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Lieber tot, als gar nicht leben

von Susan Seddiq Zai

Ich bin tot und liege auf dem Grund des Veringkanals. Wie ich gestorben bin, weiß ich nicht, nur dass ich auf einmal mausetot dagelegen habe. Dabei bin ich mir nicht einmal sicher, ob ich wirklich den Löffel abgegeben habe, aber da ich schon eine sehr, sehr lange Zeit im Wasser liege, gehe ich davon aus, dass es so sein muss. Aber man kann ja nie genau wissen, bei solchen Dingen.
Mir ist jedenfalls bewusst, dass ein Mensch, also, ein lebendiger Mensch, nur damit keine Missverständnisse aufkommen, atmen muss. Und ich tue das nicht. Sauerstoff in Kohlendioxid umwandeln, meine ich. Eigentlich tue ich den ganzen Tag gar nichts, außer die Fische beobachten und, nun ja, tot sein.
Einige von euch würden jetzt vielleicht gerne mit mir tauschen, bei dem Gedanken an ein Leben vollkommen ohne Arbeit und Verantwortung und ohne andere Menschen, die die Ruhe stören könnten. Ich führe eben das perfekte Leben oder besser das perfekte Nicht-Leben.
Vor allem wenn man bedenkt, dass jährlich Millionen von Euros von Reisenden verplempert werden, die Schnorcheln gehen wollen. Ich käme nie auf die Idee, fürs Schnorcheln auch nur einen Cent hinzulegen. Was möglicherweise daran liegen könnte, dass ich eine Sache gelernt habe, seit ich hier unten bin: Fische sind öde. Und wenn ich öde sage, dann meine ich auch öde. Sie tun den ganzen Tag nichts weiter als mich mit ihren großen Glubschaugen anzustarren und ein paar Blubberblasen zu machen.
Wie dem auch sei, sicherlich ist keiner hier besonders interessiert daran, was Fische so treiben. Vor allem da sie nicht treiben, sondern schwimmen. Hier könnt ihr bitte alle klatschen für mein erstaunlich intelligentes und vollkommen spontanes Wortspiel. Ich bin selbst ganz begeistert von mir.
Aber um die Geschichte weiterzuführen, muss ich gestehen, dass ich nicht nur keine Ahnung habe, wie ich auf den Grund des Kanals gelangt bin. Nein, ich weiß nicht einmal, wer ich bin. Eine Tatsache, die schrecklich unangenehm für mich ist. Es ist furchtbar mit jemandem Zeit verbringen zu müssen, von dem man überhaupt nichts weiß.
So kann ich nicht einmal Selbstgespräche führen, da ich nicht weiß, wie ich auf Antworten und Fragen meinerseits reagieren würde. Ich weiß ja nicht mal, ob ich der Typ für Selbstgespräche bin.
Jedenfalls wüsste ich sehr gerne, wer ich gewesen bin, bevor aus mir eine untote Kanalleiche geworden ist. Mich würde auch interessieren, wie ich gestorben bin. War mein Tod ein Unfall? Bin ich Schwupps in den Kanal gefallen und tot war ich?
Ich schließe diese Theorie aus, da an meinem Körper ein Gewicht hängt, das mich fest am Grund hält. Außerdem klingt das echt traurig. Er ging am Kanal entlang. Dann fiel er rein. Dann war er tot. Nee, so soll meine Geschichte nicht sein.
Dementsprechend muss es entweder ein Selbstmord oder ein Mord gewesen sein. Was natürlich so richtig aufregend ist. Da will ich noch dringender wissen, wer ich gewesen bin. Schließlich muss sich demnach jemand Mühe gemacht haben, mich umzubringen oder es gab etwas, das mich in den Selbstmord getrieben hat.
Im Moment bin ich allerdings zufrieden mit meiner Existenz, denn wenn man mal davon absieht, dass ich keinerlei Erinnerungen an mein vorheriges Leben hatte, ist der Tod gar nicht so übel.
