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Nicht mit mir!

von Lea Karbasi

Ich verfolgte den Soldaten bis zu einer schmalen Seitengasse und hielt mich dann zwischen den Überresten einer schon lang zerfallenden Schule versteckt. Er hatte mich bisher noch nicht bemerkt. Kein Wunder, er war angetrunken. Doch, trotz seines taumelnden Ganges, sah er immer noch bedrohlich aus. Er bewegte sich aus meinem Blickfeld weg und ich schlich ihm hinterher. Meine zu großen Stiefel knirschten leise auf dem Kies. Ich konnte nur hoffen, dass er es nicht hörte, doch so viel Glück hatte ich nicht.

Sein Blick schweifte umher und blieb schließlich an meinem Versteck hängen. „Komm raus“, lallte er mit rauer Stimme. „Ich weiß, dass du da bist.“ Ich trat aus meinem Versteck heraus. Er zog seine Pistole und richtete den Lauf auf mich. Er musterte mich mit zusammen gekniffenen Augenbrauen, ganz langsam von oben nach unten. Schließlich ließ er die Waffe langsam wieder sinken. Er schien mich nicht als Bedrohung zu empfinden. Und dann, kaum zu glauben, fing er an leise in die Dunkelheit zu lachen. War es so schwer zu glauben, dass ein Mädchen genau so gefährlich sein konnte wie ein Junge? Wiederum, wenn ich mich selbst im Spiegel betrachtete, haute mich mein Aussehen auch nicht sonderlich vom Hocker. Ich sah ziemlich durchschnittlich aus, mit den langen, braunen Haaren, die eine Wäsche vertragen konnten. Die etwas zu große Nase, auf der die Sommersprossen geradezu tanzten und den schlanken Körper, aus dem man die eine oder andere Rippe herausragen sah. Doch was der Kerl nicht wusste, war, dass genau dieses Mädchen, im Moment die größere Gefahr war als er selbst. Ich näherte mich ihm langsam und zückte blitzschnell mein Messer. Es hatte eine lange, scharfe Klinge, auf der etwas eingraviert stand. „Hör auf dein Herz.“ Nur noch wenige Zentimeter trennten mich von ihm. Meine rechte Hand umklammerte das Messer so fest, dass es mich leicht in die Handfläche schnitt. Ich spürte den warmen Strahl meines Blutes in meiner Handfläche, das auf den Boden zu tropfen drohte. Schweißperlen standen auf meiner Stirn, mein Puls raste und mein Herz klopfte zum Zerspringen. Aber der Kerl merkte von alledem nichts. Ich streckte meine linke Hand aus und legte sie ihm auf die Brust, sein Puls beschleunigte sich. Er wurde wie Wachs unter meinen Händen. Und dann, ohne Vorwarnung, schlug ich ihm fest ins Gesicht, sodass er taumelte. Gleichzeitig rammte ich ihm mit meiner rechten Hand das Messer mitten ins Herz. Er stieß einen überraschten Laut aus. Ich zog das Messer aus seinem Körper, der leblos in sich zusammensackte und zu Boden glitt. Ich kniete mich hin und durchsuchte ihn. Schließlich ging ich mit seiner Pistole in der einen und einem Sack voll Münzen in der anderen Hand zurück nach Hause. Unterwegs verteilte ich noch etwas von den Münzen unter den Armen und ging zum Friseursalon, in dem meine Mutter und ein paar andere Leute Unterschlupf gesucht hatten. Unser Unterschlupf sah genauso aus, wie der Rest unseres Landes. Zerstört von den Bombenexplosionen, die unsere Heimat beinahe komplett ausgelöscht hätten. Der von der Regierung angeordnete Bombenanschlag lag nun genau zehn Jahre zurück. Und wie es der Zufall wollte, passierte es genau an meinem Geburtstag. Das war ein „Schwarzer Tag“ für die Menschheit, mit dessen Konsequenzen wir noch heute leben mussten. Ich konnte mich nur noch an wenig erinnern, denn ich war gerade sechs Jahre alt. Meine Mutter erzählte mir, dass das Unglück nachts passierte. Sie hatte mich in einem bombensicheren Keller untergebracht. Da saßen wir eingepfercht auf engem Raum mit einem Haufen Überlebender – mit Leuten, die der Katastrophe nur entkommen waren, weil sie den Warnungen meiner Mutter geglaubt hatten. Sie hatte mich auf ihren Schoß genommen und redete beruhigend auf mich ein, während ihr selbst ununterbrochen Tränen das Gesicht herunterliefen. Ich dachte ihre