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Megan – Ein Mädchen im Krieg

Von Jeannine Kapusta, 17 Jahre

1
„Aufstehen“, schallte die Stimmer meiner Mutter aus der Küche.
Früh aufstehen… Ich hasste es. Es dauerte keine zwei Minuten, bis ich wieder eingeschlafen war.
„Megan! Steh endlich auf!“
Jetzt stand sie direkt in meinem Zimmer. Ich wusste, dass ich jetzt aufstehen musste, sonst bekam ich vielleicht nicht mal Frühstück. Sie meinte es jetzt ernst. Ich setzte mich auf und rieb mir den Schlaf aus den Augen. Sie verließ mein Zimmer mit einem letzten strafenden Blick. Ich stöhnte. Wer hatte sich bloß ausgedacht, dass Schule um acht Uhr beginnen soll. Ich zog mich schnell an, schminkte mich und band meine Haare zu einem schönen Zopf zusammen. Zum Schluss überprüfte ich noch mal mein Spiegelbild, dann schnappte ich mir meine Tasche und rannte die Treppe runter. Viertel vor Acht! Meine Mutter hatte wie immer mein Frühstück, ein Brot mit Nutella, auf den Küchentisch gelegt. Ich steckte es in mein Tasche, rief noch einmal „Tschüss!“ zurück und lief Richtung Bushaltestelle. Mein Bus stand schon da. Ich lief noch ein bisschen schneller. Zum Glück schaffte ich es rechtzeitig in den Bus. Ich ging ganz nach hinten durch, wo schon meine beste Freundin, Emma und mein bester Freund Tyler warteten.
„Gerade eben geschafft.“, spottete Emma.
Ich lachte erleichtert. Sie hatte recht, wenn ich den Bus verpasst hätte wäre ich viel zu spät gekommen und das schon zum dritten Mal in diesem Monat. Emma und Tyler tratschten mit mir über dies und das und ich aß dabei mein Brot. In den ersten beiden Stunden hatten wir Mathe. Es ist nicht so, dass ich Mathe hasste, denn eigentlich war ich gar nicht so schlecht, aber  es war auch nicht gerade mein Lieblingsfach. Mein Lieblingsfach war, glaube ich Deutsch. Ich war insgesamt nicht so schlecht in der Schule. Nur Sport und Englisch lagen mir nicht so. Sport hatten wir heute in der dritten und vierten Stunde und wie konnte es anders sein: Ich habe mich blamiert. Ich bin beim Laufen über meine Schnürsenkel gestolpert und bin voll in eine Pfütze gefallen. So etwas konnte wirklich nur mir passieren. Zum Glück war die Stunde da schon fast zu Ende und ich konnte mich umziehen gehen. Der restliche Nachmittag verlief sehr schnell, wir hatten Biologie und Geschichte. Als wir denn endlich Schulschluss hatten setzten Tyler, Emma und ich uns wieder hinten in den Bus. Wir schmiedeten Pläne fürs anstehende Wochenende, da wir Sommer hatten wollten wir ans Meer fahren. Zuhause habe ich denn noch schnell die restliche Hühnersuppe vom Vortag gegessen und wand mich dann meinen Hausaufgaben zu. Zum Glück war es nicht so viel und ich konnte den restlichen Tag in unserem Garten verbringen. Als mein Vater und mein Bruder von der Arbeit zurück waren, grillten wir draußen. Es war noch warm genug und wir konnten noch lange draußen sitzen. Ich genoss jeden Augenblick mit meiner Familie, da solche Momente immer seltener wurden. Ich hatte das ungute Gefühl, dass ich jeden Moment nutzen sollte, bevor es zu spät ist.
2
Endlich war Freitag. Ich kam heute früher aus dem Bett und hatte genug Zeit, um angemessen zu Frühstücken. Ich hatte das Gefühl die paar Stunden Schule verstrichen gar nicht. Ich blickte ständig auf die Uhr. Tyler und Emma kamen nach der Schule direkt zu mir, da meine Familie heute eine Gartenparty veranstaltete. Als wir ankamen lief das Radio und der Grill war schon an. Viele Leute waren schon da und unterhielten sich. Wir drei zogen uns schnell andere Sachen an. Als es langsam dunkel wurde tauchten die Lichterketten unseren Garten in ein schönes Licht. Alle tanzten und aßen. Es war eine herrliche Party. Mein Vater stand gerade mit einer Flasche Bier in der Hand am Grill und unterhielt sich mit Emmas Dad. Mom war wahrscheinlich gerade in der Küche um neue Snacks zuzubereiten. Emma versuchte sich an Karaoke und Tyler und ich tanzten auf der improvisierten Tanzfläche, als plötzlich alle verstummten und erstarrten. Alles was wir hörten war das Radio mit den Nachrichten. Es war schon wieder ein Bericht zur Krisensituation  zwischen unserem Land und unserem Nachbarland im Norden. Politik hatte mich noch nie wirklich interessiert und deshalb wusste ich auch nicht genau worum es eigentlich ging. Aber diese Nachricht verstand selbst ich:
„Auf Grund der Krise hat der Norden die Kriegserklärung abgegeben. Leider war dies nicht nur eine leere Drohung, denn sie haben bereits an der Grenze angegriffen. Etliche Menschen sind ums Leben gekommen und verletzt. Alle jungen Männer zwischen 18 und 40 Jahren werden gebeten, die Soldaten zu unterstützen und alle anderen sollten gut auf sich aufpassen, keiner weiß wo sie als nächstes angreifen werden. Die Regierung tut alles, um sie zu schützen, doch passen sie trotzdem auf sich auf.“
Niemand sagte ein Wort. Ich starrte in die verängstigten und geschockten Gesichter. Auch Tyler wurde blass. Mir kam das alles so surreal vor. Das Schweigen wurde beängstigend. Jemand in der Menge räusperte sich und dann begannen alle zu tuscheln. Die Gäste fingen an sich zu verabschieden und zu gehen. Alle wollten nach Hause zu ihren Familien. Es war als legte sich ein dunkler Schatten über uns. Wir räumten auf und schwiegen während wir versuchten uns vorzustellen was das für unser Leben nun bedeuten würde, aber dass was wirklich passierte konnten wir nicht ahnen.
