shadow

Neos Flucht

von Isabella Zito

Meine Schwester war gerade dabei, die dunklen Tücher zu holen, mit denen wir unsere Gesichter vermummen wollten. Nuka war in den letzten Wochen, die mit Furcht getränkt waren, zur Frau geworden. Sie war nicht mehr nur meine kleine Schwester, sie war stark und bereit, für ihre Freiheit zu kämpfen. Kimya sah ihr in die Augen, während sie behutsam das Tuch um seinen Kopf wickelte, mit einer Technik, die sie zuvor von unserer Mutter gelernt hatte. Wir standen in einer Lehmhütte, in Enfida, einem kleinen Dorf in der Wüste Tunesiens. Als wir bis auf die Augen vermummt aus der Hütte traten, war es Nacht. Es war still,

unheimlich still, und die Kälte des leuchtenden Mondes stand über dem ganzen Land. Wir hatten nichts, nur etwas Getreide und unsere treuen Füße, welche uns noch weit tragen mussten.

Kimya, mein bester Freund, ging vor, seine ersten Schritte waren zögernd, ängstlich.

,,Neo!“, flüsterte er und machte eine Handbewegung, die mich aufforderte, aus der Hütte zu treten. Also gingen wir ohne Umwege in die vor uns liegende Wüste, Kimya voran, dann ich, und abschließend Nuka.

Wir eilten durch die Dunkelheit der Nacht. Kimya drehte sich immer wieder nervös um. Ich fragte mich, ob er sich Sorgen machte, wegen der Schergen oder ob er Angst um Nukas schöne Gestalt hatte. Mir kam es vor, als irrten wir umher, ohne Ziel, als sei unser Weg aussichtslos. Bis sich der Himmel in einem sanften Lila tränkte und zwischen den Gräsern und dem Mond die Wüste langsam zum Leben erwachte. Aus der klirrenden Kälte würde nun voraussichtlich unerträgliche Hitze werden. Die Angst in mir wurde mit jedem Lichtstrahl, der auf unseren Weg traf, größer und einnehmender. Nachdem wir die ganze Nacht gelaufen waren, im scheinbaren Schutz der Dunkelheit, fing Kimya auf einmal an, im lauwarmen Sand der aufgehenden Sonne zu graben und stieß auf Holz.

,,Das ist unser Quartier, ich habe hier schon öfter angehalten, hier gibt es Trockenfleisch, alles in Gläsern, und dazu sind wir geschützt vor der Sonne.“

Ohne zu fragen und mit Erleichterung glitten wir nacheinander, mit unseren vor Müdigkeit zitternden Körpern, durch die kleine Luke hinab in die Dunkelheit.

Es war eisig kalt dort unten. Doch im Laufe des Tages würden wir uns freuen über die überlebenswichtige, aus dem Erdboden kommende Kälte. Wir hatten Stunden lang kein Wort gesprochen, waren zu erschöpft, wir schliefen ein.

Am Nachmittag erwachten wir, und es war Zeit für eine kleine Stärkung. Während wir auf den Sonnenuntergang warteten, erzählten wir uns Geschichten und redeten von unseren Träumen und Erwartungen, die uns bevorständen. Trotz der unausgesprochenen Angst es nicht zu schaffen, die an jedem von uns nagte, erhoffte ich mir endlich Freiheit, Teil einer gleichberechtigten Gemeinschaft zu werden, ohne Rassismus. Ich wollte nach Europa, um bestätigt zu bekommen, dass wir alles Menschen sind und keiner schlechter oder weniger menschlich ist, nur wegen seiner Hautfarbe oder Herkunft.

