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Leben ohne Erinnerungen

von Chirley Tuschwitz

Ich erwachte. Mein Kopf tat höllisch weh. Um mich herum war ein Stimmengewirr aus nicht verständlichen Worten. Eine seltsame Sprache, derer ich nicht mächtig war, jedoch kannte ich sie irgendwoher.

Langsam öffnete ich meine Augen, schaute mich um, aber es gab nicht viel zu sehen, denn ich war in einem kahlen Raum gelandet. Die Wände sahen so aus, als könnten sie jederzeit einstürzen. Ich versuchte mich an das zu erinnern, was geschehen war, schaffte es aber nicht.

Langsam erhob ich mich vom schmutzigen Boden und ging im Raum umher.

Er war recht groß, und es gab zwei Türen. Als ich die erste öffnete, fand ich mich in einer Art Kleiderschrank wieder. Es gab dort drinnen nichts, außer alter Lumpen, aber da ich, wie ich entsetzt feststellen musste, nackt war, schnappte ich mir ein alt aussehendes, leicht verstaubtes Kleid und einen langen Mantel. Mit meinen neuen Klamotten ging ich zu der anderen Tür, um diese zu öffnen.
Vor mir erblickte ich eine überfüllte Straße.

Das Stimmengewirr, das ich die ganze Zeit über leise vernommen hatte, wurde mit einem Mal so laut, dass ich mir die Ohren zuhalten musste.

Vom ersten Schreck erholt, schritt ich auf die Straße, die sich vor mir mit Massen von Menschen erstreckte. Der Großteil dieser recht kleinen Leute hatte seidig schwarzes Haar, das in der Sonne glänzte. Viele der jüngeren liefen in Schuluniformen herum, ältere eher in Jacketts. Ich ging weitere Schritte auf die Masse zu und empfing fragende Blicke.

Mit meiner hellen Haut und den hellbraunen Haaren schien ich sehr aufzufallen. Hinzu kam das seltsame Outfit, das ich trug. Ich drehte mich um und schaute auf das baufällige Gebäude, aus dem ich getreten war.

Wohin jetzt?, fragte ich mich, als ich eine warme Hand auf meinem Arm spürte. Ich blickte in das dazugehörige Gesicht. Es war ein Mann. Die Uniform ließ auf einen Polizisten schließen. Er fing an, auf mich einzureden, und obwohl ich die Sprache nicht beherrschte, verstand ich doch wenige Worte. Der Gesetzeshüter schaute in mein ratloses Gesicht. Er stoppte seinen Monolog und führte mich, ohne ein weiteres Wort zu sprechen, fort. Ich ließ es über mich ergehen. So hatte ich immerhin ein erstes Ziel.

In einer Polizeistation angekommen nahm er sich ein Telefon.

Unterdessen setzte ich mich auf einen der Stühle, die für Wartende wie mich aufgestellt waren. Seine Stimme klang während des Telefonierens leicht erregt. Nach ein paar Minuten legte er den Hörer wieder auf und wandte sich zu mir. Diesmal sprach er nur ein Wort. „Mate“ hatte er gesagt. Ich weiß nicht woher, jedoch wusste ich, dass es „warte“ hieß. Aber worauf sollte ich warten? Wo ging er hin? Fragen konnte ich ihn ja leider nicht. Er schloss die Tür hinter sich.

Nach knapp zwanzig Minuten öffnete sie sich endlich wieder. Erwartungsvoll schaute ich in die Richtung des wiederkehrenden Polizisten, der, wie es schien, einen Dolmetscher für mich im Schlepptau hatte. Dieser unterschrieb zuerst irgendetwas und wandte sich dann mir zu, um mich zu begrüßen.

Sein Name war Atsushi Masato.

Er stelle mir diverse Fragen auf Englisch. Wie ich heiße, woher ich komme, oder wie ich hierher gekommen bin, doch konnte ich auf all diese Fragen nicht antworten. Erst als er meinte, ich solle mal in meiner Sprache sprechen, stellte sich heraus, dass ich europäischer Herkunft sein musste. Ich sagte ein paar Sätze, bis er sich ziemlich sicher war, dass ich deutsch sprach. Das wunderte mich zunächst, bis mir einfiel, dass er als Dolmetscher wohl mit vielen Anderssprachigen zu tun gehabt haben musste. Er stellte mir noch ein paar weitere belanglose Fragen, die aber, wie die vorherigen, nicht zu beantworten waren.

Die beiden Männer begannen in ihrer eigenen Sprache aufgeregt zu diskutieren. Mehrere Telefonate gingen vonstatten, bis sie sich wieder mir zuwandten.

„Wir bringen dich in ein Internat, dessen Schwerpunkt die deutsche Sprache ist“, verkündete mir der Dolmetscher, ohne nach meinem Einverständnis zu fragen. Doch, bevor ich mich darüber aufregen konnte, machte sich eine Riesenfreude in mir breit, deren Ursprung ich nicht ermitteln konnte.

Da erst einmal verschiedene Formalitäten geklärt werden mussten, verbrachte ich die erste Nacht in einer Zelle.

