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Mein Leben mit Lücken

Von Kübra  Akdemir, 16 Jahre

Alles war so still und so dunkel, ich spürte die Kälte hinter meinem Rücken, als stehe jemand hinter mir. Ich drehte mich um und sah eine schwarze Gestalt und brach in Panik aus. Ich spürte mein Herz schlagen, meinen Puls steigen und fühlte meinen Schweiß die Stirn runter fließen. Ich schreckte auf und merkte, es war ein Traum. Ich lag in meinem Bett, der Wecker klingelte wie ver-rückt. Es war Zeit zur Schule zu gehen. Im Flur blieb ich am Spiegel stehen und sah mich an. Mei-ne dunkelbraunen Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden, meine  blauen Augen stachen heraus. Ich starrte auf meine Sporttasche. Damals war mein Training ziemlich wichtig, denn an diesem Tag kam ein Basketball-Coach, der zuguckte und einigen von den besten eine Möglichkeit gab, eine professionelle Basketball Spielerin zu werden. Das war mein Ziel, das Lächeln in meinem Gesicht machte mir Mut. Nach der Schule ging ich zu meinem Training und da stand ich, vor dem Basketballplatz. Der Wind wehte, für einen kurzen Moment war alles still. Ich ging kurz in mich und betrat dann den Platz. In der Umkleidekabine stieg die Anspannung. Ich hörte Musik mit Kopfhörern um mich zu entspannen. Der Bass und der Rhythmus durchfloss meinen ganzen Körper, meine Teamkolleginnen saßen um mich herum. Alles drehte sich in Zeitlupe, bis unser Coach in die Kabine kam. Wir machten einen Kreis und hörten ihm zu, wie er uns allen Mut machte. Das Training begann und es wurde ernst. Nach dem Training saßen wir aufgeregt auf der Bank und warteten, bis eine Entscheidung gefallen war. Ich sah meinen Coach zu uns laufen und klammerte meine Hände so fest um die Bank, dass sie mir schon wehtaten.
,Herzlichen Glückwunsch Mädels, ich hab für zwei von euch eine tolle Nachricht“, sagte er.
Die Mädchen fingen an zu schreien, doch ich saß nur dort und mein Herzschlag wurde immer schneller. Ich spürte, dass irgendwas nicht stimmte. Die Mädchen gratulierten mir und sagten: “Glückwunsch Kader du bist bestimmt eine davon, schließlich bist du unser Team-Captain.“
Meinem Coach entfiel sein Lächeln, er sagte mit einer unterdrückten Stimme: “Ich bedaure, das zu sagen, Kader, aber du bist es nicht. Marie und Lea, Glückwunsch!“ Er entfernte sich zügig von uns. Alle starrten mich an. Das war das demütigendste, das ich je erlebt hatte.

Mein Traum war zerplatzt. Ich stand auf und ging ohne was zu sagen, hinter mir hörte ich das Ge-schrei von Marie und Lea.
Als ich zuhause war, ging ich sofort in mein Zimmer. Ich konnte mit niemanden reden. Denn keiner konnte mich in diesem Moment verstehen. Ich saß in meinem Zimmer und rührte mich nicht von der Stelle. Mein Zimmer wurde immer kleiner und ich bekam Platzangst. Sofort zog ich meine Schuhe an und lief aus meinem Zuhause hinaus. Ich lief und lief, bis ich an einem See stehen blieb. Der See war ziemlich schmutzig, um mich herum Bäume ohne Blüten und es war unangenehm still. Ich war nicht allein dort. Ich drehte mich um und fing an zu schreien. Ein Mann stand vor mir und packte mich. Ich schrie wie wild und trat fest zu, damit er mich losließ. Ich fing an zu laufen. Ich lief, lief und lief, kein Ende schien in Sicht. Ich guckte nach hinten, dabei knallte ich mit jemanden zusammen. Ich saß auf dem Boden, und vor mir stand ein gut aussehender Junge mit schönen grünen Augen. Ich hatte keine Kraft aufzustehen, darum blieb ich sitzen. Wenn mich je-mand, der mich damals kannte, beschreiben müsste, würde er mich als mutiges, starkes und ziel-strebiges Mädchen beschreiben. Doch nun saß ich auf meinen Knien, die Schulter hängend und mein Gesicht auf den Boden gerichtet. Der Junge entschuldigte sich mehrmals bei mir, obwohl ich Schuld hatte. Er guckte mich nur so an, bis ich plötzlich anfing, wie ein kleines Kind zu weinen. Er nahm mich in seinen Arm und sagte nichts. Nach einer Weile stand ich auf und und wollte gehen. “Kerem“, sagte er. Ich guckte ihn verwirrt an. “Wie bitte?.