Sogar an die grünbräunliche Brühe, in der ich liege, habe ich mich gewöhnt. Es war anfangs komisch, alles durch einen grünen, nebligen Schleier zu sehen, der von kleinen Insekten und Abfall durchzogen war, aber hey, zu Hause ist, wo man zu Hause ist. Ich finde aber, dass es mir um einiges besser geht, als ner ganzen Menge anderer Leute.
Jedenfalls war das so, bis sich eines schönen Tages alles für mich änderte und meine Kanalwelt auf den Kopf gestellt wurde.

Ich weiß noch, dass es Nacht gewesen sein muss, da sich eisige Kälte wie eine unnachgiebige Faust um mich gelegt hatte. Es war dunkel, nur die Sterne und der Mond, einem grauen Hoffnungsstrahl gleich, schienen blass vom Himmel hinunter und erhellten die Triste der Nacht.
Haha, tut mir Leid wegen all dieser poetischen Bilder, aber wenn man tot im Kanal liegt hat man ne Menge Zeit dafür, sich sowas auszudenken. Mitunter wird der Gesprächsstoff hier unten knapp, wisst ihr.
Jedenfalls begann alles damit, dass die Ruhe, die bei Nacht herrschte, durchbrochen wurde, durch ein Geräusch, das ich um die Zeit sonst nicht hörte. Es überschattete alles, was normalerweise am Kanal zu vernehmen war. Das Rascheln der Ratten, der Wind, der durch die Trauerweiden am Kanal fuhr und das trübe Kanalwasser, das vor sich hinplätscherte.
Es waren die Schritte eines Mannes, der sich schwerfällig und langsam dem Kanal näherte, bis er mit den Schuhen im feuchten Gras stand. Ich hörte es mehr, als das ich in der Dunkelheit sah.
Er beugte sich vor und ganz sanft, ganz langsam, beinahe zärtlich ließ der Mann etwas in den Kanal gleiten. Etwas, das die Fische dazu bewog, in alle Richtungen zu fliehen. Mit einem dumpfen Geräusch traf es den Grund und brachte den Boden unter mir leicht zum Vibrieren.
Es wurde einen Augenblick lang still, und ich lauschte nach etwas, das mir verriet, ob der Mann verschwunden war. Hätte ich ein schlagendes Herz besessen, dann hätte es mir sicherlich bis zu den Ohren gepocht.
So kam es, dass ich gerade noch seine Worte vernehmen konnte. „Ich hatte dich wirklich gern“, sagte er. Als ich ihn sprechen hörte, stieg das dringende Bedürfnis in mir auf, das Gesicht zu verziehen.
Es dauerte einige Momente, bis mir klar wurde, was mit mir geschah. Mein Unterbewusstsein reagierte auf die Stimme des Mannes. Es war unfassbar, einfach aus dem Grund, dass ich sonst nie etwas spürte. Nicht die Bewegung der Wellen auf meiner Haut, nicht den Geschmack des Wassers, das zweifellos in meine Nase und meinen Mund eingedrungen war.
Ich reagierte nie auf etwas. Auch nicht auf Menschen oder ihre Stimmen. Und Leute hörte ich den ganze Tag lang viel. Sie liefen häufig an meinem Kanal entlang, und ich hatte alle Hände voll damit zu tun, sie auszublenden.
Aber diese Stimme ging mir unter die Haut, sie weckte etwas in mir, den Hauch einer Erinnerung, das Gefühl, das ich sie kannte, vorher schon mal gehört hatte. Es fühlte sich nicht gut an, eher Furcht einflößend, aber es war besser als die Leere, die ich sonst fühlte.
In jenem Augenblick beschloss ich, dass ich unbedingt wissen musste, woher ich den Mann kannte. Diese Entscheidung traf ich aber nicht nur, weil ich wusste, dass es irgendeine Verbindung zwischen mir und dem geheimnisvollen Kerl gab, sondern weil mir dämmerte, was er im Kanal hatte verschwinden lassen.
Rückblickend kann ich sagen, dass alles was danach geschehen ist, auf diesen Moment zurückzuführen war. Denn in jener schicksalhaften Nacht hatte ein weiterer Mensch im Veringkanal sein Leben verloren.

