

Jim ist sich noch nicht ganz sicher, was das werden soll oder ob er sich darauf einlassen soll. Er hat seine Frau noch nie so erlebt. Jim will es eigentlich genießen, jedoch macht er sich Sorgen, Karens Verhalten ist alles andere als gewöhnlich. Er zerrt erst leicht und dann etwas fester an ihrer Schulter.

Jim: „Hey Kerrie? Warum tust du das? So bist du doch nicht. Es ist zwar toll, aber ich will wissen, ob du dich wohl fühlst.“

Bevor Karen antworten kann, verliert sie ihr Gleichgewicht, hält sich an dem Gürtel fest und zieht beide samt Erdbeeren auf den Fußboden. Sie zittert am ganzen Körper, entschuldigt sich mit zitternder Stimme und nimmt Jim in den Arm.

Karen: „Ich wollte dich überraschen und ein bisschen verwöhnen, weil ich doch abends immer so müde bin.“

Karen hält es nicht mehr aus, sie bricht zusammen und ihr kommen die Tränen. Sie erklärt ihm, was sie befürchtet und dass sie Angst hat, ihre Ehe würde zerbrechen. Sie schildert ihm ihre Vermutung über seine Sekretärin, die in ihren Augen zu hübsch und zu jung ist. Jim versichert ihr, dass alles in Ordnung ist, seine Sekretärin findet er absolut uninteressant, und er verspricht, sehr bald wird alles wieder wie vorher. Jim schlägt Karen vor, seine Sekretärin in eine andere Abteilung zu schicken oder sie mal einzuladen, um sie besser kennen zu lernen. Karen schmunzelt ein wenig, schämt sich aber zu sehr, als dass sie noch länger mit Jim reden will. Sie räumt noch das entstandene Chaos weg und geht traurig und enttäuscht zu Bett. Jim wird wie bestellt und nicht abgeholt im Wohnzimmer stehen gelassen, er fühlt sich so schlecht, dass er überlegt, es seiner Frau doch schon heute statt morgen Abend zu sagen, lässt es dann aber.

Am nächsten Morgen wacht Karen auf, es ist neun Uhr an einem heißen Juli-Morgen, der zweite genauer gesagt. Sie dreht sich erwartungsvoll um und legt den Arm auf die andere Betthälfte, nichts, keiner da. Verwundert richtet sie sich auf, hinterlassen wurde lediglich eine kleine Notiz mit der Aufschrift „Guten Morgen, tut mir leid, ich musste leider schon weg. Wollte dich nicht wecken. Bis heute abend. Dein Jim“

Karen ist fassungslos. Hat er es etwa vergessen, was ist nur los? Es reicht ihr, sie fährt zu seiner Arbeit, um ihm nachzuspionieren, noch ist Zeit, bevor die Kinder nach Hause kommen.

In Jims Büro angekommen, wird sie ganz herzlich mit einem:„Karen, was machst du denn hier? Alles Liebe zu deinem Geburtstag!“ begrüßt.

Karen: „Danke, eigentlich suche ich Jim, ist er hier?“

Chef: „Nein, nein, der hat sich doch für heute extra frei genommen.“

Karen, um sich nichts anmerken zu lassen: „Ach ja, genau, ha ha, total vergessen, er ist wahrscheinlich nur Brötchen kaufen gegangen.“

Chef verwundert: „Ja, ja, fahr lieber wieder zurück, sonst fängt er noch an, dich zu suchen. Genieß den Tag und lass dich reich beschenken.“

Karen: „Werde ich, danke. Bis dann.“

Sie steigt enttäuscht in ihren Wagen und fährt nach Hause. Wie kann er ihr so etwas nur antun und obendrein auch noch ihren Geburtstag vergessen? Um sich abzulenken, räumt sie auf, um in einer Stunde ihre Kinder zu empfangen.

Die ganze Zeit überlegt Karen, was sie falsch gemacht haben könnte, und was sie Jim sagen wird, wenn er nach Hause kommt.

Die Tante und die Großeltern bleiben noch zum Abendessen und feiern mit der Familie, auch Jim ist zum Essen wieder da. Er tut so, als wäre alles normal und lässt sich nichts anmerken, während Karen ihn den Abend lang nur anfaucht und ihm giftige Blicke zuwirft. Als die Kinder im Bett liegen und die Familie weg ist, räumen Jim und Karen die Küche auf.

Gerade will Jim anfangen, etwas zu sagen, da kommt Karen ihm zuvor.

Karen: „Wo warst du heute den ganzen Tag?“

Jim: „Wie meinst du das? Ich war bei der Arbeit, so wie jeden Tag.“

Karen: „Jim, lüg mich nicht an! Ich frage dich nochmal, wo warst du?“

Jim: „Schatz, was meinst du? Bei der Ar…“

Karen unterbricht ihn: „Ich war heute dort, weil du meinen Geburtstag vergessen hast und wiedermal verschwunden bist, ganz früh am Morgen. Dein Chef sagt, du hast dir extra für MICH frei genommen. Also, wo warst du, bei mir auf jeden Fall nicht!?“

Jim fängt an zu lachen: „Es tut mir so Leid, dass du da durchmusstest, anders ging es nicht. Ich konnte ja nicht ahnen, dass du mir nachspionierst.“

Karen total perplex: „Was soll das, findest du das auch noch witzig? Wie heißt sie?“

Jim: „Ihr Name ist Lilli.“ Er kann sich das Lachen kaum verkneifen.

Karen: „Du Schwein, wie konntest du nur!“

Jim: „Komm bitte mit, ich will dir etwas zeigen.“

Karen: „Jetzt soll ich auch noch mit dir mitkommen, du spinnst ja wohl.“

Jim zieht sie hinter sich her, und sie gibt hartnäckig aber Stück für Stück nach. Der Weg führt in die Garage, zu einem kleinen Karton umwickelt mit einer roten Schleife.

Karen: „Du glaubst wohl ernsthaft, dass mit einem Geschenk alles vergessen ist! Ich werde es nicht öffnen!“

Jim: „ Jemand wird aber sehr traurig sein, wenn du es nicht tust.“

Karen weigert sich weiterhin.

Jim: „Na gut, dann mache ich es auf.“

Karen: „Nein! Das ist immer noch für mich.“

Sie schubst ihren Mann immer noch wütend zur Seite und macht sich langsam aber gewissenhaft an das Öffnen der Schleife. Mit einem Mal fängt die Kiste an, sich zu bewegen. Karen sieht Jim an, er aber beobachtet lediglich mit einem warmen Lächeln auf dem Gesicht ihre Reaktion.

Karens Hand streicht über den Karton, sie öffnet die erste Seite. Alles, was sie sieht, ist ein nasses Handtuch, Zeitungspapier, sie lässt ihren Blick über den Inhalt schweifen. Sie traut ihren Augen nicht, mit einem Mal springt ihr ein zwanzig Zentimeter großer Husky Welpe entgegen. Karen nimmt ihn in den Arm, knuddelt ihn bis zum geht nicht mehr und dreht sich um. Einen kurzen Moment sieht sie Jim an, er ist absolut mit Freude erfüllt. Karen springt ihm mit dem Welpen in die Arme, als sie bemerkt, dass dieser ein Weibchen ist.

Karen: „Ist sie…?“

Jim: „Darf ich vorstellen, das ist Lilli“ und er zeigt auf den Welpen.