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Neo, der Königssohn

von Marvin Bock, 12 Jahre

Neo, der Königssohn

1

 

Neo stellte sich vor den Spiegel. Er begutachtete seine, seines Erachtens nach, wunderbare Gestalt und strich sich sein gekämmtes eichenbraunes Haar zur Seite, sodass es seine Wangen- und Augenpartien sanft umspielte. Sein für einen Jungen etwas langes  Haar schillerte im Sonnenlicht, das durch die mit Edelholz gerahmten Fenster den Raum erhellte. Durch seine dunkelbraunen, fast schwarzen Augen konnte er sich im Spiegel bis ins Unendliche selbst betrachten.

Er stellte sich seines adeligen Standes entsprechend aufrecht, mit einem stolzen Blick vor den Spiegel, während er sich betrachtete.

Er war gerade von draußen aus dem goldbraunen Herbstlaubregen wieder in das Jagdhaus seines Vaters gekommen. Hinter sich im Spiegel sah er einen silbernen Gitterkäfig,  in dem ein nachtschwarzer Rabe saß.

Dieser Rabe war Neo´s einziger richtiger Freund in dem Meer aus schleimenden Dienern, sofern man so ein nutzloses Tier überhaupt als eigenständig und damit Freund betrachten kann.

Aber Neo befand sich gerade in einer Orgie aus Selbstverliebtheit und dachte, der Rabe würde ihn anstarren aus reiner Bewunderung.

Erst kurz darauf realisierte Neo, dass der Rabe ihn nur so anstarrte, weil er Hunger hatte und sein Schälchen leer war.

Daher griff Neo in einen ledrigen Beutel und warf dem Raben einen faustgroßen Fisch zu, der begierig  verspeist wurde.

Schuhgeklapper kam hinter Neo auf.

Neo drehte sich gelassen um und sah einen Diener an seiner Tür mit einem Tablett vorbei stürmen, wobei er sich beiläufig verbeugte.

Neo ging über den Hof, der vom Abendrot erhellt war, zum Schloss, wo er sich gemächlich in sein Bett legte und dem Klappern auf den Dielen vor seiner Tür lauschte.

 

 

2

 

Neo fand sich auf einem Schlachtfeld wieder. Außer seiner selbst nahm Neo niemanden anders war. Er schien auf einer Erhöhung gleich einem kleinen Hügel zu stehen und hielt einen blutbeklebten Dolch in der Hand. Er sah seinen blutverschmierten Vater am Fuß des kleinen Hügels liegen.

Um Neo herum tauchten mit der Zeit immer mehr bewaffnete Soldaten auf, die ihm zujubelten.

Plötzlich wachte Neo auf und erschrak, als er sah, wie dicht er an den glühenden Kamin heran gerollt war. Eine der Dienerinnen kam herein gestürzt und schrie entsetzt.

Da bemerkte Neo, dass der Ärmel seines Seidenhemdes in Flammen stand. Die Dienerin schüttete sogleich eine überraschend rote Flüssigkeit über Neo´s brennenden Ärmel, der noch mehr aufflammte, weil sie hochprozentigen Wein darüber geschüttet hatte. Vor lauter Wut schlug sich Neo die Flammen am Ärmel eigenhändig aus.

 

Neo machte sich nach diesem kleinen Unfall direkt auf den Weg in den Speisesaal.

Beim Passieren der Flure ging Neo seiner üblichen Tätigkeit nach. Er betrachtete im Gehen die einzelnen in die Wände geschnitzten Menschenköpfe. Sie hatten alles ähnliche Gesichter, und doch waren sie alle verschieden. Nach einer gewissen Zeit konnte er die Gesichter nicht mehr ansehen, da sie alle schmerzverzerrt  und gepeinigt waren.

Er wendete sich ab und studierte stattdessen die Türen auf der anderen Seite. Neo wollte sich gerade von den Türen abwenden, als sein Blick an einer schlichten und glatten Tür hängen blieb.

