shadow

Mein Bruder und ich

von Hakan

Es war Nacht. Ich lag mit meinem Bruder im Zimmer und wachte durch ein lautes Schreien auf, daran erinnere ich mich noch ganz genau. Ich sprang auf und öffnete die Tür. Es war meine Mutter, die schrie. Mein Vater hatte sie geschlagen. In letzter Zeit war das immer öfter passiert, und das machte mir sehr große Angst. Ich ging leise zum Wohnzimmer und bückte mich, um zu sehen, was da los war. Meine Mutter lag auf dem Boden und weinte. Mein Vater lag gemütlich mit einem bösen Blick auf dem Sofa und sah fern. Wie immer war er stark betrunken und wusste nicht, was er da tat. Ich war grade mal neun Jahre alt, und langsam fing ich an zu verstehen. Ich teilte mir ein Zimmer mit meinem Bruder, der damals zehn Jahre alt war. Wir erlebten es tagtäglich, dass unsere Mutter nur äußerlich glücklich schien, aber im Inneren jedoch sehr gekränkt und traurig war. Sie konnte nur wenig Deutsch und versuchte, sich so halbwegs zu verständigen. Ich und mein Bruder waren jeden Tag in der Schule. Ich besuchte die vierte Klasse und mein Bruder schon die fünfte. Wir wussten noch nicht, was wir noch alles in unserem jungen Alter erleben würden. Meine Schule lief gut. Ich hatte viele Freunde, meine Noten waren sehr gut, ich wollte ins Gymnasium versetzt werden und tat dafür alles, was ich konnte. Es lief alles gut, bis zu diesem einen Tag. Die Schule veranstaltete einen Elternabend, zu dem jeder Schüler mit einem Elternteil kommen sollte, um eventuelle Probleme oder Anregungen loszuwerden. Ich ging an diesem Tag nicht hin, weshalb meine Lehrerin bei mir zuhause anrief.

Ich nahm ab, aber meine Lehrerin merkte, dass mich etwas bedrückte. Sie fragte nach meinem Vater. Mein Vater ging wie immer betrunken ans Telefon und beschimpfte meine Lehrerin. Ich wollte nie so sein wie er. Meine Lehrerin meldete sich beim Jugendamt. Ein paar Tage später klopften Leute bei uns zuhause an. Sie durchsuchten die Wohnung. Wie immer machte mein Vater ein Drama draus.  Die vom Amt drohten meinen Eltern, uns wegzunehmen, wenn sich die Lage zuhause nicht schleunigst änderte. Ich war damals elf und mir wurde immer klarer, wie das Leben spielt. Trotz dieser Drohung hörte mein Vater nicht auf, zu trinken und zu schlagen. Einmal hat er meiner Mutter so wehgetan, dass ich auf ihn zugegangen bin, und er mich gegen die Wand geschlagen hat. Mein Vater war nie ein Vorbild für mich.

Als ich eines Nachmittags nach der Schule nachhause kam, habe ich die Polizei und einen Krankenwagen vor der Tür gesehen. Ich lief nach oben, um zu schauen, was los war, und sah meine Mutter auf dem Boden liegen. Sie weinte verzweifelt, aber ich wusste nicht wieso! Alle sprachen durcheinander und unverständlich. Ich konnte mir nichts erklären mit meinen elf Jahren. Heute weiß ich: Ich hätte die Wahrheit noch nicht nachvollziehen können. Deshalb erzählte meine Mutter mir eine Version, von der ich nie gedacht hätte, dass sie noch hundertfach schlimmer sein könnte. Sie sagte, mein Vater habe Drogen zu sich genommen, als er betrunken war. Es sei eine Überdosis gewesen, in der Folge sei er an einem Herzinfarkt gestorben.

Ich war am Boden zerstört, ich hatte noch nie zuvor erlebt, dass jemand gestorben war.

Es ist schwer, so eine Geschichte nachzuerzählen, doch weiß ich jetzt, dass es der Lauf der Dinge ist und man nicht alles für immer haben kann. Ich habe meinen Realschulabschluss gemacht und bin danach in den Einzelhandel gegangen und mache immer noch meine Ausbildung. Ich bin stolz darauf, dass ich selbstständig für mein Leben sorgen kann. Von meiner Mutter weiß ich inzwischen, dass mein Vater aus einem ganz anderen Grund starb. Es war seine eigene Schuld. Er dealte mit Drogen, verkaufte sie, kaufte und nahm sie selbst zu sich. An dem Tag, als er starb, war er so zugedröhnt von dem Zeug, dass er Sachen aus der Wohnung aus dem Fenster schmiss. Die Polizei kam und warnte ihn, er wollte fliehen und bedrohte die Polizisten mit einem Küchenmesser, daraufhin schoss einer aus Notwehr, er traf ihn am Kopf. Mein Vater starb wegen seiner eigenen Dummheit.

Klar habe ich meinen Vater oft vermisst, wer will schon ohne Vater aufwachsen. Aber, auch wenn es hart klingt, auf eine bestimmte Art und Weise war ich kein bisschen traurig. Er hat meine Mutter so oft gedemütigt und geschlagen, dass auch ich ihm irgendwann den Tod gewünscht habe.

