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Magen gut, alles gut

von Monique Schulze, 21 Jahre

Lionel streunte menschenseelenallein durch die Gassen und Winkel seiner kleinen Heimatstadt. Es war bereits Abend und die untergehende Sonne verwandelte den Himmel in ein goldenes Meer, in dem rosarote Wolken schwammen.
Um diese Uhrzeit hätte er längst zu Hause sein sollen. Doch er hatte wieder einmal die Schule geschwänzt und er wusste nur zu genau, dass die strenge Schuldirektorin wieder bei seinen Eltern angerufen hatte.
Wenn er daran dachte, wurde ihm schlecht. Lionel hatte genauso wenig Bock auf Ärger mit seinen Eltern, wie auch auf Schule. Aber er konnte nicht sagen, was ihn kränker machte.
Das Herumstreunen ließ ihn manches vergessen. Am liebsten stieg er in alte und baufällige Häuser, denen keiner mehr Beachtung schenkte.
Perfekt.

Für dieses Mal hatte sich Lionel den Betontitanen der Stadt zum Herumschnüffeln ausgesucht.

Den Bunker.

Ein riesiger Würfel, der früher den Menschen bei Kriegen Schutz gewährte. Doch auch dort drinnen sollen einige von ihnen umgekommen sein. Die panische Menschenmasse hatte sie einfach überrannt.
Eigentlich war dies ein guter Grund für Lionel, sich dem Bunker fernzuhalten. Vielleicht spukte es dort. Und auch die Angst hatte sich bereits in seinen Gedärmen breit gemacht. Doch er musste und wollte unbedingt einen Blick dort hineinwerfen. Seine Neugier zog ihn einfach dorthin.

Der Bunker befand sich ein paar Meter außerhalb der Stadt, umgeben von einer ungepflegten Grünfläche, dessen Grashalme bis an seine Knie reichten.
Er durchquerte dieses mit Insekten verseuchte Gebiet, trotz seiner Angst vor Spinnen und Zecken, und stand nach einigen großen und schnellen Schritten wieder auf festem Boden.
Es galt nur noch einen kleinen, alten Zaun zu überwinden. Geschickt wie eine Gazelle sprang er hinüber und schaute sich schließlich um. Er wollte sich auch nicht allzu lange dort aufhalten. Nur schnell rein, gucken und dann wieder raus. Denn der Bunker behagte ihm nicht. In ihm gab es was, was Lionel noch mehr fürchtete als Spinnen.
Die Dunkelheit.
Wenn sie überall war, ihn einschloss, dann spürte er diese unsichtbaren Fesseln, die sich um seine Brust und um seinen Hals schlangen und ihm die Luft zum Atmen nahmen.
Ein schreckliches Gefühl…
Er schluckte und atmete einmal tief ein und aus. Schon längst hatte er diese Stahltür entdeckt, deren weiße Farbe schon vor scheinbar hunderten von Jahren abgeblättert war. Und nicht nur das. Sie stand sogar einen Spalt breit offen. Tief im Innern hatte Lionel gehofft, er würde keinen Eingang finden. Er überlegte sogar, ob er so tun sollte, dass er diesen Eingang nicht gesehen hätte. Aber das wäre feige gewesen. Er musste einmal ein Mann sein. Und man war ja auch dann noch ein Mann, wenn einem der Schweiß literweise übers Gesicht lief und die Beine zitterten wie Espenlaub.
Lionel atmete einmal tief ein und aus…und dann noch mal…noch mal…und ein allerletztes Mal…vielleicht doch noch einmal…
Er hob seine rechte Hand und verpasste sich selbst eine disziplinierende Backpfeife.
„Komm schon. Das schaffst du. Du bist Lionel-Gerd Mühlenstein! Und du schaffst das! Grunz!“
Entschlossen bewegten sich Lionels Beine auf die alte Tür zu. Zaghaft fasste er mit der rechten Hand durch den Spalt und zog sie auf. Sofort schlug ihm ein säuerlicher Gestank ins Gesicht. Instinktiv hielt er eine Hand vor Mund und Nase und schaute zur Decke hoch. Er hatte keine Ahnung, wie viele Tonnen Beton sich über seinen zerbrechlichen Kopf befanden. Wenn die über ihm einstürzen würde, wäre nichts mehr von ihm übrig.
Lionel schüttelte den Kopf und wagte ein paar Schritte hinein in diesen Gang. Er war nicht allzu groß und auch nicht sehr lang, wie er durch die schwachen Sonnenstrahlen erkennen konnte, die ihm glücklicherweise Beistand leisteten. Er wagte weitere Schritte. Dabei fielen ihm so viele Dinge auf. An der Decke hingen unzählige Spinnenweben, die ihm eine Gänsehaut über Arme und Rücken jagten. Und gefrorener Kalk, der dort oben wie Stalaktiten hing. Haufenweise. Und dann war da noch dieses ganze Gerümpel. Stühle, Tische, denen man die Beine abgesägt hatte und nun bei irgendwelchen Holzplanken in der Ecke standen. Dreiräder, die nur noch zwei Räder besaßen und eine kleine silberne Anlage, die aber mit Sicherheit nicht mehr funktionierte. Überall war Gerümpel, was den Durchgang erschwerte. Und die Wände gaben eine solche Kälte von sich, dass es Lionel schüttelte.
Lionel entdeckte plötzlich neben sich auf einem ehemaligen Nachttisch ein kleines, helles Holzbrett, auf dem mit Bleistift „Materia“ geschrieben stand.
„…..?“
Er schaute weiter und bemerkte bald, dass sich weiter hinten eine Sackgasse befand.
„Na toll. Mehr is nich…? Huh?“
Lionel hatte sich zur Hälfte wieder zum Ausgang gedreht, als ihm plötzlich etwas sehr Merkwürdiges ins Auge fiel.
Einen Muffin.
Er hatte nur ein paar Zentimeter neben diesem beschrifteten Holzstück auf einem teuer aussehenden Porzellanteller gestanden. Er stand dort, geschützt durch eine gläserne Käseglocke.
Lionel rieb sich kräftig die Augen und fragte sich, wie es sein konnte, dass an einem solchen Ort ein, wie es aussah, frisch gebackener Muffin stand und die Käseglocke rein von jeglichem Schmutz, Dreck und Staub war.
Er bückte sich zur Süßigkeit hinunter und betrachtete sie sich genauer. Der Muffin hatte eine schöne bräunliche Färbung und dunkle Flecken, die entweder darauf schließen ließen, dass er so alt war, dass sich bereits Schimmel darauf gebildet hatte, oder er mit Schwarzen Johannisbeeren gefüllt war. So genau konnte Lionel es nicht erkennen. Die Sonnenstrahlen reichten nicht bis dort hin.