 

Unsanft wurde ich am nächsten Morgen vom Polizisten geweckt, der mich schweigend nach draußen begleitete. Vor der Tür wartete der Dolmetscher mit einer Tasche auf mich.

Neben ihm stand eine zweite Person. „Das ist Yuuta-san“, erklärte mir der Dolmetscher auf englisch, während er auf den etwas dickeren Mann zeigte. „Er ist ab jetzt für dich verantwortlich.“ Ich nickte und verbeugte mich zur Begrüßung.

Yuuta-san und der Dolmetscher führten mich durch die vollen Straßen zu einem Bahnhof, wo wir in einen überfüllten Zug stiegen. Wir fuhren etwa eine halbe Stunde, ehe wir ankamen und endlich aus dem stickigen Wagon steigen konnten, in dem ich mich so unwohl gefühlt hatte.

Nur wenige Leute kreuzten unseren Weg, passend zu den wenigen Häusern, die hier standen. Für die wenigen Menschen aber gab es genug Bäume und Felder. In so einer Umgebung fühlte ich mich gleich viel wohler.

Das Internat lag mitten im Wald und sah aus wie ein Schloss. Wir schritten durch einen großen Torbogen, durch den wir gut zu dritt passten. Dieser Bogen eröffnete uns einen Weg, der einem Bilderbuch entsprungen schien. Ich fühlte mich fast wie eine Prinzessin, als ich auf den sandfarbenen Steinen, die von Blumen in den verschiedensten Farben umgeben waren, entlang schritt. Yuuta-san öffnete uns die große Stahltür des Internats. Mein Blick schweifte durch eine große, hell erleuchtete Halle. Unsere Schritte hallten durchs Gebäude. Meine Begleiter führten mich eine lange weiße Treppe hinauf. Oben angekommen, öffneten sie die Tür zu einem Büro.

An einem aus Ebenholz gefertigten Schreibtisch saß eine hübsche, großgewachsene, schlanke Frau, die uns freundlich begrüßte, als wir eintraten.

„Du bist also das Mädchen ohne Erinnerungen?“, fragte sie mich.

Ich nickte.

„Ich bin Akemi Youko.“

Akemi bedeutet soviel wie hell und schön, was gut zu ihrem freundlichen Auftreten passte. Nach einem kurzen Gespräch mit ihr, gab mir der Dolmetscher Atsushi-san die Tasche, die er die ganze Zeit bei sich getragen hatte. Nachdem Yuuta-san einige Papiere unterschrieben hatte, verabschiedeten sich beide von mir.

„Viel Glück auf deiner Suche!“, wünschten sie mir. Dann waren sie verschwunden, weg.

Ein seltsames Gefühl überkam mich, das ich zunächst nicht richtig einordnen konnte. Ich war… irgendwie… traurig? Ja, Trauer. Atsushi-san war meine erste richtige Bezugsperson, seit ich aufgewacht war.

Akemi-san kam zu mir und legte mir ihre Hand auf die Schulter. „Lass mich dich erst einmal herumführen.“ Der leichte Druck, den sie durch ihre Hand auf meine Schulter ausübte, führte mich wieder raus aus dem Büro und durch das Internat.

Diese Schule hatte so viele Räume, dass einem schwindelig werden konnte. Sie sahen alle vollkommen unterschiedlich aus, und doch wirkte alles harmonisch. Immer wieder wurde ich in eine neue Welt geführt.

Wir erreichten einen sehr großen Raum und Akemi-san erklärte: „Hier treffen sich die meisten Jugendlichen in den Pausen. Es ist der Mittelpunkt der Schule und verbindet den Jungentrakt, den Mädchentrakt, die Cafeteria, die Klassenräume und die Freizeiträume miteinander.“

Von hier gingen wir zum Mädchentrakt und hielten schließlich vor einem Zimmer an. „Hier wirst du wohnen“, sagte Akemi-san und klopfte kurz. Eine sanfte, weibliche Stimme rief: „Herein!“ Wir traten ein.

Es war ein großes Zimmer. Es gab zwei Betten. Eines davon war ein Hochbett. An einem Schreibtisch an der Wand saß ein Mädchen, um die 17 Jahre, mit langen schwarzen Haaren, die sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Sie schien bis eben Hausaufgaben gemacht zu haben. Als sich unsere Blicke trafen bemerkte ich, dass sie dieselbe Ausstrahlung hatte wie die Direktorin.

„Ah!“, rief sie erfreut aus. Sie sprang förmlich von ihrem Stuhl auf. „Du musst meine neue Zimmergenossin sein! Wie schön. Ich hatte schon lange keine mehr… Ach ja!“

Mit diesem Ausruf kam sie auf mich zu. „Ich bin Mey… einfach Mey.“ Ihre Hände umschlossen meine und schüttelten sie kräftig. „Das macht man bei euch doch so oder?“ Ich schaute sie irritiert an. „Hände schütteln“, fügte sie lächelnd hinzu. Ich nickte kurz. „Ja, ich glaube das macht man so.“

Nun mischte Akemi-san sich wieder ein. „Mey-chan ist eine unserer besten Schülerinnen, sie sollte dir also gut helfen können, um zurecht zu kommen.“

Ich schaute auf das junge aufgeschlossene Mädchen. Das war also der Grund, weshalb sie so gut deutsch sprechen konnte.