Die Sonne stand tief am Horizont, als wir aus unserem Versteck kletterten, lautlos, wie zuvor. Das einzige, was ertönte, waren sich verkriechende Schlangen oder im Abendwind wehende Gräser. Unsere Blicke waren nun nach vorne gerichtet, wir starrten hoffnungsvoll auf den Horizont und auf das vor uns liegende Gebirge, samt dichtem Wald, der auf dessen Hängen gedieh. Wir stapften durch die klirrend kalte Nacht. In der bitteren Kälte kam einem der Weg unendlich vor und die Stille war bedrückend. Ich fragte mich, ob es in Europa wirklich so schön sei, wie es durch Erzählungen weitergegeben wurde. Konnten die Menschen tun, was sie wollten, hielten sie sich an das Gesetz, oder gab es dort auch Korruption und Verfolgung? Könnte es uns überhaupt noch aufnehmen? Wir waren ja nicht die ersten und schon gar nicht die einzigen, die einen Neuanfang probieren wollten und so viel dafür auf uns nahmen. Wir haben unsere Familien, unser Dorf, unsere Heimat verlassen. Wir verließen es, um zu arbeiten und eine Familie in einem Land mit gewissen Menschenrechten zu gründen. Ich denke jeden Tag an meine Mutter und sehe sie in Gedanken vor mir. Doch ich habe nicht einmal ein Foto von ihr und die Erinnerungen verblassen. Sie ist hübsch, nicht sehr alt und sie hat ein wunderschönes herzerwärmendes Lächeln, welches ihr Gesicht mit den Linien des Glücks gezeichnet hat. Sie sagte, ich solle nie wieder in meine Heimat zurückkehren, ein neues besseres Leben beginnen und dass sie immer über Nuka und mich wache. Sie würde nie sterben, denn sie lebt in unseren Herzen und unseren von Liebe getränkten Gedanken über jegliches Leben hinaus weiter.

Plötzlich schubste mich Nuka und holte mich aus meinen Gedanken. Direkt vor uns lag ein dichter Wald, und das Singen von Vögeln erhellte die Atmosphäre. In diesem Moment der Harmonie flog ein Messer durch die Luft. Es landete im Sand neben Nukas Fuß. Ein entsetzlicher Schrei, Huflaute waren hinter uns zuhören. Wir rannten panisch in den Wald. Hatten sie uns doch eingeholt? Wir dachten unsere Spuren waren verweht worden. Wir rannten um unser Leben, die Erschöpfung war wie weggepustet und das Adrenalin brannte in unseren Adern. Wo sollten wir bloß hin? Ich drehte mich immer wieder panisch um, sah nach Nuka, als Kimya uns plötzlich ein Bein stellte und uns unter einen Baum mit schwebenden Wurzeln zog. Unsere Herzen pochten wie verrückt. Eine Machete durchbrach die Wurzeln des Baumes. Kimya schrie auf und wir rannten aufgeschreckt los. Mit weit aufgerissenen Augen rannten wir einen steilen Hang hinauf. Eine kaum sichtbare und für Menschen fast zu schmale Spalte fokussierte ich in meinem ängstlichen Tunnelblick. Es fühlte sich an, als könnte ich durch Wände gehen. Als Kimya Nuka durch den Spalt drückte, rutschte ich weg und landete im Inneren einer großen Höhle.

Wir waren in Sicherheit, zumindest für den einen Moment. Das eiskalte Wasser, in dem ich saß, löschte das Feuer, das in meinen Adern wütete. Lichtstrahlen brachen durch die Kuppel aus Gesteinsbrocken über uns. Es war still, nur das Plätschern einer Quelle am Ende der Höhle war zu hören. Es war eine betäubende Ruhe in dieser Idylle. Hier fühlte man sich wie ein Blinder, der zum ersten Mal die Schönheit unserer Welt bestaunte. Wir pausierten, in der Hoffnung sicher zu sein, bis zum Einbruch der Dunkelheit. Ob wir hinaus wollten? Nein, mit Sicherheit nicht! Ob wir dennoch gingen? Ja, weil wir mussten. Unser Ziel war schon zum Greifen nahe, die Hälfte der Strecke lag hinter uns und umzukehren wäre Selbstmord gewesen. Als wir losgegangen waren, erkannten wir, dass es zu dunkel für unsere Verfolger war, um uns zu finden. Jedoch hatten wir auch Augen, deren Sehkraft ebenfalls von der Dunkelheit beeinträchtigt wurde. Wir wanderten hinauf auf den Gipfel der Bergkette, um auf ihr entlang zu wandern, der Hunger machte sich  lautstark bemerkbar, und als wir ein Feuer in der Ferne sahen, wuchs das Misstrauen. Es wäre die perfekte Gelegenheit, um einen Haferbrei in Gesellschaft zu kochen und zu verzehren, jedoch was war, wenn es die Menschen waren, die uns suchten. Ein eigenes Feuer zu entfachen, hätte zu viel Aufmerksamkeit auf uns gezogen. Also mussten wir weiter laufen mit unseren quengelnden Mägen. Jeder Stock, der unter unseren Sohlen zerbrach und jedes Blatt, das raschelte, ließ unsere Körper erstarren.