Tränen hätten etwas mit dem Streit zwischen meinem Dad und ihr zu tun. Aber eher indirekt, weil es in dem Streit um den Job meines Vaters ging, der bei der Regierung gearbeitet hatte. Er wollte, dass wir alle umziehen, weil es hier nicht mehr sicher sei. Er redete irgendwas von einem Bombenanschlag. Aber meine Mutter wollte nicht weg und alle ihrem Schicksal überlassen. Sie konnte es nicht fassen, dass es nichts dagegen unternehmen wollte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie nie an ihm gezweifelt, aber das war zu viel für sie. Sie konnte es nicht glauben, dass er seine Familie in Sicherheit bringen wollte, anstatt irgendwas gegen die Regierung zu unternehmen oder zumindest zu versuchen. Das hatte sie richtig aufgeregt. Sie hatte ihn mit Vorwürfen überhäuft, bis er sich abwandte und die Tür mit einem lauten Knall zuschlug. Mir war nicht bewusst gewesen, dass sich mein Leben seit diesem Tag von Grund auf ändern würde. Ich drängte diese Erinnerungen zurück. Sie waren zu schmerzhaft für mich. Ich drückte die Türklinke des Ladens runter und trat ein. „Mom, ich bin wieder da“, rief ich in die Stille. Niemand antwortete mir. Ich zuckte vor Schreck zusammen, als ich mein Blick durch den Raum schweifen ließ. Die Regale lagen achtlos am Boden und die Bücher lagen überall im Raum zerstreut. Ein Buch genoss besonders viel von meiner Aufmerksamkeit Es war in schwarzes Leder gebunden. Ich erkannte es sofort. Es war das Lieblingsbuch meiner Mutter, „Romeo und Julia.“ Sie hatte mir oft daraus vorgelesen, sofern es ihre Zeit erlaubte. Ich erinnere mich, dass sie oft versucht hatte, sich nicht anmerken zu lassen, wie erschöpft sie war. Doch mich konnte sie nicht täuschen. Ich nahm das Buch und drückte es an meine Brust, so als wäre es das Einzige, was mir noch Halt gab. Ich steckte es in meinen Rucksack, der achtlos auf dem Boden lag. Ein brauner Holzschrank, der als einziger noch da stand, wo er hingehörte, zog meinen Blick auf sich. Ich steuerte auf ihn zu, um mir ein paar Wechselklamotten zu nehmen und stopfte sie ebenfalls in den Rucksack. Dann holte ich mir noch Proviant und weitere Waffen. Ich ging zu unserem Geheimversteck und nahm mir unseren letzten Rest an Kleingeld. Zum letzten Mal atmete ich tief durch und ließ dann alles, was von meinem alten Leben noch übrig war, hinter mir. Ich lief so schnell ich konnte zum Marktplatz, denn ich ahnte nichts Gutes. Es schien, als hätte die Regierung einen neuen Plan, wie sie uns fertig machen könnte. Ich wusste nicht, was mich erwartete. Instinktiv hielt ich inne, denn vor mir erstreckte sich ein riesiger Menschenauflauf. Der, zum größten Teil, aus Soldaten bestand. Es war ein Albtraum. Erwachsene schrien nach Familienangehörigen, Kinder weinten und wurden einfach umgerannt. Es gab eine Massenpanik. Vor mir lag ein Kind auf dem Boden und schrie. Gerade rechtzeitig konnte ich verhindern, dass es von der Masse zertrampelt wurde. Ich betrachtete das Kind genauer. Es war klein und mager. Die Hände waren voller Ruß und Staub. Die Knie waren aufgeschlagen und es weinte bitterlich. Ich nahm das Kind auf den Arm und versuchte es zu beruhigen, während ich nach meiner Mutter Ausschau hielt. Plötzlich entdeckte ich sie in der Menschenmenge. Sie wurde von einem Soldaten festgehalten. Neben ihr standen alle, die im Friseursalon Zuflucht gesucht hatten. Ihre langen, braunen Haare fielen ihr dauernd ins Gesicht und ihre waldgrünen Augen funkelten den Soldaten hasserfüllt an. Sie war ziemlich dünn, aber wehrte sich trotzdem mit Händen und Füßen. Der Soldat hielt sie unerbittlich fest.  Ich wollte gerade zu ihr rennen, da ertönte ein lauter Schuss. Alle hielten abrupt inne. Auf einem Podest stand der grausamste Herrscher unseres Landes. Vor sich ein Mikrofon und in der Hand eine Pistole. Er war ein Tyrann. Es war seine Schuld, dass unser Land nur noch aus Schutt und Asche bestand. Er gab sich noch nicht Mal die Mühe, unseren Städten Namen zu geben. Für ihn waren wir einfach nur „Stadt 21.