3
Ich betrachtete mich  im Spiegel. Nachdem unser Haus zerstört wurde, haben meine Mutter und ich Unterschlupf bei Tyler gefunden. Ich stand dort im Badezimmer meines besten Freundes  und wusste, dass  ich nie wieder in meinem Badezimmer stehen würde. Meine Haut war blasser geworden, denn ich hatte seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Ich wachte mitten in der Nacht schweißgebadet auf und wünschte, mein Vater wäre da, um mich zu trösten. Doch immer dann traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war tot. Er ist bei der Explosion ums Leben gekommen! Ich konnte mich kaum wieder erkennen. Seit wir bei Tyler wohnten, war ich viel dünner geworden. Ich konnte nicht essen, nicht schlafen und meine Gedanken drehten sich nur noch im Kreis. Meiner Mutter ging es wahrscheinlich ähnlich. Sie sagte nichts, genau wie ich, aber ich sah, dass auch sie dunkle Schatten unter den Augen hatte und viel blasser geworden war. Sie trug ihre leicht grauen Haare jetzt in einem strengen Zopf, was sie älter wirken ließ. Meine hingegen band ich nur noch locker zusammen. Früher habe ich so viel für meine Haare getan. Shampoos, Spülungen, Öle, damit sie schön und gesund aussahen, aber jetzt waren meine Haare glanzlos und stumpf, aber was spielte das für eine Rolle? Zur Schule ging ich eh nicht mehr, da sie aufgrund des Krieges geschlossen wurde. Mein Leben war anders als vorher. Ich schlafe mit Tyler in einem Zimmer, früher hätte meine Mutter das wohl nie erlaubt, aber jetzt? Jetzt hatten wir andere Probleme. Wenn ich mitten in der Nacht wegen meiner Alpträume schrie, weckte ich damit Tyler auf. Er versuchte mir immer zu helfen, doch mir konnte man nicht helfen und im Laufe des Monats bin ich immer aggressiver geworden. Durch meine Träume lebte ich immer in Angst und ich denke, dass mich das empfindlich machte. Manchmal trat, schlug oder kratzte ihn sogar. Ich schämte mich furchtbar dafür, doch ich konnte nichts dagegen tun. Ich sah mir meine Klamotten an. Da wir nichts aus unserem Haus retten konnten, trug ich mehr oder weniger dasselbe wie an jenem Tag. Meine schwarze Jeans hatte schon Flecken und Löcher, doch wir hatten kein Geld, um neue zu kaufen. Meine Mutter hätte keine Arbeit gefunden, selbst wenn sie gesucht hätte, da sie nie einen Beruf erlernt hatte, doch sie war psychisch zu nichts mehr in der Lage. Sie half Tylers Mutter im Haushalt, mehr nicht. Tylers Familie gab schon genug Geld für uns aus, ohne dass wir uns revanchieren konnten. Mein Flanellhemd war an den Ärmeln eingerissen, und es fehlten ein paar Knöpfe, dazu hatte es schreckliche Flecken überall. Ich zog es aus und erschrak bei meinem Anblick. Meine Rippen standen hervor. Es ekelte mich an. Meine Arme waren mit kleinen blauen Flecken übersät, denn ich kniff mir mehrmals am Tag in den Arm, in der Hoffnung, dass das alles nur ein schrecklicher Alptraum war, doch ich bin nicht aufgewacht.
4
Ich stand vor unserem Haus. Ich spürte Erleichterung in mir aufsteigen und ging einen Schritt darauf zu.
„Megan!“
Ich sah meinen Vater im Garten stehen. Ich winkte ihm zu. Er lächelte nicht. Die Vögel verstummten, und ich runzelte die Stirn. Ich ging wieder einen Schritt auf ihn zu.
„Megan, bleib stehen! Megan…“
Ich hörte einen Knall, Hitze traf mich wie eine Welle, und ich sah, wie mein Vater wie eine Puppe durch die Luft geschleudert wurde.
„Nein! Dad!“, kreischte ich und schlug mir die Hände vor den Mund, doch ich wusste, dass er mich nicht mehr hören konnte. Unser Haus brannte. Es stank nach verbranntem Holz. Kein Ton war zu hören, mir schallten nur noch die Worte meines Vaters in den Ohren. Meine Augen tränten, doch trotzdem drehte ich mich um und ging die Straße mit den brennenden Häusern entlang. Ständig auf der Hut. „Megan!“ Ich drehte mich um. Niemand war da.
„Megan!“, rief die Stimme wieder. Erst dachte ich, dass es Dads Stimme war, doch er hatte eine tiefere Stimme.
„Megan, wach auf.“
Ich spürte wie ich an den Handgelenken festgehalten wurde und ein Gewicht auf mir lagerte. Panik stieg in mir auf. Ich sah nichts, trat blind um mich und versuchte meine Hände loszureißen.
„Megan, hör auf! Ich bin es“, schrie die Stimme auf mich ein, doch ich konnte nicht zuhören.
Ich hatte das Gefühl keine Luft zubekommen und schlug mit meinem Ellenbogen ins Gesicht meines Gegners. Zumindest nahm ich das an. Er schrie auf und ich kam frei. Ich setzte mich auf und schaltete das Licht ein. Mein Körper war schweißüberströmt und ich merkte, wie mein Hals anfing zu schmerzen. Dann sah ich Tyler, der neben meinem, eigentlich seinem, Bett lag und sich seine Nase hielt. Ich stöhnte, schloss die Augen und fuhr mir mit meinen Händen über mein Gesicht.  Ich hatte Tyler schon wieder geschlagen.
„Tyler…“, fing ich an, doch ich fand nicht die richtigen Worte. Er versuchte immer nur, mir zu helfen, ich wusste das.
„Kein Problem, Meg.“
Er stand auf und lächelte mich an. Aus seiner Nase tropfte Blut. Die Luft war stickig und heiß. Ich verzog das Gesicht. Wie konnte es sein, dass er mir nicht böse war? Er verließ das Zimmer, wahrscheinlich um sein Gesicht zu waschen und zu kühlen. Ich stand auf und öffnete das Fenster. Alles war dunkel. Die Häuser wirkten verlassen. Ich hatte das Gefühl, selbst die Katzen auf der Straße versuchten möglichst leise zu sein. Es war jetzt schon Winter und die kalte Luft strömte herein. Ich nahm sie dankbar auf. Ich verließ das Haus nicht mehr oft. Wofür auch? Aber ich vermisste die frische Luft. Früher war ich, so oft ich konnte, draußen. Doch nun bedeutete draußen sein, in Gefahr zu sein, denn der Krieg läuft immer noch und da auch unsere Siedlung angegriffen wurde, weiß man nie welches Viertel als nächstes dran ist.
Ich musste an Emma und ihre Familie denken, deren Haus auch zerstört wurde. Ich wusste nicht, was mit ihnen passiert ist. Es gab Gerüchte, dass Emmas kleiner Bruder, Rick, als einziger überlebt hat, andere sagten wiederum, dass die ganze Familie zu Verwandten in den Süden gefahren sei. Doch Genaues wusste niemand. Ich seufzte. Ich hörte, wie sich die Tür öffnete. Tyler war wieder da.
„Ich kann dir gar nicht sagen, wie leid mir das tut.“, flüsterte ich und drehte mich langsam zu ihm. Ich konnte ihn vor Scham nicht anschauen. Ich hörte, wie er langsam auf mich zukam. Meine Augen brannten. Ich roch seinen Geruch, den ich schon immer mochte und irgendwie  hatte diese Nähe etwas Tröstliches. Als  würde wirklich alles gut werden. Er nahm mein Gesicht sanft in seine Hände und zwang mich ihn anzuschauen.
„Meg.“, flüsterte er. „Du kannst nichts dafür. Ich bin dir nicht böse.“
Ich schloss die Augen und versuchte stark zu bleiben, aber ich merkte, wie mir eine kleine Träne über die Wange lief. Ich spürte, wie er mich sanft in den Arm nahm. Ich schluchzte. Wieso war er so gut zu mir? Ich wusste nicht, wie es weiter gehen sollte, denn so etwas passierte immer öfter.