Nach dem die Leiche im Kanal gelandet und der Mann verschwunden war, stellte sich heraus, dass es gar nicht so einfach werden würde, meinen Entschluss in die Tat umzusetzen.
Schließlich konnte ich nicht einfach mal rüber gehen zur anderen Leiche, mich vorstellen und fragen, wer denn der Mann war, der sie so freundlich zum Kanal begleitet hatte.
Nicht das ich überhaupt ne Ahnung gehabt hätte, als was ich mich vorstellen sollte. Vielleicht als die Kanalleiche von neben an, aber das wäre sicher nicht sehr einfühlsam gewesen. Und man weiß ja nie, wie andere auf den Tod reagieren. Es kann ja nicht jeder alles so locker nehmen wie ich.
Jedenfalls lag die Leiche da und ich konnte keinen Kontakt aufnehmen. Ich habe mich sehr angestrengt dabei, die große Kunst der Gedankenübertragung zu erlernen und bin kläglich gescheitert.
Ich konnte also nichts weiter tun, als die Leiche anzustarren. Sie war eine junge Frau gewesen, blond, schlank und vielleicht sogar mal hübsch, aber in der Brühe hier sah sie nicht sonderlich attraktiv aus.
Ich fragte mich, ob ich Ähnlichkeiten mit ihr hatte. Es lag nahe, da der Mann, unser Mörder – wer sonst sollte bitte im Besitz der Körper sein und sich dann die Zeit nehmen, diese verschwinden zu lassen? –wahrscheinlich eine Art Serienkiller war. Einer, der seine Opfer gerne im Kanal verschwinden ließ, und diese Art von Mörder hatte oftmals ein gewisses Beuteschema. Jedenfalls ergebe das einen Sinn. Man tötet schließlich nicht irgendwen, nur weil man grad Lust drauf hat, denn wenn man es tut, hat man ernsthafte Probleme. Falls ihr also jemals in so eine Situation kommt und aus Spaß jemanden umbringt, dann solltet ihr wirklich einen Therapeuten aufsuchen. Echt jetzt.
So verging die Zeit damit, dass ich grübelte und nichts tat. Nur diesmal war es noch unerträglicher, da ich einen Anhaltspunkt gefunden hatte und trotzdem nichts tun konnte. Die einzige Verbesserung meiner Lage, nach dem Eintreffen der Leiche war, dass es einfacher wurde, einen Überblick darüber zu bekommen, wie viele Tage wirklich vergingen, denn an dem körperlichen Zerfall konnte ich das relativ gut erkennen. Meine Nachbarin gammelte nämlich vor sich hin.
Ich lag also da und war wieder in dem furchtbaren Kreislauf des Nichtstuns gefangen und man könnte jetzt meinen, dass meine Geschichte hier, an dem Mangel von Handlungsfähigkeit des Hauptprotagonisten scheitert und ein Ende findet, aber dem ist nicht so. Zum ersten Mal schien das Glück mir hold zu sein. Oder mein Mörder war einfach kranker als ich anfangs angenommen hatte, denn er kam zurück, um mich aus dem Kanal zu holen.
Es war einige Zeit lang vollkommen dunkel, aber mir war vage bewusst, dass ich zusammen mit der anderen Leiche in einen Plastiksack gestopft und in den Kofferraum eines Autos bugsiert wurde. Das waren ja Zustände hier. Erst einen töten und dann noch die Körper schänden.
Die Tote und ich waren dicht aneinander gepresst und das hätte mir besser gefallen, wenn sie nicht angefangen hätte zu schimmeln. Aber ich durfte mich nicht beschweren, ich konnte kaum in einem besseren Zustand sein als sie.
Aber daran versuchte ich nicht zu denken und konzentrierte mich auf das, was passiert war, nachdem ich die Stimme des Mörders gehört hatte. Ich hatte nicht genau mitbekommen, was gesagt wurde und hatte angenommen, dass er mit einer weiteren Leiche gekommen war. Ich konnte ja kaum ahnen, dass er uns rausziehen lassen wollte.