“ Jede unserer Städte bekam anstelle von Namen zahlen, was effizienter war und damit Zeit sparte. Denn zeit war kostbar geworden. Das war das Motto unseres Präsidenten, Dexter White. Nun da er unsere Aufmerksamkeit hatte, tippte er auf sein Mikro, sodass ein nerviges Geräusch entstand und auf dem Platz widerhallte. Er räusperte sich kurz. Seine Stimme klang tief und melodisch. Sein Lächeln so falsch, wie die Worte die aus ihm raussprudelten. Die Soldaten himmelten ihn an, doch ich sah sein wahres Gesicht, hinter der Fassade. „Meine lieben Mitbürger, wir haben uns heute hier versammelt, um eine wichtige Angelegenheit zu bereden.“ Er wartete auf unsere Reaktion, doch alle schwiegen. Er runzelte die Stirn, ließ sich aber nicht aus der Fassung bringen. „Ich glaube ihr wisst, wovon ich spreche.“ Er ließ die Worte erstmals auf die Menge wirken und sprach weiter. „Es scheint mir, als gäbe es Unruhestifter in eurer kleinen Stadt, nicht wahr?“ Er erwartete keine Antwort, wieso auch, seine Spione wussten sowieso über alles Bescheid. „Wir haben ein Notverfahren eingeleitet, damit so etwas sich nicht noch einmal wiederholt“, sprach er mit klarer Stimme. Meine Augen wurden groß, welches Notverfahren meinte er?  „Wir haben beschlossen ein paar Männer und Frauen in unsere Hauptstadt mitzunehmen.“ Ich verstand nicht sofort, worauf er hinaus wollte. Doch dann dämmerte es mir, dass damit die gemeint waren, die Zuflucht im Friseursalon meiner Mutter gesucht hatten. Auch meine Mutter sollte weggebracht werden. Wahrscheinlich mit dem Zug, der hinter unserem Präsidenten stand, obwohl der Weg von der Hauptstadt bis in unsere Stadt nur einen Tagesmarsch entfernt war. Ich versuchte mich zusammen zu reißen und nicht in Panik auszubrechen. Ich übergab einer Frau neben mir das Kind. Vorsichtig drängte ich mich noch weiter nach vorne und suchte Blickkontakt mit meiner Mutter. Als hätte sie meinen Blick gespürt, hob sie den Kopf und schaute mir tief in die Augen. Sie wusste, was ich vorhatte und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Sie versuchte sich ein Lächeln abzuringen, das ihr kläglich misslang. Bevor ich auch nur einen Finger rühren konnte, um meiner Mutter zu Hilfe zu eilen, packten mich große, starke Hände von hinten und zogen mich in eine Gasse. Es war dunkel. Staub wirbelte auf, meine Augen tränten. Doch ich drängte sie zurück und wand mich unter dem Griff meines Gegners, sodass wir uns gegenüberstanden. Sein Griff lockerte sich etwas, aber er hielt mich immer noch fest. Er war, wie ich vorhin schon bemerkt hatte groß und muskulös, hatte kurzes, braunes Haar und leuchtend blaue Augen. Er trug die normale Arbeiterkluft, doch was mir sofort ins Auge stach, war die bemerkenswerte Menge an Waffen, die er am Gürtel trug. Obwohl ich mir sicher war, dass er ein gnadenloser Kämpfer war, hatte ich keine Angst vor ihm. Ob es an seinen strahlenden Augen lag, oder an etwas anderem, ich wusste es nicht. Ich schüttelte meinen Kopf, um die Gedanken zu vertreiben. Was war bloß los mit mir? Natürlich sah er gut aus und ja er kannte sich mit Waffen aus, doch das war noch lange kein Grund ihn das anmerken zu lassen. Meine Stimme war nur ein Flüstern als ich ihn fragte: „Wer bist du?“ Es dauerte einige Zeit, doch schließlich antwortete er: „Ich bin Lucas.“ In diesen drei Worten bemerkte ich noch etwas an ihm. Er war arrogant. Wie er mich anlächelte, als wäre er es gewohnt, dass die Frauen ihm zu Füßen lagen. Aber nicht mit mir! Ich sah ihm tief in die Augen und hörte mich schnippisch sagen: „Nun Lucas, könntest du mich loslassen. Was machst du überhaupt hier?“ „Ich bin hier, weil ich dir helfen will, Mia“, antwortete er. „Woher kennst du meinen Namen?