Seit seinem Tod haben meine Mutter, mein Bruder und ich sehr glücklich in unserer kleinen Wohnung gelebt.

Mein Bruder und ich gingen zur Schule, lernten, kamen von der Schule zurück und setzen uns mit unserer Mutter zusammen und redeten über unseren Tag. Ich hoffte, dass es für immer so bleiben würde. Doch nach einigen Wochen merkte ich, dass es meiner Mutter nicht mehr so gut ging. Sie wurde mit jedem Tag schwächer. Mein Bruder und ich dachten, dass unsere Mutter einfach nur müde sei und nicht genug Schlaf hätte. Doch es wurde immer schlimmer, und meine Mutter wurde mit jedem Tag schwächer.

Ich habe mich mit meinem Bruder zusammengesetzt und besprochen, was los sein könnte. Wir kamen zu dem Entschluss, unsere Mutter zu einem Arzt zu bringen, und sie untersuchen zu lassen. Als wir beim Arzt waren, ist meine Mutter allein zur Untersuchung gegangen, wir warteten draußen. Als sie wiederkam, sagte sie uns, dass alles in Ordnung sei, und dass der Arzt ihr einige Medikamente verschrieben hätte.

Nach einigen Wochen, in denen meine Mutter die Medikamente zu sich nahm, ging es ihr wieder besser, und sie konnte wieder lächeln. Doch eines Tages, als mein Bruder und ich in der Schule waren, kam der Direktor in meine Klasse und sagte, dass er mich sprechen wolle. Ich folgte ihm in sein Büro. Mein Bruder saß schon dort und wartete ungeduldig. Der Direktor fing an zu reden und uns von vornherein zu beruhigen. Da bin ich etwas lauter geworden und sagte ihm, dass ich endlich wissen will, was passiert ist.  Er sagte langsam, dass unsere Mutter in der Wohnung zusammen gebrochen sei und nun im Krankenhaus lag. Ich fragte, in welchem Krankenhaus. Kaum hatte er den Namen des Krankenhauses gesagt, packte ich meinen Bruder und lief los. Wir sind zehn Minuten durchgerannt und völlig kaputt am Krankenhaus angekommen. Wir hatten Seitenstiche wie Hölle, doch das hat uns in diesem Moment nicht interessiert, wir wollten nur wissen, wie es unserer Mutter ging. Wir liefen an die Rezeption und fragten, in welchem Raum meine Mutter lag. Nachdem wir die Nummer wussten, rannten wir dorthin. Im Zimmer sah ich meine Mutter in einem Krankenbett liegen. Sie nahm uns ohne Worte in die Arme und sagte einige Minuten gar nichts. Ich verlangte eine Antwort, da sagte meine Mutter, dass wir alt genug seien, um es zu verkraften. Sie sagte, sie habe Krebs, was wir im ersten Moment nicht wahrhaben wollten. Ich fragte sogar beim Arzt nochmal nach, um mir wirklich sicher zu gehen, dass es stimmte.

Meine Mutter bekam eine Chemotherapie und war sehr entschlossen, die Krankheit wieder loszuwerden. Nach einigen Aufenthalten im Krankenhaus und einer Zeit, die sie bei meiner Tante verbrachte, ging es ihr wieder gut.

Doch drei Jahre später hatte sich die Lage wieder verschlimmert. Meine Mutter ging nicht mehr nach draußen, weil ihr Immunsystem nicht mehr funktionierte, und sie wegen jeder Kleinigkeit krank werden konnte. Mein Bruder und ich taten alles für sie. Wir gingen einkaufen und machten den Haushalt und hofften sehr, dass es ihr bald wieder gut gehen würde. So lebten wir ein Jahr, bis meine Mutter wieder einen Zusammenbruch hatte, als wir in der Schule waren. Wir hofften, es wären nur Kreislaufprobleme, doch das war es nicht.

Wir mussten mehrere Stunden im Wartezimmer sitzen. Das ständige Hin-und Hergehen meines Bruders machte mich nervös.

„Setz dich doch hin, Junge!“, schoss es plötzlich aus mir raus. Ärzte liefen herum, und ich hörte nur noch irgendwelche medizinischen Begriffe.  Schließlich kam der Arzt, und er brachte uns die Botschaft, dass unsere Mutter im Schlaf gestorben sei. Ich war schockiert und kurz davor, in Ohnmacht zu fallen. Mein Bruder stand auf und schlug auf den Arzt ein. Er schrie ihn an, dass er nichts getan hätte, um unsere Mutter zu retten. Ich zog ihn zurück und beruhigte ihn wieder.

Meine Mutter hatte mit mir schon einmal darüber gesprochen, was ich in so einem Fall tun sollte. Kurz nach der Beerdigung wurde mein Bruder 18, was bedeutete, dass wir ohne einen Erziehungsberechtigten leben konnten. Seit dem tragischen Ende meiner Mutter leben mein Bruder und ich in der Wohnung und versuchen unser Leben mit oder ohne Hilfe auf die Reihe zu bekommen.