„Ich bin Kerem und du?.“ sagte er.
“Ich bin Kader.“ Für einen Moment lang war es still, er guckte mich nur an, sein Blick war unver-gesslich. Als wäre ich etwas, das leuchtet und ihm so faszinierend vorkam. Er fragte mich nach meiner Nummer, damit er sich vergewissern kann, dass ich gut zuhause ankomme. Er kam mir so vertraut vor, deshalb hab ich ihm meine Nummer gegeben. Diesmal fuhr ich mit dem Bus nach Hause. Als ich vor der Haustür stand, klingelte plötzlich mein Handy, ich ging ran und hörte wie eine Männer Stimme sagte: “Hey, ich bins, Kerem, bist du gut nach Hause gekommen?“
Ich musste lachen und sagte: „Ja!“
Wir schrieben lange und uns ging einfach nie der Gesprächsstoff aus.
Um 18Uhr klingelte es an unserer Tür, und ich hörte viele Menschenstimmen. Ich sagte Kerem, dass ich offline gehe und legte mein Handy weg. Ich öffnete meine Tür ganz vorsichtig, nur so bis ich mit einem Augen durchsehen konnte. Ich wollte wissen, wer jetzt noch kam. Es war meine Verwandten, die zum Essen gekommen sind. Wir hatten leckere türkische Gerichte gegessen, geredet und gelacht. Es schein mir so, als wäre alles perfekt und dass meine Familie sich besser versteht als früher. Sie müssen verstehen, meine Familie  hatte nicht das engste Verhältnis, des-halb war es auch Neuland für mich, dass sich alle bei uns getroffen haben.
Es war dann schon spät, ich glaube ein oder zwei Uhr, ich bin mir nicht sicher. Alle standen gleich-zeitig auf und wollten nach Hause.  Als sie sich von uns verabschiedeten, mussten ein paar weinen, einige sagten, dass sie uns sehr lieb haben und das Beste für uns wünschten. Ich hatte keine Ahnung, was abging. Wenn Sie mich fragen glaube ich, ich war die verwirrteste Person auf der Welt. Na gut, jedenfalls gingen sie und ich ging ins Wohnzimmer. Dort saß meine Mama mit Tränen im Gesicht. Das schlimmste, was man erleben kann, ist meiner Meinung nach, die eigene Mutter weinen zu sehen. Meine Mutter ist die wichtigste Person in meinem Leben und ich kann nicht sehen wie sie leidet, dann leide ich mit.
Ich ging zu ihr und setzte mich neben sie. Meine Mama guckte dann endlich zu mir hoch und hielt meine Hand sehr fest und rückte näher. Sie wollte mir etwas erzählen, aber ich wusste nicht, ob ich bereit war, um es zu hören. Mir fielen schlechte und sehr schlimme Dinge ein, aber mit dieser Nachricht hätte ich in meinem Leben nicht gerechnet, es gab eigentlich nichts Schlimmeres.