Ich sah keinen Sinn mehr. Alles was ich tat, war, auf das Ende des Krieges zu warten. Auf ein Zeichen von Emma, auf ein Zeichen von meinem Bruder. Ich merkte, wie meine Gedanken immer wieder wegdrifteten. Ich konnte mich nicht auf das Gefühl von Tylers Umarmung konzentrieren. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns näher gekommen sind, aber gleichzeitig sind wir uns fremder geworden, aber ich war mir auch selber fremd geworden. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr ich selber zu sein. Ich habe mich in den Trümmern unseres Zuhauses, bei meinem Vater gelassen, und ich wusste, genau wie er würde ich nie wieder kehren. Als Tyler mich wieder los ließ und wir zurück ins Bett gingen, überlegte ich wie es weitergehen sollte. Ich hielt es nicht mehr aus. Immer diese Alpträume, die trostlose, leere Straße, meine Mutter, die nicht mehr richtig bei mir war und eine Familie, die mich durchfütterte. Der einzige, der noch bei mir war, war Tyler, doch bestimmt nicht mehr lange, wenn ich so weiter machte. Ich hörte sein leises, gleichmäßiges Atmen. Er war eingeschlafen. Nicht zum ersten Mal kam mir der Gedanke einfach wegzulaufen. Alles einfach hinter mir zu lassen, aber wohin sollte ich? Überall war Krieg. Nirgends würde ich sicher sein. Ich könnte mich auf die Suche nach Emma machen, aber ich wusste nicht mal, ob sie überhaupt noch lebte. Und was würde meine Mom tun, wenn sie mich jetzt auch noch verlieren würde. Oder Tyler? Würde er mich suchen? Nein, wahrscheinlich nicht. Er hatte so schon genug Probleme. Eine Flucht brauchte aber viel Planung. Mit diesem Gedanken sank ich in einen weiteren dunklen Traum.
5
Wie fast jeden Morgen weckte Tyler mich, obwohl er versuchte leise zu sein, aber ich hatte ja sowieso einen leichten Schlaf. Ich tat so, als ob ich noch schlafe, um ihm kein schlechtes Gewissen zu machen. Ich hörte wie er sich umzog. So ging es jeden Tag. Da er nicht mehr in die Schule gehen brauchte, arbeitete er nun im Laden seines Vaters. Sie besaßen ein kleines Lebensmittelgeschäft. Es war fast das einzige Geschäft, das noch geöffnet war. Doch wir brauchten ja alle Lebensmittel. Sie könnten viel Profit daraus schlagen, doch in Zeiten wie diesen ist Menschlichkeit das wichtigste, daher reduzierten sie die Preise, anstatt sie zu erhöhen. Er schloss leise die Tür. Ich setzte mich auf. Ein neuer nutzloser Tag. Was sollte ich heute tun? Stundenlang Fernsehen und der Grausamkeit da draußen zusehen? Bücher lesen? Versuchen das alles zu vergessen, nur um festzustellen, dass man der Realität nicht entkommen konnte? Rausgehen, mich in Gefahr bringen und mir die trostlose zerstörte Gegend anschauen, wo früher überall Kinder spielten? Egal was ich tat, es würde mich an alles, was ich verloren hatte erinnern. Ich stand auf und holte mein Handy von der Fensterbank. Ich wusste, dass ich es eigentlich ausgeschaltet lassen sollte, doch ich hielt es nicht aus. Der Gedanke, dass Emma oder mein Bruder mich vielleicht doch angerufen, oder eine Nachricht an mich verschickt hatten, beflügelte mich. Ich starrte auf mein Handy. Mein Bauch kribbelte, ein Gefühl, das sofort wieder verschwand als ich sah, dass ich keine Nachrichten von Emma oder Milan, meinem Bruder, hatte. Tausend Nachrichten, aber keine von ihnen war von Bedeutung für  mich. Freunde und Freundinnen, die mich fragten, ob es mir gut gehe. Was sollte ich denen sagen? Was sie wirklich hören wollten war, ob ich noch lebte , ob ich entkommen war. Ja, war ich, aber gut? Gut ging es mir definitiv nicht, aber ich wollte nicht jedem meine Geschichte aufzwingen. Sie würden mir ihr Beileid aussprechen oder mir versuchen Hoffnung zu machen und am Schluss war ich gezwungen zu erfahren, wer es aus meiner Schule nicht geschafft hat, das brachte mir diesen Krieg noch näher. Ich konnte es immer noch nicht glauben. Ich schrieb Emma und Milan noch eine Nachricht, doch sie kam, wie immer, nicht auf ihren Handys an. Ich schaltete mein Handy wieder aus. Ich ging leise ins Bad, damit Tyler mich nicht hörte. Ich betrachtete mich kurz im Spiegel und schaute wieder weg. Selbst mein eigenen Anblick konnte ich nicht ertragen. Ich hatte Tyler schon öfter gebeten mit arbeiten zu dürfen, doch er meinte ich müsse mich erst mal auf mich konzentrieren, doch ich hatte verdammt noch mal genug von mir. Was sollte ich denn tun? Mit meiner Situation klar kommen? Den Tod meines Vaters akzeptieren? Dafür werde ich nie in der Lage sein. Niemand könnte das an meiner Stelle. Ich wollte es auch gar nicht. Ich schüttelte die Gedanken an meinen Vater ab und versuchte meine Haare zu entwirren. Durch meine Alpträume wälzte ich mich extrem viel hin und her und meine Haare waren fast immer entsetzlich verfilzt. Ich brauchte bestimmt eine viertel Stunde, bis ich fertig war. Wie sooft ließ ich meinen „Schlafanzug“ einfach an. Tyler müsste jetzt auch schon aus dem Haus sein. Ich verließ das Bad und schlich leise zur Küche, da ich nicht wusste, ob meine Mutter oder Trisha, Tylers Mutter schon wach waren. Doch als ich in der Küche ankam sah ich, dass Trisha schon am Frühstück machen war und Mom wischte den Boden.
„Guten Morgen, Süße“, rief mir Trisha entgegen.
Sie war immer so fröhlich. Ich bewunderte das. Sie war das komplette Gegenteil von meiner Mom, die mich nur mit einem gequälten Lächeln begrüßte. Ich setzte mich an den gedeckten Tisch und fühlte mich unwohl. Um mich herum arbeiten alle und ich tat nichts, wie immer. Ich fühlte mich so unendlich nutzlos. Trisha servierte mir Spiegelei und Toast. Es sah köstlich aus. Meine Mom setzte sich auch zu uns, stocherte aber nur in ihrem Essen. Jeder geht nun mal anders mit seinen Gefühlen um. Wir schwiegen viel. Trisha versuchte mit uns zu reden, aber lange blieben die Gespräche nicht aufrecht. Nachdem wir fertiggegessen hatten überredete ich Trisha, dass ich den Abwasch machen darf. Ich weiß, früher hätte ich nie geglaubt, dass ich jemanden anbetteln würde den Abwasch übernehmen zu dürfen, aber es gab mir das Gefühl wenigstens ein bisschen zu helfen. Als nächstes versuchte Trisha mich zu unterrichten. Sie meinte, dass wissen nie schaden würde und ich hatte sowieso nichts zu tun. Sie war Grundschullehrerin, war aber trotzdem gut in den Themen für Mittel- und Oberstufe. Doch viel Zeit hatte sie natürlich nicht. Also ging ich zurück in Tylers Zimmer. Ich versuchte zu lesen, doch ich konnte mich nicht auf das Buch konzentrieren, immer wieder schweiften meine Gedanken zu meiner Flucht ab. Ich war immer noch unsicher, ob ich es tun sollte. Auf der einen Seite würde ich meine Mom, Tyler, Trisha und Tylers Dad, die meine restliche Familie bildeten verlassen und mich in eine  riesige Gefahr begeben. Doch ich wollte weg, etwas erreichen und nicht so unnütz hier rum sitzen und auf Kosten anderer Leben. In dem Moment fasste ich den Entschluss. Eigentlich hatte ich, denke ich, schon die ganze Zeit gewusst, dass ich gehen würde. Ich legte mein Buch beiseite und überlegte, wie ich die ganze Sache angehen sollte. Es gab so viel zu bedenken. Ich brauchte Essen, Trinken, Klamotten und einen Platz zum Schlafen. Natürlich konnte ich niemandem von meinem Vorhaben erzählen. Jeder würde versuchen mich hier einzusperren, doch ich konnte auch nicht einfach so gehen ohne mich zu verabschieden. Das war das erste Mal, dass ich gezielt darüber nachdachte wie ich fliehen wollte.