Sie hob sich ab und das allein dadurch, dass sie eine alltägliche normale Tür war, aus ganz normalem Holz.

Neo wurde von einem Verlangen gefasst, den Raum zu betreten. Je mehr er es unterdrücken wollte, umso stärker wurde es. Er berührte den Knauf und ein fast regloses Bild seiner sterbenden Mutter entstand vor seinem Auge. Erst jetzt merkte er, dass er die Tür bereits geöffnet hatte.

Mit bedächtigem Schritt betrat er den zerstörten Raum.

Alles in dem Raum war einmal vor Jahren niedergebrannt worden.

Neben einem Bett lagen Werkzeuge, die Farbe an den Wänden war abgefleddert und zerstört.

Eine weitere Erinnerung von einem Mann in Kapuze kam in ihm auf, die aber sofort wieder verschwand.

Alles in dem Raum war zerstört. Er durchsuchte ihn, doch alles, was er fand, war ein fast verbranntes Bild, ein kleines Stück Papier mit einer Person, die seine Mutter darstellte. Sie lächelte, auf eine Weise, mit der eine liebende Mutter nur ihr eigenes Kind ansehen konnte.

Neo packten die Tränen als ihm seine eigene Sterblichkeit und die Größe seines Verlustes bewusst wurden.

Er setzte sich in eine Ecke des Raumes und versank in sich selbst.

Er wusste nicht, wie viele Stunden er auf dem Boden des Raumes verbracht hatte, aber er wurde von der freundlichen Stimme eines der Diener aus den Gedanken in die Realität geholt.

Der Diener sagte lächelnd: „Herr, ihr wolltet, dass ich euch um diese Uhrzeit sage, dass ihr in die Bibliothek wolltet!“

„Oh ach ja…“ Neo war etwas benommen und stand mit der Hilfe des Dieners auf.

 

Langsam schritt er die langen Gänge weiter entlang, mit dem Blick nach vorne, nur um irgendwen zu grüßen, drehte er sich einmal oder blieb gar stehen.

Als er ein paar Minuten später in der Bibliothek ankam, ging er mit klappernden Schuhen direkt an dem Bibliothekar vorbei, der ihn gleich mit einem lang gezogenem „SCHHHHHH…“ anfuhr.

In den großen endlosen Regalen verlor sich Neo eine Weile, bis er sich einfach ein Buch heraus nahm.

Er las eine ganze Weile in diesem Buch und stieß immer öfter auf außergewöhnliche Wesen, die er nicht kannte, und die das Thema des Buches waren.

Immer weiter blätterte Neo in dem alten Wälzer, bis er auf das Kapitel mit den Volturiten stieß.

Dann, wie ein Schlag ins Gesicht, erinnerte er sich: Die Kriegskonferenz seines Vaters! Er hatte vor drei Tagen zugesagt zu kommen.

Neo rannte los, ließ das dicke Buch auf dem Tisch liegen und dachte nur noch daran, durch alle Flure zu rennen, bis er schließlich mit einem lauten Knall die Tür aufstieß.

Alle starrten ihn ohne Verständnis an. Neo klopfte sich nebensächlich die Kleider ab und setzte sich auf den freien Stuhl, seinem Vater gegenüber.

 

 

3

 

Das ganze Gespräch über beobachte Neo jede Regung seines  wütenden Vaters.

Doch er nahm nichts von dem Gespräch war, das um ihn herum stattfand, bis sein Vater sagte:

„Neo was sagst du dazu?“

„Was ?!“   Neos Vater seufzte und setzte das Gespräch fort: „Die Volturiten werden in ein paar Wochen hier sein, ihr alle müsst uns helfen!“

„Mein Heer wird euch beistehen!“, sagte der auffällige Mann in einer stählernen Rüstung, die fast seinen ganzen Körper bedeckte, im Stehen.

„Und ihr ?!“ Neos Vater Meris sah die anderen meist älteren Männer auffordernd an.

„Ich werde euch auch beistehen!“, sagte einer der Zwerge, die rechts von Neo saßen.

