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Kein Schiff zu sehen!

von Oliver Eisermann

Es war wieder ein sonniger klarer Tag auf See. Jack stand auf der Brücke des Schiffes. Er mochte die Brücke, auf der er sein Praktikum machte, sehr. Sie war ultramodern und mit der neuesten Computertechnik ausgestattet. Er war bereits seit mehreren Tagen an Bord. Wärend seiner Wache dachte Jack darüber nach, was seitdem passiert war. Es hatte alles damit begonnen, wie er am ersten Tag in seine Kabine gekommen war.

Er hatte damit gerechnet, eine kleine, heruntergekommene Kabine unter der Wasserlinie zu bekommen. Doch seine Kabine war so geräumig, dass ein weiches Bett und ein großes Sofa mit Tisch hineinpassten und man sich immer noch bewegen konnte. Der Raum war eher länglich, an einem Ende befand sich ein viereckiges Fenster, von wo aus man auf das vorbeiziehende Wasser schauen konnte. Dem Fenster gegenüber gab es eine Tür und daneben lag das Badezimmer mit Dusche und WC. Alles in allem eine nett eingerichtete Unterkunft, wo er ungestört schlafen konnte. Wenn da nicht sein ungeliebter Zimmergenosse gewesen wäre.

Er hatte seine Kabine nicht für sich allein, er musste sie mit einem 58-jährigen Seebären teilen. Die Bezeichnung Seebär musste man wörtlich nehmen, denn der Mann war behaart, ungepflegt und grob in seiner Art, wie er mit anderen umging. Sein Name war Klaus. Jack konnte ihn vom ersten Augenblick an nicht leiden, doch zeigte er das nicht, da er gelernt hatte, immer freundlich zu Fremden zu sein, egal, ob er sie mochte oder nicht. Doch diese erzwungene Nettigkeit konnte ihm bald zu anstrengend werden, das fühlte er schon am ersten Tag der Begegnung.

Er hatte schon etwas Bange vor der ersten Nacht in einer Kabine mit Klaus. Jack Bieber war ein kleiner und schlanker Mensch. Es fehlte ihm an Muskeln, wodurch er eher filigran wirkte. Er war ein typischer Büromensch, Sport war für ihn schon immer etwas Unnötiges gewesen. Mit seinen Eltern und seinen zwei Brüdern Justin und Hannes war er im Hamburger Norden aufgewachsen. Seine Brüder waren jünger, doch schon immer stärker als er gewesen. Das hatte zur Folge, dass er von ihnen benachteiligt wurde. Mit seinen Klassenkameraden in der Schule war das genauso. Jack Bieber war nicht dumm, im Gegenteil, er war einer der Besten in seiner Klasse, doch wurde er von seinen Freunden nie richtig anerkannt. Er hatte das Glück in Hamburg aufzuwachsen, und nicht in Bayern, denn Schiffe waren für ihn schon immer etwas Faszinierendes. Als er mit der Schule fertig war, und es um die Berufswahl ging, entschied er sich, einen Beruf auf einem Schiff zu ergreifen. Vor dem Studium musste er ein halbes Jahr Praktikum auf einem Schiff machen, und das hatte nun begonnen.

Am ersten Tag war er früh morgens mit der neuen Crew an Bord gekommen. Er hatte gedacht, er würde gleich vom Kapitän begrüßt, der ihm dann ganz genau erklärte, wie alles an Bord abläuft. Doch in Wirklichkeit wusste man nicht einmal, dass er hier ein Praktikum machen sollte. Der Kapitän hatte auch gar keine Zeit, mit ihm zu sprechen. Er war nicht so freundlich, wie Jack sich erhofft hatte und ließ Jack nur wissen, dass er sich am nächsten Morgen sehr früh bei ihm melden sollte.

Zum Glück hatte Jack seine Kabine schon an Land zugewiesen bekommen, ebenso den Code für die Türen zum Crewbereich.

Da es noch nicht spät war, machte er sich auf den Weg, das Schiff zu erkunden. Schon nach wenigen Schritten wurde ihm kalt und er ging zurück, um seine Jacke zu holen. Als er in seine Kabine kam, hörte er, dass Klaus duschte. Als Jack einen kurzen Blick auf sein Bett warf, bekam er einen Schreck. Dort lagen Klaus dreckige Arbeitsklamotten, seine gelbe Warnweste, die eher grau aussah und seine Hose, welche normalerweise auch gelb gewesen wäre. Der Dreck fiel schon bei bloßer Berührung auf Jacks Bett. Die Klamotten hatten sein ehemals weißes Bett in eine graue Wüste verwandelt, man konnte beim Hochheben der Kleidungsstücke immer noch den staubigen Abdruck sehen. Jack wurde wütend, doch sein Inneres sagte ihm, er solle höflich bleiben und sich nicht gegen ältere Personen auflehnen, den Respekt vor ihnen bewahren. Um sich nicht am ersten Tag gleich über alles aufzu-regen, verließ Jack die Kabine und begann seine Erkundungstour durchs Schiff. Er passierte den Crewbereich und stieg im Treppen-haus hinunter zum Passagierbereich.