Er überlegte nicht lange, hob die Glocke hoch, schnappte sich den Muffin und lief wieder hinaus aus dem Bunker. Er rannte, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her und kam erst zum Stillstand, als er seine Wohngegend erreicht hatte. Dort versteckte er sich in einer kleinen Nebenstraße und schaute sich den Kuchen nun genauer an. Sein Magen fing an zu knurren und er überlegte, ob er ihn essen solle. Aber warum eigentlich nicht? Er sah sehr gut aus. Nichts schien ungewöhnlich. Bis auf den Fundort vielleicht. Aber was sollte das schon bedeuteten? Vielleicht hatte ihn eine verrückte Oma gebacken und ihn dort für die Penner hingestellt. Was wusste er denn? Einfach Mund auf und ab damit.
Lionel nahm fast gierig den ersten Bissen.
„Woah! Hammer!“
Der Muffin war tatsächlich mit Schwarzer Johannesbeere gefüllt und auch der Außenrand war exquisit, was ihn dazu veranlasste, den ganzen Rest mit einem Bissen zu verschlingen. Er machte zwar nicht satt, aber dafür hatte Lionel einen kurzen Moment voller Glückseligkeit.
Nun wurde es aber Zeit nach Hause zu gehen. Sein Haus befand sich nur wenige Meter entfernt. Er kramte den Schlüssel raus und als er dann vor der Haustür stand, wurde ihm wieder so richtig kotzübel.
Leise versuchte er die Tür aufzuschließen. Dann schlich er sich hinein, schloss sie ganz leise wieder, drehte sich herum und machte riesige Schritte. Er achtete natürlich darauf, leise zu sein, damit er unbemerkt hoch in sein Zimmer verschwinden konnte.
„Nee, nee, mein Freund. Dass brauchst du erst gar nicht zu versuchen. Komm sofort her, wir wollen mit dir sprechen.“
„Seufz!“
Lionel ließ sich mit gesenktem Kopf im Wohnzimmer blicken, wo seine Eltern bereits mit vor Brust verschränkten Armen auf ihn warteten.
„Du warst wieder nicht in der Schule?“, fragte die tiefe Stimme seines Vaters streng.
„Was wollt ihr jetzt von mir hören?“
„Bitte, Lionel. Mach uns nicht immer solche Sorgen. Du bist unser einziges Kind und wir wollen, dass du es später mal gut hast.“
„Müsst ihr mich jedes Mal daran erinnern?“
„Schatz, so war das nicht gemeint…“ Seine Mutter hatte plötzlich Tränen in den Augen.
„Mama, bitte nicht. Nicht schon wieder. Ich werde wieder gehen. Ich verspreche es.“
Lionel wollte doch schließlich selber einen guten Schulabschluss. Jedoch war da dieses Gefühl, als ob er es wieder nicht lange durchhalten könnte.
Sein Vater schickte ihn wie erwartet ohne Abendbrot ins Bett. Eigentlich hatte er ja auch gar keine Lust mit ihnen am selben Tisch zu sitzen.
Er machte sich bettfertig und las noch einen Manga. Doch schon sehr bald fielen ihm die Augen zu.

Mitten in der Nacht erwachte Lionel durch ein Gerumpel in seinem Bauch. Er schaltete das Nachttischlämpchen an und zog sein Schlafoberteil hoch.
„Was zum…? Aua.“
Er legte eine Hand auf seinen schmalen Bauch und versuchte etwas zu fühlen. Er hatte Schmerzen und sein Magen gab komische Laute von sich. Lionel konnte nicht genau sagen, was für Laute es waren, aber sie klangen unheimlich. Er entschloss sich eine Magenschmerztablette zu nehmen und weiter zu schlafen.
Wie ein Zombie schlürfte er raus auf den Flur und ins Badezimmer. Er öffnete das Schränkchen über dem Waschbecken, entnahm einer kleinen Dose eine Tablette und steckte sie sogleich in den Mund. Er bückte sich zum Wasserhahn runter, drehte ihn auf und trank das Wasser. Wenn er hellwach gewesen wäre, hätte er dies garantiert nicht gemacht, da in Leitungswasser alle Arten von Bakterien herum schwammen, vor denen er sich fürchtete.
Er legte sich anschließend zurück ins Bett, schaltete das Licht aus und schloss die Augen.
„Hust! Hust!“
„Wahhh!“
Lionel schoss auf seinem Bett hoch und starrte mit großen Augen in sein dunkles Zimmer.
Stille. Hatte er sich dieses Husten nur eingebildet? Doch er wusste, dass es nicht so war. Und deshalb blieb er weiterhin wie erstarrt in seinem Bett sitzen. Und dann plötzlich eine Stimme.