„Wir ziehen um“, sagte sie. Doch das war noch nicht die schlechte Nachricht, sondern das, was sie nach meinem verwirrten Blick sagte. Meine Eltern  wollten in die Türkei ziehen und meine Welt brach in mir zusammen. Nicht, dass ich mein Herkunftsland nicht liebte, ich finde die Türkei schön und ich fühlte mich auch im Urlaub sehr wohl. Doch alles in Deutschland  aufzugeben und einfach fort? .Meine Freunde verlassen, die Schule abbrechen und einfach eine neue Lebenseinstellung  anzunehmen? Ich bin ziemlich schlecht darin, Freunde zu finden.
Es war wie ein Alptraum. Und dann war mir klar, an diesem Tag hat sich das Schicksal gegen mich gestellt. So viel Pech auf einem Schlag. Lustig, dass ich ausgerechnet Kader heiße, denn Kader bedeutet Schicksal.
Wie ich in mein Zimmer kam, erinnre ich mich nicht, ich weiß nur noch, dass ich auf meinem Bett saß die Kopfhörer im Ohr, Musik an und Tränen in meinen Augen. Ich hörte so laut, dass ich um mich herum nichts hörte. Plötzlich rief jemand nachts um 3 Uhr an, ohne zu gucken, drückte ich weg. Doch der Anrufer wollte nicht aufhören. Ich schaltete in den Flugmodus, um meine Ruhe zu haben. Keiner konnte mich in diesem Moment verstehen und es sollte auch keiner. Meine Proble-me sind meine und keinen würden die interessieren, dachte ich mir.
„Kennst du das Gefühl, wenn du einfach nur so erschöpft bist zu kämpfen, zu kämpfen, um dann das zu erreichen, was vielleicht nicht das Richtige für dich ist?“.
So hab ich mich gefühlt, als ich erfahren habe, dass ich nicht die beste Basketballspielerin bin, obwohl ich mich so daran geklammert hatte. Vielleicht ist es nichts für mich und ich sollte damit aufhören, dachte ich mir. Ich war gerade mal 17 Jahre alt und hatte so viele Probleme.
Ich konnte nicht schlafen und blieb wach. Ich saß auf meinem Bett, dann saß ich auf dem Boden in der Ecke an meinem Schreibtisch und dann stand ich vor meinem Fenster.
Tief in die Nacht blickte ich nach draußen, ohne etwas zu sehen. Als wäre alles so groß und ich doch so klein.
Ich legte mich in mein Bett. Ich weinte in mein Kissen rein und fragte mich, wie kann mein Leben noch schlimmer sein als jetzt.

Am nächsten Tag stand ich ungefähr um 9 Uhr auf, nachdem meine Mutter wie gewohnt jeden Morgen mit ihrem Staubsauger kam. Als wäre das noch unsere Wohnung, dachte ich und war ziemlich genervt. Meine Mama brachte mir Kartons und befahl mir, meine Sachen zu packen. Sie meinte es völlig ernst. Jede Gegenwehr scheiterte, ich durfte nichts dazu sagen. Ich wusste nicht mal wieso. Aber am nächsten Tag, fiel es mir nicht mehr so schwer, mich damit abzufinden, weil ich jede Hoffnung schon aufgegeben hatte. Mich hielt nichts mehr, was ich nicht in der Türkei auch kriegen könnte. Freunde brauch ich nicht, ich bin allein besser dran, dachte ich, während ich meine Sachen packte. Ich blickte in mein Zimmer, aber fand nichts, was ich dringend mitnehmen müsste. Zu viele Erinnerungen wären das. Also packte ich nur die Sachen ein, die wirklich notwendig waren. Die anderen Sachen schmiss ich alle ohne zu zögern weg. Wenn ich neu anfangen sollte, dann auch richtig. Mein Papa kam rein und trug die Sachen runter zum Transporter. Ohne mich anzugucken und was zu sagen ging er rein und raus.