Es war ein junger Mann gewesen, der uns raus gefischt hatte und er sah aus wie ein Taucher, mit Taucheranzug und der ganzen Ausrüstung. Gleich im Wasser hatte er uns ganz professionell die Gewichte entfernt und uns dann befreit.
Alles war ganz schnell, still und heimlich von statten gegangen, woraus ich schlussfolgerte, dass die Bergung nicht spontan, sondern bis ins kleinste Detail geplant und ausgeführt wurden war. Aber ich konnte mir beim besten Willen nicht denken, warum wir rausgeholt wurden. Schließlich lagen wir gut, aber ich will mich nicht beschweren.
Auch die restliche Zeit über blieb ich vollkommen im Dunkeln und das nicht nur buchstäblich. Und als ich das nächste Mal wieder sehen konnte, lag ich in einer Art Kiste und wurde direkt angestarrt.
Es dauerte einige Sekunde bis sowohl meine Sicht, als auch mein Kopf klarer wurden. „Das ist ja widerlich!“, sagte die junge Frau, die ungefähr im selben Alter wie meine Leichenfreundin sein musste und den Blick nicht von mir ließ. „Aber so richtig!“
„Dann mach halt die Scheißtür wieder zu! Ich hab echt keinen Bock darauf, dass das ganze Haus jetzt anfängt zu stinken!“, schnauzte ein Typ, der neben ihr aufgetaucht war. Ich konnte ihn als den Taucher identifizieren und war mir sicher, dass es ein anderer war, als der Mörder, dessen Stimme ich gekannt hatte.
Er knallte die Schiebetür zu und mir wurde klar, dass ich nicht in irgendeiner Kiste, sondern in einer Kühltruhe lag. Zwei Leichen in mitten von Eis und Tiefkühlpizza. Das war echt makaber und ich fragte mich kurz, ob sie uns hier hergebracht hatten, um uns aufzuessen. Aber das kam mir dann doch unwahrscheinlich vor, hätten die uns nämlich essen wollen, dann hätten wir uns den Ausflug in den Kanal sparen können.
Ich sah jedenfalls mein neues zu Hause als eine Verbesserung meiner vorherigen Situation an, denn ich saß jetzt direkt an der Quelle und konnte durch die gläsernen Türen alles beobachten. Die Tote, die unter mir lag, hatte nicht so viel Glück.
So konnte ich mir die neue Umgebung anschauen und fand schnell heraus, dass sich die Truhe in einem Hobbykeller befinden musste, denn der Raum war fensterlos und prall gefüllt, mit einem Billardtisch, diversen Sportgeräten und einem großen Bildschirm. Ein wahrer Männertraum eben.
Mich interessierte das alles aber herzlich wenig, denn meine Aufmerksamkeit galt dem klapprigen Tisch in der Mitte des Raumes, der aussah als käme er direkt vom Sperrmüll. Aber welches Recht erlaubte sich eine Kanalleiche, etwas zu kritisieren, nur weil es schimmlig war. Urgh, ich wollte gar nicht wissen, in welchem Zustand ich war. Da bekam sicherlich das Wort Gammellook eine ganz neue Bedeutung.
Also konzentriere ich mich auf die drei Personen, die um den Tisch herum saßen. Das Mädchen, das mich so ekelhaft fand, zusammen mit dem Taucher und einem fremden Kerl, bei dem ich stark davon ausging, dass er der Mörder war. Er sah nämlich nicht nett aus. Er war groß, breit und erinnerte stark an einen Bösewicht aus einem Film. Außerdem guckte er böse.
„Die können hier nicht bleiben. Ernsthaft jetzt, wir müssen uns was anderes ausdenken!“, sagte der Taucher. Er war schmal, nicht so kräftig gebaut wie der andere, aber sportlich. Jedenfalls sportlich genug, um zwei Leute aus nem Kanal zu ziehen.