Man konnte förmlich den Urlaub spüren, den andere hier ver-brachten. Auf dem Weg durch das Schiff traf er auf drei ältere Frauen, die gerade auf dem Weg zum Abendessen ins Restaurant waren. Sie grüßten Jack übertrieben freundlich. Er hörte sie sagen:

„Das ist aber ein junger Kapitän, den wir haben, hoffentlich hat er alles unter Kontrolle.“

Dessen ungeachtet war Jack schon auf dem Weg sich den Maschinenraum anzugucken. Als er die große Stahltür öffnete, die den Passagierbereich vom Maschinenraum trennte, kam ihm eine Wand aus heißer Luft und Ölgeruch entgegen. Es fühlte sich an, als ob er in einer neuen Welt gelandet wäre.

Die Wände bestanden aus weiß gestrichenem Stahl, man konnte an den Seiten und an der Decke die Stahlverstrebungen erkennen, mit tausenden von Rohren und Kabeln, die scheinbar endlos durch das Schiff gingen, um alles mit allem zu verbinden. Je tiefer er ging, desto lauter wurde das Maschinengeräusch, welches ihn an Heavy Metal Musik auf voller Lautstärke erinnerte. Erstaunt stellte Jack fest, dass es auch immer kälter wurde, je tiefer er kam. Als nächstes öffnete er auf seinem Weg durch das Schiff eine dicke Schiebetür, an der ein Auto-Symbol angebracht war. Er erblickte einen LKW direkt vor seiner Nase. Hier musste das Autodeck sein. Es schien, als ob man aus der Tür nicht auf das Autodeck kommen könnte, doch an der Seite war ein kleiner Schleichweg, gerade groß genug um sich hindurchzuschieben.

Jack sparte es sich, dort entlang zulaufen, da der LKW und die Wände mit Straßenstaub bedeckt waren, und er sich nicht

dreckig machen wollte. Er machte sich auf den Weg zurück zu seiner Kabine. Seine Tour durch das Schiff hatte länger gedauert, als er gedacht hatte, es war inzwischen Mitternacht. Das Schiff hatte seinen Weg nach England vor Stunden begonnen, doch Jack merkte erst jetzt, dass sie schon unterwegs waren. Er stieg das Treppenhaus hoch bis zum Crewbereich und ging zu seiner Kabine. Als er die Tür öffnete, war schon alles dunkel, aus Reflex griff er nach dem Lichtschalter und schaltete das Licht an, worauf Klaus, der schon geschlafen hatte, aufwachte und sofort losbrüllte:„Licht aus, Witzbold!“

Vor Schreck schaltete Jack das Licht sofort wieder aus. Aus Furcht, Klaus erneut zu wecken und von ihm angeschrien zu werden, machte er sich leise im dunklen Bett fertig. Er konnte nicht sehen, wie dreckig sein Bett war, oder ob noch etwas anderes dort lag. Jack schlief nach diesem ersten und sehr aufregenden Tag schnell ein, wurde jedoch schon bald wieder von einem Geräusch geweckt. Es war Klaus’ Schnarchen, das eine unerträgliche Lautstärke erreichte und selbst die Geräusche der Wellen und der Klimaanlage übertönte. Jack traute sich nicht, Klaus zu wecken, er musste sich irgendwie mit dem Schnarchen abfinden. Irgendwann in der Nacht schlief er dann vor Erschöpfung ein, um kurz darauf wieder von Klaus geweckt zu werden. Jack blinzelte mit einem Auge auf seinen Wecker und stellte fest, dass es schon fünf Uhr war und Klaus sich fertig für seine Schicht machte. Er schloss die Augen wieder und wollte weiterschlafen, als Klaus seine Decke wegriss. „Du hast auf meiner Hose geschlafen. Pass das nächste Mal besser auf, worauf du dich legst.“

Sein finsterer Blick beunruhigte Jack, doch der Gesichtsausdruck verwandelte sich plötzlich in ein breites Lachen. Klaus stieß ihn fest gegen die Schulter, so dass Jack mit dem Kopf zurück auf sein Kopfkissen gestoßen wurde. „Nichts für ungut, du bist ja nur der Leichtmatrose hier an Bord und musst noch viel über den Umgang hier lernen“, erklärte er.