„So… da ich hier fertig bin und dir alles gezeigt habe, muss ich nun auch langsam wieder an die Arbeit. Macht sich schließlich nicht von selbst“, sagte Akemi-san und ging schmunzelnd.

Ich war allein mit Mey. Um die Stille zu überbrücken, wollte ich meine Sachen auspacken. Doch bevor ich dazu kam, schritt Mey fröhlich auf mich zu. „Ich habe für dich schon umsortiert. Du hast deinen eigenen Schrank.“ Sie zeigte auf einen braunen, länglichen Kasten. Seine Farben passten zu der beigen Wand. Dann zeigte sie auf das untere Bett, das frisch bezogen war. „Das kannst du nehmen. Ich würde gern weiter in dem oberen schlafen, wenn das okay ist?“

Sie kicherte, nachdem sie wieder nur ein einfaches Nicken als Antwort bekommen hatte. „Bist nicht gerade gesprächig, oder?“ Mein Blick wanderte kurz zu Boden, wobei ich mit den Schultern zuckte. „Kann sein.“

Mit einem lauten Stöhnen kehrte sie zu ihrem Schreibtisch zurück und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Richte dich ruhig ein. Ich muss weiter arbeiten. Wenn du Fragen hast, kannst du mich natürlich ansprechen.“

Ich öffnete die Tasche, die Atsushi-san mir überreicht hatte. Es war nicht viel drin. Zwei Schuluniformen, zwei Freizeitoutfits, die er wohl für mich zusammengestellt hatte, Schreibhefte und andere Schulutensilien und ein bisschen was Süßes zur Stärkung. Außerdem waren acht Bücher in der Tasche, wobei drei auf Deutsch waren, ein weiteres auf Englisch und vier auf Japanisch. Erst jetzt wurde ich mir der ganzen Situation wirklich bewusst. Ich war in Japan, dem Land der aufgehenden Sonne, mit der schönsten Sprache der Welt.

Gedankenverloren räumte ich alles in den Schrank, dann warf ich mich auf mein Bett. Es dauerte nicht lange, bis ich weggedöst war. Ein seltsamer Traum über eine Schule in Deutschland suchte mich heim, jedoch war er so verworren, dass ich mich kaum noch daran erinnern konnte, als Mey mich kurz vor dem Mittagessen weckte,.

„Na, du Schlafmütze! Endlich wieder wach?“ Ich setzte mich auf. In meinem Kopf

drehte sich alles. „Du musst sehr erschöpft gewesen sein, hast ungefähr drei Stunden geschlafen.“

„Scheint so“, antwortete ich. Ich fühlte, dass sie recht hatte, denn ich war wirklich sehr erschöpft.

Sie streckte mir eine Hand entgegen, die ich dankend annahm. Vorsichtig rappelte ich mich auf und folgte ihr zur Cafeteria. Dort angekommen stellte sie mich vor eine riesige Auswahl an Essen. „Na was möchtest du?… Vielleicht die Hänchenkeule mit Kartoffelpuffer? Ist sehr lecker.“ Erwartungsvoll schaute sie mich an.

Ich zögerte. „…Ich glaube… ich esse kein Fleisch.“ Es war schrecklich für mich, dass ich mich nicht erinnern konnte. Sachte legte Mey mir eine Hand auf die Schulter. „Die Erinnerungen werden schon wieder zurückkommen. Wie wäre es mit der Gemüse-Reis-Pfanne? Die ist mindestens genauso lecker.“ Ihre positive Art steckte mich an und zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht

Als wir mit unserem Essen an einem Tisch saßen, merkte ich, dass uns alle anstarrten. Ein bisschen verärgert schaute Mey durch das Café. „Ich glaube, es hat schon die Runde gemacht, dass wir eine neue Schülerin aus Deutschland haben, die keine Erinnerungen an ihr bisheriges Leben besitzt.“

Ich heftete meinen Blick auf das Essen vor mir. Es war mir unangenehm so angestarrt zu werden.

„Was ist los?“, fragte sie.

Ich antwortete nicht gleich. Wusste nicht, wie ich es erklären sollte. „Es ist nur… Ich habe das Gefühl, als hätte ich das hier schon einmal erlebt. Die ganzen Blicke… Ich… Es ist so schrecklich vertraut!“

„Versuch dich zu erinnern!“ Ihr fragender Blick wurde auffordernd.

Ich wollte, aber mein Kopf streikte. „Ich kann nicht!“

Ich schlug meine Hände vors Gesicht. Mir wurde schlecht. Ich hätte nichts essen sollen. Noch bevor ich die Augen wieder öffnen konnte, umgab das Dunkel, das sich hinter meinen geschlossenen Liedern verbarg, mein ganzes Bewusstsein.