„Du willst mich wohl mit Drogen ruhig stellen, was? Aber des kannste vergessen. Noch so’n Ding und ich schick dir meine brodelnde Spucke zu dir hoch, capito?“
„Was…wer…wer…was…??? Oh mein Gott! Wer ist da?“
„Mit Gott hat das wenig zu tun. Aber wenn du’s wissen willst. Hier unten!“
„Huh?“
„Stöhn! Nein, nicht auf dem Boden! Tz! Ich weiß ja, dass du ein Schwachkopf bist, bin ja schließlich seit 17 Jahren dein ständiger Begleiter und Bearbeiter, aber so blöde kannste nun wirklich nicht sein. Ich bin hier! In deinem Bauch!“
„Ich…das müssen Halluzinationen sein. Ich glaub, der Muffin redet mit mir.“
„Ja, was…? Bist du jetzt vollkommen von der Rolle? Ich bin es! Dein Ma-gen! Dein Verdauungstrakt! Ich bin derjenige, der den ganzen Mist, den du dir reinschaufelst, verarbeiten darf! Und glaub mir, nur weil das meine Lebensaufgabe ist, finde ich es nicht besonders schön und angenehm. Es ist sogar recht eklig.“
„………..“
„Ja, da biste du platt, was? Komm schon, red mit mir. Du bekommst ja sonst auch nicht deine Kauleiste zu, wenn du wieder eine deiner Selbstgesprächsphasen hast.“
„Äh…was…was passiert hier?“
„Hmm…da du scheinbar Hilfe brauchst bei der Suche nach einer vernünftigen Erklärung, stehe ich dir natürlich gerne zur Seite. Ich rede. Und das zerkaute Ding, was du mir zum Kleinmachen runtergeschickt hast ist scheinbar die Ursache dafür. Ich meine, ich konnte vorher auch schon reden. Das ist das normalste, wenn Organe und Eingeweide reden. Keen Ding. Aber hören konntest du mich bisher nicht. Ich finde es aber gut, dass du mich jetzt verstehen kannst. Endlich kann ich dir von all den Dingen ein Liedchen geigen, die mich immer gestört haben.“
„Gestört? Aber…habe ich dich denn nicht immer gut behandelt?“
„Ahahahahaha! Sehr witzig… Vor ein paar Minuten hast du ’ne Tablette geschluckt. Hast du überhaupt ’ne Ahnung, wie sehr ich diese Dinger hasse? Ich wette nicht, denn du achtest sowieso nie auf mich, wenn ich mich mal mit Grummeln bemerkbar mache.“
„Ist das denn schlimm?“
„Schlimm? Willst du mich auf den Arm nehmen? Wenn ich grummle, dann habe ich entweder Schmerzen oder etwas liegt in meiner Spucke, was ich nicht so gut verdauen kann.“
„Spucke?“
„Ja, Spucke. Für dich besser bekannt als Magensäure.“
„Oh…und was für Schmerzen meinst du?“
„Die spürst du gar nicht. Sie sind tief in mir und malträtieren mich.“
„Wie kommen die denn zustande?“
„Du glaubst gar nicht wie froh ich bin, dass du fragst. Fangen wir mal mit den ganzen Süßigkeiten an, die du dir immer reinstopfst. Dass du davon noch keine Schmerzen bekommen hast, grenzt an ein Wunder. Aber mich bringen diese Killerbomben um! Und das schlimmste ist, wenn du wieder mal Verstopfungen hast. Boah! Ich will dir gar nicht beschreiben wie krass es dann hier abgeht.“
„Tut…tut mir leid.“
„Nee, nee, nee, mein Freund. So einfach kommst du mir damit nicht davon. Ich werde dir jetzt noch so einige Sache sagen. Und glaub mir. Mir tut’s mehr weh als dir. Schließlich sitze ich im Bauch eines verantwortungslosen Teens und muss mir das alles gefallen lassen. Zum Beispiel diese eine Sache habe ich dir nie verziehen. Als du mit drei Jahren diesen Hundehaufen gegessen hast. Würg!“
„Hab ich?! Ich kann mich nicht erinnern, aber meine Mutter erzählte mir mal, dass ich mit drei Jahren sehr krank war. Warst du etwa dafür verantwortlich?“
„Natürlich! Was glaubst du denn? Schickst mir einfach Scheiße zum Verdauen runter und glaubst, dass du damit durchkommst? Nicht mit mir. Viele Mägen lassen sicher einiges durchgehen, aber da biste bei mir an der falschen Adresse. Doch das war noch nicht alles.“
Lionel blieb keine andere Wahl, als sich die Beschwerden seines Magens anzuhören. Es waren wirklich keine schönen Sachen, die er ihm da sagte und er schämte sich für alles. Aber sein Magen hörte und hörte einfach nicht auf zu meckern und von Mal zu Mal wurde er immer bissiger.
Als er schließlich zum Ende kam, ging die Sonne bereits auf.
„Hähä. Also es war wirklich toll, dass du diesen Muffin gegessen hast. Auch wenn es gegen die Natur eines jeden nicht hungernden Menschen gewesen wäre etwas zu essen, was er in einem uralten Bunker findet. Wo es überall Dreck gibt und der Staub ein Meter dick ist. Aber er hat mich zum Sprechen gebracht und die Regeln der Naturgesetzte außer Kraft gesetzt.“
„Die Regeln der Naturgesetzte außer Kraft äh…?“
„Na sprech’ ich nu, oder was?
„Ich…ich glaub schon.“
„Na siehste. Nicht jeder kann das von seinem Magen behaupten.“
„Woher weißt du, dass ich den Muffin in einem Bunker gefunden habe?“
„Ich kann quasi sehen, was du siehst. Und ich kann hören, was du hörst. Und genauso kann ich auch fühlen. Deine Organe können viel mehr, als dich gesund und am Leben zu halten. Viel, viel mehr. Darum solltest du uns wie Könige behandeln.“
„Wie…wie ist das möglich?“
„Seh ich aus wie Mutternatur? Ich hab keene Ahnung, wie das so funktioniert. Wahrscheinlich, weil wir alle mit dir abhängen.“
„……..“
„Gut. Dann steh jetzt besser auf und mach dich für die Schule fertig. Du willst doch nicht, dass deine Eltern dich kontrollieren müssen, oder?“
„Du hast mich mit deinen Vorwürfen die ganze Nacht wach gehalten…“
„Und du willst mir damit WAS sagen…?“
„Sch-schon gut.“
„Aha. Ich hatte auch nichts anderes erwartet.“
Lionel hörte die Tür des Elternschlafzimmers aufgehen und beeilte sich aus dem Bett. In aller Hast packte er seinen Schulrucksack. Allerdings hatte er keine Ahnung was für Fächer er für diesen Tag hatte und packte deshalb alle Bücher und Hefte ein, was den Rucksack am Ende an die fast zehn Kilogramm wiegen ließ.
„Hey, dein Rücken meldet sich gerade. Er meint, dass der Rucksack zu voll ist. Er hat keen Bock sich für dich krumm zu machen.“
„Mein…mein Rücken?!? Aber…habe ich ihn denn nicht für so was?“
„Hast du mir nicht zu gehört? Worüber hab ich denn stundenlang gequatscht? Übers Wetter? Junge, bist du auch mal bei der Sache?“
„Schon gut. Okay.“
„Jetzt pack gemäß dem Stundenplan und dann solltest du die Keulen runter in die Küche schwingen und uns beide mit ’nem gesunden Frühstück ernähren. Das ist auch so’n Punkt. Du isst zu wenig am morgen. Ich knurre nicht nur, weil ich dir sagen will, dass du gefälligst was essen sollst, sondern weil ich auch echt angefressen bin. Es heißt schließlich, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit am Tag ist. Dass müsste selbst so ’ne Dumpfbacke wie du schon mal gehört haben.“
„Warum beleidigst du mich immer?“
„Weil du’s scheinbar nicht anders kapierst. Und außerdem bist du nun mal ’ne Dumpfbacke, Dumpfbacke.“
Lionel kramte seinen Stundenplan hervor und schaute auf die Zeile vom Mittwoch. Mathe, Deutsch, Englisch, Physik, Chemie und Sport standen auf dem Plan.