Als Klaus fertig war, verließ er lautstark die Kabine.

Nun war es zum ersten Mal still und Jack wollte das genießen und noch ein klein wenig weiterschlafen, bis zu seiner Schicht. Beim Einschlafen dachte er darüber nach, wie er das die ganze Zeit aus-halten sollte, doch er war so müde, dass er sofort wieder einschlief. Er wachte erst auf, als er einen schrillen Ton von seinem Wecker hörte. Als er auf die Uhr schaute, merkte er, dass er fast verschlafen hatte. Der Wecker musste schon seit fünf Minuten geklingelt haben, ohne dass er es gemerkt hatte. Er musste sich beeilen, um noch rechtzeitig zu dem Treffpunkt zu kommen, den der Kapitän ihm genannt hatte. Atemlos kam er am Treffpunkt an und zu seiner Überraschung traf er dort Klaus, der bereits auf ihn ge-wartet hatte. „Da bist du ja, das mit der Pünktlichkeit üben wir noch. Los, jetzt geht es ab in den Maschinenraum.“

Jack bekam einen Schreck. Maschinenraum? Er wollte doch auf die Brücke, um zu navigieren und nicht in den Maschinenraum und schon gar nicht mit Klaus. Das Praktikum wurde immer schlimmer, dabei hatte er sich doch alles so schön vorgestellt. Nun musste er mit Klaus durch den lauten und dreckigen Maschinenraum krau-chen. Jack stieg mit dem alten, behäbigen Seebären die Treppe zum Maschinenraum hinunter. Es war die gleiche Treppe, die er am Vortag bei seiner Tour durchs Schiff benutzt hatte. Ganz unten angekommen standen sie vor einer riesigen roten Stahltür, so mächtig, dass sie zu einem Tresor gehören könnte. Die hatte Jack gestern nicht gesehen.

Klaus öffnete die Stahltür mit seinem Passwort und die mächtige Tür setzte sich unter dem Lärm einer ohrenbetäubenden Sirene in Bewegung.

Hinter der Tür befand sich ein Wagendeck, welches komplett leer war. Sie gingen quer über das Wagendeck zu einer anderen Tür, die diesmal weiß war, doch dahinter befand sich wieder eine große rote Tür. Jedes Mal, wenn der Alarm beim Öffnen dieser Türen ertönte, zuckte Jack zusammen. Als sie durch die letzte Tür traten, waren sie endlich im Maschinenraum angekommen, sie wurden von lautem Gekreische und Gebrumme von Pumpen und Motoren begrüßt. Klaus brüllte gegen den Lärm: „Na is laut? Gefällt dir das?“

Jack versuchte zwar zu antworten, doch seine Worte gingen im Lärm verloren. Klaus fügte mit seinem fiesen Grinsen hinzu: „Du hast Glück, dass wir hier nicht lange bleiben! Im Kontrollraum ist es leiser!“

Sie gingen weiter durch verwinkelte Wege, die von einem Wirrwarr von Rohren umgeben waren, bis zum Maschinenkontrollraum.

Dieser Raum war extrem ruhig. Die Wände waren in beige gehalten, überall standen riesige Schaltschränke mit Anzeigen und Knöpfen. In der Mitte des Raumes war ein riesiges Pult mit Bild-schirmen, die alle möglichen Informationen über die Maschinen anzeigten.

„Wilkommen im Maschinenkontrollraum, Jack! Wie findest du die Aussicht heute?“ Klaus grinste und Jack war irritiert, denn sie waren so tief im Schiff, dass sie schon unter Wasser waren, und es keine Fenster mehr gab. „So, Jack, jetzt beginnt dein erster Arbeitstag! Hier wird richtig gearbeitet! Draußen siehst du sowieso nur Wasser, bis wir in zwei Tagen ankommen.“ „Ok, was muss ich denn heute tun?“, fragte Jack. Klaus antwortete: „Erstmal nix, nur Wache. Nach-her noch‘n paar Ventile tauschen. Das solltest auch du hinbe-kommen.“