“, fragte ich. „Das ist unwichtig“, erwiderte er. „Unwichtig, du spinnst doch, ich habe ein Recht darauf es zu wissen“, zischte ich. Er verschränkte stur die Arme vor der Brust. Von ihm würde ich jetzt nichts erfahren. „Egal, jedenfalls brauche ich deine Hilfe nicht“, erwiderte ich. Ich wurde nur mit einem Zucken seiner Mundwinkel belohnt. Dieser arrogante Mistkerl. Ich hatte große Lust, ihm das Grinsen aus dem Gesicht zu schlagen. „Ich denke schon, dass du meine Hilfe brauchst, oder weißt du wo sie die Gefangenen hinbringen?“ Verdammt, darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. „Und warum solltest du mir helfen wollen?“, fragte ich. Er holte tief Luft und stieß sie ganz langsam aus. „Weil, … .“ Er ließ den Satz unvollständig in der Luft hängen und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Weil, ich deine Mutter kenne“, sagte er. Mir blieb der Mund offen stehen. Meine Mutter hatte mir nie etwas über einen Begegnung mit diesem Kerl erzählt. „Wieso sollte ich dir glauben, ich kenne dich doch gar nicht gut genug. Es könnte genauso gut eine Falle der Regierung sein“, sagte ich. „Das weißt du nicht, aber es ist deine einzige Möglichkeit deine Mutter zu finden“, sagte er. Ich betrachtete ihn noch einmal von oben bis unten und sah die Ehrlichkeit seiner Worte in seinen Augen aufblitzen. Ich traf eine Entscheidung. „Na schön, aber wenn ich merke, dass das eine Falle ist, schwöre ich dir, ich bringe dich um!“ Er nickte. „Also was ist nun dein ach so genialer Plan?“, fragte ich. „Naja“, er ließ seinen Blick durch die Gasse schweifen. „Zunächst einmal, müssen wir in die Hauptstadt.“ Ich nickte, darauf war ich auch schon gekommen. „Na dann, sollten wir keine Zeit verschwenden. Lass uns aufbrechen“, schlug ich vor. Er nickte und ging aus der Gasse, dicht gefolgt von mir. Wir mischten uns unter das Volk, um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf uns zu lenken. Wir waren am Stadtrand angekommen, als Lucas abrupt stehen blieb. Ich konnte mich noch rechtzeitig bremsen, um nicht in ihn hineinzurennen. Fragend sah ich ihn an. „Wir verlassen jetzt Stadt 21“, erklärte er. Ich spähte hinter ihm hervor und betrachtete meine Umgebung. Es gab kaum Gebäude, und wenn, waren sie schon zur Hälfte im Boden versunken oder bestanden nur noch aus Einzelteilen. Sand kroch in jede Ritze und nistete sich dort ein. Alles war voller Staub und ich roch den starken, ekligen Geruch von verbranntem Fleisch. Es gab keine Bäume, nur vertrocknete Sträucher. Es gab hier und da ein paar Kleintiere, aber sonst war das Land wie tot. Alles war grau und es gab Trümmer wohin das Auge reichte. Ich sah zu meinem Begleiter auf, holte noch einmal tief Luft und dann machten wir uns auf den Weg. Wir wanderten den ganzen Tag, bis die Sonne unter ging. „Wir sollten Rast machen.“ Lucas drehte sich zu mir um. „Morgen Mittag werden wir, wenn wir das Tempo beibehalten, in der Hauptstadt ankommen.“ Ich nickte als Zeichen, dass ich verstanden hatte. Ich setzte meinen Rucksack dankbar ab und lehnte mich gegen einen kühlen Stein, der mir sehr gelegen kam. Mir war schon den ganzen Tag heiß gewesen und ich schwitzte wie verrückt. Mit einem zufriedenem Seufzer, schloss ich für einen Moment die Augen, hielt aber trotzdem mein Messer in der Hand. Ich wollte kein Risiko eingehen. Vor meinem inneren Auge sah ich meine Mutter, wie sie mir aus ihrem Lieblingsbuch vorliest und mich dabei anlächelt. Ihr Strahlen als sie mir zum Geburtstag ein Messer schenkte. Ich schreckte auf, als ich Schritte hörte, die sich langsam näherten. Vor mir kniete Lucas, der mich unverwandt ansah. Ich wollte von ihm abrücken, doch der Stein durchkreuzte meinen Plan. Ich fühlte mich, wie ein in die Enge getriebenes Tier. Nach kurzem Zögern, strich er mir eine Locke aus dem Gesicht und lächelte mich an. Ich lächelte schüchtern zurück, ich hatte keine Erfahrung, wie man mit einem Jungen umging. Er nahm mir die Entscheidung ab, wie ich reagieren sollte, indem er sich neben mir niederließ. „Schlaf Mia. Ich passe auf dich auf“, sagte er noch. Und dann war ich auch schon eingeschlafen.