 

„Kathy! Hey Kathy! Erde an Kathy! Komm endlich wieder zu dir.“ Diese leicht panische Stimme konnte nur meiner besten Freundin Marie gehören. Als ich zu ihr aufschaute, erblickte ich ein sorgenvolles Gesicht. Sie seufzte. „Der Unterricht beginnt gleich und du hast noch nicht mal angefangen zu essen.“ Erst jetzt bemerkte ich, dass ich meine Gabel mit einer aufgespießten Kartoffel in die Luft hielt. Ich hatte die Mittagspause verträumt!

Schnell stopfte ich mir noch zwei, drei Kartoffeln in den Mund und rannte Marie hinterher.

Im Klassenraum angekommen saßen schon alle auf ihren Plätzen. Die Lehrerin aber, war noch nicht da.

Hey, was fällt euch ein?!?“, schrie Marie plötzlich in die Klasse. Ich folgte ihrem Blick. Auf der rechten Seite, am Fenster ganz hinten war ein Tisch und der dazugehörige Stuhl voll zugemüllt worden. Es sah aus, als hätten sie den Mülleimer einfach drüber ausgeleert.

Ihr spinnt doch!! Marie lief wutentbrannt auf die Müllhalde zu und fegte alles mit einer Armbewegung runter, wobei einzelne Teile etwas weiter durch die Klasse flogen und andere Schüler trafen. Doch die kicherten nur.

Tränen stiegen mir in die Augen. Mit dem Handrücken wischte ich sie aus meinem Gesicht. Marie war die einzige, die sich mit mir angefreundet hat, die sich keinen Dreck drum scherte, was die anderen von mir hielten. Dabei kam sie selbst mit jedem gut klar und jeder mochte sie. Keiner verstand, dass sie ausgerechnet mit mir befreundet war. Ich selbst war sehr froh darüber. Denn wäre Marie nicht für mich da gewesen, so könnte ich mir das Lächeln, mit welchem ich durch die Welt ging, nicht wahren.

Kathy! Melde das endlich den Lehrern“, sagte sie. „Wenn du selber nichts sagst, kann dir nicht geholfen werden.“ Die Klasse lachte. Sie wussten genau, dass ich nicht reden würde. „Genau Kathy! Sag es den Lehrern“, kam es aus einer Ecke, und dann aus einer anderen, Aber du weißt ja, was dann passieren wird!“ Den Kopf gesenkt ging ich an Marie vorbei an meinen Platz.

Marie setzte sich auf den Stuhl vor mir und drehte sich zu mir um. „Bitte!“

Ich kann nicht! Ich habe Angst“, sagte ich leise und versank wieder in meine kleine, heile Traumwelt…

 

„Hey! Hey Kleine. Bitte wach auf“

Mey? Ruft sie etwa nach mir? Als ich die Augen aufschlug, hatte sich meine Umgebung verändert. Ich war nicht mehr in einer vollen, lauten und bunten Cafeteria sondern in einem leeren, ruhigen und hellen Krankenzimmer.

Ich lag auf dem Rücken und Mey saß neben mir am Bett. Ich drehte mich zu ihr.

„Endlich!“, sagte sie und drückte meine Hand ein bisschen.

„Was ist passiert?“ Meine Stimme war schwach und viel zu leise, aber Mey hörte mich dennoch. „Du bist in der Cafeteria umgekippt, einfach vom Stuhl gefallen.“

Dunkel erinnerte ich mich an einen merkwürdigen Traum von einem fremden Mädchen.

„Ich bin wohl einfach noch zu sehr geschwächt“, entgegnete ich. „Wer weiß, was mir alles widerfahren ist, bevor ich hier, in einem fremden Land, aufgewacht bin.“

Mey nickte.

Kurz darauf kam die Ärztin herein, untersuchte mich und meinte, dass ich zurück in mein Zimmer konnte. Mey musste versprechen, dass sie gut auf mich aufpasste, was sie ohnehin vorhatte. Als wir in unserem Zimmer waren, sahen wir uns als erstes meinen Stundenplan an.

„Du wirst so ziemlich das gleiche haben wie ich“, sagte Mey. „Nur, dass du anstelle von unserem Japanisch-Unterricht einen seperaten Crashkurs bekommst, damit du dich auch außerhalb der Schule verständigen kannst.“ Ihr vergnügtes Lächeln entfachte in mir eine vertraute Wärme und plötzlich hatte ich ein gutes Gefühl. Vielleicht würde ich tatsächlich bald in der Lage sein, mich zu erinnern.

Den Rest des Tages verbrachte sie an ihren Hausaufgaben, und ich selber ging meine Bücher durch, um mich auf die nächsten Tage vorzubereiten.

Gegen 19 Uhr gab es dann Abendbrot, wo ich gekonnt die Blicke der Anderen ignorierte. Es schien, als hätte ich Übung in so etwas. Am Abend ließ ich mich dann erschöpft in mein Bett fallen.

 

Es läutete. Endlich war sie da. „Ich komme!“ Voller Freude riss ich die Tür meines Hauses auf und fiel Marie um den Hals. „Endlich!“ Superglücklich drückte ich sie an mich. „Du hast mich warten lassen“, warf ich ihr lachend vor. Sie lachte mit.