Die Zeit während der Wache war ungeheuer langweilig. Jack musste alle viertel Stunde die Temperaturwerte duchgehen und sie mit denen vergleichen, die Klaus ihm vorgegeben hatte. Sie sprachen volle zwei Stunden nicht miteinander. Jack wollte nicht mit Klaus reden und Klaus schien es zu genießen, heute mal jemand anderes für seine Arbeit zu haben. Jack kamen die zwei Stunden wie ein ganzer Tag vor. Es war wie eine Erlösung, als plötzlich jemand in den Kontrollraum kam. Er begrüßte als erstes Klaus und dann auch Jack. Klaus sagte: „Jetzt geht es los, Jack. Zieh dir einen Blaumann an und dann wird gearbeitet!“ Sie gingen in die Werkstatt, wo Jack einen Blaumann bekam und sich umziehen konnte, danach ging es weiter zu einer Maschine, die nicht in benutzt wurde. „Diese Maschine wird von uns grundüberholt“, sagte Klaus. Jack war beeindruckt, er war zwar nicht sonderlich interessiert an Maschinen und Motoren, doch dieser Anblick nahm ihm den Atem. Die Maschine war ein riesiger Block aus Stahl, groß wie ein LKW. Einige Teile waren bereits demontiert, so auch die Oberteile der Maschine, in denen sich die Auslassventile für die Abgase befanden. An jedem Zylinderkopf befanden sich vier solcher Ventile, welche an riesigen Federn befestigt waren. Diese Federn mussten mit allerhand Spezialwerkzeug und jeder Menge Muskelkraft weg- gedrückt werden. Am Ende drehte man sie mit einem Federspanner heraus.

Die ersten Federn wechselte Klaus selbst und Jack musste zu-gucken, danach war Jack dran. Es war harte Muskelkraft, die er benötigte, damit sich der Federspanner unter seinen Händen bewegte. Jack musste gefühlte Millionenmal an diesem Feder-spanner drehen. Bis zum Ende seiner Schicht musste er Ventile tauschen und Federn lösen. Der Tag schien ewig zu dauern.

Als sie endlich fertig waren, sagte Klaus: „Melde dich noch beim ersten Offizier. Der sagt dir, was du morgen machen wirst. Für heute haben wir dich genug gestraft!“

Jack bedankte sich bei Klaus und ging vom Maschinenraum wieder hinauf in den Crewbereich und zu seiner Kabine. Auf dem Weg nach oben merkte er erst, wie viel er gearbeitet hatte. Seine Arme schmerzten fürchterlich und fühlten sich an wie Wackelpudding. Jack hatte solche Arbeiten, die viel Kraft benötigten, noch nie gemocht, deshalb wollte er auch Nautiker werden und nicht Maschinist. Bevor er zu seiner Kabine ging, schaute er beim ersten Offizier vorbei. Jack war dreckig und voller Öl, doch das war ihm schon gar nicht mehr bewusst. Der erste Offizier schaute ihn lächelnd an und sagte: „Du scheinst ja richtig Spaß gehabt zu haben, so wie du aussiehst!“

Jack antwortete verhalten: „Ja, ähm, nein, es ging so, aber eigentlich wollte ich auf die Brücke und nicht in den Maschinen-raum.“

Der Offizier antwortete: „Na, dann kannst du morgen auf die Brücke und der Frühschicht helfen! Ist das besser?“

„Ja ist es!“

„Dann geh dich mal waschen und schlaf schon mal vor, die Schicht beginnt pünktlich 3:30 am Morgen!“

Jack ging zurück zu seiner Kabine. Klaus war noch nicht da, also beschloss er erstmal, eine Dusche zu nehmen. Als er im Badezimmer vor dem Spiegel stand, sah er erst wie dreckig er wirklich war. Er fing an, sich vor sich selbst zu ekeln. Alles war voll Maschinenöl, er hasste Öl. Er duschte und schrubbte sich fast eine halbe Stunde, bis er sich wieder sauber fühlte. Zwischendurch kam Klaus in die Kabine und guckte ins Badezimmer. Als er hörte, dass Jack duschte, sagte er: „Dusch nicht die ganze Nordsee leer!“

Es war bereits acht Uhr, als Jack fertig mit Duschen war. Der Tag war so anstrengend gewesen, dass er sofort zu Bett ging und einschlief.

Er wurde mitten in der Nacht vom hellen Kabinenlicht geweckt. Er fragte sich, ob er es vielleicht vergessen hatte, doch er war sich sicher, es ausgeschaltet zu haben. Dann sah er Klaus, der sich bettfertig machte. Der alte Mann nahm natürlich keine Rücksicht auf Jack.