6
Es war schon spät und ich lauschte Tylers gleichmäßigen Atemzügen. Leise stand ich auf und nahm mir meinen Rucksack, denn ich einen Tag vorher schon gepackt unter mein Bett gelegt hatte. Bevor ich die Tür zu Tylers Zimmer schloss, schaute ich noch einmal zurück. Er würde mir fehlen. Plötzlich wünschte ich, dass er mich begleiten könnte, doch das ging nicht. Er hatte sein Leben, seine Familie hier. Ich schloss leise die Tür, schlich in die Küche und legte die vier Briefe, die ich in den letzten Tagen geschrieben habe auf den Küchentisch. Ich stellte mir vor, wie sie meine Briefe lesen, mit Tränen in den Augen. Ich schob die Gedanken beiseite, denn ich merkte wie mir selbst die Tränen in Augen stiegen. Nein, ich musste jetzt stark sein. Ich tat das Richtige, was für alle hoffentlich das Beste sein wird. Ich schnappte mir die Jacke, die Trisha mir gekauft hatte. Ich hatte sie noch nie an, da ich immer ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie für mich Geld ausgegeben hatte. Ich fühlte mich immer noch nicht besser dabei, doch ich hatte keine andere Wahl. Ich brauchte sie, sonst würde ich in den kalten Winternächten erfrieren. Als ich nun draußen vor der Tür stand, spürte ich unendliche Erleichterung. Endlich war ich frei. Doch schnell spürte ich auch, dass die Jacke mich nicht  lange warm halten würde. Ich ging die verlassene Straße entlang. Ich hatte viel über mein Ziel nachgedacht, doch ich hatte keins gefunden. Richtung Süden, das war mein Ziel, aber der Süden ist groß. Also beschloss ich angehörige von Emma aufzusuchen. Ich wusste, dass sie eine Tante hier in der Nähe hatte, da ich schon mal mit ihr bei ihr war. Ich hoffte inständig, dass sie noch dort wohnte, denn sie war so ziemlich der einzige Anlaufs Punkt für mich und ich wollte so schnell wie möglich einen Platz  zum Schlafen finden. Ich zitterte. Es war echt verdammt kalt. Schnee lag zwar noch nicht, aber ich war mir sicher lange würde er nicht mehr auf sich warten lassen. Es war wirklich ein denkbar schlechter Zeitpunkt, um alleine ohne Unterkunft oder passende Kleidung umher zu irren, doch das Timing konnte man nun mal nicht ändern. Ich blickte in den Himmel. Es war Sternenklar. Ich ging die Straße entlang, die ich nur zu gut kannte. Alle Lichter waren erloschen, genauso wie das Leben hier. All die Erinnerungen strömten auf mich ein. Ich konnte schon nicht mehr richtig zwischen Realität und Traum unterscheiden. Alles drehte sich im Kreis. Die Bilder ließen sich nicht abschütteln. Ich sah die schönen, glücklichen Momente aus meiner Kindheit. Mein Vater, immer wieder mein Vater. Die Tränen verschleierten langsam meinen Blick. Plötzlich merkte ich wie ich rannte. Mein einziger Gedanke war: Weg hier! Ich rannte durch die verlassenen Straßen. Auf einmal kam ich ins Straucheln. Ich versuchte mich wieder zu fangen, doch es war zu spät. Ich fiel und dämpfte den Sturz mit meinen Handflächen. Ich schluchzte und betrachtete die aufgeschürften Stellen. Eigentlich tat es gar nicht weh, aber die Gefühle, die ich versuchte zu unterdrücken, überkamen mich. Ich saß auf der Straße und weinte wie ein kleines Mädchen. Ich zwang mich wieder aufzustehen und weiter zu gehen. Mein gehen glich aber eher eines Taumelns. Es dauerte bestimmt Stunden, so kam es mir auf jeden Fall vor, bis ich endlich vor ihrer Tür stand. Kein Fenster war beleuchtet. Die Gegend war nicht so stark zerstört wie unsere. Ich schloss die Augen und hoffte, dass mir jemand aufmachte. Ich wischte mir mit meinem Ärmel noch einmal die Tränen aus dem Gesicht und klingelte. Mehrere Minuten passierte nichts, dann sah ich ein Licht, dann einen Schatten, der zu Tür huschte. Ich sah zögern in den Bewegungen.
„Wer ist da?“, rief eine helle Stimme.
„Hier ist Megan.“, rief ich.
Mehrere Minuten stille.
„Welche Megan?“, fragte sie unsicher.
„Emmas beste Freundin.“
Kaum hatte ich das Ausgesprochen, ging die Tür auf und ich stand vor einer kleinen blonden Frau. Sie beäugte mich halb misstrauisch und  halb verwirrt.
„Komm rein.“
Sie trat beiseite und ich betrat ihr Haus. Es war ungefähr  genauso groß wie unseres damals. Sie führte mich ins Wohnzimmer, wo ein Kamin brannte und zwei gemütlich aussehende Sessel bereit standen.
„Setz dich doch.“
Sie zeigte auf einen der Sessel und verließ das Zimmer. Wenig später kam sie mit Decken und heißer Schokolade wieder.
„Danke.“, flüsterte ich als sie mir einen Becher reichte.
Wir schwiegen eine Weile, dann räusperte sie sich. „Also, Megan…Was machst du hier so ganz alleine?“, fragte sie vorsichtig.
Ich betrachtete die Tasse mit der Schokolade.
„Ich suche Emma.“, lautete meine einfache Antwort.
„Ganz alleine?“
„Ja, ich bin von Zuhause weggelaufen, weil ich es dort nicht mehr aufgehalten habe.“
Sie nickte.
„Deine Familie…?“, begann sie vorsichtig.
„Mein Vater ist gestorben und von meinem Bruder habe ich schon lange nichts mehr gehört..“ Ich schluckte. „Meiner Mutter geht es den Umständen entsprechend gut.“, erklärte ich stockend.
„Tut mir leid.“, flüsterte sie. „Mein Mann,… er ist auch an der Front.“
Ich nickte betrübt.