„Woah… Sechs Stunden.“
„Hey cool, Englisch. Dieses Fach habe ich schon immer gemocht.“
„Wozu brauche ich das denn? Das ist doch völlig unnötig.“
„Willst du dumm sterben, oder was? Außerdem verlangt niemand von dir, dass du Engländer wirst. Dir sollte mal klar werden, dass Englisch eine sehr interessante Sprache ist. Es ist wie Deutsch. Nur etwas platter und verdrehter. Wenn du das drauf hast, hast du später ein leichtes Spiel, wenn du mal im Ausland bist.“
„Ich werde Deutschland doch eh nie verlassen können…“
„Oh! Buh-hu! Ein Tässchen Mitleid für den unverstandenen Teenager. Loser, werd endlich fertig hier!“
„Du könntest trotzdem ein wenig netter sein…“
Lionel holte das unnütze Zeug wieder raus und nahm seinen Turnbeutel aus dem Kleiderschrank. Beides stellte er an die Tür und verschwand im Bad, um sich schnell abzuduschen. Es dauerte nicht mal fünf Minuten.
„Woah! Ist doch keen Wunder, dass dich einige in der Schule meiden. Du bist schneller mit Duschen fertig, als eine Mausefalle überhaupt zuschnappen kann. Und ’n Shampoo benutzt du auch nicht. Ist dir vielleicht schon mal in den Sinn gekommen, dass du wie ein Iltis stinkst?“
„……..na gut.“
Er stieg zurück in die Wanne und wusch sich dieses Mal gründlicher. Mit Seife. Als er auch damit fertig war, wollte er in seine gestrigen Klamotten schlüpfen.
„Das is jetzt nich dein Ernst, oder? Zieh dir gefälligst frische Sachen an!“
„Aber…dafür muss ich in mein Zimmer.“
„Wo is das Problem?“
„Ich bin nackt!“
„Meine Güte! Hast du etwa Angst, dass deine Eltern dich so sehen könnten? Als du ein Baby warst, haben sie dich ständig nackt gesehen. Seit jeher hat sich auch kaum was an dir verändert.“
„Ey!“
Lionel schnappte sich (ein wenig beleidigt) ein Badetuch, band es sich um und flitzte rüber in sein Schlafzimmer. Dort suchte er neue Sachen raus, zog diese an, nahm Rucksack und Sportbeutel und nahm sie mit runter in die Küche. Seine Mutter stand bereits dort am Essenstisch und hatte für ihn ein paar Brote gemacht. Als er eintrat, schaute sie auf und strahlte.
„Wie schön, dass du heute wieder gehst. Die Schule ist doch so wichtig.“
„…….“
„Hier, ein paar Schulbrote und einen Salat habe ich dir auch gezaubert. Mit sehr viel wasserverdünnten Salzdressing. So wie du’s magst.“
„Ja, toll. Ich spüre jetzt schon das fiese Sodbrennen.“
Lionel schlug sich eine Hand auf den Bauch und sah seine Mutter mit großen Augen an.
„Was ist los, mein Schatz?“
„Hast du…denn nichts gehört?“
„Gehört? Nein. Was denn genau?“
„Öh…schon gut. Ich glaube, ich nehme mir nur einen Apfel. Und dann muss ich auch schon wieder los. Du weißt doch, ich habe einen etwas längeren Weg.“
„Gut, okay. Isst du den Salat dann heute Abend.“
„Ich schwör dir, machst du das, dann werd ich dich mal so richtig kotzen lassen!“
„Ich…ich glaube, ich sollte mal wieder pures gesundes Bauernbrot essen.“
„…äh gut. Ganz wie du möchtest.“
Lionel nahm sich einen rotgelben Apfel aus der Obstschale auf dem Tisch und verließ das Haus mit Schulrucksack, Sportbeutel und einem sprechenden Magen.
„Hähä. Du hast wohl geglaubt, dass deine Mutter mich reden hören kann, was?“
„Wieso kann sie’s nicht? Ich mein, du bist ja ziemlich stimmgewaltig.“
„Ist doch klar, Holzkopf. Ich bin ja auch DEIN Magen. Von niemandem sonst. Also hört mich auch niemand, außer du.“
„Ich verstehe trotzdem nicht, wie das alles sein kann.“
„Brauchste auch nicht. Glaub mir. Es gibt Dinge auf dieser Welt, die sind da, um eben nicht verstanden zu werden, klar?“
„Ähm…“
„Ich versteh schon. Du hast keenen blassen Dunst. Dann solltest du auch einfach den Kopf zu machen. Nicht nur, damit du mir nicht mehr auf die Drüsen gehst, sondern weil dich die Leute schon seltsam angucken.“
„Wie…?“
Lionel schaute sich um und musste erschrocken feststellen, dass tatsächliche einige Passanten ihn seltsam beäugten.
„Soll ich dann denkend mit dir sprechen?“
„Wie bitte? Ich bin ein Verdauungsorgan! Und kein Gedankenleser.“
„……..“
Nach knapp anderthalb Kilometern hatte Lionel seine Schule erreicht. Eine unwichtige Schule, da es nur eine Gesamt war.
Den ganzen Weg über hatte Lionel nichts mehr gesagt und seltsamer Weise war auch sein Magen ruhig geblieben.
Er betrat das Schulgelände. Lionel hatte nie wirklich Freunde gehabt. Und auch in dieser Schule war er so ziemlich ein Einzelgänger. Aber das störte ihn wenig. Auch wenn er sich in vielen Dingen unsicher war, so war er sich sicher, dass es ihm egal war, was andere über ihn dachten.
Es klingelte gerade und er machte sich in das Schulgebäude und in sein Klassenzimmer. Sein Platz war ganz hinten am Fenster. Dort fühlte er sich wohl und er träumte gern, wenn er aus dem Fenster, auf den Schulhof sah.
Der Klassenraum hatte sich fast ganz gefüllt und Lionel bekam etwas Angst.
„Was ist los mit dir? Ich spüre in meinem Hohlraum so ein Drücken. Vor was hast du Angst?“
„Vor meiner Mathelehrerin.“
„Ach ja, richtig. Die gute alte Frau Behrendt. Ein besonderes Exemplar des modernen, Feuer speienden Drachens. Tja, dann bekommst du schon in der ersten Stunde den Hintern versohlt. Ist auch richtig so. Damit du endlich mal lernst, was es heißt, Verantwortung für sich zu übernehmen. Auch wenn ihre schrille Stimme so Hammer ist, dass meine Drüsen mehr Magensäure absondern, als sie eigentlich sollen.“
„Darum wird mir immer so schlecht.“
„Exakt.“
Kaum sprach man vom Teufel, trat er schon durch die Tür und sein finsterer Blick traf Lionel so heftig, dass sein Herz einen Sprung machte. Frau Behrendt schloss die Zimmertür und rieb sich die Hände. Das tat sie immer dann, wenn sie wusste, dass sie einen Schüler fertig machen konnte.