Als plötzlich das Feuer, das wir gesehen hatten, erlosch. Ein kurzer Moment der Stille trat ein. Man hörte die Bewegung einer größeren Truppe im dichten Unterholz. Sollten wir rennen, uns verstecken oder einfach still sein und an die Schatten der Nacht anpassen? Alles erschien in diesem Moment falsch, jede dieser Möglichkeiten war gleich kontraproduktiv. Wir wollten schließlich weiter ans Ziel heran, nicht wieder zurück. Das Prasseln der Hufe wurde schon bald zu einem Trampeln.

Die Angst musste Nuka zu dem gebracht haben, was wenige Minuten später geschah. Nuka rannte blind wie ein aufgescheuchtes Tier durch den Wald, und bevor einer von uns sie hätte warnen können, steckte plötzlich ein Pfeil in ihrer Schulter, dann war sie verschwunden. Kimya und ich mussten uns verstecken, denn kurz nach diesem Schuss waren auch die Männer vor Ort. Es waren fünf, alle auf Pferden. Sie waren in helle, ehemals weiße Gewänder gehüllt, als sie vorbei geritten waren, rannten wir beide los, als hätten wir dasselbe gedacht. Wo war Nuka? Wir suchten lange vergebens. Sie musste schnell gerannt sein, obwohl ein Pfeil sie durchbohrt hatte. Ich lauschte den Klängen des Waldes und ließ die Energie über meine geerdeten Füße durch meinen Körper rauschen, bis ich ein trostloses Winseln im Wind hörte. Der Mensch sollte sich nicht nur auf seine Fähigkeit zu sehen beschränken, sondern alle seine Sinne trainieren.

,,Dort unten muss Wasser sein, ich höre da etwas!“, sagte ich zu Kimya gewandt und wir schritten los. Je näher wir an einen kleinen Wasserfall kamen, desto lauter wurde das Winseln. Kimya entdeckte sie zuerst, rannte auf sie zu und gab ihr unbeholfen einen Kuss auf die Stirn. Ich machte mir Sorgen, wie man diesen 40 cm langen Pfeil wieder aus ihrer Brust entfernen könnte. Wir sägten das Ende des Pfeils mit einem Messer ab und zogen ihn schnell heraus. Es war schmerzhaft und blutig, aber wir hätten sie mit dem Pfeil in der Brust nicht weiter mitnehmen können. Kimya schnitt ein Stück Stoff vom unteren Ende seines Hosenbeins und wickelte es ihr mit viel Druck um die Wunde. Er sagte, er könne so den Blutverlust verringern. In der kleinen Einbuchtung des Felsens, wo Nuka saß,  übernachteten wir. Wir gingen am Nachmittag des nächsten Tages weiter. Meine Füße waren angeschwollen, und es fühlte sich an, als würde ich auf Blasen laufen. Nun, wo die Angst entdeckt zu werden an uns zehrte, hielten wir uns im Dickicht auf. Es war eindeutig beschwerlicher, als auf dem Kamm der Bergkette zu spazieren, jedoch auch weitaus unangenehmer. Ich denke, wir alle nahmen lieber diese Strapazen auf uns als unsere Seelen weiter im unergründeten Meer der Angst schwimmen zu lassen, wo sie von jeder kleinen Welle in die Tiefe getaucht wurde.

Wir wanderten lange, die Sonne stand fast senkrecht über uns, als die erste salzige Briese vom Hafen zu um rüber wehte. In dem Moment, als ich diese Luft einatmete und auf meinem Gaumen das Salz schmecken konnte, wurde ich wach und die Erschöpfung stand im Hintergrund. Der Bergkamm senkte sich und wir mussten absteigen. Wir suchten im Schutz des Waldes eine kleine Stelle, an der wir innehalten konnten, um uns vor den letzten Metern auszuruhen.