 

Ein leichtes Rütteln an meiner Schulter weckte mich auf. „Wach auf Mia, wir müssen weiter.“ Mit einem resignierten Aufseufzen erhob ich mich und nahm meine Sachen. Und schon waren wir wieder unterwegs. Wir wechselten kein Wort miteinander erst als wir in der Hauptstadt ankamen. Mir stockte der Atem bei diesem Anblick. Die Hauptstadt war das komplette Gegenteil von den kleinen Städten. Sie war riesig und sauber. Ich hörte Erwachsene lachen und Kinder spielen. Die Menschen hier, schienen glücklich zu sein, etwas das ich nie für möglich gehalten hätte. Mit offenem Mund, wollte ich geradewegs auf das Tor zu marschieren, da hielt mich Lucas am Handgelenk fest. Ich sah ihn fragend an. „Wir nehmen einen anderen Weg in die Stadt. Wir können es uns nicht leisten bemerkt zu werden“, sagte er und zeigte auf die bewaffneten Soldaten. Ich nickte zustimmend und folgte ihm. Wir schlichen um die Mauer herum, bis zu einem Loch. Es war ein mit Gitterstäben besetzter Kanal aus dem ununterbrochen schmutziges Wasser floss. Lucas ging näher heran und löste einen lockeren Gitterstab und signalisierte mir, dass ich ihm folgen sollte. Ich fragte mich, woher er das gewusst hatte. Für einen kurzen Moment hatte ich Zweifel. Wer war Lucas wirklich? Ohne Einwände folgte ich ihm durch den Abfluss der Kanalisation und versuchte, keine Miene vor dem Gestank zu verziehen. An einer Treppe angekommen, kletterte er hinauf. Ich folgte ihm. Lucas, sah sich um, um sicherzugehen, dass uns niemand beobachtete und hob dann den schweren Deckel und half mir hoch. Ich vermied seinen Blick, als seine warmen Hände mich hochzogen. Aber die Berührung war so schnell wieder vorbei, wie sie auch gekommen war. Ich zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. Er erwiderte meinen Blick. So standen wir da, bis er seinen Blick von meinem losriss. „Komm, ich weiß wo wir uns ausruhen können“, sagte er. Ich folgte ihm durch das Gedränge, bis zu einer Herberge. Sie war nicht besonders sauber und passte daher auch nicht in das Erscheinungsbild hinein. Lucas bedeutete mir am Eingang zu warten. Ich hasste es normalerweise herumkommandiert zu werden, aber bevor ich Einwände erheben konnte, war er auch schon verschwunden. Kurze Zeit später war er wieder bei mir. Ich wollte ihn eigentlich anschreien, doch dafür blieb mir keine Zeit, denn schon waren wir im Stadtzentrum. Mir stockte der Atem, als ich die vielen Männer sah, die sich entweder betranken, oder mir Blicke zuwarfen. Mir war es unangenehm so bemustert zu werden und ich drängte mich eng an Lucas Körper. Als wir bei dem Besitzer des Hotels ankamen, warf er mir Blicke zu. „Lucas, ich wünsche dir und deiner Frau schöne Flitterwochen, aber falls du doch von ihr genug hast, kannst du sie gerne bei mir vorbei bringen“, sagte er und Lucas lachte laut auf. Hatte ich da richtig gehört? Flitterwochen? Der Kerl war so gut wie tot. Ich setzte ein falsches Lächeln auf und folgte Lucas in unser Zimmer. Als die Tür sich schloss, hatte ich ihn auch schon an der Wand festgenagelt und schlug ihm ins Gesicht. „Sag mal, spinnst du?“, fragte ich aufgebracht. Als er nicht antwortete, schlug ich ihm noch einmal in den Magen. Doch bevor ich ein weiteres Mal ausholen konnte, hatte er sich so gedreht, dass ich nun an der Wand festgenagelt war. Ich versuchte mich zu befreien, doch es funktionierte nicht. „Irgendwie musste ich dich hier einschleusen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Das war nun Mal die beste Option.“ Ich überlegte einen Moment. Er hatte ja so verdammt noch Mal recht. Ich stieß die Luft aus. „Okay, es tut mir leid, aber ich habe ein paar Fragen an dich“, sagte ich. Er nickte und ließ mich los. „Wer bist du wirklich?“, fragte ich. Er zögerte einen Moment und antwortete mir dann. „Ich bin Dexter Whites Sohn.