„Bitte sagen sie nichts meiner Mutter.“, flehte ich. „Ich kann da nicht wieder hin!“
„Ich verstehe dich und ich wünschte ich hätte den gleichen Mut wie du, doch ich kann hier nicht weg. Ich muss hier bleiben für den Fall, dass mein Mann wiederkommt. Deshalb bin ich auch nicht  mit in den Süden. Ich werde ihr also nichts sagen.“
Ich richtete mich auf.
„In den Süden?“ Sie wusste etwas von Emma! „Sie wissen, was mit Emma passiert ist, oder?“, fragte ich und mir wurde heiß und kalt zugleich. Ich hatte Angst vor der Antwort, aber ich musste sie hören.
„Du kannst mich ruhig Duzen und ja, Emma ist mit ihrer Familie in den Süden gefahren. Sie hatten gefragt, ob ich mitkomme, aber du weißt ja.“
Ich nickte.
„Wie kann ich sie finden?“
„Ich kann dir die Adresse von ihren Großeltern geben, aber genau weiß ich nicht, ob sie da sind.“
Ich nickte wieder. Das war mehr als ich erwartet hatte.
„Du kannst hier schlafen und morgen überlegen wir wie es weiter gehen soll.“
Sie brachte mich in ein Gästezimmer. Die Wände waren in einem freundlichen gelb gestrichen. Es sah aus als ob Sarah schon länger keinen Besuch mehr bekommen hatte. Kaum hatte ich mich ins Bett gelegt schlief ich auch schon ein.

7
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hörte ich schon die Geräusche aus der Küche. Sarah war gerade dabei essen zu machen. Als wir fertig gefrühstückt hatten stattete sie mich mit allem was ich brauchte aus. Wir fuhren erst zur örtlichen Zentrale für Soldaten im Norden, um nach Milo und Emmas Onkel zu fragen. Es gab keine Meldungen, was auch eine gute Nachricht war, denn das heißt, dass sie noch am Leben sein könnten. Dann fuhr mich Sarah zum Busbahnhof, damit ich ab da mit dem Bus in den Süden konnte. Sie bezahlte das Ticket für mich und wir verabschiedeten uns. Ich war ihr sehr dankbar für alles. Außer mir saß noch ein anderes Mädchen im Bus, direkt hinter dem Busfahrer. Sie war vielleicht 8 Jahre alt. Ihre Haut war dreckverschmiert und ihre Klamotten waren zerrissen. Als ich an ihr vorbei ging, schaute sie verängstigt zum Boden. Sie schien völlig verwahrlost. Ob sie wohl noch eine Familie hatte? Oder war sie eine Waise? Woher hatte sie wohl das Geld für das Ticket und was wollte sie im Süden? Vielleicht vertraute sie den Gerüchten, dass es im Süden sicherer sein sollte. Ich versuchte sie ermutigend anzulächeln, doch sie schaute schnell beiseite. Ich ging bis ganz nach hinten, so wie früher mit Tyler und Emma. Ich setzte mich ans Fenster, obwohl ich eigentlich gar nicht sehen wollte, wie es draußen aussah. Ich lehnte meinen Kopf ans Fenster und durchstöberte den Rucksack, denn mir Sarah gegeben hatte. Sie hatte ein paar Brote, zwei Wasserflaschen, ein Stift und ein Notizbuch eingepackt, in dem sie die Adresse von Emmas Großeltern notiert hatte. Der Busfahrer sagte, dass wir wahrscheinlich morgen früh ankommen würden. Ich schlug das Notizbuch auf. Sollte ich etwas schreiben? Genug zu erzählen hatte ich ja, aber ich brachte kein Wort zu Papier. Ich wollte nicht über das alles nachdenken. Was sollte ich die ganze Zeit tun? Nach einer Weile entschied ich mich fürs Schlafen.
Ein leises rascheln riss mich aus dem Schlaf , ich schlug die Augen auf und ging sofort in Angriffsstellung. Ich sah, wie das kleine Mädchen von vorne versuchte mir mein Essen zu stehlen
„Hey! Lass das!“, rief ich und riss ihr meine Sachen aus der Hand. Sie hatte schon die Hälfte des Brotes gegessen und wich nun zurück. Erst jetzt merkte ich wie dünn sie war. Sie bestand fast nur noch aus Knochen und Haut. Ihre kurzen schwarzen Haare waren fettig und dreckig. Sie wollte sich gerade wegdrehen und los laufen, aber ich sprang auf und hielt sie fest. Sie duckte sich und versuchte sich aus meinem Griff zu wenden.
„Bitte, bitte tu mir nichts. Ich habe nichts, was ich dir geben könnte. Bitte!“, heulte sie.
„Ich werde dir nichts tun.“, erklärte ich und versuchte möglichst freundlich zu wirken. „Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?“
Sie überlegte kurz.
„Weiß ich nicht mehr genau. Vielleicht vor zwei oder drei Wochen. Vielleicht auch länger. Also zu mindestens so richtiges Essen. Sonst habe ich nur mal eine Scheibe Brot gegessen, wenn ich eine gefunden habe.“
„Deine Eltern?“
„Gestorben, vor einem Monat.“
„Andere Verwandte?“
„Nein, alle Tod, oder wollen mich nicht.“
Ich nickte betroffen. Ich holte mein Essen raus und teilte alles mit ihr. Ich gab ihr auch eine von meinen Wasserflaschen.
„Teile es dir gut ein.“, riet ich ihr.
Sie nickte und lief nach vorne zu ihrem Platz. Nicht einmal danke hatte sie gesagt. Ich schüttelte den Kopf. Nach kurzer Zeit kam sie wieder und setzte sich neben mich.
„Ich bin Maria.“, sagte sie und hielt mir ihre Hand entgegen.
„Megan.“
Sie bedankte sich und wir redeten über möglichst unverfängliche Themen. Wir aßen zusammen und es war schön jemanden bei sich zu haben. Ich dachte wieder an Tyler. Ich könnte ihn anrufen, kam mir in den Sinn, denn mein Handy hatte ich dabei. Ich hielt es jedoch die ganze Zeit ausgeschaltet. Ich könnte ihm sagen, dass es mir gut geht, doch was würde das bringen? Ich würde ihn nur noch mehr vermissen. Wir fuhren Stunden bis es dunkel wurde. Währenddessen versuchten Maria und ich uns mit Reisespielen zu unterhalten. Sie lachte viel und manchmal entlockte sie mir auch ein Lächeln. Sie war noch so jung! Wahrscheinlich war ihr noch gar nicht bewusst, was sie verloren hatte. Sie war sehr naiv. Sie fasste viel zu schnell Vertrauen in mich. Es war ein Wunder, dass sie alleine überhaupt so lange überlebt hat. Im Laufe der Zeit stiegen immer wieder Leute dazu. Das meiste waren Frauen, aber auch Familien mit Kindern waren dabei. Als es dunkel war beschlossen wir zu schlafen, damit wir für den morgigen Tag ausgeruht waren.

8
Ein schrecklicher Knall weckte mich. Erst dachte ich, dass es nur ein Traum war, doch ich sah, dass auch Maria aufgewacht war. Sie starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. Sie lief nach vorne zum Busfahrer. Ich richtete mich auf und versuchte draußen etwas zu erkennen. Auch die anderen Gäste sahen sich panisch um. Maria kam zurück gerannt.