„Hattest du Angst vor deinem Vater?“
„Nein, ich habe Respekt vor meinem Vater, das hat nichts mit Angst zu tun.“
Mein Zimmer war dann von den Kartons befreit, und ich nahm meinen Koffer mit meinen Klamot-ten, den ich in der Zwischenzeit gepackt habe. Drei Koffer standen im Flur. Ungefähr um halb fünf aßen wir noch eine Kleinigkeit für die Reise. Es war noch nie so still beim Essen wie an diesem Tag. Keiner traute sich etwas zu sagen. Nach dem Essen sagte meine Mutter, dass wir um 19 Uhr los fahren müssen.
Mein Handy klingelte und ich verschwand in meinem Zimmer. Es war Kerem. Ich war so aufgeregt, mein Körper zitterte und dann nahm ich ab. Mit bedrückter Stimme sagte ich: „Hallo?“
Er antwortete hektisch : „Kader, ein Glück das du abnimmst, ich hab mir Sorgen gemacht, als du nicht rangingst. Ich wollte unbedingt deine Stimme hören. Gestern warst du so durch den Wind, was ist passiert? Geht es dir wieder besser?“
Ich konnte nicht antworten, weil er nicht zum Punkt kam. Ich musste lächeln, denn noch nie hatte jemand sich so viel Sorgen um mich gemacht. Ich musste ihn unterbrechen und sagte ruhig:
„Alles gut bei mir, ich hab nur ein kleines oder je nachdem großes Problem. Ich will dich auch nicht damit belasten.“
Doch er bestand darauf es zu erzählen. Also erzählte ich ihm, dass ich in die Türkei ziehen muss. Das war ehrlich schwerer zu sagen als zu tun. Er verstummte, kein Wort. Bis er sich einmischen wollte, doch ich meinte, dass es nichts bringt.
„Ich fahre in einer Stunde zum Flughafen, es bringt nichts. Tut mir leid, ich mag dich sehr, deshalb muss du mich vergessen“, sagte ich und legte mit zerrissenem Herz auf. Ich wusste nicht, was ich machen soll, doch das einzige, was ich mir dachte, war, dass sein Leben weiter gehen und wegen mir nicht stehen bleiben sollte.
Wir fuhren los, die Musik in meinen Ohren lief, meinen Gedanken ließ ich freien Lauf.
Er war meine erste große Liebe, glaub ich, davor hatte ich mich noch nie verliebt.
Am Flughafen angekommen ging alles so schnell. Koffer abgeben und dann rollte ich meinen klei-nen Koffer als Handgepäck schon zur Sicherheitskontrolle, um in den Flugbereich zu kommen.
Als ich gerade rein ging, hörte ich meinem Name.
„Kader!. Kader!“, rief jemand von weitem. Als ich mich umdrehte, sah ich Kerem dort zehn Meter  entfernt vor mir. Er stand dort und guckte mich an. Ich hab mich so schlecht gefühlt, aber ich konn-te nicht anders. Ich lief zu ihm, und er fing mich auf. Ich wollte gar nicht mehr los lassen. Als ich dann vor ihm stand guckte er mich an und sagte: „Denkst du, du kannst einfach fort, ohne mir auf Wiedersehen zu sagen?“ Ich wurde klein in diesem Moment und dachte mir, was für ein schlechter Mensch ich doch bin. Ich hab ihn einfach ohne Grund abgeschoben, als wäre er wie meine Sa-chen, die ich weg geschmissen habe, um die Erinnerung zu vergessen.
„Es tut mir echt Leid aber ich will nicht das du dein Leben wegen einer 17-jährigen zerstörst.“, sagte ich. Denn er war 23 Jahre alt.
Wir haben ein bisschen diskutiert, und dann musste ich wirklich los, meine Eltern riefen mich,
ihm flossen die Tränen runter, und die Schuldgefühle stiegen in mir auf.