„Ja, klar denken wir uns noch was anderes aus“, schnaubte das Mädchen. Bei dem hellen Licht der Neonröhren konnte ich erkennen, dass die drei jünger waren, als ich anfangs geschätzt hatte, vielleicht Anfang Zwanzig.
„Ich finde das auch nicht gut, aber wir konnten die ja schlecht im Kanal liegen lassen, wenn die da jetzt alles umbuddeln“, fuhr sie fort. Beim Sprechen klirrten ihre Ohrringe, die von ihren kurzen, knallroten Haaren umrandet wurden.
So war das also. Der Kanal sollte umgebaut werden und das passte den dreien wohl nicht gerade in den Kram, denn wenn wir gefunden wurden wären, hätten die sich gleich mit in den Kanal schmeißen können.
Tja, liebe zukünftige Mörder, bitte unbedingt merken: Wenn man jemanden in einen Kanal schmeißt, sollte man sich vorher informieren, sonst endet das Versteckspiel mit vergammelten Tiefkühlleichen neben dem Mittagessen. Was soll ich sagen, hier lernt man eben richtig was fürs Leben.
Dabei muss ich ehrlicher Weise zugeben, dass ich erleichtert darüber bin, dass sie uns tatsächlich nicht essen wollten. Das wäre sicher nicht sehr angenehm gewesen. Ich meine auch wenn ich nur eine tote Existenz bin, hab ich keine Lust im Verdauungstrakt eines Menschen zu enden. Als Leiche in einem verschmutzten Kanal und ner rottenden Person nebenan ist man zwar so einiges gewohnt, aber das ist dann sogar für mich ein bisschen zu eklig.
Mittlerweile schien der Taucher sich immer mehr aufzuregen, darüber, dass er uns beherbergen musste. Ich hätte das ganze sicherlich nicht ganz so eng gesehen, schließlich hatte doch jeder seine Leichen im Keller, manche ein bisschen gammliger als andere. So ist das im Leben.
„So war die Abmachung“, knurrte der Mörder. Ich wusste zwar nicht ganz sicher, ob der Typ wirklich der Mörder war, aber da mein Körper wieder anfing unangenehm zu kribbeln bei seiner Stimme, lag die Vermutung nahe. Sonst würde ich nicht so stark auf ihn reagieren. Ich wollte ihm jedenfalls nicht bei Nacht begegnen, was nicht nur daran lag, dass er sich einen Spaß daraus machte, arme, unschuldige Leute in den Kanal zu werfen, sondern an seiner gruseligen Art.
„Wir hatten gleich gesagt, dass du auch mal was machen musst!“ Er war aufgestanden und hatte sich vor dem Taucher breit gemacht. Der Mördertyp klang bedrohlich und ich fragte mich kurz, wie die drei zusammen gekommen waren. Wie Freunde klangen sie nicht, dafür waren sie zu verschieden.
Ein Mädel, ein Weichei und ein Muckiemann, bei dem man schon beim Hinsehen alleine ahnen konnte, dass er ungefähr so viel Hirn besaß, wie die Fische, mit denen ich sonst immer so abhing. Er hätte sicher besser auf den Grund des Kanals gepasst als ich. Da hätte er mal jemanden auf seinem Niveau zum Reden.
Jedenfalls passte das Ganze irgendwie nicht. Aber ich konnte mich auch irren und die Drei gehörten einer kranken Sekte an, bei der Leute in Kanäle geworfen werden. Wäre jedenfalls möglich.
„Ich hab die beiden schon rausgeholt. Keiner von euch hätte das machen können. Ganz ehrlich, ich mach nicht mehr mit bei der Scheiße. Ich meins ernst, morgen nehmt ihr die beiden mit und verpisst euch“, beharrte der Taucher und einen Moment lang war ich beeindruckt von seinem Mut. Oder nannte sich das Todeswunsch?!
Auch der Kleine schien nicht mehr so sicher, denn er blickte immer wieder zu Tür, so als würde er abwiegen, wie groß seine Chancen waren, abzuhauen, wenn es hart auf hart kam oder als würde er erwarten, dass in jeder Sekunde die Polizei reinstürmen könnte.