“ Mir blieb der Mund offen stehen. Meine Gedanken hüpften auf und ab, überschlugen sich. In meinem Kopf drehten sich tausende von Fragen, wie ein Karussell. „Und wie kann es sein, dass du meine Mutter kennst?“, fragte ich skeptisch. „Ich kenne deinen Vater. Er ist der Berater meines Vaters“, erwiderte er. „Sozusagen die rechte Hand.“ Jetzt machte alles Sinn. Warum meine Mutter wütend auf meinem Vater war. Es war so logisch, aber trotzdem hatte ich die Wahrheit nicht erkannt. Ich lief im Raum herum und überlegte. „Okay, und wieso hilfst du mir dann?“, fragte ich. „Ich meine, er ist doch dein Vater.“ „Ich weiß, dass macht das alles so schwierig. Aber es ändert nichts daran, dass ich mit dem was er tut nicht einverstanden bin. Also bin ich abgehauen“, antwortete er. „Und woher kennst du die vielen verbotenen Wege?“, fragte ich. „Als ich klein war, habe ich oft Verstecken gespielt. Ich hatte kaum Freunde, also habe ich mit den Wachen gespielt. Sie haben mich fast nie gefunden.“ Er lächelte, mir kam es so vor, als mache er das viel zu selten. Er riss sich aus seinen Erinnerungen. „Jedenfalls, habe ich so eine Menge Geheimwege gefunden“, erklärte er. Es klang einleuchtend. „Also, wie lautet der Plan?“, fragte ich. „Ich kenne einen geheimen Weg zu den Gefängnissen, Wir werden sie befreien und du bringst sie dann in Sicherheit. Ganz einfach.“ Ich setzte mich auf das Bett. „Und was wirst du machen?“, fragte ich. „Ich werde etwas tun, was ich schon viel früher hätte tun müssen. Ich werde meinen Vater herausfordern und wenn es sein muss…“ Er sah mir tief in die Augen. „Wenn es sein muss, töte ich ihn.“ Ich sah ihn sprachlos an. „Ich werde dir dabei helfen“, brachte ich stur hervor. „Und du kannst mich nicht davon abbringen, also versuch es erst gar nicht.“ Er hörte meine Endgültigkeit in der Stimme. „Wir sollten noch ein wenig schlafen. Heute Nacht geht’s los“, sagte er. Ich nickte und sah mir das Bett an. „Wir werden es uns teilen müssen“, brachte ich gepresst heraus. Ich bekam bei der Vorstellung, neben diesem Kerl zu schlafen, eine Panikattacke. Er legte sich auf die eine Seite des Bettes und hob die Decke einladend an. Ich sah ihm ins Gesicht und er grinste. Er wusste genau wie unangenehm das für mich war. Mit einem Seufzer ließ ich mich auf der anderen Seite nieder. Ich schubste ihn noch weiter von mir und er fing laut an zu lachen. Auch bei mir zeichnete sich ein Lächeln über dem Gesicht und damit schlief ich ein.

 

Ein warmer Atem in meinem Nacken weckte mich auf. Es war immer noch dunkel. Wenn wir unseren Plan noch durchziehen wollten, mussten wir jetzt los. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich in Lucas Armen lag und er mich beobachte. Er zog seine Arme zurück und setzte sich auf. Wir nahmen schnell unsere Sachen zusammen und gingen. Wir vermieden es uns anzusehen. Auf der Straße war es finster und sie war menschenleer. Wir schlichen durch die Dunkelheit, wie Schatten. Wir huschten an den Wachen vorbei, bis hinter den Palast. Bei einem Gebüsch hielt Lucas an. Er zog ein paar Büsche zur Seite, sodass sie ein großes Loch offenbarten. Es war ein Tunnel. Wir gingen hinein und die Büsche nahmen ihre ursprünglichen Plätze wieder ein. Es ging nur langsam voran und ich fragte mich, wann dieser Tunnel endlich endete. Doch plötzlich stolperte ich über einen Stein, ich verlor mein Gleichgewicht und wäre wahrscheinlich auf den Boden geknallt, hätte Lucas mich nicht blitzschnell aufgefangen. Er war geschmeidig wie eine Raubkatze und ich hatte noch nicht Mal gemerkt, dass er sich bewegt hatte. Ich sah ihm tief in die Augen, wollte ihn bitten mich loszulassen, doch ich konnte nicht. Er näherte sich meinem Gesicht und küsste mich. Doch so schnell wie dieser