„Wirf deine Sachen irgendwo hin, ich bereite schon einmal die Snacks vor.“

Ich ging zur Küche und holte den ganzen Süßkram. Als ich in die Stube kam, hatte Marie sich schon breit gemacht.

„Nimm nicht das ganze Sofa für dich ein.“ Die Schüsseln mit den Süßigkeiten stellte ich auf einem kleinen Sofatisch ab, dann holte ich eine Kuscheldecke und warf mich mit Schwung auf Marie. „Autsch!“ Sie strampelte sich los, lachte aber dabei.

Ich stand auf, schaltete das Licht aus und den Fernseher ein. Dann setzte ich mich wieder aufs Sofa und breitete die Decke über uns beide aus. „Das wird eine sehr lange Nacht“, sagte ich und drückte den Play-Knopf.

 

Das Klingeln eines Weckers riss mich aus dem Schlaf. Automatisch setzte ich mich auf. „Wie spät ist es?“, fragte ich, als ich über mir eine Bewegung vernahm.

„So gegen sechs“, kam es schläfrig zurück. Als ich aufstand, kam mir mein Traum in den Sinn. Es waren die gleichen Personen wie in dem zuvor, nur wirkten die Mädchen dieses Mal viel glücklicher.

Frisch geduscht schlüpfte ich in die Schulkleidung und putzte mir die Zähne. Schon war ich fertig. Mey ebenfalls.

Nach einem kurzen Frühstück gingen wir zum Klassenzimmer. Ich verspürte eine seltsame Nervosität.

„Wie willst du dich eigentlich vorstellen“, fragte Mey plötzlich. „Wir brauchen einen Namen für dich. Ist mir schon im Krankenzimmer aufgefallen, als ich dich wachrufen wollte. Aber was passt zu dir…?“

„Kathy!“, sagte ich spontan. „Ich meine, also ich habe von einem Mädchen geträumt, das so hieß… deswegen.“

„Das ist ein hübscher Name“, sagte Mey lächelnd. „Und vielleicht sogar dein echter.“

Weiter ging sie nicht auf meinen Traum ein, wofür ich ihr dankbar war.

Als wir den Klassenraum erreichten, sagte sie: „Warte noch hier draußen, bis der Lehrer kommt. Er soll dich kurz kennen lernen, bevor du dich der Klasse vorstellst.“ Als sie einen Fuß in die Klasse setzten wollte, schien ihr etwas einzufallen. „Ach und… Kathy?“ Der Name klang aus ihrem Mund so schön. „Sei nicht so nervös. Ruhig ein- und ausatmen! Und schau am besten nur auf mich.“ Ihr Lächeln gab mir ein bisschen Selbstvertrauen.

Kurz darauf kam der Lehrer und blieb vor mir stehen.

„Du bist die Neue?“

Ich nickte. „Ich bin Kathy.“ Höflich verbeugte ich mich.

„Freut mich.“ Seine ernste Miene wurde etwas weicher. „Mein Name ist Akusa Miho.“ Auch er verbeugte sich mir gegenüber. „Willst du dich selber vorstellen?“, fragte er.

Das wäre der beste Weg, um Missverständnissen vorzubeugen, dachte ich und nickte.

Auch wenn es unangenehm war, schritt ich mit dem Lehrer zum Pult, wo ich mich neben ihn stellte. „Es war euch ja bekannt, dass wir eine neue Mitschülerin bekommen“, begann er. Die Blicke richteten sich auf mich, ich aber schaute nur auf Mey, die mir entgegen lächelte. „Sie wird sich euch nun vorstellen.“

Du schaffst das, sagte ich mir und atmete einmal tief ein und wieder aus. „Mein Name ist Kathy. Ich komme aus Deutschland und werde die nächste Zeit hier in diese Klasse gehen. Freut mich euch kennen zu lernen.“ Diese leicht tollpatschige Vorstellung rundete ich mit einer tiefen Verbeugung ab. Sie hießen mich mit einem Applaus willkommen. Es war ein schönes Gefühl, so begrüßt zu werden,

„Du darfst dich setzen.“ Akusa-san wies mich auf den freien Platz neben Mey.

Neugierige Blicke und leises Getuschel auf Japanisch verfolgten mich, hörten aber augenblicklich auf, sobald der Unterricht begann.

Diese Blicke wurden im Laufe der Zeit weniger. Ich gewann ein paar Freunde und gewöhnte mich an das Leben im Internat. Auch die Sprache beherrschte ich immer besser. Nur in den Nächten träumte ich immer wieder von Kathy.

 

Aber meine Erinnerungen wollten nicht zurückkehren. Doch so wie die Tage und Wochen vergingen, schwand auch meine Neugier auf mein früheres Leben. Ich merkte sogar, dass ich mich gar nicht erinnern wollte. Die gemeinsamen Tage mit Mey machten mich so glücklich, dass ich Angst bekam, ich würde sie verlieren, wenn mich mein früheres Leben einholen würde.

Dieser Gedanke quälte mich, genauso wie meine Träume anfingen, mich zu quälen. Es waren nie sonderlich schöne Träume. Sie handelten hauptsächlich davon, dass diese Kathy gemobbt wurde, und diese Mobbereien immer schlimmer wurden.