Das war natürlich typisch. Erst einen auf großen Macker machen, Leute umbringen, sie in den Kanal werfen, wieder rausholen, in eine Kühltruhe stecken und dann kalte Füße bekommen. So was hat man ja gern. Da wünschte ich mir, dass er mal eine Nacht im Kanal verbrachte oder in der Eistruhe, dann wusste er mal, was kalte Füße bedeuteten.
Das einzige weibliche Mitglied der Truppe schien mir zuzustimmen. „Flipp, hör auf dir in die Hose zu machen. Du weißt, dass wir nichts anderes machen können. Die Polizei sucht immer noch nach Krissi. Markus und ich sind im Visier der Ermittlungen. Du bist der einzige von uns, der nichts mit ihr zu tun hatte und du hast ein Alibi. Bei dir werden die ganz sicher nicht suchen“, beschwichtigte sie.
„Und du weißt auch noch, was mit Krissi passiert ist. Du solltest nicht denselben Fehler machen wie sie“, drohte der Mörder, der anscheinend Markus hieß.
„So meinte ich das nicht“ Der Taucher wurde defensiv. „Ich will einfach keine Toten im Haus haben. Meine Eltern kommen in einer Woche zurück und bis dahin müssen die echt weg sein. Außerdem ist meine Oma da, was wenn sie die beiden findet?“ „Deine Oma ist doch sowieso halbtot, als ob die überhaupt die Treppen runterkommt.“, fuhr Markus dazwischen.
„Wir überlegen uns schon was Neues!“, beschwichtigte das Mädchen schnell, als sie spürte, dass ein Streit zwischen den beiden Jungs auszubrechen drohte. „Aber jetzt sollten wir uns trennen. Besser, keiner weiß, dass wir uns so gut kennen.“ Hmm, das reimte sich. Ist ja mal wieder typisch, dass mir sowas als erstes auffällt.
Damit verschwanden die drei aber und ließen mich zurück, während ich versuchte das Gehörte, zusammenzusetzen. Da war zum einen der Name Krissi gefallen. Einen Moment lang spielte ich mit dem Gedanken, dass ich Krissi sein könnte, verwarf das aber schnell wieder. Es musste die Tote aus dem Kanal sein, denn die Polizei würde eher nach ihr suchen, als nach mir, da sie noch nicht so lange verschwunden war, wie ich und dementsprechend noch Hoffnung für sie bestehen könnte.
Aber das war nicht das Einzige was ich aufgeschnappt hatte, etwas anderes war mir auch aufgefallen: Markus hatte Krissis Namen als Warnung ausgesprochen. Er hatte Flipp, den Taucher, praktisch damit gedroht, dass ihm dasselbe Schicksal widerfahren könne wie ihr. Das konnte nur bedeuten, dass sie zur Bande gehörte und ausgestiegen war. Woraufhin die drei sie zum Schweigen gebracht hatten.
Damit hatte ich schon mal geklärt, wer die Tote aus dem Kanal war und auch das Motiv hinter ihrer Tötung war klar. Jetzt blieb nur noch die Frage, was das Ganze mit mir zu tun hatte. Bevor ich dem aber nachgehen konnte, so gut wie meiner Situation eben möglich, wurde ich unterbrochen. „Ist da jemand?“, krächzte eine Stimme. Ja, zwei Tote in ner Eistruhe, aber ich glaubte kaum, dass danach gefragt wurde.
„Kommen sofort raus oder ich rufe die Polizei!“, wurde wieder gerufen, wahrscheinlich von einer älteren Dame. Da musste ich fast lachen. Das hätte ich ja gerne gesehen, wie sie die Polizei rief, um anschließend den Inhalt der Kühltruhe erklären zu müssen.
„Welche Kühltruhe?“, fragte die Frau, ihre Stimme klang brüchig und kränklich. Hatte sie mich etwa gehört? „Natürlich höre ich Sie! Kommen Sie raus!“ Mir blieb fast die Spucke weg. Wie war das möglich?! Wie konnte es sein, dass mich jemand verstand und mit mir sprechen konnte?!