 

Die Nacht war genauso hart wie die erste. Klaus schnarchte wieder so laut, dass Jack kaum schlafen konnte. Als er endlich glaubte eingeschlafen zu sein, klingelte sein Wecker. Drei Uhr! Er musste in einer halben Stunde wieder auf der Brücke sein für die Frühschicht. Er konnte sich kaum vom letzten Tag erholen, und nun war er sogar noch müder als am letzten Abend, als er zu Bett gegangen war. Jack machte sich im Dunkeln fertig und dann auf den Weg zur Brücke. Der Eingang war nicht sehr weit von seiner Kabine entfernt, so dass er diesmal sogar etwas zu früh dort war. Die Tür zur Brücke war aus kugelsicherem Edelstahl, man brauchte einen Code, der anders war als der für die Tür zum Crewbereich. Jack hatte vergessen, den ersten Offizier zu fragen, wie der Code zur Brücke war. So verging die Zeit, die er zu früh dort gewesen war, nutzlos. Er war bereits zehn Minuten zu spät, als ein Offizier von der Brücke kam und die Tür öffnete. Der Offizier erschrak, als er Jack vor der Tür stehen sah und sagte: „Nach dir suche ich gerade, dachte schon, du hast dich verlaufen oder verschlafen. Du darfst auch gern von selbst auf die Brücke kommen, wir müssen dich nicht immer abholen.“

Jack antwortete: „Tut mir leid, ich stehe hier schon fast zwanzig Minuten. Ich habe den Code für die Brücke nicht.“ „Ach so, ist schon ok, dann bekommst du den Code erstmal von mir“, ant-wortete der Offizier.

Jack dachte sich, das fängt ja wieder gut an, hoffentlich wird der heutige Tag besser. Er ging zusammen mit dem Offizier auf die Brücke. Alles war dunkel, auf den Pulten glimmten die bunten Knöpfe wie Glühwürmchen. Seine Augen brauchten einige Zeit, bis sie sich daran gewöhnt hatten. Überall waren Hebel, auf den zahl-reichen Monitoren flimmerten ständig irgendwelche Status-meldungen mit vielen Zahlen. Auf ihnen konnte man die uner-müdliche Suche des Radars nach anderen Objekten beobachten. Anders als Jack gedacht hatte, war es still auf der Brücke, kein piepsendes Radar, nur ein leichtes Plätschern der Bugwelle und ein Summen von den Motoren, das wie Hummelgebrumm im Sommer klang. Es roch nach Kaffee, der aus der ständig laufenden Kaffee-maschine kam. Jack mochte den Geruch von Kaffee, jedoch be-vorzugte er Tee. Es waren zwei Offiziere auf der Brücke, die vor den Radarbildschirmen saßen und Kaffee tranken. Die beiden Offiziere unterhielten sich über alles Mögliche, nur nicht über ihren Job. Im Hintergrund sprach ab und zu jemand ganz leise ins Funkgerät. Nun war Jack endlich dort, wo er immer hinwollte, jedoch war er total müde und kaputt vom letzten Tag. Jack bekam als erstes eine kleine Einweisung in die Brücke und das Radar. Seine Aufgabe in dieser Schicht war es, Schiffe auf dem Radar zu markieren und diese zu beobachten. Die Offiziere auf der Brücke waren viel netter als Klaus oder die anderen im Maschinenraum. Die Stimmung war locker und entspannt, das gefiel Jack sehr. Die Zeit ging dahin, aber Jack war immer noch sehr müde, er hatte das Gefühl, dass die Sekunden wie Stunden vergingen. Er fühlte, wie ihm immer wieder die Augen zufielen und er kurz vorm Einschlafen war. Er starrte in die Dunkelheit, um nach Schiffen oder anderen Objekten zu suchen, doch durch seine Müdigkeit war es nur ein leerer Blick, der den Horizont absuchte. Draußen war alles schwarz, auch am Himmel waren keine Sterne zu sehen. Der schwarze Himmel verschmolz mit dem schwarzem Wasser zu einer undurchsichtigen Wand. Jack fielen die Augen immer öfter zu. Er erschrak, als er merkte, dass er fast vom Stuhl gefallen wäre, doch das machte ihn auch wieder etwas munterer.

Einer der Offiziere verabschiedete sich von ihm und seinem Kollegen und ging von der Brücke. Nun waren sie nur noch zu zweit. Jack starrte weiter in die Dunkelheit, dabei vergaß er mit der Zeit, auf das Radar zu achten und fremde Schiffe in der Nähe zu markieren und zu beobachten. Der Offizier erzählte Jack: „Die Nachtschicht um 4 Uhr ist immer die schlimmste, denn der Körper möchte auf jeden Fall schlafen und die Aufmerksamkeit ist auf dem Tiefpunkt. Mit der Zeit kann man sich jedoch ganz gut daran gewöhnen, man muss nur genug vorschlafen. Ich mach jetzt…“