„Meine Zwerge sind die besten Krieger des Landes.“

So ging es noch einige Zeit weiter mit Kriegsherren und Königen, die darüber stritten, wessen Heer das bessere ist.

Neo hatte aufgehört zuzuhören und saß die Konferenz einfach aus.

Nach ungefähr zwei Stunden verließ er den Raum und ging in sein Zimmer.

Viele Tage vergingen, immer mehr Vorbereitungen lagen an, Armeen trafen ein, alles wurde umgerüstet.

Alle wussten, es würde der schwierigste Kampf werden.

Neo ging ein paar Tage nach der Konferenz zum Friedhof und entdeckte einen Mann in einer längeren Kutte aus Samt.

Nach einer gewissen Zeit ging Neo langsam auf ihn zu.

„Als ob ich dich nicht hören könnte“, ertönte es aus der Richtung des Mannes, der nicht einmal seinen Kopf gehoben oder bewegt hatte.

Neo erstarrte regelrecht und riss die Augen weit auf.

Noch niemand hatte ihn anschleichen hören, auch wenn es wohl nicht die reinste Höflichkeit war, genoss Neo es immer, wenn sich jemand erschreckte.

„Na los, komm doch einfach her!“ Der Mann winkte Neo mit der Hand zu sich.

Neo kam immer noch etwas unbeholfen zu ihm.

„Wie heißt du ?!“, sagte der Mann, der immer noch mit dem Rücken zu Neo stand.

„Ähm, Neo…“

„Aha und weiter?!“ Der Mann schien etwas herablassend und genervt.

„Neo von der Winterweide“

„Ach…“ Man hörte das Geräusch eines zuklappenden Buches. „Wie unhöflich!“ Der Mann drehte sich um und sagte: „Mein Name ist Sercul Senterish, ich bin der neue Hofmagier.“

„Könnt ihr mir helfen?“

„Komm aber schnell zum Punkt, ok!“ Der Magier sah Neo etwas erwartungsvoll an.

„Könnt ihr mir helfen, das Grab meiner Mutter zu finden?!“

„Natürlich kann ich das ! Was denkt ihr von mir ?!“

„Naja…“

„Kommt!“

 

Sie kamen an vielen Gräbern vorbei, in denen immer ein grüner Apfel steckte.

Nach einer langen Zeit öffnete Neo den Mund und fragte: „Sind wir denn bald am Ziel?“

„Das weiß ich nicht.“

„Wieso das?!“

„Ich helf dir nur suchen!“

„Ich dachte, ihr könnt zaubern?!“

„Ja, aber danach hattet ihr nicht gefragt!“

„Wärt ihr dann so freundlich und zaubert, um das Grab zu finden?!“

„Natürlich, bring mir einen grünen Apfel!“

Neo sah sich um und ging zu einem der Gräber, um den Apfel hinaus zu pflücken. Das gelang ihm auch und sofort wuchs ein neuer Apfel aus dem Grab heraus.

„Bevor ich euch den Apfel gebe, sagt mir, wieso einen grünen Apfel?!“

„Naja, ich mag die roten nicht!“ Neo guckte verständnislos, während der Magier über das ganze Gesicht grinste.

 

Noch eine ganze Weile gingen sie an Gräbern vorbei, bis der Magier ausrief: „Wir sind da!“

„Unterschätze niemals meine Macht, mein Junge.“ Der Kommentar schien Neo total unangebracht und unnötig, doch er nickte nur stumm.

Ein kleiner zugemauerter Pavillon erstreckte sich vor ihnen, mit einer steinernen Tür, an der ein großes Schloss hing.

Nemeskitis Nebulakit!“, sprach der Magier und das Schloss zerbarst laut vernehmlich.

Sie stießen die Tür auf und ein klares, helles Licht blendete den Magier und Neo.

Als das Licht schwächer wurde, sah Neo in den Raum.

Seine Augen weiteten sich, als er die Silhouette einer Person sah, und er rief: „Mom…?!“