Eines Nachts hatte ich wieder einen dieser Träume, doch war er diesmal nicht wie die

anderen… Marie fehlte

 

Ich kam in die Klasse und mein Tisch und Stuhl waren verschwunden. Marie war nicht da, sie hatte eine Grippe. Ich setzte mich auf die Fensterbank, sagte nichts, wartete bis der Lehrer kam, und als er endlich da war, tauchte auch mein Platz wieder auf. Sie hatten ihn hinter einem Schrank versteckt.

Es klingelte. Die Pause begann und der Lehrer verschwand. Und somit war ich wieder ohne Schutz. „Jo, Kathy.“ Irritiert schaute ich in das Gesicht von einem Jungen aus meiner Klasse, der Mark hieß. Sonst sprach nie jemand mit mir, abgesehen von Marie. „Komm mal mit!“ Ich schüttelte den Kopf, wollte nicht. Doch anstatt mich in Ruhe zu lassen, nahm er meinen Ranzen, so dass ich hinterher musste.

Er ging zur Sporthalle, wo zwei weitere von seiner Sorte warteten, mich packten und in den Umkleideraum der Jungs zerrten. Es waren Max und Eric, die beiden Jungs, mit denen ich am allerwenigsten zu tun hatte und haben wollte.

„Was soll das?!“, rief ich empört, doch sie antworteten nicht, zogen mich stattdessen in die Duschen. Mir schwante Übles. „Lasst mich los!“, schrie ich sie an und strampelte, doch es half nichts. Sie schüttelten den gesamten Inhalt meines Ranzens aus. Mit vor Angst geweiteten Augen schaute ich dem Szenario zu. Mark nahm den Duschkopf und tränkte meine Sachen. Mir liefen die Tränen. Ich wünschte, Marie wäre hier! Sie könnte das alles beenden.

Ein Stoß in den Rücken ließ mich nach vorne taumeln. Ich konnte mein Gleichgewicht noch gerade so halten, da spürte ich schon den Schwall eiskalten Wassers auf meinem Körper. „Hört auf!, wimmerte ich. Aber sie hörten wieder nicht. „Bitte hört auf“, versuchte ich es erneut, doch das einzige, was es mir brachte, war eine Ladung Wasser ins Gesicht. Das alles dauerte so etwa fünf Minuten, dann hatten sie keine Lust mehr und ließen von mir ab. Alleine in der Dusche sackte ich erschöpft zusammen. Das Dunkel, das sich über mein Bewusstsein legte, tat gut. Und bald war ich wieder in meiner Traumwelt.

 

Nach diesem Traum verschlimmerte sich meine Lage. Ich fing an, die Gesichter der Typen, von denen ich nachts geträumt hatte, auch am Tag zu sehen. Ich halluzinierte. Traum und Realität verschwammen. Ich vermochte nicht mehr zu sagen, was was war. Selbst Mey wirkte ab und an wie Marie. Aber auch sie konnte mir bei meinen Bewusstseinsproblemen nicht helfen.

Nach knapp einer Woche meinte sie, ich sollte mal richtig ausschlafen, die Schule vergessen und entspannen. Ich folgte ihrem Rat, jedoch vermischten sich an diesen freien Tagen Realität und Traum nur noch mehr. Egal, wo ich war, ich fing an zu träumen, sobald ich meine Augen schloss.

 

„Kathy?“ Maries vertrautes Gesicht schaute zu mir hinab. „Du bist in letzter Zeit so seltsam drauf… was ist los?“ Ich schwieg. Wenn sie wüsste, was man mir vor zwei Wochen angetan hatte… Aber ich hatte zu große Angst, sie da mit reinzuziehen.

Lieber flüchtete ich in meine Traumwelt, die nur aus Mey und mir bestand.

 

Ich öffnete wieder die Augen. Geschlafen hatte ich nicht und dennoch hatte ich geträumt. Von mir? Ich versuchte erneut zu schlafen, wollte herausfinden, was los war.

 

„Ich merk doch, dass irgendwas nicht mit dir stimmt. Nicht nur, dass du viel öfter als sonst abwesend bist, du bist auch mir gegenüber verschlossener geworden. Ich mache mir Sorgen!“ Wieder schwieg ich. Es tat mir in der Seele weh, aber ich konnte sie nicht in alles mit hinein ziehen. Sie sagte mir, dass sie an diesem Tag nicht mit mir nach Hause gehen würde, weil sie zum Arzt musste. Ich nickte. Ich würde den Weg auch allein schaffen. Waren schließlich nur zwanzig Minuten.

Als die nächste Stunde begann, verschwand ich wieder in meine Welt.

 

Als ich meine Augen dieses Mal öffnete, war es bereits Mittag. Mey war, so vermutete ich, schon zum Unterricht. Ich wartete auf sie, doch sie kam und kam einfach nicht. Als es dann endlich an der Tür klopfte, machte ich sie freudig auf, aber anstatt Mey standen die drei Jungs aus meinem Traum vor der Tür. „Was wollt ihr?“, fragte ich.