„Ah, beehrst du uns auch mal wieder mit deiner Anwesenheit, Lionel?“
Alle Schüler drehten sich zu ihm herum. Am liebsten wäre er ohnmächtig unter den Tisch gefallen.
„Wagen wir doch mal einen Blick in das Klassenbuch. Aha, da steht’s. Du hast genau drei Tage unentschuldigt gefehlt. Hast du irgendwas zu deiner Verteidigung zu sagen?“
„……“
„Hm, scheinbar nicht. Tja, dann darf ich dir jetzt mal sagen, dass wir heute eine Klassenarbeit schreiben.“
„!!!!“
„Ja-ha. Und ich wünsche insbesondere dir viel Glück.“
„Nerv, nerv, nerv. Aber ich hoffe, dass dir das eine Lehre ist.“
Die Blätter wurden von Frau Behrendt ausgeteilt und dann ging es auch schon los. Es waren 12 Aufgaben. Über die Hälfte davon waren Textaufgaben, bei deren Aufgabenstellungen er schon kapitulierte.
Er seufzte schwer, aber leise, damit er dieser Hexe nicht noch mehr Stoff lieferte, ihn vor den anderen bloß zu stellen.
Er ließ so ziemlich jede Aufgabe aus. Aber an der Nummer 1 versuchte er sich.
Bilden Sie die Quadratwurzeln aus den folgenden Zahlen!
Er fasste sich an den Kopf.
„Ach, komm schon! Du wirst ja wohl die Quadratwurzel aus 36 ausrechnen können. Pah! Eigentlich musst du da gar nicht rechnen. Das ist Kinderkram.“
Die Aufgabe ließ er dann doch aus und machte sich an eine Textaufgabe.

Ein persischer Händler hinterließ seinen Söhnen sein Testament. Sei ältester Sohn soll die Hälfte der Kamele erhalten. Sein 2. Sohn ein Drittel und sein dritter Sohn ein Achtel. Als die Söhne bemerkten, dass die Zahl der Kamele nicht durch 2, 3 oder 8 teilbar war, liefen sie zum Weisen des Dorfes. Dieser lächelte weise und sprach: „Ich gebe euch eines meiner Kamele. Führt dann die Teilung durch. Danach könnt ihr mir mein Kamel wieder geben.“
Die Söhne taten wie ihnen geraten wurde und tatsächlich ging die Teilung auf und das Kamel des Weisen blieb übrig.
Wie viele Kamele besaß der persische Händler?

„Woah…woher soll ich das denn wissen?“
„Das ist doch leichte Mathematik.“
„Kennst du etwa die Lösung?“
„Das wissen wir alle hier drin, weil dein neunmalkluges Gehirn die Lösung hier rumposaunt. Aber ich werd’s dir nicht verraten. Versuch eine direkte Verbindung mit deinem Hirn herzustellen und dann kommt dir vielleicht ein Geistesblitz.“
„Aber das ist total schwer…“
„Haben wir ein Problem?“, fragte plötzlich die giftige Stimme der Behrendt.
Lionel schreckte auf.
„N-nein.“
„Na gut. Dann kann ich ja von dir erwarten, dass du eine 1 schreibst.“
„…..vielen Dank“
„Hey, du bist doch derjenige, der auf mein Kommentar antworten musste.“

Nach einer Dreiviertelstunde hatte Lionel immer noch nichts geschrieben und gab das Blatt leer ab. Die Behrendt schenkte ihm einen triumphierenden Blick.
In der nächsten Stunde war Lionel kaum bei sich und auch die restlichen Fächer waren die Qual und schienen endlos.
Nach der Sportstunde durfte er endlich gehen.
Auf dem Weg nach Hause benutzte er einen Schleichweg, wo kaum Menschen entlanggingen. Er schwieg eine ganze Weile.
„Was ist los mit dir?“
„In der Schule habe ich die ganze Zeit über dich nachgedacht.“
„Ach wirklich?“
„Ja….mir ist erst heute aufgefallen, dass du eine ziemlich…weibliche Stimme hast.“
„Ich bin ja auch ein weiblicher Magen, aber arbeite genauso hart und gut wie ein männlicher. Und bekomm trotzdem weniger Lohn. Findest du das fair?“
„Aber ich bin ein Junge…“
„Ja, ja, ja. Junge und Mädchen bedeutet nicht gleich Junge und Mädchen. Was ich damit sagen will, ist, dass alles an, und in, einem Mann nicht gleich männlich ist. Bei der Frau gilt dasselbe. Ich hab dir schon mal gesagt, dass du deine Organe nicht so oberflächlich betrachten sollst, Klugscheißer.“
Für einen kurzen Moment wurde Lionel wütend.