Kuss kam, war er auch schon wieder vorbei. Er ließ mich runter, nahm mich an der Hand und wir gingen weiter, so als wäre nichts gewesen. „Ich werde jetzt nach meinem Vater suchen und es zu Ende bringen“, sagte er. „Wir machen es gemeinsam, verstanden“, sagte ich und stach ihm meinen Finger in die Brust. Wir blieben an einer Leiter stehen. Lucas ging vor. Oben waren wir an einer Art Flur angekommen. Lucas führte mich durch eine der nahstehenden Türen. Wir fanden uns in der Mitte einer riesigen Halle wider. Ich erschrak, als ich die vielen Soldaten bemerkte. Sie hielten alle ihre Gewehre auf uns gerichtet. Ich sah Lucas an. Er hatte sich unbewusst auf die Lippe gebissen und schätzte währenddessen die Situation ab. „Willkommen! Ich habe mir schon gedacht, dass du wieder zurückkommen würdest, Lucas“, sagte eine männliche Stimme. Ich drehte  mich einmal um die eigene Achse, um den Ursprung der Stimme zu finden. Da saß er auf seinem Thron. Er starrte zu uns herunter, Präsident Dexter White. „Wer ist denn deine nette Freundin?“, fragte er an Lucas gewandt. Lucas antwortete nicht. Präsident Whites Augen verdunkelten sich und er tippte ungeduldig auf die Lehne seines Throns. „Nun, Lucas. Wo hast du dich denn all die Zeit herumgetrieben?“, fragte er mit gespielter Freundlichkeit. In seinen Augen blitzte Interesse auf. Lucas ignorierte seine Frage. Sein Vater stieß resigniert die Luft aus. „Ich dachte, wir könnten das ein für alle Mal aus der Welt schaffen. Aber wenn du nicht kooperieren willst. Bringt die Gefangenen“, sagte er. Daraufhin lösten sich zwei Soldaten aus der Reihe und verließen den Raum. Kurz darauf kamen sie wieder zurück, dicht gefolgt von zehn taumelnden Menschen. Deren zerrissenen Klamotten waren blutdurchtränkt und ihre leeren Blicke hetzten wild umher. In ihren Augen lag Angst und Hoffnungslosigkeit. Mir stockte der Atem, als ich grün lodernde Augen in der Menge ausmachte. Der dazu gehörende Körper war ausgemergelter, als ich ihn das letzte Mal erblickt hatte. Es war eine  Frau. Auch sie war blutverschmiert. Aber ich stellte erleichtert fest, dass ihre Haltung immer noch Kampfgeist für eine ganze Armee ausstrahlte. Nichts konnte mich noch auf meinem Platz halten. Und ehe ich mich versah, stürmte ich auch schon auf meine Mutter zu. Niemand hielt mich auf, doch ich konnte die Blicke der anderen auf mir spüren. Doch das war mir egal. Ich fand mich in den Armen meiner Mutter wieder. Sie streichelte mir beruhigend über den Kopf, während ich laut anfing zu schluchzen. Ich zwang mich damit aufzuhören. Die Stimme des Präsidenten, riss mich aus meinen Gedanken. „Oh, ist das nicht herzallerliebst. Mutter und Tochter nach der traurigen Trennung, endlich wieder vereint.“ Er wischte sich eine imaginäre Träne mit einer gekünstelten Handbewegung weg. Ich sah ihm missbilligend in die Augen und er erwiderte meinen Blick. „Tötet die Gefangenen“, schrei er in die Stille. Kurz darauf näherten sich uns dutzende Soldaten. Ich blieb vor meiner Mutter stehen und schützte sie mit meinem eigenen Körper. Sie versuchte mich wegzuschieben, doch ich hielt ihr stand. Da erklang, ein weiteres Mal, Whites Stimme. „Aber nicht Lucas und das Mädchen. Ich will sie lebend.