Schwärze.

 

Vor mir auf dem Tisch lag ein Brief. Gerade als ich ihn aufklappte, kamen Mark und die anderen beiden und rissen mir den Zettel, der wohl von Marie stammte, aus der Hand.

Was haben wir denn hier?“ Mit einem hämischen Grinsen holte Mark ein Feuerzeug aus seiner Tasche und hielt es unter den Brief. „Willst du das wieder?“ Sein Lachen klang schrecklich, doch ich zeigte keine Reaktion. Ich wollte ihnen nicht noch einen Erfolg gönnen.

Er zündete den Brief an. Doch bevor er ganz in Flammen aufging, konnte ich noch die Wörter schon weg und Termin erhaschen. Es schien sie zu ärgern, dass ich nicht reagierte, nicht versuchte, den Brief zu retten, aber ich wusste ja bereits, was drinstand.

Plötzlich schlug Mark mit voller Wucht auf den Tisch. Ich zuckte zusammen.

„Ey du dumme Schlampe! Tu nicht so, als würdest du uns nicht bemerken!“ Mittlerweile schaute die ganze Klasse zu. Ich beachtete sie nicht. Die Pause war fast vorbei. Nur noch ein paar Minuten würde ich das Ganze ertragen müssen. War ein Lehrer dabei, ließen sie mich in Ruhe.

Endlich klingelte es zu den letzten beiden Stunden. Auf einmal spürte ich einen stechenden Schmerz im Gesicht. Schockiert schaute ich zu den Jungs hoch. Einer von ihnen hatte mir eine gescheuert. „Beachtest du Miststück uns endlich?“ Ich starrte ihn an. Konnte nichts sagen. Der Schmerz zog sich durch mein gesamtes Gesicht. Ich blieb still. Gerade, als er mir noch eine scheuern wollte, kam der Lehrer. Eric tippte Mark auf die Schulter, der seine Hand schnell wieder sinken ließ. „Glück gehabt“, flüsterte er. „Aber nach dem Unterricht wirst du sehen!“, fügte er hinzu und ging dann zu seinem Platz. Schreckliche Angst machte sich in mir breit. Auch wenn sie mich seelisch fertig machten, so gewalttätig sind sie früher nie gewesen.

 

Als ich wieder zu mir kam, stand ich noch immer vor der offenen Tür. Die Tür, die ich geöffnet hatte, weil ich dachte, Mey sei zurück. Die Jungs, die an ihrer Stelle

aufgetaucht sind, waren nun verschwunden. Ich fragte mich, wie lange ich hier schon stand und beschloss, etwas Sinnvolleres zu tun, bis Mey wiederkehren würde. Aber das war nicht nötig, denn nur einen kurzen Augenblick später trat sie durch die Tür.

„Ah du bist schon wach!? Geht es dir denn besser?“, fragte sie leicht besorgt. „Du bist ziemlich blass.“

Ich schüttelte den Kopf und erzählte ihr von all den seltsamen Träumen der letzten Tage. Erzählte ihr, dass ich auch tagsüber schon halluzinierte, und dass ich nicht wusste, was ich machen soll.

„Vielleicht versuchen bestimmte Erinnerungen mit Gewalt wieder an die Oberfläche zu gelangen?“ Sie setzte sich auf das Bett und legte einen Arm um mich.

„Ich habe Angst“, gestand ich ihr. „Angst vor dem, was noch passiert.“

Daraufhin legte sie auch ihren zweiten Arm um mich. „Ich werde für dich da sein.“ Sie drückte mich an sich. „Ich werde auf dich aufpassen!“

Dankbar erwiderte ich ihre Umarmung. Irgendwie erinnerte sie mich an Marie, das Mädchen aus meinen Träumen.

„Versuch noch mal zu schlafen“, riet sie mir und fügte hinzu: „Ich werde an deiner Seite bleiben und deine Hand halten. Du brauchst also keine Angst haben. Ich bin da, falls du mich brauchst, vergiss das in deinem Traum nicht. Vielleicht können wir so alles beenden!“

Ich nickte, gab ihr einen Kuss auf die Wange und legte mich hin. Sie selber schnappte sich einen Stuhl und setzte sich neben das Bett. Ihre Hand, die meine hielt, hatte eine beruhigende und einschläfernde Wirkung auf mich.

 

Das Läuten der Klingel riss mich aus meinen Träumen.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende“, hörte ich den Lehrer noch sagen, bevor er aus der Tür verschwand und uns zurückließ. Ich packte schnell meine Sachen und rannte ihm hinterher, aber er war schon weg. Manchmal hatte ich das Gefühl, er verschwand immer so schnell, um nicht in die Mobbereien der Klasse reingezogen zu werden.

Schnellen Schrittes entfernte ich mich von der Schule. Die Drohung der Jungs vernebelte mir die Gedanken. Meine Angst trieb mich voran. Doch schon bald hörte ich ihre Stimmen hinter mir.

„Warte Kathyleinchen. Du hast was vergessen.“ Die Stimme von Max war voller Sarkasmus. Ich drehte mich kurz um, und als ich die Baseballschläger in ihren Händen erblickte, packte mich die Panik und ich rannte.