Als wir dort an dem Baum saßen, überlegten wir, wie man am besten zu einem Flüchtlingsboot kommen konnte und wie am unauffälligsten. Wenn wir durch eine Masse von Menschen, also mitten durch die Stadt, gehen würden, wären wir wahrscheinlich am sichersten. Denn damit rechneten unsere Verfolger bestimmt nicht. Sie vermuteten sicher, dass wir, wie die letzten Tage, im Dunkeln oder zumindest fern von Zivilisation wandeln würden. So machten wir es. Wir gingen durch die Stadt, die voller Menschen war. Erst am Rathaus vorbei auf einen Markt. Zunächst waren dort Fischverkäufer, dann Gemüse- und Obst-Händler, und abschließend Gewürz-Stände. Hinter dem Markt befanden sich Straßen-Küchen, von denen wir Gebrauch machten. Jeder kaufte sich eine Schüssel Reis mit gutem Fleisch, eingelegt in feinster Soße, es war köstlich. Als wir etwas abgeschottet am Straßenrand standen, wurde mir klar, dass dies wohl mein letztes Essen in Afrika gewesen war. Ja, meine Kochkunst wird wohl das Einzige sein, das ich mit in ein neues Land nehmen konnte.

Und so liefen wir zum Hafen, in dem gerade ein Boot mit weiteren Flüchtlingen befüllt wurde. Es war ein alter Kahn, jedoch relativ groß. Er war rostig, und einige Nieten wurden neu geschweißt, doch wir hatten es tatsächlich geschafft. Es stand nichts mehr zwischen uns und unserem neuen Leben. Nun müssten wir noch den Besitzer finden und einen guten Preis aushandeln, damit er uns mitnehmen würde.

Er war ein sehr großer Mann, tief schwarz und seine weißen Augen glühten förmlich, als er sich mit uns unterhielt. Wir mussten 160 Dinar bezahlen, um auf das Boot zu kommen. In der Zwischenzeit war es noch voller, wir waren fast die letzten, die einstiegen. Es war einzigartig, als ich Nuka und Kimya Arm in Arm fröhlich über die Pipeline laufen sah. Die Sonne strahlte auf sie, es war, als würde sie uns mit ihren wärmenden Strahlen auffangen. Die Gesichter der Wartenden waren mit einem Lachen verziert, doch in ihren Augen war auch Trauer und die Sehnsucht nach ihren Familien zu erkennen.

Plötzlich spürte ich einen stechenden Schmerz am Fuß, und, ohne es verhindern zu können, brach ich zusammen. Ich sah an mir herab, ein Haken steckte in meiner Achillessehne. Männer beugten sich über mich. Ich war noch immer auf der Mole. Panisch versuchte ich, die Männer zu treten, der Motor des Bootes fing schon an zu knarren, und das Wasser unter mir begann zu schäumen. Die Schmerzen waren betäubend, die gierigen Augen der Männer starrten mich an. Ich hatte keine Wahl. Durchdrungen von dem Willen zu leben streckte ich mich aus, umklammerte die Kante des Bootes und hielt mich mit aller Kraft fest. Ich schrie vor Schmerzen und hoffte nicht bewusstlos zu werden. Über mir tauchten die dunklen Gesichter der Menschen auf dem Boot auf, ihre Augen leuchteten, es schien als wollten sie mir helfen. Im Sonnenlicht sah ich eine Säge aufblitzen.

Als ich erwachte, lag ich in einem Krankenhaus. Kimya und Nuka schliefen auf Stühlen neben mir. Schmerzen hatte ich keine, doch als ich aufstehen wollte sah ich, dass dort, wo einst mein Fuß seinen Platz hatte, eine mit Blut getränkte Mullbinde war.

An der Wand vor meinem Bett hing ein Spiegel. Ich betrachtete meinen Albino-weißen Körper und wusste, dass ich es geschafft hatte. Wir hatten es geschafft.

Der Mond zieht das mit Tränen getränkte Wasser des Meeres zu sich heran und wieder fort. Auch mich hatte das Meer wieder zurück gedrängt, doch zum Glück nicht weit genug.