„Entschuldige bitte, aber woher soll ich das denn wissen? Ich habe vorher noch nie mit meinen Innereien geredet.“
„Huch! Was sagst du da? Innereien? Boah! Was für ’ne grobschlächtige Bezeichnung für so ein wichtiges Organ wie mich! Ich bin ja wohl das wichtigste Organ, das du hast! Na ja, vielleicht steht das Herz etwas an erster Stelle. Und dass weiß es natürlich. Sei froh, dass du es nicht reden hören kannst. Es ist so unglaublich aufgeblasen. Und dein Gehirn ist noch nervtötender als Schlaubischlumpf.“
„Ich bin nicht eingebildet.“
„Das Gehirn bist nicht du. Dass, was dich zu dem gemacht hast, was du heute bist, bist du.“
„Was meinst du?“
„Schon mal was von DNA oder auch DNS gehört?“
„Du kannst mit meiner DNA sprechen?“
„Sei jetzt bitte nicht albern. Natürlich nicht. Die DNA sitzt tiefer in dir, als du’s dir vielleicht vorstellen kannst. Dass bist du! Die DNA bist du und du bist die DNA. Sie ist das, was ihr manchmal als Geist oder Wesen bezeichnet. Sie ist einfach dass, was dich ausmacht.“
„Woher weißt du so was…?“
„Erstens pass ich im Gegensatz zu dir im Biologieunterricht auf und zweitens bin ich dein Magen. Ich muss es einfach wissen.“
„………“
„Wir werden sicher bis an unser Lebensende sprechend miteinander auskommen.“
„Hast du eigentlich einen Namen?“
„Äh…na sicher. Sogar zwei. Gaster und Ventriculus.“
„…hast du auch einen deutschen Namen?“
„Klar. Magen.“
„Wie wäre es, wenn ich dir einen bedeutungsvollen Name gebe?“
„Die Mühe würdest du dir machen?“
„Natürlich. Ich muss mir nur einen Namen ausdenken, der zu deiner schönen Stimme passt.“
„W-was…??“
„Also gut. Was hältst du von Yoko?“
„Wie?“
„Oder Yamoro?“
„Also ich glaube nicht, dass…“
„Oder mit Chihiro?“
„Stop! Lass das! Wenn ich Augenbrauen hätte, würd ich die jetzt richtig fies zusammenziehen. Du liest einfach zu viele Mangas.“
„….jetzt hab ich es. Wie findest du…Freya?“
„….wow. Der klingt wirklich nicht schlecht. Er hört sich nach Stärke, Vernunft und Mitgefühl an… Passt perfekt zu mir. Danke…“
„Eigentlich bist du gar nicht so schlecht, wie ich anfangs dachte.“
„Hahaha! Anfangs hattest du die Buchse auch voll bis zum Anschlag. Aber ich hoffe wirklich, dass du verstanden hast, mit sich selbst gut umzugehen und Verantwortung zu übernehmen.“
„……..“

In den nächsten Tagen hatte Lionel sich sehr verändert. Anfangs hatte er noch ziemliche Schwierigkeiten, doch durch Freyas Drohungen und Einschüchterungen lernte er schnell, wieder regelmäßig in die Schule zu gehen und auch intensiv für sie zu lernen. Mit Erfolg. Er bekam bessere Noten und auch die Behrendt fand keinen Vorwand mehr, ihn runter zu machen. Seine Ernährung hatte er komplett umgestellt und tat alles daran, dass es Freya und all seinen anderen Organen gut ging. Freya wurde netter zu ihm und lobte ihn oft.

Es war ein Samstagabend, als Lionel sich fürs Bett fertig machte. Er hatte lange und gründlich geduscht und lag gerade in seine Decke gekuschelt.
„Ich bin sehr stolz auf dich. Mir ging es schon lange nicht mehr so gut. Es ist ein schönes Gefühl.“
„Mir geht’s genauso. Ich habe dir viel zu verdanken.“
„Hab ich gern getan. Es ging ja schließlich auch um mich.“
„Weißt du, ich gehe jetzt sogar gern zur Schule, weil ich weiß, dass du bei mir bist.“
„Ich war immer bei dir. Auch in den Augenblicken, wo ich ehrlich keene Lust mehr hatte.“
„Kann ich gut verstehen.“
„Ich freue mich sehr, dass wir beide einer Meinung sind.“
„Freya, du bist eine echt gute Freundin für mich geworden. Ich will dir noch einmal für alles danken, was du für mich getan hast. Auch wenn deine Art mir zu helfen etwas schroff war.“
„Hättest du’s sonst anders gelernt? Ich denke nicht!“
„Autsch…da ist schon wieder dieser strenge Ton.“
„Tut mir Leid. Gewöhnungssache.“
„Schon gut. Eigentlich passt das ja ganz gut zu dir.“
„Was soll das heißen?“
„B-bitte nicht gleich aufregen. Ich meine damit nur, dass du sehr viel Temperament besitzt und du dadurch etwas ganz Besonderes wirst.“
„Und das Sprechen macht mich nicht besonders?“
„Doch, schon, aber…deine Art macht dich liebenswerter.“
„…….“
„B-bist du jetzt wütend? Freya?“
„Nein, bin ich nicht. Das war gerade sehr nett von dir.“
Lionel grinste verlegen.
„Ich wünsche dir eine schöne gute Nacht.“
„Danke, das wünsch ich dir auch. Gute Nacht.“

Mitten in der Nacht wurde Lionel durch ein Pieken im Magen wach.
„Au… Was zum…? Freya?“
Er setzte sich auf und legte eine Hand auf seinen Bauch.
„Lionel…“
„Was ist los? Was ist das für ein unangenehmes Gefühl? Es tut weh.“
„Ich weiß auch nicht. Aber es bringt mich fast um…“
„Vielleicht nur Magenbeschwerden?“
„Ich glaube…nicht…“
Freya sprach, als ob sie keine Luft bekommen würde. Sie keuchte ab und an und ihre Stimme klang schwach.
„Mein Gott, Freya? Was ist mit dir?“
„Es brennt so! Lionel, hilf mir!“
Er sprang sofort auf und rannte ins Badezimmer. Dort suchte er das Erste -Hilfe Schränkchen nach Medizin durch.
„Ich glaube nicht, dass du da etwas findest, was mir helfen könnte.“
„Aber was soll ich denn tun?“
„Ich…ich weiß es nicht…“
Voll Sorge kehrte Lionel in sein Zimmer zurück, stellte sich an sein Fenster und schaute zum Vollmond hinauf. In dieser Nacht war er wieder ganz besonders schön.
„Lionel…“
„Was? Was ist, Freya?“
„Fällt dir was auf an dem Mond?“
„Äh…“
Lionel betrachtete ihn genau, und zuerst wusste er nicht, was sie meinte. Doch als er sich die Straße vor seinem Haus anschaute, sah er es.
„Da ist kein Licht! Kein Mondlicht!“
„Richtig.“
Lionel riss das Fenster weit auf und starrte in die dunkle Stadt.
„Wo könnte…?“
Sein Blick fiel auf den weit entfernten Bunker. Erst als man genauer hinsah, stellte man fest, dass dieser wie ein Stern strahlte.
„Der Bunker…es sieht fast so aus, als ob sich das ganze Mondlicht dort gesammelt hätte!“
„Das muss ein Zeichen sein. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber… Wir sollten dorthin.“
„Warum? Ich meine…“
„Ich glaube fast, dass hat etwas mit diesem Muffin zu tun…“
„Was genau meinst du?“
„Ich glaube, er vergiftet uns…“
„WAS?!“
„Und so sehr wie es gerade schmerzt, müssen wir uns beeilen…“
„Glaubst du, …dass es uns töten wird…?“
„Ja, das glaube ich. Los, Lionel, beeil dich!“
Lionel wirbelte herum, warf sich eine Jacke über, schlüpfte in seine Sportschuhe, holte aus dem Schrank noch eine Taschenlampe und rannte aus dem Haus.