Aber ich wollte nicht langer darüber nachdenken, ich musste handeln, jetzt da mir diese einmalige Chance geboten wurde. Ich bin hier unten! Ich kann nicht raus, dachte ich also ganz fest und versuchte meine Gedanken an die Frau zu übermitteln. Bitte helfen Sie mir. Oder rufen Sie die Polizei!
„Ich komme runter“, murmelte sie und sofort öffnete sich die Kellertür. Ich hörte wackelige, kleine Schritte, begleitet von Schnaufen, als eine sehr alte Dame auftauchte, die völlig außer Atem das Gesicht verzog.
Ich kam mir vor, wie in einem Horrorstreifen, in dem man jemanden in einen Keller lockte, um ihn anschließend in eine Kühltruhe zu stecken. Oder einen Kanal. Aber das war ja alles schon mir passiert, sie brauchte also keine Angst davor haben. Die alte Dame konnte wirklich froh sein, dass ich der Gute war, der Held. Bei mir hatte sie jedenfalls nichts zu befürchten.
Hier! In der Kühltruhe! Kommen Sie zu Kühltruhe, dachte ich anschließend, als ich mich daran erinnerte, dass sie mich ja hören konnte. Die Gedanken eben waren nicht wirklich Vertrauen erweckend oder einladend.
Die alte Dame kam näher und blieb vor dem Eisfach stehen ohne Hinunterzugucken. „Wo sind Sie?“, fragte sie und klang beunruhigt, als erwarte sie, ich würde plötzlich mit einem Messer bewaffnet aus einer Ecke springen. Gucken Sie nach unten, vermittelte ich ihr.
Sie schaute auf die Truhe und unsere Blicke trafen sich. Hallo, dachte ich zur Begrüßung, schön Sie kennen zu lernen. Ich wollte ja höflich sein, im Kanal zum Beispiel hatte ich immer versucht, jeden Fisch einzeln zu begrüßen. Ein schwieriges Unterfangen, da alle ziemlich gleich aussahen, aber nicht unmöglich. Ich hatte ja Zeit gehabt.
Die alte Frau stieß einen markerschütternden Schrei aus, stolperte nach hinten und griff sich an die Brust. Die Augen weit aufgerissen, schnappte sie nach Luft. Oh, oh. Das sah nicht gut aus. Bitte beruhigen Sie sich, sprach ich ihr gut zu. Beruhigen Sie sich doch, es ist alles okay.
Aber es war zu spät. Sie sank tot in sich zusammen.
Stehen Sie wieder auf! Ich will hier raus!, rief ich, so laut, dass es sich fast so anfühlte, als würde ich mich dabei bewegen. Ich konnte nicht fassen, dass ich meine einzige Chance hier raus zukommen verloren hatte.
Im nächsten Moment drehte sich alles in mir und mir wurde kurz schwarz vor Augen. Dann starrte ich die Decke des Kellers an. Mein Rücken tat weh, meine Glieder waren schwer und jeder Atemzug schmerzte. Ich stöhnte. Dann hielt ich inne. Atemzug?! Was sollte das denn heißen? Eine weitere Sekunde verging, bis mir klar wurde, dass ich in der Tat atmete.
Unter Schmerzen richtete ich mich auf und klammerte mich fest an die Kühltruhe. Von dort strömte trotz der Schiebetür dazwischen ein widerlicher Gestank aus und mich begrüßte der Anblick von zwei vergammelten Leichen. Es war der Körper von Krissi und der eines übergewichtigen Jungendlichen, dessen Gesichtszüge ich durch den Schimmel und die Insekten nicht erkennen konnte.
Ich blinzelte und sah an mir hinunter. Ich hatte den Körper der alten Frau angenommen. Sie war gestorben und ich war in ihre Hülle geschlüpft. Ich blickte zu den Leichen und dann wieder zu mir, bis mir klar wurde, dass ich frei war. Frei und lebendig.