„Das Regierungsgebäude da vorne, wurde gerade aus der Luft angegriffen. Sie haben es in die Luft gesprengt. Eigentlich müssen wir genau dort lang. Umkehren können wir jetzt auch nicht mehr. Zu viele Autos auf der Straße.“, rief sie aufgeregt.
Das hatten auch die anderen Gäste mitbekommen. Ich stöhnte. Warum musste das passieren? Ich hatte es einmal geschafft der unmittelbaren Gefahr zu entfliehen, aber ein zweites Mal? Wohl eher nicht. Ich wollte noch nicht sterben und Maria war auch noch viel zu jung dafür. Wie können Menschen nur so grausam sein? Hier ist ein Acht jähriges Mädchen! Sie sollte sich nicht mit solchen Sachen beschäftigen müssen. Die Menschen im Bus standen auf und schrien durcheinander.
„Wir werden doch nicht sterben, oder?“, fragte Maria ängstlich.
„Nein, werden wir nicht. Ich verspreche es dir.“ Ich gab ihr dieses Versprechen, aber ich wusste, dass es nicht gut für uns aussah. Sie fing an zu weinen. Ich nahm sie in den Arm. Es könnte unser Ende sein. Direkt vor uns wurden Gebäude in die Luft gesprengt und die Autos auf der Straße versuchten die Richtung zu ändern, doch das brachte nichts, es waren viel zu viele Autos. Ich wollte mich noch von Tyler verabschieden. Vielleicht war das Herzlos von mir ihn jetzt anzurufen, aber ich wollte noch einmal seine Stimme hören. Zum letzten Mal sozusagen. Als mein Handy angeschaltet hatte, wurde ich mit Nachrichten überschüttet, doch die interessierten mich nicht. Ich wählte Tylers Nummer.
„Meg?“, rief Tyler sofort.
Ich gab Maria ein Zeichen, dass sie nach vorne zum Busfahrer gehen sollte. Ich musste mit ihm alleine sprechen.
„Tyler.“, flüsterte ich mit Tränen in den Augen.
„Meg, wo bist du?“
„Keine Ahnung. Ich wollte nur mal deine Stimme hören und wissen, ob es dir gut geht.“ Ich biss in meine Jacke, um die Tränen zurück zuhalten.
„Ob es mir gut geht? Meg, wie geht es dir? Warum bist du weggelaufen? Wir machen uns alle schreckliche Sorgen.“
Ich lächelte. Es ging ihm gut.
„Meg, sag was! Wieso hast du angerufen?“
Er wusste, dass irgendwas nicht stimmte.
„Ich bin im Bus auf den Weg in den Süden, doch gerade ist vor uns das Regierungsgebäude in die Luft geflogen. Ich sitze ziemlich in der Klemme, würde ich sagen.“ Ich raufte mir mit der anderen Hand die Haare. Wieso hatte ich das gesagt? Jetzt machte er sich bestimmt große Sorgen.
„Scheiße! Meg! Wieso bist du weggelaufen?“
Ich brachte kein Wort heraus. Ich schüttelte den Kopf. Ich wusste es nicht. Vielleicht hätte ich einfach Zuhause bleiben sollen.
„Könnt ihr nicht wenden?“, fragte Tyler dann ruhig.
„Nein.“
„Dann steig aus und renn, renn um dein Leben. Lass dich von einem Auto in die andere Richtung mitnehmen und fahr soweit du kannst.“
Ich nickte. Ja, vielleicht war das unsere einzige Chance. Wenn wir es bis zur Hauptstraße schaffen, könnten wir per Anhalter fliehen.
„Meg, bitte sag was!“
„Danke, Tyler. Ich werde es versuchen. Auf Wiedersehen.“
„Nein, Meg. Ruf mich an sobald du im Auto sitzt. Das ist kein Abschied.“, sagte er bestimmt.
„Auf Widersehen, Tyler.“
„Ich liebe dich, Megan!“
Mein Atem stockte und ich spürte wie mir Hitze in den Kopf stieg.
„Was?“, krächzte ich.
„Ich liebe dich Megan.“
Ich wischte mir die Tränen mit meinem Ärmel aus dem Gesicht und legte ohne ein weiteres Wort auf. Was hatte ich bloß angerichtet? Ich lief nach vorne und schnappte mir Maria. Ohne sie würde ich nicht gehen. Ich erklärte dem Busfahrer, was ich vorhatte. Er nickte und öffnete die Türen. Auch andere Gäste verließen den Bus. Mit Maria an der Hand rannte ich über die Straße zwischen den stehenden Autos durch. Wir liefen über ein Feld. Maria war langsam und stolperte über fast jeden Stein, doch ich zog sie weiter. Wir konnten nicht aufhören zu laufen. Wir mussten so schnell wie möglich hier weg. Wieder ein Knall. Ich drehte mich um. Die Straße auf der wir eben noch waren gab es nicht mehr. Maria wollte sich auch umdrehen, aber ich zog sie weiter. Ich hörte, dass sie jetzt nicht nur aus der Luft angriffen. Auch Bodentruppen waren unterwegs. Ich hörte die Schüsse aus ihren Maschinenpistolen. Der Geruch von verbranntem Teer brannte mir in der Nase.
„Lauf!“, schrie ich zu Maria.
Jetzt mischten sich zu den Schüssen auch noch das Kreischen der Menschen. Wir waren auf einem Feld, also völlig ungeschützt. Es waren nur noch ein paar Meter bis zur Straße. Die Schüsse kamen näher. Als ich ein Blick nachhinten wagte, sah ich einen der Soldaten. Seine Pistole auf uns gerichtet.
„Lauf!“, kreischte ich wieder. Ein Knall ertönte. Ich wollte weiter rennen, doch Maria blieb stehen.
„Maria komm!“, schrie ich.
„Ich.. kann nicht..“
Dann sah ich es. Sie war getroffen.
„Nein!“, kreischte ich. „Nein, Bitte nicht.“
Ich versuchte sie hoch zu heben und mit mir zu tragen.
„Nein, lass mich. Du musst dich selbst retten. Ich gehe jetzt zu meinen Eltern.“, flüsterte sie mit ihrer letzten Kraft. Dann schlossen sich ihre Augen.
„Nein!“
Ich wusste, dass sie recht hatte, aber ich musste meine ganze Kraft aufwenden, um weiter zu laufen und sie zurück zu lassen. Sie hatte das nicht verdient. Sie war noch viel zu Jung. Ich wusste nicht einmal wo wir uns befanden. Sie starb an einem Fremden Ort. Niemand wird sie finden. Niemand wird wissen, dass sie tot ist, aber so wie ich sie verstanden habe gab es auch niemanden, denn es interessiert hätte. Ich weinte und weinte, während ich lief. Wie durch ein Wunder schaffte ich es heil bis zur Straße. Alle Autos fuhren einfach an mir vorbei und die Soldaten kamen immer näher. Sie hatten sich erst mit Marias Leiche beschäftigt. Ich musste mich beeilen, also lief ich auf die Straße. Ich schloss die Augen und hörte das quietschen der Auto reifen. Ich verkrampfte mich und hoffte, dass das Auto rechtzeitig bremsen würde. Langsam öffnete ich die Augen. Die Frau am Steuer sah mich ungläubig an. Ich lief zu ihrem Auto und stieg einfach ein.