Seine hastigen Schritte hallten laut auf den dunklen und leeren Straßen. Der Vollmond stand weit oben am Himmel und warf sein helles Licht auf den großen Bunker, der schon von Weitem gut zu sehen war, und es schien fast so, als ob der Mond Lionel leiten wollte.
Er sprang über einen kleinen Holzzaun, der die Wohngegend von der ungepflegten Graslandschaft trennte und sprintete über sie hinweg. Er lief so schnell, dass er das Gefühl hatte zu fliegen. Dann galt es wieder einen Zaun zu überwinden und Lionel war da.
Er blieb vor dem Betontitanen stehen, schaltete die Taschenlampe ein und hielt Ausschau nach einem Eingang.
Er ging einmal ganz um ihn herum, aber fand nichts.
„Ich kann nichts entdecken…“
„Geh dorthinein, wo du den Muffin gefunden hast.“
„Aber das ist eine Sackgasse.“
„Lionel, bitte!“
Freya klang immer schwächer und auch der Schmerz bei Lionel hatte sich verstärkt.
Die Tür, durch die er vor einer Woche gegangen war, stand noch immer einen Spalt breit offen und er ging durch sie hindurch.
Drinnen beleuchtete er alle Ecken und Winkel. Doch es war nichts zu sehen, was ihnen hätte helfen können.
„Wonach suchen wir eigentlich?“
„Nach einem…Gegenmittel…“
„Aber hier ist nichts… Aaahhhh!“
Ein plötzlicher heftiger Schmerz in seinem Magen ließ Lionel in die Knie gehen.
„Aaaahh…. Ist es etwa dieser Schmerz, den du meintest…?“
„…..“
„Freya?“
„…..Lionel…wir müssen scheinbar…in den Bunker hinein…“
„Wir sind drinnen.“
„Nein…ganz hinein…“
Lionel rappelte sich wieder auf und suchte den ganzen Gang erneut ab. Aber es war wieder nichts zu finden.
„Hoffnungslos. Ich kann nichts fin…“
Plötzlich fiel ihm seine Taschenlampe aus der Hand und rollte unter einem Hocker, der ihm gegenüber an einer Wand stand. Lionel lief ihr nach, bückte sich, um sie aufzuheben und entdeckte dabei eine kleine Tür, die sich dahinter befand. Das Taschenlampenlicht ruhte auf ihr.
Ohne groß zu überlegen klemmte sich Lionel die Taschenlampe zwischen die Zähne, warf den Hocker beiseite und versuchte, diese Tür zu öffnen. Sie besaß keine Klinke oder Türknauf. Doch der Türrahmen war breit genug, um die Finger dort zu platzieren und zu ziehen. Lionel hatte eigentlich gedacht, dass es schwer wäre, aber sie stand fast sofort offen, nachdem er sich mit seinem ganzen Gewicht nach hintern verlagert hatte.
Er leuchtete in den neuen Gang hinein. Er war gerade so groß, dass Lionel noch hindurchpasste.
Er kroch auf allen Vieren durch den verstaubten Korridor und erreichte sehr bald eine riesige Halle, in dem der Gang mündete.
Lionel leuchtete überall hin. Die Decke existierte nur noch zur Hälfte und überall lagen Gesteinsbrocken herum, aus denen Stahlstangen hervorschauten.
„Ich schätze, wir müssen weiter nach oben. Oder, Freya?“
„…….“
„Freya?! Freya!“
In Lionel bahnte sich eine noch viel größere Panik an, als zu Anfang.
„Ich…bin…da…“
„Bitte halt durch. Wenn du es nicht schaffst, werde ich es auch nicht.“
Lionel entdeckte eine Tür am rückwärtigen Teil der Halle, durch die er durchschritt und sich in einem Treppenhaus wieder fand.
Er war sich sicher, dies war der richtige Weg.
So schnell er konnte lief er die alten Steintreppen hinauf und nahm dabei immer zwei Stufen auf einmal. Doch plötzlich endete abrupt der Weg und ein großes Loch klaffte zwischen Lionel und dem nächsten Treppenansatz. Es war kein Boden zu sehen, als er hinunterblickte. Gähnende Leere.
Es half alles nichts. Lionel musste springen. Und er ließ es auch nicht lange auf sich warten. Er nahm einen kurzen Anlauf und sprang. Doch beim Abspringen rutschte er. Seine Taschenlampe verlor er dabei und diese stürzte in den Abgrund. Lionel konnte sich gerade noch ein Stück der nächsten Treppe greifen und hing hilflos in der Luft. Zuerst hatte er noch versucht, sich hochzuziehen. Doch auf einmal war alles so still und dunkel und plötzlich fiel ihm ein, dass er eine furchtbare Angst vor der Dunkelheit hatte. Der kalte Schweiß brach ihm aus, sein Magen schnürte sich zu und dieser grauenhafte Schmerz verleitete ihn fast dazu, loszulassen.
„Freya, hilf mir!“
„……..“
„Oh Gott, Freya!“
„…du…..schaffst das schon… Zieh…hoch…“
„Ich kann nicht!“
„….bitte….du…musst…“
„Ich hab keine Kraft!“
Hinter Lionels Augen begann es zu brennen.
„Es…tut mir so Leid! Ich wollte es schaffen! Wirklich! Aber ich habe versagt… Bitte verzeih mir, Freya. Ich…“
„…schon okay…“
Lionels Kräfte verließen ihn gänzlich und er stürzte schreiend ins dunkle Nichts.

Lionel fiel lange. So lange, dass er schon gar nicht mehr schrie. Dieses Gefühl der Gelassenheit hatte ihn übermannt und ganz egal, was noch kam, er würde es mit sich geschehen lassen.
Er hatte längst die Orientierung verloren. War sich sogar nicht mehr sicher, ob er überhaupt noch fiel.
Doch auf einmal wurde das Dunkel um ihn herum durch ein lila Licht erhellt und als Lionel den Kopf hob, stellte er fest, dass er am Boden lag. Dieser war mit einem dunklen Teppich ausgelegt und fühlte sich warm und weich an.
„Was…? Aaaaaaahhh!!!“
Da waren wieder diese fürchterlichen Schmerzen und Lionel krümmte sich zusammen. Schweiß der Anstrengung lief ihm in die Augen.