“ Meine Hand glitt vorsichtig in meinen Stiefel. Ich spürte den vertrauten kühlen Griff meines Messers. Blitzschnell zückte ich das Messer und rammte es dem Soldaten, der sich auf meine Mutter stürzen wollte in die Brust. Er schrie auf und wollte sich auf mich stürzen. Doch jemand schubste ihn von mir weg. Saphirblaue Augen sahen mich an und ich erkannte Lucas. Es war ein richtiges Getümmel, bei dem ich oftmals die Übersicht verlor. Ein Soldat schlug mir sein Gewehr in die Seite und ich verlor für einen kurzen Moment das Gleichgewicht. Mein Gegner nutzte das aus und schlug mir ins Gesicht. Warmes Blut lief mir wie Tränen herunter und tropfte zu Boden. Ich wischte mir es ab und stellte mich breitbeinig hin. Beim nächsten Schlag, duckte ich mich blitzschnell. Ich schlug meinem Gegner meinen Ellenbogen ins Gesicht, sodass er taumelte. Ich holte zum nächsten Schlag aus, der ihn reglos zu Boden sinken ließ. Ich suchte nach meiner Mutter und nach kurzer Zeit entdeckte ich sie in die Enge getrieben und richtete seine Waffe auf sie. Plötzlich lief alles wie in Zeitlupe ab. Wie ich zu ihr rannte, der Soldat abdrückte und ich mich zwischen sie und die Kugel warf. Sie hatte schon die Augen geschlossen gehabt, bereit für den Tod. Doch ich war noch nicht bereit gewesen, sie zu verlieren. Mich durchzuckte ein scharfer Schmerz, als die Kugel meine Haut durchdrang. Ich landete hart auf dem Boden und hielt mir die Seite fest. Von Sekunde zu Sekunde sammelte sich immer mehr Blut. Es bildete sich schon eine Blutlache und ich mittendrin. Meine Mutter kniete neben mir, genauso wie Lucas. Erst jetzt fiel mir auf, dass alle innehielten. Sogar Präsident Whites Augen lagen wie gebannt auf mir. „Es tut mir so leid, Mia“, schluchzte meine Mutter. Lucas nahm meine Hand und zeichnete beruhigende Muster darauf. Seine Muskeln spannten sich an, als sich ein paar Soldaten näherten. Sie trennten Lucas und meine Mutter von mir. Sie wehrten sich, aber es waren zu viele. Sie ergriffen mich an den Armen und zogen mich auf die Füße. Sie schleiften mich zum Thron. Mein Blick war unverwandt auf den Boden gerichtet. Präsident White erhob sich und kam gemächlich auf mich zu. Er hob mein Kinn an, sodass ich ihm in die Augen sehen musste. „Lasst sie los“, erklang seine Stimme. Die Soldaten taten wie geheißen. Ich musste eine Menge Kraft aufbringen, mich auf den Füßen zu halten. „Es ist vorbei, Kleine. Sieh dich um. Du hast verloren.“ Ich wollte mich nicht damit abfinden. Ich musste etwas unternehmen. Für Mom, für Lucas, für jeden. Ich sah ihm wieder in die Augen. „Nein ist es nicht“, zischte ich. Ich umklammerte mein Messer fester und rammte es ihm direkt ins Herz. Er keuchte erschrocken auf und sah an sich hinab. Ich beugte mich zu ihm vor. „Es ist nie zu spät!“, flüsterte ich in sein Ohr. Er riss die Augen weit auf und brach schließlich zusammen. Noch ein letzter Atemzug und dann war es vorbei. Ich sah  mich um. Als die Soldaten den leblosen Körper, ihres Befehlshabers sahen, ließen sie ihre Waffen sinken. Erschöpft, wie ich war, wäre ich selbst wahrscheinlich auch zusammen gebrochen. Doch im letzten Moment ergriffen mich starke Arme. Lucas hob mich hoch und ich kuschelte mich an seine warme Brust. Mir fielen die Augen zu und ich wollte mich der Dunkelheit hingeben. Doch ein leichtes Rütteln weckte mich. „Mia, bleib wach. Hörst du! Du musst wach bleiben“, sagte eine sanfte Stimme. Ich wollte meine Augen öffnen. Doch ich war so unendlich müde. „Bitte Mia. Ich kann mir mein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen. Bitte, komm zu mir zurück.“ Mehr als ein Zucken meiner Finger bekam ich nicht zustande. „Wir machen uns alle Sorgen um dich. Wir brauchen dich alle, also stirb jetzt nicht. Bitte!“ Ich hätte nie gedacht, dass Lucas so viel an mir lag. Das ließ mich aufhorchen. Er hatte Recht, ich wurde geliebt. Ich konnte es nicht fassen. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich nicht alleine. Ich lächelte. „So leicht werdet ihr mich nicht los“, krächzte ich und schlug endlich die Augen auf. Ich sah in Lucas saphirblaue Augen und wusste, das war nur der Anfang. Ich schlang meine Hände um seinen Hals und schluchzte laut auf. Er lächelte mich sanft an und tröstete mich. Und zum ersten Mal, seitdem mein Vater uns verlassen hat, ließ ich meinen Tränen freien Lauf.