„Können sie mich mitnehmen?“, fragte ich außer Atem.
Sie nickte nur und ich seufzte erleichtert. Wir fuhren mir Höchstgeschwindigkeit die Autobahn entlang. Mir war es egal, wo wir hinfahren, Hauptsache weit weg.
„Wo willst du denn hin?“, fragte die Frau nach einer Weile.
„Eigentlich wollte ich in den Süden.“, antwortete ich. Sie nickte.
„Ich kenne einen sicheren Weg dahin. Willst du immer noch hin fahren?“
Ich überlegte kurz. Was sollte ich sonst machen? Zurück nach Hause? Nein, bestimmt nicht. Ich habe nicht den ganzen Weg gemacht und eine Freundin verloren, nur um denn wieder nach Hause zu fahren. Also nickte ich.
„Gut, ich fahre dich hin. Ich wollte auch in den Süden. Weißt du, ob es dort wirklich sicher ist?“
Ich schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung. Eine bFreundin von mir soll dort wohnen.“
Schweigend fuhren wir weiter. Erst blieben wir auf der Autobahn, doch dann bogen wir irgendwann auf kleinere Straßen ab. Hier waren wir fast die einzigen. Wir stellten uns einander vor und ich fand heraus, dass sie Vivien hieß und dass ihr Mann mit den Kindern in den Süden gegangen ist, sie aber seit dem nichts mehr von ihnen gehört hatte. Sie wollte damals nachkommen, damit sie erst mal ein Leben aufbauen konnten und sie solange noch in ihrem Job, als Regierungsbeauftragte weiter arbeiten konnte. Langsam wurde sie müde, da ich nicht fahren konnte mussten wir eine Pause einlegen, auch wenn mir das gar nicht gefiel. Wir klappten die Sitzlehen zurück und ich versuchte zu schlafen. Doch ich dachte wieder an Maria. Wieder rollten mir Tränen über die Wangen. Wieso musste es ausgerechnet sie treffen?
„Kannst du nicht schlafen?“, fragte Vivien leise.
Ich schüttelte den Kopf. Ich erzählte ihr grob, was mit Maria passiert ist und ich weinte wieder dabei. Ich versuchte mich zusammenzureißen, aber ich schaffte es nicht. Ständig verlor ich Menschen, die ich liebte, wie sollte ich da stark sein? Ich erinnerte mich an das was Tyler vorhin am Telefon zu mir gesagt hatte. Er sagte, dass er mich liebt. Wie konnte er in so einer Situation darüber Nachdenken? Ich meine ich liebte ihn auch. Er ist Teil meiner Familie, aber anderes? Darüber konnte ich mir jetzt wirklich nicht den Kopf zerbrechen. Da gab es deutlich wichtigere Sachen. Nach endlosem hin und her wälzen war ich endlich eingeschlafen. Ich träumte von Tyler, meiner Mom und Maria. Alle Träume waren schrecklich.
Als ich aufwachte fuhr Vivien schon wieder weiter. Langsam ging die Sonne auf und der Himmel leuchtete Orange. Alles schien so friedlich.
„Wie weit ist es noch?“, fragte ich und erinnerte mich an die Autofahrten mit meiner Familie, als ich klein war. Ich stellte diese Frage mindestens 10 mal auf der Fahrt. Milo war immer genervt von mir und verdrehte die Augen. Eigentlich tat ich es nur deswegen. Ich liebte es mit meinem Bruder rumzualbern und ihn zu ärgern.
„Vielleicht noch eine Stunde.“, erwiderte Vivien knapp.
Noch eine Stunde! Dann war ich im Süden, denn war ich vielleicht sicher, denn sah ich Emma wieder. Ich merkte, dass auch Vivien aufgeregt war. Sie würde ihre Kinder und ihren Mann wieder sehen. Plötzlich kam mir in den Sinn, dass ich ja Marias Rucksack mitgenommen hatte. Ich holte ihn von der Rückbank und öffnete ihn. Darin befanden sich die Lebensmittel, die ich ihr gegeben hatte und auch noch etwas zu trinken war da. Ich bot Vivien etwas an und durchsuchte weiter den Rucksack. Auch sie hatte ein Notizbuch, Ihres war jedoch voll. Ich las nur die erste Zeile und merkte, dass das ihr Tagebuch sein musste. Das ging mich nichts an. Auch wenn es mich interessierte. Ich fand ein Foto, dass sie mit ihren Eltern zeigte. Es muss kurz vor Ausbruch des Krieges gewesen sein. Sie waren alle glücklich und Maria hatte schöne lange Haare. Ich steckte das Bild und ihr Tagebuch in meinen Rucksack. Langsam veränderte sich die Landschaft. Vorher waren wir fast ausschließlich durch Wald gefahren, doch jetzt erhoben sich in der Ferne ein paar Berge und man sah viele Felder. Sie erinnerten mich alle an Maria. In der Ferne sahen wir eine Stadt.
„Ist das der Süden?“, fragte ich ungläubig.
Sie zuckte die Schultern. Als wir näher kamen wussten wir, dass es sich um den Süden handeln musste. Es war zwar nicht ganz so wie ich es mir vorstellte, aber es schien friedlich zu sein. Keine Bomben. keine Pistolen, kein Krieg.
„Hast du eine Adresse, wo du hin musst?“, fragte sie.
„Du musst mich nicht hinfahren. Ich kann denn Rest zu Fuß gehen.“
„Ach Quatsch, ich setzte dich ab, also wo ist es?“
Ich zeigte ihr die Adresse und sie nickte. Wir fuhren in die Stadt. Es war der extremste Kontrast zu meiner Wohngegend, denn ich je gesehen habe. Alles hier war hell und offen. Viel Natur. Plötzlich fiel mir etwas komisches ein, dass mir vorher gar nicht bewusst war.
„Weißt du, warum gestern Bodentruppen angegriffen haben und uns verfolgt haben? Reichte es ihnen denn nicht, Bomben runter zu schmeißen?“ Sie lächelte betrübt und schüttelte den Kopf.
„Sie suchen Regierungsmitglieder. Du hast doch bestimmt schon davon gehört, dass der Norden angegriffen hat, weil wir angeblich streng vertrauliches Material über deren Sicherheitsdienst gestohlen haben. Das ist leider mehr als nur ein Gerücht. Jetzt suchen sie Regierungsmitglieder, um sich die Informationen wieder zu holen.“
Nein, davon wusste ich nichts. Warum hatte unsere Regierung denn diese blöden Informationen geklaut? Alle Medien meinten, dass unsere Regierung dafür sorgt, dass wir in Sicherheit sind, aber in Wahrheit ist sie der Grund, wieso wir überhaupt in Gefahr sind.
„Du bist doch auch von der Regierung. Könntest du ihnen helfen?“, fragte ich vorsichtig.
Sie nickte.
„Ich bin Mitglied der Einheit, die für diese Informationen zuständig ist. Ich möchte nicht, dass du denkst, dass ich es gut finde, dass die Informationen geklaut wurden, aber jetzt haben wir sie halt und kommen nicht so schnell aus der Sache raus, denn selbst wenn wir sie zurückgeben wird der Norden nicht zufrieden sein.“
Ich schwieg. Ich saß die ganze Zeit mit einer Frau im Wagen, die das alles beenden könnte. Welche Gründe könnte man haben, dass man diesen grausamen Krieg weiter führen muss?