Ich gab ihm einen Kuss auf die Wange und ging weg, ich drehte mich nicht mehr um. Dann flogen wir nach Samsun. Ich habe dort eine neue Handy-Nummer bekommen. Neue Nummer – neues Leben. Wir lebten in einer 3 Zimmer Wohnung mit Blick aufs Meer. Kaum waren sie angekommen, fingen meine Eltern an alles aufzubauen. Ich hatte keinen Bock darauf, darum ging ich raus und guckte mir meine Herkunftsstadt genauer an. Am Ufer ging ich spazieren und die Sonne schien. Es war ziemlich warm, und ich roch die frische Luft und spürte die Wassertropfen der Wellen in meinem Gesicht. Ich hatte voll vergessen, wie schön die Stadt ist und wie sehr ich die Urlaubstage hier vermisst habe. Auf einmal rammte ein Typ mich um und kleckerte seinen Kaffee auf mich. Ich wurde wütend und schrie ihn an, dass er besser gucken sollte, doch er fing einfach an zu lachen. Er entschuldigte sich und sagte: „Ich bin Arda.“
Ich guckte ihn wütend an und wollte ihm am liebsten eine reinhauen, doch er lief grinsend weiter. Wie sollte ich hier leben?  Alles war fremd, aber auch so bekannt..
Nach einer Woche fing ich mit der Schule an, und das war der schlimmste Tag, den es gab.
Ich zog meine heftigsten Klamotten an und fuhr zur Schule. Dann stand ich vor der Schule und ging los, jeder und alles war mir egal, ich merkte wie arrogant ich wurde. Alle guckten sich auf dem Schulhof zu mir um, die Mädchen wurden neidisch, die Jungen starrten mich an. Der Schulleiter brachte mich dann zu meiner Klasse. Ich wollte nicht rein, sondern abhauen, doch dann öffnete die Lehrerin die Tür und holte mich rein. Ich stand vor der Klasse und guckte rum. Alle trugen eine Uniform und waren unruhig. Die Lehrerin bat um Ruhe und stellte mich als neue Schülerin vor. Dann musste ich mich vorstellen.
„Ich bin Kader, bin 17 Jahre alt und komm aus Deutschland.“, sagte ich sehr unmotiviert.
Ein paar fingen an zu murmeln und dann bat mich die Lehrerin einen freien Platz zu finden.
So ein Mädchen namens Melissa saß allein an einem Tisch, und als ich mich dahin setzen wollte, legte sie ihre Tasche auf den Stuhl und guckte mich eingebildet an. Dann rief jemand in der hin-tersten Reihe nach mir und bot mir seinen linken Stuhl an. Ich erkannte ihn gleich wieder, es war Arda, der Typ der mich am Ufer angerempelt hatte. Die Lehrerin wollte mit dem Unterricht begin-nen und deshalb setzte ich mich zu ihm. Nach dem Unterricht gab es wie gewohnt eine Pause. Die Lehrerin ging raus und alle drehten sich zu mir um. Die Melissa und ihre zwei Freundinnen kamen zu mir. Die sind sozusagen die Angesagtesten der Schule. Sie kamen zu mir und versuchten mich runterzumachen, doch ich fing an die Mädchen mit den gemeinsten Sprüchen bloßzustellen. Ich stand auf, rammte sie an ihre Schulter und ging in die Cafeteria. Paar der Jungen und Arda folgten mir in die Cafeteria, doch ich ging nach draußen. Ich saß allein auf einer Bank und hörte Musik. Arda und seine Freunde kamen nach einer Weile zu mir, und er reichte mir ein Glas Cay. Er sagte, dass der für mich ist und dass er mich mag. Ich guckte ihn grinsend an, nahm das Glas, schüttele den Tee vor seine Füße und ging in die Klasse zurück. Ich dachte, er macht sich über mich lustig und allgemein war ich sehr genervt von jedem. In der nächsten Unterrichtsstunde hatten wir