shadow

Lichtlos im Kerzenschein

von Susan Seddiq-Zai, 20 Jahre

Es war der Tod. Er sah den Tod. Er kam näher, näher, immer näher. Er rannte in den Tod und der Tod war in Wilhelmsburg nass. Eisig kalt war es, und er lief, schwamm, lief, stolperte durch die Nacht. Auf dem Weg nach Haus, auf dem Weg in Sicherheit. Und auf der Flucht vor dem Tod rannte er durch den Tod.

Ihre Tränen hallten durch den Raum, unüberhörbar, kaum wahrnehmbar, überall. Lauter, lauter, leiser, nur einen Atemzug lang. Dunkel war es, nur Geflüster, die Schreie des Sturms, das Weinen der Frau, tiefe, schwarze Finsternis.
Eine Kerze flackerte, das Wasser tobte, der Wind sang sein Lied der Zerstörung, und es war so schön. Wunderschön.

Schön, wie er lief und lief, und er bewegte sich nicht von der Stelle. Herumgeworfen, geschleudert, kam kein bisschen weiter. Nicht voran, nicht zurück. Immer in Bewegung, bewegungsunfähig.
Und die Welt war nass, nass, nass. Es regnete nicht. Es wollte einfach nicht regnen. Unvergesslich, unbeschreiblich, atemberaubend.
Sie hörte nicht auf zu weinen. Wieso hörte sie nicht auf zu weinen? Träne um Träne, saß sie da und lauschte dem Wind.
Bis sie atemlos war, bis er atemlos war.

Überall Wasser, keine Luft, nur Wind, Wind, Wind, ohne Luft, und er dachte an den Fernseher. Wer rettet den Fernseher?!
Stärker, stärker, immer stärker. Eisig kalt, die Stimmung gefroren, Geflüster, Geflüster, Geflüster, die Lampe schwingt hin und her. Hin und her. Unbrauchbar, lichtlos, im Kerzenschein.

Unterwegs, Haus um Haus, weiter, weiter, weiter, taub vor Schmerz, taub vor Angst, in Erwartung. Hoffend, hoffend, betend. Er läuft weiter.
Die Lampe schwingt, die Kerze flackert. Schweigen, ein letzter Schritt, ein stummer Schrei, dann Stillstand. Der Damm ist gebrochen.

Und auf ein Neues, Schreie, Schreie. Schritte, Tränen, Schritte, Tränen, nichts anderes die ganze Nacht lang.
Der Fernseher ist aus. Und langsam, quälend langsam geht er unter. Dann ist es vorbei.
Von den Füßen gerissen, getrieben, sieht er nur noch Wasser, Mond, Wasser, Mond, und dann nichts mehr. Verschwommenes, dunkles, klares Nichts. Ein letzter Blick zum Mond. Flehend, flehend, hoffnungslos.
Im Haus nebenan spielen Kinder.

Eine Kerze wird angezündet, von einer Fremden, einer Nachbarin, sie weiß es nicht mehr. Ihre Tränen versiegten.
Die Kerze brannte und brannte, und sie weinte, und er lief, lief, und der Sturm tobte und tobte, und die Nacht fand kein Ende.
Dann kam der Regen, und es war vorbei.
Ein Hauch von Schicksal lag in der Luft. Und das war die Geschichte von zwei Liebenden, die niemals aufeinander treffen würden.