Ich wusste nicht, wie das passiert war, es musste irgendeine Art Seelenwanderung oder so gewesen sein. Aber was kümmerten mich schon die genauen Abläufe, ich war eine lebende Leiche in nem Kanal gewesen, ich hatte mich daran gewöhnt, dass es nicht für alles eine logische Erklärung gab. Die Hauptsache war ich lebte. Ich lebte!
In meiner neuen Gestalt versuchte ich, die Treppen hoch zu stürmen, aber das war nicht möglich. Alles, was ich tun konnte, war unter Höllenqualen die Treppe hoch krabbeln. Jeder Schritt tat weh, aber es war besser als bewegungsunfähig zu sein.
Ich schaffte es durch die Tür und legte mich auf den Boden. Ich war es weder gewohnt mich zu bewegen, noch konnte ich den Körper koordinieren.
„Oma! Was ist los?!“, rief Flipp, als er neben mir aufgetaucht war. „Geht’s dir gut? Soll ich einen Krankenwagen rufen?“ Mit großen Augen starrte er mich an. Ich schüttelte kraftlos den Kopf. „In die Küche“, krächzte ich. Mir fiel nichts anderes ein. Der Junge nickte und half mir zur Küche. Dort schenkte er mir ein Glas Wasser ein und fragte erneut, was passiert sei.
„Gestürzt“, murmelte ich nur. Dieser neue Körper machte mir zu schaffen. Er war zu alt, zu abgenutzt. Hier drin konnte ich nicht lange überleben. Flipp nickte, ließ es sich aber nicht nehmen, mir etwas zu Essen zu bringen.
Mit dem Brotmesser aus einer Messerbox neben der Tischplatte schnitt er mir eine Scheibe ab und bestrich sie dick mit Butter. „Iss was, dann fühlst du dich vielleicht besser“, sagte er fürsorglich. Es stimmte, ich spürte wie die Kräfte zurückkehrten, dennoch war ich viel zu schwach.
Die nächsten Sekunden liefen wie ein Film vor meinen Augen ab. Nicht greifbar, vollkommen surreal. Ich sah Flipps Rücken, der mir zugewandt war. Dann legte sich ein Nebel um meinen Verstand und ich handelte.
Ich blinzelte kurz und als ich wieder hinsah, konnte ich erneut Flipps Rücken erkennen, nur diesmal war er Blut durchtränkt. Es brauchte eine Sekunde bis mir klar wurde, dass ich ein Messer in der Hand hielt. Ich starrte verwundert auf meine Hand, die sich rot verfärbte. Dann blickte ich wieder auf und sah in Flipps geweitete Augen.
Dann stach ich wieder zu. Es forderte mehr Kraft als vermutet, aber ich schaffte es, Kleidung und Fleisch zu durchbohren. Die Erinnerungen an die Zeit im Kanal und in der Kühltruhe machten mich stark. Da wollte ich nicht noch mal enden. Nicht jetzt da ich Freiheit geschmeckt hatte.
Deswegen rammte ich die Waffe noch mal hinein, bis das Messer mitten in der Brust steckte. Das war alles, was nötig war und Flipp war tot.
Dann überkam mich dasselbe Gefühl wie im Keller. Ich verließ den Körper der alten Frau. Gleich darauf stand ich am Tisch gelehnt da und schnappte nach Luft. Die ganze Küche war voller Blut und mitten drin lag die alte Oma.
Mir allerdings ging es gut. Besser als gut. Ich fühlte mich jung und stark und lebendig. Ein Blick auf die Wunden zeigte mir, dass sie vollkommen verheilt waren. Es war als hätte Flipps Seele sie mitgenommen.
Ich wusste immer noch nicht, warum man mich getötet hatte, ich hatte die Fragen, die mich bewegten, nicht klären können, aber es war mir egal, alles war jetzt egal. Ich hatte den Weg zur Unsterblichkeit gefunden. Und alles, was ich denken konnte, war: Scheiß drauf, wer ich bin. Ich hab ein Leben! Die Welt gehört jetzt mir!