Mathe, und Arda versuchte die ganze Zeit, mit mir zu reden. Ich ignorierte ihn und zeichnete in mein kleines Buch. Die Lehrerin nahm mich ungewollt dran und wollte dass ich mitmachte. Doch ich sagte, dass ich nicht will und es nicht weiß, doch die Lehrerin wollte nicht nachgeben. Wir fingen an zu diskutieren und dann wurde ich frech, ich habe schlimme Sachen gesagt. Die Lehrerin wurde sauer und befahl mir zum Schulleiter zu gehen oder mich zu entschuldigen. Ich stand auf nahm meine Sachen und ging raus. Bevor ich das Klassenzimmer verließ, blieb ich vor der Lehrerin ste-hen und sagte: „Sie können mich mal.“
„Warum haben Sie so hart reagiert?“
„Ich hatte damals kein Mitleid mit niemandem. Ich fühlte mich so stark und gut, wenn ich anderen weh getan habe. Komisch, aber es war ehrlich so.“
Ich wurde aber nicht von der Schule geschmissen, weil alles so neu für mich war, meinte der Schulleiter. Mit den Tagen und Wochen befreundete ich mich mit Arda und wir wurden zu besten Freunden. Wir haben zusammen viel Mist gebaut, immer ein Abenteuer und richtig viel Spaß ge-habt. Wir waren unzertrennlich. Ich fühlte mich zuhause. Mit den richtigen Freunden wurde dieses fremde Leben zur Heimat. Endlich fühlte ich mich wohl und war glücklich. Wir wurden zur Familie. Ich sah Arda öfter als meine Eltern. Wir spielten fast jeden Tag Basketball auf dem Basketballplatz gegenüber meiner Wohnung, nachdem ich die bei einem Spiel besiegt habe. Denn wir wohnten alle nah beieinander, das war das Schönste dabei. Wir trafen uns jeden Tag, und es wurde nie langweilig. Ich zeigte denen meine Spiel-Tricks und half ihnen bei der Technik. Obwohl ich mir geschworen hatte, nie wieder Basketball zu spielen, hatte ich wieder Spaß daran gefunden.
„Und was ist dann passiert? Komm zu der Stelle, die du nicht verkraften kannst.“
Mit 20 Jahren waren Arda und ich immer noch Freunde, er war wie mein Bruder. Er ist mein Bru-der immer noch. Ich liebe ihn, als wäre er mein leiblicher Bruder, was ich mir so oft wünschte.
Es war der 7.Juli, wir waren wieder draußen unterwegs, plötzlich ist Arda verschwunden, nachdem er kurz nach Hause gehen wollte.
Irgendwann habe ich angefangen, ihn zu suchen. Ohne Erfolg. Ich ging verzweifelt nach Hause. Vor meiner Wohnung stand die Polizei und sperrte eine Stelle ab. Ich lief schnell hin und sah Arda dort in der Ecke tot liegen. Ich lief in die Absperrung rein zu ihm und erlitt einen Zusammenbruch. Ich schrie die ganze Zeit seinen Namen und brüllte, dass er nicht tot sei. Dass die Polizisten nicht zugucken sollten, sondern einen Krankenwagen holen sollten. Doch keiner rührte sich, stattdessen versuchten sie mich von ihm weg zu zerren. Ich wehrte mich und wollte ihn nicht loslassen, ich umarmte ihn so fest und weinte dabei so sehr. Ich wollte nicht einsehen, dass der einzige Mensch, der mich mag und der mir so nah stand, von mir ging. Es sollte einfach nicht passieren, meine Welt zerbrach schon wieder in kleine Stücke.
„Warum schon wieder ich? Warum passiert mir immer sowas? Ich bin doch auch nur ein Mensch! Hab ich nicht das Recht, glücklich zu sein?“
Der 7.Juli ist der Todestag meines besten Freundes. Manchmal wünschte ich, dass wir niemals umgezogen wären, dann hätte ich ihn nie kennen gelernt, und er wäre vielleicht noch am Leben.