„Sie würden denken, dass wir sie kopiert haben oder extern irgendwo gespeichert haben. Guck nicht so! Ich bin nicht schuld an diesem Krieg!“, rief sie.
„Nein, das stimmt, aber sie sind schuld daran, dass er nicht vorbei geht.“, sagte ich kühl. Ich schnallte mich ab.
„Hey warte! Was soll das werden?“, rief sie.
„Ich will nicht weiterhin mit so einem schrecklichen Menschen fahren.“, zischte ich. Ich riss die Tür auf, obwohl das Auto noch fuhr. Vivien bremste scharf und hielt mich am Ärmel fest.
„Okay, du hast recht. Es war nicht richtig von mir, aber ich hatte Angst. Selbst wenn mich die aus dem Norden nicht umbringen, gelte ich hier als Verräterin. Verstehst du das denn nicht?“
„Wenn sie all diese Menschen von ihrem Leid erlösen und sie endlich wieder in Frieden leben können, denken sie nicht, dass sie die Heldin sind? Niemand wird ihnen etwas antun.“
„Du hast Recht. Ich bin egoistisch gewesen. Ich hätte das schon länger tun sollen. Ich verspreche dir, dass wenn ich dich abgesetzt habe, in den Norden fahre und das kläre. Ich gebe dir die Adresse meiner Familie. Wenn du in zwei Wochen noch nichts von mir gehört hast, geh zu ihr und sag was mit mir passiert ist. Sie haben es verdient zu wissen.“ Sie gab mir einen Zettel. Ich nickte. Nach einer viertel Stunde hielten wir vor einem großen weißen Haus.
„Hier ist es.“, sagte Vivien schließlich.
Hier ist es. Endlich war ich bei Emma angekommen. Nach so vielen Hindernissen. Ich öffnete die Tür. Frische, klare Luft strömte mir entgegen. Ich drehte mich noch mal zu Vivien.
„Danke fürs mitnehmen und viel Glück im Norden. Ich glaube fest daran, dass du es schaffen wirst.“
„Danke, dass du mir die Augen geöffnet hast, Megan. Wir hören voneinander.“
Ich nickte ihr zum Abschied noch einmal zu und stieg aus.

9
Ich stand vor der Tür. Atmete noch einmal kräftig aus und klingelte. Was würde Emma wohl sagen wenn sie mich sieht? Die Tür ging auf und eine ältere Frau mit Brille begutachtete mich.
„Hallo?“, fragte sie.
„Hallo! Ich bin Megan.“, erklärte ich freundlich. Sie runzelte die Stirn. „Ich bin eine Freundin von Emma.“, fügte ich hinzu.
„Ah, sag das doch gleich. Denn komm mal rein.“ Sie zeigte nach drinnen. Das Haus war von innen genauso hell wie von außen. Große Fenster beleuchteten die Zimmer. Sie führte mich ins Wohnzimmer. Dort saß ein älterer Mann in einem Ohrensessel.
„Frank. Das ist Megan, eine Freundin von Emma.“
Frank drehte sich zu uns und sah unter seiner Lesebrille hervor.
„Ach, wie unhöflich von mir, ich bin Maria.“
Mein Magen rebellierte und mein Atem stockte.
„Ist was kleine?“, fragte sie besorgt.
Ich schüttelte den Kopf. In dem Moment ging die Küchentür auf und Emma kam mit einem Tablett voller Kekse rein. Als sie mich erblickte blieb sie abrupt stehen und starrte mich ungläubig an. Man konnte förmlich sehen, was sie dachte. Dann ließ sie das Tablett fallen und lief auf mich zu und umarmte mich.
„Ich kann nicht glauben, dass du hergekommen bist!“, rief sie aufgeregt.
Ich lächelte. Das konnte ich auch nicht. Nachdem wir und eine Weile umarmt hatten gingen wir nach draußen in den Garten, um ungestört zu reden. Ich erzählte ihr was mir alles passiert war und wie es meiner Familie ging. Nur Vivien, Maria und die Sache mit Tyler ließ ich weg. Ich sollte ihn eigentlich anrufen,  als ich im Auto saß, aber ich hatte keine nerven dafür. Emma erzählte mir, dass ihr Haus auch zerstört wurde und dann sind sie mit allen zu ihren Großeltern gefahren. Fast alle Sachen haben sie verloren. Nicht einmal ein Handy hatten sie. Da Emma sich Zahlen nicht merken konnte, hatte sie meine Handy oder Telefon Nummer nicht mehr, daher hatte sie sich nicht melden können. Sie erzählte ihrer Großmutter, was ich alles auf dem Weg hierher erlebt hatte und Maria sagte, dass ich ab jetzt hier wohnen könnte und wenn ich wollte konnte ich ausziehen, wenn ich mir etwas eigenes Aufgebaut hatte.

Epilog
Seit ich in den Süden gekommen bin, war ich dort wieder zur Schule gegangen. Ich schaffte meinen Abschluss zusammen mit Emma. In der Zwischenzeit hatte ich auch Zuhause angerufen und ihnen gesagt, dass ich hier in Sicherheit bin. An unserem Abschluss erwartete mich eine ganz besondere Überraschung, denn meine ganze Familie war da. Meine Mom, Tyler, Trisha und Tylers Dad. Sie haben den langen gefährlichen Weg auf sich genommen um mir zu folgen. Ich suchte mir einen Job in einer Schule und meine Mom und ich bauten uns unser neues Leben auf. Die neue Umgebung tat ihr gut. Sie ist zwar nicht wieder die alte, aber das machte nichts, denn das hat uns alle verändert. Sie eröffnete ihren eigenen Blumenladen und verbrachte viel Zeit dort. Vivien hatte mich angerufen und mir gesagt, dass alles gut gelaufen ist und bald wieder zu ihrer Familie zurückgeht. Die Situation zwischen mir und Tyler war angespannt. Die Worte, die er am Telefon zu mir gesagt hatte lagen zwischen uns. Ich wollte ihn als einfachen Freund behalten, doch ich wusste, dass er mehr für mich empfand. Ich jedoch war nicht in der Lage mich gerade auf solche Gefühle einzulassen. Ich trauerte noch immer, um meinen Vater und Maria, aber langsam fing ich an wieder richtig zu leben. Hier im Süden wussten wir, dass wir sicher waren und wie es aussah, wird es bald wieder überall so sein. Es gibt natürlich Sachen, die nie wieder werden wie früher und ich denke, dass wir nie wieder zurück nach „Hause“ fahren. Hier war jetzt unser Zuhause. Ungefähr ein halbes Jahr nach meinem Abschluss hörten wir endlich etwas von Milo. Er war verletzt worden, aber es ging ihm schon wieder besser. Sein Dienst war beendet und er konnte nach Hause. Also kam er kurze Zeit später auch zu uns in den Süden. Er suchte sich hier einen Job und eigentlich war alles gut, bis auf die Sache mit Tyler, die ich aber auch bald noch bereinigen wollte. Jetzt konnten wir nur darauf hoffen, dass alles sich schnell vom Krieg erholt und dass es Vivien gut ging.