Plötzlich sagte eine trockene und alte Frauenstimme:
„Hihihi! Du hast dich wirklich tapfer geschlagen, mein Junge. So etwas habe ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Aber es ist ja auch schon seit Jahrzehnten her, dass mir ein freches Menschenkind einen Muffin weg gefressen hat.“
Lionel hob abermals angestrengt den Kopf und sah auf einmal eine sehr kleine, wirklich alte Frau vor sich stehen, die hässlich anzusehen war. Sie besaß ein verschrumpeltes Gesicht und eine dicke Warze zierte ihre Hakennase. Der Rest von ihr war in einen Mantel gehüllt. Jedoch ging ein angenehmer Geruch von ihr aus.
Sie grinste ihn breit an und legte dabei Goldzähne frei.
„Ich habe dich bereits erwartet. Seit du schon das erste Mal hier eingebrochen bist, habe ich dich beobachtet. Das Gift des Muffins hat also eingesetzt. Ich hätte dich davon abhalten können, ihn zu essen, aber ich dachte so bei mir, dass du deine Lektion auf die harte Tour lernen musst. Und natürlich weiß ich auch, dass du durch meinen magischen Muffin eine direkte Verbindung zu deinem Magen aufbauen konntest. Dem geht es gerade wirklich nicht gut. Magisches Gebäck gehört eben nicht in den Magen eines Menschen.“
Lionel bekam kaum was von dem mit, was die Frau ihm da sagte. Er hatte nur eins im Kopf.
„Bitte….das Gegen…mittel…“
„Oh ja, natürlich. Bekommst du. Allerdings muss ich vorher gestehen, dass ich ein großer Fan von Glücksspielen bin. Und deshalb…“
Vor Lionel erschienen wie von Geisterhand drei runde, identisch aussehende Fläschchen, die alle mit einer gleichfarbigen Flüssigkeit gefüllt waren.
„…hast du die Wahl zwischen drei Flaschen. Wie du sehen kannst, sehen sie sich absolut ähnlich. Doch jede einzelne wirkt anders. In der einen ist Medizin drin, die jedoch zu schwach ist, um deine Vergiftung heilen zu können. In einer anderen ist das Gegenmittel. Und in der dritten ist ebenfalls das Gegenmittel. Jedoch zerstört dies deinen inneren Kontakt zu deinem Magen. Um genau zu sein, du kannst dann nie wieder mit ihm reden.“
„Er ist eine sie…“
„Wie war das?“
„Mein Magen…heißt Freya.“
„Freya? Seinen Organen Namen zu geben ist ein wenig seltsam, findest du nicht?“
Die Alte kicherte.
„Aber sie spricht…mit mir.“
„Ja, dass tut sie wohl. Wenn du den Muffin nicht gegessen hättest, hätte sie erst gar nicht mit dir gesprochen und dir wäre egal, was mit ihr ist und wie ich über sie rede.“
„Sie hat mein Leben verändert… Ich bin ihr…für so vieles dankbar.“
„Und das wird dich bei deiner Wahl behindern. Ginge es wirklich nur um dich, würdest du genau überlegen, welche Flasche dein Leben rettet. Doch ich weiß genau, was du denkst. Du willst dein Leben retten UND den Kontakt mit Freya halten. Doch bei drei Flaschen ist das etwas schwierig, nicht wahr?“
„…du spielst mit mir.“
„Hähähä! Ja natürlich. Hast du denn wirklich geglaubt, dass ich dich aus Nächstenliebe aus dem freien Fall rette? Nein, mein Junge. Alles hat seinen Preis. Und jetzt entscheide dich schnell. Sonst kommt dir das Gift zuvor und das Spiel ist beendet, noch bevor es überhaupt angefangen hat, hihi!“
„……….Freya?“
„……..“
„Ich will dich nicht verlieren. Aber ich will auch nicht, dass wir beide sterben müssen. Doch eigentlich ist es ganz egal, welche ich wähle…es wird gut für uns sein. Selbst, wenn meine Wahl auf die falsche Flasche fällt…“
„…Lio…nel…“
Kaum noch in der Lage zu denken, hob er seinen rechten Arm und nahm sich das Fläschchen ganz links. Schon vorher hatte er dieses im Blick gehabt. Links bedeutete so viel. Links war die schwache Seite einer Frau, links war immer die Schokoladenseite eines Menschen. Links musste das Gegenmittel sein. Das, welches ihn heilen und die Verbindung zu Freya halten konnte. Er hoffte es so sehr.
Lionel öffnete den kristallähnlichen Deckel und setzte sich die Flasche an die Lippen. Er konnte sie kaum halten, so geschwächt war er bereits.
Mit einem kurzen Zug war die Flasche leer. Lionel hielt den Atem an und wartete, bis sich etwas tat. Er umklammerte seinen Bauch und rollte sich zu einer Kugel zusammen.
Es war die falsche Flasche…, dachte Lionel und schloss die Augen. Er verspürte keine Angst und sagte sich, dass der Tod vielleicht gar nicht so schlimm war. Dass er sogar befreiend wäre. Weil er auch die Schmerzen auslöschte…
Doch auf einmal merkte er, dass er etwas munterer wurde. Und von Sekunde zu Sekunde wurde er immer kräftiger. Die Schmerzen verschwanden und er konnte wieder aufstehen.
„Ich…ich äh…!!“
„Glückwunsch, Junge. Das war das Gegenmittel.“
„Das normale?“
„Das weiß ich nicht. Für die Reihenfolge bin ich nicht verantwortlich. Meine Magie entscheidet. Du musst es ausprobieren.“
„Freya, kannst du mich hören?“
Stille.
„Wenn du mich hören kannst, dann sag etwas!“
Nichts.
„Bitte…“
Tränen liefen Lionels Wangen hinab.
„Sei nicht traurig, Junge“, sagte die Hexe mir rauer Stimme. „Selbst wenn du nicht mehr mit ihm reden kannst, so ist er trotzdem noch da. Wie die ganzen letzten Jahre auch. Genauso gesund wie du. Dafür solltest du dankbar sein.“
Die Alte wies Lionel einen einfach Weg hinaus und als er ins Frei trat, verdrängten bereits die ersten Sonnenstrahlen die Schatten der Nacht und der frische Morgenwind blies ihm ins Gesicht.
Er fasste sich sacht an den Bauch und schaute ihn an.
„Selbst, wenn ich jetzt nicht mehr mit dir sprechen kann, so werde ich weiterhin den Weg gehen, den du mir gezeigt hast. Ich werde nicht aufgeben. Weil ich weiß, dass du trotzdem noch bei mir bist und mich unterstützt.“
Er machte eine kurze Pause und flüsterte dann:
„Ich werde deine Stimme sehr vermissen…“
Mit einer kleinen Träne im Auge, aber mit erhobenem Kopf kehrte Lionel nach Hause zurück.