Ein Knall riss sie beide aus der Unterhaltung. Auf den Knall folgte ein sehr heftiger Ruck, worauf der Offizier nach vorne gegen den Radarbildschirm gestoßen wurde und sich die Schneidezähne mit einem fiesen Knacken herausschlug. Auch Jack fiel von seinem Stuhl. Er war vor Schreck wie gelähmt und wusste nicht, was passiert war. Als er sich wieder vom Boden aufrappeln konnte, sah er direkt vor dem Bug ein hell beleuchtetes Containerschiff. Erst als er die Lichter des anderen Schiffes erblickte, bemerkte Jack, dass es sehr neblig draussen war. Man konnte höchstens zehn Meter weit gucken, dann verschwand alles in einer schwarzen Suppe aus Nebel und Dunkelheit. Der Offizier lag regungslos auf dem Radarbildschirm doch wegen der Dunkelheit auf der Brücke konnte Jack nichts erkennen. Jack geriet in Panik

 

, er versuchte, den Lichtschalter für die Brücke zu finden, was sich bei den tausend ihm noch unbekannten Knöpfen als sehr schwer herausstellte. Endlich fand er einen großen Drehschalter mit der Aufschrift „Bridge light“ und drehte daran, das Licht ging sofort an und war so gleißend hell, dass Jack die Augen vor Schmerz schließen musste. Erst nach einigen Sekunden konnte er sie wieder öffnen. Da sah er, dass der Offizier stark aus dem Mund blutete und wieder bei Bewusstsein war, jedoch konnte er nicht richtig sprechen und stand unter Schock. Jack suchte einen Erstehilfe-Kasten auf der Brücke, durchwühlte alle Schränke, stieß aber lediglich auf Aktenordner und Papier. Endlich fand er in einem Schrank auf der Rückseite einen Erstehilfe-Kasten und ein paar Handfackeln. Er nahm sie mit, da er nicht sicher war, ob er sie noch brauchen könnte. Er versuchte, dem Offizier mit seinen Erstehilfe-Kenntnissen zu helfen, was nur schwer gelang, da er nie gelernt hatte Zahnverletzungen zu behandeln, aber er konnte die Blutung mit Verbandsmaterial stillen. Dann versuchte Jack sich einen Überblick über das Geschehen zu machen. Sie waren mit einem Schiff zusammengestoßen und fuhren nicht mehr. Die Maschinen schienen still zu stehen, denn das Gebrumm war nicht mehr zu hören, sie mussten auf Notstrom laufen. Jack geriet in Panik, er hatte keine Ahnung, was er nun tun sollte, er war erstmal auf sich selbst gestellt, denn der Offizier war nur halb bei Bewusstsein. Als erstes versuchte Jack, den Kapitän anzurufen, doch in diesem Augenblick fiel der Strom aus, und er stand wieder im Dunkeln auf der Brücke. Nichts ging mehr, kein Telefon, kein Computer und kein Radar. Er versuchte nun auf der stockfinsteren Brücke nach einer Taschenlampe zu suchen. Zum Glück gab es an einer Wand zwei Not-Taschenlampen, die mit einem floreszierenden Zeichen gekennzeichnet waren. Jack fasste den Entschluss, den Kapitän zu wecken, er nahm sich beide Taschenlampen und rannte zur Tür, um zum Crewbereich zu kommen. An der Tür fiel Jack ein, dass ohne Strom der Code nicht funktionieren würde, er legte eine Handfackel zwischen Tür und Pfosten, bevor die Tür zufallen konnte. Im Dunkeln suchte er die Kabine des Kapitäns. Es dauerte einige Zeit, bis er sich in den dunklen Gängen zurecht und die richtige Tür fand. Er klopfte wie verrückt und es dauerte, bis geöffnet wurde. Der Kapitän stand im Schlafanzug in der Tür und fragte genervt und verschlafen, warum Jack so einen Lärm mache und die Frechheit habe ihn zu wecken. Aufgeregt erklärte Jack dem Kapitän, dass sie ein Schiff gerammt hatten und der Strom ausgefallen war. Der Kapitän war sofort hellwach und beeilte sich, so schnell wie möglich auf die Brücke zu kommen. Er nahm Jack die Taschenlampe ab und rannte los. Im Laufen schrie er Jack zu, er solle den ersten Maschinisten wecken und mithelfen, den Strom wieder in Gang zu bekommen. Jack fiel ein, dass er gar nicht wusste, wer der erste Maschinist war. Er rief dem Kapitän hinterher, wen er wecken sollte, und bekam als Antwort nur zu hören: „Klaus!“

„Nicht auch noch Klaus jetzt!“, dachte Jack.