Ich wusste, dass ein paar Blocks weiter eine große Kreuzung kommen würde. Dort konnten sie mir nichts anhaben. Es waren zu viele Leute da. Ich rannte schneller.

Noch nie hatte ich so eine Panik verspürt wie in diesem Moment.

„Los, hinterher!“, hörte ich einen von ihnen brüllen. Die anderen lachten.

Ich warf einen Blick über die Schulter. Sie waren keine dreißig Meter mehr von mir entfernt.

Die Kreuzung musste gleich kommen. Adrenalin schoss mir durch die Adern. Ich wurde schneller und hörte, dass die anderen sich entfernten.

„Warte!“, schrien sie. Ich konnte kaum noch atmen. Meine Kondition war nicht die beste. Vor Erschöpfung schloss ich einen Moment die Augen.

Wieder hörte ich einen Schrei:„Warte!“ Jedoch klang die Stimme diesmal anders, und als ich mich umdrehte, waren die Jungs verschwunden und Mey rannte an ihrer Stelle hinter mir her. „KATHY PASS AUF!!“, schrie sie. Ihre bange Stimme ließ mich stehen bleiben.

DER LASTER!!“ Automatisch drehte ich meinen Kopf in die Richtung, in die sie zeigte und sah einen riesigen LKW auf mich zukommen. Entsetzt sprang ich zurück, doch der LKW erwischte mich an der Seite, und ich flog im hohen Bogen einige Meter. Der Flug kam mir vor, als würde ich ihn in Zeitlupe erleben. Ich schaute nach Mey, doch sie war schon wieder weg.

Stattdessen sah ich die geschockten Gesichter dreier Jungs. Ich dachte noch, wie froh ich sein konnte, dass Mey mich rechtzeitig gewarnt hatte. Dann der Aufprall und ein unerträglicher Schmerz…

 

Ich wusste, ich war verletzt. Ich wusste, es war schlimm. Ich wusste, ich müsste tot sein… Und doch war ich es nicht.

„Kathy!“ Meys Stimme. Wollte sie mich wecken? Ich wollte nicht, war zu müde.

Sie schluchzte. „Bitte Kathy.“ Ihr Gesicht tauchte vor meinem inneren Auge auf. Sie weinte. Das wollte ich nicht. „Kathy, bitte wach auf. Stirb nicht! Bitte!“ Tränen liefen ihr über die Wangen. Während sie weinte, fing sie an sich aufzulösen.

„Nein! Warte Mey!“, schrie ich. „Geh nicht! Ich tue alles, aber verlass mich nicht.“

Ich streckte eine Hand nach ihr aus, erreichte sie aber nicht.

Sie war kaum noch ein Schatten ihrer selbst, als sie leise wiederholte: „Stirb nicht.“

Egal, wie müde ich war, wenn ich sie wiedersehen wollte, musste ich aufstehen. Meine verdammten Augen öffnen. Und so schwer es mir auch fiel, ich tat es, öffnete sie und vor mir erblickte ich Meys Gesicht. Mit ihrem typischen, glücklichen Lächeln schaute sie mich an. „Danke!“, war das einzige und letzte, was sie von sich gab, bevor sie wie eine verlorene Seele in Maries Körper wanderte, die mit sorgenvoller Miene neben meinem Bett stand.

Marie, meine beste Freundin.

Als sie sah, dass ich aufgewacht war, schossen ihr die Tränen in die Augen.

„Ich habe mir solche Sorgen gemacht“, schluchzte sie mir ins Ohr und ließ ihren Tränen freien Lauf. „Als ich vom Unfall hörte, bin ich sofort zu dir ins Krankenhaus. Ich hatte solche Angst, ich würde dich verlieren.“

„Danke!“, sagte ich zu ihr, wie zuvor Mey zu mir. „Danke, dass du immer für mich da bist.“

Sie war wirklich immer für mich da. Selbst in der Traumwelt, so begriff ich, hatte sie mich als die wundersame Mey begleitet.

„Ach! Ich hab hier noch was für dich“, sagte sie, als sei es ihr eben erst wieder eingefallen.

Sie überreichte mir eine Karte. Als ich anfing, sie zu lesen, zitterten meine Hände.

„Es tut uns leid, was dir passiert ist. Wir wollten dich nicht verletzen mit den Schlägern. Nur Angst machen. Hätten wir geahnt, was passiert, hätten wir das nie gemacht. Es tut uns aufrichtig Leid. Wir werden so etwas nie wieder tun, und dich von nun an in Ruhe lassen.“ Darunter waren die Unterschriften von Mark, Eric und Max gesetzt und auf der anderen Seite die Unterschriften der gesamten Klasse.

Ich war glücklich und erleichtert zugleich. Es würde sicher dauern, bis ich ihnen verzeihen konnte, aber die Entschuldigung war ein guter Anfang.

Und als ich so darüber nachdachte, fiel mir ein, dass Mey Recht hatte.

Gemeinsam hatten wir es geschafft, diesen Albtraum zu beenden.

Es war nun endlich vorbei!