„Gib niemals dir die Schuld dafür.“
„Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, Frau Schmidt.“
Ein halbes Jahr nach seinem Tod bin ich nach Deutschland zurückgezogen. Ich hatte die Möglich-keit, in Bremen zu studieren. Meine Eltern sind nur mit mir in die Türkei gezogen, weil mein Vater nach einem Missverständnis sein Geschäft verlor. In der Türkei haben wir von meinen Großeltern einen Kiosk geerbt, womit wir unser Leben in der Türkei finanzieren konnten. Und jetzt ermöglichen sie mir hier ein Studium und mein altes Leben mit Lücken.
Meine Eltern sind dort geblieben, da sie sich dort gut zurechtgefunden haben. Aber ich musste wieder mal ein neues Leben beginnen, denn dort hätte ich mich niemals wieder zurechtgefunden. Nach allem was passiert ist. Ich weiß noch genau, wie Arda vor seinem Tod von uns gegangen ist.
Er stand auf, umarmte mich, sagte tausend schöne Sachen zu mir und winkte beim Gehen. Er rief. „Ich liebe dich, Schwesterherz.“ Und ich antwortete: „Ich hab dich auch lieb, mein Bruder.“
Als hätten wir gewusst, dass wir uns das letzte Mal sehen, und das macht es noch trauriger. Hätte ich es gewusst, ich hätte ihn einfach nicht gehen lassen. Die Jungen waren auch völlig fertig. Wir haben noch per Whats App Kontakt, denn sonst verkraftet keiner, sich nach Arda’s Tod wieder zu sehen. Ich habe niemanden mehr, dem ich vertrauen kann, meine Freunde von damals in Deutschland haben alle keinen Kontakt mehr zu mir. Er war der beste Mensch auf der Welt und er ist mit einem Lächeln von uns gegangen. Es gab keinen Tag, wo er nicht gelächelt hat, er war im-mer glücklich. Das war auch der Punkt, weshalb ich mich neben ihm so wohl fühlte. Als gäbe es keine Probleme auf Welt. Durch ihn habe ich gelernt zu Leben. Sein Lebensmotto war: „Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.“ An diesen Spruch haben wir uns immer gehalten. Ich vergesse keinen Tag mit ihm. Das war die beste Zeit meines Lebens, und dafür danke ich ihm sehr.
„Gut, das war dann schon mal gut für die heutige Sitzung. Wollen Sie noch einen Termin haben, um mehr auf Ihre Verarbeitung einzugehen?“
„Ich glaube, ich brauche keine Gespräche mehr, Ich fühl mich schon besser, nachdem ich Ihnen alles erzählt habe. Nach so vielen Sitzungen habe ich endlich den Mut gefunden, alles zu erzählen. Ich glaube, es reicht mit der Therapie.“
„Na gut, aber wenn Sie noch mal reden wollen, dann kommen Sie vorbei.“
„Mach ich, schönen Tag noch.“
Ich gehe aus der Psychologischen Praxis raus, mit einer viel positiveren Einstellung. Ich spaziere durch den Park meiner alten Gegend. Ich merke, dass ich wieder zuhause bin. Beim Spazieren sehe ich auf einer Bank einen Mann sitzen. Er kommt mir so bekannt vor. Und dann guckt er mich an, mein Herz bleibt stehen. Es ist Kerem. Ich hätte nie gedacht, dass ich ihn wieder sehe. Er kommt zu mir und freut sich, mich wieder zu sehen. Und ich versuche mit ihm zu reden und alles zu erklären. Plötzlich küsst er mich. Ich bin überglücklich, Und wir verbringen den ganzen Tag mit-einander. Diesmal mache ich nicht den Fehler und verlasse ihn. Es fängt ein neuer Lebensabschnitt für mich an, mit meiner ersten großen Liebe…