Er rannte zu seiner Kabine, schloss die Tür auf und rüttelte Klaus heftig. Klaus wachte auf und war sofort sauer auf Jack. Als Jack ihm alles erklärt hatte, sprang er auf und zog sich in Windeseile im Dunkeln Arbeitsklamotten an. Er packte Jack am Arm und zog ihn im Eiltempo zum Treppenhaus. Jack konnte gar nicht begreifen, wie schnell sie im Maschinenraum waren. Klaus kannte die Wege auch im Dunkeln. Der alte Mann war nun ganz auf die Aufgabe fixiert, die Maschine zu reparieren und wieder Strom zu bekommen. Er schnappte sich zwei Taschenlampen, eine für sich und die andere für Jack. Dann ging es los zum Notstrom-Dieselaggregat, um diesen manuell zu starten. Jack lief Klaus die ganze Zeit hinterher, da er nicht wusste, was er tun sollte. Klaus drückte einige Knöpfe und plötzlich fing die Maschine an sich zu bewegen. Es fing mit einem dumpfen Zischen in kurzen Abständen an, welches immer schneller wurde und nach kurzer Zeit in das gewohnte Maschinengebrumm überging. Es dauerte noch eine gefühlte Ewigkeit, bis der Strom wieder da war und ein Teil des Schiffes wieder Licht hatte. Klaus schickte Jack zurück auf die Brücke zum Kapitän, da er im Maschinenraum nur tatenlos rumstand und nicht helfen konnte. Jack rannte in seiner Aufregung, die immer noch anhielt, zurück zur Brücke. Nachdem er duch das Treppenhaus von ganz unten nach ganz oben gerannt war, bemerkte er wieder wie müde er doch eigentlich war und wie sehr ihn der letzte Tag im Maschinenraum angestrengt hatte. Als er wieder auf der Brücke angekommen war, konnte er zum ersten Mal richtig erkennen und begreifen, was geschehen war. Sie waren mit einem quer kommenden Containerschiff zusammengestoßen. Es war immer noch sehr neblig, aber man konnte erkennen, dass das Containerschiff bereits etwas auf Entfernung gegangen war und sie frei schwammen.Der verletzte Offizier war inzwischen von der Brücke gegangen, aber man konnte noch Blut am Radarbildschirm sehen. Jack wurde klar, dass er womöglich für den Unfall verant-wortlich war. Er hatte dieses Schiff in seiner Müdigkeit einfach über-sehen, und nun war das eigene Schiff beschädigt und der Offizier hatte eine schwere Zahnverletzung. Als Jack das klar wurde, stand er mit leerem Blick wie angewurzelt auf der Brücke. Der Kapitän riss ihn aus seiner Erstarrung und fragte: „Du solltest doch im Maschinenraum sein. Wir haben hier alles wieder unter Kontrolle, hilf dem ersten Maschinisten lieber, die Maschine startklar zu bekommen, so dass wir weiter können. Danach möchte ich mit dir in meinem Büro sprechen!“

Jack sagte nichts und ging zurück zum Maschinenraum, erst ganz in Ruhe und dann immer schneller und irgendwann war er so schnell, dass er fast die Treppe heruntergefallen wäre. Zurück im Maschinenraum begrüßte ihn Klaus auf einmal ungewohnt freundlich. Er befahl Jack, über Funk zu helfen, die Haupt-maschinen wieder in Gang zu bekommen. Jack befand sich im Kontrollraum und Klaus stand an der Maschine. Klaus gab Jack über Funk ganz genaue Anweisungen, was er zu tun hatte. Es war eine richtig gute Teamarbeit zwischen Jack und Klaus, sie schafften es zu zweit, alle Maschinen wieder zum Laufen zu bekommen. Die Zeit verging plötzlich sehr schnell für Jack, er dachte dass sie höchstens eine Stunde gebraucht hätten, um die Maschinen zu starten, in Wirklichkeit waren es mehr als zwei. Während dieser Zeit hatte Jack seine Schuldgefühle beinahe schon wieder vergessen. Die Arbeit mit Klaus machte ihm auf einmal richtig Spaß. Als sie fertig waren, schickte Klaus Jack wieder hoch zur Brücke und zum Kapitän.

Auf dem Weg nach draußen kamen Jack zwei Maschinisten entgegen. Klaus begrüßte sie und sagte: „Wo wart ihr die letzten Stunden? Ich habe euch hier gebraucht! Wenigstens war Jack hier und konnte mir helfen! Der Junge könnte euch beiden Dösbattel mit Leichtigkeit ersetzen!“

Jack sagte dazu gar nichts und ging das Treppenhaus hoch, um zur Brücke zu kommen, während Klaus mit den Maschinisten weiter schimpfte.

Als Jack auf die Brücke kam, ging bereits alles wieder seinen ge-wohnten Gang. Sie fuhren wieder und der Nebel hatte sich gelegt, so dass man einen wunderschönen Sonnenaufgang beobachten konnte. Es war bereits acht Uhr. Jack ging zu den vorderen Fenstern, um sich den beschädigten Bug anzuschauen. Er konnte erkennen, dass die dreieckige Form, die der Bug von oben hatte, an der Spitze stark eingedrückt war. Es mussten ungeheure Kräfte beim Zusammenstoß gewirkt haben. In diesem Augenblick kamen die Schuldgefühle in Jack wieder hoch.

Er verließ die Brücke und machte sich auf den Weg zum Büro des Kapitäns, wo er ganz zu Anfang schon einmal gewesen war. Er klopfte an die Tür und wurde sofort hereingebeten. Jack konnte dem Kapitän den Stress der Nacht noch deutlich ansehen. Bevor der Kapitän etwas sagen konnte, sagte Jack: „Es tut mir leid, es ist alles meine Schuld, ich habe das Schiff übersehen und nun sind wegen mir Menschen verletzt.“

Der Kapitän beruhigte Jack und sagte: „Es war nicht deine Schuld, denn das Containerschiff hat uns genauso übersehen und wir haben sehr starken Nebel gehabt, da ist das Navigieren immer sehr kompliziert. Außerdem haben wir festgestellt, dass unser Radar diese Nacht kaputt gegangen ist und uns keine Schiffe angezeigt hat. Du konntest also gar nichts übersehen.“

Jack fiel ein Stein vom Herzen, als er das hörte. Der Kapitän fügte hinzu: „Du kannst jetzt erstmal schlafen gehen und morgen machst du wieder deine Wache auf der Brücke, aber diesmal eine Spät-schicht, damit du etwas wacher bist.“

Jack war froh, dass alles so glimpflich abgelaufen war, er hatte in der Nacht schon mit dem Schlimmsten gerechnet, sogar gefürchtet, dass sie untergehen würden. Er verließ das Büro des Kapitäns und machte sich auf den Weg zu seiner Kabine. Dabei merkte er, dass er jetzt so wach war, dass er nicht mehr hätte schlafen können. Er überlegte sich, Klaus im Maschinenraum zu besuchen, um dort noch etwas zu helfen. Er ging das Treppenhaus, das er in dieser Nacht schon so oft hoch und runter gelaufen war, wieder nach unten. Im Maschinenraum angekommen, suchte er nach Klaus. Dabei brauchte er jetzt nicht mehr lange, um sich in dem Wirrwarr unten im Schiff zurecht zu finden.

Klaus war erstaunt, Jack so plötzlich wieder zu sehen. Als Jack Klaus erzählte, dass er noch im Maschinenraum helfen wollte, war Klaus wie ausgewechselt und freute sich riesig. Jack half Klaus bis zum Mittagessen und es machte ihm plötzlich großen Spaß. Später kam die Müdigkeit zurück und Jack wollte nun doch schlafen gehen. Doch wenig später merkte er, dass sie nun endlich im Hafen angekommen waren, daher beschloss er, noch kurz eine Runde über das Deck zu gehen. Er wollte zum ersten Mal in seinem Leben einen Blick auf Schottland werfen. Es war ein strahlend hellerTag und die Luft war frisch und sauber. Als sie im Hafen lagen, kamen Techniker und Gutachter an Bord, um den Schaden am Bug zu begutachten, doch Jack wollte jetzt doch lieber schlafen gehen. Er schlief sofort ein und wachte erst am nächsten Morgen, von seinem Wecker geweckt, wieder auf. Er bemerkte, dass Klaus in seinem Bett schlief, dabei hatte er ihn weder beim Zubettgehen noch durch sein Schnarchen gestört. Ohne Klaus zu wecken, machte sich Jack fertig und verließ die Kabine. Das Schiff war bereits auf dem Weg zurück nach Deutschland. Jack fragte sich, was er nun tun sollte, er hatte noch den ganzen Tag Zeit bis zu seiner Spätschicht. Er beschloss, auf die Brücke zu gehen, um sich dort ein bisschen mit dem wachhabenden Offizier zu unterhalten. Die Offiziere freuten sich, jemanden zu haben, mit dem sie über neue Themen sprechen konnten. Mitten auf dem Meer war immer heile Welt. Jack genoss das sehr. Es war wieder ein sonniger, klarer Tag auf See.